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Baronin Burgl

Anton von Perfall: Baronin Burgl - Kapitel 13
Quellenangabe
type
authorAnton Freiherr von Perfall
titleBaronin Burgl
publisherVerlag von Paul Parey
year1913
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140107
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Zwölftes Kapitel

Der plötzliche Tod des Herzogs, des hohen Gönners Schönaus, der unbeirrt von allem, was sich unterdes ereignet, die Jugendfreundschaft, die ihn mit diesem verband, treu aufrecht erhielt, und die damit erfolgende Aufgabe der Jagd war für Schönau ein schwerer Schlag.

Er fühlte sich weder in der Lage, die Jagd selbst zu übernehmen, noch willens, den etwa nachfolgenden Pächtern sich irgendwie als Gast aufzudrängen.

Das gab einen harten Ausfall, den er nur schwer verwinden konnte.

Das Weidwerk, dem er so viel zu danken hatte, war ihm doch zum Lebenselement geworden. Er hatte den Bestand in den letzten Jahren wieder durch sorgsamste Pflege zur alten Höhe gebracht, und jetzt sollten ihm die geliebten Berge nur mehr als gewöhnlicher Tourist geöffnet sein, während irgendein, vielleicht völlig Unberufener, in seinem altgewohnten Revier jagte.

Da trat etwas ganz Ungewöhnliches ein, das ihn zu Tränen rührte und alle bangen Zweifel löste.

Die Gemeinde selbst schickte den Bürgermeister auf den Jägerbauernhof, um ihm die Jagd zu einem bedeutend ermäßigten Preis zur Pacht aus Lebenszeit anzubieten, indem sie es sich zur Ehre rechne, den Baron als ihren Bürger betrachten zu können.

Das überstieg alle seine Erwartungen. Nicht nur, daß ihm seine Lebensfreude erhalten blieb, das Band, das ihn an Zell knüpfte, war jetzt fester denn je geschürzt, es kam ihm vor, als hätten sie ihm die Berge geschenkt, so weit ringsum seine Blicke reichten.

Ein wahrer Jagdfanatismus hatte ihn jetzt ergriffen, dem der alte Graßl mit dem besten Willen nicht mehr nachkam. Dafür war ja langsam ein junger Graßl nachgewachsen mit Namen »Jakl«, dessen Abkunft allerdings nicht recht klar war und, wie es hieß, mit dem Jägerbauernhof in inniger Beziehung stand, aber das stimmte ja gerade. Recht genommen, war der flaxige Bursch, den der alte Graßl ganz g'schamig als seinen Sohn vorführte, ja auch ein Produkt seines gesegneten Bodens.

Es war rechte Zeit. Die ersten Hirsche ließen sich schon hören, und die Wennebrandhütte war längst zu einem wohnlichen Jagdhaus avanciert.

Dort, an diesem für ihn so bedeutungsvollen Platz sollte die Eröffnung der Jagd sein, seine Jagdherrschaft sich vollziehen, und Burgl mußte natürlich mit als sorgsame Hausfrau; später sollte dann Flori kommen, um seinen ersten Hirsch zu schießen.

Noch war die Brunft nicht im Gange, nur einzelne Schneider meldeten sich schüchtern. So hatte Schönau Zeit, mit Burgl den Aufenthalt in dem herbstlichen Bergwald zu genießen.

Nirgends entfaltet sich der Reiz dieser Jahreszeit so prächtig wie hier. Alles lacht in bunten Farben, das kräftige Gelb des Ahorns vereinigt sich mit dem Purpur der Buchen. Die Luft ist so rein, daß jedes Detail klar hervortritt, und die eherne Ruhe des Gebirges erst recht.

Ein Ausflug nach der Eiskapelle am Miesing eröffnete die frohe Zeit. Da war für beide so recht der Ort, der Vergangenheit zu gedenken. Das bescheidene Kirchlein, das jetzt dort stand, mit einem Bilde des heiligen Hubertus über dem kleinen Altar, von Burgl gestiftet, mit grauen Holzschindeln beschlagen, lag wie gewachsen unter der Felswand und hob den stillen Frieden dieser Stätte. Der Eisberg, mit ewigem Schnee bedeckt, war noch immer nicht den Sonnenstrahlen gewichen, und aus seiner Höhlung quoll noch immer der Bach und hüpfte über den Fels in die Tiefe.

Und wieder stand ein guter Gemsbock hoch oben in der Wand und äugte neugierig herab auf den Kommenden, wohl der Urenkel des alten Wächters, der Schönau in die Tiefe stieß.

»Daß du mir den in Ruh laßt,« mahnte Burgl. »Ich glaub' einmal an solche Sagen, und der ganze Berg wär' tot, wenn's keine solchen mehr gäb'. Ein treu's Vieh ist's doch, und Treu muß man überall achten, wo's einem begegnet.«

Schönau versprach es ihr gerne, es war ihm selbst ganz abergläubisch zumute.

Dann stattete man der Jägerbauernalm einen Besuch ab, die noch vom Jungvieh besetzt war; nur der Vent fehlte. Eine Sennerin war seine Nachfolgerin, die Veronika, die Tochter eines kleinen Häuslers von Zell, die mit Burgl in die Schule gegangen, ein Hünenweib, das, auf seinen Stecken wie aus ein Schwert gestützt, vor der Hütte stand, hochaufgeschürzt, das Haar vom Winde zerzaust, mit energischem, vom Wetter gefurchten Antlitz, ein Hohn aus alle Almenlyrik. Sie ließ sich's auch nicht nehmen, zu ihrer Herrin »Burgl« zu sagen, während sie vor dem Herrn Baron einen tiefen Knix machte.

Ein geller Lockruf, von ihr ausgestoßen, genügte, um die ganze zerstreute Rinderschar zu ihr zu rufen, und von jedem Stückl wußte sie die ganze Charakteristik zu geben: Das »Fleckl« war a Luad'r auf und nied'r, grad g'schleckig, 's beste Grasl net guat g'nua. Das »Schneei«, eine blendend weiße Kalbin, war die Guatheit selb'r dageg'n.

Das Stückl drückte den Kopf mit den rosenroten Augen an sie und leckte den nackten Arm.

