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Baronin Burgl

Anton von Perfall: Baronin Burgl - Kapitel 10
Quellenangabe
type
authorAnton Freiherr von Perfall
titleBaronin Burgl
publisherVerlag von Paul Parey
year1913
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140107
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Neuntes Kapitel

Schloß Lungau liegt nahe an der Grenze, an der das goldene Kornland in die bewaldeten Vorberge übergeht, die landschaftlichen Vorzüge des Flachlandes und des Gebirges in sich vereinend.

Aus der ältesten Feudalzeit stammend, blickt es mit seinen geschwärzten Mauern und Türmen gar trutzig vom bewaldeten Hügel ins Land hinaus. Nur über eine aus massivem Stein gewölbte Brücke zugänglich, war es der vollkommenste Ausdruck einer längst verrauschten Zeit und erzählte dem Beschauer je nach seiner eigenen Veranlagung ebenso von gewaltsamen, auf eigene Kraft gestellten Tagen, als von selbstbewußter, schlichter Zurückgezogenheit, in der mehr Stolz lag als in den kostbarsten Palästen.

Die Schönaus saßen so ihre vierhundert Jahre in dem grauen Nest, vom armseligen Anfang eines durch die Gnade seines Fürsten erhobenen armen Rittergeschlechtes aus dem Lungau, das in Blut und Eisen, rastlose Gewalttat auf der Straße, Not und Entbehrung aller Art, Treue, Verrat, große Tat und kleinlichen Kastengeist getaucht war, bis zum glänzenden Ende, das jetzt vor dem alten wappengeschmückten Tore stand. Das mit starker Hand aufzuhalten, traf den neuen Erben, der vor Monaten über die Brücke eingezogen war, den Franz von Schönau!

Die Todesanzeige des Bruders war zu spät eingetroffen, als daß er seinem Begräbnis hätte beiwohnen können; so traf er erst danach mit Burgl und Flori auf Lungau ein in der festen Absicht, die feindselige Haltung der Familie an der Schwägerinwitwe auszulassen.

Die Bevölkerung, weit und breit, war natürlich nicht wenig gespannt auf den neuen Herrn, besonders aber auf die Baronin Burgl.

Diese Benennung war den Kommenden schon längst vorausgeeilt. So kam es, daß die alte Kalesche, die Schönau mit Familie nach Lungau brachte, ein langes, dicht gedrängtes Spalier passieren mußte, das den Schloßplatz hinauf die beiden Seiten der Straße einnahm.

Die Baronin war in tiefer Trauer, und ein dichter Schleier ließ das Antlitz nicht erkennen, nur die Figur erschien hübsch derb und grobknochig. Weit entfernt, daß man sich darüber freute, eine Standesgenossin als Schloßherrin begrüßen zu können, erging man sich in den gehässigsten Sticheleien und Bemerkungen, aus denen Neid und Mißgunst sprachen, höchstens, daß sich für den Flori einige Liebhaber fanden, der den Leuten zuwinkte, als wären es alte Zeller Bekannte.

Franz hörte aber manches kränkende Wort heraus, das nicht dazu beitrug, ihm den Einzug sympathisch zu gestalten. Ein Kettenhund würgte sich in seiner Hütte am Eingang und wies den Ankommenden haßerfüllt die Zähne, als der Wagen durch den Park vor die Brücke fuhr.

Burgl faßte die Hand des Gatten und drückte sie schweigend. Er wußte, was das zu bedeuten habe, und etwas wie Angst legte sich auf seine Seele, hatte er doch bereits am Amtsgericht Dinge über die Verhältnisse in Lungau gehört, die gerade nicht beitrugen, eine Freude über die Erbschaft aufkommen und die Opfer vergessen zu lassen, die er ihr gebracht.

Das Gut war mehr als überschuldet, und der verstorbene Besitzer stand vor seinem völligen Ruin, die Sequestration stand vor der Türe. Es war Franz nur mit Mühe gelungen, ihren Aufschub zu erwirken.

Über die Brücke kam ein Diener in tadelloser Livree, grün mit Silber; während dieser vor ihm eine tiefe Verbeugung machte, kam es Franz vor, als ob sie vor Burgl um einen Grad weniger devot ausfiel, oder hatte ihn das Mißtrauen jetzt schon ganz vergiftet? Das könnte gefährlich werden.

»Melden Sie mich bei der Baronin,« sagte er ungewöhnlich barsch.

»Ich habe Befehl, Herrn Baron auf sein Zimmer zu führen,« sagte der Diener unwirsch.

»Das wird die Erfüllung meines Auftrages nicht hindern, von heute ab befiehlt hier niemand als ich, merken Sie sich das, wenn Sie in meinen Diensten bleiben wollen.«

»Wird halt krank sein, die Baronin,« meinte Burgl, »sonst wär' sie wohl schon lange da.« Sie hatte unverbrüchliches vertrauen zu der Dame mit den derben Händen und den Knochen einer Magd, wie Franz seine Schwägerin immer schilderte.

Man betrat eine Halle, deren Spitzbogengewölbe eine in der Mitte des Raumes stehende Säule aus Porphyr trug, rings blitzten von den Wänden Waffenstücke und Geweihe, im altfranzösischen Kamine loderten mächtige Buchenprügel, altväterliche Stühle mit hohen Lehnen erhöhten die Heimlichkeit des Raumes.

Burgl wagte erst gar nicht, laut zu reden, wie in einer Kirche. Schade, daß die Frau Schwägerin sie nicht da begrüßte, vor dem heimlichen Feuer, von den alten Trophäen rings umgeben, hätte man sich gewiß leicht genähert.

Die Bauerntochter fühlte die breite Behaglichkeit erbangesessenen alten Besitzes heraus, etwas Ehrwürdiges, vor dem sie sich gerne beugte.

Die für sie bereiteten Zimmer waren recht nüchtern dagegen, mit ihren steifen Sofas, vergoldeten Spiegelrahmen und langweiligen Bildern an der Wand, aus denen ihnen nur hochmütige Gesichter entgegenstarrten. Doch sie hatten, ehe sie das Schloß betraten, einen festen Entschluß gefaßt, den sie mit gewohnter Zähigkeit festhielten. Was ihnen auch begegnen möge, sich nur nicht verblüffen lassen, kaltes Blut bewahren.

Am unheimlichsten fühlte sich offenbar der Flori, der ganz schweigsam geworden war, und nur schüchtern auf der äußersten Ecke eines Stuhles saß, als ob er überhaupt nicht dazu gehöre.

»Wie g'fallst dir denn da, Flori?« fragte Franz.

Da schüttelte Flori sein Blondhaupt. »Keine Ofenbank,« sagte er ganz traurig.

»Die sollst du haben, deine Ofenbank,« meinte Franz, »dieselbe wie zu Hause. Wird's dann recht werden, oder was willst du noch?«

»Den Ahorntisch, wo wir immer g'sess'n hab'n.«

»Auch den sollst du bekommen, – noch was?«

»Den Großvater.«

Da stockte schon die Zusage.

»Und den Vent und den Graßl, und die zwei Füll'n und 's Kranzl und – und –«, die blauen Augen irrten weit 'nüber ins Zellertal, und die kleine Brust pochte.

»Und den ganzen Jägerbauernhof, gelt?« ergänzte Franz. »Nun, wart' es nur ab, ob du alles nicht auch hier findest –«

Flori schüttelte energisch den Kopf.

Der Diener meldete, daß die Baronin bereit sei, den Herrn zu empfangen.

Franz hielt es angezeigt, erst allein mit ihr zu sprechen. In dem Zimmer mit alter Holzvertäfelung erkannte er sofort das Zimmer seiner Mutter, in dem er so oft gespielt, vor dem vlämischen Kamine erzählte sie ihm Märchen, und dort in der Ecke aus seidenem Deckchen lag Bijou, ein kleiner Pinscher.

Die Erinnerung stimmte ihn mild und versöhnlich. Er dachte nicht daran, die Schwägerin verdrängen zu wollen; wenn es auf ihn ankam, reiste er am liebsten heute noch zurück nach Zell, aber er fühlte die Verpflichtung, zu retten, was zu retten war, und das war nur möglich, wenn er blieb, und vor allem Burgl, auf deren Wirtschaftstalent er rechnete.

Die Schwägerin ließ ihn lange warten, dann riß der Diener die Türflügel zum Nebenraum auf, und sie trat ein. Sie hatte den Tritt eines Mannes und schwere Bewegungen, die auffallend derben Hände erschienen im Schwarz der Kleidung noch größer, das Antlitz hatte männliche Züge.

Franz kam es vor, als ob sich Burgl ganz gut neben ihr sehen lassen konnte, der geborenen Gräfin Sternberg.

Ihre Begrüßung war sehr gemessen, gar nicht verwandtschaftlich. Das war zum wenigsten unklug.

»Meine Schuld ist es nicht, daß nur ein so trauriger Anlaß, wie der Tod meines Bruders, uns näher bringen konnte,« begann Franz.

»Es wird wohl am besten sein,« erwiderte sie, »über unsere vielleicht gegenseitige Verschuldung nicht mehr lange zu rechten. Du bist jetzt der Herr, und ich bin bereit, den Anordnungen mich zu fügen; ich habe bereits alles für meine Abreise vorbereitet.«

»Das war sehr unnütz,« entgegnete Franz, »du kannst von mir völlig unbelästigt hier bleiben, der ganze zweite Stock steht dir zur Verfügung, auch sollst du in deinen Gewohnheiten nicht im geringsten beirrt werden. Lediglich die traurigen Verhältnisse, unter denen ich Lungau übernehme, und die dir nicht unbekannt sein werden, sind es, die mir die Pflicht auferlegen, meinen Wohnsitz wenigstens auf gewisse Zeit hierher zu verlegen. Wenn es auf mich angekommen wäre – –«

»Wärst du auf dem Jägerbauernhof bei deiner Gattin geblieben,« ergänzte die Baronin mit leisem Spott, »auf dem du dich gewiß glücklich gefühlt hättest.«

»Mag sein, jedenfalls sorgloser. Aber ich habe, wie du weißt, einen Sohn, und für ihn will ich Lungau retten. Ja, ja, lächle nur nicht so skeptisch, – ich – das einstige enfant terrible der Familie, Franz, der Verschwender, der Leichtsinn und Schuldenmacher, als den du mich noch kennst. Das hat sich nämlich gründlich geändert, der Jägerbauernhof hat mich ausgeheilt.«

»Und deine Gattin, die Baronin Burgl?« Es lag eine förmliche Kriegserklärung in dem Tone.

Franz wollte schon auffahren, die Benennung patzte ihm nicht in diesen Wänden, doch er kam nicht dazu.

»O, ich habe schon viel Gutes von ihr gehört; nun, wenn es ihr gelungen ist, aus einem Schönau einen guten Wirtschafter zu machen, mir ist es nicht gelungen. Ihr habt ein unruhiges Blut in euren Adern, ihr Schönaus, das ruht nicht, ich habe es an meinem armen Mann erfahren.« Sie drückte das Taschentuch an die Augen. »Aber lasse dich dadurch nicht irremachen, so ein ganz fremder Saft bringt oft einen fast morschen Stamm zu neuem Blühen. Ich bin sehr begierig, sie kennen zu lernen.«

Auf Franz hatten die Worte der Schwägerin stark gewirkt. Er spürte ordentlich das unruhige Blut der Schönaus, das schon in den wenigen Stunden seines Hierseins gegen alle Tore pochte; die letzte Bemerkung über Burgl freute ihn wieder und ließ ihn das Beste hoffen.

