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Baronin Burgl

Anton von Perfall: Baronin Burgl - Kapitel 6
Quellenangabe
type
authorAnton Freiherr von Perfall
titleBaronin Burgl
publisherVerlag von Paul Parey
year1913
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140107
projectid92430b61
wgs9110
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Fünftes Kapitel

Die Hirschbrunft verlief glänzend. Heiteres Wetter, kalte Nächte, reifige Morgen, die Hirsche schreilustig, wie's der Jäger sich nur wünschen kann.

Schönau schied schweren Herzens von der Hütte, die ihm lieb geworden. Er wußte selber nicht warum, aber er fürchtete sich vor dem Tal, als ob dort etwas Unbekanntes auf ihn lauere, die Waldei mit der halbverrückten Lisl erschien ihm jetzt plötzlich in ganz düsterem Licht. Am Ende hatte er sich doch zu viel zugemutet, nicht einmal den Graßl, der ihm ordentlich ein Bedürfnis geworden, sollte er mehr um sich haben. Wär's nicht doch besser gewesen, bei dem Jägerbauern zu bleiben? Die Burgl hätte gewiß trefflich für ihn gesorgt. Oder gar wegen der Burgl nicht? – Dann war er ja ein ganz feiger Geselle, von dem nichts mehr zu hoffen war. Konnte er denn nicht einmal harmlos mit einem weiblichen Wesen verkehren, noch dazu einem Wesen, das doppelt vor seiner unsauberen Begierde geschützt war – der strenge Vater und der Herzog, sein edler Freund, standen vor Burgl.

Am letzten Tage wollte er sein Versprechen einlösen und den Vent auf der Alm aufsuchen. Es war kein großer Umweg, vielleicht kam er auch noch auf einen vierten Hirsch zu Schuß, – drei prächtige Geweihe waren schon in die Waldei voraus. Aber es war keine Ruhe im Berg, vor Michaeli wollte man nach altem Brauch die Almen leeren.

Als Schönau mit seinem Begleiter in dem steinigen Graben gegen die Alm ansteigen wollte, da klangen die Glocken von allen Seiten, von der sonoren Baßstimme der Leitkuh bis zu dem Gebimmel des auf der Alm geborenen Zickleins.

»Jetzt komm'n ma grad recht, der Vent mit 'm Almvieh–«

Sie drückten sich auf die Seite, um den Zug vorüberzulassen. Als ob eine Lawine sich herabwälzte, so knackten die Latschenäste, kollerte das Gestein. Im saftigen Grün tauchten grellrote und weiße Flecke auf, eine helle Kommandostimme erscholl, die Stimme Burgls: »He – so geht's außa! Findtst den Weg nimma, Scheck? Wart, i hülf dir!« Klatschend fiel der Stecken. Dann wieder ein jauchzender Juchschrei, und jetzt erschien sie selbst, goldenes Geschnür aus dem Miesbacherhütl, im weißen Fürtuch und geschmückten Mieder, ganz sonntäglich; mit der Linken hielt sie ein junges, schneeweißes Stierl am Horn, das einen bandgeschmückten Fichtenbuschen zwischen den Hörnern und ein grell bemaltes Bild des heiligen Leonhard auf der lockigen Stirne trug, mit der Rechten schwang sie den Stock über die nachdringende bunte Schar, die stolz und selbstbewußt die bänder- und kranzgeschmückten Häupter trug, auf denen die Bäumchen wippten. Es war ein Bild voll Farbe und triumphierenden Lebens, eine Apotheose des Bauerntums, und Burgl der Mittelpunkt derselben.

Schönau packte der Anblick, etwas Sieghaftes lag in ihrer ganzen Erscheinung, Leben, Kraft und Freude quoll da den Weg herab. Schönau rührte sich nicht, was war dagegen aller Glanz, alle Üppigkeit der Paläste, die er schon erblickt, – ein wahrer Naturfanatismus ergriff ihn.

Jetzt kam sie ganz nahe. Er rief ihren Namen. Sie stutzte und hielt das Stierl einen Augenblick zurück, das unter seinem Heiligen trotzig herabblickte. Hinter der Viehschar aber hinkte der Vent, ein schwarzes Lederkapperl auf seinem weißen Haupt, die Maserpfeife schief im Mund, und sprach unausgesetzt mit den störrischen Rindern.

Als Schönau auf Burgl zuging, kam die Schar in Unordnung, bockte, drängte zurück, das Stierl hätte Burgl bald umgestoßen, sie hatte vollauf mit ihm zu tun, und Schönau mußte ihr helfen.

