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Felix Salten: Bambi - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Salten
titleBambi
publisherFischer Bücherei
year1956
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20140913
modified20161027
projectid154624be
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Eine andere Nacht verging, und der Morgen brachte ein neues Ereignis.

Es war unter einem wolkenlosen Himmel ein Morgen voll Tau und Frische. Alle Blätter an den Bäumen und Sträuchern begannen plötzlich stärker zu duften. Die Wiese atmete Duft in breiten Wellen zu den Baumwipfeln empor.

Piep, sagten die Meisen, als sie erwachten. Sie sagten es ganz leise. Aber weil es noch grau und dämmerig war, sagten sie einstweilen nichts mehr. Es blieb eine Zeitlang ganz still. Dann klang ein rauher, rissiger Krähenruf durch die Luft, von hoch oben. Die Krähen waren erwacht und besuchten einander in den Wipfeln. Sogleich antwortete die Elster: »Schakerakschak . . . glauben Sie etwa, ich schlafe noch?« Nun fing es in kleinen hundertfältigen Rufen, da und dort, fern und nah, ganz leise an: Piep! Piep! Tiu! Noch war in diesen Lauten Schlaf und Dämmerung. Und noch waren sie eigentlich vereinzelt.

Plötzlich flog eine Amsel auf den Wipfel einer Tanne. Ganz hinauf flog sie zur äußersten Spitze, die dünn in die Luft stach, saß hoch oben und sah weit über alle Bäume weg, wie der nachtmüde, fahlgraue Himmel fern im Osten erglühte und lebendig wurde. Da fing sie an zu singen. Sie war nur ein winziges dunkles Fleckchen, wenn man sie von unten aus erblickte. Ihr kleiner schwarzer Körper glich von weitem nur einem welken Blatt. Aber ihr Lied zog wie ein großer Jubel über den Wald hin. Und jetzt wurde alles rege. Die Finken schlugen, die Rotkehlchen und der Stieglitz ließen sich hören. Mit breitem Klatschen und Knattern der Flügel strichen die Tauben von einem Platz zum andern. Die Fasanen schrien auf, und das klang, als berste ihnen die Kehle. Weich und kräftig war das Geräusch ihrer Fittiche, nun sie sich von den Schlafbäumen zur Erde niederschwangen. Noch viele Male stießen sie am Boden ihren metallisch berstenden Schrei aus und gurrten leise nach. Hoch in den Lüften riefen die Falken scharf und freudig jajaja!

Die Sonne war aufgegangen.

Diu-diju! jauchzte der Pirol. Er flog zwischen den Zweigen hin und her, und sein gelber, runder Leib glänzte im Morgenstrahl wie eine beschwingte Kugel aus Gold.

Bambi trat unter der großen Eiche auf die Wiese. Sie funkelte im Tau, duftete nach Gras, nach Blumen und nasser Erde und flüsterte von tausendfachem Leben. Dort saß Freund Hase und schien über etwas Wichtiges nachzudenken. Dort ging ein stolzer Fasan langsam spazieren, nippte an den Grasrispen und sah sich vorsichtig nach allen Seiten um. Das dunkelblaue Geschmeide seines Halses leuchtete in der Sonne. Aber dicht vor Bambi stand einer der Prinzen, ganz nahe. Bambi hatte ihn noch nie gesehen, hatte überhaupt keinen von den Vätern je so nahe erblickt. Hart am Haselstrauch stand er vor ihm, von den Zweigen noch ein wenig verhüllt. Bambi rührte sich nicht. Er hoffte, der Prinz werde ganz herauskommen, und Bambi überlegte, ob er es wagen dürfe, ihn anzureden. Er wollte die Mutter fragen und sah sich nach ihr um. Allein die Mutter war schon weitergegangen und stand ziemlich entfernt drüben bei Tante Ena. Gerade kamen dort auch Gobo und Faline aus dem Dickicht auf die Wiese gelaufen. Bambi rührte sich nicht und überlegte. Wenn er jetzt zur Mutter und zu den andern hinüber wollte, mußte er an dem Prinzen vorbei. Das kam ihm unziemlich vor. Ach was, dachte er, ich brauche die Mutter nicht erst zu fragen. Schließlich hat ja der alte Fürst mit mir gesprochen, und ich habe der Mutter nichts davon erzählt. Ich werde den Prinzen anreden, ich versuche es. Mögen die andern drüben sehen, wie ich mit ihm spreche. Ich werde sagen: Guten Morgen, mein Prinz! Darüber kann er doch nicht böse werden. Und wenn er böse wird, laufe ich schnell davon. Bambi kämpfte mit seinem Entschluß, der immer wieder ins Wanken geriet.

Nun trat der Prinz aus dem Haselstrauch hervor auf die Wiese.

Jetzt . . . dachte Bambi.

Da krachte ein Donnerschlag.

Bambi zuckte zusammen und wußte nicht, was geschehen war.