»Wenn du alle Voreingenommenheit vergißt, wird sie dir sehr gut gefallen. Was ihr an äußerlichem Schliff noch fehlt, wird sie in Lungau rasch erlernen, und sie wird dir dankbar sein, wenn du dich ihrer in dieser Beziehung etwas annimmst.«

»Das wird mir allerdings nicht schwer werden, ich kam nicht viel anders wie ein Bauernkind aus Schloß Belye, aus dem mich dein Bruder holte. Ich arbeitete wie ein Knecht in Stall und Feld, wie ich's daheim bei meinen Eltern gelernt. Erst gefiel es ihm, aber dann – dann kam es, wie es bei einem Manne, wie er, kommen mußte. Er bekam mich sichtlich satt und suchte in Wien Zerstreuung. Du weißt ja selbst, wie es so kommt; schöne Frauen, Pferde, Spiel, Lungau hielt unter meiner Pflege lange her, zuletzt brach es fast zusammen unter der Anforderung, die dein Bruder stellte. Ich bin völlig schuldlos, und wenn ich auch als Aristokratin deine Wahl nicht billigen kann, ich begrüße sie mit Freuden, wenn ich sehe, daß ich eine Nachfolgerin habe, die meine jahrelange Arbeit zu schätzen weiß. Jetzt kennst du meine offene Ansicht. Jetzt bitte ich dich, mir deine Frau und deinen Buben zuzuführen. Ich werde mein möglichstes tun, ihnen gerecht zu werden.«

Das klang alles so klar und fest, daß Franz der Schwägerin seine Achtung nicht versagen konnte. Was mußte doch ihr Mann, sein Bruder, für ein haltloser Kunde gewesen sein, daß er trotzdem – – echtes Schönaublut, ihrer Ansicht nach. Als ob es in so einem alten Gemäuer drin stecke, das verfluchte Gift. Nimm dich in acht, Franz!

Er holte Burgl, die es ordentlich drängte, der Frau mit den derben Händen gegenüberzustehen, zu der sie ein so unbegrenztes vertrauen besaß. Die Aufklärung Franzens über den guten Willen der Schwägerin in bezug auf sie wirkte gar nicht mehr, das wußte sie ja alles schon. So kam es, daß sie der Baronin Schönau mit einem Freimut gegenübertrat, der dieser doch nicht angebracht schien. Sie zog sich sichtlich zurück und stellte dadurch von vornherein das Verhältnis fest, in das sie mit Burgl treten wollte. Doch in dem nichts weniger als hübschen Gesicht lag etwas, dem sich Burgl trotzdem nicht entziehen konnte, eine derbe Ehrlichkeit, die ihre Anschauungen nicht verschleiern wollte, das gefiel ihr, – nur der Flori drückte sich ganz ängstlich an die Mutter und sah mit angstvollen Augen auf die große Frau.

Das Gespräch kam rasch auf wirtschaftliche Verhältnisse des Gutes.

»Sie stammen aus einem guten Bauernhaus,« bemerkte die Baronin, »und kennen wohl die Wirtschaft, was Ihnen hier sehr zustatten kommen wird. Lungau ist ein großes Bauerngut, da kann das älteste Schloß nichts daran ändern, in seinem guten Boden liegt seine ganze Kraft; wer vernünftiges von ihm verlangt, dem bietet er zur Genüge, nur den Raubbau kann er nicht vertragen, dagegen wehrt er sich. Der Viehstand ist ausgezeichnet; beste Rasse füllt die Ställe, nur darf man nicht eine Fleisch- und Milchfabrik daraus machen wollen, deren Erlös die Kosten eines unvernünftigen Luxus von Jagden und Rennställen tragen soll. Das ist geschehen wider meinen Willen, sorgen Sie dafür, daß es nicht mehr geschehe, und Sie werden Ihre Freude daran haben. Entschuldige, Franz, daß ich das sage, aber die Schönaus sind alles mögliche, gute Jäger, glänzende Reiter, geistreiche Gesellschafter, voll Lebenskraft und Lebenswillen, aber Wirtschafter sind sie nicht. Es läßt sich das alles in Einklang bringen mit einem bißchen guten Willen. Ich weiß wohl, daß mir diese Ermahnungen dir gegenüber eigentlich nicht zukommen, und sie sollen sich auch gewiß nicht mehr wiederholen, ich möchte dir nur aus meinen langjährigen Erfahrungen heraus etwas zugute kommen lassen. Ich kann dein liebenswürdiges Angebot, zu bleiben, nicht annehmen, ich reise übermorgen mit Margit zu meinem Bruder nach Belye, und Ihr seid eine ständige Mahnerin los.«

»Frau Baronin, wenn's das tun, dann – dann bleib ich auch nicht,« brach jetzt Burgl los. »Wir können uns ja net helfen ohne Ihren guten Rat. Mein Gott, wenn man in einer so kleinen Sach' aufwächst, wo all's in schönster Ordnung ist, kein Pfennig Schulden, und man grad fort zu wirtschaften braucht, das ist ja ganz was anders. Die Angst brächt' mich hier um. Ich bitt' Ihnen, Frau Baronin, grad bis ich mich ein bißl eing'führt hab', bleib'ns, ich werd's Ihnen danken mein Leben lang.«

Die Baronin bewegten sichtlich diese schlichten Worte, es war Burgl, als ob ihr ernstes Antlitz einen zutunlicheren Ausdruck annahm, als ob die Frau aus ihrer Reserve herausgehen wolle, aber eben so rasch verschwand das alles.

»Ich bezweifle, daß Ihr Gatte denselben Wunsch hegt.«

»Ich habe dir dazu keine Veranlassung gegeben,« erwiderte Franz auffallend kühl. »Nur müßte ich bitten, daß mir die beiden Damen auch einen Platz in der Sonne gönnen,« fügte er, ärgerlich über die Vernachlässigung seiner Person, hinzu. »Ich gedenke mich nicht so ausschließlich mit den Rennställen und der Jagd zu beschäftigen, ich bin gar kein so echter Schönau mehr, wie du wohl glaubst, Schwägerin; er wurde mir gründlich ausgetrieben. Nur eins ist davon zurückgeblieben, und das müssen mir die Damen schon lassen, – das Herr sein wollen!«

Burgl hatte ihn noch nie so sprechen hören, sie erschrak ordentlich darüber.

Die Gouvernante brachte die kleine Margit, ein schlankes Mädchen, echt Schönauer Typ, keine Spur von der Mutter. Nur selten mit anderen Kindern verkehrend, hatte sie nur einen Blick für Flori, dessen scheues Wesen ebenfalls sofort dem ihm gewohnten Platz machte. Das so seltsame geistige und körperliche Betasten begann zwischen den beiden Kleinen. Sie fühlten sofort ihre grundsätzliche Verschiedenheit heraus, ohne sich dadurch abgestoßen zu fühlen. Flori streichelte mit der Hand das seidenweiche Blondhaar Margits, während diese mit einer gewissen neugierigen Scheu die derben Knochen des Jägerbauernenkels, seine breiten Schultern und massiven roten Fäuste bewunderte.

Flori eröffnete im reinsten Zellerdialekt das Gespräch, »Hast nacher du a an Wag'n?«

Margit schüttelte den Kopf. »Ich habe aber eine Puppe, die sprechen kann.«

»Mag i net dein Pupp'n,« meinte der Flori.

»Und ich mag keinen Wagen,« erwiderte schmollend Margit.

»Dann setzen wir eben deine Puppe in den Wagen vom Flori,« mischte sich Burgl ein, »und fahren sie spazieren, das läßt sich doch machen.«

Margit wurde sofort zutunlich und ergriff Burgl bei der Hand. »Ja, ja, bitte, mach's, Tante, ich hole gleich meine Puppe.«

Als die Baronin mit Burgl den Ställen zuschritt, um sie einzuführen, folgte den beiden das kleine Pärchen. Margit und Flori zogen einträchtig an dem kleinen Wagen, in dem, stolz aufgerichtet, die sprechende Puppe saß.

Franz aber war zurückgeblieben, er wollte nicht stören, und als ob es selbstverständlich war, daß er als Schönau sich für die Wirtschaft nicht interessiere, forderte ihn weder Burgl noch die Schwägerin auf, ihnen zu folgen.

Das war der erste Verdruß, den er seit seiner Verheiratung über Burgl empfand. Er ging in die Halle und betrachtete die Wände mit den Trophäen und den Waffen; von allen Seiten sprach ritterliche Weidmannschaft, Jahrhunderte hindurch geübt. Mächtige Keiler-Köpfe prangten zwischen den Geweihen, in der Ecke stand hoch aufgerichtet ein Bär, zum Angriff die Pranken erhoben. »Erlegt von Willibild von Schönau aus Lungau, 1736« stand aus dem Sockel. Da rieselte ihm schon wieder die Begierde über den Rücken. Dann erregte die reiche Waffensammlung sein Interesse, rings an den Wänden alles Jagdwaffen, vom gewöhnlichen Sarazenerbogen über die Armbrust in allen Arten und Konstruktionen bis zur ältesten Radschloßbüchse und von da bis zum modernsten Hinterlader. Lauter ausgewählte Stücke, in Gold, Silber und Elfenbein ausgelegt, von feinster Schnitzarbeit, er konnte sich nicht sattsehen.

Beim Teufel, die Weiber hatten ja recht. War das nicht interessanter als die Kuhställe, die er sich lebhaft vorstellen konnte? Er war einmal ein Schönau, dafür konnte er doch nichts, und man kann doch ein ganzes Mannsbild sein und seine Freude an solch ritterlichen Dingen haben. Ja, erst recht! Zum erstenmal nach langer Zeit fühlte er sich wieder von der Standesidee durchdrungen, wie aus weiter Ferne überkam sie ihn plötzlich in diesem altehrwürdigen Raume.

Was verstehen denn die Frauen davon, eine geborene Gräfin Sternberg um kein Haar mehr als die Jägerbauerntochter. Die Waffen, die Geweihe, die Saufedern, uralte Bügeltaschen und Pfeilköcher sprachen zu ihm die Sprache, die er schon als Kind vernommen. Er fing wieder an zu leben wie damals, als seine kleinen Hände noch keine Büchse spannen konnten.

»Unruhig Blut,« sagte die Schwägerin, »Herrenblut eben, und das ist bestes Blut, wenn es nicht entartet.«

Jetzt läutete er dem Diener und befahl ihm, sofort den Gutsförster herzubringen, er sollte ihm über die Jagdverhältnisse von Lungau berichten. Warum sollte er denn nicht seine Zellerkur hier fortsetzen können als eigener Herr! Solche Zwölfer freilich wie der letzte vom Wennebrand, solche laufen hier nicht herum, und keine Wennebrandhütte und keine Eiskapelle mit einem verzauberten Gamsbock, auch kein Birkenstein und kein Jägerbauernhof – – und keine Alm, kein Juchschrei und keine trutzigen Schneiden und Felsburgen – –.

Blitzartig tauchte das alles in ihm auf, und als es erlosch, fror es ihn ordentlich in dem finstern Gemäuer.

Der Förster kam, ein ergrautes Männchen, kein Sollacher und kein Graßl, er glich mehr einem Büromenschen als einem Weidmann. Sein Bericht klang matt und wenig erfreulich.

