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Baronin Burgl

Anton von Perfall: Baronin Burgl - Kapitel 11
Quellenangabe
type
authorAnton Freiherr von Perfall
titleBaronin Burgl
publisherVerlag von Paul Parey
year1913
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140107
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Zehntes Kapitel

Schönau arbeitete in den letzten Jahren mit entschiedenem Glück. Was ihm durch die Finger ging, glückte, im Stall und auf dem Spieltisch war er ein gefürchteter Gegner. Seine Idee, aus diesem Wege aus den mißlichen Verhältnissen herausgerissen zu werden, die er einst übernommen, Lungau wieder frei zu bekommen, schien sich zu verwirklichen.

Er wurde immer kühner, immer herausfordernder dem Glück gegenüber. Daß seine Nervenkraft sich immer langsam aufrieb, kam ihm inmitten dieses aufregenden Lebens nicht zum Bewußtsein. Daß trotz allem Gewinn sich sein Besitzstand eher verminderte als mehrte, verschleierte ihm die glänzende Wirtschaft Burgls, die jetzt darin ganz aufging und weit über ihre Zeller Erfahrungen hinausgewachsen war. Darin lag ja ihr einziger Trost, der ihr selbst über manche Kränkung hinweghalf, die sie von seiten Franzens erfahren mußte.

Es war eine starke Veränderung mit ihm vorgegangen. Die ständige Unrast und Sorge des aufregenden, nichts weniger als rationellen Lebens, wie es dieser Lebenskreis mit sich brachte, übte keine gute Wirkung auf ihn aus.

Besonders ihr gegenüber hatte er sich stark verändert, so sehr er auch bestrebt war, es nicht merken zu lassen. Liebe sieht scharf, und Burgl liebte ihn mehr denn je.

Mit ihrem Erfolg in der Gesellschaft war es nicht so weit her, als man ihm prophezeite. Gewiß, die Baronin Burgl galt als eine der originellsten Erscheinungen in dem vornehmen Kreis, die man gerne bei sich sah, und doch war die ganze Art, mit der man ihr huldigte, für sie und Franz eher beleidigend.

Sie war immer gewissermaßen die drollige Figur, das naive Zeller Kind, das in Gnaden aufzunehmen man einmal die Laune hatte. Das war ein ständiges Kokettieren mit der unverfälschten Natürlichkeit der Berge, mit Kraft und Gesundheit, eine ständige Komödie, die man mit ihr spielte.

Auch das entging nicht ihrer Beobachtung, und soweit als nur möglich hielt sie sich von der Gesellschaft ferne und brachte den größten Teil des Winters in Lungau zu, wo die Wirtschaft ihre Gegenwart dringend erforderte.

Flori war ohnehin, zu ihrem großen Schmerze, ihrer Aufsicht entwachsen und auf dringenden Wunsch ihres Gatten in einem adeligen Institut untergebracht, um seine Studien zu beginnen.

So war Schönau zum größten Teil sich selbst überlassen, ein Umstand, der für ihn nur verderblich sein konnte. Das Leben der Großstadt packte ihn wieder mit Geierkrallen. Dabei redete er sich selbst ein, daß er berufen sei, seine noch mehr sich verwirrende wirtschaftliche Lage durch energisches Handeln wieder auf den Damm zu bringen.

Das Handeln bestand aber lediglich in gewissenlosem Wagen, wozu ihm vor allem der Turf die erwünschte Gelegenheit bot.

»Cäsar«, ein Enkelkind des großen »Pembrok«, hatte sich in der Hand eines berühmten Trainers zu einem Pferde ersten Ranges entwickelt. Schon jetzt bildete sich ein förmlicher Sagenkreis darum, obwohl es erst im großen Frühjahrsrennen sich zum erstenmal erproben sollte. Schönau setzte alles daran, das letzte, wenn er mit sich selber ehrlich sein wollte.

Ein großer Sieg kann den Preis eines Stalles verzehnfachen, und dem Urteil aller Sachverständigen nach war er dessen sicher.

Was waren denn alle die spärlichen Einkünfte Lungaus dagegen, um die sich das arme Burgl so quälte! Die Phantasiewerte der Zukunft ließen ihm den reellen Wert seines Grund und Bodens unendlich klein erscheinen, damit war im besten Falle keine Sanierung seiner zerrütteten Verhältnisse mehr möglich.

Jetzt kam er nicht mehr aus dem Sattel. Er wollte trotz aller Mahnung des Trainers den »Cäsar« selbst ans Ziel bringen und beweisen, daß der alte Reitergeist in ihm noch immer beweglich sei.

So blieb dem Trainer nichts übrig, als wenigstens dringend zu einer Vorprobe zu raten, nachdem sein Herr doch so lange Jahre dem Rennplatz fern geblieben.

Es bot sich eine treffliche Gelegenheit in einem Herren-Flachrennen, das eine Woche vor dem großen Tage abgehalten wurde.

Baron Simmern bot ihm seine schon wiederholt als Siegerin hervorgegangene »Kleopatra« zu dem Zweck an. Offenbar steckte die Baronin dahinter. Das reizte Schönau nur, und der sonderbare Zufall: »Cäsar« und »Kleopatra«, – das war ein gutes Omen!

Jetzt war er Feuer und Flamme. Das Studium der »Kleopatra« nahm ihn völlig in Anspruch, und die Baronin unterstützte ihn darin, als seine ständige Begleiterin in der Manege und im Freien.

Sie war eine hervorragende Reiterin. Das war für Schönau ein Vergnügen, dem er sich nicht entziehen konnte. Die alten Kräfte wirkten wieder, das gewisse Parfüm, das ihm schon oft gefährlich wurde, stieg ihm in die Nase.

Er war jetzt wirklich froh, daß Burgl nicht von Lungau loskam, ihre Gegenwart hätte ihn augenblicklich nur gehindert. Am Tage des Rennens mußte sie aber da sein. Er setzte alle Hoffnung darauf, daß er als Sieger über ihre, ja begreiflichen Vorurteile gegen die Rennbahn Herr werden könnte.

 

Ein rhythmisches Schwanken ging durch die unabsehbare, dichtgedrängte Menschenmenge auf dem Rennplatz, dem Schaukeln der Meereswellen in rings geschlossener Bucht ähnlich. Plötzlich allgemeine Erstarrung, dann ein brausend sich dahinwälzendes Hurra, ermunternde Rufe, – eine Reiterschar, dicht ineinander gedrängt, raste in der Bahn vorbei, die bunten Farben, rot, blau, grün, spielten wirr, blitzartig durcheinander, das Knarren des Lederzeuges, das Atemziehen der Pferde, das eigentümliche Ächzen der Reiter beim Ausstoßen der Luft war einen Augenblick hörbar, dann lag die Bahn wieder leer und öde.

Die Köpfe reckten sich, streckten sich. Man schrie, wettete, lachte, fürchtete, hoffte. Die Sonnenstrahlen prallten zurück von dem dürren gelblichen Grasboden, eine Glühhitze zitterte über die endlose Fläche.

Auf dem Sattelplatz sprengten die Reiter hin und her, einander zurufend, mit aufgeregten Bewegungen, während Jockeis kaltblütig, scheinbar interesselos, Pferde hereinführten, abrieben, plaudernd unter der Türe des kleinen Holzhauses standen.

Auf erhöhtem Gerüste saßen die Preisrichter. Echte Sportsgestalten, mit auseinander gespreizten dürren Reiterbeinen, den Lauf des Rennens mit dem Feldstecher beobachtend.

Die größte Erregung herrschte jedoch auf der gegenüber liegenden, mit den Landesfarben und Blumen geschmückten Tribüne, die in dem grellen Lichte ein buntschillerndes, prächtiges Farbenbild bot.

Hier befand sich die Gesellschaft, der Adel, befanden sich die Mitglieder des Hofes, persönliche Bekannte, Freunde, Verwandte der jetzt in der Ferne wieder auftauchenden Reiter, die ja alle diesen Kreisen angehörten.

