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Baronin Burgl

Anton von Perfall: Baronin Burgl - Kapitel 8
Quellenangabe
type
authorAnton Freiherr von Perfall
titleBaronin Burgl
publisherVerlag von Paul Parey
year1913
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140107
projectid92430b61
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Siebentes Kapitel

Die Lisl blieb verschwunden, alle Nachforschungen waren vergebens. Als die Gerüchte über die bevorstehende Entlassung des Jägermaxl, ihres verbrecherischen Geliebten, immer mehr in das Tal drangen, war man überzeugt, daß sie dem gefährlichen Menschen ausweichen wollte, der jedenfalls die Gegend wieder unsicher machen würde.

Die Waldei machte mit ihren jetzt geschlossenen Läden einen noch düstereren Eindruck als früher. Offenbar ruhte der Fluch darauf. Nur der Graßl besuchte sie alle Tage zweimal, um die Raufen zu füllen und Kastanien zu streuen. Er war jetzt, nachdem der strenge Winter ohnehin das Gebirge verschloß, zum Futtermeister bestimmt. Das Unglück, das über den Herrn Baron gekommen, hatte ihn so angegriffen, daß er seinen Dienst gar nicht mehr richtig hätte versehen können.

Mit dem Baron ging's doch nicht so recht extra, wie es anfangs hergeschaut. Der Knochen- und Rippenbruch wäre noch das wenigste gewesen, aber der furchtbare Nervenchok, den er erlitten, und die Folgen der furchtbaren Nacht in Eis und Schnee machten sich erst allmählich geltend. Eine heftige Lungenentzündung erhöhte noch die Gefahr. Einige Wochen schlich der Tod um den Jägerbauernhof, nur Burgl wehrte ihm den Einlaß mit ihrem kraftvollen Lebenswillen.

Sie war Krankenschwester geworden. Während dieses ständige Ringen mit dem Tod um ein teures Leben alle ihre Energie weckte und jeden Kleinmut ferne hielt, wirkte das verfeinerte Wesen des Kranken, der auf das geringste Geräusch schon schmerzhaft reagierte, dieses zarte Berühren, das Gehen auf den Zehenspitzen, Herabschrauben der Stimme, Durchwachen der Nächte, auf ihre derbe Natur stark ein. Ihr Gesicht bekam einen milden, mehr durchgeistigten Ausdruck, die gesunde Bräune des Sommers wich in der lauen Luft der Krankenstube einer zarten Blässe, die ihr gut anstand; selbst der Blick des Auges war ein anderer geworden, im gewissen Sinne weiblicher, und die Hände wurden ganz schmal und durchsichtig.

Und das gefiel ihr, wie sie sich in dem Spiegel beschaute; es war ihr oft, als ob sie ihm dadurch näher rücke.

Dem Kranken entging das sichtlich in seiner Schwäche, aber stundenlang konnte er diese schmale Hand in seinen Fingern halten, und wenn ihm der Atem recht schwer fiel, legte er sie auf seine Brust und streichelte sie. Sprechen durfte er eigentlich gar nicht, so war es nur ein leises Geflüster von Mund zu Mund, etwas ganz Geisterhaftes, Jenseitiges, das Burgl mit heiligem Schauer füllte; dabei blickten seine Augen so groß, so tief, von dem Fieber gefeuchtet. Die Nase war ganz spitz geworden und der Mund so fein gezogen, kurzum, das ganze Gesicht war so veredelt, daß Burgl ihn nicht genug anschauen konnte.

Ein Glück war über sie gekommen, wie sie es nie geahnt, und sie mußte sich Gewalt antun, mit der Wirtschaft nicht zurückzubleiben; es war ihr, als ob der mürrische Vater nur darauf wartete, seinen Unmut zu entladen.

Er fürchtete sich sichtlich vor etwas, als würde ihm Haus und Grund von irgend etwas, das im Hause umging, unter den Füßen weggezogen, und so schien es ihm oft ein Bedürfnis, sich erst recht fest darauf zu stellen.

Dieser kranke Mann war eine Gefahr, er zermürbte gewissermaßen sein ganzes Haus. Die robuste Gesundheit des Bauern stemmte sich dagegen.

Wie sie nur aussah, die Burgl, die einmal seine ganze Herzensfreude war, sein Stolz, seine einzige Hoffnung, wie ein Stadtfräulein oder eine Nähterin, oder so etwas, nicht wie die Burgl. Alles schien ihm verändert, der Vent, der ins Haus trat, den Hut in der Hand, wie in eine Kirche, der Graßl, sein alter Spezl, der ganz vom Fleisch fiel und gar keinem Jäger mehr gleich sah, und jeder Knecht, jede Dirn. Nicht einmal einen richtigen Streit hörte man mehr, so zahm ging es her; selbst der Flax, der Stier, schien davon angesteckt, der ihn sonst immer schon um 4 Uhr mit seinem Gebrüll geweckt ...

Ja, wo soll denn das hin, man kann doch kein Krankenhaus machen aus dem Jägerbauernhof!

Vom Hofmarschallamt, das erst durch den Förster von allem unterrichtet war, kam der Bescheid, Se. Kgl. Hoheit stehe für alle erwachsenden Unkosten ein, es solle nur alles für die Pflege des Barons geschehen. Aber darum war es ihm gar nicht, das hätte er selber auch noch leisten können; das Ganze paßte ihm nicht, das stimmte alles nicht mehr zusammen, und wenn er seine Tochter ansah, wandte sich sein Herz um, wo aus denn damit! Zuletzt setzte sich so ein Ding alles mögliche in den Kopf, und wenn's dann net auftrifft – und unser Herrgott bewahr' ihn davor, daß es auftrifft – Bei dem Gedanken schwindelte ihm ganz.

Er konnte den Baron ganz gut leiden, ein Mannsbild war er wenigstens, das mußte er ihm lassen, aber – aber – –

Er mußte sich den Kopf mit beiden Händen halten, um nicht toll zu werden. Wie's nur möglich ist, daß man sich so was ausdenken kann, das ist die neue Zeit, die vor nichts mehr Achtung hat, vor keinem Stand, vor keinem Grund und Boden, vor keiner Vergangenheit, und wenn er's so recht bedachte, war doch der Baron der Hauptschuldige. Was wollte er von der Burgl? Ein leichtsinnig's G'spusi anfangen, dazu sollte er doch jetzt den Humor verloren haben, oder wirklich ernstlich daran denken – – Ein Baron – ein Husar – –, dann war alles verloren, Kind und Hof – –

Und was kann er machen? – Schimpfen und fluchen, das hilft bei der Burgl nichts, das macht's erst recht widerhaarig. – Mit dem Baron vernünftig reden! Daß er ihm ins Gesicht lacht, dem damischen Bauern. Bleibt also nichts, wie ruhig zuwarten, sich Gewißheit verschaffen – und dann – dann – mit dem Herzog reden, um seine Hilfe bitten. –

Das sagte ihm erst recht nicht zu, er hatte nie gern mit den hohen Herren zu tun. Schäm' dich, Jägerbauer, auf dein' Hof wirst doch selber der Herr sein, und wenn du's nicht mehr bist, nacher ist's Zeit, nacher geh' und lass' s' machen, was s' wollen. – Was nimmer leben kann, soll sterben, so geht's mit allem, und dem Bauerntum wird kein' Extrawurst gebraten.

So herrschte eine schwüle Stimmung im Haus, durch die Burgl allein achtlos hindurch schritt. Mit der augenblicklichen Besserung des Kranken kehrte ihre alte, kräftige Laune zurück, sie sang und pfiff wieder wie früher und griff auch wieder in der Wirtschaft wacker zu.

Nur in der Krankenstube war sie ein neues Wesen, da trug sie ein gebügeltes, weißes Häubchen und eine blendend weiße Schürze, und eine dem Kranken sichtlich wohltätige Milde strahlte von ihr aus.

Er staunte über die Veränderung, die mit ihr vorgegangen, und dankte ihr dafür mit jedem Blick. War dem verwöhnten Lebemann ihre bäuerliche Kraft und Natürlichkeit ein wahres Labsal, so dem Genesenden mit den nachzitternden Nerven, denen das schwere Leiden die ganze Kraft gebrochen, diese gehobene Weiblichkeit, die ihm ihr innerstes Wesen so deutlich verriet.

Alles hatte sich in ihr geändert. Die rauhen, eckigen Bewegungen des Bauernmädchens machten unwillkürlich gefälligeren, runderen Platz, selbst die Sprache, der Ton der Stimme klang gebildet, wie man sich in seiner Sprache ausdrückte. Da konnte er genau beobachten, wie oberflächlich und leicht erringbar alle diese kleinen Äußerlichkeiten waren, die im Leben viel zu sehr den Ausschlag geben. Und dabei schöpfte sie nicht aus einer sorgfältigen Erziehung, Tradition, einem jahrelangen Training wie seine Standesgenossinnen, sondern nur aus dem eigenen Innern, aus einer natürlichen, angeborenen Vornehmheit der Gesinnung.

So fiel das letzte Hindernis, eine gewisse feige Angst vor der Welt, vor seiner Welt und ihren strengen Forderungen, und damit die letzte Scheidewand zwischen ihm und Burgl.

Jetzt mußte er sie lieben, und er liebte sie nur um so reiner als seine körperlichen Kräfte noch das Begehren nicht duldeten; diese Erkenntnis, daß er dessen noch fähig war, erfüllte ihn mit Stolz und Glück. Das wäre ja die Heilung, die er angestrebt, der Schatz in der Eiskapelle, den er in seinen Träumen blinken sah.

Er hütete sich wohl, sein Empfinden Burgl zu verraten. Ein unrechtes Wort, und der holde Zauber der Stunden war vorüber. Er konnte sich überhaupt mit einem weiteren Gedanken gar nicht beschäftigen, er fühlte, daß dazu die volle Kraft der Gesundheit gehöre, ein rücksichtsvolles Wollen und Durchsetzen, das ihm jetzt in der Vorstellung schon Schmerzen machte.

Zur rechten Zeit kam das Försterreserl herauf, für die der Kranke jetzt in seinem gelassenen Dulden ein verehrungswürdiger Heiliger war, dem sie sich nur in größter Ehrfurcht zu nahen wagte. Der Gedanke, den sie sich einmal über ihn und Burgl gemacht, kam ihr jetzt ganz verbrecherisch vor, wenn sie in dieses seine Antlitz sah, dem das Leiden einen vornehmen, ganz durchgeistigten Ausdruck gab, der mit dem Franzels auch nicht das geringste zu tun hatte.

Der Förster und Graßl machten jede Woche ihren Jagdrapport und schwärmten jetzt schon vom Auerhahnfalz, für den der Baron gerade recht werden könnt'.

Das war dann wie ein frischer Luftzug, der ihn umspielte, und er freute sich des kräftigen Sehnens, das aufstieg in seiner Brust. Im ganzen aber wurde ihm die Zeit doch lang, und Schönau bat Burgl, einige Bücher aus seiner spärlichen Bibliothek in der Waldei zu holen, aus denen sie ihm vorlesen sollte.

Sie kam mit einem ganzen pack im Schurz herüber. Es war ein buntes Durcheinander, eine echte Reiterbibliothek, wie sie Zufall und Laune zusammenstellte. Broschüren mit fraglichen Titeln und noch fraglicheren bunten Bildern, die Burgl oft mit sichtlichem Ekel aus den Loden schleuderte. Militärische Bücher aller Art, Pferdesport; ganz verstaubt fanden sich aber auch einige Bändchen von Goethe und Schiller, zwei Romane von Dickens, ein ganz vergilbter Homer, der Gott weiß wie in die Gesellschaft geraten, Kriminalromane, auf den Bahnhöfen zusammengekauft, um ein paar müßige Stunden totzuschlagen, dann wieder Pferd und Weib, und Weib und Pferd im wüsten Durcheinander.

Schönau bereute schon seine Unvorsichtigkeit, aber er hatte längst das Zeug vergessen.

Burgl blätterte und blätterte, von einer heftigen Neugierde erfaßt; zuletzt blieb ihr ein Bändchen Goethe in der Hand. Sie schlug es auf: »Hermann und Dorothea«, las sie. Sie wußte selbst nicht, warum ihr der Titel so gefiel, – halt auch ein Paarl, mit dem 's seine Not hatte!

Jetzt war sie doch neugierig, ein Holzschnitt fesselte sie, ein Mädchen, bäuerlich gekleidet, hochgewachsen, geht neben einem Ochsenfuhrwerk und treibt die Tiere an. Auf dem Wagen sitzt eine kranke Frau, mit einem Kind an der Brust. Darunter stand: Nebenher aber ging mit starken Schritten ein Mädchen, lenkte mit langem Stab die beiden gewaltigen Tiere, trieb sie an und hielt sie zurück, sie leitete klüglich.

Das war eine richtige Person, die gefiel ihr, wenn der Hermann nur halb so ausschaut, dann muß ja ein Paarl daraus werden. Das muß sie aber schon zuvor wissen, sonst liest sie das Büchl nicht.

So sah sie begierig nach dem Schluß: Und der Vater umarmte sie gleich, die Tränen verbergend, treulich kam die Mutter herbei und küßte sie herzlich – –

Jetzt wußte sie schon genug, das Blut stieg ihr in den Kopf von dem Glück, das in diesen Zeilen lag.

Der Kranke fragte, was sie denn da gefunden habe. Burgl nannte den Titel, Schönau hatte nur noch eine schwache Erinnerung daran; eine Liebesgeschichte, so viel wußte er noch.

»Das lies mir vor,« sagte er.

Und sie setzte sich vor das Bett und las das herrliche Gedicht. Erst mühsam buchstabierend, verlegen, befangen, dann mit Wärme und Empfindung und geröteten Wangen, und Schönau verlor keinen Blick von ihr. Wie sich in dem schönen Antlitz alles abspiegelte, Leid und Freude und höchste Wonne, als ob sie das alles miterlebte – – Sie selbst war Dorothea und er Hermann – –

Liebe Mutter, Ihr sagt's! versetzte lebhaft der Sohn darauf. Ja, sie ist's! und führ' ich sie nicht als Braut mir nach Hause – Mutter, ewig umsonst gedeiht mir die reiche Besitzung – Ja, das gewohnte Haus und der Garten ist mir zuwider! Denn es löset die Liebe, das fühl' ich, jegliche Bande.