»Gnaden, der Herr Baron hatten in der letzten Zeit wenig Freude mit der Jagd. Die Pachtsummen wurden auch immer höher, die einzige offizielle Jagd, die nur im Januar abgehalten wurde, verlohnte nicht mehr den großen Aufwand, im vorigen Jahre ist sie bereits ausgefallen.« Der gebliebene Rest war fast lediglich Feldjagd, bis auf die zum Gute gehörige Waldparzelle mit einem ziemlich guten Rehstand. Einige hundert Hähne, Fasanen und Hasen, ein Dutzend Böckl, das sei ungefähr die Jahresstrecke, die in den Händen des Forstpersonals lag.

Das war ein trauriger Bericht, und das zitternde Männchen dazu, das ihn abstattete. Franz versäumte die ganze Gemsbrunft darüber, die jetzt gerade im besten Gange war. Er entließ den Förster ziemlich ungnädig, der ihm gar nicht fähig für neue jagdliche Pläne erschien.

Als die Frauen von ihrem Rundgang durch die Ökonomiegebäude zurückkehrten, fanden sie Franz im Lehnstuhl vor der Feuerstätte in tiefe Gedanken versunken, aus denen sie ihn, sichtlich zu seinem Unbehagen, weckten.

Burgl ließ sich aber dadurch nicht abhalten, dem Gatten ihre helle Begeisterung über den Zustand der ganzen Wirtschaft auszudrücken und die Schwägerin mit uneingeschränktem Lob zu überschütten, daß es augenscheinlich zu viel war. Eine solche Freundschaft, wie sie sich hier anzusetzen schien, gehörte durchaus nicht in seine Berechnung.

»Ich möchte nur wissen, woher dann der völlige Finanzruin kommt, der über Lungau hereingebrochen. Daran kann doch nicht ganz allein mein Bruder schuld sein, oder mein Vater schon, oder alle Schönaus bis zum ersten zurück? Ihr scheint mir ja beide in ein strenges Gericht mit ihnen zu gehen. Wenn das Nest keine Renngäule mehr erträgt, oder dann und wann einen Abstecher nach Wien, dann soll wahrhaftig lieber gleich morgen der Herr Administrator kommen. Ich habe nicht im Sinn, ihm meine jungen Jahre für nichts und wieder nichts zu opfern. Was nicht mehr bestehen kann, soll einfach fallen.«

»Und der Flori?« bemerkte Burgl, starr über diese völlig neuen junkerlichen Anschauungen ihres Mannes, die gleichsam aus diesen alten Mauern zu kriechen schienen.

Der Name weckte ihn sichtlich. »Mein Gott, der Flori, der Flori, bis der dran käme. – Der Flori wird tausendmal glücklicher am Jägerbauernhof, das ist meine Ansicht – –«

»Und die meine auch,« sagte Burgl, »erst recht, und unserm Herrgott hätt' ich dankt, wenn wir zeitlebens auf dem Hof hätten bleiben können, aber jetzt ist's anders kommen, dein eigener Grund und Boden hat dich g'rufen, dich und den Flori. Mir ist's, als ob ich ihn rufen hörte, bleibt mir treu, wie ich euch treu geblieben, viele Jahrhunderte lang, und solch eine Stimm' kann man nicht überhören, das wär' eine Sünd', die sich bitter rächen tät. Ich hab' mir genug g'sehen, Dank der Frau Baronin, es is noch lang nicht so weit g'fehlt. Laß mir meine freie Hand, und ich richt's wieder auf 'n Glanz her, dein Lungau, – und dann – dann seinen treuen Wächter, den Flori, drauf g'setzt, den Herrn, gnädigen Herrn Baron, – und wir zurück auf den Jägerbauernhof und den Vater abgelöst von seiner treuen Wacht, und wieder frisch Hirsch und Gams g'schossen auf dem Miesing und Wennebrand. Da sollst erst sehen, wie dir das taugen wird, dein erfülltes Lebenswerk hinter dir. – Mein Gott, wird das ein Glück und eine Freud'!«

Die innigen, voll empfundenen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht auf Franz. Es war ihm, als hätte man plötzlich die hohen Fenster geöffnet, und frische Bergluft ströme herein in die Halle und vertreibe den modrigen Druck, der sich so schwer auf seine Seele gelegt.

Die Baronin hatte sich unter der Jägerbauerntochter doch etwas anderes vorgestellt, jetzt war sie die Bedrückte und reichte ihr, im Innern abbittend, die Hand.

Franz fühlte sich sofort ernüchtert. Dieser Bund der beiden Frauen paßte ihm nicht; er fand ihn jetzt selber unnatürlich, er hatte auf den Hochmut der geborenen Gräfin Sternberg gerechnet, der sich ihm gegenüber, wie er glaubte, oft genug geäußert. Diesem wäre er mit wahrer Lust entgegengetreten, seine Burgl verteidigend, jetzt fand er eher eine Freundin vor, der es wohl in den Kram paßte, Burgl langsam in ihre Fäden einzuspinnen.

Sein Mißtrauen war geweckt. Was doch da alles hervorkroch aus diesen finsteren Mauerwinkeln an häßlichem Ungetier! Er begann, es jetzt schon zu hassen, das alte Nest, in dem alles noch umzugehen schien, was je seine Seele bedrängte.

 

Drei Jahre waren über diesem Tag des Einzuges auf Schloß Lungau vergangen. Es blickte immer noch gerade so griesgrämig aus den dunklen Tannen. Die neuen Ziegeldächer aus den Ökonomiegebäuden stachen, den Augen ordentlich wehetuend, von dem grauen Gemäuer ab, einen geordneten Betrieb verratend, und aus dem finsteren, vermoosten Park ertönte zur rechten Zeit jubelnder Kinderlärm, der von dem innig befreundeten Pärchen, Flori und Margit, ausging, das sich um graue Mauern und neue Ziegeldächer noch wenig kümmerte.

Die Baronin Schönau war nicht nach Belye gezogen, das unterdes in andere Hände übergegangen war. Burgl und Margit hielten sie immer wieder fest, auch Franz schien ihr Bleiben nur erwünscht zu sein.

Er hatte jetzt immer viel in Wien zu tun, da er es, wie er Burgl erklärte, für vorteilhaft in jeder Beziehung hielt, seine dortigen gesellschaftlichen Verbindungen wieder aufzufrischen.

Burgl konnte dagegen nichts einwenden, nur widersetzte sie sich entschieden seinem Wunsch, sie selbst dort einzuführen, und Franz war auch die ganze Zeit nicht wieder darauf zurückgekommen. Fast daß sie glaubte, Franz sei über ihre Weigerung nichts weniger als ungehalten. Im übrigen war sie so glücklich in der neuen Wirtschaft, die ihr so viel Anregung bot, daß sie an nichts Schlimmes dabei dachte; die Schwägerin war ihr zur wohlmeinenden Freundin geworden, der Flori fühlte sich pudelwohl mit seiner kleinen Margit, seiner Spielgenossin. Vom Vater kamen nur gute Nachrichten. Zweimal hatte sie ihn ausgesucht und ihn förmlich verjüngt vorgefunden im neuen Eifer für den Hof. So wäre es eigentlich viel besser gekommen, als sie bei dem Abschied von Zell meinte.

Nur eines beunruhigte sie mit der Zeit. Die Schwägerin konnte es nicht lassen, immer wieder von ihrem verstorbenen Gatten zu sprechen. Es war ganz seltsam anzuhören, wie das alles vom Anfang ihrer Ehe an gekommen war. Der junge Baron war etwas leicht von Art, ohne jede Anlage zur Wirtschaft; da suchte ihm nun die Mutter die Braut aus, eine junge Gräfin Sternberg, die auf Schloß Belye in Ungarn wie eine Dirn in strenger Arbeitszucht aufgewachsen war. Er liebte sie, er war der beste Mann, Pferd, Jagd und lustige Freunde war sein Leben. Erst ging alles vortrefflich, sie leitete die Wirtschaft, er ging seiner Wege. Sie führten ihn auf die Güter der Nachbarn, Jagd und Rennen nahmen kein Ende, die Familie besaß ja ein kleines Palais in Wien. Immer länger, immer häufiger blieb er aus, immer größere Ansprüche wurden an das Gut gemacht. Er wurde seiner Gattin immer mehr entfremdet, mit Mahnungen fiel sie ihm nur lästig, ihr Schweigen faßte er als Beleidigung aus. Sie war nicht die Frau für große Gesellschaften, sie fühlte das, wenn die Freunde des Gatten zu den Herbstjagden kamen. Sie spielte eine schlechte Rolle unter ihnen, man lächelte sogar über sie, so blieb sie gerne weg. Das war vielleicht ihr Fehler, der sich bitter rächte. Er entfremdete sich vollständig und versank immer mehr in dem Taumel des üppigen Wiener Lebens. So kam, was kommen mußte, der völlige Ruin. Sein plötzlicher Ruin auf der Rennbahn rettete ihn nur vor einer unvermeidlichen Katastrophe.

Burgl hörte aus allem nur eines heraus, die auffallende Ähnlichkeit, wenigstens im Anfang, mit dem Gebaren ihres eigenen Gatten. Sie sah ihn jetzt oft mit prüfenden Augen an, wenn er aus der Stadt zurückkehrte, – wenn seine Krankheit wiederkehrte, vor der er einst in die Waldei geflohen. – Ein Schauer durchzuckte sie dann. Also vor allem nicht in denselben Fehler verfallen wie die Schwägerin, ihn sich nicht entfremden, nur noch mehr lieben, keine Vorwürfe, kein Mißtrauen, nur offene Augen, sich nicht zurückziehen, auf den scheelen Blick der Welt nicht achten, sondern ihm trotzig entgegensehen, kämpfen um ihn, wenn es sein muß, so kommt's der Jägerbauerntochter zu. Unter diesem neuen Entschluß reckte sie sich förmlich empor.

Jetzt war Oktober. Franz hatte sich bisher um die Jägerei nicht viel bekümmert, dieses Schrittgeplänkel im Wald und Feld schmeckte nicht mehr nach dem Hochgebirge, da fehlte alles Große, Heroische, das in der Bergnatur ihn so mächtig gepackt, das schwere Erringen, das männliche Ausharren in Frost und Schnee, all das Unerklärliche, Unfaßbare, das vom Berge herunter über ihn ausstrahlte, und ihn zu einem andern Menschen machte, zu einem Welt- und Menschenverächter, zu einem gläubigen Kind, das in naiver Andacht all die hohen Wunder anbetete, die täglich sich vor ihm bereiteten. Die Jagd hier war nur ein lustiges Spiel im frohen Kreis der Genossen, wie irgendein anderes, wie Theater und Wein und Spiel. Trotzdem tat er alles, durch neue Pachtungen und weidmännische Pflege die Jagd wieder aus einen gehörigen Stand zu bringen.

Drei Jahre hatte er keine Jagden mehr abgehalten, und man wartete sehnlichst darauf, wieder einmal in das gastliche Lungau zu kommen, zur Baronin Burgl! Der Name hatte bereits seinen Weg nach Wien gefunden und dort besondere Neugierde erweckt. Man vermutete schon, er wolle seinen Schatz wohlweislich geheimhalten, bis er ihn, gehörig präpariert, öffentlich zeigen konnte. Um so größer war die Überraschung, als die Einladung zur Herbstjagd nach Lungau kam. Das war eine Sensation für die übersättigte Gesellschaft.

Es war Oktober! Die Natur kennt kein Protektionswesen. Sie überschüttete alles mit Schönheit, alles flammte und lohte, als ob die Farbe sich noch einmal tüchtig austoben wollte vor dem Winter. Da wird die Jägerei zum feurigen Gedicht, und jedes Weidmannsherz betet mit Inbrunst seine begeisterten Strophen.