Hier kam zu dem gewöhnlichen Reiz eines lebensgefährlichen Wettkampfes, der die Massen da unten erregte, noch das prickelnde, nervenaufregende Angstgefühl für den guten Bekannten oder auch Freund, und damit verbunden auch die Anteilnahme an seinem etwaigen Triumph, den man selbst mit geschwellter Brust mitgenießt, außerdem das feinere Verständnis für Reitkunst und Pferde, das hier durch Vererbung in Fleisch und Blut übergegangen, gleichsam als Standesvorrecht in Anspruch genommen wird, ein gewisses verwandtschaftliches Gefühl gegen diese vierfüßigen Aristokraten, die nach demselben Prinzip des Blutes, der Geburt, der Vererbung, ihren hervorragenden Rang unter ihren Artgenossen einnahmen.

Wie jederzeit bei allen waghalsigen Spielen, so war auch hier das zarte Geschlecht sehr stark vertreten. Zierliche Gestalten mit lilienzarten, fast leidend erscheinenden Gesichtchen, die, mit diesem eigentümlichen marmornen, grausamen, leisen Lächeln um die Lippen, durch die Gucker das gefährliche Hindernis bewachten, um den Augenblick ja nicht zu versäumen, wo die Reiterschar darübersetzt und am Ende einer sich – um Gottes willen doch nicht – das Genick bricht! Das wäre ja affrös. Ohnmacht unausbleiblich, Nervenfieber – nein – wo Mannesmut und Kraft weibliche Seelen entzückt. Andere wieder gebärden sich affektiert ängstlich, den Kopf abwendend, die Nachbarin fragend: »Ist nichts passiert? Die armen Tiere!«

Dazwischen sieht man junonisch vornehme Frauenerscheinungen, nachlässig zurückgelehnt, mit jenem kalten, still wollüstigen Zirkusblick, der schon die Gladiatoren des alten Roms traf, nachlässige Worte über die schönen Schultern sprechend, zu ihren Kavalieren rückwärts, unter sinnreichem Fächerspiel, während dem schweifenden Auge kein Blick entging, der ihrer Schönheit galt, mochte er nun von der Tribüne selbst, vom Sattelplatz herüber, oder aus der staubigen, sich drängenden Menge unter ihnen abgefeuert sein, gleichviel, er wurde genossen.

In einer der vordersten Logen, dicht an der Hofloge, saßen drei Damen, auf welche sich eine gewisse Aufmerksamkeit von allen Seiten konzentrierte. Lorgnons wurden hie und da auf sie gerichtet, man flüsterte sich zu, man lächelte hin und wieder spöttisch.

Von den beiden starken, auffallend einfach gekleideten war die eine die Baronin Burgl! Echter Gebirgsschlag, daran konnte keine Toilette etwas ändern. Die andere war die Witwe Schönau aus Lungau. Also zwei echte Landpomeranzen, die kräftig abstachen gegen die dritte Dame in einer äußerst geschmackvollen, wenn auch etwas auffallenden Toilette, ihrem nervösen Gebaren, die Baronin Simmern. Die Freundin Schönaus, hieß es bissig. Eine pikante Frau, Baronin Burgl mag sich in acht nehmen, Rasse bleibt Rasse, und der alte, ausgelebte Simmern ist kein Mann für dieses Weib. – Immer die alte Geschichte! Es taugt nichts, das Ausspringen aus dem Stand. Die arme Burgl! – Eigentlich empörend, wie diese Zimmern sie mit Liebenswürdigkeit umgarnt, den glatten Verrat im Herzen – und doch nicht unverdient, was brauchte sich das Bauernkind in einen Schönau zu verlieben! Solche Unnatur muß sich ja rächen. So bildeten sich jetzt schon die Urteile ringsum.

Burgl ahnte nichts davon. In ihr stritten sich der Unmut über die Haltlosigkeit ihres Gatten, der in ihren Augen seinem sicheren Ruin entgegenging, und die qualvolle Besorgnis um sein Leben, mit der die düstere Vorahnung sie ganz erfüllte.

Das schwere Bauernblut in ihr kam wieder zur Geltung. Dieser ganze Lebenskreis war ihr jetzt verhaßt, vor allem aber dieses frevelhafte Spiel mit Leben und Gut, Franz mußte einsehen, daß er am Rande eines Abgrundes stand, daß seine Verhältnisse solcher Lebensführung nicht entsprachen. In ihrer Heimat würde man einen solch leichtsinnigen Wirtschafter direkt verachtet haben, hier begann er damit erst eine Rolle zu spielen.

Das alles erschien ihr so ungesund. Sie sah ordentlich die alten verderblichen Mächte wieder ihre Fangarme nach ihm ausstrecken, die ihn einst nach Zell geführt.

Ihr treffliches Auge verfolgte mit pochendem Herzen den roten Punkt um die ganze, sich weithin dehnende Rennbahn, – ihren Gatten! Bis jetzt war er immer an der Spitze der bunten Linie, die sich mit Windeseile fortbewegte.

Von allen Seiten ertönte der Ruf »Kleopatra«! Schönau! Wenn er nur aushält!

Auch über Burgl kam jetzt die Erregung, und neben ihr hetzte die rote Baronin in rückhaltloser Leidenschaft. »Herrlich! Herrlich! Meine ›Kleopatra‹! Wie er sie führt! Wie können Sie da so ruhig bleiben, Baronin?« wandte sie sich dann, ohne den Gucker vom Auge zu tun, an Burgl.

»Hallo, der Blaue! Er rückt immer mehr ins Vordertreffen – das ist Palfy! Jetzt hat er ihn – um Gottes willen – ›Kleopatra‹, halt aus! – – Abgeschlagen! Bravo! – Sie können stolz sein auf Ihren Gatten, ein Reiter, ein Mann, ein Mann, – so etwas in Zell – lächerlich! Jetzt hat er wieder die Führung! In einer Minute ist er da, – wie können Sie nur so ruhig – ich zittere – zittere – Bravo! Das war ein Vorstoß!«

Burgl verursachte jedes Wort ihrer Nachbarin bittere Schmerzen. Sie konnte sich zu keiner Begeisterung erheben. Sie sah nur seinen sicheren Ruin in seinem Sieg, dem er entgegenbrauste.

Die ganze Tribüne, die endlosen Reihen der Zuschauer brachen jetzt in Jubel aus. Ein wilder Nervenkrampf schien alles ergriffen zu haben. Taschentücher wurden geschwenkt, wilde Rufe ausgestoßen. Der Name »Schönau« brauste durch die Lüfte.

Die Reiterlinie war bei einer Biegung der Bahn auf einen Augenblick verschwunden. Da brauste es heran, der Boden zitterte, eine Pferdelänge voraus, der Rote, Schönau! Unter brausendem Jubel jagte er durchs Ziel, sich hoch im Sattel hebend, schwenkte er die Mütze.

Es war ein glänzender Sieg! Jetzt riß der Augenblick selbst Burgl hin, aber der laute Jubel der Baronin hielt jeden Freudenausbruch in ihr zurück.

Von der Richtertribüne ertönte das Glockenzeichen, das Rennen war beendet! »Kleopatra« die Siegerin! Ihre braune Haut zitterte und leuchtete, jede Muskel spielte unter ihr.

Burgl starrte nur auf den Reiter, der vor die Tribüne ritt und, den hellen Triumph im Antlitz, grüßte.

Das war nicht mehr der Geliebte von Zell, das war ein anderer, mit dem sie nichts mehr zu tun hatte. Diese Einsicht schnitt ihr urplötzlich durch die Seele. »Jetzt ist er für uns verloren, wenn du ihn nicht noch retten kannst,« sagte regungslos die Schwägerin an ihrer Seite.

Schönaus Blick flog jetzt herüber zur Loge, aber er traf nicht Burgl, sondern die Baronin, die ihm laut zujubelte, daß sich die ganze Aufmerksamkeit rings ihr zuwandte, und wie Haß stieg es jetzt auf in Burgl gegen dieses schamlose Weib, das nicht einmal die Anwesenheit der Gattin in ihre Schranken zurückwies.

Schönau ritt an die Brüstung heran. »Was machst du denn für ein Gesicht?« sprach er Burgl an. »Da sieh dir die Baronin an, so empfängt man den Sieger!« Dann reichte er ihr die Hand und wieder brauste der Ruf: Schönau! durch die Luft, als wäre die neben ihm die Genossin seines Ruhmes, die man mitfeiern wollte.

