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Felix Salten: Bambi - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Salten
titleBambi
publisherFischer Bücherei
year1956
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20140913
modified20161027
projectid154624be
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Die Zeit verstreicht, und Bambi lernt, wie fein die Grasrispen schmecken, wie zart die Blätterknospen sind, und wie süß der Klee ist. Wenn er sich an seine Mutter drängt, um sich zu erquicken, so geschieht es oft, daß sie ihn abweist. »Du bist doch kein kleines Kind mehr«, sagt sie. Manchmal sagt sie sogar geradezu: »Geh, laß mich in Ruhe.« Es kann geschehen, daß die Mutter in der kleinen Waldkammer aufsteht, mitten am Tage aufsteht und fortgeht, ohne darauf zu achten, ob Bambi ihr folgt oder nicht. Manchmal scheint es auch, wenn sie die gewohnten Wege wandern, als ob die Mutter gar nicht merken würde, daß Bambi hinter ihr ist und brav hinter ihr her läuft. Eines Tages ist die Mutter weg. Bambi weiß nicht, wie das möglich war, er kann sich's gar nicht erklären. Aber die Mutter ist fort und Bambi zum erstenmal allein.

Er wundert sich, er wird unruhig, es wird ihm angst und bang, und er beginnt sich erbärmlich zu sehnen. Ganz traurig steht er da und ruft. Niemand antwortet, niemand kommt.

Er lauscht, er wittert. Nichts. Er ruft wieder. Ganz leise, innig, flehend ruft er: »Mutter . . . Mutter . . .« Umsonst.

Nun faßt ihn die Verzweiflung, er hält es nicht aus und beginnt zu gehen.

Er wandert die Straßen entlang, die er kennt, bleibt stehen und ruft, wandert wieder weiter mit zögernden Schritten, furchtsam und ratlos. Er ist sehr traurig.

Immer weiter geht er und kommt zu Straßen, auf denen er noch nicht gegangen ist, er kommt zu Gegenden, die ihm fremd sind. Er kennt sich nicht mehr aus.

Da hört er zwei Kinderstimmen, die rufen wie er:

»Mutter . . . Mutter . . .!«

Er steht und horcht.

Wahrhaftig, das sind Gobo und Faline. Das müssen sie sein.

Rasch läuft er den Stimmen nach, und bald sieht er die roten Röckchen durch die Blätter schimmern. Gobo und Faline. Dort stehen sie unter einem Hartriegel trübselig nebeneinander und rufen: »Mutter . . . Mutter . . .!«

Sie freuen sich, da sie es im Gebüsch rauschen hören. Wie sie aber Bambi erkennen, sind sie enttäuscht. Dennoch freuen sie sich auch mit ihm ein wenig. Und Bambi ist froh, nicht mehr so ganz allein zu sein.

»Meine Mutter ist fort«, sagt Bambi.

»Unsere ist auch fort«, antwortet Gobo kläglich.

Sie sehen einander an und sind ganz bestürzt.

»Wo können sie nur sein?« fragt Bambi. Er schluchzt beinahe.

»Ich weiß es nicht«, seufzt Gobo. Er hat Herzklopfen und fühlt sich elend.

Plötzlich sagt Faline: »Ich glaube . . . sie sind bei den Vätern . . .«

Gobo und Bambi sehen sich verblüfft an. Sie werden sofort von Ehrfurcht ergriffen. »Meinst du . . . bei den Vätern?« fragt Bambi und zittert.

Faline zittert gleichfalls, aber sie macht ein vielsagendes Gesicht. Sie tut wie jemand, der mehr weiß, als er verraten will. Natürlich weiß sie gar nichts; sie weiß nicht einmal, woher ihr der Einfall kam. Doch wie nun Gobo wiederholt: »Meinst du das wirklich?«, macht sie eine kluge Miene und wiederholt geheimnisvoll: »Ja, ich glaube es.«

Das ist nun freilich wenigstens eine Vermutung, und es läßt sich darüber nachdenken. Trotzdem wird Bambi davon nicht ruhiger. Er kann jetzt auch nicht nachdenken, er ist zu erregt und zu traurig.

Er geht weg. Er mag nicht auf einem Fleck verweilen. Faline und Gobo begleiten ihn ein Stück; sie rufen alle drei: »Mutter . . . Mutter . . .« Aber jetzt bleiben Gobo und Faline stehen; sie wagen sich nicht weiter. Faline sagt: »Wozu? Die Mutter weiß, wo wir sind. Bleiben wir also da, damit sie uns findet, wenn sie zurückkommt.«

Bambi geht allein. Er wandert durch eine Dickung, und darin ist eine kleine Blöße. Mitten auf der Blöße hält Bambi inne. Er ist plötzlich wie angewurzelt und kann nicht von der Stelle.

Dort, am Rande der Blöße, in einem hohen Haselbusch, steht eine Gestalt. Bambi hat noch niemals eine solche Gestalt gesehen. Gleichzeitig trägt ihm die Luft eine Witterung zu, die er noch nie vorher gespürt hat. Es ist ein fremder Geruch, schwer und scharf und aufregend, zum Tollwerden.

Bambi starrt die Gestalt an. Sie ist merkwürdig aufrecht, seltsam schmal, und sie hat ein blasses Gesicht, das an der Nase und um die Augen herum ganz nackt ist. Entsetzlich nackt. Furchtbares Grauen geht von diesem Gesicht aus. Kalter Schrecken. Dieses Gesicht hat eine ungeheure Gewalt, von der man gelähmt wird. Es ist bis zur Unerträglichkeit peinigend, dieses Gesicht anzusehen, trotzdem steht Bambi da und starrt unverwandt darauf hin.

Die Gestalt bleibt lange ohne Regung. Dann streckt sie ein Bein aus, eines, das ganz oben sitzt, nahe am Gesicht. Bambi hat gar nicht bemerkt, daß es überhaupt vorhanden ist. Aber als sich dieses fürchterliche Bein geradeaus in die Luft streckt, wird Bambi von der bloßen Gebärde weggefegt, wie eine Flaumfeder vom Winde. Im Nu ist er wieder im Dickicht, dort, wo er herkam. Und rennt.

Auf einmal ist auch die Mutter wieder da. Neben ihm springt sie durch Busch und Stauden. Sie rennen beide, was sie können. Die Mutter führt, sie weiß den Weg, und Bambi folgt. So rennen sie, bis sie beide vor ihrer Kammer sind.

»Hast du . . . gesehen?« fragt die Mutter leise. Bambi kann nicht antworten, er hat keinen Atem. Er nickt bloß.

»Das . . . war . . . Er!« sagt die Mutter.

Und sie schaudern alle beide.

 

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