In Lungau erwartete man die Gäste aus der Stadt und von den umliegenden Gütern. Aus der genauen Vorschrift, welche Burgl von Franz empfing, fühlte sie sehr wohl seine Angst heraus, sie könne ihrer Stellung nicht gewachsen sein.

So weit es sich um äußere Dinge handelte, Anordnung der Tafel, Empfang der Gäste, ließ sie sich das ruhig gefallen; als er aber auch seine Mahnungen aus ihre Person ausdehnen wollte, Toilette, Auftreten, Sitten der Gesellschaft, dem man sich nun einmal fügen müsse, da lächelte sie nur.

»Wart's ab, und dann red'. Du sollst deine Burgl gar nimmer kennen, und wenn du's willst, bleib' ich dann dabei, bis – bis du vielleicht einmal wieder Sehnsucht bekommst nach der alten Burgl.«

»Das habe ich ja jetzt schon,« meinte Franz, in dem sich bei ihren Worten teuere Bilder formten, »aber was willst du, mit den Wölfen muß man heulen –«

Die ersten Wagen fuhren vor, elegante Jagdbreaks nach neuester Wiener Mode, alte Landkaleschen und mit Tannreis geschmückte Leiterwagen, welche die ländlichen Gäste brachten.

Franz war der liebenswürdigste Schloßherr, zum erstenmal spielte er eigentlich diese Rolle, und sie war für ihn wie gemacht. Trotzdem blickte alles neugierig nach den Fenstern, ob man die Sensation nicht irgendwo entdecke, die Baronin Burgl, von der man sich, den Gerüchten nach, die abenteuerlichsten Vorstellungen machte. Die einen sprachen von einem Hünenweib, die es mit jedem Mann aufgenommen. Die anderen von einem wirtschaftlichen Genie, gegen die die Baroninwitwe gar nicht aufkam. Wieder andere erzählten die romantische Rettung des Schloßherrn durch sie auf der Eiskapelle, wie sie sich an dem unheimlichen Schlund an einem Seil hinuntergelassen und ihn mit ihren kräftigen Armen allein ans Licht gebracht hätte, kurz, an Stoff fehlte es nicht zur höchsten Spannung der Neugierde.

Die Herrenjäger versammelten sich in der Halle zum Frühstück. Da waren die beiden Grafen von Rechberg, die Heimhausen und Spauer, die Exzellenz von Biderstein, Kammerherr des Kaisers, Graf Sandrock, Zichi, der alte Magnat, junge Offiziere, die sich an der Vergangenheit Franz' längst nicht mehr stießen. Baron Simmern, der Gutsnachbar, hatte seine in der Gesellschaft vielgefeierte Frau mitgebracht, die mit Gerüchten, die über sie gingen, getrost mit der Schloßherrin konkurrieren konnte. Franz war der liebenswürdigste Wirt, er hätte selbst nicht geglaubt, daß er je wieder so Gefallen an der Gesellschaft finden könne.

Nur Burgl machte ihm Sorgen. Es entging ihm nicht, daß sämtliche Herren nur auf ihren Eintritt warteten, und er kannte diese bösen Münder alle aus alter Erfahrung.

»Aber wo bleibt denn Ihre Gattin?« bemerkte der Baron Simmern. »Sie wird es doch nicht Ihrer Schwägerin nachmachen und uns schneiden? Das wäre gegen die Abmachung, Baron. Sie haben mir sicher versprochen – und Sie müssen wissen, Baron, altmodisch ist mein geringster Fehler. Ah – voilà –«

Der Diener riß die Flügeltüren auf, und Baronin Burgl trat ein. Auf jeder Lippe lag der Name, aber jeder Zug leisen Spottes verschwand aus den Gesichtern.

Diese hohe Erscheinung in schwarzer Seide, diskret mit Gold aufgeputzt, mit der vollen, schwarzen Haarkrone auf dem wohlgeformten Haupte, nahm allgemein gefangen, höchstens der etwas schwerfällige Gang war zu kritisieren, dafür entschädigte eine Natürlichkeit des Sichgebens, die in solchen Fällen am allerseltensten ist. Keine Spur von Ängstlichkeit oder Menschenscheu, dabei war mit verblüffender Sicherheit die Liebenswürdigkeit der Hausfrau den Gästen gegenüber, aus der ein völlig ungewohnter Herzenston sprach, und die Würde ihrer Stellung in Einklang gebracht, daß man darüber den durchklingenden Dialekt, der überdies hier zu Lande nur sympathisch wirkte, ganz überhörte. Franz traute seinen Augen nicht und dachte fast wehmütig zurück an vergangene Zeiten, an das liebe Zellerhütl mit der Goldborte und das Mieder mit dem Goldgeschnür.

Der Erfolg war ein durchschlagender. An Stelle einer gewissen Enttäuschung trat rasch die wahrhafte Freude über einen ganz willkommenen Zuwachs in der Gesellschaft, von dem man sich viel versprechen konnte.

Es kommt ja lediglich auf den Standpunkt an, den man einnimmt. Aus der Bauerntochter, über die man die Nase rümpfte, die von Rechts wegen nicht gesellschaftsfähig war, gegen die man abwehrend die alten Wappenschilde hob, war jetzt eine Abgesandte des geliebten, biederen Bergvolkes geworden, von der die frische Atmosphäre der Höhe erquickend in die fade Luft der Salons wehen wird, die freie Bauerntochter, die Vertreterin eines stolzen Standes, mit dem man sich unwillkürlich verwandt fühlte; dazu dieser beneidenswerte Takt, mit der sie die Umwandlung durchführte, der jedem Respekt einflößte.

Man stand vor einem gesellschaftlichen Ereignis und zweifelte keinen Augenblick an einem sensationellen Erfolg der Baronin in der Gesellschaft.

Franz aber wurde mit Ausdrücken der Bewunderung und des Lobes überhäuft, und man machte es ihm jetzt schon zur dringendsten Pflicht, seine Frau in der Stadt überall einzuführen.

Die Baronin Burgl war gemacht, die Sensation des nächsten Winters.

Franz war nicht recht wohl dabei, er empfand etwas wie Heimweh. Wenn er schon der Zell untreu geworden, so mußte Burgl um so energischer daran festhalten, sonst, das fühlte er, wich ihnen der Boden unter den Füßen.

Die einzige, Baronin Zimmern, konnte ihrer Enttäuschung nicht Herr werden. Sie hoffte im stillen aus eine kleine, harmlose Blamage, welche sie Franz von Herzen gegönnt hätte, und nun stand sie vor einer Frau, an die sie, trotz allem Raffinement, das ihr zu Gebote stand, nicht heranreichen konnte. Sie hatte vor, den guten Engel einer Landpomeranze zu spielen, ihre ganze Protektion ihr zukommen zu lassen, und stand nun einer völlig unnahbaren, ihr weit überlegenen Frau gegenüber, von der sie sich nach wenigen gezierten Worten durchschaut fühlte.

Damit war die Kriegserklärung gegeben. Wie gewöhnlich bei derartigen Frauen, begann sie mit einem Schwall von Liebenswürdigkeiten, der sich Burgl kaum erwehren konnte.

Die Jagd wurde angeblasen, von dem schweren Tokayer angeregt, begab man sich in heiterster Stimmung ans Werk.

Auch Franz hatte die alte Lust gepackt, jetzt freute er sich erst des Erfolges seiner Gattin und der Niederlage, die damit doch alle seine Standesgenossen erlitten. Jetzt, nachdem diese Sorge auch glücklich überwunden, konnte er ja erst glücklich ausleben, und Burgl zeigte es ihm sonnenklar, wie man sich auch in diesem Lebenskreis kerngesund erhalten könne.

Es klappte alles vortrefflich unter seiner Leitung, das war ja auch Kinderspiel gegen so ein Gamstreiben, und doch riegelte es das Blut heilsam auf. Er muß ihm nur bessere Treue halten, dem Weidwerk, gesunder Geist steckt überall darin, ob in den Bergen oder in der Ebene; und reichliche Abhaltung von allem übrigen, zu dem es ihn schon wieder zu drängen anfing. Da war vor allem der Turf, in dem er die größte Gefahr witterte. Ja, wenn es bei der Lust des Pferdes blieb, beim kühnen Wagnis im Sattel, das er so sehr liebte, aber dabei blieb es ja nicht. Da drängen sich wieder mit unheimlicher Kraft die Genossen heran, denen er schon einmal unterlegen, Spiel und Weiber und die Narkosen alle, mit denen man seine Vorwürfe betäubt.

Es war ein so herrlicher Tag, die Luft so voller Kraft, die Farbe so gesättigt, und die Jagd hatte sich unter seiner Pflege glänzend gemacht. Schuß fiel aus Schuß, und der Triumph Burgls ließ ihn innerlich lachen. Er war in bester Laune.

Im zweiten Bogen wollte er sich selbst anstellen. Es galt einer dichten Fichtenjugend, die richtige Fuchsheimat, das war ein Wild, das ihn noch reizte.

Baronin Simmern, die in fescher Jagdtoilette die Herren begleitete, wußte es so einzurichten, daß er sie auf seinen Stand einladen mußte. Angenehm war es nicht, aber die Kavalierpflicht verlangte es.

Er nahm die Baronin nie ernst, deren fragliche Vergangenheit er kannte, über den gewöhnlichen Flirt kam er nie hinaus. Im übrigen war sie ein schönes, reizvolles Weib, ein bißchen haut gout, aber zu den Prüden konnte er sich auch nicht bekennen.

Er mußte lachen, wie sie sich eben an Burgl machte, eine künstliche Natürlichkeit markierend, die ihr gewiß nicht von Herzen kam; wie frei und offen nahm sich Burgl dagegen aus. Und doch konnte mit der Zeit ein solcher Umgang gefährlich für sie werden.

»Warum haben Sie denn Ihre Frau nicht mit?« fragte die Baronin. »Sie hat ja selbst Jägerblut in den Adern, wie ich hörte.«

»Jäger<i>bauernblut</i>, wollen Sie wohl sagen, Gnädige. Hat sie auch, Gott sei Dank. Haben Sie denn überhaupt einen Begriff,« fügte er sichtlich gereizt hinzu, »was das für eine Rasse ist?«

»O und ob, ich schwärmte stets dafür, wenn ich davon gelesen, ich glaubte nur nicht, daß sich diese so rasch abschleifen ließe, ich hielt sie für starrer, selbstbewußter. Ihre Gattin hat uns alle in wenigen Minuten bekehrt, eine vollendete Dame, nur etwas frischer als ein verbrauchter Mensch. Ich bewundere Ihren Einfluß –«

»Umgekehrt, bewundern Sie ihren Einfluß auf mich –«

»Sie scherzen, Baron –«

»Ich scherze gar nicht, das ist die volle Wahrheit, ich wäre ein Verlorener gewesen ohne sie, ich leugne es gar nicht.«

»O, ich habe davon gehört, die Geschichte mit der Eiskapelle. Und glauben Sie, daß eine andere nicht dasselbe für Sie gewagt hätte? Viele, – sehr viele –«

»Ich habe das allerdings anders gemeint,« bemerkte Franz, »aber bleiben wir bei der Eiskapelle. Ich danke heute noch unserm Herrgott, daß es eben keine andere war, hätte sich auch schwer gemacht mit den vielen in den Wänden des Miesings –«

»Das müssen Sie uns noch genauer erzählen, dagegen ist ja alles so banal, was wir erleben.«

Der Lärm tönte heraus, der Trieb begann, die ersten Schüsse fielen.