»Na, hör' mal, Burgl,« sagte er dann, vom Sieg geschwellt. »Das ist doch noch etwas anderes, als ein Zwölferhirsch auf der Alm. Warum hast du denn nicht Flori mitgebracht. Ich glaube sicher, er würde mir recht geben, und du, Schwägerin –,« wandte er sich an die Nachbarin Burgls, »regt sich in dir denn nicht ein bißchen das Ungarblut? Burgl verzeih' ich's ja, aber du – –«

»Ich habe eben an meinen verstorbenen Gatten gedacht, verzeih'. – Dreimal begrüßte ich ihn hier als Sieger –«

»Ah, so ist's gemeint! Und zuletzt, meinst du, war er doch der Unterlegene! Na, dann wart' doch erst den nächsten Sonntag ab, dann wirst du anders denken, ganz anders, Schwägerin. Bis dahin muß ich mich wohl an die Baronin halten, die meine augenblickliche Stimmung besser begreifen kann. – Sie kommen doch heute abend zur Siegesfeier? Ich brauche einen guten Genius, der mir den Kranz des Sieges reicht. Auf Wiedersehen, Burgl, überlege dir's bis dahin, ob du der Baronin die Stelle überlassen willst.«

Reiter sprengten heran und umringten ihn. »Kleopatra« dampfte, und es war höchste Zeit, daß man sie dem Trainer übergab; so ritt er, von Glückwünschen umstürmt, dem Stalle zu.

Baronin Simmern empfahl sich rasch bei den Damen, ihr Mann erwarte sie jedenfalls im Stalle bei »Kleopatra«.

Burgl wäre ihr am liebsten gefolgt, aber die Schwägerin hielt sie zurück. »Nur jetzt keine Eifersucht, sonst ist alles verloren,« warnte diese.

Das Wort stach Burgl in die Seele. Sie haßte und verachtete es, wußte sich bisher völlig rein davon, in diesem Augenblick verstand sie es, aber ihre gesunde Natur bäumte sich förmlich auf dagegen.

Das Renndiner am Abend nahm ihre Fürsorge als Hausfrau völlig in Anspruch und lenkte rasch ihre Gedanken ab, sie war doch im Unrecht, ihre Gleichgültigkeit gegen seinen Erfolg mußte Franz verdrießen, aus diesem Weg entfremdete sie sich ihn immer mehr.

Sie faßte den festen Entschluß, den gemachten Fehler abends wieder gut zu machen, und war fest entschlossen, dieser verhaßten Baronin die Stelle nicht zu überlassen, die Franz in seinem Ärger über sie dieser zugedacht. Und als Schönau vor dem Empfang der Gäste, mit raschem Blick ihre Vorbereitungen musternd, ihr uneingeschränktes Lob erteilte, drückte er sie herzlich, in seltsamer Bewegung, an sich, küßte sie innig, wie schon lange nicht mehr. »Burgl, sei mir nicht böse. Ich bin nun einmal ein schwacher Kerl, habe Mitleid mit mir, es geht vorüber, wirst sehen, es geht vorüber wie ein starkes Gewitter. Nur auswettern lassen, dann scheint die Sonne wieder.«

Die warmen Worte beseligten Burgl in diesem Augenblick. Was lag ihr am Ende am wirtschaftlichen Ruin, an der ganzen drohenden Zukunft, – nur das eine nicht, nur seine Liebe soll er ihr nicht entziehen, nur treu soll er ihr bleiben.

In diesem Punkte gab es für sie kein Kompromiß, da fühlte sie sich ganz als Jägerbauerntochter, von den strengen Lebensanschauungen ihres Standes erfüllt.

Burgl machte sorgfältiger als je Toilette, ihre ganze freudige Sicherheit, die die wenigen gütigen Worte ihres Gatten ihr gegeben, sollte darin ausgedrückt sein.

Noch nie kam ihr vor ihrem Ankleidespiegel der strenge Reiz ihrer Erscheinung so voll zum Bewußtsein, zu streng vielleicht. Sie gab sich Mühe, die Linie etwas weicher zu geben. Ihr voller, einst goldbrauner Arm, war jetzt schneeweiß, ihr tadelloser Nacken trug stolz wie irgendeiner das wohlgeformte Haupt. Sie brauchte eine Dekolletage nicht zu scheuen. Die vielgestaltigen Sorgen der letzten Jahre hatten ihr Antlitz verfeinert und ihm die gesunde Landfarbe geraubt. Jetzt freute sie sich ordentlich darüber und legte noch Puder auf, dann reckte sie sich in den Hüften, betrachtete sich von allen Seiten.

Wahrhaftig, sie konnte doch mit dieser mageren Baronin mit dem brennendroten Haar konkurrieren! Nur die Hände wollten noch immer nicht parieren, sie waren zu breit, zu knochig, die Spuren der Jugendarbeit waren ihnen unverwischbar aufgedrückt. Da half alles Drücken und Maniküren nichts; zuletzt war sie mit ihrer ganzen Erscheinung doch zufrieden und ließ sich das durch ihre Kammerfrau immer wieder bestätigen.

Blau war seine Lieblingsfarbe und stand ihr vortrefflich zu Gesicht, die lange Schleppe, mit der sie allerdings immer noch nicht recht umgehen konnte, hob ihre ganze Erscheinung, die Haarkrone, welche sie sich flechten ließ, stand ihr vortrefflich.

Wenn sie der Vater so sehen könnte, seine Burgl: »Schämst du dich net, so halb nackert unter d' Leut z'geh'n!« das wäre gewiß der mildeste seiner Sprüche – und die Sollacherin, die jetzige Försterin, und der Graßl und der Vent – – Wenn sie doch nur von den alten Erinnerungen loskäme! Das war's ja, was ihren Gatten immer von neuem reizte.

Aber heute sollte er an ihr nichts zu tadeln haben, Baronin Schönau vom Scheitel bis zur Sohle. Den festen Vorsatz faßte sie, hinunter mit der Burgl in die unterste Kammer des Herzens. Wer weiß, ob er sie nicht einmal selber heraufhebt ans Licht.

Es war die höchste Zeit, daß sie fertig wurde, die ersten Gäste waren schon gekommen.

Ihre Erscheinung fiel sichtlich auf. Es entging ihr nicht, daß der gewisse, sie oft verletzende humoristische Ton, mit dem man sonst der Baronin Burgl entgegenzukommen pflegte, plötzlich einem achtungsvolleren gewichen war. Ihre Zuversicht wurde dadurch nur erhöht. – Wie wenig doch dazu gehört, diese Leute umzustimmen, ein bißchen mehr Puder aufgesetzt, eine seidene Schleppe, ein wenig mehr Selbstgefühl, und alles war gewonnen. So fand sie sich besser denn je in ihre Rolle.

Auch Franz war sichtlich angenehm überrascht und der galanteste Gatte. Das bestärkte sie nur in dem Entschluß, ihm von nun an ganz anders entgegenzutreten, ihn zum zweitenmal ganz zu erobern.

Graf Lehdorf, der Senior des ganzen Sportskreises, feierte sie in sichtlicher Weise; als zuletzt Baron Simmern mit seiner Gattin eintrat, war sie erst völlig beruhigt. Diese machte in einer aufdringlichen Toilette einen höchst ungünstigen Eindruck.

Ihre wahre Natur völlig verleugnend, kam ihr Burgl so herzlich entgegen, daß sie die Gegnerin völlig in Verwirrung brachte.

Graf Lehdorf führte sie als Hausdame zum Diner, Franz reichte der Baronin den Arm, sie hatte nicht das geringste unangenehme Gefühl dabei, so überlegen fühlte sie sich in diesem Augenblick.

Mit dem ersten Glas Rheinwein trank ihr Franz über den Tisch herüber zu. Jetzt lachte sie innerlich über den geheimen Verdacht. So frei fühlte sie sich noch nie.

Nach einer warmen Ansprache Lehdorfs, die sich an den Sieger richtete, wandte sich das Gespräch natürlich dem Sport zu. Das »Pferd« beherrschte die Geister, übertriebener Kultus wurde damit getrieben. Der schwüle Dunst erhitzter Pferdeleiber legte sich über den ganzen Raum und reizte alle Sinne.

Burgl wurde dadurch ganz aus dem Gespräch gedrängt, zum Glück unterhielt sich ihr Nachbar mit ihr über wirtschaftliche Fragen. Aber so oft sie einen Blick auf ihren Gatten warf, sah sie sein Antlitz sich tiefer röten, seine Augen wie im Fieber blicken, und die Baronin an seiner Seite, in dem allgemeinen Gesprächsstoff wohl bewandert, schürte noch seine Glut. Oft kam es ihr vor, als flüsterte er ihr im allgemeinen Lärm geheime Worte zu, die ihn sichtlich erregten.