»Liab'r Fratz; werd'n 's seh'n, die wird amal. Das graue ›Gamsl‹, no, das hat sein' Nam' net umsunst, grad alleweil in die Wänd' druckt's, als wenn's die Stona fress'n möcht', und der ›Flax‹, das silbergraue Stirl mit dem Lockenhaupt, no den kennst ja eh', ganz der Vater, wia's halt alle san, die Mannsbild'r. Kennst mein' Steck'n, gelt?« Sie drohte ihm lachend, und er sah mit gebeugtem Kopf, mit ganz verdrehten Augen auf sie, in denen die Bosheit lauerte, von allen Seiten bimmelten die Glöckchen, es wollte gar kein Ende nehmen.

Alles war in schönster Form, man sah ihnen die sorgsame Pflege der Veronika an, und die Beschau endete mit unumwundenem Lob für sie, das sie schmunzelnd einsteckte.

»Hast nacher nix schreien hören?« fragte Schönau.

»Do' scho', an ganz scharf'n a no', glei' da ob'n.« Sie deutete mit dem Stecken dahin, wo der steinige Graben einging. »Er möcht' wohl eina, aber grad 's Vieh geniert 'n. Wenn's moana, Herr, nacher ziag'n ma ab. Lang dauert's so nimm'r, i spür' an Schnee in der link'n Hax.«

Davon aber wollte Schönau nichts wissen. »Um keinen Tag früher, als es sein muß. Das Vieh geht voran, dann erst kommt die Jagd.«

»Das hat ma a no' koan Jag'r g'sagt,« meinte Veronika. »Das hätt' der Graßl hör'n soll'n, der Grobian, Derschiaff'n tat i's glei, die Viech'r! Is a Alm weg'n dem Viech da, ha? Weg'n Wildbret is da. – Da hab i eahm aber den Weg zoagt.« Sie machte ein Zeichen mit dem Stecken, »und d' Bauern kunnt'n verreck'n weg'n dein'r, gel? Gnua, sagt er, wenn's mög'n, mi reuat wohl koan'r.«

Schönau mußte lachen. Das war charakteristisch für die ganze Jägerei. Da wäre auch noch was gut zu machen durch Milderung des Gegensatzes zwischen Jäger und Bauer, der nur beiden schädlich sein konnte.

Der Hirsch war ja gerade recht für den Flori. Bis er kam, war die Alm sicher leer, da wird der Hirsch sich die saftige Weide nicht länger vorenthalten lassen, und der Flori schießt seinen ersten Hirsch auf eigenem Grund und Boden; das wird er sein Lebtag nicht vergessen.

Es wurde Abend, bis sie zum Jagdhaus zurückkehrten. Auf allen Seiten meldeten Hirsche; wenn auch keine hervorragenden Stimmen sich hören ließen, die Brunft war doch im Gang.

Nun war es ein reines Genießen, von keiner Leidenschaft getrübt. Die Spitzen und Schneiden rings standen in heller Glut, vom Tal herauf kam langsam die Nacht geschritten, alle Farben löschend. Dafür wirkte die große Form, das Massiv der Wälder, die ehernen Konturen des Gebirges, die sich vom Nachthimmel hoben, dazu das Rauschen des Bergbaches, das sehnsüchtige Gronen der Hirsche. Alles Stimmen der schaffenden Natur im ewigen Wechsel der Erscheinung.

Das war's, das Große, Ewige darin, das so heilsam wirkte, nicht die Jagd allein, die nur eine reizvolle Beigabe ist für das begehrliche Menschlein, das nun einmal Nervenkräfte braucht und von dem Ewigen allein nicht leben kann.

Jakl, der Jäger, brachte gute Meldung, als sie zum Jagdhaus kamen. Auf dem Brentenschlag schrie ein Guter, er sprach ihn mindestens aus einen Zehner an.

Jetzt kann's losgehen! Schönau freute sich darauf wie ein Junger, es galt doch zum ersten Male <i>seinem</i> Hirsch. Das Eigentumsgefühl machte sich auch hier geltend.

Der Jakl konnte seinen Vater nicht verleugnen. Mit gutem Jägerinstinkt begabt, derselbe ewig Bedenkliche, ausgemachter Pessimist, »Viel z'warm, werd'ns seh'n, heut' schreit nix, wenn a der Nebl net einadruckt.« Und dabei war der klarste Sternenhimmel, und auf der Wiesenfläche lag der Reif.

Das mußte er sich abgewöhnen, vom Alten läßt man sich's gefallen. Für die Jagd taugt das nicht, und Schönau hätte gerade herausjubeln können vor Wohlbefinden.

Der Brentenschlag zieht erst einen steilen Graben hinauf, um dann einen völlig ebenen Loden zu bilden von lockeren Buchen und Ahornholzbeständen, rings darum schließt sich das Gebirge, nur eine schmale, grasbewachsene Rinne nach Süden offen lassend.

Das war ein alter Wechsel, Schönau von früher her wohl bekannt. Nur der Wind war gefährlich, er zog schon vor Tag in der Scharte auswärts.

»Schiaß'n tuan ma bei dem Wind nia nix,« lautete die Erklärung Jakls. Sie trug ihm den ersten tüchtigen Wischer von seiten seines Herrn ein.

»Jakl, wenn wir hausen wollen miteinander, schaff' dir einen besseren Glauben an. Das ist die Hauptsache bei der Jägerei. Geh' zurück, jetzt führ' ich dich, Unglücksrabe!«

Schönau ging voraus. Der Wind zog steif in dem Graben nach auswärts, je weiter Schönau nach rechts auswich und im Gehänge aufstieg, desto mehr wechselte er, bis er zuletzt kerzengerade nach abwärts zog, dabei war der Wechsel von hier aus besser zu beschießen.

»Schau, Mensch, das heißt man, dem Wild den Wind abgewinnen. Wenn du das nicht lernst, wirst du dein Lebtag kein ordentlicher Jäger werden. Jetzt warten wir's ruhig da ab.«

Schönau nahm seinen Stand.

Noch war dunkle Nacht, die Ungeduld auf die erste Birsch hatte ihn zu früh aufbrechen lassen. Gerade um die Zeit, kurz vor dem Morgengrauen, verschweigt der Hirsch am liebsten.