»Ich rede kein Wort mehr.« Die Baronin setzte sich auf einen Baumstrunk hinter Franz, der sich gewöhnt hatte, die Jagd immer ernst zu nehmen.

Ein Fuchs kam auf dem Riegel geschlichen. Franz hatte das Gewehr schon an der Wange, da schlug er jäh um, nur die weiße Rutenspitze leuchtete noch einmal auf.

Das konnte nur die Baronin gewesen sein, ärgerlich wandte er sich um. Sie saß regungslos, aber ihr Blick hing unverwandt an ihm, und ein Ausdruck lag darin, von dem er nicht wußte, war es Haß oder Verdruß über seinen stummen Vorwurf, eine Bitte oder Forderung.

Er fühlte sich unruhig werden darunter und wandte sich wieder dem Bogen zu.

Wieder blitzte es rot auf im Gestrüpp, Knall und Fall, der rote Ballen am Boden regte sich nicht mehr, und nun ging's los! Der Lärm der Treiber schwoll an, Schüsse krachten an allen Enden dazwischen, ein Rudel Rehe brach durch, Franz holte sich einen guten Sechserbock heraus. Hasen liefen kopflos dazwischen, und wie Raketen stiegen Fasanen auf, um, die Federn sträubend, in vornehmem Fall herabzusinken.

Franz vergaß darüber ganz die Dame hinter sich, erst als der Trieb zu Ende war, sah er sich wieder danach um.

»Warum haben Sie mir denn einen so bösen Blick zugeworfen?« fragte sie, »ich war ja ganz unschuldig an dem Fuchs. Der Lichtblitz Ihres Gewehres war es, der ihn traf, aber so geht es mir immer, nur ich bin das Karnickel! – Oder habe ich Sie gekränkt mit den vielen, sehr vielen, die Sie gerne gerettet hätten? Ja, Sie werden doch nicht glauben, daß Ihre Gattin allein das Recht hat, Sie zu – nun, zu schützen, – zu verehren, zu – zu retten vor irgend etwas, wenn es sein muß! Dann bleiben Sie nur gleich von Wien weg, das sage ich Ihnen, Ihre Landsmänninnen werden sich das nicht nehmen lassen.«

Franz hatte jetzt wieder seine volle Überlegenheit gewonnen, er war ganz stolz darauf, dieser gefährlichen Person gegenüber.

»Glaub' ich ja gar nicht,« bemerkte er nachlässig, während er einem Treiber Auftrag gab, seine Strecke zu sammeln. »Es war einmal – mag sein, aber jetzt ist es ganz anders, seitdem die Liebe mir geschlagen ins rauhe Jägerblut,« fügte er lachend bei. »Leben Sie nur ein paar Jahre in den Bergen, wie ich dort gelebt, so recht inbrünstig, so recht alles abstreifend, von dem, was wir Leben nennen, wie erhaben Sie werden über all das Geflirt und Geflimmer, den ganzen Lebensschwindel, wie frei Sie aufatmen werden, wie erlöst, ja wohl, erlöst,« – er sprach sich jetzt selbst in Eifer hinein – »ohne mehr auf den Baron zu achten, wenn einem ein guter Gamsbock lieber ist als alle Orden und Ehrentitel, und ein gestreckter Kronenhirsch einen zum König machen kann!«

»Wie Sie schwärmen können!« Die Baronin schien selbst von seinem Eifer angesteckt.

»Jagd! Jagd!« fuhr er fort, »wenn Sie wüßten, Baronin, welch einen unversöhnlichen Feind die Sünde an der Jagd hat, wie sie die Brust davon reinigt, das Blut davor schützt – –«

»Ja, aber mein lieber Baron, was habe ich denn mit der Sünde zu tun,« erwiderte jetzt die Baronin mit dem verführerischsten Lächeln, das ihr zu Gebote stand, »da müßte ich doch schon bitten, Herr Schwärmer –«

Jetzt war an Franz die Verlegenheit. Es war kein bloßes versehen, daß er so gesprochen, es kam aus seinem Innersten heraus, es war wirklich die Sünde, die da vor ihm stand, hinter deren weißer Stirne er alles las, was sie bewegte.

Er entschuldigte sich ungeschickt, er sei nun einmal ein Fanatiker der Jagd, der in ihr ein Heilmittel sehe für alle erdenklichen Gebresten des Körpers und der Seele.

Der Knödelbogen, aus einer sonnigen Waldwiese abgehalten, brachte die Damen aus dem Schloß. Man war nicht wenig erstaunt, die Baroninwitwe am Arme der Schloßherrin zu sehen, und unwillkürlich fiel eine gewisse Verwandtschaft zwischen den beiden Frauen auf. Seltsam, seltsam, die ungarische Aristokratin und die Bauerntochter aus Zell, das gab zu denken.

Da zeigte sich der Rasseunterschied viel markanter bei den Kindern, bei Flori, dem stämmigen Bauernbuben, dem ordentlich die Berge aus den offenen blauen Augen sahen, und bei der schlanken Margit, der ausgesprochenen Aristokratin, mit den schwarzen, glänzenden Zigeuneraugen.

Es war drollig mit anzusehen, wie sie nach dem Beispiel Floris, sichtlich ihres intimsten Freundes, herzhaft in die Bratwurst biß, die ihr dieser eigenhändig aus dem Kessel gefischt.

Flori steckte in der kurzen Hose und trug einen kleinen Gamsbart auf dem grünen Hütl, aus seiner Abkunft gewiß keinen Hehl machend.

Als er dem Vater stürmisch entgegengeeilt, hob ihn dieser in die Luft, um ihn dann zur Strecke des vormittags zu führen, aus der ein Fuchs, Hasen, Fasanen in Eintracht des Todes lagen. Flori wurde nicht müde des Wühlens im weichen Pelzwerk, der Freude an dem bunten Gefieder, und doch schien er nicht recht befriedigt, »wenn der Graßl da war, der tat lachen – «

»Warum denn lachen?« fragte Franz.

»No halt über das kleine Sach'. Weißt noch, Vater, wie wir den großen Hirsch 'runterbracht haben von der Alm? Das war halt doch schöner.« Seine blauen Augen leuchteten in der Erinnerung.

Alles ringsum atmete Behaglichkeit, Gesundheit, man sprach den Würsteltöpfen zu und dem frisch Angesteckten. Die Baronin Burgl war die sorgsamste Wirtin, ein Vergnügen, ihr zuzusehen, wie sie selber überall zugriff.

Sie trug sich jetzt mit einem leisen Anklang an die alte Heimat; der grüne Filz mit dem Adlerflaum saß ihr aus dem Haar, der kurze Lodenrock ließ die drallen Waden sehen. Es war eine Freude, sie anzusehen!

Franz war ganz stolz auf ihr Umworbensein, nur die Baronin Simmern störte ihn, die sich immer in ihre Nähe drängte. Was wollte die Person, die offenbar wieder einmal auf Raub ausging und irgend etwas im Schilde führte!

Er fühlte es wie Schande, daß er sich vor ihr fürchtete, und doch war es so. Gerade wenn sie mit Burgl plauderte, erschien sie dagegen wirklich wie die leibhaftige Sünde, das reizte ihn seltsamerweise, und darum fürchtete er sie.

Sie gehörte hinausgewiesen aus dieser keuschen Natur, und doch kamen ihm ganz verwerfliche Gedanken, wenn er auf ihren greisenhaften Mann blickte, der bei allen Gelegenheiten eine mehr komische Rolle spielte.

Burgl verdroß ihn fast in ihrem grünen Hut mit dem Adlerflaum. Das war wie eine Entweihung; was wußte denn diese Baronin von <i>seiner</i> Burgl! Er dachte der Frühstunde bei der Muttergottes von Birkenstein, des heimlichen Abends auf der Wennebrandhütte mit Flori, wo sie so glücklich waren, dagegen war ja das nur ein unwürdiger Maskenscherz, den er ihr streng verbieten wird.

Das Naß trat ihm in die Augen bei den Erinnerungen, und dann regte sich wieder der Stolz über ein Glück, so hoch und hehr, das er von all diesen Menschen allein genossen. Er mußte zur Burgl treten, ihr etwas Liebes sagen, jetzt achtete er der Baronin gar nicht mehr.

Burgl war selig, schon lange hatte er ihr nicht mehr so treu in die Augen geschaut, und da hatte sie sich von den Herren mit der Baronin Simmern aufziehen lassen, die mit ihrem Gatten auf dem Stande war. Nicht daß sie im geringsten darauf etwas gab, die Dame erschien ihrer kraftvollen Natur höchst ungefährlich, aber sie freute sich doch nun über ihn und gab ihm plötzlich einen ganz unkommentmäßigen Kuß, der lauten Jubel erweckte, so frisch und natürlich schmatzte das herein in die frohe Stimmung.

Die Baronin sah sich um alle Wirkung betrogen, richtig ausgestochen. Das war ihr schon lange nicht begegnet, das sollte sie ihr büßen, die Baronin Burgl. Unbezwinglich erschien er ihr noch lange nicht, der Herr Baron, ein Romantiker vom reinsten Wasser, und mit der Romantik war es in Lungau gründlich zu Ende.

Der Nachmittag brachte keine Erhöhung des Erfolges, die Feldtriebe wirkten nicht mehr auf den herbstlichen Wald. Man kehrte müde und hungrig auf das Schloß zurück. Das Jagddiner war trefflich arrangiert, alles einigte sich in dem Lob der Schloßherrin, die sich in ihrer silbergrauen Toilette mit schwarzem Schmelz noch besser präsentierte. Neben ihr saß als einzige Dame neben den Gästen die Baronin Simmern, in feuerroten Damast gekleidet, den schönen Hals mit einer wertvollen Perlenkette geschmückt, während Burgl nur die goldene Brosche mit den Hirschgrandeln vom ersten Zellerhirsch trug, den Franz damals auf dem Kitzlahnerstand geschossen.

Zur Linken der Baronin saß Franz, von dem leuchtenden Rot seiner Nachbarin überstrahlt. Sie ließ keine Ruhe, er mußte die Eiskapellengeschichte erzählen, und wie es ihm immer dabei ging, der mächtige seelische Anteil, den er daran nahm, machte ihn zum leidenschaftlichen Erzähler, dem alles gespannt horchte.– »Als ich aus meiner todähnlichen Ohnmacht erwachte, sah ich das Antlitz meiner Gattin über mir – –«

»Tableau – Rotfeuer!« scherzte die Baronin.

Doch niemand tat mit, es lag etwas in der Stimme des Schloßherrn, das jeden Witz ausschloß.

Burgl aber stieg das Rot ins Gesicht. »Ich wünschte Ihnen nur einmal ein solches Rotfeuer, wie es sich da über uns ergoß von den Miesingwänden herab; Sie täten vielleicht über manches anders denken.«

Es lag ein gut Stück Ärger und Verachtung in ihren Worten, doch die Simmern schien es gar nicht zu bemerken in ihrer heiteren Laune.