Jetzt war es an der Zeit, den Sieg »Cäsars«, der am nächsten Sonntag in dem großen Hindernisrennen starten sollte, zu feiern.

Seine ganze Genealogie wurde erörtert, seine Chancen und Gefahren, – nur ein Konkurrent war zu fürchten, »Minoru«, aus einem englischen Stall, von seinem Besitzer selbst geritten, aber nicht lange dauerte es, dann wurde auch an diesem Pferde kein gutes Haar gelassen, »Cäsar« war der einzige Unbewegliche.

Lehdorfs Bedenken wurden mit bezeichnendem Achselzucken vermerkt – alter Mann – –

Der Sekt, der in Strömen floß, tat das übrige. Franz glühte auf in jäher Leidenschaft, eine glänzende Zukunft lag vor ihm.

Burgl fror es in ihrem Innersten, trotz der Hitze im Saale. Sie sah das unheilbare Fieber in ihm wüten, und in der Glut seiner Augen sah sie den ganzen Jägerbauernhof zu Asche werden.

Als dann die Gläser auf den Sieg »Cäsars« aneinander klangen, alle sich erhoben und um Schönau sich drängten, da sah Burgl, wie durch einen dichten Nebel, nichts mehr als das Antlitz ihres Gatten, das sich über seine Nachbarin beugte.

Es war ein jäher Schmerz, der sie durchdrang, aber er weckte sie. Jäh sprang sie auf, das Kelchglas in der Hand, drängte sich durch die Franz umringenden Gäste, legte den Arm um seinen Hals und bot ihm das schäumende Glas.

Überrascht von dem unerwarteten Anblick trat man zurück, daß das Paar allein stand. »Ich will alles mit dir teilen, Franz, Leid und Freud!« flüsterte sie mit leiser Stimme ihm zu, »nur an den Flori denk' auch ein bißchen! Seine Mutter spricht zu dir.«

»Ich bitte dich, nur jetzt keine Sentimentalität! Du blamierst mich,« flüsterte er ihr zu, ihren Arm von seinem Nacken lösend.

Da legte es sich wie ein Schleier um ihre Augen, sie mußte ihre letzte Kraft zusammennehmen, um das Glas in ihrer Hand nicht fallen zu lassen, dann hatte sie sich wieder mit einem Ruck: »Meine Herrschaften, wir wollen in das Jagdzimmer gehen. Der Kaffee ist serviert.«

Sie reichte ihrem Tischnachbarn den Arm und verließ den Saal, ohne sich umzusehen.

Die Herren konnten sich so leicht nicht von der Flasche trennen, noch weniger von dem erregten Gesprächsstoff, so folgten nur einzelne der Aufforderung der Hausfrau, während die Jugend im Saal blieb.

Schönau war es unmöglich, sich loszureißen, er sprach sich immer mehr in die Begeisterung hinein. Die kurze Warnung Burgls, ihre mitten im Taumel stark bewegende Hingabe, ihre heroische Selbstüberwindung, die er bewundern mußte, beunruhigten ihn stark. Er wollte sich absichtlich darüber hinwegreden und in eine künstliche Begeisterung versetzen. Er fühlte wie noch nie die Kluft, die in diesem Augenblick sich zwischen ihm und Burgl auftat. Seine Umgebung war ganz dazu angetan, diese noch zu vertiefen, und das schmerzte ihn wiederum; da war es wieder die Baronin, die Balsam aus seine offene Wunde legte.

Sie sprach so mild über Burgl, verteidigte sie gewissermaßen, den Zwiespalt in seiner Seele erratend.

»Sie verlangen zu viel von Ihrer Gattin, lieber Baron. Sie leistet in meinen Augen ohnehin das Möglichste, und ich kann sie nur bewundern. Mehr von ihr zu verlangen, wäre geradezu grausam. Sie müssen schwer leiden darunter, das verstehe ich, aber zuletzt, es war doch Ihre Wahl, und Sie können sich nur gratulieren, daß sie nicht schlimmer ausgefallen. Den wenigsten dürfte so ein Wagnis gelingen. Baronin Burgl ist eine Perle, wenn ihr auch die Fassung fehlt, die Sie verlangen können.«

Jedes Wort brannte in seiner Seele.

»Aber warten Sie nur den nächsten Sonntag ab! Jedes Weib beugt sich dem Sieger! Das empfand ich heute selbst so stark, so stark!« Sie sah ihn mit lüsternen Augen an. »Wie Sie als Erster landeten, wie der Sieg aus Ihren Augen leuchtete, jede Muskel geschwellt, ein Reiterbild ohnegleichen! Es ist ja wahr, das muß Sie gekränkt haben, daß Ihre Gattin das nicht auch empfand. Ich sage Ihnen offen, ich empörte mich in diesem Augenblick über sie und Ihre nüchterne Schwägerin. Schade um ihn, dachte ich mir, daß er in diesem Kreise verkümmern muß. Ja, das dachte ich mir, gerade heraus, das dachte ich mir und mit mir wohl viele, alle, aber das kommt alles anders,« fügte sie, seine Erregung merkend, listig hinzu, »und dann können Sie doppelt stolz darauf sein.«

Schönau sprang auf. »Sie werden entschuldigen, Baronin, aber ich muß etwas Luft schöpfen, meine Krau wird Sie erwarten, ich komme gleich nach.« Er eilte zur Tür, die in den Garten führte, und stürzte sich förmlich hinaus.

Das tat wohl, die frische Nachtluft kühlte seine fiebernde Stirne, aber sie löste nicht die Wirrnis seiner Seele. Sie hatte ganz recht, diese Person, aber sagen durfte sie es nicht. Nein, sie hatte nicht recht. Er liebte Burgl vielleicht mehr als je, nur der häßliche Dämon rührte sich wieder in ihm, der Dämon seines Hauses. Dafür konnte er ja nichts; er brauchte etwas, das sie ihm nicht geben konnte, etwas, das er von ihr gar nicht wollte. Das war das Sonderbare, etwas, das er verachtete und doch begehrte, etwas, das er glücklich niedergerungen draußen in den Bergen und das jetzt plötzlich wieder in ihm aufstand.

Fort, fort, alles liegen und stehen lassen, Burgl nehmen und in die Nacht hinausfliehen – –

Auf einmal wichen die Schleier von seinem Auge, und er sah einen Augenblick klar, den drohenden Ruin, die verratene Burgl, Flori, das frische Zeller Kind – – es war ihm, als müsse er hineinspringen und Burgl holen – und »Cäsar« versteift sich die Beine im Stall – – Den Schönau hat die Angst gepackt, elendig ausgekniffen – aber wie kann man auch von einem Kavalier erwarten, der – – – Da eilte er wirklich die Treppe hinauf, die von der Terrasse in den Garten führte.

Durch das erleuchtete Fenster sah er Burgl im Gespräch mit Graf Lehdorf. Er sprach ihr sichtlich Trost zu, doch sie nickte nur schmerzlich, wie in Erinnerung versunken, mit dem Haupte.

Der Anblick verdroß ihn. Was hatte er ihr denn getan, daß sie das Recht hatte, ihn aufzugeben? Das tat sie in diesem Augenblick. Nun, dann ist auch die Flucht umsonst – – da ist es schon besser, sich von neuem zu betäuben.

Er stieg die Treppe hinauf dem Säulengang zu, da umflatterte ihn plötzlich ein bekanntes Parfüm. Er sah auf, Baronin Simmern stand vor ihm im Dämmer.

»Sie erkälten sich ja, Baron, das Mailüftchen trügt, es geht ein kühler Wind. Spüren Sie ihn denn nicht?«

Jetzt stand sie dicht vor ihm, das Licht, das vom Saale herausdrang, ließ ihr rotes Haar aufleuchten. »Ja, ich fühle ihn, den kühlen Wind, der hier weht,« erwiderte Schönau.

»Nun also, da weichen wir ihm einfach aus, da unten geht er schon nicht mehr.« Sie wies auf den Garten. »Da rührt sich kein Blättchen.«

Er reichte ihr galant den Arm, und sie schritten zusammen die Treppe hinab in den Garten.