Er sah, wie der Prinz vor ihm in die Höhe fuhr, mit einem großen Sprung, und sah ihn knapp an sich vorbei in den Wald hineinrasen.

Bambi blickte starr umher, der Donnerschlag dröhnte noch in ihm nach. Er sah, wie drüben die Mutter, Tante Ena, Gobo und Faline dem Walde zu flüchteten, er sah, wie Freund Hase fassungslos davonstob, sah den Fasan mit vorgestrecktem Halse laufen, er merkte, daß der ganze Wald plötzlich schwieg, raffte sich auf und sprang zurück ins Dickicht.

Nur ein paar Sätze hatte er gemacht, da lag der Prinz vor ihm auf dem Boden. Regungslos. Entsetzt blieb Bambi stehen und begriff nicht, was das sein könne. Der Prinz lag da, die Schulter in breiter Wunde aufgerissen, blutig und tot.

»Nicht stehen bleiben!« rief es dringend neben ihm. Es war die Mutter, die in vollem Galopp dahinfuhr. »Lauf!« rief sie. »Lauf, was du kannst!« Sie hielt nicht inne, jagte weiter, und ihr Gebot riß Bambi mit sich fort. Er rannte aus allen Kräften.

»Was ist das, Mutter?« fragte er. »Was war das, Mutter?«

Die Mutter gab keuchend zur Antwort: »Das . . . war . . . Er!«

Bambi schauderte, und sie rannten.

Atemlos blieben sie endlich stehen.

»Was sagen Sie? Ich bitte, was sagen Sie?« rief eine feine Stimme über ihnen. Bambi blickte auf, da kam das Eichhörnchen durch die Zweige herabgesaust.

»Ich bin die ganze Strecke mit Ihnen hierhergesprungen«, rief es. »Nein, das ist furchtbar!«

»Sind Sie denn dabeigewesen?« fragte die Mutter.

»Aber natürlich war ich dabei«, antwortete das Eichhörnchen. »Ich zittere ja noch an allen Gliedern.« Es saß aufrecht da, lehnte sich an seine prächtige Fahne, zeigte die schmale weiße Brust und hielt die beiden Vorderpfoten beteuernd an den Leib gepreßt. »Ich bin ganz außer mir vor Aufregung.«

»Ich bin auch ganz matt vor Schrecken«, sagte die Mutter. »Es ist unbegreiflich. Keiner von uns hat etwas gesehen.«

»So?« Das Eichhörnchen ereiferte sich. »Da irren Sie sich aber. Ich habe Ihn schon lange gesehen!«

»Ich auch!« rief eine andere Stimme. Es war die Elster; sie kam herbeigeflogen und setzte sich auf einen Zweig.

»Ich auch!« schnarrte es von noch höher. Dort saß auf einer Esche der Häher.

Und aus den Wipfeln der Bäume kreischten ein paar Krähen mürrisch dazwischen. »Wir haben Ihn auch gesehen!«

Sie saßen alle umher und redeten wichtig. Sie waren seltsam erregt und, wie es schien, voll Zorn und Bangigkeit.

Wen, dachte Bambi, wen haben sie gesehen?

»Die größte Mühe habe ich mir gegeben«, erzählte das Eichhörnchen und preßte beteuernd beide Vorderpfoten ans Herz. »Die größte Mühe habe ich mir gegeben, den armen Prinzen aufmerksam zu machen.«

»Und ich«, schnarrte der Häher, »wie oft habe ich geschrien! Aber er hat mich nicht hören wollen.«

»Mich hat er auch nicht gehört«, schäkerte die Elster. »Zehnmal hab' ich gerufen. Gerade wollte ich ganz nah zu ihm hinfliegen, denn ich dachte mir, wenn er mich jetzt nicht hört, so flieg' ich auf den Haselstrauch, vor dem er steht. Dort muß er mich hören. Aber in diesem Augenblick ist es geschehen.«

»Meine Stimme ist doch lauter als die eure, und ich habe gewarnt, wie ich konnte«, sprach die Krähe in erbittertem Ton. »Aber die Herrschaften geben zu wenig acht auf unsereinen.«

»Wirklich, viel zuwenig«, stimmte das Eichhörnchen bei.

»Man tut, was man kann«, meinte die Elster, »wir sind gewiß nicht schuld, wenn dann ein Unglück geschieht.«

»So ein hübscher Prinz«, klagte das Eichhörnchen, »und in den besten Jahren.«

»Hach!« schnarrte der Häher, »wäre er nicht so stolz gewesen und hätte auf uns geachtet!«

»Er war gewiß nicht stolz!« widersprach das Eichhörnchen.

Die Elster fügte hinzu: »Nicht stolzer als die anderen Prinzen seiner Art.«

»Also dumm!« lachte der Häher.