Schönau setzte seinen begonnenen Unterricht fort. »Schau dir jetzt einmal die Natur ringsum richtig an, mach' Ohren und Augen auf, lerne den Wald verstehen, sein Erwachen und Schlafengehen, pass' auf die Schneiden, wie sie gleich leuchten werden, höre auf das Rauschen des Baches, bald wirst du seine Stimme verstehen. Sieh zu, wie sich die Formen lösen, das ist alles noch eine schwarze Nasse, bald wird dort eine Fichte, eine Buche stehen. Sieh das alles, fühle das alles, und du wirst nicht mehr der Knecht, du wirst der Herr über alles sein, und die Jägerei wird dir keine Arbeit, sondern die höchste Lust bedeuten. Siehst du denn nicht, Mensch, wie glücklich du werden könntest, – oder hast mich nicht verstanden?«

»Und ob i Ihna verstand'n hab', Herr, guat a no'. G'spürt hab' i a scho' so was, aber verstanden hab' i's halt net. Mein Gott, der Vater, – wenn i dem mit so was komma wär'.« –

»Das ist er!«

Jakl fuhr ganz zusammen. Eine mächtige Stimme ließ sich hören, noch dumpf verhalten, vielleicht auch noch jenseits der Scharte.

Jetzt begann sie wieder, die seltsame Erwartung, die jeden Nerv spannt, für den Jäger ein zehnfaches Leben, für den, der es nicht ist, ein Nichts.

Allmählich rang sich der Tag durch, leise Wiesennebel stiegen auf und zogen um die Wände; mit der Wärme Jakls war es nicht weit her. Nur einmal noch ein zorniger Schrei, dann gingen Steine, das Poltern flüchtiger Schalen war hörbar, schemenhafte Gestalten erschienen, deren Umrisse immer deutlicher wurden. Ein Kälbertier, zwei Schmalstücke und hinterher, ganz mit den Attitüden eines Alten, langsamen Trittes, den Grind weit vorgebeugt, ein lausiges Sechserl, das jetzt seine kindische Stimme hören ließ.

»Schiaß'ns, schiaß'ns!« flüsterte Jakl seinem Herrn ganz erregt ins Ohr.

Schönau winkte ihm nur energisch ab; der braucht noch eine tüchtige Schule, aber es reizte ihn, sich selber einen Jäger zu erziehen.

Von der Scharte her ertönte ein ganz anderer Schrei, der ganze Kessel hallte davon, und das Geraffel unten fuhr ganz erschreckt zusammen, während der Sechserhirsch mehr unterdrückt schrie.

Das war der Erwartete! Wenn der Wind aushielt, konnte er nicht mehr aus. Noch stand er im tiefen Schatten, aber seine Stimme gab ihn genau an.

Schönau hatte noch keinen Besseren gehört im ganzen Revier.

Es war jetzt Tag geworden, die Höhen glühten, die leichten Nebel zerrissen und zogen aufwärts. Die Scharte war frei, aber – kein Hirsch zu sehen. Sollte er sich im Schutz von Nacht und Nebel verzogen haben? Fast schien es so.

»Au weh, jetzt is's g'feiht,« meinte der Jakl, »jetzt könna ma geh'n.«

Ein strafender Blick Schönaus traf ihn. »Hat es so Eile bei dir?«

Jakl hätte sich verkriechen mögen; daß er aber auch sein Maul nicht halten konnte.

Plötzlich erschien das Sechserl, auf der andern Seite hoch oben durch die Latschen kriechend, in der kindlichen Hoffnung, sich aus diesem Schleichweg vielleicht das eine oder andere Stückl zu erobern, nach denen er so lüstern war. Dabei zog er aber immer wieder Wind von oben ein, ob der alte Herr nicht um die Wege sei.

Schon war er bis zum Latschenende gelangt, ein Schmalstück erbarmte sich wirklich seiner und zog ihm aufwärts entgegen. Die Folge davon war ein unvorsichtiger Schrei der Sehnsucht, den das Sechserl ausstieß. Doch er hatte nicht Zeit, im Kessel widerzuhallen, so übertönte ihn jetzt das Gebrüll des Platzhirsches, der wohl in den Latschen gelegen und seinen Harem im Auge behalten hatte. Nun begann ein Prasseln und Brechen in den hin und her gezerrten Latschen, ein Schreien, wie es auch Schönau nie gehört. Einmal hatte der Alte den Jungen wohl unter sich, dem Schnauben, Stöhnen und Ästebrechen nach zu urteilen.

Plötzlich erschien er im Graben, im mächtigen Geweih Latschenfetzen, zitternd vor Erregung, die Rückenhaare gesträubt, den Donner seiner Stimme über die Wälder sendend. Der Rasen flog hoch aus unter seinen Geweihhieben rechts und links. Zitternd standen die Tiere in respektvoller Ferne, sich dicht aneinander drängend.

Das war ein Anblick, der genossen werden mußte. Die Natur in ihrem ganzen gewaltigen Schaffensdrang, der hier Form und Laut geworden.

Schönau hatte das noch nie so stark empfunden, und er fühlte im Augenblick selbst eine gewisse Brutalität darin, hier den Störenfried zu spielen, mit einem Schuß das alte, ewige Drama jäh abzubrechen.

Jetzt sah er sich das Geweih noch einmal genau an, es war mächtig ausgeladen, die dritte Krone becherförmig ausgebildet. Der war reif, überreif! Alles andere ist Sentimentalität!

Mit ruhigem Jagdgewissen setzte er ihm die Kugel aufs Blatt. Ein paar mächtige Fahrer mit den Vorderläufen nach abwärts, daß die Erde aufflog, und er lag verendet.

Auf der ersten Birsch, das war vielverheißend; was soll denn Besseres nachkommen?

Es war ein Kronenzehner, von seltener Schönheit das Geweih. Er brach ihn selbst aus, um Jakl die rechten Kunstgriffe zu lehren.

Burgl, die den Schuß gehört, kam ihm schon auf halbem Wege entgegen. Sie war keine Jägerin und wollte es auch nicht werden, und im innersten Kern blieb sie doch, was sie war, die Jägerbauerntochter, für die sich Sport nicht paßt; aber sie liebte das männliche Handwerk, dem sie so viel zu danken hatte.

So glänzender Anfang bedeutet selten etwas Gutes, das hatte er oft erfahren. Der Nebel zog ein und lagerte tagelang um die Hütte. Der erste Schnee fiel, damit hellte es sich wieder auf, und die Brunft kam erst recht in Gang, aber das Weidmannsheil fehlte.

Jeden Tag erwartete er Flori, er erhoffte von ihm gute Nachrichten über Lungau. Er benutzte die Zeit, um mit Burgl eindringlich seine Befürchtungen betreffs Floris und Margits zu besprechen.