»Was hat's denn da vorn?« rief der Vent mit seiner Fistelstimme, der den Baron auf die Weite nicht erkannte. »Jag's außa, die verdammt'n Jäger, die überall die Weg vertret'n, jag's außa, heut' g'hört's uns, 's Revier.« Als er aber dann den Baron erkannte, den das Stierl samt der Burgl über den Steinweg hinunterdrängte, daß die beiden übereinanderkugelten, da kam Leben in ihn, er spürte seine Füße nicht mehr und packte den Stier an dem eisernen Nasenring, daß er in die Knie vor ihm knickte.

Bis er damit zurecht kam, waren die beiden schon wieder auf den Beinen. Die Schar war auch rasch wieder in Ordnung, das Stierl folgte wie ein Hund seiner Herrin, die ihn ausschalt. »Wart', wenn du mit mein Herrl so umspringst, mit an Baron a noch, Dickkopf damisch'r. Sehn's, Herr Baron, so geht's mit uns, wir hab'n kein Glück mit anander, alleweil hat's was ...«

»Hat auch alleweil was,« erwiderte Schönau, ihr den Hut mit dem Edelweiß auf's Haupt setzend, den sie bei dem Sturz verloren, »aber nur Liebes und Gutes. Wie du so daher gekommen bist, vor der ganzen Schwadron, – Burgl grad raus, die glänzendste Kaisergarde hat mir nicht halb so gefallen.«

»Na, dann mach'ns nur gleich mein Adjutanten, die Schwadron is so ganz aus 'n Häusl, und der Vent derhalt's nimm'r.«

Schönau war mit Vergnügen bereit und gab dem ratlosen Graßl seine Büchse hin. Nun ging's los. Bald war er vorne, bald hinten, jedes Stückl, das abseits gesprungen, brachte er mit seinem Bergstock wieder zur Räson. Er wußte, wo Güte und wo Strenge anzuwenden war. Der Vent war ganz außer Dienst gestellt und sah der Sache nur kopfschüttelnd zu. Zuletzt zog er, den Bergstock geschultert, an der Seite Burgls zu Tal.

»Wie's grad z'sammpaß'n, die Burgl und der Franzl', net zu glaub'n!« murmelte der Vent vor sich hin, sich den Kopf kratzend. Und Schönau war es plötzlich, als ob die breitgestirnte Schar hinter ihm sein eigen wäre, er selber der Almbauer, so stolz fühlte er sich.

Als sie aber ins Tal kamen, und ein Holzknecht, die Axt auf der Schulter, die Burgl mit einem Blick aus ihn anredete: »No, was hast denn jetzt für a sperr's (mageres) Knechtl?« war das das höchste Lob für ihn.

»Sie halt' mich halt hübsch kurz, die Bäuerin, schau,« gab er zur Antwort. »Da hat's mich halt ein bißl z'sammzogen.«

»So viel streng is,« meinte dagegen der Holzknecht. »Ja, die Almbäuerin, da is a Gräfin a Dreck dageg'n.«

Burgl ging der Atem aus vor Lachen. Schönau reichte dem erstaunt dreinblickenden Knecht eine Zigarre aus seiner Joppentasche.

»Recht hat er schon, der Storch hat dich vertragen, eigentlich gehörst du in ein Schloß,« bemerkte Schönau.

»Na, i bin ganz z'fried'n mit sein' Irrtum, es laßt sich im Jägerbauernhos a leb'n,« gab sie schnippisch zur Antwort.

Als man aus die Ebene herauskam, begrüßten die Tiere mit luftigen Locksprüngen die heimatliche Au. Burgl machte Toilette, ehe sie das Dorf betrat, richtete die zerzausten Haare zurecht, das goldbetreßte Hütl, die vom Falle noch unordentlichen, beschmutzten Röcke, dann setzte sie eine förmliche Amtsmiene aus.

»Herr Baron, jetzt sag' i viel'n Dank! Der Graßl kommt schon nach mit der Büchs. – Net, daß d' Leut meina, die Köpf z'samm'nsteck'n, – wiss'ns ja, wie bös sind –«

Doch Schönau ließ sich nicht so schnell abfinden. »Kind, das geht nicht, du hast einmal das sperre Knechtl dir aufgehalst, jetzt führt er sein Amt auch durch. Lass' die Leut' nur reden.«

Sie mußte sich's gefallen lassen, daß er an ihrer Seite blieb, und zuletzt kam's ihr gar nicht schwer an, im Gegenteil, ganz stolz war sie auf seine Begleitung. Das ist ja doch nur der Neid, der sie alle sticht! Es war aber auch ein wahrer Stolz; das schönste Vieh im ganzen Tal, man übersah darüber wirklich den Baron.