Da trat der Vater ein mit seinem schweren Schritt, um nach dem Befinden des Kranken zu sehen, und Burgl brach mitten im Worte ab.

Er hatte aber das Buch in ihren Händen schon erblickt. »Da schau' her, die Burgl,« bemerkte er spöttisch, »hat sich alleweil hübsch schwer tan beim Lesen in der Schul' –«

»Drum will ich's jetzt nachholen, schau, Vater,« erwiderte sie spitz.

»Es taugt aber nix, was man da rausliest aus den Bücheln, für dich amal net, das weiß i. Sag'ns selb'r, Herr Baron, ehrlich –,« wandte er sich dann zu dem Kranken, »was hat a Bauerndirn mit der Sach' z' tun, nix, aber gar nix.« Der helle Ärger sprach aus ihm.

»Aber sie tut's ja nur mir zuliebe, schau, Jägerbauer,« beschwichtigte Schönau.

»Und wenn der Hahn falzt, und Sie wied'r beinand sein, nacher woll'ns selb'r nix mehr davon wiss'n, aber in so an Madl, da sitzt's fest, die Einbildung und verleid't ihr jede Arbeit. Schust'r bleib' bei dei'm Leist'n, sag' i allemal, ja wohl, jeder Stand hat sein' Müh' und der Bauernstand net wenig'r.« Er ging in seiner Wut nach dem aufgeschlagenen Buch, setzte seine Hornbrille auf und las den Titel. »Natürlich a Lieb'sg'schicht', die gang dir grad noch ab. Für a richtig's Bauernleut' gibt's nur eins – Wirtschaft und wieder Wirtschaft, das andere mußt den Herrisch'n überlass'n, die hab'n Zeit dazu. Die Lieb' hat noch kein' Bauernhof aufgricht, grad d' Arbeit. Verzeihn's schon, Herr Baron, aber das is mein' Ansicht, die i mir von kein' Menschen nehm'n lass'. Jeder nach sein' Stand, weit'r sag' i nix.« Er verließ die Stube, ohne eine Entgegnung abzuwarten.

Burgl war empört von dieser Härte. »Da hab'n Sie 's jetzt selb'r g'hört! Und da soll man leb'n könn'n, wenn man einmal was anders kenn'n g'lernt hat.«

»Siehst du, Burgl, darin hat der Vater eigentlich recht, du sollst eben da leben können und konntest es auch mit Lust und Behagen, bis – bis – nun, es ist ja nicht anders, bis ich dir alles Erdenkliche in den Kopf gesetzt habe.«

Burgl sah ihn groß an. »Und das reut den Herrn Baron wohl schon lange –« ihre Stimme zitterte wie in Tränen.

»Von Reue kann keine Rede sein, aber ob es zu deinem Glück ist? Schau, Burgl, ich bin einmal kein Glücksbringer –«

Da barg Burgl ihr Gesicht in beide Hände und ließ es auf den Tisch sinken, bitterer Schmerz schüttelte sie durch und durch; als sie ihr Antlitz wieder hob, war es tränenfeucht. »Also das wär' schon wieder z'viel für mich, auch noch Mensch sein woll'n, auch ein bißl was lern'n woll'n, und wer sagt Ihnen denn nacher, daß –«. Ihr alter Trotz packte sie einen Augenblick, um dann sofort wieder einer weicheren Stimmung Platz zu machen. »Könn'n Sie mich wirklich ganz verachten?«

Das Wort traf Schönau. »Burgl, um Gottes willen, daher zu mir –.« Er sprach es so, daß sie folgen mußte. Dann ergriff er ihre Hand und drückte sie fest. »Nie mehr ein solches Wort, Burgl, versprichst du's mir?«

Burgl nickte nur in hellen Tränen.

»Jetzt gehe, ich bin müde, und morgen lesen wir von der Dorothea weiter. Wird ihnen auch nicht leicht worden sein, den beiden. Das liest man so gern und erlebt es doch so schwer.«

Noch nie fiel es Burgl so schwer, sich von ihm zu trennen. Die Arbeit im Stall ging ihr heute doppelt so schnell von der Hand. Der Vent konnte seine Bewunderung nicht unterdrücken: Krankenwärterin, nix zweit's, die Stallarbeit, wie nochmal a Dirn, grad das Ausschau'n von ihr paßte ihm nicht.

»Burgl, übernimm dich net, es hat gleich was in deine Jahr', der Baron reißt sich schon durch, gönnt hätt'ns ihm wohl, daß schief ganga wär, alle mitanand.«

»Geh', was du alleweil bös von die Leut' glaubst, warum denn nacher? Ja, wenn er was zu vererb'n hätt', um 's Geld is wohl all's Schlechte möglich.«

»So, meinst,« erwiderte der Vent, »und das G'schloß Lungau, is das nacher nix? Und das erbt er, wenn sein Brudern sein' Frau keinen Bub'n kriegt, bevor's Witwe wird. Mein Gott, der Franzl, Gutsherr! – I wünsch's ihm net amal, wer weiß, ob er's vertrag'n könnt, no so a recht G'schupfte als Frau dazu, – 's Griß hat er ja nacher – mein Franzl – und so a guat'r Mensch in der rechten Hand –«

Burgl hörte ihm mit klopfendem Herzen zu. Er wurde gar nicht fertig mit dem Franzl, von dem er ein Jagdstückl nach dem andern erzählte, wobei es ihm ganz entging, daß die Burgl schon lang den Stall verlassen.

In ihrem Zimmer angelangt, sperrte sie die Türe zu und holte das Büchl aus der Lade, aus dem sie dem Baron vorgelesen. Jetzt erst konnte sie sich ganz darein versenken, Satz für Satz, und was ihr erst fremd und unverständlich erschien, klärte sich immer mehr.

Eine neue, von der ihrigen ganz verschiedene Welt zeigte sich plötzlich vor ihr. Die einfachsten Dinge erschienen da in neuem Licht. Diese innere Harmonie der Menschen und der Natur um sie wirkte ganz unbewußt auf sie, und das Gesetz der Schönheit wurde ihr, wenn auch nur verschwommen, offenbar, und Gefühle, die sie selbst oft unklar empfunden, ohne bei ihnen länger zu verweilen, wurden hier klar ausgesprochen, ja, sie bildeten eigentlich den Inhalt von diesem ganzen Leben, nicht allein die »Wirtschaft«, von der der Vater vorhin gesprochen. Und die Liebe, die sie nur als lustigen Scherz aus den Liedern des Zellertals gehört, oder als eine häßliche Brutalität kennen gelernt, gegen die sie sich immer instinktiv gewehrt, was war das doch Heiliges, Starkes, Schönes, Begehrenswertes und net, daß der Goethe grad so was draus g'macht hätt', so was Verschraubt's, nein, g'nau so is, das fühlte sie ja selber, und die Dorothea is um kein Haar was anders als sie, um kein Haar besser oder schlechter, – aber der Hermann war halt nur ein Wirtssohn und kein Baron, – darin steckt der Haken. – – Und wenn er nun wirklich ein Baron gewesen wär', hätte er dann die Dorothea nicht zum Weib genommen, oder wär' er unglücklich geworden mit ihr? –

Sie kam nach langem Sinnen zu dem Resultat, daß der Hermann seine Dorothea genommen hätte und glücklich damit geworden wäre.

Das Lesen machte sie müde.

Und der Vater umarmte sie gleich, die Tränen verbergend. Treulich kam die Mutter herbei und küßte sie herzlich.

Da schlief sie ein, eine Träne aus der Wange und ein seliges Lächeln um den Mund, die bartige Unschlittkerze warf ihren goldigen Schein darüber und verklärte das Antlitz, das mit der Jägerbauerntochter wenig mehr zu tun hatte.

*

Von jetzt ab herrschte ein gespanntes Verhältnis zwischen Burgl und dem Vater, welches das Wohlbehagen im Hause nichts weniger als erhöhte, und gerade der Umstand näherte sie immer mehr dem Kranken und noch ein anderer, der auf sie einen starken Eindruck machte.

In dem Bändchen Goethe stand auch die Tragödie »Faust«. Zuerst las sie ihn allein, mit glühendem Kopfe, das viele Unverstandene verschwand ganz hinter der rührenden Gretchengestalt, die sie so ganz und voll verstand, als wenn sie mit ihr auf dem Hofe aufgewachsen wäre; zuletzt aber wurde sie immer begieriger auf das Rätselhafte, was der dunkle Geselle darin bedeuten sollte, der immer wieder auftauchte, und die ihr völlig unverständlichen Worte, die der Faust aussprach.

Zuerst zog sie das Försterreserl in das Geheimnis, die doch wenigstens etwas mehr wissen mußte als sie, aber da gab es nichts als Tränen über das arme Gretl und ein ganz krankhaftes Schwärmen für den Faust, das Burgl noch dazu gar nicht mit ihr teilen konnte. So entschloß sie sich zuletzt, den Baron selber darüber zu fragen, indem sie ihm die ganz unklare Stelle vorlas.

Aber was erfuhr sie da zu ihrem hellen Erstaunen, aber auch zu ihrer großen Freude, daß er fast um kein Haar mehr davon verstand als sie selbst. Das waren alles nur leere Worte, die ihr selber nicht fehlten, ein unbeholfenes Stammeln, dem sie oft selbst mit ganz klugen Worten zu Hilfe kam.

»Weißt du,« erklärte er dann, »das ist so auf dem Theater, Worte, nichts als Worte, und je schöner sie klingen, desto dümmer wird das Publikum. Hunderte verstehen auch keine Silbe und klatschen doch Beifall, einfach weil sie sich genieren, fürchten, für ungebildet gehalten zu werden.«

Burgl war starr über diese Aufklärung. Ja, wo steckte denn nachher diese ganze sogenannte Bildung, vor der sie eine so instinktive Angst hatte, die den tiefen Abgrund aufriß zwischen ihr und dem Baron, wirklich nur in den kleinen Äußerlichkeiten? – Wie man sich schneuzt, wie man ißt und trinkt und ein Kompliment macht, was für einen Hut man aufsetzt, welches Kleid man anzieht, in weißen, glatten Händen, schön gepflegten Nägeln und ein paar schönen Redensarten im Mund, – ja – wenn es das wäre, wirklich nur das? – dann wäre es ja ein Verbrechen, sein ganzes Glück darüber zu verlieren.

Schönau ahnte, was in ihr vorging, ein fast schadenfrohes Lächeln zog sich um ihren Mund. Er schämte sich jetzt fast zu Tode vor Burgl. An all dem Schönen und Großen war er achtlos vorbeigegangen, dieses Bauernkind mußte ihn erst darauf hinweisen, je mehr es verriet durch seine Fragen und Bemerkungen, daß es wohl mehr davon verstand als er selbst.

Da hatte er ja wieder den besten Beweis von der Hohlheit und Verlogenheit dieser ganzen Welt, die er verlassen. Und doch ärgerte es ihn, daß er sie darauf hingewiesen; jetzt beunruhigte er sich um die Burgl, der er noch ihr Bestes rauben wird, ihre Unbefangenheit.

So verlegte er sich in seiner Verlegenheit auf das Schelten. »Siehst du, diese Bücher sind nichts für dich, dein Vater hat ganz recht, man muß wissen, was man will.«

»Wenn ich's aber wüßt',« eine Röte flog ihr in das Gesicht, »wenn ich heraus möcht' – aus – aus – Mein Gott, i weiß ja selb'r net« – Sie rang förmlich mit sich. »Mein Gott, Sie haben's ja selb'r schon g'spürt, die Marter.«

Schönau nickte nur mit dem Kopfe. »O, ich verstehe dich, Burgl, wie man plötzlich wie neugeboren sich fühlt, wenn ein neues Leben vor einem liegt, voll Licht und Sonne, so wie ich damals auf der Eiskapelle erwachte und du dich über mich beugtest; war das ein Glück, – nie mehr – nie mehr –« Er hatte die Augen geschlossen, wie um den Vorgang sich recht deutlich zurückzurufen.

Als er sie wieder öffnete, stand Burgl dicht vor ihm. Sie mußte sich dagegen stemmen, mit solcher Kraft zog er sie zu sich herab –

Da klopfte es. Er sank wie ermattet zurück. Das Reserl kam herein, beide waren ihr wohl dankbar für die Störung.

Burgl entging nicht die Veränderung, die mit dem Mädchen vorgegangen, als ob sie ihre ganze Schüchternheit verloren hätte; die kecke Laune, die jetzt aus ihren sonst ständig niedergeschlagenen Augen sprach, kleidete sie vortrefflich. Der hat das Büchl von Goethe, das sie ihr einmal auf einen Tag geliehen, nix geschadet. Schönau hatte ihr schon bittere Vorwürfe darüber gemacht.

»No Reserl, was ist los?« fragte Schönau, von der frischen Erscheinung überrascht, »schaust ja darein, als ob du die ganze Welt umarmen möchst –«

»Lang' schon mit ein'm,« erwiderte sie schelmisch.

Das waren befremdende Worte aus diesem Munde.

»Ja, ja, schau' nur Burgl, die arme Gretl hat mir's antan, willst a so unglücklich werd'n, weil du dir grad was in Kopf setzt – und schön is halt doch, so ein Mensch'n ganz g'hör'n, wenn er auch grad net so is, wie man's sich denkt hat. Das steht ja doch nur in die Büchl'n.«

Soviel hatte das Reserl noch nie gesprochen.

»Na – und weiter –,« drängte Burgl.