Burgl wartete vergebens aus ihren Gatten. Seine Abwesenheit fiel auch den übrigen auf, die sich sämtlich im Jagdzimmer zusammengefunden. Unwillkürlich sah sie sich nach der Baronin um, – sie fehlte.

Lange bezwang sie sich und gab sich alle Mühe, ihre innere Unruhe nicht zu verraten. Ein kühler Luftzug vom Speisesaal machte sich unangenehm fühlbar. Das war ein erwünschter Vorwand, nachzusehen.

Die Tür nach dem Garten zu stand weit offen. Die Diener räumten bereits die Tafel ab.

Blitzartig kam ihr ein Gedanke, der sie nicht mehr losließ. Möglichst unauffällig trat sie auf die Terrasse hinaus, wie um frische Luft zu schöpfen.

Tiefes Dunkel lastete auf dem Garten, aus dem schwerer Blütenduft heraufstieg; nur die Silhouette der Fichten war sichtbar gegen den vom Mondlicht erhellten Himmel.

Kein Laut! Schon wollte sie zurückkehren, da knirschte der Kies unter Tritten. Zwei Gestalten lösten sich vom dunklen Hintergrunde, dicht aneinander gedrängt, leises Flüstern drang heraus, jetzt traf sie ein im Gezweige verlorener Mondstrahl – –

Burgl mußte das Taschentuch vor den Mund pressen, um einen Aufschrei zu unterdrücken, – Franz und die Baronin! Sie näherten sich der weißen Bank, die durch das Dunkel leuchtete.

Burgl verstand die geflüsterten Worte nicht, aber der unterdrückte, anschwellende Ton sagte ihr alles. Die Füße versagten ihr den Dienst, sie empfand jetzt ein schmerzliches Verlangen, die Entwicklung abzuwarten.

Das Paar setzte sich, verschwamm in ein Wesen, lautlos. Die furchtbare Stille, die nun eintrat, war noch schrecklicher für Burgl als das Flüstern. – Die Wandlung ihres Schmerzes in Entrüstung gab ihr die Kraft, sich von dem Anblick loszureißen.

Eine Welt sank in diesem Augenblick für sie in Trümmer, und auf den Trümmern baute sich im Nu ein eiserner Entschluß in ihr auf.

Das Rauschen ihres Kleides aus den Steinfliesen weckte wohl das Paar. Sie hörte den Kies wieder knirschen, ein schlecht unterdrückter Ausruf der Überraschung war vernehmbar. Sie wandte sich nicht mehr und betrat in aller Fassung wieder den Speisesaal.

Aus dem Rauchzimmer dröhnten die lauten Stimmen der Gäste, frohes Gelächter. Man benutzte wohl die Abwesenheit der Damen zu etwas derberem Gesprächsstoff.

Der Ekel erfaßte sie, der Haß gegen diesen ganzen Lebenskreis, der ihr Leben vernichtete.

Als Schönau mit auffallend verstörtem Antlitz nach seiner Frau fragte, wußte niemand Bescheid. Erst der Diener gab Auskunft: »Die Frau Baronin hat sich, von argen Kopfschmerzen befallen, in ihr Zimmer zurückgezogen und läßt sich entschuldigen.«

Das Geräusch des Kleides auf der Treppe, eine Gestalt, die wie ein Phantom der Nacht erschien und verschwand, – Burgl war es, – sie wußte alles!

Eine furchtbare Ernüchterung kam über ihn, die Geister des Weines und der Leidenschaft wichen, und er begriff selbst nicht mehr, was geschehen, wie es geschehen konnte.

Seine völlige Verwirrung, seine künstliche Laune konnte den Gästen nicht entgehen. Irgend etwas war geschehen, was jede Lust plötzlich lähmte. Das laute Wiedererscheinen der Baronin Simmern konnte daran nichts ändern, im Gegenteil, es fiel auf, wie sich die beiden mit den Blicken suchten und doch mieden.

Das Fest endete mit einem Mißklang, dessen Ursprung man sich nicht erklären konnte. Der Aufbruch der Gäste ging völlig unvermittelt vor sich, und der Hausherr machte nicht den geringsten Versuch, ihn noch zu verzögern.

Schönau schlich sich wie ein Verbrecher in den oberen Stock, das dürftige Rüstzeug für seine Verteidigung in seinem wirren Kopfe zusammensuchend.

Burgls Zimmer war versperrt, schüchternes Klopfen fand keine Erwiderung. Schließlich war er ihr dankbar dafür; am Morgen wird er ihr gefaßter entgegentreten können.

Vergebens zerbrach er sich den Kopf, wie es denn so gekommen – – er liebte diese Simmern doch nicht, er dachte nicht daran – ein Rausch, ein Wahn, – oder doch mehr, aber doch nicht so viel, daß eine Frau wie Burgl für immer – – um einen unglücklichen Augenblick, dem jetzt schon die bitterste Reue folgte. – –

Aber wenn er Burgl so überrascht hätte, genügte da der eine Augenblick nicht, um ihr für immer – – Unsinn, – Burgl und er – daher kommt ja das ganze Unglück, daß sie nicht unterscheiden kann – – ein Wagnis, das er unternommen, ein falscher Wahn, daß er da draußen in Zell geheilt von der Krankheit des Blutes, gleichviel – also unheilbar, – und der arme Flori sein Erbe!

Burgl, rette mich noch einmal, wie dort auf der Eiskapelle, – nur einmal noch. – Die hellen Tränen flossen ihm über die Wangen, – dann kam ein tiefer Schlaf über ihn. – –

Es war schon spät am Tage, als er erwachte. Der feste Entschluß war über ihn gekommen, Burgl alle Genugtuung zu geben, die sie verlangen konnte, ein freies Schuldbekenntnis allein konnte da helfen.

So ließ er Burgl durch den Diener mit erheucheltem Gleichmut zu sich bitten.

»Die Frau Baronin ist mit dem Morgenzug abgereist,« war die Antwort.

»Nach Lungau, wie? Mit meiner Schwägerin?«

»Die Frau Baronin ist noch hier.«

»Noch hier, meine Schwägerin. – Ja, aber –« Schönau hielt sich den Kopf. »Haben sich die Damen denn noch gesprochen?«

»Sie nahmen herzlich Abschied, als wenn man auf eine lange Reise geht, sonst weiß ich nichts –,« entgegnete der Diener.

»Als wenn man auf eine lange Reise geht –,« wiederholte Schönau ganz verloren. – »Ich lasse die Baronin bitten, einen Augenblick zu mir zu kommen. Aber rasch, rasch!«

Schönau ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. – Wenn nicht nach Lungau, – das wäre schlimm – denn – denn in den Jägerbauernhof komme ich nicht, dich zu holen, – dann – und der Flori –

Da trat die Schwägerin ein. Sie hatte nach ihrer Gewohnheit das Souper nicht mitgemacht, die schmerzliche Erinnerung an ihren Gatten vorschützend.

»Du hast mit Burgl gesprochen?« sprach Schönau sie erregt an.

»Aber gewiß, warum regst du dich so auf darüber? Sie bekam Nachricht von ihrem Vater, die wohl nicht zum besten lautete, und fuhr mit dem ersten Zuge. Sie wollte dich nach dieser Nacht nicht in der Ruhe stören.«

Schönau ärgerte sich über seine Heftigkeit; die Schwägerin wußte nichts, Burgl hatte geschwiegen. Das war schön von ihr, das rechnete er ihr sehr hoch an. Nach Lungau wäre er ihr sofort gefolgt, die besten Vorsätze im Herzen, aber nach Zell, – nein, das kann er nicht, zu dem Alten. – Die Schamröte stieg ihm bei dem Gedanken in den Kopf, und ganz erbarmungswürdig kam er sich vor, wenn er sich neben den knorrigen Mann stellte. Da gab es kein Vergeben in solchen Dingen, – und zuletzt war er doch er – und der andere der Jägerbauer. Nur nicht zu ernst nehmen die Sache! Sie ist klug, sie liebt ihn, Zell wird die alten Erinnerungen wecken, – sie wird zurückkehren, und alles wird wieder gut werden. – Nur jetzt keine schweren Gedanken, die passen nicht für ein Training, für ein großes Rennen, – fallierte er am Sonntag, so war sein Schicksal besiegelt.

Aber es war ein förmliches Verhängnis, es blieb nicht bei dem einen Schlag, der ihn getroffen.