Auf der Höhe des Jägerbauernhofes stand der Bauer und sah den Kommenden entgegen. Einen Augenblick stutzte er, als er den Baron ohne Büchse neben seiner Tochter schreiten sah. »Z'sammpaß'n tät'ns gar net so schlecht.« Der Gedanke war ihm noch nie so gekommen, doch rasch war er von dem Anblick verdrängt, der ihm ordentlich das Naß in die Augen trieb.

Die Bäumchen wippten, die Bänder flatterten, das Vieh drängte sich der alten Heimat zu, die es von weitem schon witterte.

Das ist der Stolz des Bauern, seine Lust, für die er jedes Opfer bringt, für die er jahraus, jahrein mit dem widerspenstigen Boden ringt, alle Unbill der Witterung, Drangsal und Not gelassen trägt. Das war die reife Frucht seines Bodens, die seine Ställe füllte, der Lohn schweißerfüllter Tage, sorgenvoller Nächte. Was ist dagegen alles Geld in den Truhen, aller Hochmut der Herrischen, die kein Stückl Boden unter sich haben, das ihr eigen ist. Was sind's denn ohne den Bauern, wer futtert's denn, als er.

Der Bauernstolz erfüllte ihn, und nicht zuletzt blieb sein Auge an der Gestalt seines Kindes hängen. Das war auch das Produkt seines kraftvollen Bodens, so gut wie die Rinder alle. – Doch eine Prachtdirn! Und die sollte allein »gelt gehen« (keine Kinder bekommen). – Den Jägerbauernhof weiß Gott wem überlassen. »Das darf net sein, – lieber – lieber,« er mußte immer wieder auf ihren Begleiter sehen, – »lieber soll's ein' von der Straß aufklauben,« setzte er dann für sich hinzu.

Jetzt war der Zug oben angelangt. Man hatte keine Zeit zur Begrüßung. Das Vieh drängte nach den gewohnten Stallungen, schlug die schwarze Erde mit den kaufen in die Höhe, brüllte und stieß sich im übermütigen Spiele.

Alles hatte zu tun, Ordnung zu schaffen, jedes in seinen Stand zu bringen und anzuketten, um weiteren Unfug zu vermeiden. Der Baron half wacker mit. Es war eine Freude, zuzusehen, wie ihm alles von der Hand ging, dem ehemaligen Reitersmann.

»Flax«, der Zuchtstier, der wegen seiner Bösartigkeit nicht mit auf die Alm durfte, war ganz außer Rand und Land über die endlich zurückgekehrten Gefährten, rollte seine blutunterlaufenen Augen, der Schaum troff ihm aus dem rosigen Maul, und die Kette drohte zu reißen, an der er wütend zerrte. Da war es wieder der Baron, der unverzagt in seinen Stand sprang und ihn mit ein paar Rippenstößen zur Räson brachte. Zuletzt steckte er ihm die Finger in die geblähten Nüstern und warf das gewaltige Tier förmlich in die Knie.

Der Alte hatte seine helle Freude daran. »An Ihna is a Bauer verlor'n ganga, das sag' i, jawohl. Das is a Griff, da muß ma' grad schau'n.«

»Ich wollt', ich wär's,« meinte Schönau, »es wär' mir um ein gut' Stück wohler dabei –«

»Was net is, kann ja no' werd'n,« entgegnete der Bauer.

»Bauer ist man, werden kann man es nicht, das merk' dir, Jägerbauer.«

»Das is richtig, ganz richtig.« Der Satz gefiel dem Jägerbauern sichtlich sehr.

Jetzt drängte er, den Baron in die Waldei einzuführen, hatte er sich doch genug geplagt damit in den letzten zwei Wochen. Der war gar nicht erfreut über den Vorschlag. »Ach mit deiner langweiligen Waldei! Ich wollt', ich wäre bei euch geblieben, ich sag' dir, Bauer, das Knechtl wäre gar nicht schlecht –«

»Aber pass'n tat's schlecht für an Baron. Da is a Jaga ganz was andres, viel noblich'r.«

Es sprach etwas wie Hohn aus den Worten, der Schönau nicht entging.

Als Burgl mit in die Waldei wollte, hielt sie der Vater davon ab: »Die Lisl is halt gar so viel eifersüchtig aus ihren neuen Herrn, laß ihr die Freud', der armen Seel'.«

»Na, da bleib' i gleich ganz weg,« meinte Burgl in ihrer Art, in den Hof zurückgehend.