»No – und weiter –,« Reserl senkte den Blick, »verlobt hab' i mich halt mit dem G'hülf'n aus Schliers, – der Vater hat auch kein Ruh' geb'n, – a lieber Mensch is's ja und brav auch, – auf was wartst denn, hab' i mir denkt –«

Burgl war jetzt dem Glück der Freundin zugänglicher als je und konnte ihren Entschluß gar nicht genug loben, der auch der ständigen Sorge des Vaters endlich ein Ende machte, während Schönau seiner herzlichen Freude darüber Ausdruck verlieh, daß sie wieder in die Jägerei hinein heirate, und wenn wirklich der Goethe etwas dazu beigetragen habe, sei es jedenfalls eine seiner verdienstvollsten Wirkungen.

»Nimm dir ein Beispiel daran, Burgl. Sehen Sie ihr nur einmal in die Augen, bei ihr hat das Buch nur Tränen ausgelöst.«

Reserl nahm die Freundin bei der Hand und sah ihr fest in die Augen, und es war jetzt umgekehrt wie früher, jetzt schlug Burgl die Augen nieder und wurde feuerrot. »Was, in Tränen? Wir hab'ns da oft am nötigsten, wenn uns das ganze Herz lacht –«

»Reserl! Reserl!« meinte da Schönau, »das hätte der Goethe auch nicht schöner sagen können, aber jetzt komm' her zu mir, jetzt kriegst einen Kuß vom Franzl, den du mit in die Ehe nehmen mußt.« Er beugte sie zu sich herab und küßte sie innig auf die Stirne. »Weidmannsheil auf allen deinen Wegen!«

Einen Augenblick war es ganz still in der Stube. In Zell hieß es da, ein Engel geht durch das Zimmer. Es gibt eben Augenblicke, in denen wirklich etwas Außerweltliches zu sprechen scheint, an das unsere Sprache nicht reicht.

Von der Stunde an war es völlig klar zwischen Schönau und Burgl. Was sie damals auf der Eiskapelle empfunden, als sie sich im Frühsonnenschein im Arme lagen, nach all dem Grauen des Todes zu neuem Leben erwacht, in der vollen Seligkeit der Rettung; – das war die Wahrheit: »sie liebten sich«. Es handelte sich nur mehr um die Stunde, in der sie sich das frei von aller Nötigung, frei von der Macht eines überwältigenden Augenblicks, wie sie damals wirkte, in klarer Überzeugung, gefaßten Sinnes sagen konnten.

Noch war eine Kette nicht gelöst in ihr und in ihm, so sehr sie beide daran zerrten, und Reserls Hand war doch zu kindisch, um sie zu lösen.

 

Als der Graßl eines Abends in die Waldei kam, um die Raufe frisch zu füllen, traf er einen Mann, vor der verschlossenen Tür des Hauses sitzend. Er hielt den Kopf tiefgebeugt in beide Hände vergraben, dazu das spärliche Licht, er konnte ihn nicht erkennen. Die Kleidung war abgerissen, der Rucksack prall gefüllt.

»Was bist denn du nacher für einer?« fragte der Jäger, vor den Fremden tretend. Der sah ganz erstaunt auf, ein bartloses Gesicht, glatt rasiert, recht heimlich sah er wahrhaftig nicht aus.

»Kennst mich nimm'r, Graßl? Den Maxl von Tirol?«

Graßl ließ den gefüllten Kastaniensack fallen, so daß das Geklapper seines Inhaltes durch den Wald schallte, das Wild schon angetrollt kam.

»Ja, schau' nur, gradwegs aus dem Zuchthaus.«

»Aus dem Zuchthaus führt doch kein Weg nach der Waldei! Was willst denn da?«

»I, das fragst du noch! Das Letzte such' i halt, was noch mir g'hört.«

»Und was wär' das? Da bin i doch neugierig?«

»Die Lisl!«

»Da tust mir aber leid, die is schon lang nimm'r da, die leidt's ja nirgends net, und g'wart' wird's auf dich a net extra hab'n –«

Das Gesicht wurde noch weißer, es leuchtete ganz aus der Dämmerung des Waldes. »So meint's ihr, ehrliche Leut', gel? Aber der Zuchthäusler meint's wieder anders, der kann's net glaub'n, daß man ein'n verlass'n kann, den man amal gern g'habt hat, und es is a a Lug, a grobe Lug! Sie kommt a wieder, jawohl kommt's wied'r, heut' nacht noch kommt's wied'r. Werd'ns ihr schon g'macht hab'n darnach, die ehrlich'n Leut'. Die versteh'n sich ja drauf. Nur nauf auf'm Buckl alles Schlechte, bis du's nimm'r trag'n kannst.«

»Da nutzt halt all's nix, sie kommt halt nimm'r, und i will dir a sag'n, warum's nimm'r kommt, – weil sie sich fürcht' vor deiner, drum kommt's nimm'r.«

Die harten Worte reuten aber rasch den Jäger, der Mann sank sichtlich ganz in sich zusammen, und wie Fieberfrost schüttelte es ihn.

»Sieb'n Jahr, – sieb'n Jahr,« murmelte er vor sich hin. Plötzlich erhob er sich, auf seinen Stock gestützt, und sah sich voll Unrast um. »Graßl, bist ja amal a Kolleg von mir g'west, hab' Erbarmen und lass' mich hier die Nacht, im Heustadl langt's schon für mich. Sie kommt, wirst seh'n – und dann – dann – werd' i's schon ausred'n mit ihr.«

Graßl kam das Mitleid mit dem früheren Kollegen, und er gab ihm die Erlaubnis.

Aus dem Stadl sprang erschreckt das Alttier, die »Lisl«, heraus, welche trotz aller Mühe, die sich der Jäger gab, aus der Waldei nicht wegzubringen war. Sie folgte ihm auch jetzt nur bis zum Rande des Holzes, dann kehrte sie wieder in die Waldei zurück.

Graßl machte sich schon arge Vorwürfe, daß er den Vagabunden in der Waldei gelassen, weiß Gott, was so einem verzweifelten Menschen alles einfällt.

Als er den andern Morgen wieder zum Füttern kam, fiel ihm schon die Ruhe ringsum auf; kein Wild weit und breit, das sonst bei seinem Kommen schon die Raufe umdrängte. Böse Ahnung kam über ihn. Der Stadl war leer, auch die »Lisl« fehlte. Als er die erste Raufe füllte, fuhr er erschreckt zurück; von dem Tragbalken hing etwas Dunkles herab, das er in dem fahlen Licht nicht unterscheiden konnte. – Der Jägermaxl hatte sich erhängt, nachdem er die ganze Nacht umsonst auf seine Geliebte gewartet hatte.

Jetzt war es ganz aus mit der Waldei. Niemand wagte sich auch nur mehr in die Nähe des verfluchten Platzes, auf dem die bösen Geister ihr Wesen trieben, ja, dem Graßl kam es vor, als ob das Wild selber eine gewisse Scheu davor hätte; nicht mehr die Hälfte kam zur Fütterung.

Daran war aber nicht der arme Jägermaxl schuld, der jetzt friedsam im Selbstmörderwinkel des Zeller Gottesackers ruhte, ein Platz, den man ihm doch nicht gut verwehren konnte, so gerne man es getan, sondern der Schnee, der, schon lange krank, dem heftig einsetzenden Föhn in jäher Hast weichen mußte.

Das ging heuer schneller als je, der Frühling drückte mit aller Macht vom Tale herein und brachte seine Wunder. Das größte aber leistete er sich mit dem Baron.

Nachdem einmal die Knochenbrüche geheilt waren, ging es mit ihm rapid aufwärts, Jugend, zähe Manneskräfte und starker Wille taten das übrige.

Ja, er blühte von neuem auf, gerade als ob die letzten bösen Säfte mit dem langen Krankenlager gewichen. Ein spitzer Vollbart, der ihm stehen geblieben, erhöhte nur sein männliches Aussehen, der Blick erschien größer, inniger, ohne an seiner militärischen Schärfe verloren zu haben.

Es drängte ihn jetzt gewaltsam hinaus aus der Stube, ein nervöses verlangen nach einer Tätigkeit kam über ihn, und er war nicht im geringsten wählerisch damit. Er begleitete den Vent, wenn er den Mist auf die Felder fuhr, arbeitete im Stall, so lange es seine Kräfte litten, bot sich dem Bauer an, der im Gemeinderat eine große Rolle spielte, alle die lästigen schriftlichen Arbeiten abzunehmen, deren Erledigung für den ehemaligen Regimentsadjutanten ein leichtes Spiel war; und als die Holzarbeit begann, da war er mit seinem energischen Zugreifen und dem Respekt, den er den Knechten einflößte, eine wahre Hilfe. Ja, es war ein Vergnügen, ihm zuzusehen, wenn er mit einer stattlichen Fuhre Sägprügel hinter sich den Berg herunter den Zugschlitten wacker lenkte wie der älteste Holzknecht, und der Jägerbauer selber mußte ihm sein Lob spenden.

Burgl aber sah ganz schweigsam, innerlich hoch beglückt, den Dingen zu, als wenn sie gar nicht merkte, wem das alles eigentlich galt. Einen besseren Weg zum Herzen des Vaters konnte es gar nicht geben, und daß er, der hochgeborene Herr, diesen suchte, das erfüllte sie mit unbändigem Stolz. Das galt ihr mehr als alle Worte, die gaben sich dann schon.

Allerdings brauchte er dazu lange, oft war es ihr, als lägen sie auf seinen Lippen, aber sie hätte sich eher die Zunge abgebissen, als ihm auch nur mit einer leisen Anregung entgegenzukommen.

Der tägliche Verkehr in demselben Hause, beim Essen, bei der Arbeit, in Gegenwart des Vaters, dieses gewisse ruhige Glück der Genesung, das ihn immer durchdrang, wirkte mehr beruhigend auf Schönau als aufregend.

Auch der Bauer beruhigte sich sichtlich wieder und konnte sein wachsendes Wohlgefallen an dem Baron nicht verbergen, dem wahrhaftig zum richtigen Bauern nichts fehlte als eben die Hauptsache – der Stand! Anderseits entging ihm nicht die innere Verwandtschaft, die zwischen ihnen bestand, an der die äußere Verschiedenheit nichts ändern konnte.

Sie waren beide auf eigenen Schollen aufgewachsen und fühlten sich darum beide, er bewußt, der andere unbewußt, besser als die Bodenlosen, und wenn der Mann wieder zum eigenen Boden käme, der Bauer war der festen Überzeugung, daß er wieder Wurzeln schlagen würde.

Er hatte bereits von Vent erfahren, wie es auf Schloß Lungau stand. Die Baronin sah bis Frühjahr ihrer Entbindung entgegen. Natürlich hoffte man sehnsüchtig auf einen Erben. Aber es konnte ja auch anders kommen, die Leute waren zwar noch in den besten Jahren, der Herr auf Lungau nur um vier Jahre älter als der Franzl, aber was kann nicht alles passieren, – dann wär's ja aus mit aller Gefahr. Er schämte sich zwar dieses Gedankens, aber er konnte ihm nicht wehren. Das war so was, wenn man da eine Dummheit machte, – das größte Unglück – gar nicht ausdenkbar.

Über all dem kam der Frühling mit aller Macht und mit ihm eine seltsame »Sach'«, wie der Jägerbauer sie nennt, – der Hahnfalz!

Das ist ein Weckruf, den kein echter Jäger überhört, und der alle frischen Lebenssäfte, die draußen aufsteigen im Walde, durch seinen eigenen Körper jagt.

Für Schönau klang er doppelt verführerisch nach der langen Winterhaft. Es war die höchste Zeit, daß er seine Kur wieder fortsetzte, er fühlte so etwas wie Schlaffheit in den Knochen, die nicht nur von den überstandenen Leiden stammte, ein für ihn gefährliches Überwiegen der Gefühle über die körperliche Betätigung. Da kam der Hahnfalz gerade recht.

Graßl bat vergeblich, daß er ihm ein paar ausmachen dürfe; um keinen Preis, lieber blieb er Schneider. Nicht einmal einen Falzplatz wollte er wissen, er wird sich schon selber zurechtfinden. Ein Hahn muß verdient werden, dann erst schmeckt er köstlich. Der Reiz liegt überhaupt nicht in dem Schuß, den jeder Staudenjäger abgeben kann, sondern in der tiefen Mystik des Waldes, die nirgends und nie so zu den geheimnisvollsten Wurzeln des Lebens führt.

Die Vorliebe für den Hahnfalz war geradezu traditionell bei den Lungauern. Man fand dort uralte Porträts von Hahnenjägern, welche ihre Beute dem Beschauer stolz entgegenhielten, falzende Hähne auf bemoosten Fichten im Frühlicht, Stilleben mit Auerhähnen, aus Tafelaufsätzen prangte er in Silber getrieben, auf den breiten Korridoren falzte er mit geblähtem Halse von den Wänden herab dem Besucher entgegen.

Ein Schönau war mit 75 Jahren auf der Auerhahnfalz gestorben, wie die Chronik erwähnte, ein anderer war Ritter des Auerhahnordens, dessen Ordensmeister ein Prinz aus dem Erzhause Österreichs war, sein Bildnis hing mit einem silbernen Auerhahn am grünen, rotgesäumten Bande im großen Trophäensaale, und selbst sein Bruder, der über andere Dinge längst die Jagd vernachlässigt, ließ sich den Auerhahn nicht entgehen. So was steckt in den Knochen, wie manche anderen schlimmen Dinge.

Er fand eigentlich nirgends rechtes Verständnis dafür. Der Jägerbauer sprach nur von dem »zach'n Luad'r, das er net auf sein' Tisch stehen haben möcht'.« Der Förster selber riß sich nicht darum und überließ den Abschuß seinen Gehilfen. Auch der Herzog selbst zeigte wenig Interesse dafür und gestattete ihm gerne den Abschuß, hocherfreut, ihn schon wieder soweit zu sehen.

So war es ihm doppelt lieb, daß Burgl darauf einging und seinen Schilderungen begeistert folgte. Da hatte man es ja wieder, daß es nur auf das feine Empfinden ankam, nicht auf Geburt und Erziehung.