Zu seinem Erstaunen teilte Burgl diese durchaus nicht. Warum sollten denn die beiden nicht einander gehören, wenn sie sich wirklich liebten? Margit ist die Tochter einer tüchtigen Mutter, sie selbst ein liebes Mädel, das den meisten Anspruch darauf hat, dereinst die Herrin auf Lungau zu werden, und zuletzt helfe das Einreden in solchen Dingen ja doch nichts, wie sie am besten an sich selbst erfahren.

Sie wußte Schönau mit dem Gedanken immer mehr auszusöhnen. Am besten war es wohl, er sprach mit Flori selbst darüber, wenn er kam.

Die Veronika war gleich nach dem Schneefall mit ihren Pfleglingen von der Alm abgezogen, wie Jakl meldete, und ein ganz kapitaler Hirsch schrie wirklich jede Nacht in den Almboden herein, – der war für Flori bestimmt.

Aber das rechte Jägerblut steckte doch wohl nicht in ihm, weil er so lange auf sich warten ließ, oder konnte er sich von Lungau nicht trennen? – Dann war ja alles klar und eine rasche Entwicklung am besten.

Aber dann soll er auch den Kapitalen nicht schießen, meinte Schönau, in aufsteigendem Verdruß über das selbständige handeln Floris. Wär' schad darum, so ein Hirsch will verstanden werden!

Burgl lachte zu dieser Jägertheorie und meinte, daraus würde es ihm jetzt wohl nicht ankommen, »Du warst auch grad kein Eifriger, wie wir zusammen anbandelt haben.«

»Und hab' doch den Kapitalen nicht auslassen wollen, der uns eigentlich zusammen gebracht hat.« So tönte schon wieder der kleine Mißton, der sich eingeschlichen hatte, in einen vollen Akkord aus.

Kein Brief, kein Flori, das bedrückte doch. Dazu das Nebelmeer, das um die Hütte braute.

Bei Burgl kam noch die Sorge um den Vater dazu, den sie nicht wohl verlassen. Da tauchten allerhand Gespenster auf, Gespenster, die auch die einsamste Hütte nicht verschonen.

Die letzte Woche war schon angebrochen, und immer noch wollte der Nebel nicht weichen. Burgl drängte nach Hause und dachte ernstlich an den Abzug. Weitere Birschen wären sinnlos, höchstens, daß man das Wild beunruhigte.

Da schrie zum Glück ein Guter unten aus dem Brentnerschlag, keine tausend Schritte von der Hütte entfernt, den konnte er doch noch mitnehmen.

So wurde Burgl streng eingeschärft, kein Licht zu machen, möglichst jedes Geräusch in der Hütte zu vermeiden, um den Austritt des Hirsches nicht zu verzögern.

Schönau ging allein, Jakl sollte auf der Alm für Flori auskundschaften, falls dieser doch noch käme.

Schönau ging zu viel im Kopf herum; die Seele muß frei sein, um zu genießen, auch war die Situation eigentlich zu klar, um aufregend zu sein.

Der Hirsch schrie noch bei voller Helle im Wald, dicht vor Schönau und konnte gar nicht aus, es handelte sich lediglich ums Abwarten, und daß der Nebel nicht noch mehr hereindrückte. Der Hirsch schrie in kurzen Abständen und wartete sichtlich nur die Dämmerung ab, um auszutreten.

Jeder Jäger kennt die behagliche Sicherheit eines solchen Augenblicks; wie bei jedem Schrei die Lust wächst, selbst wenn man schon unzählige Hirsche gestreckt hat. Da fliehen die schwersten Gedanken, man lebt nur in der Gegenwart. Es lebt etwas Kindliches in dem Trieb, der an die Uranfänge der Menschheit erinnert, in denen noch kein Gedankenballast sie bedrückte.

Die Schreie kamen immer näher, jeden Augenblick mußte er oder ein Stück von ihm sichtbar werden, – wenn nur der Nebel – sonst konnte nichts mehr passieren.

Die Hütte lag schwarz und stumm. Zweige brachen, ein dunkler Schatten bewegte sich aus der Dickung. »Oü!« ertönt es langgezogen.

Da gellt plötzlich ein heller Ruf heraus durch den Dämmer. »Hallo ho – ho – Ju ju hui! Gebt doch Antwort, wir finden die verdammte Hütte nicht im Nebel –«

Noch einmal schrie der Hirsch, dann schrie der Unglücksmensch noch stärker. In der Hütte unten leuchtete ein Licht auf, – ein Prasseln der Äste unter flüchtigen Schalen, schemenhaft stürmte es über seinem Stand vorbei, als letztes Stück der Hirsch, ein rasch hingeworfener Schuß ging fehl.

»Das auch noch, wenn das der Jakl getan hätte! Und daran ist nur der Unglücksmensch –« Da horchte er auf, – die Stimme – es waren zwei, man kam sichtlich auf den Schuß zu, – und zwei Rufe vereinigten sich in seltsamer Harmonie.

»Da hast's mit dem langen G'wand, da hängst schon wieder – –«

Das war der Flori, – sollte Burgl mit ihm – Da ertönte eine jugendliche Stimme: »Du Unschick, kriegst mich nicht los?«

Schönau traute seinen Ohren nicht, dann kam es plötzlich über ihn wie eine Eingebung. Schon sah er zwei Gestalten zu sich heraufsteigen. »Hierher, Flori!« Es klang trotz allem die helle Freude heraus. »Liegt er schon?« lautete die Antwort. »Ich gratuliere!« Und zwei jugendliche Stimmen vereinigten sich zu einem Juchschrei, der plötzlich von der Hütte her erwidert wurde.

Schönau war es, als ob der ganze Wald davon dröhnte. Er wußte, wer da herauf stieg hinter Flori – die Zukunft! Und es war ihm, als läge sie plötzlich klar vor ihm. Lange hatte er nicht Zeit, da stand schon Flori vor ihm und reichte ihm die Hand, kaum daß er noch sein Gesicht erkennen konnte.

»Margit,« er wies zurück auf eine Mädchengestalt, die jetzt hurtig an seine Seite schlüpfte, »Margit! Vater, sage ›Ja ‹!«

Die Bitte war in ihrer Kürze, in dieser Situation überwältigend, und da er kein Wort der Erwiderung fand, hatten sie ihn beide schon in ihrer Mitte, unter vorweggenommenem Dank seine Hände küssend. »Und einen schönen Gruß vom Grafen Lehdorf.«

Flori übergab dem Vater einen Brief. »Und da steht alles Weitere drin.«

»Was der Herr Graf wünscht,« setzte er nicht ohne Bitternis hinzu, »allerdings dann, – ich bin ja nur von seinen Gnaden –«

Die glückliche Jugend ließ ihn nicht solche Gedanken mehr hegen, jetzt zog sie ihn förmlich in die Hütte.