Die Fideikommißbehörde hatte bereits eine Untersuchungskommission nach Lungau abgesandt. Das Resultat war, daß ihm die Sequestration in nächste Aussicht gestellt wurde. Die Schuldenlast war eine erdrückende, und er mußte selbst zugeben, daß die einzige Rettung noch in einer staatlichen Regelung lag.

Er bat zuletzt nur um Aufschub der Veröffentlichung, bis das große Rennen vorüber, aus dem er nicht mehr ausscheiden konnte. Das Gesuch wurde ihm nur zögernd bewilligt, nur dem Grafen Lehdorf, der von der Behörde als Prokurator aufgestellt war, hatte er diesen Aufschub zu danken.

Jetzt gab es nur noch eine Rehabilitierung für ihn, einen glänzenden Sieg »Cäsars«! Darauf mußten seine ganzen Gedanken gerichtet sein, alles ausgeschaltet, was ihn daran hindern konnte, seelischer Ballast kann dem Reiter ebenso gefährlich werden wie körperlicher.

Die Energie, die er dabei entfaltete gab ihm wieder Hoffnung, noch war er nicht gebrochen, noch war Heilung möglich.

Die Woche verging in endloser Arbeit im Sattel, die alle seine Gedanken konzentrierte. Der bittere Vorwurf, den er Burgl machte, ihn in diesem entscheidenden Augenblick verlassen zu haben, ließ ihm sein Vergehen viel unbedeutender erscheinen, während Graf Lehdorf, der sich mit einem aufopfernden Eifer in die Rechnungsabgaben Lungaus vertiefte, ihm die frohe Hoffnung machte, die Verhältnisse seien besser, als er vermutet, und es sei nicht ausgeschlossen, daß bis zur Volljährigkeit seines Sohnes diese derart saniert werden könnten, daß dieser wieder eventuell als freier Besitzer Lungau übernehmen könnte, falls ihm die Lust dazu vergangen; aber nur bei äußerster Einschränkung seiner persönlichen Ansprüche wäre das zu erreichen.

Schönau dachte sich sein Teil. Nun, vielleicht denkt der Graf ganz anders nach dem Sonntag.

Auf »Cäsar« standen die höchsten Wetten. Der erste Preis an sich war sehr hoch. Ein Sieg hat schon oft einen Stall vor dem sicheren Ruin gerettet, – und dann Adieu, Lungau. Er wird es nicht mehr in Anspruch nehmen, es soll nur für Flori aufbewahrt werden.

Jetzt nahm er plötzlich alles wieder leicht, nicht einmal der Umstand, daß von Burgl nicht die geringste Nachricht eintraf, konnte ihn mehr beunruhigen. In der nächsten Woche fährt er nach Zell und bringt alles in Ordnung.

So kam der große Tag, ein köstlicher, blütenspendender Maitag! Das große Hindernisrennen stand im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Ein höchst aufregender Wettkampf zwischen In- und Ausländer stand bevor, ausschließlich erste Pferde standen auf der Liste. Da war »Minoru«, aus einem englischen Stall, der im vorigen Jahre das große Derby gewonnen, »Bayard«, den der berühmte Jockey Stern in Baden-Baden zum Siege geführt, »Kisber«, der Favorit Ungarns, und andere glorreiche Namen.

Es war eine seltsame Erscheinung, daß bei der erprobten Konkurrenz gerade auf »Cäsar« aus dem bisher doch unbedeutenden Stalle Schönaus alle Augen und Hoffnungen gerichtet waren.

Die Reklame ging ins Ungemessene, obwohl man, abgesehen von seiner trefflichen Abstammung, nichts wußte. Der Ankaufspreis des Hengstes wurde ins Ungeheure übertrieben, einer suggerierte dem anderen die sichere Hoffnung auf seinen Sieg. Unsummen wurden auf ihn gesetzt, der Totalisator blühte wie nie. »Cäsar« wurde zur fixen Idee der öffentlichen Meinung, weit über die Sportkreise hinaus, und zuletzt glaubte man schon an die forttreibende Idee einer solchen.

Die Tribüne war schon eine Stunde vor Beginn des Rennens gefüllt. Der Hof selbst erschien in der Mittelloge; Österreichs und Ungarns erste Namen waren lückenlos vertreten. Ein Offiziersflachrennen, das den Tag eröffnete, machte keine Stimmung, so glänzend es auch anließ. Alles wartete – wartete. –

Dem großen Publikum, soweit es nicht zu dem abgegrenzten Räume der Klubmitglieder Zutritt hatte, war der Anblick der Pferde entzogen; so wurde jede Nachricht, die aus diesem geheiligten Raume drang, mit Jubel begrüßt. Die Nennung eines jeden anderen Namens wurde mit Zischen und Johlen beantwortet; drang aber einmal der »Cäsar« heraus, dann reckten sich die Köpfe, die schwarze Linie der Zuschauer wogte erregt auf und ab, gleichviel, um was es sich handelte.

Da kursierten die tollsten Gerüchte, und alles wurde geglaubt. Zwei der ersten Pferde seien noch im letzten Augenblick zurückgezogen worden aus Angst vor »Cäsar«, dessen Anblick schon Schrecken einflößte. Und der Schönau erst, er war jetzt schon der Held des Rennplatzes, ein Prachtkerl. Wie der im Sattel säße, den sicheren Sieg im Auge. Als irgendwo, irgendwer dagegen die »Minoru« als seinen gefährlichsten Gegner nannte, erhob sich ein wahres Wutgebrüll gegen den Engländer.

Endlich! Ein Glockenzeichen von der Richtertribüne, die zehn Kandidaten kamen aus dem umzäunten Platz herausgeritten. Ein prächtiges Bild! In dem Augenblick ging wie zur Abkühlung der erregten Massen eine heftige Dusche vom Himmel nieder. Für gewöhnlich bedeutet das eilige Flucht, doch es dachte niemand daran, noch fester preßte sich die schwarze Linie, und wehe dem, der einen Regenschirm aufspannte.

»Der Rote! Der Rote!« riefen tausend Stimmen.

Schönau ritt auf der Außenseite. Man war fast enttäuscht, neben ihm ritt der Engländer auf der verhaßten »Minoru«. Sie sah unbedingt vornehmer aus als »Cäsar«, der mit Muskeln bepackt war wie ein Ringkämpfer; in seiner feuchten Haut spielten alle Lichter. Sein Reiter war jetzt der Gegenstand stürmischster Kundgebungen, und er grüßte so ritterlich, lächelte so siegesgewiß, daß er die Leidenschaft noch mehr entflammte, – ein solcher Massenwille mußte ja auf Roß und Reiter wirken.

Gottlob, die Dusche war von kurzer Dauer. In dem Moment, wo der Starter das Feld entließ, blickte die Sonne herab und beleuchtete das herrliche Bild. Ein kurzer Anritt und die Pferdeleiber streckten sich, dumpf dröhnte der Boden unter den Hufen, »Kisber« hielt jetzt die Spitze, Graf Sandor hatte sie mit einem jähen Vorstoß gewonnen, und »Minoru« legte sich ihm dicht an die Seite. Schönau hielt sichtlich zurück, das stärkte nur das Zutrauen der Menge, man hielt sich plötzlich mäuschenstill, wie um ihn nicht durch Zurufe zum Aufrücken zu verführen.

Das erste Hindernis dicht vor der großen Tribüne, ein Graben mit Wall, wurde von allen Pferden spielend genommen, nur bei »Cäsar« stäubte der Wall etwas auf, den sein Huf gestreift. Für die Sachverständigen auf der Tribüne war das ein ominöses Zeichen. Das durfte bei diesem Hindernis nicht passieren. »Minoru« flog wie ein Vogel darüber, von »Kisber« arg verdrängt.

Schönau hielt sich noch immer an dritter Stelle. Das Feld verschwand bei einer Biegung, nur aus dem lawinenartig sich fortpflanzenden Jubel der Menge konnte man den Gang des Rennens erraten. Oft stieg er zu ungemessener Höhe, um dann wieder zu verebben. Oft trat peinliche Stille ein. Das war bei den schweren Hindernissen, man fürchtete offenbar, den Reiter durch den Lärm zu stören. Jetzt tauchte das Feld in weiter Ferne auf, kleine farbige Punkte, die schwer zu bestimmen waren. Es war ziemlich auseinander gegangen. Zwei Pferde hielten die Spitze, sie deckten sich fast, nur dann und wann war es, als ob eine rote Flamme sich frei mache, ohne Zweifel Schönau, der mit dem Rivalen um die Spitze kämpfte, dann verschwand alles in einem feinen Nebel.