Er mußte ihr versprechen, sie einmal mitzunehmen. »I möcht' ihn doch einmal seh'n, den narret'n G'sell'n, der über die Lieb' auf sein eig'nes Leb'n vergißt,« und er sagte es ihr gern zu. Obwohl ihm Bedenken dabei aufstiegen, drängte es ihn doch einerseits, mit Burgl endlich einmal ein ernstliches Wort zu reden, und anderseits stieg in ihm die Furcht vor sich selber auf, ob er diesem kühnen Abenteuer – das war es immer noch in seinen Augen – auch gewachsen sei.

In diesen heftigen Zwiespalt fiel die erste Hahnenbirsch, oder vielmehr er beschleunigte sie, indem er von der Rückkehr zur Natur am ehesten Rat erhoffte. Jedenfalls fühlte er sich wie neugeboren, als er zum erstenmal nach so langer Zeit mit der Büchse über der Schulter, mit der kleinen Laterne am Gürtel in den Wald hinaustrat, der ziemlich steil zu dem Gebiet des Wendelsteins aufstieg.

Stille der Nacht! Es gibt keine Stille. Je stiller, desto mehr Stimmen sprechen, die wahren Stimmen, vor denen die des Tages klingen wie freches Schellengerassel, Narrengekreisch.

Ehern stehen die Wipfel: noch hat sie die neue Lebenswelle nicht erreicht, die sehnsüchtig anschwellt den Schaft hinauf. Darüber die Sterne am stählernen Firmament. Unter dem Boden ein Schlürfen und Schluchzen, ein endloses Gerinnsel, das unten im schwarzen Waldtal sich sammelt zum tosenden Sturz der Gewässer, ein zitterndes Hasten und Drängen nach Lösung von Tod und Erstarrung, nach neuer Jugend, die aus dem Tale herauf schon ihre ersten Düfte sendet. In dem Geäste ein zu frühes Erwachen, Flügelschlagen, Rücken und Seufzen und Nesteln in drangvollem Halbschlafe. Ewig neue Schöpferschmerzen, ewig neue Werdelust!

Da plötzlich ein Ton, als ob ein glühender Bleitropfen in ein silbernes Becken fällt – und noch einer – immer hastiger, – sich kaum mehr trennend, in einem glühenden, zischenden Erguß endigend, – all das schwüle Sehnen und Drängen ringsum zum Laut geworden aus einer schillernden, brünstigen Vogelbrust.

<i>Das ist der Hahnfalz</i>!

Schönau genoß heute den Vorzug völliger Begierdelosigkeit, die noch nicht daran dachte, einen Hahn zu schießen; so genoß er wie noch nie den Augenblick des Auerhahnzaubers in seinem vollsten Reize.

Sprung auf Sprung näher, dann setzte er aus. – Hat er Verdacht geschöpft? Hat ein verdächtiger Laut, das Knacken eines Ästchens, das Rauschen eines Blattes unter dem Fuße den Liebestraum gestört?

In purpurnem Rot wallt es auf im Osten, und die erste Drossel schlägt, – da falzt der Hahn schon wieder, – dicht vor ihm auf einem Buchenast. Ein schmerzliches Zittern durchläuft ihn, jede Feder bläht sich, schwingt sich, als ob sie sich von einer drückenden Fessel befreien wollte. Die Farben werden intensiver, der grünliche Brustschild schillert, der rote Kamm über den Augen glüht zornig auf im Feuer grenzenloser Energie. Wie groß, wie erhaben sich das in der Natur abspielt; so ferne jedem häßlichen Gedanken, und was hat der Mensch alles gemacht aus diesem unsterblichen Trieb! – Da läge er längst schon im Moos, wenn er gewollt, vorbei die ganze Pracht, das ganze strotzende Leben – –

O diese ewige Gefühlsduselei; das ist noch die Krankheit, die in ihm rumort, dabei durchströmt ihn ein wohliges Kraftgefühl, der junge Morgen dringt in alle Glieder. –

Jetzt hatte er sich wieder, der eine Morgen sagte ihm die volle Wahrheit. Nimm dich in acht, du darfst die Kur noch nicht abbrechen, noch lauert das Gift in dir, und ehe du dich nicht rein davon fühlst, wage nichts, nur ein ganzer Mann kann es vollbringen.

Der Hahn war längst weggestrichen, und er stand noch immer unter der Buche, in der bereits die ersten Sonnenstrahlen spielten. In vierzehn Tagen ist der Hahn reif zur Ernte, dann will er mit Burgl hier sein. – Plötzlich öffnete sich der Wald, und er stand dicht unter der großen Wand, von der aus man einen weiten Ausblick hatte hinaus ins Land.

Da draußen lag längst kein Schnee mehr, das junge Grün der Wiesen leuchtete überall auf, um den Buchenwald spielte schon ein leiser grüner Schimmer, und um die Dorfschaft mit ihrem schlanken Kirchturm ragte schon die Apfelblüte, in der Ferne wie ein weißes Wölkchen anzusehen. Dicht aber zu seinen Füßen fesselte ihn ein Bild, das all den Frieden ringsum in sich zu vereinigen schien. Gehöfte und Häuser, im strengen Gebirgsstil gehalten. Auf erhabenem Hügel stand eine Kapelle mit kleinem, grüngedecktem Spitzturm, nur ein Kreuzgang mit den Leidensstationen Christi führte in Serpentinen hinauf zu dem zopfigen Portale, das fast zu überladen erschien für das einfache Kirchlein, das so kindlich naiv hinabblickte auf das laute Leben im Dorfe.

Fuhrwerke rasselten, Hunde bellten, überall tauchten festlich gekleidete Landleute auf, ein mit Tannengirlanden geschmückter Leiterwagen brachte eine lustige Gesellschaft junger Leute, Burschen und Mädchen, die gerade heraus in den Frühling jubelten, als gelte es einer Hochzeit oder irgendeinem andern frohen Ereignis.

Vor dem Wirtshaus, dem aushängenden Schilde nach, versammelte sich die große Menge, während aus dem kleinen Turme in der Kapelle die kindliche Stimme eines Glöckchens erscholl, geschwätzig, hastig, wie das Volk da unten, das sich gerade anschickte, sich auf dem Kreuzweg zur Kapelle zu begeben.

Schönau hatte der Weg noch nie hergeführt, obwohl er schon viel von dem Wallfahrtsort Birkenstein gehört, dem der fromme Glaube das höchste vertrauen schenkte.

Hierher verlobte sich der Förster Sollacher jede Hirsch- und Gamsbrunft, und die Zeller behaupteten, für das Kühvieh kann der Muttergottes von Birkenstein keine andere auf der ganzen Welt net an!

Schönau war von seiner Mutter streng religiös erzogen, und wenn er auch jetzt über die Naivität des Volksglaubens lächeln mußte, so war das keinesfalls das Lächeln überlegenen Spottes, sondern eher ein Lächeln des Behagens.

Das paßte alles so herrlich herein in diese frohe Gotteswelt, es haftete diesem Glauben nicht das geringste Asketische, Finstere, Lebenverneinende an, wodurch einem in der Schule schon das Wort Religion vergällt wird.

Wie das alles so unvermittelt und mitten aus dem vollen heiteren Leben sich förmlich hineinstürzte in das Überirdische, Göttliche, als ob es dazu gehörte! Diese Freudigkeit der Farbe ringsum und dazu immer das vertrauliche Gebimmel der Glocke; nicht einmal der Mönch in der braunen Kutte, der jetzt die reich ausgeschmückte Kapelle betrat, konnte daran etwas ändern.

Er konnte mit dem Perspektiv alles genau beobachten, jedes Gesicht erkennen. Der Prediger hatte schon in dem bekannten monotonen Stimmfall begonnen, da kam noch eine verspätete Beterin den Kreuzweg herauf.

Schönau richtete das Fernrohr auf sie, weil ihm die hohe Erscheinung auffiel, – es war Burgl!

Jetzt brachte er das Rohr nicht mehr vom Auge. Sie war ganz in schwarze Seide gekleidet, nur der Schnitt des Kleides und der Hut mit den reichen Goldschnüren verriet die Zellerin. Angeborene Vornehmheit war der Charakter ihrer ganzen Erscheinung; wie sie das Kleid raffte und die zierlich ausgenähten Stiefelchen zeigte, ein Stückchen Wade, wie sie schöner nicht geformt sein konnte, wie sie den Kopf trug auf dem schlanken Halse, – selbst die starken Hüften konnten nichts daran ändern, so stimmten sie zur Erscheinung.

Schönau war ein Kenner, nichts entging ihm, das war beste Rasse. Er überhörte ganz den Prediger darüber, dessen rhythmische Worte in unverständlichen Wellen an sein Ohr drangen. Auch Burgl schenkte ihm offenbar keine Aufmerksamkeit, um so mehr wurde sie ihr ringsum zuteil, alles flüsterte, stieß sich an, zeigte auf sie, warf schätzende Blicke auf ihr seidenes Gewand.

Sie aber schritt achtlos durch die Menge, geradeswegs in die Kapelle.

Er wußte, was sie wollte, allein sein mit ihrer Schutzpatronin, ihre Not ihr bekennen und ihren Rat erbitten. Dieses Bewußtsein von dem, was da drinnen in dem Gotteshaus jetzt vorging, bewegte ihn tief. O, wenn er auch den Glauben finden könnte an überirdische, hilfebringende Mächte. Es müßte doch herrlich sein, zu zweit dort zu knien, von einem Glauben beseelt; er glaubte jetzt selbst an die Wunderkraft, die darin liegen müsse.

Wenn sie wirklich Rat wüßte, die Himmelskönigin, wie nötig hätte er ihn; wer weiß, was aufstiege in seinem Innern in diesem kleinen Heiligtum, mehr der Einsicht vielleicht, als die ganze Welt ihm bieten konnte.

Der Redner, der immer mehr sich in Eifer sprach und mit den Händen wie wütend auf der Kanzel herumfuchtelte, war noch immer nicht zu Ende, da trat Burgl schon aus der Kirche, sie wollte sichtlich das Ende des Gottesdienstes nicht abwarten, der Menge ausweichen.

Das freute ihn, dieser Glaube an ihre eigene Kraft stand ihr vortrefflich. Langsam, in Gedanken versunken, schritt sie den Kreuzgang wieder hinab, ohne irgend jemand Beachtung zu schenken.

War es nur Einbildung, daß er in ihrem Antlitz eine Beruhigung zu lesen glaubte, oder war es nur der Abglanz der Gottesnähe, in die sie sich eben ganz versenkt?

Er verfolgte sie mit den Blicken, bis sie in den Häusern des Dorfes verschwand. Das Volk drängte jetzt in die Kapelle, der Kapuziner las wohl die Messe zum Marienfest, das heute war. Schönau selbst hatte die Gnadenkapelle noch nie gesehen, den Ort ihrer Andacht, aber diese faßte nicht die Menge der Gläubigen, sie hingen noch wie ein Bienenschwarm vor dem offenen Portale.

Das wäre keine Stimmung für ihn. Er schlug den Heimweg nach einer anderen Richtung ein, nur um nicht etwa Burgl zu begegnen. Sie sollte von seiner Beobachtung nichts erfahren. – – – – – – –

Vor Mitte April schießt der Bergjäger keinen Hahn im Interesse der Nachzucht. Schönau war in guter Weidmannszucht erzogen, so wartete er, so hart es ihm diesmal ankam.

Das Verlusen war ja für ihn jetzt, nach so langer Weile, ein hoher Reiz, er unterzog sich dieser Pflicht mit einer Pünktlichkeit, die jedem Jagdgehilfen Ehre gemacht hätte. Ein Hahn genügte nicht, er wollte ganz sicher gehen und für Burgl die Auswahl haben. Sie sollte die ganze Pracht eines solchen Morgens genießen.

Er hatte so seine eigenen Gedanken über den Hahnfalz, der für ihn eine Art Mysterium war, zu dem nur die ganz Auserwählten Zutritt haben sollten. Wenn er der Jagdherr wäre, er würde streng mit jedem ins Gericht gehen, und kein Titel, keine noch so hohe Stellung könnte für ihn dazu befähigen, wenn der Mann nicht danach wär'.

So nahm er es auch jetzt als eine ganz besondere Begünstigung, daß er Burgl zum Mitgehen aufgefordert; er wußte keine Dame seiner Bekanntschaft, die er hätte dabei haben mögen.

Aber darum sollte auch alles stimmen, Wetter, Ort und Hahn. Endlich hatte er einen sicher, bei dem alles stimmte. Der Wendelstein bildete einen großartigen Hintergrund und gerade, wenn der kohlschwarze, stattliche Hahn auf seinem Föhrenast stand, mitten im besten Falz, leuchteten die Wände im purpurroten Lichte. Das war ein Bild von ergreifender Pracht, und es reizte ihn jetzt selbst, zu beobachten, wie Burgl es in sich aufnehmen würde.

Etwas fiel ihm entschieden auf an Burgl, sie wich ihm sichtlich aus seit den letzten Tagen, und wenn er sie einmal glücklich abfaßte und von dem sprach, bei dem es also bleiben sollte, da hatte sie immer neue Bedenken, betreffs seiner Gesundheit, oder ob man nicht besser den Herzog abwarten sollte, der in den nächsten Wochen sicher erwartet wurde. Dabei fühlte er sich so frisch und gesund wie schon lange nicht, und was den Herzog betraf, so wollte er erst recht den Gang mit Burgl hinter sich haben, bevor dieser kam; warum, wußte er selbst nicht recht, aber es war ihm einmal darum.

Endlich war es so weit, der vierzehnte, abends! »Morgen um halb drei Uhr, Burgl,« mahnte er sie, »zwei Stunden haben wir gut zu gehen.«

Es war ihm, als ob sie sich gleichsam hinter den Vater flüchtete, wie es sonst gar nicht ihre Art war.

»Wenn der Vater nix dageg'n hat,« fragte sie, mit einem Blick auf den Bauern, in dem fast eine Bitte lag.