»Pardon, Baronin, aber die Erzählung Ihres Gatten war doch eine arge Enttäuschung, ich sah Sie schon, sich an Seilen in den fürchterlichen Schlund hinablassen und den armen Baron mit Ihren starken Armen ans Licht bringen, wie es mir erzählt wurde. Dagegen klang das etwas zahm, die Verlobung bei Sonnenaufgang, – das hätte ich auch zuwege gebracht.«

Man war froh, daß man über ihre letzten Worte noch lachen konnte. Es wäre sonst zu peinlich geworden. Man benutzte die Gelegenheit, aus der Hausherrin noch mehr über ihre heimischen Erlebnisse herauszuholen, schwärmte vom Gebirge und seiner Bevölkerung, beneidete sie um ihre Jugend auf dem Jägerbauernhof, und Burgl, dadurch verführt, gab wirklich ihre schlichten Jugenderinnerungen zum besten. Sie dachte nicht mehr daran, sich ihres früheren Standes zu schämen, im Gegenteil, der Stoff riß sie hin; sie erzählte vom Viehstand, von der Alm, vom Vater, dem besten Bauern weit und breit, von der Waldei und dem Drama der Lisl, vom alten Sollacher und seiner Reserl, vom Graßl und Vent. Sie lebte selbst wieder auf in der Erinnerung und fand kein Ende mehr.

Erst lächelte man über ihre Naivität, dann wurde man selbst gepackt, die frische Bergluft wehte durch den Raum, und das nie ganz verlöschende Sehnen nach der Natur regte sich in jeder Brust.

Das war etwas ganz Neues für diese Gesellschaft, man garantierte dem Schloßherrn den größten Erfolg, wenn er seine Gattin im Winter in die Stadt bringe.

Franz erwartete ein energisches Sträuben Burgls gegen diesen Vorschlag; er täuschte sich aber, Burgl schien gar nicht so abgeneigt, ihre Rolle in der Stadt weiterzuspielen. Da packte ihn schon die Angst um sie. Wenn sie nicht stärker wäre als er, wenn die Eindrücke der Großstadt auf sie, die völlig Unerfahrene, noch stärker wirkten, als auf ihn selbst? Die Früchte des Jägerbauernhofes und der Wennebrandhütte endgültig verloren, sollte er jetzt Burgl auch noch opfern? War das nicht zuviel für das alte Nest Lungau, in dem noch nie ein wahres Glück erblüht?

In seiner Not kam ihm ein rettender Gedanke. Vor einigen Tagen war eine Einladung vom Hofmarschallamt des Herzogs eingelaufen. Mit Burgl und Flori nach Zell, auf die Wennebrandhütte auf einige Wochen! Das wird sie wieder gründlich reinigen, ihn und sie von all den Weltgedanken. Will sie dann noch in die Stadt, kann er es eher mit ihr wagen, er kannte sie zu gut; nur einmal wieder die Lungen voll der starken Gebirgsluft, und die törichten Gedanken sind rasch verflogen.

Jetzt fühlte er sich wieder frei auf der Brust, die köstliche Aussicht warf ihr Licht voraus. Die wirtschaftliche Lage war noch immer eine höchst gefährliche für Lungau, die Sequestration stand immer noch drohend vor der Türe, aber das alles konnte sich ja ändern. Ein bißchen Glück mit seinem kleinen Rennstall, im Spiel, vorsichtig natürlich, kalt Blut, und alles konnte sich ändern und dann – dann fort. Schleunigst mit Weib und Kind nach Zell und dort bescheiden gelebt; bis der Flori majorenn, ist alles in schönster Ordnung, die Schulden getilgt, die Sequestration ausgehoben, und Flori zieht ein als Schloßherr, – ein köstlicher Traum!

Er versank ganz darin und vergaß dabei fast ganz seine Pflicht als Hausherr.

Das Gespräch kam auf den Turf. Es wurde von einem ungarischen Magnaten erzählt, der im vorigen Jahre Unsummen mit seinem Rennstall gewonnen. »Man muß eben die Sache in ein System bringen, auch etwas daran wenden,« meinte einer der Offiziere, »mit dem Dilettantismus ist nichts getan. Wer nicht wagt, gewinnt nicht. Sehen Sie sich doch die Bürgerlichen an, da wird in allem Erdenklichen spekuliert, in Grund und Boden, in Industrie, wo eine Möglichkeit ist, Geld zu verdienen, und wir Aristokraten haben immer das Nachsehen, sitzen auf unsern Gütern und lassen uns jeden guten Bissen vom Munde wegnehmen.«

»Vergessen Sie nicht,« erwiderte der alte Graf Lehdorf, der mit skeptischem Lächeln das Gespräch angehört, »daß bei solider Spekulation, wenige Fälle ausgenommen, nur die Arbeit zum Erfolg hilft, daran fehlt es bei uns, wir arbeiten nicht. Wir sitzen auf unsern altererbten Gütern und lassen die Welt an uns vorbeibrausen, nur in der Arbeit liegt der Erfolg, nicht auf dem Rennplatz und nicht auf dem Spieltisch. Der Stand, der die Arbeit leisten kann in unserer Zeit, muß gedeihen.«

Der Alte sprach das in solcher Erregung, daß man unangenehm davon berührt wurde, wie von einem Weckruf zu ungeeigneter Stunde.

»Aber Herr Graf, nennen Sie das keine Arbeit, im Sattel, am Spieltisch?« bemerkte der zum Ernst wenig aufgelegte Leutnant. »Ich sage Ihnen, ich habe dabei schon Schweiß vergossen, daß kein Holzhacker mit mir rivalisieren kann.«

Jetzt war man endgültig des ernsten Tones satt, der paßt nun einmal nicht für ein Jagddiner. Der Humor des Turf kam an die Reihe. Das Pferd war jetzt der gefeierte Gegenstand des Gespräches, da merkte man erst, daß dies eigentlich das Lebenselement der Tafelrunde war. Man sprach vom großen Pembroksohne aus der Graditzer »Corinna« des Grafen Hatzfeld, der im Frühjahr das große Rennen in der Freudenau gewonnen, dem Stolz Österreichs, – von berühmten Herrenreitern, die seit Jahren siegreich im Sattel waren. Es gab da Namen, die eine förmliche Aureole umgab, die man sichtlich ehrfürchtig nannte.

Die Gesichter erhitzten sich, die Augen flammten, das war doch noch etwas anderes, als Hasen und Fasanen schießen.

Auch Franz wurde ergriffen, der Husar wachte auf in ihm. Er erzählte von seinem eigenen Sattel manch kühnes Reiterstück, und in seinem Stall stand »Cleopatra«, englisches Vollblut, ein erstklassiges Pferd, auf das Sachverständige die größte Hoffnung setzten.

Da begann die reinste Hetze, alles drang auf ihn ein, sprach von sportlichen Verpflichtungen, die er mit seinem Namen habe. Deshalb brauche man noch lange nicht den ganzen Schwindel, der leider um den Sport sich lege, mitzumachen. Die Gesellschaft, das Spiel, die ewigen Abfütterungen und maßlosen Kneipereien, das könne man ja den jungen Herren überlassen, für den rechten Reiter handle es sich nur um das Pferd und die Lust im Sattel, wie für den echten Jäger nur um das Weidwerk.

Der Rennplatz wogte von Menschen, das Volk brüllte dem Sieger zu, die grellen Farben der Jockeis blitzten im Frühjahrssonnenglanz, an den schäumenden Pferdeleibern zitterte jedes Äderchen.

Franz fieberte. Die wilde Reiterlust von einst hatte ihn ergriffen, es war ihm, als ob er wieder zu neuem Leben erwache, gegen das die letzten Jahre einem Schlafe glichen, und neben ihm schürte die Rote das Feuer, seine ganzen Reitererinnerungen weckend, lüsterne Bilder heraufbeschwörend. Er sprach dem Weine mehr zu, als er gewohnt, das heiße Blut ließ die Baronin verführerisch erscheinen. Das war es gerade, was ihm immer gefährlich wurde, dieser leise überlegene Spott stark sinnlicher Frauen.

Sie erhitzte sich im Gedanken, ihn als Sieger zu sehen, und wußte dieses Bild, in ihrer eigenen Begierde flammend, vor ihn hinzustellen.

Burgl dagegen bewahrte kaltes Blut, es entging ihr nicht die Wirkung dieser Gespräche auf Franz, noch nie sah sie ihn so erregt, und ihr Herz schlug bange. Ihr Blick richtete sich wie hilfesuchend auf die Schwägerin.

Doch diese saß den ganzen Abend unnahbar wie ein Marmorbild und beteiligte sich nicht an dem Gespräch, nur jetzt kam es Burgl vor, als ob ein tiefschmerzlicher Zug sich darin zeige.

Franz verdroß sichtlich ihr auffallendes plötzliches verstummen, obwohl er den Grund ahnte. Für so etwas fehlte ihm aber doch das Verständnis, so war es ganz natürlich, daß er seiner Nachbarin zur Linken sein Ohr lieh, die jetzt schon von seinen Erfolgen schwärmte.

Der alte Graf Lehdorf, der die peinliche Situation der Schloßherrin wohl fühlte, durch diesen Gesprächsstoff völlig aus der Unterhaltung gedrängt zu sein, klopfte an sein Glas.

Allgemeine plötzliche Stille.

Der Graf apostrophierte die Schloßherrin als »Baronin Burgl«. Erst verlegenes Staunen, dann allgemeiner Beifall, der alte Graf konnte sich das erlauben.

»Ich habe mir das Recht, Sie so zu nennen, als alter Freund Ihres Gatten erworben, der Ihren Franz oft auf dem Arme trug. In meinen Augen ist es nur ein Ehrentitel, den man Ihnen gegeben in dem Bewußtsein Ihrer unverbrüchlichen Treue Ihrem ehrenhaften Stande gegenüber, dem Sie entsprossen, den zu verleugnen Sie sich schämen würden, in dem Bewußtsein, daß Sie die Burgl vom Jägerbauernhof bleiben werden mitten im Drange der Welt, die sich an Sie herandrängen, an Ihren Wurzeln mächtig schütteln wird. Wen das Volk liebt und schätzt, gibt es so einen – ich möchte sagen – Kosenamen, und von Ihrem Volke stammt er, unter dem Sie aufgewachsen. Es wollte sich ihre Burgl nicht nehmen lassen von der Baronin, und es wußte, daß auch Sie die Burgl darüber nie vergessen oder gar verleugnen würden. Sie haben uns Ihr gastliches Haus geöffnet. Wir kamen, gerade heraus, voll der Neugierde, voll des Willens zu scharfer Kritik, und Sie haben uns alle beschämt. Sie sind wirklich die Baronin Burgl, schlicht, einfach, herzlich, das Bild Ihrer glücklichen Heimat, voll der Lust und des guten Willens, und doch die Dame, die es versteht, Ihrem alten Hause vorzustehen. Sind Ihre Wangen noch gebräunt von der Bergluft, Ihre ganze Erscheinung voll Kraft und Energie, blühende Gesundheit atmend, so können das alles nur Vorzüge sein in unseren Augen, Vorzüge, um die Sie manche unserer Standesgenossinnen nur beneiden können, und so bitten wir Sie, bleiben Sie uns die Baronin Burgl, bleiben Sie es vor allem meinem lieben Franz in allen Lagen Ihres Lebens, bleiben Sie sein Schild, sein Schutz, halten Sie ihn, möchte ich sagen, in der reinen Atmosphäre Ihrer Alpen, die Sie umgibt, die keine kranken Keime aufkommen läßt in seiner Brust. Werden Sie für Lungau, was Sie für den Jägerbauernhof waren, seine Hilfe, seine Stütze, wir alle wollen es Ihnen Dank wissen. Ihr aber, liebe Weidgenossen, erhebt die Gläser und stoßt mit mir auf das Wohl unserer trefflichen Burgfrau an, Baronin Burgl lebe hoch!«

Stürmisch klangen die Gläser aneinander, alles war ehrlich begeistert von den Worten des alten Grafen und empfand mit ihm.