Noch fünf Minuten, und sie mußten da sein. Die Richtertribüne nahm wieder die Aussicht.

Ein brausender Ruf, jäh emporbrandend, deutlich war »Cäsar« daraus zu hören. Er hatte das vorletzte Hindernis genommen. Ein wildes Drängen nach dem letzten Hindernis, Wassergraben, Wall und Hürde, begann. Doch man kam längst zu spät, eine dichte Menschenmasse drängte sich vor, man hörte schon das dumpfe Dröhnen des Bodens unter den Hufen – atemlose Stille – –

Auch auf der Tribüne vergaß man jetzt jede vornehme Zurückhaltung, alle Augen waren auf das Hindernis gerichtet – »Cäsar« führte das Rennen, um eine Kopfeslänge vor »Minoru«.

Plötzlich ein wilder Aufschrei von Tausenden, der etwas Schreckliches enthielt, – Entsetzen. – Eine Wolke Staub stieg empor. Ein Laufen und Rennen gegen das Hindernis. Man hatte keine Zeit mehr, irgend etwas zu denken. Die Reiter brausten heran, der erste um Pferdelänge voraus.

Man starrte darauf, glaubte an Augentäuschung, die Farbe »Minorus«, kein Zweifel mehr, schon lag er in der Geraden.

Ein Schrei der Wut löste sich aus der Menschenmasse, pflanzte sich fort. »Cäsar« gestürzt! schrie eine gelle Stimme über den Köpfen. –

Da trat eine peinliche Stille ein, um gleich darauf der höchsten Erregung Platz zu machen. Berittene Gendarmen trieben das Publikum zurück, selbst auf den Sieger nicht mehr achtend, eine ganze Kavalkade von Reitern galoppierten zum verhängnisvollen Hindernis. »Cäsar« hat sich beim Sprung die Fesselgelenke zerrissen, der Reiter liegt besinnungslos.

Ein Pistolenschuß fiel vom Hindernis her, – der galt dem »Cäsar«, der Hoffnung des Tages.

Es hätte des wieder einsetzenden Regens gar nicht bedurft, um den traurigen Rückzug der Menge zu veranlassen.

Schönau hatte in dem heißen Bemühen, im letzten Augenblick die gefährliche Konkurrentin »Minoru«, die nur um eine halbe Kopflänge fehlte, abzuschütteln, »Cäsar« übertrieben, so daß er den Sprung etwas zu kurz nahm, die Hürde mitriß und sich wohl mit einem Huf im Strauchwerk verwickelte und am Boden landete, mit seinem Reiter unter sich. In seinen vergeblichen Bemühungen, sich aufzurichten, traf diesen ein Ausschlag, der ihn besinnungslos machte. Sein Gesicht war mit Blut bedeckt, er gab kein Lebenszeichen mehr von sich.

Berittene Gendarmen hielten das Publikum an, das herandrängte, ein Sanitätswagen war augenblicklich zur Stelle.

»Cäsar« lag jetzt keuchend, die Augen verdrehend, mit Schaum bedeckt, er hatte sich die beiden Vorderfesseln gesprengt, an ein Aufkommen war nicht mehr zu denken. Eine Kugel erlöste ihn von seinem Leiden.

Auch im Klubhaus, wohin Schönau eiligst gebracht wurde, gelang es dem Arzt nicht, ihn zum Bewußtsein zu bringen. Die linke Kopfhaut war vom Hufschlag schwer verletzt, und obwohl kein Schädelbruch konstatiert werden konnte, erschien sein Zustand höchst bedenklich.

Graf Lehdorf war der Erste an seinem Schmerzenslager. Er ordnete sofort die Verbringung des Verletzten in das Schönauische Palais an.

Er wußte bereits von der plötzlichen Abreise Burgls, über die, wohl von der Dienerschaft ausgehend, die seltsamsten Gerüchte kursierten. Auf seine Frage nach dem Aufenthalt Burgls erhielt er den Bescheid, sie sei schon vor acht Tagen, gleich nach dem Renndiner, zu ihrem kranken Vater nach Zell gereist. Lehdorf vermutete jetzt instinktiv einen schlimmeren Grund. Daß sie in der Absicht, irgendwie wenigstens ihr Eigentum aus dem Schiffbruch zu retten, den Gatten verließ, war für ihn völlig ausgeschlossen. Er dachte sofort an die Beobachtung, die er bei dem Renndiner gemacht. Es gab nur ein Motiv, das ein Weib wie Burgl zu dem Schritt veranlassen konnte, Eifersucht, und wahrscheinlich berechtigte Eifersucht! Auf der andern Seite stand wohl der unberechtigte Trotz Schönaus, der ihn verhinderte, einen Schritt zur Versöhnung zu tun. – Jetzt stand aber die Sache anders. Schönau lag in Lebensgefahr, und was er auch verschuldet haben mochte, die Strafe völliger Verlassenheit war doch nicht gerechtfertigt. Er sandte sofort ein dringendes Telegramm nach Zell, indem er hinter der Wahrheit nicht zurückblieb.

Die Antwort lautete, wie erwartet: »Komme mit dem nächsten Zug, Burgl.«

Darüber mußte aber die Nacht vergehen, und Lehdorf hielt treu Wacht am Krankenbette. Einmal schien der Kranke wieder zum Bewußtsein kommen zu wollen. Er machte die Bewegungen intensiven Frostes, und der Name Burgl war mehr von seinen Lippen abzulesen, als zu hören. Es war oft, als ob er eine schwere Last von seiner Brust wälzen, sich gewaltsam aufrichten wollte, dabei krallten sich seine Finger in die Bettdecke. Das war wohl das qualvolle Bild seines Sturzes, das sich in seinem kranken Hirne von neuem bildete.

Eine bange Nacht verging, und der Morgen brachte keine Änderung. Lehdorf zählte die Minuten bis zur Ankunft des Zuges, der Burgl bringen mußte.

Auf Burgl hatte der kurze Aufenthalt in der Heimat eine völlig entgegengesetzte Wirkung, als sie erwartete. Die Ruhe stachelte ihren Schmerz nur noch mehr auf, und der Vater verstand es schlecht, ihr darüber hinwegzuhelfen. Sie erwartete seine völlige Entrüstung über ihre Mitteilungen, anstatt dessen sah er darin nur etwas längst Erwartetes, fast Selbstverständliches.

»Laßt sich denn der Mensch wend'n, wia a Jopp'n? Hast denn wirklich glaubt, er wird die Bauerntochter vergess'n? Das kommt davon, wenn man kein' Respekt hat vor sein' Stand. Man kann net Bauer werd'n, wenn man net als solch'r gebor'n, und kann den Bauern net auszieh'n, und grad so geht's den Herrn. Daran kann alle Lieb nix ändern. I hab' dich g'warnt, du hast mir net g'horcht, jetzt trag's a. Dein Mann is lang' net so schlecht, als du dir einbildst. Grad raus, Burgl, wie's ihr zwei halt'n wollt's, du und der Baron, des macht's selb'r miteinand'r aus, aber –« Da straffte sich der Jägerbauer, und aus seinen Augen leuchtete die alte Energie, »was den Flori angeht, da hab' i a mitz'red'n. Er soll net drunt'r z' leid'n hab'n unter der Sach'. Entwed'r, od'r. Entwed'r bleibt er der Baron, dann hab'n wir nix mehr z' tun miteinand'r, oder er wird der Jägerbauer, dann – dann kann er auf mich rech'n. Nur kein so Mischmasch, das leid' i net. Jetzt kennst dich aus.« Damit ließ er sie stehen.

Burgl war aufgewachsen unter der Härte des Vaters, aber jetzt fühlte sie doch, daß sie dieser nicht gewachsen war, daß das Leben draußen, das sie so verachtet, doch eine weichere Linie hatte und von der Starre frei war, die hier den Menschen mit dem Felsen gemeinsam ist.