Doch dem lag jedes Mißtrauen fern. »Werd's woll alt g'nug dazu sein, alle zwei, wär' noch schön'r.«

Damit war die Sache abgetan, und Burgl freute sich jetzt sichtlich selbst darauf, obwohl der Tag das Ende einer schönen Zeit bedeutete, von der sie noch dazu hoffen mußte, daß sie niemals wiederkehre, das Krankenlager Schönaus ... Von da ab sah sich wieder alles ganz anders an, und das innige Verhältnis mußte wieder ein Ende nehmen, der schöne Traum von Hermann und Dorothea, in den sie sich ganz hineingelebt hatte.

Schönau hatten die wenigen Wochen wieder ganz auf den Damm gebracht; er blühte ordentlich neu auf, wenn er auch auf den Gängen noch eine gewisse Schwäche bemerkte und die Hand etwas schwer aus dem Bergstock ruhte.

Dazu kam, daß er sich ordentlich Mühe gab, wieder ganz Mann zu sein, jede Erinnerung an seine Schwäche auszulöschen, so daß er darin dann und wann zu weit ging und den Naturmenschen zu stark betonte.

Er glaubte, jetzt den Birschgang mit Burgl wohl wagen zu können, und mußte selbst lachen über seine Angst davor. Gewiß, er hatte die Burgl während seiner Krankheit mehr als schätzen gelernt, in ihr ein Weib von besten Qualitäten erkannt; dagegen traten auch jetzt alle Bedenken gegen ein ernstes Verhältnis von neuem hervor. Fast daß er sich darüber feig schalt, zu geschwächt für festen Widerstand. Das hatte er sich ganz anders vorgestellt für den Fall, daß er wieder gesund werden sollte.

Und dazu noch Frühling! Frühling im Bergwald! Wildes, stürmisches Leben im tragischen Kampf um den Sommer, nicht schmachtendes, lieblich holdes, lyrisches Erglühen, wie draußen in der Ebene.

Das Dorf ist schon ganz versunken in weißen Blütenballen, der Stall duftet vom ersten Grünfutter, und schon schwillt der zarte, duftige Schimmer die roten Buchengelände hinauf, dem griesgrämigen Winter kaum Zeit lassend zur heftigen Flucht nach den Höhen.

Frische, sternhelle Nacht draußen! Im Tale brauen die Nebel – und die Hauptsache, kein Lüftchen regt sich, in tiefem Schweigen ruht der Wald.

Burgl stand schon in voller Ausrüstung unten vor der Haustüre. Schönau war nicht wenig überrascht, als das Licht der kleinen Laterne, die an seinem Gürtel hing, sie traf. Sie trug ein tadellos gearbeitetes Sportkleid, kurzen, grauen Lodenrock und Jacke mit grünem Kragen; auf dem üppigen Schwarzhaar saß der grüne Zellerhut mit dem Adlerflaum; die Herzogin selber hätte sich nicht schicker kleiden können.

Das galt offenbar ihm, und nachdem der Versuch so glücklich ausgefallen, konnte er sich nur geschmeichelt fühlen. Er hielt auch damit nicht zurück und drückte ihr unumwunden sein Wohlgefallen aus.

»Ich sage es ja, Burgl, der Storch hat dich vertragen,« meinte er lachend, »jede Prinzessin stichst du aus.«

»Wenn's weiter nix dazu braucht, wie a Stückl Loden, warum denn net,« meinte Burgl, nicht ohne leisen Spott.

Schönau ging voraus. Das rote Licht der Laterne hüpfte von Stamm zu Stamm, von Ast zu Ast; da treibt die Phantasie ihr Spiel! Die abenteuerlichen Knorren und Wurzeln und Felsen, über die der Lichtschein huscht, – was sich da alles heraussehen läßt! Kriechende, unzählige Arme reckende Fabeltiere, drohende Mannesgestalten, fratzenhafte Larven, dazu das geheimnisvolle Knistern und Rascheln am Boden und Flügelschlagen in den Wipfeln, das zwischen den weißen Stämmen brütende Dunkel. Das ist das Waldmärchen, alles wird glaublich! Sie schwiegen beide, und doch fühlten sie sich wie engverbunden; die große, erhabene Ruhe ringsum umhüllte sie ganz.

Burgl trat in seine Fußtritte leicht wie ein Reh, und wenn trotzdem der Schnee krachte, wandte er sich. Ihre Blicke trafen sich in der großen Einsamkeit, ihre Herzen sprachen unwillkürlich miteinander; es war ein seliges Schreiten, ein wonniges Einanderfühlen! Im engen Raum der Stube nie Besprochenes, höchstens ängstlich Gedachtes kam plötzlich unter dem Mantel der Nacht zum klaren Bewußtsein; jeder leuchtende Stamm, der vorüberhuschte, jeder Busch, der aufblitzte, um jäh wieder in die Nacht zu versinken, rief es ihnen vernehmlich zu, das große Geheimnis vom Leben, von dem die laue Frühlingsluft ganz erfüllt war.

Endlich hielt Schönau. Weiter traute er sich nicht mit dem Licht; der Hahn war nicht mehr weit und die Zeit noch nicht da. Er warf seinen Wettermantel auf einen bemoosten Felsblock und wies ihr den Sitz, den Finger warnend auf den Mund legend. Sie setzten sich, er etwas tiefer, dicht zu ihren Füßen; rings schloß sich der Wald.

Noch keine Spur von Licht, aber in den Zweigen nestelte es schon da und dort, eine unbestimmte Unruhe machte sich geltend, die Sterne flimmerten so ängstlich, als wäre es ihnen ums Scheiden wehe.

Schönau horchte vergebens; er war froh darum, daß er noch nichts hörte. Seine Hand kam zufällig auf die Burgls zu ruhen, und die bewegte sich nicht, nur ihren Pulsschlag fühlte er mit dem seinen sich kreuzen, um dann vereint herauszufluten in diese geheimnisvolle Welt, der er Gesetze vorschreiben wollte, er, der Husar, der verarmte Edelmann.

Er war glücklich in dem Augenblick; immer hätte es so bleiben sollen, dunkel und still um ihn her, nur das leise Pochen gegen seine Hand. Einmal fragte sie etwas ganz leise, da drückte er ihre Hand ganz zornig, und sie schwieg wieder. Dann legte sie die zweite Hand über die seine, und ein schwacher Lichtstrahl belehrte ihn, daß sie unverwandt auf ihn blickte.

»Hörst du die scheidende Nacht?« fragte er sie dann plötzlich.

Sie nickte nur und preßte seine Hand.

»Wenn wir sie nur festhalten könnten; ich fürchte mich ordentlich auf den Tag,« meinte er. »Hörst du ihn? Da ist er!«

Der ersehnte Silberton war hörbar, »tik–tik–« der Hahn! Jetzt pochte in beiden Händen eine Leidenschaft.

Schönau sprang auf, spannte das Gewehr. – Noch war es zu finster. Burgls Atem zitterte vor Erregung. Das freute ihn; sie war doch die richtige Adeptin. »Jetzt spring' mir nach; aber Vorsicht, kein Ast darf knacken.«

Schönau nahm immer nur wenige Schritte, er hörte nicht das geringste hinter sich. So näherte er sich dem Hahn, der jetzt Schlag für Schlag falzte und wetzte. Schon erkannte er den schwarzen Klumpen auf dem nackten Buchenzweig und dahinter die langsam aus dem Dunkel sich ringenden Umrisse des Wendelsteins.

Jetzt sah er sich doch um, als der Hahn den Hauptschlag machte. Burgl stand dicht hinter ihm, ganz im Anblick des Hahnes versunken, der sich jetzt weit vorgebeugt gegen Sonnenausgang wandte, von sanften Gluten umwallt. Da dröhnte schon der Schuß gegen alle Wände, und der Hahn kollerte von Ast zu Ast, schwer auf dem Boden aufschlagend.

Burgl war mit einem Sprunge dort und hob ihn an den Füßen dem Schützen entgegen, so daß sie selbst die jäh heraussteigende Glut umbrandete.

Schönau konnte den Blick nicht wenden. »Tut er dir denn gar nicht leid?«

»Der – leid? I könnt' mir kein schön'res Sterb'n denk'n, weiß Gott net.«

»Und was denkst du vom Erleben seines Sterbens, Monate, Jahre hindurch?« fragte Schönau, jäh entzündet vom Augenblick.

»Das könnt' ja kein Mensch vertrag'n –«

»So schwach fühlst du dich, Burgl? O, ich nicht. Ich könnt's –« Es sprach etwas aus ihm, was nur eine Deutung zuließ.

Burgl ließ den Hahn fallen und stolperte über eine Fichtenwurzel. Rasch fing er sie auf, wendete sie, daß sie ihm entgegenblickte, und sie wußten selbst nicht mehr, wer der Schuldige war; ihre Lippen preßten sich fest aufeinander.

Die hohe Sonnenfeier ringsum steigerte noch die Empfindungen; der verblutende, grün schillernde Vogel neben ihnen, das Geziep der erwachten Waldvögel ringsum, alles atmete Frühling, Liebe; es hätte gar nicht so langer Vorbereitungen bedurft, um nicht die Herzen beider weit aufspringen zu lassen. Ein Strahlenmeer brach siegreich herein, überflutete Berg und Tal und brandete an den bemoosten Stämmen empor, umspielte siegesgewiß die tiefsten Schatten.

Es mag lange angestanden haben, bis Schönau den geschränkten Hahn über die Achsel warf und Burgl zur Heimkehr mahnte; der Wendelstein lag schon im vollen Tageslicht, und sommerliche Wärme drang vom Tale herauf. Glück, Friede, Frühlingszauber im Tale und auf den Höhen!

Die beiden sprachen kein Wort, obwohl sie richtig überrumpelt wurden von ihren Gefühlen und längst im geheimen sorgfältig Überdachtes, alle Zweifel, alles Fürchten, Bedenken mit einem Ruck achtlos über den Haufen rannten. Sie sprachen kein Wort, obwohl ganze Welten sich gegen sie erhoben, unzählige Stimmen gegen sie zeterten. Düstere Weissagungen klangen in ihren Ohren, jede Fiber ihres Innern zitterte, sie sprachen kein Wort, weil die Liebe, das hohe Wunder, allmählich über sie gekommen, das unnennbare Glück, das Millionen nie erfahren, das allem vom Menschenhirn Ersonnenen Hohn spricht.

Aus dem Schnabel des Hahnes auf dem Rücken des Jägers fiel Tropfen auf Tropfen, eine schmale Rotfährte hinter dem Paar ziehend. Ganz unvermittelt trat es aus dem Wald, das grelle Licht blendete förmlich. Als aber Schönau die Hand vor die Augen legte, erschrak er fast; dicht unter ihm erhob sich das grüne Türmchen der Marienkapelle aus dem Fichtenwald, und er dachte sofort der Stunde, in der er Burgl als andächtige Besucherin beobachtete.

Schönau war als strenger Katholik erzogen, und das lockerste Leben konnte ihn nicht diesem starken, jugendlichen Einflusse entziehen.

Ein Gedanke bedrängte ihn jäh: In diesem heiligen Raum soll die Entscheidung fallen; wie ein Kind wollte er niederknien und der Himmelskönigin seinen Treuschwur zu Füßen legen. Die Romantik des Gedankens berückte ihn ganz.

Burgl erzitterte in ihrem Innersten, als er ihr den Vorschlag machte. Das war eine Seligkeit, die sie sich nicht zu erträumen wagte, dazu kam, daß der naive Glaube Schönaus die letzte Kluft ausfüllte, die noch zwischen ihr und ihm bestand. Der mußte doch zum Glück führen, war doch die Birkensteinerin, wie die Heilige ringsum hieß, von Jugend aus ihre Beschützerin und huldreiche Freundin. Den lieben Herrgott fürchtete man, man wagte kaum den Blick zu ihm zu erheben; die Birkensteinerin war die gütige Mutter, der man ohne Scheu, im kindlichen vertrauen das Ärgste anvertraute.

»Nur eines noch, Herr –«

»Franzl sagst du jetzt, sag's Burgl, gerade jetzt sag's,« bat Schönau.

»Franzl, wenn i jetzt vor der Gottesmutter dir die ewige Treu schwör', so is mir, als ob der Papst selb'r den Seg'n über uns spräch, – dann lass' i dich nimm'r – nimm'r!« Es lag eine Kraft in den letzten Worten, die ihn fast beunruhigte, aber nur seine eigene Energie weckte. »Das sollst du auch nicht, jetzt komm', wir haben es lang genug herumgetragen mit uns.«

Sie beschleunigten ihre Schritte.

Im Dorf war es noch still, nur einige Mäher hoben den Kopf und blickten schmunzelnd auf das seltsame Paar, den frischen Jäger mit dem Auerhahn auf dem Rücken und das saubere Weibsbild dabei, in dem wohl niemand die Jägerbauerntochter erkannte.

Vor dem Eingang zu der Kapelle befand sich eine erhöhte Holzbühne, welche rings um den kleinen Bau lief. Die Wände waren bedeckt mit Ex votos, kleinen Gemälden, deren naive Auffassung rührend wirkte: Groteske Felsstücke, Schneelawinen, Blitz und Einschlag, und immer rettet Maria Mensch und Vieh, in den Wolken erscheinend; oder Sterbende im Bett, mit riesigen Medizinflaschen, die ihr letztes Heil von einem Gelöbnis nach Birkenstein erwarten; oder blitzblaue Krieger, die mit Todesverachtung sich auf die blutroten Franzosen stürzen, von Granaten umglänzt, und die Himmelskönigin, die patrona bavaria, erscheint in den Wolken; ein förmliches Bilderbuch naiven Glaubens, das in dieser großen Natur ringsum doppelt drastisch auf den Beschauer wirkt.

Franzl und Burgl betrachteten sich jedes Bild, die Eiskapelle mußte her und die Rettungstat Burgls, das stand bei ihnen fest.