Der einzig verlegene schien der Hausherr selbst. Dieses ganze Lob des Grafen erschien ihm mehr wie eine Entschuldigung, oder vielmehr wie eine Verteidigung, die gerade das Gegenteil bewies von dem, was sie beweisen wollte.

Burgl war eben immer noch die Burgl, die Baronin in falscher Etikette. Das bewies sie gerade jetzt durch ihr abweisendes Verhalten dem Sport gegenüber, der doch einmal die Sphäre dieses Kreises war. Ihm zuliebe durfte sie das nicht. Diese Baronin Burgl paßte ihm schon lange nicht, jetzt war sie seine Frau, die Baronin Schönau, für die es sich nicht schickte, sich populär zu machen. Man muß doch wissen, was man will. Ein leiser, wenn auch gutmütiger Spott lag doch darin, in Zell und am Ende auch hier, in seinem Hause. Wie soll sich das aber in Wien gestalten, sollte jeder Grünschnabel sie am Ende so nennen dürfen? Er war schon nahe daran, dem Grafen unumwunden zu entgegnen.

»Gefällt Ihnen auch der Name?« fragte seine Nachbarin. »Ich beneide Ihre Gattin darum, halten Sie ihn nur möglichst frisch, er wirkt geradezu konservierend, man wird immer an die von der Bergluft gebräunten Wangen und die blühende Gesundheit denken und manches andere übersehen, was von einem bitter vermerkt würde. O, ich beneide Ihre Gattin um ihre braunen Wangen, die strotzende Gesundheit, die in sich gefestigte Ruhe. Was sind denn wir dagegen? Ein unwillkürliches Spiel unserer Leidenschaft, Nerven und unerfüllten Wünsche.«

»Und wenn das gerade die Quintessenz des Lebens wäre, diese Nerven, diese unerfüllten Wünsche –«

»Ja, dann allerdings, dann, wenn Sie der Meinung sind, dann haben Sie Ihr Leben verfehlt – –«

Franz stand mit der Baronin beiseite, nachdem er aufgestanden, um mit Burgl anzustoßen, niemand konnte das Gespräch hören. Andere traten hinzu, er konnte der Baronin nicht mehr erwidern.

Man begab sich nach hinten in die Trophäenhalle, um bei Kaffee und Zigarren erst Frohsinn und Laune, in die der gute Tisch und die feurigen Weine versetzt, sich tüchtig austoben zu lassen.

Auf Burgls Veranlassung, die kein Weib hätte sein müssen, wenn die schmeichelhaften Worte des würdigen Grafen nicht auf sie gewirkt hätten, stellte sich jetzt auch Flori vor. Er stak in kurzen Lederhosen, auf seine grünen Hosenträger war ein Gams gestickt; er zerrte die widerstrebende Margit mit herein.

Die Gegensätze wirkten drastisch, der derbe Junge mit dem wolligen Blondkopf, den breitspurigen, trutzigen Bewegungen, und das schlanke, langbeinige Mädchen mit dem weichen Flachshaar, dem prätentiösen, zartgeschnittenen Mund und lilienweißer, eher etwas kränklicher Hautfarbe, vertraten zwei Rassen, wie man sie typischer nicht hätte zusammenstellen können.

Der Teil der Gesellschaft, welcher mit der Rede des Grafen im Prinzip nicht einverstanden war, machte seine Bemerkungen darüber. Man sprach Flori im derbsten Dialekt an, schlug ihm auf die Schulter, machte gewissermaßen eine komische Figur aus ihm und hetzte immer mehr seine drolligen Bemerkungen heraus, während man Margit bereits als Standesgenossin, als kleine Dame behandelte.

Franz biß sich auf die Lippen im mühsam unterdrückten Ärger. Die Baronin machte eine Ausnahme. »Lassen Sie die Leutchen nur schwatzen,« sagte sie zu Franz, seine üble Laune wohl bemerkend, »er wird doch der ›Einrenker‹ des Hauses Schönau, ich prophezeie das, ich habe einen Blick in solchen Dingen!«

Franz war ihr in diesem Augenblick unendlich dankbar für die Worte. Dieses Weib war nicht nur schön, sondern auch klug, sie reagierte auf seine geheimsten Regungen, sogar auf solche, die Burgl offenbar nicht begriff.

Der Tag endete für Franz nicht so froh, wie er begonnen, und wenn er einen Vergleich zog mit einem Jagdtag in Zell, in welchem wohligen Behagen und Kraftgefühl der endete, überkam es ihn wie Heimweh. In dieser Art von Jagd lag für ihn nichts Erzieherisches, dazu gehörte doch mehr, die Größe der Empfindung, das ganz Durchgeschütteltwerden von Natur.

Mit Allgewalt und einem jähen Angstgefühl erfaßte ihn der Gedanke, als schmelze der Schatz in der Eiskapelle, den er sich im Todesgrauen geholt.

Er trat plötzlich zu Burgl, die unermüdlich für die Gäste sorgte. »Wir gehen nächste Woche nach Zell,« dabei drückte er ihr fest die Hand, wie Rettung suchend.

»Gamsei schiass'n, gel, Vater?« bemerkte Flori, der die Worte gehört.

Da ging Franz das Herz auf, die ganze Halle versank vor seinen Augen, und die Firnen standen im Abendglanz –

»Und den Großvater besuchen wir auch ein bißl,« meinte Burgl.

In dem Augenblick schlang sich wieder das Band der Liebe um die drei, und Franz übersah darüber ganz, daß die Baronin Simmern sich mit ihrem Gatten empfehlen wollte. Doch eine Simmern läßt sich nicht übersehen. Sie trat auf ihn zu und reichte ihm die Hand.

Sie hatte offenbar die Worte gehört, die Franz zu seiner Frau gesprochen. »Na also, da kehren Sie ja wieder zur Quintessenz Ihres Lebens zurück, ein guter Gamsbock! Für Sie gibt es keine Nerven, keine unerfüllten Wünsche, o, Sie Glücklicher! Weidmannsheil und auf Wiedersehen!«

So ging es ihm immer mit diesen Weibern, er kann sie nicht lassen, sie umnebeln seine Sinne, machen ihn in allem irre, und zuletzt mag er sie gar nicht, ist ja gar nicht der Mann dafür. Recht hat sie ja, ein guter Gamsbock schlägt sie alle aus dem Felde.

Als das Schloß geräumt war, atmete er tief auf. »Ich kann's nicht mehr hier machen, ich ersticke hier.«

»Aber ich verstehe dich gar nicht, Franz,« erwiderte Burgl ganz harmlos, »und sind alle so liebe Leute. Grad die Baronin Simmern will mir nicht recht passen mit ihrem Getue, aber schau, alle Leut' können nicht gleich sein, und da willst du hinein in die Stadt, mitten hinein in das große Leben? Nein, Franz, das ist nix mehr für dich, da können's reden, was wollen. Denk' an dein'n armen Bruder, wie's dem gangen hat – –«

Die Schwägerin, welche sich gleich nach Tisch zurück, gezogen, kam herein, ihre Margit zu holen. In ihrer wuchtigen Erscheinung, ihrem bleichen Gesichte aus dem dunklen Seidenkleid heraus, glich sie dem verkörperten schlechten Gewissen von Lungau.

»Hurra, die nächste Woche geht's nach Zell,« jubelte Flori, seine Bocksprünge machend, der Tante zu, »und die Margit muß mit, gel, Mutter, die Margit muß mit, auf die Alm 'naus zum alten Vent. Da gibt's a Milch und Nudeln und schön is, schön is, ui jegerl, is da schön!« Und er schnakelte und plattelte in der Halle herum, wie er es einst auf der Zellerkirchweih gesehen.

Margit drehte sich mit ihm im Kreis, wie er es ihr angelernt, und Burgl, voll seliger Aussicht, klatschte in die Hände und gab den Takt an. Die Zell war jetzt schon eingezogen in die alte Halle von Lungau.

 

Auf dem First des Jägerbauernhofes wehte die bayerische Flagge, und der Eingang war mit Tannenreis geschmückt. Der Jägerbauer war um alles nicht zu bewegen, nach Schloß Lungau auf Besuch zu kommen, so oft ihn Franz auch aufforderte.

»Da g'hör i einmal net hin, und da macht der Vater nix aus, und an Stolz hab' i a, wenn i a grad a Bauer bin, g'holt hab' i ihn ja net, den Herrn Baron, und wenn er von mir was will, so kann er ja zu mir komma.«

So blieb er und führte in aller Umsicht die Wirtschaft, so sehr ihm auch der Burgl tatkräftige Hände überall fehlten und das Verlangen nach dem einzigen Kinde, in dem er die Stütze seines Alters geschaut, immer heftiger wurde.

So war seine Freude keine geringe, als er die Anmeldung des Paares bekam und, was allem die Krone aufsetzte, der Flori kam mit, sein Liebling, die echteste, schönste Frucht seines Hofes, auf die er so stolz war.

»Und wenn er zwanzigmal a Baron wird,« meinte er, »den Jägerbauern werd'ns doch net außabringa aus ihm, mit aller G'walt net.« Er vertraute in dieser Beziehung fest auf die Zähigkeit seines Blutes.

In derselben alten Kalesche kamen sie wieder, in der sie Zell verlassen, und er ging ihnen, mit seinem Hirschhornstock mächtig ausschreitend, wie ein Junger den Berg herunter entgegen.

Der erste, der ihm in die Arme sprang, war Flori, er hob ihn mit kräftigen Armen gegen den Hof hoch in die Luft. »Siehst du's, noch steht der Hof, oder hast 'hn ganz vergess'n über dein' G'schloß.«

Die hellen Tränen liefen ihm über den Schnurrbart.

Burgl war sehr erregt, sie trug wieder den Zellerhut und war jägerisch gekleidet.

»Trau mir ja nimm'r, di' richtig anz'pack'n, die Frau Baronin, aber hübsch g'flaxt bist alleweil noch, das lob i.«

Die Männer drückten sich ehrlich die Hand. Franz war es, als habe er den alten Mann erst während seiner Abwesenheit recht lieb gewonnen.

Weit weg, in bescheidener Distanz, stand Reserl mit ihrem jungen Gatten, der jetzt die Stelle des leidenden Sollachers vertrat. Sie wußte nicht recht, wie es die Burgl künftig mit ihr halten wolle, bis diese ihr in der alten Herzlichkeit entgegenkam. Da war die Freude groß und des Erzählens kein Ende.

Ganz Zell hatte schon von dem Besuch der Baronin Burgl aus dem Jägerbauernhof vernommen. Böller krachten von der Höhe, die Veteranenmusikkapelle spielte wohl irgendwo zwischen den Häusern den Königsmarsch, und das unvermeidliche bengalische Feuer setzte ganz Zell in purpurne Glut.

Burgl dachte unwillkürlich der brennenden Waldei an ihrem Hochzeitstage, in der man eine schlimme Vorbedeutung sah. Na, bis jetzt vermerkt sie nichts davon. Am liebsten wäre sie gleich mitten hinein gesprungen und hielte jedem Zellerkind die Hand zum Druck.