Etwas davon war auch ihre Erbschaft, und sie fing an, ihr Vorgehen plötzlich in einem anderen Lichte zu betrachten. Die Schuld ihres Mannes fing trotz ihres Widerstandes langsam zu schmelzen an. Recht hatte er ja, der Vater, sie mußte auf einen Rückfall gefaßt sein, durfte das Vergehen ihres Mannes nicht nach den Grundsätzen beurteilen, die sie aus dem Jägerbauernhof von Jugend an eingesogen, sondern nach der Welt, in der er lebte, in die sie sich hineindrängte, in der man nur ein Lächeln hatte für derartige männliche Verirrungen.

Und was tat sie dagegen? Sie ließ ihn allein in seiner Not, in all den Bedrängnissen, die ihm drohten, und am Sonntag besteigt er den »Cäsar«, dieses Unglückspferd, das ihr schon so viel Tränen gekostet, das Symbol seines ganzen unglückseligen Wahns, der allein sie ihm entfremdet.

Böse Ahnung stieg in ihr auf. Sie hatte niemand, dem sie sich offenbaren konnte. Die Försterin, die Sollachertochter, reizte sie nur in ihrer ausgeglichenen Ruhe, in ihrem stillen Glück. Der jetzt schneeweiße Graßl verdroß sie nur, mit seiner langen Spürnase, mit der er förmlich Witterung einsog, und was verstanden erst die übrigen von ihrem Leid, selbst wenn sie es ihnen mitteilen wollte. Und die Berge, in denen noch der Winter hauste, schauten kalt und fühllos auf sie herab.

Nach wenigen Tagen schon faßte sie den Entschluß, zurückzukehren, Flori zu holen, nach dem sie sich so sehnte, und mit ihm vor den Vater zu treten. Aber ebenso rasch verwarf sie den Plan wieder. Sie wollte ihn nicht beunruhigen vor dem großen Tag, seinen Erfolg nicht in Frage stellen. Er wird ihr vielleicht dankbar dafür sein, und der Sieg wird ihn wieder in ihre Arme zurückführen. So blieb sie mit Sorgen und Bangen.

Und er sandte kein gutes Wort, nicht die leiseste Einsicht in seine Schuld. Da kam der Trotz über sie und verdunkelte ihre Seele.

Den Sonntag aber in aller Frühe wanderte sie in die Marienkapelle und rang vor dem Bilde der Himmelskönigin nach ihrem seligen Kinderglauben. Sie kniete nieder unter ihrem Gebet auf den Steinstufen, aber sie fand nicht mehr, was sie suchte, und brach rasch auf.

Draußen zeterten die Stare, der Flieder duftete um die Kirchenmauer, und jedes Bäumchen deckte die weiße Pracht. Mit tiefem Atem sog sie die balsamische Luft ein, als wollte sie neue Jugend trinken. Doch der Trank wirkte nicht, das Herz klopfte, der Kopf schwindelte, und wenn sie stieg, ging ihr der Atem aus.

Der Miesing leuchtete schneeweiß hinab über den dunklen Fichtenwald, mitten drin leuchtete grell ein kleines Sternchen. Es war das Kreuz aus der kleinen Kapelle, die der Vater an der Unglücksstelle, dicht an der Wand hatte errichten lassen. Dieser Strahl wirkte mehr als Glaube und Frühling, er wärmte ordentlich ihr Herz. Die Stunde der Rettung tauchte auf, mit all ihrer Wunderkraft, wie er in ihren Armen vom Tode erwachte zu neuem Leben, aber damals scheute sie auch nicht Not und Tod, um zu ihm zu gelangen, und heute verließ sie ihn, den Armen. Da war er schon wieder, der bittere Vorwurf. Er trieb sie über Wald und Wiesen in sinnlosen Irrgängen. Der Angstschweiß trat ihr auf die Stirne, sie wollte längst nach Hause und vermochte es doch nicht.

Jetzt begann das Rennen, – sie sah ihn vom Volk umjubelt auf »Cäsar«. Sie hörte seine Worte: Überlege es dir, ob du ihr die Rolle des Genius überlassen willst, der mir den Lorbeer reicht. –

Jetzt war es zu spät. Zuletzt lief sie atemlos der Post zu, von unerklärlicher Angst gejagt. Der Vater kam ihr entgegen, etwas Weißes schwingend.

»Na also, hab' mir's ja gleich denkt, er holt dich wieder.«

Es war ein verschlossenes Telegramm. Sie riß es mitten entzwei in ihrer Aufregung: »Kommen Sie sofort, Franz gestürzt, er lebt und erwartet Sie. Lehdorf.«

Lebt und erwartet sie – – Diese Worte verschlangen die übrige Unglücksbotschaft – und er erwartet Sie – las sie immer wieder. Eine Tränenflut verschaffte ihr Erleichterung.

Der Vater hob das Papier auf, das zu Boden gefallen, und las es mit gedankenvollem Kopfnicken. »Jetzt könnt's ja sein, das langt – so leicht gibt sich der net, wirst alleweil no a gut's Stück Arbeit hab'n.«

Burgl empfand nicht mehr die Härte dieser Worte. Jetzt war sie wieder ganz das liebende, zum äußersten Opfer fähige Weib, und alle Leiden waren vergessen. Wie sie war und stand, begab sie sich auf die Reise.

Graf Lehdorf, der den unglücklichen Freund keinen Augenblick verlassen, wartete mit Ungeduld auf die sehnlichst Erwartete. Schönau war noch immer nicht bei Besinnung, doch sein Atem ging ruhiger, die Ohnmacht schien in einen wohltätigen Schlaf übergegangen zu sein.

Er hatte den Flori aus dem Institut kommen lassen, der in schweigendem Entsetzen auf den bewußtlosen Vater blickte. Er war zum blühenden Jüngling erwachsen, der die bäuerliche Abkunft nicht verleugnen konnte. Die kraftvollen, fast schon männlichen Glieder, der feste Blick, die starken, einfachen Linien seines Antlitzes erinnerten an den Großvater. Lehdorf hatte seine Freude daran, aus dem kann einmal der Retter des Geschlechtes erstehen.

Endlich rollte der Wagen in den Eingang, der die Ersehnte brachte. Sie stürmte nur so über die Treppe herauf. Lehdorf, der ihr beruhigend entgegen kam, wurde nicht angehört, ihr starkes Naturell hatte alle Schranken durchbrochen, selbst Floris Gegenwart entging ihr.

Sie faßte den Kranken mit rücksichtslosem Griff und rief ihn laut beim Namen.

Müde schlug er die Augen auf, erst traf sie ein verworrener Blick, der mit dem Erkennen nichts zu tun hatte, dann vergrößerte er sich allmählich, das Bewußtsein rang sich mühsam los, noch vermischt mit wirren Traumbildern – der Mund bildete Worte, die nur Burgl verstand, die sie schon einmal vernahm in Eis und Schnee, und das erste klare Wort, das er sprach, war wie damals an jenem unvergeßlichen Morgen auf der Eiskapelle – Burgl!!! Und wie damals rollte eine schwere Träne über seine Wange.

Der Augenblick war zu heilig für die Worte, tiefes Schweigen herrschte. Jeder empfand die Tiefe des stummen Zwiegespräches, das hier geführt wurde.

Das war Schönaus zweiter Ausstieg aus dem Abgrund zum Licht, er war durchdrungen von dem Bewußtsein und drückte Burgl fester an sich, als ob sie ihm jemand rauben wollte.

Wie eine Erlösung kam es über ihn, die letzten Nebel wichen, er erkannte Flori sowie den treuen Freund und reichte ihnen die Hand. Dann aber verwirrten sich infolge der freudigen Erregung seine Sinne. »Fort, fort« – Er zerrte an dem Verband seiner Stirne, »ich ersticke hier,« rief er mit angstvoller Stimme. »Luft! Luft! – Laßt den Gamsbock liegen, er erdrückt mich – hopp, ›Cäsar‹, hopp, ah –« ein wohliger Seufzer entrang sich seiner Brust. »Hinüber, hinüber! – Den Wettermantel – den Wettermantel – ich erfriere – –«

Ein neuer Schüttelfrost überfiel den Kranken. Der anwesende Arzt drang jetzt energisch auf Ruhe, er könne sonst für nichts stehen.

Burgl und Flori lauschten im Nebenzimmer mit Bangen auf die Atemzüge des Kranken, die immer gleichmäßiger wurden und den erwünschten Schlaf verrieten.

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