»Das fängt ja gut an,« meinte Schönau, »verpatzen mir da einen guten Hirsch und verlangen dann meinen Segen in Nacht und Nebel. Aber ich habe ihn noch nicht gegeben, meinen Segen. So ein Überfall gilt nicht, und dann muß ich erst Lehdorf lesen.« Er war jetzt selbst neugierig darauf, was er schrieb.

Burgl ließ ihm lange Zeit dazu, so war sie mit den jungen Leuten beschäftigt.

»Ich rate Dir, gib Deinen Segen. Ich habe Margit als eine treffliche Tochter ihrer Mutter kennen gelernt, außerdem bringt Flori – ich spreche jetzt als Züchter – ein so gutes Blut mit nach Lungau, daß der kleine Zuchtfehler, den Du fürchtest, reichlich ausgeglichen wird. Übrigens kann ich Dir die freudige Mitteilung machen, daß ich auf dem besten Weg bin, mit den Gläubigern ein Abkommen zu treffen, daß Lungau bis 1. Januar freigegeben werden dürfte. Und dann, so rate ich Dir, schicke den Flori hin, er hat sich trefflich eingearbeitet, und die Liebe zur Scholle treibt in ihm eine hoffnungsvolle Blüte, Du aber bist dem Jägerbauernhof so viel schuldig, daß Du ihn nicht verlassen darfst. Nächstens besuche ich Dich, dann wollen wir weiter reden. Meinen Handkuß an die verehrte Gattin, die meinen Glauben an die Rasse nur befestigt hat.«

Die treffenden Worte des Freundes nahmen ihm den letzten Zweifel. Jetzt erst drückte er den jungen Leuten bewegt die Hand. »Aber das sag' ich dir, Flori,« fügte er, gewissermaßen seiner Rührung sich schämend, hinzu, »den Hirsch auf der Jägerbauernalm, den der Jakl für dich extra ausgemacht, schieße <i>ich</i> zur Strafe für den Verpatzten –«

»Und ich,« bemerkte jetzt Burgl, »mache auch eine Bedingung. Wenn das halbe Dutzend Buben voll ist, dann darf ich mir einen aussuchen für den Jägerbauernhof.«

»Einverstanden! Mit Hirsch und Buben und mit allem, was ihr wollt!« jubelte jetzt Flori. »Wahrhaftig, so leicht haben wir es uns nicht gedacht. Gel, Margit?«

»Und darum will ich großmütig deiner Mutter,« sagte sie lachend zu Burgl, »das halbe Dutzend auf zwei reduzieren. Der zweite Bub gehört dem Jägerbauernhof, so wahr mir Gott helfe,« setzte sie pathetisch hinzu, die Schwurfinger hebend.

Zu allem Überfluß kam auch der Jakl ganz atemlos herangestolpert. Der Hirsch war keine zehn Schritt von ihm entfernt in die Alm eingezogen. »Ganz was Seltnes. In der Fruah wär' er no' bess'r zu derrat'n, weil er sich hübsch lang auf der Alm verhalt't.«

Ein edler Wettstreit begann zwischen Vater und Sohn. Flori mußte zu seinem Leidwesen nachgeben, es war ihm wahrhaftig nicht um den Hirsch.

Um drei Uhr war schon alles in der Höhe, der Weg war weit bis zur Alm. Margit ließ es sich nicht nehmen, für den Papa den Kaffee zu machen.

Mit hochgeröteten Wangen stand sie an dem offenen Herdfeuer, die üppigen Zöpfe nur notdürftig aufgebunden, im alten Wettermantel, der von früher her noch am Ofen hing.

Flori konnte sich nicht satt sehen an dem Bild, und da soll er in die stockfinstere Nacht hinausgehen um den unglücklichen Hirsch. –

Jakl pressierte und nötigte ihm förmlich die Büchse auf, aber Flori faßte einen plötzlichen Entschluß und reichte sie Schönau. »Vater, ich geh' net. Schau nur grad hin,« er blickte ganz verzückt auf Margit, »was kann einem da noch ein Hirsch sein!«

Schönau war rasch entschlossen. »Flori, du g'hörst nach Lungau.« Mit diesen Worten warf er sich die Büchse über die Achsel und ergriff den Bergstock. »Um 10 Uhr sind wir wieder da, dann geht's hinunter zum Großvater.«

Schönau fühlte sich beruhigt, daß in Flori sein Jägerblut nicht durchschlug; er hatte früher ohnehin gefürchtet, daß er zu feste Wurzeln in der Zell schlagen könnte. Das war jetzt nicht zu befürchten, er wird ein Landmann bleiben, im besten Sinn des Wortes, und den braucht Lungau. –

Man mußte einen weiten Umweg machen, um den höchsten Wechsel, der aus der Alm hinausführte, zu erreichen.

Die Nebel zerrissen, Sterne blitzten am Firmament. Ein Weidmannsheil hätte ihn doppelt gefreut, dann erst gab's eine Verlobungsfeier nach seinem Geschmack.

Die Alm lag totenstill, kein Steinchen rührte sich. Der Stand bot weite Übersicht über das Gebirge und weiter hinaus in die Ebene; das konnte eine Sonnenfeier ohnegleichen geben.

Der Wind zog frisch aus der Alm herauf, die Feder auf Jakls Hut tat den Dienst einer Windfahne. Der erste Schrei drang herauf! Jakl hatte sich nicht getäuscht, eine verdammt gute Lauten.

Offenbar trieb der Hirsch sein Mutterwild zum Einzug zusammen, auf allen Seiten gingen Steine ab. Nur etwas zu friedlich war es im Kessel, offenbar war kein Beihirsch da.

Langsam stieg der Tag herauf, der Miesing und der Wendelstein zündeten schon ihre Fackeln an, während die Wälder unten in der flüchtigen Nacht noch tiefer versanken.