Sie war ja gar nicht die stolze Burgl, wie man sie im ganzen Dorf nannte, seit sie die Baronin Burgl war und einsehen gelernt hatte, daß es sich im Leben nicht um Geld und Stand und Ansehen handele, sondern um eines allein, ob du Liebe gegeben und Liebe empfangen. Daß sie es an ersterem oft hatte fehlen lassen, fiel ihr jetzt siedend heiß ein, und sie schwur im stillen, es wieder gutzumachen.

Oben im Hof stand ein frisches Faß Zacherlbräu und Agl, die Dirn, brachte echt jagerisch eine Schüssel Wildbret mit Knödl, als wenn man jetzt erst das Haus verlassen. Das Reserl und ihr junger Gatte mußten natürlich mithalten, und als man gerade im besten Schmause war, da klapperte ein Stock draußen auf dem Hausflur, ein derber Fluch war hörbar, – dann öffnete sich die Türe, der alte Sollacher hinkte mühselig herein, der es sich nicht nehmen lassen wollte, Burgl und seinen Baron zu begrüßen.

Jetzt war das unüberwindbare Schicksal des Abends erfüllt. Mächtige Pfeifenköpfe wurden gestopft, die Büchsen knallten wieder, und Gams und Hirsche traten in ihr Recht.

Der alte Sollacher war trotz seiner tausendmal verfluchten Gicht noch hitzig wie ein Junger und steckte Franz im Nu an. Der Kapellenbock lebte noch immer, und aus dem Wennebrand hauste ein Vierzehnender, den er extra für den Baron aufgehoben hat.

Zuletzt kam noch der alte Vent bescheiden herangeschlichen, um dann, als Franz ihm die Hand entgegengestreckt, diese in stürmischer Ergebenheit zu küssen. Die Burgl aber staunte er nur ganz ehrfürchtig an, als ob sie aus einer andern Welt käme, und trotz allem Entgegenkommen ihrerseits wagte er sich nicht weiter vor.

Flori half ihm aus der Verlegenheit, indem er ihn zu sich aus die Ofenbank zog und sich mit eifriger Begierde von seinen Lieblingen im Stall erzählen ließ, vom Flax, dem bösen Stier, und vom lieben Kranzl, seinem Jugendgespiel.

Franz verglich im stillen diesen Abend mit dem im Schloß vor wenigen Tagen an der Seite der schönen Simmern in Rot, und drückte unwillkürlich unter dem Tisch Burgls Hand.

Am andern Morgen erwartete Graßl Franz aus der Wennebrandhütte. Die Nebel brauten um die Hänge, ein schneidender Wind von Norden kündigte Schnee. Der Berg sah nicht freundlich her, eine schwere drückende Stimmung lag darüber, die sich auch Franz mitteilte.

Graßl kam ihm stark gealtert vor, das Haar war schneeweiß, die Züge noch tiefer eingegraben, steifer auf den Beinen kam er ihm entgegen, auch die stark optimistische Stimmung, die Franz immer so wohl getan, fehlte. Griesgrämig machte er einen hoffnungslosen Bericht. Den Vierzehnender des Sollacher hatten die Tiroler dicht an der Grenze geschossen, der Kapellenbock – zum Lachen, soll denn der ewig leben, was weiß denn der Förster davon, wenn die Fremden alles vertreten und nirgends eine Ruh is. »Ja, das is in die letzten Jahr ganz anders worden, san's froh, daß 's noch die bessre Zeit derlebt.«

Unrecht hatte er nicht, wenig Fährten, kein Schrei, obwohl die beste Zeit war, der zweite Oktober.

Franz bemerkte zu seinem Schrecken, daß er gerade zu tun hatte, um dem steifen Graßl nachzukommen, und der Atem ging ihm so schwer; das machte die sybaritische Ruhe in Lungau, das üppige Leben. Jetzt packte er es erst recht scharf an.

Den ganzen Vormittag zeigte sich nichts als ein schlechtes Böckl, kaum vierjährig, damit wollte er doch nicht beginnen. Gegen Mittag schneite es schon in dichten Flocken. Es drängte ihn unwillkürlich dem Miesing zu, der Eiskapelle, die jetzt eine weiße Schneekanzel, trotz aller Einrede Graßls, und kaum warf er einen Blick hinunter in das Miesingkar, da stand ein kohlschwarzer Teufel, dicht unter den Wänden, keine hundertfünfzig Schritt weit. Für ihn keine Entfernung.

Rasch warf er sich in die Knie, aber war es das dichte Geflock, das ihn blendete, oder der unruhige Atem, – er schoß und fehlte. Der Bock verstand sichtlich den Schuß nicht, machte einen Sprung nach abwärts, blieb wieder stehen.

Da packte Franz ein ganz ungewohntes Fieber, wie einen Anfänger. Der Ärger darüber machte es nicht besser, – er fehlte wieder.

»Aber was hab'ns denn, Herr Baron?« schalt jetzt Graßl, »da hat man's mit dem Luad'rleb'n drauß'n –«

Früher hätte Franz zu dem drastischen Tadel gelacht, jetzt vertrug er ihn nicht, er wies den Jäger derb zurecht. Damit war die letzte Stimmung verdorben.

Die Nacht fiel rasch ein, der Sturm heulte nur so um die Wände, man trat den Gang in die Hütte an.

Franz war es, als müsse er sofort hinunter nach Zell, er hatte keine Freude mehr an der ganzen Sache, oder hatte ihn schon in der kurzen Zeit der leichte Erfolg der Hasen- und Fasanenschießerei verdorben? Dann war es wahrhaftig nicht weit her mit seiner Jägerei.

So blieb er gegen seinen eigenen Willen. Es war ein mürrischer und unfreundlicher Abend. Die ganze Hütte zitterte unter dem Anprall des Sturmes, der den Rauch nicht herabließ, so daß man die Türe aufreißen mußte, um nicht zu ersticken.

Auch der Graßl wußte nur Trauriges, »die Jagd alleweil schlechter, im Hof hat's a nimm'r 's Richtige, seit die Burgl fort is, der Bauer wird alt, die Dienstboten imm'r übermütig'r, und der junge Först'r, der Mann von der Sollacher Reserl, der meint, er müßt all's einreiß'n vor laut'r Eif'r. I mag nimm'r, i nimm' mein' Pension, nacher krieg'ns an Jung'n, Fesch'n, wenn's wied'r Komma, für heu'r müss'ns halt mit'm Graßl noch auskemma, der Schlechteste is er noch alleweil net.«

Franz tröstete ihn vergebens, zuletzt vergoß der Alte die hellen Tränen. Das konnte ja gut werden, drei Tage – und wenn er an den Tag dachte, den er mit der Burgl und dem Flori da zubrachte, ging es ihm fast wie dem Graßl.

Mißmutig kroch er ins Heu, das schmeckte auch nicht mehr besonders. Er fand keinen Schlaf, – und dann kamen all die schwarzen Gedankenscharen. – »Nichts als Nerven und unerfüllte Wünsche,« flüsterte die Baronin Simmern, und ihr rotes Kleid flimmert in der Stube. Als wenn es ihm besser ginge – – nein, die Jagd füllte ihn nicht mehr ganz aus, nie fühlte er das so wie heute – Quintessenz des Lebens, ein Gamsbock –, das ist nicht wahr, das lügt sie – –

Und dazu noch das Fieber, daß er keine Büchse mehr halten kann, ein erbärmlicher Stümper, – lieber schon gar nicht, so hatte er es immer gehalten.

Der »Cäsar« verkümmert in seiner Box, ein Prachttier, ein geborener Sieger. – – Das gäbe einen Sturm, der entgleiste Schönau wieder auf der Rennbahn, als Erster durchs Ziel! – Das wäre doch ein Hochgefühl! Ja, das Leben – das läßt sich doch nicht so leicht unterkriegen, immer wieder erhebt es sich, macht sein Recht geltend. – Und da hat er ein ganzes Palais in Wien nutzlos stehen. – Solange die Gläubiger warten – – und die Baronin Burgl – wie sagte der alte Graf – sie wird die frische Lust der Berge – – mit offenen Armen. – – Endlich erlöste ihn der Schlaf von all den die Hütte füllenden Bildern.

Es wurde überhaupt nicht Tag, so war alles in dichte Nebel versunken, und das Geflock nahm kein Ende.

Das Wild war natürlich längst zu Tal, in drei Tagen ist die Brunft ohnehin zu Ende, von Gamsbirschen war bei diesem Schneefall nicht die Rede. Abwarten, allein mit Graßl, das hält er nicht aus, so trat er verstimmt den Heimweg an.

Vergebens machte Flori seine Sprünge im Übergefühl seiner Heimatfreude, zog ihn in den Stall, um alle die Neuigkeiten zu zeigen, die sich da ereignet, die Kälber und Fohlen des verflossenen Jahres, den großen Truthahn, den sie als kleines Küken verlassen, vergebens begrüßte ihn Burgl, wie in neuer Jugend blühend, und warb der Alte jetzt förmlich in seiner knorrigen Weise um seine Gunst. Er konnte sich nicht mehr herausreißen aus seiner Stimmung.

Ein Pack Briefe war aus Lungau gekommen, deren Aufschriften ihn schon erregten. Der »Sportklub« in Wien, einer der exklusivsten Kreise, forderte ihn direkt zum Beitritt auf. Der Rennverein schickte ein Paket Programme für das nächste Frühjahr.

Er dachte die ganze Zeit noch nicht an seine Würde des erblichen Reichsrates, die er mit Lungau ererbt, jetzt lag ein umfangreiches Schreiben mit dem Programm der nächsten Session da, die im Januar ihren Anfang nahm, und zuguterletzt noch ein Brief vom alten Lehdorf, man rechne bei Hofe sicher auf sein Erscheinen im nächsten Winter, nachdem die Schönaus von jeher dort eine hervorragende Rolle gespielt.

Das nahm sich alles wie abgemacht aus, wie eine Verschwörung, die in Lungau sich gegen ihn angezettelt, um ihn endgültig aus seiner Einsamkeit loszureißen, ihn an seine gesellschaftlichen Verpflichtungen zu erinnern. Er mußte sich ja noch geehrt fühlen und tat es im stillen und doch, doch fühlte er sich jetzt in zwei Teile gerissen.

Er ließ Burgl alles lesen. Zu seiner Überraschung, er konnte selbst nicht unterscheiden, ob zu seiner freudigen oder schmerzlichen, konstruierte sie selbst eine Verpflichtung daraus, dem Rufe zu folgen, seiner gesellschaftlichen Stellung gerecht zu werden.

Zuletzt stellte sich noch der Bauer selbst auf Burgls Seite. »Was bist, bist, kein Mensch kann aus sein'r Haut fahr'n, und für a richtig's Mannsbild, meinert i, wird die Sach' net so gefährlich sein – –«

Diese Aufforderung wirkte aus Franz am stärksten, Weltfurcht auch noch, das ging ihm gerade noch ab. Der Beschluß für den Winter war gefaßt.

Das Wetter besserte sich nicht, die Berge waren vom Schnee völlig blockiert, so ließ man es bei dem kurzen Besuch bewenden, der Hahnfalz werde sie wieder alle zusammenbringen, das werde er sich nicht nehmen lassen.

Der Abschied fiel diesmal Franz lange nicht so schwer, wie das erstemal, nur den Flori mußte man gewaltsam in den Schlitten bringen, so klammerte er sich an den Großvater ein.

Zell lag im tiefen Nebel, und im Nu war auch der Jägerbauernhof darin verschwunden. Burgls Abschiedsworte gingen ins Leere, und es war ihr selber, als ob die Heimat vor ihr ins Nichts versinke.

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