Dann legte er Hahn und Bergstock nieder und öffnete die Pforte zur Kapelle. Jetzt drückte ihn die Lichtfülle förmlich zurück, die ihn jäh überflutete.

Eine Madonna im strengen Bauernbarock der Klosterzeit schien aus den Wogen eines auf unerklärliche Weise erreichten Lichtstromes hier auf die Andächtigen herabzuschweben, alle die mit reicher Goldornamentik verschnörkelten bunten Gewänder der heiligen verklärend; über der Göttin wölbte sich ein tiefblauer, sternbesäter Himmel, von rosigen Putten belebt, die sich in einem lichten Kranz von Kinderköpfchen um das Haupt der Gebenedeiten vereinigten. Der Altar selbst war aus Messing und Silber geformt, schwere silberne Leuchter darauf, kunstvoll geschmiedete Votivtafeln, in satten Farben prangende heilige im Kreis umher. Ex votos vor rings ausgehängtem, kostbarem Schmuck mit leuchtendem Edelgestein bis herab zum geopferten Bein und Arm aus Wachs; das alles wirkte doppelt inmitten der ernsten Natur, die zu den hohen Fenstern hereinblickte.

Burgl sank förmlich in die Beine vor dem Gnadenbild, so packte sie der Augenblick dieses noch unfaßlichen Glückes, und plötzlich kniete der Geliebte neben ihr. Das war schon mehr, als sie vertragen konnte; die gewöhnlichen Gebete, die sie sonst an diesem Platz zum Himmel zu senden pflegte, reichten jetzt nicht mehr aus, sie griff nach der Hand des Geliebten.

»Franz, da sag's vor der Heilig'n da ob'n, daß du mir treu bleib'n willst, du, der Baron Schönau, der Jägerbauerntochter, daß kein Mensch daran rütteln und schütteln soll, daß wir ein Leib' und Seel' sein woll'n und uns treu bleib'n bis ans End'. Noch sind wir frei und bind't uns nix, und kein Wort soll dich je an die Stund' erinnern. Sagst du aber ›ja‹ an der Stell', dann is mir, als ob alle Eng'l ob'n es mit dir sag'n, und mein Lebtag könnt ich ihr da ob'n nimm'r ins G'sicht schau'n, wenn's anders käm'.«

Und Schönau sprach das »Ja« so klar und deutlich, als ob sie schon vor dem Pfarrer ständen. Es war wie ein großes Aufatmen nach langer Pressung, dann aber versagte ihm die Luft, die noch vom Weihrauch des gestrigen Tages erfüllt war; er mußte hinaus in den sonnigen Tag.

Vor dem Hause draußen hatte sich die Schuljugend gesammelt, die sich nicht satt sehen konnte an dem mächtigen Vogel, von dem sie so oft schon singen gehört, und als Schönau in seiner Herzensfreude die schillernden Brustfedern verteilte und die vielgestaltigen Filze sich damit schmückten, da erhob sich ein ganz unbändiger Jubel, der das ganze Dorf in Alarm brachte.

Die beiden hatten alle Eile, sich in Sicherheit zu bringen, ehe man sie erkannt, und schwitzten förmlich noch, als sie den Wald erreichten, durch den der Weg direkt dem Hof zuführte. Jetzt war es genug des feierlichen Tones. Man sah sich erst ganz erstaunt an über das Wagnis, das man unternommen.

»Was wird der Vater dazu sag'n?« meinte Burgl.

»Und meine Familie erst,« setzte Franz hinzu, »und die ganze Welt und der Herzog und der X. und der U.; recht haben sie alle, alle, die dich nicht kennen, mein Schicksal nicht selbst erlebt haben, und das Drollige daran wird sein, daß sie alle mir Unglück weissagen werden und keiner an das Mögliche denken wird, an die glückliche Baronin. – Siehst du, das verdrießt mich, das reizt mich vor allem, diese Ungerechtigkeit, als ob wir nicht beide alles wagten, alles einsetzten. Wirst sehen, der erste, der ein gerechtes Urteil darüber fällen wird, – dein Vater wird es sein.«

»Und der Herzog,« meinte Burgl, »weil er doch schon einmal Arzt is. Wer weiß, ob ihm die Burgl net hereinpaßt in die Kur für sein' Franzl, je höh'r ein'r steht, desto frei'r die Aussicht. Das hab' i schon oft selb'r erfahr'n. – Und is jetzt, wie's mag, jetzt bist mein, und i werd' ihna schon zeig'n, was die Burgl für a Baronin abgibt, i mein' alleweil, sie soll sich seh'n lass'n könn'n!«

»Um Gottes Willen,« warnte Schönau, »geh' darin nicht weiter, als ich mit dem künftigen Jägerbauern. Was in uns von beiden steckt, das soll heraus und nicht mehr, nicht weniger, dann wirst du sehen, treffen wir uns auf dem Punkt unseres Glückes, der fest in uns ruhen muß. O, mir ist auf einmal so klar, so klar, wie ein Herbsttag auf dem Wennebrand.«

In diesem Augenblick lag der Jägerbauernhof auf blumigem Hügel vor ihnen. »Sieh' nur, sieh' nur die Herrlichkeit!« Er zog sie an sich und küßte sie. »Wenn sie uns nur in Ruhe ließen, nur ein Jahr, die glücklichsten Menschen könnten wir werden, als ob ich ihn gefunden hätte, den Schatz in der Eiskapelle.«

Vor der Haustüre stand der Bauer und blickte auf den Weg, der vom Wendelstein herabführt, wobei er dicke Rauchwolken ausstieß, wie es seine Gewohnheit in jeder starken Erregung war. Die Burgl blieb ihm sichtlich zu lange aus.

Schönau lief etwas Kaltes über den Rücken; wie konnte er eigentlich dem Bauer als Werber um seine Tochter gegenüber treten, auf was gestützt, wie sollte er sich selbst verteidigen? Er wußte genau, wie dieser über solche Dinge dachte, daß es ihm nicht einfiel, sich eine Ehre daraus zu machen, einen Baron zum Schwiegersohn zu bekommen. Auch das Standesbewußtsein verlangte sein Recht. Er mußte schlimme Worte erwarten; wenn er sie nicht geduldig ertrug, war Burgl für ihn verloren. Am Ende glaubte der Alte noch, er wolle ein gutes Geschäft mit dem Hof machen, sich retten; da stieg ihm doch die helle Schamröte in das Gesicht.

Und Burgl fühlte alles mit ihm. Nur noch die nächste Stunde galt es zu überwinden, dann wollte sie ihm aber auch danken ihr Leben lang. Sie hatte sich das alles auf dem kurzen Weg von dem Kirchlein bis zum Hof zurecht gelegt, wie es kommen soll. Der Vater übergibt, sie führt die Ökonomie und läßt ihn auch ein bißl mitkommen; wegen der Jagd läßt sich mit dem Herzog wohl reden, daß er einen Teil an ihren Franz abtritt, so viel daran gelegen war ihm längst nicht mehr; dann wird das Ahornwaldl verholzt, alleweil seine 20 000 Markl wert, und der Hof in richtigen Stand gesetzt, daß er sich vor kein' Schlöss'l zu schämen braucht; das Kohlenbergwerk druckt auch herein und zahlt ein Heidengeld für jedes Stückl schlechte Weid', die Bahn ist in Aussicht und bringt ganz andere Wirtschaftsverhältnisse, dann heißt's nur die Augen offen. Dann kann man viel mehr machen aus so einem schönen Grund, und zuletzt kann sich die Baronin Burgl, wie sie sich zu ihrem eigenen Jux nennt, überall sehen lassen. – Gott, was haben's denn net schon alles geheirat't, die höchsten Herrn, Grafen, Prinzen? Schauspielerinnen, Nahterinnen, net einmal auf ein' ehrlichen Namen haben's aufgepaßt, und zuletzt sind's doch anerkannt worden, – und das soll der Jägerbauerntochter net gelingen, – war' noch schöner! Ihr ganzer Trotz erhob sich dagegen. – –

Jetzt aber befiel sie wahrhaftig der Kleinmut, als sie der Baron bei der Hand nahm und vor den Vater führte, der, wohl nichts Gutes ahnend, seinen buschigen Schnurrbart auf beiden Seiten in die Höhe drehte.

»Hübsch lang seid's ausblieb'n für an Hahnfalz,« sprach der Bauer Burgl an.

Auf alles hatte sie sich schon eine Antwort ausgedacht, gerade darauf fehlte sie ihr, wie es gewöhnlich geht.

»Oder seid's nach Birkenstein gleich wallfahrten ganga, weil's gar so heilig dreinschaut's.«

»Jetzt hast's g'nau derrat'n, Vater, ja, wir sind a wallfahrten ganga –«

Der Bauer zuckte merklich zusammen: »Hast dir wohl den Almenseg'n g'holt?« fragte er.

»Mein Gott, brauchst 'hn überall, im Haus schon a und vor all'm da drinn –«, sie drückte ihre Hand auf das Herz, »wenn's gar kein Ruh mehr gibt – –«

»A so weit is, und dazu hast' 'n Baron nötig?« Seine Stimme schwoll bedenklich an. »Da möcht' i doch noch mehr davon erfahr'n.«

»Dazu möchte ich Sie ins Haus bitten, Jägerbauer,« bemerkte Schönau.

»Weiß net, ob's der Müh' wert drum is, 's hört sich manch's bess'r an unt'r frei'm Himm'l, – aber wenn's meina, a recht, werd'n wir schnell hab'n, – bitte, Herr Baron.«

Der Bauer ließ Schönau mit vornehmem Anstand den Vortritt.

Die Stube unten war kahl und nüchtern, nur der Efeu, den Burgl vor die Fenster gepflanzt, gab ihr im Winter einen heimlichen Ton, Gewichtl und Krucken paßten der Ansicht des Bauern nach nicht da herein. Alles an seinem Platz und zu seiner Zeit, war sein ständiger Spruch. An dem großen Kachelofen, dessen Kacheln die ganze Leidensgeschichte des Herrn in alter Töpferarbeit zeigten, stand der Spinnrocken Burgls; das grellrote Band, das den goldigen Flachs hielt, war der einzige volle Farbenfleck in der Stube, auf dem der Blick Schönaus krampfhaft hängen blieb.

Es wäre nicht nötig gewesen, daß der Bauer ihn auf der Ofenbank Platz nehmen ließ, das Blut drängte ihm so schon genug gegen den Kopf, und seine gerühmte Gewandtheit ließ ihn jetzt plötzlich im Stich. So war er ganz dankbar, als der Bauer selber begann, nach seiner Art in medias res tretend.

»Also so weit wär'n wir glücklich, vor laut'r Vertrau'n auf Sach'n, die alle net Stich hal'n, wenn's drauf ankommt. Aber natürlich, Sie hab'n glaubt, a was, so a Bauerdirn wird doch dem Baron Schönau net g'fährlich werd'n, a bißl a G'spusi muß er doch a hab'n; und i hab' glaubt, a was, so fürnehme Herrn, der Freund von unsern Herzog, a Offizier, der's noch ganz b'sonders streng nehma muß mit der Ehr', da brauchst dich weg'n dein'r Tocht'r net z' fürcht'n.«

In Schönau stieg schon der Groll auf. »Deshalb bin ich ja hier, daß Sie nix zu fürchten haben sollen.«

»Ja, ja, sell wohl, ganz richtig – aber grad' raus, das was Sie da herbringt auf die Ofenbank, das is ja grad, was i g'fürcht' hab'. Ich acht' Ihr'n Stand, aber mein' net g'ring'r, beide müss'n sein, beide hab'n ihr'n Platz auf der Welt, braucht kein'r dem andern ins Gei z' geh'n, das taugt nia nix; a Kavalier kann kein Bauer werd'n und a Bauerndirn kein' Baronin, da beißt kein' Maus an Fad'n ab.«

»Wenn sich aber zwei Leut' so recht gern hab'n, wie wir zwei, die Burgl und ich, – ließ sich da nicht ein Brückerl schlagen – sag' –«

»A Brückerl, ja, das geb' i zu, aber kein' Bruck'n, die's ganze Leb'n dauert, über die amal a schwer'? Fuhrwerk fahr'n kann. Herr Baron, es geht net, ehrlich g'sagt, i leid's net, net daß 's glaub'n, weil's arm sein, des derleidt der Hof a noch, und mein Oberknecht hätt' i's gleich geb'n, 's ganze Sach', wenn sie mög'n hätt' – a net, weil der Jag'r in Ihna den Bauern kurzweg auffress'n tät' – das tät er, ja, das tät er, das kenn' i bess'r, um all's das net, aber weil's sie's unglücklich mach'n tät'n, mein Madl, weil's mir z'gut is zum G'spött' und von ob'n her anschaun, das ihr doch net derspart bleibt.«

»Das soll jemand wagen,« warf Schönau empört ein. »Kommen Sie doch nicht mit so nichtigen Ausflüchten! Sie wissen ja gar nicht, was ein Weib, das wahrhaft liebt, alles vermag, wie hoch sie sich schwingen kann, weit über – weit über – –«

»Weit über den Jägerbauernhof 'naus, woll'ns sag'n,« ergänzte der Bauer, »aber darin liegt's ja grad, 's Unglück, und z'letzt sitz'ns drüb'n auf 'm Schloß Lungau, der Jägerbauernhof, mein Stolz, mein Leb'n is nix mehr, gar nix mehr, grad daß er noch zu an Futterstadl langt, anstatt der Waldei – – Herr –« Der Jägerbauer war aufgesprungen wie ein Junger, sein ganzer wuchtiger Körper zitterte vor Erregung. »Herr, wenn i daran denk', dann wird mir rot vor die Aug'n, und die Büchs könnt' i a gleich nehma und mein' Heimat verteidig'n.« Er atmete tief auf. »Herr, habt's Erbarmen mit mir,« er wurde plötzlich ganz weich, »bei die Weiberleut hilft ja kein Red'n mehr, wenn's amal so weit is, – aber Sie – Sie müss'ns wiss'n, was heißt, so an treu'n Bod'n für imm'r zu verlier'n, für den man sein Leb'n selb'r g'opfert hat; für was lass'ns ihna denn alle möglich'n Tit'l geb'n, Baron, Graf, Fürst, wenn's sie's net wiss'n? Was macht denn den Stolz von den Leut'n, den i imm'r lob', der Grund und Bod'n macht's, auf dem's steh'n. Is er verlor'n, dann sind's grad Windblas'n alle Titeln, und Narr'n, die drauf was halt'n.«

Schönau packten diese kernigen Worte. Wie viele seiner Standesgenossen dachten so adelig wie dieser Bauer? Wie hatte er selbst gegen seinen Stand gesündigt!