Wie hell die Zukunft auf einmal vor ihm lag, jede Schwere war verschwunden. Es hätte des guten Rates Löhdorfs gar nicht bedurft, er war längst entschlossen, den Jägerbauernhof nicht mehr zu verlassen. Aber jetzt lag das alles so klar vor ihm, der stumme Vorwurf, daß es nur Feigheit war, daß er sich nicht mehr nach Lungau wagte, fiel jetzt weg, Flori trat an seine Stelle.

Den Alten wird es wohl bitter schmerzen, und das Abkommen, das Burgl mit Margit traf, ist doch sehr fraglicher Art, aber wie Schönau ihn kennt, wird er Flori von seinem altererbten Boden selbst nicht abhalten wollen.

Ein zorniger Schrei brachte ihn wieder in die Gegenwart zurück. Jetzt konnte er mit dem Perspektiv schon die Almfläche übersehen. Zwei Stücke trippelten ratlos hin und her. hinter der Almhütte hervor trat ein Kälbertier, dicht dahinter, den schweren Körper wiegend, den buschigen Hals weit vorgestreckt, – der Hirsch!

Das Hirschfieber schüttelte Schönau jetzt, – das war ihm noch nie passiert, er hatte aber auch in seinem Leben nie solches Geweih gesehen, – ein ganzer Wald von Sprossen, und oben die becherförmige Krone, in deren weißen Enden die ersten rötlichen Lichter spielten.

Ein richtiger Verlobungshirsch! Und den ließ sich der Mensch entgehen in seiner Verliebtheit – Ist das eine garstige Krankheit! dachte Schönau in seinem Jagdfuror.

Das Kälberstück packte richtig den Wechsel an, eine schmale Rinne, die in die Höhe führte. Auf wenige Schritt mußte er kommen. Aber sonderbar, Schönau fand heute seine Ruhe nicht, trotz aller Atemnot Jakls, der hinter ihm keinen Muxer tat.

Wenn er ihn fehlt, ist der ganze Tag verpatzt. Das beste Mittel ist, nicht daran denken, sich in einen Stumpfsinn hineinzwingen.

Aber der Hirsch schrie immer toller und immer näher, jetzt konnte er ihn nicht mehr sehen, das regte ihn noch mehr auf.

Wenn das Kälberstück zu nahe kommt, – die Feder auf Jakls Hut zeigt bedenklichen Windwechsel, – wenn er es schon verlassen hat, um der Jugend nachzujagen, – fast schien es ihm, als ob der Schrei jetzt schwächer lautete. – Wenn – wenn – dieses verdammte Wenn – – wieviel wackere Taten hat das schon verdorben in der Welt.

Schon einmal hatte es ihn viel gekostet, er erinnerte sich genau. Das letzte Hindernis lag klar vor ihm, »Cäsar« unter ihm bebte vor ungeschwächter Kraft, – da kam ihm der böse Gedanke – wenn »Cäsar« nur nicht wieder an der Hürde streift und seine Sprungkraft schwächt, – da flog er schon aus dem Sattel. Nur einen Augenblick verlor er den Glauben, und das Unglück war geschehen.

Jetzt erblickte er den Vorschlag des Mutterstückes, das hinter einem Felsblock hervortrat. Für ihn unsichtbar, schrie der Hirsch. Er hob die Büchse. Wenn der Hirsch an die Stelle des Stückes tritt, dann knallt es. – Viel Zeit war nicht, das Mutterwild windete schon zu ihm herauf, die langen Luser steif vorgeworfen.

Jeder Jäger kennt den verhängnisvollen Augenblick! Schönau sah den Moment kommen, wo er den Atem nicht mehr anhalten konnte. Die Sekunden dehnten sich. – Endlich sprang das Tier beiseite, vom Kalbe gefolgt, sichtlich unschlüssig, ob herauf oder hinunter. Jetzt schob sich der mächtige Rumpf des Hirsches vor.

Da war es aus mit dem Fieber, Rohr und Auge sind eins. Der Schuß prallte gegen die Wände! Der Hirsch stürzt erst in die Vorderläufe, dann aus und hinunter wie ein Knäuel, in eine Staubwolke gehüllt. –

Jakl hatte wieder einen Rückfall in die Bauernjägerei und juchzte laut. Schönau hörte ihn nicht mehr, mit eingestemmtem Bergstock fuhr er dem Hirsch nach, der verendet in einem Almrosenbusch lag, der seinen Sturz gehemmt hatte.

Jetzt zitterten erst die Nerven, als er das seltene Geweih sah. »Jakl, das merk' dir, wir schießen keinen solchen mehr zusammen.«

Seliger Augenblick! Nur der Jäger kann ihn begreifen, fern von jeder Reflexion. Der Urmensch genoß ihn schon vor seiner Beute, und in unserer innersten Menschheit sind wir ja die Alten geblieben.

Da läßt man erst die Nerven sich ausschwingen, zündet sich eine frische Pfeife oder Zigarre an, läßt jedes Ende des Geweihes durch die Finger gleiten, fühlt alle Freuden der Zukunft, wenn es an der Wand hängt, auf einmal.

Schönau hatte dieses Auskosten sich längst angewöhnt, wer vor solchem Hirsch nicht eine Stunde der Betrachtung findet, der verdient ihn nicht.

Eben beriet Schönau mit Jakl, wie der Hirsch am besten hinunter zu bringen wäre, er müßte heute noch im Jägerbauernhof sein, das gäbe erst die rechte Doppelfeier, da klapperten Bergstöcke. Zwei Knechte und Veronika kamen auf die Alm zu, wohl um dort für den endlosen Winter alles vorzubereiten.

Heute war nun einmal so ein ganz besonderer Tag, wo ihm alles hinausging. Er schickte Jakl zu den Leuten und trat den Heimweg zum Jagdhaus an. Jetzt wird er sich doch ärgern, der verliebte Bub, und Margit wird ihn bewundern. Diese Schwäche saß doch noch in ihm; obwohl Margit fast noch ein Kind war, sie war ein Weib, und das genügte.

Der herrlichste Herbsttag war angebrochen. Alle saßen vor der Hütte und erwarteten ihn. Jetzt freute er sich ordentlich über seine Empfindungsfrische, wie ihm das Herz förmlich pochte!

Er brauchte nichts zu erzählen, das Weidmannsheil leuchtete ihm aus dem Gesicht, und Margit übertraf noch seine Erwartungen in ihrer herzlichen Freude. Nun mußte alles haarklein erzählt werden.