»Sie sind ja selbst dumm!« rief die Krähe von oben herab. »Sprechen Sie doch nicht von Dummheit. Der ganze Wald weiß, wie dumm Sie sind.«

»Ich?« erwiderte der Häher starr vor Staunen. »Mir kann niemand nachsagen, daß ich dumm bin. Nur vergeßlich bin ich, aber dumm gewiß nicht.«

»Wie Sie wollen«, sagte die Krähe ernst. »Vergessen Sie, was ich gesagt habe, aber bedenken Sie, daß der Prinz nicht deshalb sterben mußte, weil er stolz oder dumm war, sondern weil man Ihm nicht entgehen kann.«

»Hach!« schnarrte der Häher. »Ich mag solche Gespräche nicht.« Er flog davon. Die Krähe sprach weiter. »Sogar von meiner Sippe hat Er schon viele überlistet. Er tötet, wen Er will. Nichts kann uns helfen.«

»Man muß dennoch auf der Hut sein«, warf die Elster hin.

»Das muß man gewiß«, sagte die Krähe traurig. »Auf Wiedersehen.« Sie flog fort, und ihre Verwandten begleiteten sie.

Bambi sah sich um. Die Mutter war nicht mehr da.

Wovon reden sie nur? dachte Bambi. Ich kann nicht alles verstehen, was sie sagen. Wer ist das: Er, von dem sie sprechen . . .? Das war ja auch Er, den ich damals im Gebüsch gesehen habe . . . aber Er hat mich nicht getötet . . .

Bambi dachte an den Prinzen, den er vor sich hatte liegen sehen, mit blutig zerfetzter Schulter. Der war nun tot. Bambi ging weiter. Der Wald sang wieder mit tausend Stimmen, die Sonne drang mit breiten Strahlen durch die Wipfel, überall war es hell, das Laub begann zu dunsten; hoch in der Luft riefen die Falken, und hier, ganz in der Nähe, lachte ein Specht laut auf, als wäre nichts geschehen. Bambi wurde nicht fröhlich. Er fühlte sich von etwas Dunklem bedroht, er verstand nicht, wie die anderen so heiter und sorglos sein konnten, wenn doch das Leben so schwer und so gefährlich war. In dieser Stunde ergriff ihn das Verlangen, weit fort zu gehen, immer tiefer und tiefer in den Wald hinein. Ihn lockte es jetzt, sich dorthin zu wenden, wo es am dicksten war, einen Schlupfwinkel zu suchen, wo man, weit und breit umgeben von undurchdringlichen Hecken, gar nicht gesehen werden konnte. Auf diese Wiese hinaus wollte er nicht wieder.

Neben ihm regte sich etwas ganz leise im Gebüsch. Bambi fuhr heftig zusammen. Der Alte stand vor ihm.

Es zuckte in Bambi; er wollte davonlaufen, aber er faßte sich und blieb. Der Alte sah ihn mit seinen großen, tiefen Augen an: »Warst du vorhin dabei?«

»Ja«, sagte Bambi leise. Das Herz klopfte ihm bis in die Zunge.

»Wo ist deine Mutter?« fragte der Alte.

Bambi antwortete, immer noch leise: »Ich weiß es nicht.«

Der Alte sah ihn immerfort an: »Und du rufst nicht nach ihr?«

Bambi schaute in das ehrwürdige eisgraue Antlitz, schaute zur herrlichen Krone des Alten auf und wurde plötzlich voll Mut. »Ich kann auch allein sein«, sagte er.

Der Alte betrachtete ihn eine Weile, dann sprach er sanft: »Bist du nicht der Kleine, der neulich erst nach der Mutter geweint hat?«

Bambi schämte sich ein wenig, doch er blieb mutig. »Ja, ich bin es«, bekannte er.

Der Alte sah ihn schweigend an, und Bambi schien es, als ob diese tiefen Augen jetzt milder blickten. »Du hast mich damals gescholten, alter Fürst«, rief er hingerissen, »weil ich nicht allein sein konnte. Seit damals kann ich es.«

Prüfend sah der Alte auf Bambi und lächelte, ganz wenig, kaum zu merken, aber Bambi merkte es dennoch. »Alter Fürst«, bat er zutraulich, »was ist geschehen? Ich begreife es nicht . . . wer ist Er, von dem sie alle reden . . .?« Er hielt inne, erschrocken von dem dunklen Blick, der ihm Schweigen gebot.

Wieder verstrich eine Weile. Der Alte schaute über Bambi hinweg ins Weite, dann sagte er langsam: »Selber hören, wittern und sehen. Selber lernen.« Er hob das gekrönte Haupt noch höher. »Leb wohl«, sagte er. Sonst nichts mehr. Dann war er verschwunden.

Bambi blieb bestürzt zurück und wollte verzagen. Aber das Lebwohl klang in ihm nach und tröstete ihn. Leb wohl, hat der Alte gesagt. Er war also nicht böse.

Bambi fühlte sich von Stolz durchdrungen, fühlte sich von einem feierlichen Ernst gehoben. Ja, das Leben war schwer und voll Gefahren. Es mochte bringen, was es wollte, er würde lernen, alles zu ertragen.

Langsam ging er tiefer in den Wald hinein.

 

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