»Wenn ich Ihnen aber bei meiner Ehre verspreche, diesen Boden hoch und heilig zu halten, nimmer von ihm zu lassen, was auch kommen mag, sein Schützer und Mehrer zu bleiben mein Leben lang, dann können Sie doch nicht nein sagen.«

»Herr, nix für ungut, wenn der Herzog net g'wes'n wär', was hätt'ns denn ang'fangt mit Ihrer Ehr' –«

»Dann hätte ich mir einfach eine Kugel vor den Kopf geschossen –«

»Wär' denn dann g'rett't g'wes'n Ihr' Ehr? – Herr, i bin a Bauer und bleib's, so lang i leb', aber mit der Ehr', was hätt' mein Hof davon, wenn's wied'r so käm mit Ihra Ehr' –«

Schönau war am Ende seiner Mäßigung. »Bauer, eigentlich hätten wir ausgeredet. Da es sich aber nicht um Kühe und Kalben und Roß und Wald und Feld bei mir handelt, sondern um dein Kind, das ich über alles liebe, lasse ich mir von dir Dinge sagen, die noch kein Schönau ruhigen Blutes mit angehört; aber treibe es nicht zu weit mit der Liebe zu Grund und Boden, zuletzt handelt es sich doch auch um das Leben daraus. Hältst du noch viel darauf, wenn du es mit plumper Faust geknebelt und gebunden, glaubst du noch aus ein Glück im Haus, im Stall, auf Acker und Wald, wenn eins dem andern nicht ins Gesicht schauen kann, ohne ein arges Leid zu sehen, einen stummen Vorwurf? Ich mein', das Gras müßte draußen welken, und jedes Euter drin ausdorren im Stall. – Was bin ich denn, daß du mich so haßt? Ein Schönau vom Schloß Lungau, so schollenecht wie du, so schollengläubig wie du, gerade, daß einige Jahrhunderte das kostbare Mark aus den Knochen gesogen, uns aufgebraucht für Zwecke, die dir und mir verborgen, währenddem die Jägerbauern hier gediehen und erstarkten in der freien Bergluft. Ist das ein Grund, uns ewig feind zu sein? Weißt du, was in der Zukunft eine solche Verbindung bringen kann? Kommt es nicht immer anders, als die Menschen sich denken? Wie viel würde unterbleiben, wenn die Alten immer recht hätten. Also, Jägerbauer, noch einmal, ich halte um die Hand deiner Tochter Burgl an. Ich besitze noch immer so viel, daß ich für einen Brautvater eine gute Partie bin, komme nicht mit ganz leeren Händen, wie du vielleicht glaubst –«

Dem Jägerbauern schoß bei dieser Bemerkung jäh das Blut in den Kopf, und er tat sich sichtlich Gewalt an.

»Machen wir's kurz ab, wie es Männern zukommt – ja – oder nein –«

Der Jägerbauer drückte die Ahornplatte des Tisches, daß sie in allen Fugen krachte, ließ dann seinen Blick mit einem eigentümlichen, fast wehmütigen Ausdruck in der Stube herumschweifen. »Ja, nimm's in Gottes Nam',« er reichte ihm die knorrige Arbeitshand, in der die Schönaus ganz verschwand, »und halt' mir den Hof in Ehr'n, mehr sag' i net.« Das sah ihm gleich – erst der Hof und dann die Burgl. Seine Stimme war ganz dünn geworden, er mußte sich setzen und atmete tief aus. »Jetzt hol' mir die Burgl!«

Sie war nicht weit. Erst faßte sie kühnen Mut, dann trat sie doch nur schüchtern wie eine Sonntagsschülerin ein, aber der erste Blick auf den Vater klärte sie auf. Es lag mehr bitteres Weh in seinem Antlitz als Zorn und Unwille, dagegen war sie nicht gewappnet, desto stärker wirkte es auf sie. Es warf sie auf die Knie vor ihm, sie hatte ihm wahrhaftig etwas abzubitten, und schwere Ahnung zog in ihre Brust.

Es ward dann so viel im stillen gesprochen, daß Worte nur abschwächen konnten, – und Schönau stand wie ein armer Sünder daneben. Die ganze Schwere der Verantwortung wälzte sich jetzt auf seine Brust, zugleich erschütterte ihn der Ernst des Vorganges, der in vornehmer Ruhe es mit jeder fürstlichen Werbung ausnahm.

»I kann dir's net verbiet'n, Burgl,« sagte der Lauer, als er seine Stimme wiederfand, »mehr kannst net verlanga von mir. Geb' unser Herrgott, daß sich all's zum gut'n wend'. Und noch was, macht's schnell mit eurer Heirat, die Zeller soll'n sich ausred'n könn'n, bis der Sommer kommt, über die Baronin Burgl,« fügte er mit einem schmerzlichen Lächeln hinzu.

Der Vater war der zweite, der ihr den Spitznamen gab, die erste sie selbst. »Na also, nacher lass'n ma's dabei,« meinte sie, »kommt grad drauf an, was ma draus z' machen weiß.«

 

Die Nachricht von dem Ereignis im Jägerbauernhof lief wie ein Blitz ins Dorf, um dort in hellen Flammen aufzuschlagen. Das sah der Einbilderischen gleich, natürlich ein Zeller war nicht gut genug für sie, und was war denn so dahinter, hinter dem Baron, – dann sprudelten gar lustig die üblen Nachreden. Ein Schuldenmacher war er, ein davongejagter Offizier, der 's Gnadenbrot vom Herzog hat! Aber so dumm sein, Jägerbauer, der wird bald ausg'räumt hab'n mit dem Hof, und dir bleibt gar der Spott, und 's g'hört dir auch net mehr.

Richtig angeschaut, war's eine Beleidigung, dem ganzen Dorf angetan. Man wußte sehr wohl, wer man war in Zell, und fand nichts weniger als eine Ehre darin, an dieser Überläuferin! Und das wird man ihr auch zeigen, der »Baronin Burgl«, eine Benennung, die mit der Nachricht vom Jägerbauernhof herabkam. Die ganze Unzufriedenheit mit der Verbindung, allen Hohn und Spott für alle Zeiten legte man in diese Worte.

Selbst der Vent machte ein höchst bedenkliches Gesicht, so sehr er sich auch in seinem Innersten über die Tatsache freute. »Grad abwart'n hätt's der Franzl soll'n, was in Lungau die Baronin bringt bis Weihnachten, einen Buben oder ein Mädl, der Herr Bruder war a net mehr so jung und rüstig und hübsch flott im Leben. Sakra, das war doch a bißl a g'wagte Sach', bei all'm Respekt vor der Burgl, aber ob's zu aner Schloßherrin langat mit ihr, das kann man sich doch net vorstell'n.«

Graßl aber war ganz außer sich. Als Jagdgehilfe gewohnt, immer mit hohen Herrschaften umzugehen, hatte er selbst gewisse aristokratische Anschauungen sich angeeignet, welche eine solche Heirat rundweg verwarfen. Daran konnte auch die Burgl nichts ändern. Ja, er begriff den Grimm des Bauern, der diesem im Gesicht stand, sehr wohl und empfand tiefes Mitleid mit ihm.

»So a Kavalier, a Jag'r, wie kein zweit'r net, und die Jägerbauerntocht'r! Der hat was Gut's ang'fangt mit seiner Kur, der Herr Herzog, ja die Dokt'r, so sans, net weit'r seh'n, als d' Nas'n lang is, – und jetzt wird's ihm doch net taug'n, und mit der Jägerei wird's aus sein beim Baron für alle Zeiten, den Jägerbauer laßt der Herzog kein Gams und kein Hirsch schieß'n.«

Ganz Zell war mit ihm begierig, wie sich der Herzog zu der Sache verhalten werde. Er war bereits angesagt zum Hahnfalz, und Graßl sollte ihn führen, da wird er schon darauf kommen, reden tun's ja gern, die hohen Herren.

Alle diese mißliebigen Strömungen konnten aber das Glück des jungen Paares nicht beeinträchtigen. Es war da viel ihm Günstiges. Schönau sah in seiner Verlobung nur die Vollendung seines Naturheilverfahrens und fühlte sich gewissermaßen erst recht verpflichtet, St. Huberto Treue zu halten; ja, nachdem er einmal vor der Tatsache stand, begriff er nicht mehr, wie er so lange zögern oder Bedenken haben konnte.

Burgl dagegen hatte in ihrer echt weiblichen Verwandlungsfähigkeit kein anderes Bestreben, als dem Geliebten gerecht zu werden, so daß sich die Metamorphose der Umgebung fast unmerklich, für Schönau völlig genügend vollzog. Burgl war eben eine Herrennatur, die jetzt mächtig durchbrach.

Keinen wirksameren Gegensatz konnte es geben als Burgl und die blonde Sollacherin, die in völliger Entäußerung ihrer Persönlichkeit sich vom jungen Liebesglück ganz zermürben ließ. Sie staunte jetzt nur so zu Burgl hinauf, die sich so rasch in die Rolle fand, die zu übernehmen sie nie gewagt hätte, und hüllte sich doppelt behaglich in das bescheidene Glück, das sich um sie aufbaute.

Schönau fühlte sich verpflichtet, dem herzoglichen Hofmarschallamt seine Absicht, die Jägerbauerntochter zu ehelichen, mitzuteilen. Es erfolgte keine Antwort darauf, und nun kam der Herzog selbst, um beim Förster Wohnung zu nehmen, ja, er hatte ihm sogar drei sichere Hähne ausgemacht in seinem Leichtsinn und darum gebeten, ihn persönlich führen zu dürfen. Das konnte gut werden, und doch wäre es höchst unangebracht gewesen, dem Herzog gegenüber Furcht oder Scheu zu zeigen. Er war völlig unberechenbar in solchen Dingen; so zog Schönau es vor, dem hohen Freunde von vornherein offen und frei gegenüberzutreten.

Er traf ihn im heitersten Gespräche mit Reserl, die in Ehrfurcht und Ergebenheit ganz zerfloß. Als er Schönau erblickte, nahm sein Antlitz sofort einen ernsten Ausdruck an, der nichts Gutes verhieß.

Reserl drückte sich, die Auseinandersetzung, die nun folgen dürfte, wohl ahnend. Sie hatte für den Baron eine aufrichtige Bewunderung, was waren dagegen alle Romanhelden, von denen sie gelesen; wäre sie jetzt nicht selbst versorgt gewesen, sie hätte der Freundin neidig sein müssen um den herrlichen Mann.

»Eigentlich bin ich ja selbst schuld, der Arzt,« erklärte der Herzog, »mit meinem unerschütterlichen Glauben an die Heilkraft der Natur, Berg, Wald und Jägerei. Ein einfaches Leben mit körperlicher Anstrengung, die Leidenschaft in ein anderes Bett gelenkt, kurz, Rückkehr zu den Quellen, das waren meine Gedanken! Da sieht man wieder, was man für ein Stümper ist, als ob in den Quellen nicht auch Gefahren verborgen wären, eingebildete vielleicht, aber doch Gefahren für uns, die wir nun einmal keine Wilden mehr sind. Du kennst meine Anschauungen in diesen Dingen, ich werde so etwas, wie du unternommen, nie billigen, es gibt eben Dinge, die sich mit der reinen Vernunft nicht messen lassen, Gesetze, die man allenfalls als falsche widerlegen kann, deren Folgen man aber im Falle der Übertretung nicht ausweichen kann – du wirst mich verstehen, Franz. Ich verurteile dich nicht. Ich kenne deine künftige Frau und schätzte sie stets hoch als das, was sie war, die Tochter ihres Vaters. Ob ich sie auch künftig als Baronin Schönau hochschätzen kann, muß erst die Zukunft lehren. Kann wohl sein, ich hoffe es sogar, versprechen kann ich es nicht. In der Jagd sollst du hier nicht behindert sein, sie hat dir doch recht gut getan, was ich so merke, nur den Eiskapellenbock und seine dämonischen Schätze lasse mir künftig in Ruhe.«

Als der Herzog ihm noch zugesagt, die Hähne mit ihm schießen zu wollen, da war er selig. Es geht doch nichts über einen rechten Menschen, an jedem Ort, zu jeder Zeit wird er das Richtige finden.

Mit den wenigen Worten war ihm sein Verhalten genau vorgeschrieben, ohne die geringste Kränkung, ohne die geringsten Eingriffe in ihr Freundschaftsverhältnis.

Jetzt war noch das letzte Bedenken erledigt, und die Zeller und die Lungauer konnten denken und sagen, was sie wollten. »Durch, mit der Burgl im Arm,« das war jetzt seine Reiterlosung.

Der Jägerbauer drängte mit der Hochzeit; die Unrast der bevorstehenden Veränderung bedrückte den an die ländliche Stetigkeit Gewöhnten.

Der Herzog schoß, begleitet von Schönau, glücklich seine drei Hähne.

Es waren drei strahlende Morgen, die die beiden Jugendfreunde wieder um vieles näher brachten. Als er am letzten heimkehrte, nahm er zur hellen Freude Schönaus den Heimweg über den Jägerbauernhof, Burgl aufzusuchen. Die spielte weder die Schuldbewußte, welche durch geheuchelte Devotion ihre Fehler wieder gut machen wollte, noch ließ sie es an der Ehrfurcht fehlen, die sie von Kind auf für den hohen Herrn hatte, als ob sie sich jetzt bereits ihm einen Schritt gesellschaftlich näher fühlte.