Dieser Auftritt trug gerade nicht dazu bei, Schönau besser für die Waldei zu stimmen.

Als er aber das stattliche Haus sah, frisch heruntergeputzt und gestrichen, in die Stube trat mit dem großen grünen Kachelofen, der braunen Täfelung, seine drei Geweihe bereits sauber aufgemacht an der Wand, die Gewehre blitzblank aufgehängt, einen Strauß von Herbstblumen auf der weißen Ahornplatte des Tisches, den herrlichen Blick auf den Wendelstein, um den die Nebel ihr lustiges Spiel trieben, – da fühlte er sich plötzlich ganz anders.

»Das is a Jägerheim,« bemerkte der Bauer, »mein' i, bei mir drüb'n is a Bauernhof, man muß nur wiss'n, was ma' will.«

Dann trat der Graßl in die Stube, einen prächtigen, hochstämmigen, breitschultrigen Schweißhund an der Leine, eine Sendung des Herzogs aus seiner eigenen Zucht.

»Greif« heißt er, a Sohn aus der berühmt'n »Selma«, erklärte Graßl und übergab seinem Herrn einen Zettel, den der Hund am Halsband getragen.

»Wenn nur die Rasse gut, dann steckt's im Blut.«

Schönau las mit dankbarer Bewegung die Zeilen. Er war ein Elender, wenn er seinem edlen Freund nicht Ehre machte.

Zuletzt kam noch die Lisl, ganz festtäglich gekleidet, deckte den Ahorntisch und setzte Wildbret mit Knödl darauf für die Männerleut'. Der Jägerbauer und der Graßl ließen sich nicht lange bitten, am Mahl teilzunehmen, und zu allem Überfluß erschien noch der Förster Sollacher zum Willkomm' und erfüllte den Raum mit seinen knarrenden Lauten. Es entwickelte sich rasch ein kreuzfideler Abend, es roch förmlich nach Pulver in dem kleinen Raum, und die Kugeln pfiffen um die Wette. Die drei Hirsche an der Wand wurden noch einmal geschossen, der Sollacher hatte von seinen zu erzählen, und die Lisl machte die aufmerksame Wirtin. Der »Greif« aber war mit ein paar Knödln rasch gewonnen und wich nicht mehr von seinem neuen Herrn.

»Nur schade, daß die Burgl nicht da ist zur Erinnerungsfeier,« meinte Schönau.

Lisl erbot sich, sie zu holen, doch in einem Tone, der es ihm angemessen erscheinen ließ, darauf zu verzichten. Gute Freunde waren sie nicht, die beiden.

Der Sollacher aber meinte in seinem Jagdfuror, daß es ohne Weiberleut' viel gemütlicher sei, und in die Jagd hätten sie schon gar nix hineinzureden.

Es war eine lange Sitzung, die erste in der Waldei, echt jagerisch. »Man muß nur wissen, was man will!« sagte der Jägerbauer.

Nachdem die Männer die Waldei verlassen, nahm Schönau die Lisl vor. »Jetzt sage mir einmal offen, was hast du gegen deine Base, die Burgl?«

Die Lisl wich verlegen aus, dann nahmen ihre Züge wieder einen strengen Ausdruck an. »Der Burgl is von eh' all's nausganga, und mich hat's g'haßt von Kind auf, alle Bitternis hab' i auskost. – Da denk' i mir halt, ein's könnt's ma mir doch lass'n –«

»Was soll sie dir denn lassen, red' doch.«

Da sah sie ihn so weh an, daß er selber Mitleid mit ihr empfand.

»Ein Weib kann vom Haß allein net leb'n; es muß jemand was Gut's tun könn'n, helf'n könn'n, – was weiß i – jemand nötig sein könn'n, – – das – das soll's mir lass'n, so schlecht i bin.«

Die Worte packten Schönau. So viel Liebe hatte er wahrlich nicht verdient, als ihm hier von allen Seiten wurde. Er beruhigte Lisl über diesen Punkt. Niemand soll in ihre Rechte eingreifen, und dann duldete er es ganz wider seine Gewohnheit, daß Lisl einen demütigen Kuß auf seine Hand preßte.

Das war auch ein Werk, diesem armen Wesen zu helfen, was einem doch alles einfällt in so einer Waldei. So ruhig und fest hatte er lange schon nicht geschlafen wie diese erste Nacht in der Waldei.

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