»Da hast's, Flori, der wär' dein gewesen, vielleicht reut's dich doch einmal – so ganz aus der Art geschlagen! Mit so einem Hirsch vor die Braut treten! – Mensch – Mensch, ich versteh' dich nicht –«

»Weißt du, Vater, ich hab' mir gedacht, an so einem Morgen darfst du kein Blut vergießen.«

Da war es aus bei Schönau. »Blut! Blut! Wie kann man bei einem Hirsch von Blut – Schweiß heißt's. – Jetzt geb' ich dich auf.« Ganz ärgerlich ging er in die Hütte.

Burgl drängte zum Aufbruch, sie sorgte sich um den Vater. Wer weiß, wie er die Nachricht von der Verlobung nimmt ...

Auf dem Wege begegnete man den beiden Knechten und Jakl, die den Hirsch auf einem Bergschlitten herabschleiften.

Das gab einen Einzug, den man nicht vergessen wird. –

Mit dem alten Jägerbauern ging es rasend abwärts. Nix Schlechteres, als wenn man sich selber überlebt, pflegte er zu sagen. Die Sonne war jetzt seine höchste Freude, gierig sog er jeden Strahl ein, ihr hatte er ja alles zu danken. Wenn sie nur hinter dem Berge hervorlugte, war sie schon auf dem Jägerbauernhof, seine Gründe erwärmend, und am Abend war sie die letzte, die ihn verließ.

So saß er auch jetzt wieder aus seinem Lehnstuhl mitten in ihrem Glast und ließ sich von ihr die alten Knochen erwärmen; dann war es ihm wieder, als wenn ein neuer Saft in ihm ausstieg.

Das Jungvieh von der Alm war jetzt auf der Almweide und umstand den Greis. Er kannte die Geschichte eines jeden Stückes und freute sich an den jugendlichen Bocksprüngen.

»Das hat er wirkli' guat g'macht, der Franz, den Stall hat er in d' Höh' bracht, das muß man ihm lassen, – wenn nur der Flori – – Dann könnt man ruhig sterb'n. Aber das darf net sein, – das arme Lungau hat schon g'nug z' leid'n g'habt, und z'letzt muß' doch sein Blut sein, was ihn wieder aufricht'. Das war eigentlich ein stolzer Gedanke! Wenn er ihm nur eine zweite Burgl zur Frau geben könnt', – aber wo wachsen's denn! Was er wohl für eine bringa wird? A recht a Herrische vielleicht, die von dem alt'n Jägerbauern nix wiss'n will. Es hat seine Muck'n, das Nausheirat 'n aus an Stand, a Stand is halt amal a Stand, und der Herrgott selb'r hat's so eing'richt, drum soll ma nix rumpfusch'n dran.«

Mitten in diese Gedanken hinein ertönte plötzlich lustige Musik.

»Was hab'ns denn heut' schon wied'r? Kein Feiertag a net, ja d' Welt, d' Welt, grad drauf losleb'n und nix arbeit'n.«

Die Klänge kamen immer näher, durch das Dorf auf den Hof zu. Zwischen dem Ahorngeäst blitzte es auf.

»Ja, Herrschaft, wer denn all's –« Er richtete sich an seinem Stock mühsam empor.

Dorfmusikanten! Dann – bald war' ihm der Schreck in alle Glieder gefahren. »Da bring'ns ja auf aner Trag'n – aber dazu spielt man doch kein Landler – und dahinter die Burgl, der Franz, und no zwei – – wahrhaftig der Flori! Aber die andere neben ihm, das Dirndl, – die kenn' i net. Aber das is was Seltsam's.«

Der Mund stand ihm offen. Die Trage kam immer näher. »Mein Seel' – a Hirsch!! Und was für ein'r.«

Jetzt begriff er alles, das ist dem Franz seine Arbeit. Der alte Jäger rührte sich wieder in ihm.

Die Trage wurde vor ihm niedergesetzt.

»Wahrhaftig, der verdienet a Musi,« meinte er. »I gratulier', Franz, oder gar der Flori? – ja, ja, der Flori, er schaut so ganz verhofft aus. – Flori, das freut mi', daß i's no derlebt, den ersten Zeller – –« Er reichte dem jungen Mann die zitternde Hand.

»Aber Vater, schau doch, – er bringt ja was ganz anders wie an Hirsch. Schau doch, da –« Burgl schob Margit vor.

»Das is sein Basl, die kenn' i scho' –«

»Und noch was, Vater, setz' dich erst.« Sie half ihm in den Stuhl. »Seine Braut,« flüsterte sie dann dem Vater zu.

Der starrte mit offenem Munde auf das Paar, dann fuhr er sich mit der Hand über die Stirne. »Das muß i erst, – das kann i net so. – Sei' Braut sagst? Die, die Margit von Lungau – ja aber – aber –«

»Beruhige dich, Vater,« mischte sich jetzt Schönau drein, »ich weiß, was du meinst, aber schau, sie lieben sich halt –«

»Lieben sich halt,« wiederholte der Alte, mit dem Kopfe nickend, »ja, ja, i glaub's a, ja aber – aber in mein' alt'n Schädl geht das net 'nein –«

»Und der zweite Bub, der kommt auf den Jägerbauernhof, das ist schon fest ausg'macht, gel, Margit?«

»Der zweite Bua, sagst? Was für a zweiter Bua.«

»Na, dem Flori sein zweiter Bub halt, der wird nacher der Jägerbauer.«

»Der Jägerbauer –,« der Alte schüttelte ungläubig den Kopf. »Heißen könn'ns 'n ja so, aber werd'n, werd'n kann er's net, – damit is vorbei – Herbsteln tuat's heut arg.« Es schauerte ihn, wie im Frost. »I geh' in d' Stub'n nein.«

Am Abend war verlobungsfest. Die ganze Jägerei war eingeladen. Kein Wunder, daß zuletzt der starke Zehner, dessen Geweih am Ofen stand, fast mehr gefeiert wurde, als das mit sich vollauf beschäftigte Paar.

Der alte Graßl auf der Ofenbank brummte von dem Saustern seines Lohnes, der seinem Herrn auf dem ersten Gang so einen Prügelhirsch brachte. »Bei mir war längst was dazwisch'n Komma, bal a Lüftl, bal a Astl, aber so a jung'r Spritz'r, nix könna hint' und vorn, – aber an Saustern halt, da kannst net dageg'n aus.«

Dann ging's über den Flori her, der sich so ein' Hirsch entgehen ließ, das sei dem alten Sollacher eins der größten Menschheitsrätsel. Nur der alte Bauer, der sich bis dahin nicht ins Gespräch gemischt und nur das junge Paar beobachtet hatte, hielt dem Flori die Stange. »Laßt 's 'n do' sein Weg' geh'n, i sag's grad raus, 's taugt nix für an Bauern, die ganze Jagerei.«

»Er ist aber kein Bauer und wird kein Bauer,« entgegnete mit hochrotem Kopf der Sollacher, der nichts weniger als bauernfreundlich gesinnt war.