Dieses feine Taktgefühl verfehlte nicht seine Wirkung, der Herzog schied von ihr und dem Vater mit den herzlichsten Glückwünschen. »Franzl, jetzt lerne dein Glück verstehen, einmal steht es jedem zum Greifen nahe; es handelt sich nur darum, es zu erkennen.«

Das waren seine letzten Worte. Franzl hätte sie am liebsten in Glas gefaßt in die große Stube gehängt, um sie nie aus den Augen zu verlieren.

Kaum war der Herzog fort, kam der Vent daher gewackelt. »Hab'ns g'hört, Baron Franz, in Lungau is a Madl ankomma, jetza –,« setzte er mit einer pfiffigen Miene hinzu, die Schönau das Blut ins Gesicht trieb.

Da kroch es schon wieder hervor aus einer der dunklen Höhlen, das Giftige, Häßliche, das ihn immer verfolgte im Leben. Warum denn? – Wo hinaus denn? Er fühlte sich ja rein von derartigen Wünschen und Begriffen. Um Gottes Willen nur das nicht – eine unbedingte Angst überfiel ihn, wenn er nur daran dachte. – –

Denselben Abend noch eilte er auf den Wennebrand, um am nächsten Morgen einen Spielhahn zu schießen, den der Graßl für ihn ausgemacht. Das ist Befreiung, da muß alles Kranke weichen in der kraftvollen Lust. Die Burgl brauchte notwendig einen schönen Haken aus dem neuen grünen Hut.

Das Vorgehen des Herzogs, der den Baron auch jetzt nicht fallen ließ, besserte rasch die Stimmung gegen das Paar, das den Mittelpunkt aller Gespräche bildete. Kamen sie sonntäglich zusammen in die Kirche in den Jägerbauernstuhl, war es aus mit aller Andacht; das knisterte, winkte und wisperte, daß sich der Pfarrer wiederholt umdrehen mußte, um zur Ruhe zu mahnen.

Draußen am Kirchhof bildete man förmlich Spalier und fühlte sich doch hochgeehrt durch eine kleine Ansprache. Der Übergang vom Bäuerlichen zum Herrischen vollzog sich bei Burgl auch äußerlich nur ganz allmählich; sehr zu statten kam ihr dabei der Umstand, daß die Damen im Gefolge des Herzogs, wenn sie zur Jagdwoche kamen, sich ebenfalls immer jägerisch, mit leisem Anklang an das Zellerische trugen. Im übrigen nahm sie jede leise, wenn auch noch so dezent gegebene Weisung Franzens dankbar auf.

Trotzdem ergaben sich da bereits kleine, an sich unbedeutende Ungereimtheiten, die leicht als Symbol zukünftiger, einschneidenderer hätten angesehen werden können, wenn nicht die Liebe den Ausgleich übernommen hätte. So unter anderm die Händepflege. Franz hielt, in dieser Übung aufgewachsen, trotz seiner Männlichkeit viel darauf und ließ sich darin durch eine mißverstandene Natürlichkeit durchaus nicht irre machen; für eine Dame war sie seinen Begriffen nach ganz unerläßlich.

Burgl war von Jugend auf an die Arbeit gewöhnt, war nun einmal von anderer Kasse, und so ebenmäßig auch sonst ihr Wuchs, die Hände spielten immer den Verräter; anderseits hielt sie es für feig und niederträchtig, sich ihrer zu schämen oder gar die Arbeit deshalb ganz auszugeben.

Das war ihr erster wirklicher Kummer in der glücklichen Zeit. Da fiel es Franz zum Glück ein, daß seine Schwägerin, auf einem kleinen Gut in Mähren ausgewachsen, bei all ihrer Schönheit und stattlichen Erscheinung auffallend derbe Hände hatte, mit denen sie auch jederzeit in der Wirtschaft tapfer zugriff.

Burgl war glücklich, wenn er davon sprach, und jetzt schon schwor sie der Baronin von Lungau ewige Freundschaft, wenn sie einmal zusammenkommen sollten. Im übrigen wirkte ja die Liebe auf das bildungsfähige Weib so entscheidend, daß die wahrsten Wunder erblühten, deren frischen Duft Franz gierig aufsog. Was war dagegen alles Anerzogene, Angelernte, dessen Wurzeln nicht in die Tiefen gehen, in denen die gesündesten Säfte des Lebens fließen.

Der Jägerbauer sah dem allem mit mißtrauischem Schweigen zu. Seine gesunde Bauernnatur sträubte sich gegen die Tatsache, sein gesunder Verstand hinwiederum fing an, sich gegen alle Vorurteile zu stemmen. So machte er gute Miene zum bösen Spiel und nahm zuletzt den künftigen Schwiegersohn ganz anders, nicht mehr als Kavalier, den er aus dem Hofe absolut nicht brauchen konnte, sondern als Jäger. Dann ging's ja am End' auch mit dem Bauernkind, und der Jäger erfüllte ihn doch ganz, nie wird er ein Bauer werden, – auch gut, den soll dann die Burgl abgeben. Wo dann die Enkel sich hinwenden, das weiß unser Herrgott; so für sich hatte er ein verdammt festes Vertrauen auf die Zähigkeit seines Stammes.

Jetzt galt es für ihn nur, die jungen Leute möglichst rasch zusammenzubringen, dann wird sich alles schon von selber geben.

 

Die Hähne hatten längst verschwiegen, der Rehbock blitzte schon rot auf im Buchenwald, da war die Hochzeit in der Pfarrkirche zu Zell. So verlangte es der Jägerbauer. von weit und breit, aus dem Bayerischen und Tirolischen kamen ganze Scharen zu dem seltenen Fest, Bauern und Herrenleut.

Ein richtiger Baron, ein ehemaliger Husarenoffizier, der intime Freund eines Herzogs, ein bildsauberer Mensch, der in Wien unten immer das G'riß hat bei den höchsten Damen, und eine richtige Bauerntochter, die Jägerbauernburgl, das war so ganz was Modernes, weiter kann man's schon nimmer treiben. Wie man so was nur anricht', und erst gar wie die Hochzeit ausfallt, das war jetzt der Gipfelpunkt aller Neugierde.

An Böllerschüssen ließ man es in der Früh schon nicht fehlen, dem Baron zu Ehren, dem großen Jäger, und das Forstpersonal von Zell und Umgebung stand Spalier vor dem Eingang der Kirche.

Was wird's jetzt anzieh'n, die Burgl, das war die Kardinalfrage bei den Weiberleuten, gegen die alle anderen zurücktraten.

Das ganze Dorf war auf den Beinen. Jetzt kamen die zwei einzigen Chaisen angefahren, die in Zell aufzutreiben waren, Fuhrwerke und Gäule den schlechtesten Wegen gewachsen. Im ersten saß der Jägerbauer, ganz in Schwarz, das Myrtensträußl im Knopfloch, seine derben Knochen erhoben sich ordentlich gegen den ungewohnten Zwang. Neben ihm der Förster in neuester Uniform, den Bartstummel hinausgewichst, mit der ganzen Würde seines Amtes, Reserl und ihre junge Schwester, der Braut ihre Kranzljungfrauen, dann kam das Paar in der mit Tannreis geschmückten Karosse.

Alle Hände streckten sich, der Graßl kommandierte das hoch. »Die Baronin Burgl« – der Name flog durch alle Reihen – verhüllte ein weißer, dichter Schleier ganz, kaum daß man das gebräunte Gesicht hindurch sah, das jetzt leichenblaß war. Auf dem vollen, zu einer Krone gekämmten Haar saß der Myrtenkranz.

Er war im schwarzen Frack, ein kleines Ordenskreuz blitzte im Knopfloch. Den Leuten war er im Jagerg'wandl lieber, so glich er mehr einem Beamten oder so was, aber er wollte es so gehalten haben; war auch jedenfalls gescheiter, als eine Komödie aus der Hochzeit machen, war das allgemeine Urteil.

Als das Brautpaar ausstieg, machten die Weiberleut einen Knix, als ob es dem Herzog selber galt, und die Männer standen mit entblößtem Hut, der Kriegerverein spielte einen lärmenden Marsch und schwenkte die Fahne.

Das Paar floh förmlich vor einer Rede, die in der Luft zu liegen schien, in die Kirche. Wenig Andacht und viel Schaulust, dazu noch einige Taktlosigkeiten des Pfarrers, der von hoher Ehre sprach, die der Gemeinde angetan werde, von der Gleichheit aller Menschen vor Gott und von einem demütigen Dreinfinden in seinen Ratschluß, erhöhten nicht die Stimmung. Beide dachten unwillkürlich an ihren in feierlicher Stille geschlossenen Bund in der Birkensteinkapelle, der ihnen mehr galt.

Das »Mahl« fand in der Post statt. Das halbe vors war geladen, das ließ sich der Jägerbauer nicht nehmen. Warum sollte er sich des alten Brauches seines Standes schämen, so wenig ihm selbst daran gelegen war!

Von dem Regimente, dem der Bräutigam angehörte, waren auf die offizielle Anzeige zwei Vertreter gekommen, alte Bekannte Franzens aus seiner tollsten Zeit. Erst freute er sich herzlich darüber, da seine Familie den Tag völlig ignorierte, bald aber kam es anders.

Er fühlte es bald heraus, daß sie die Sache mehr als schnurrigen Ulk betrachteten, als etwas, das man einmal mitmachen müsse, auch in ihrem Benehmen der Hochzeiterin gegenüber lag eine gewisse Überlaune, die ihn kränkte.

Und wenn er dann Vergleiche zog mit dem Benehmen der einfachen Leute, Männer und Frauen, so fielen sie unbedingt zugunsten der letzteren aus. Bei aller Unbefangenheit störten sie nicht, nicht der geringste Mißton entstand, man wußte eben so zur rechten Zeit die gehörige Distanz zu halten, als natürlich zu bleiben und in der Baronin Burgl immer noch die Dorf- und Jugendgenossin zu sehen.

Eins aber wurde ihm in den wenigen Stunden klar, zwischen dem Lebenskreis von einst und jetzt mußte eine Scheidung stattfinden, jede Vermischung war unmöglich und direkt unheilschwanger.

Auf dem Jägerbauernhof, an der Seite Burgls wird er wieder, das war nur die Fortsetzung der begonnenen Kur, deren glänzende Wirkung er zur Genüge erprobt.

Die Herren aus Wien fuhren frühzeitig ab, das junge Volk huldigte mit Eifer dem Tanz, daß alle Böden krachten. Der Baron Franz hätte am liebsten selber mitgetan, wenn er in der Kurzen gesteckt wäre, das G'wandl behagte ihm selber nicht.

So zogen sich die Gemütlichen zu einer Nachsitzung in den Jägerbauernhof zurück, der Sollacher mit seinen Töchtern, die geladenen Herren vom Forstdienst und die Honoratioren der Gemeinde von Zell.

Das junge Paar kleidete sich rasch um, und als es wieder in der Taltracht erschien, rührte sich erst der rechte Geist, das Reserl spielte die Zither, sang frischer denn je, wobei sie es nicht unterließ, ihrem Brautführer, einem jungen, strammen Jägersmann, verliebte Blicke zuzuwerfen, bis dem alten Sollacher die Sache zu dumm wurde und seine dröhnende Stimme das alte bekannte Thema anschlug. Dann floh das Reserl zu ihrer glücklichen Freundin, und das Gewisper und Gekicher auf der Ofenbank mischte sich mit den lärmenden Stimmen der Männer.

Graßl war unermüdlich beim Faß. Nach dem Hochzeitswein schmeckte das frische Bier doppelt, selbst der Jägerbauer, dessen Ernst heute wohl jeder begriff, trat aus seiner Reserve heraus und erzählte manch lustiges Stückl aus seinem Leben.

Niemand dachte an eine Heimkehr. Plötzlich fiel ein leichter Schein über den Tisch.

»Das san die Zeller Buab'n,« meinte der Sollacher, »a Feuerwerk für das hohe Paar, Luad'r san's schon, grad kein Musi hör' i.«

Der Schein nahm sichtlich zu, und hinter dem schwarzen Buchenmantel draußen vor dem Anwesen stoben Funkengarben.

In dem Augenblick stürzte schon Vent herein: »Brenna tut's – 's Waldei!«

Alles stürmte hinaus. Wie war das möglich, die seit Monaten verschlossene, unbewohnte Waldei!

Burgl war sich sofort klar, das war die Lisl, niemand anders. Jetzt wallte die helle Glut empor; ehe die Männer zur Waldei kamen, stürzte schon der Dachstuhl ein, eine Funkengarbe in die Höhe sendend. Niemand dachte an einen Löschversuch, fast nahm man es als ein gutes Vorzeichen; die Waldei hatte noch niemand Glück gebracht.

Nur Franz zog sein junges Weib fester an sich, als solle er sie vor unbekannten bösen Mächten schützen, die aus der Feuersglut zu ihm sprachen.

»Die arme Lisl! Was muß die gelitten hab'n, bis so weit komm'n is,« meinte Burgl.

Es war, als ob sie die Unglückliche laut gerufen hätte, so rasch erfolgte die Antwort vom Berg hinter dem Hause. »Habt's in d' Waldei woll'n?« Ein irres Gelächter. »Das is kein Platz mehr für a glückliches Paar, da haust der Maxl und i. Laßt's uns grad die armselig'n Trümm'r, sonst werd' i wild und komm' bald wied'r.« Wieder das gräßliche Gelächter.

Die Waldei brach völlig zusammen im Rauch, und eine Staubwolke stieg über dem Walde auf, das verbrannte Heu strömte einen atemhemmenden Geruch aus. Niemand machte sich zur Verfolgung der Lisl aus. Sie war wahrhaftig gerichtet genug für alles, was sie getan.

Franz und Burgl waren die letzten, die die Brandstätte verließen. Die Glut der übereinandergestürzten Balken beleuchtete noch immer die alte Stube mit dem eingestürzten Kachelofen, in der ihr Glück begonnen.

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