»Und i sag' Euch, er is einer und bleibt einer, der Flori, wenn er sich a net so nennt, – und 's wird sein Schad'n net sein.«

Das war so feierlich gesprochen, daß es keine Gegenrede gab.

Als Flori mit heißem Kopf erst nach Mitternacht in die Stube kam, öffnete er das Fenster und blickte in die klare Mondnacht hinaus, die das Gebirge weithin verklärte.

Jetzt packte es ihn doch wie Abschiedsschmerz. Vom Boden stieg ein würziger Geruch auf, den er gierig einatmete, um ihn nie mehr zu vergessen. Es war doch sein Boden, aus dem er herausgewachsen. Er fühlte von neuem seine geheimnisvolle Kraft und schwur sich einen Eid, die Treue, die er von ihm gelernt, auf den Lungauer zu übertragen.

Dann kamen der Sollacher und der Förster etwas unsicheren Schrittes aus dem Hause, dem Dorf zugehend. Zu Flori drang noch ein Teil des Zwiegespräches herauf. »So aus der Art z' schlag'n wia der Flori, aus laut'r Verliebtheit so an Hirsch'n versäuma –,« meinte der Sollacher. »Wird net lang dauern, mein' i,« sagte der Förster, »so schlagt der Jager doch durch. Taugt gar nix, so heiß sein im Anfang, liaber schön stad einiwachs'n in d' Liab, – das is Herr –«

Flori hatte vor lauter hinhorchen gar nicht bemerkt, daß sich noch das Fenster neben ihm geöffnet hatte und Margit sich herausbeugte.

»Nun, Flori, wie lange glaubst du, daß es dauern wird?« fragte sie plötzlich herüber.

»Ewig,« erwiderte er schnell gefaßt, »so ewig wie die Berge hier, Margit.« Er beugte sich weit heraus und haschte mit dem Arm nach ihr, als ob er sie zu sich herüberziehen wollte. Da schlug sie klirrend das Fenster zu. »Siehst du, das ist schon wieder zu heiß für den Anfang. Der Förster hatte schon recht, lieber schön stad einiwachsen in die Lieb', das is Herr.«

Noch ein kindliches Kichern, und es wurde ganz still nebenan.

Der Mond stand jetzt über dem Miesing, in seinen klaren Wänden leuchtete ein kleines Sternchen auf, das war das Kreuz auf der Eiskapelle – –

Dort mitten in Eis und Schnee blitzte zum ersten Male sein Lebenswille auf. Er konnte den Blick nicht wenden davon, bis der Stern erlosch.

 

Jahre sind vergangen seit der frohen Nacht. Flori sitzt schon längst als freier Herr auf Schloß Lungau, als Vater zweier Söhne.

Auf dem Jägerbauernhof herrscht die Baronin Burgl, jetzt eine ehrwürdige Matrone, allein. Vater und Gatte liegen nebeneinander auf dem Kirchhof in Zell, wo die Jägerbauern ihr Erbbegräbnis haben.

Für sie gibt es jetzt nur noch einen Trost, wenn der Flori und seine Gattin mit dem Franzl kommen, dem Zweitgeborenen, der der Großvater auf und nieder ist. Kaum angelangt, tummelt er sich in dem kurzen Gewand wie ein Füllen aus der Weide, gerade als wenn er es schon wisse, daß es einmal seine Weide werden solle.

Leider ist die Zeit immer kurz bemessen. Der Franzl muß lernen, so hart es damit auch geht, so viel, wie es heutzutage unerläßlich ist für einen Jungen, der einmal den Namen Schönau führt. Dann aber hinaus mit ihm auf den Jägerbauernhof, zur Großmutter in die Lehre, an der er mit abgöttischer Liebe hängt.

Und darauf wartet die Burgl, »eher wird mich unser Herrgott net sterben lassen«, – und dieses Warten hilft ihr über alle Leiden des Alters hinweg, die sich auch bei ihr allmählich einstellen.

Dieses Warten in unerschütterlichem Glauben gibt ihr etwas Feierliches, Weltabgewandtes. »Wenige Jahre noch, dann kommt die Zeit. Dann aber mache ich, daß ich zu <i>meinem</i> Franz komme. Es ist mir schon der Platz bereitet zwischen ihm und dem Vater.«

Die Zellerjagd hat der Flori übernommen, obwohl es noch immer nicht so gekommen, wie der Förster damals auf dem Heimweg gemeint, der Jäger in ihm noch immer nicht ausgeschlagen ist. vielleicht war es beim Franzi der Fall, seine Jugendspiele wiesen schon darauf hin; dann soll er die männliche Lust nicht missen, die dem Großvater einst so heilbringend war.

Die Eiskapelle ist in einem besonders heißen Sommer eingegangen und hat das Votivkirchlein mitgerissen. Der Schatz, der der Sage nach unter dem Eise verborgen sein soll, war wohl längst gehoben; so war auch sein Wächter überflüssig, der alte Gamsbock, den Jakl, der Jäger, noch kurz vor dem Sturze gesehen haben will, aber seitdem nicht mehr.

Das Gamswild mied von da an die gefährliche Stelle, in der es noch immer sich rührte und reckte. Ein metallenes Kreuz, das Flori an der für ihn so denkwürdigen Stelle errichtete, sendet jetzt weithin seine Lichtstrahlen, wenn die Sonne oder der Mond über dem weißen Miesing stehen. Und Burgl saugt sie immer wieder in Aug und Herz – und der Franz liegt in ihren Armen und schlägt die Augen auf, – und sie hört ihren Namen rufen, so innig, so aus dem tiefsten Innersten heraus, wie sie ihn nie mehr gehört – – –

Die Zeller sehen mit inniger Verehrung auf zur weißhaarigen Frau auf dem Jägerbauernhof, und die Jungen können es gar nicht mehr glauben, daß die Baronin Burgl doch eigentlich eine richtige Zellerin war.

 

Ende.

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