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Felix Salten: Bambi - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Salten
titleBambi
publisherFischer Bücherei
year1956
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20140913
modified20161027
projectid154624be
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In einer Nacht, die vom herbstlichen Blätterfall durchflüstert war, schrie der Waldkauz gellend durch die Wipfel. Dann wartete er.

Aber Bambi hatte ihn durch das spärlich gewordene Laub der Zweige schon von weitem erblickt und blieb still.

Der Waldkauz flog näher und gellte noch lauter. Dann wartete er. Aber Bambi sagte wieder nichts.

Nun hielt es der Waldkauz nicht länger aus. »Sind Sie nicht erschrocken?« fragte er unzufrieden.

»Doch«, erwiderte Bambi sanft. »Ein wenig.«

»So, so«, gurrte der Waldkauz beleidigt, »nur ein wenig? Früher sind Sie immer furchtbar erschrocken. Es war ordentlich ein Vergnügen, wie Sie erschrocken sind. Woran das wohl liegen mag, daß Sie jetzt nur ein wenig erschrecken . . .«

Er ärgerte sich und wiederholte: »Nur ein wenig . . .«

Der Waldkauz war jetzt alt, und deshalb war er noch viel eitler und noch empfindlicher als je.

Bambi wollte antworten: Ich bin auch früher nicht erschrocken, niemals, ich sagte es bloß, um Ihnen eine Freude zu machen. Aber er behielt dieses Geständnis doch lieber für sich. Der gute, alte Waldkauz tat ihm leid, wie er so dasaß und sich erzürnte. Er versuchte ihn zu beruhigen. »Vielleicht liegt es daran, daß ich gerade an Sie gedacht habe«, sagte er.

»Was?« Der Waldkauz wurde wieder munter. »Was? Sie haben an mich gedacht?«

»Ja«, antwortete Bambi zögernd, »gerade, als Sie zu schreien anfingen. Sonst wäre ich natürlich ebenso erschrocken wie sonst.«

»Wirklich?« gurrte der Waldkauz.

Bambi konnte nicht widerstehen. Was schadete es auch? Mochte der kleine, alte Bursche sich freuen.

»Wirklich«, bekräftigte er und fuhr fort, ». . . ich bin froh . . . denn es fährt mir durch alle Glieder, wenn ich Sie so plötzlich höre.«

Der Waldkauz blies die Federn auf, wurde eine weiche, braun und hellgrau überwölkte Kugel und war glücklich. »Das ist nett von Ihnen, daß Sie an mich gedacht haben . . . sehr nett . . .« gurrte er zart. »Wir haben uns lange nicht gesehen.«

»Sehr lange«, sagte Bambi.

»Sie gehen wohl nicht mehr die alten Wege?« erkundigte sich der Waldkauz.

»Nein . . .« Bambi sprach es langsam, »die alten Wege gehe ich nicht mehr.«

»Ich komme jetzt auch weiter in der Welt herum als früher«, bemerkte der Waldkauz großartig. Er verschwieg, daß er aus seinem alten angestammten Gebiet durch einen jüngeren rücksichtslosen Gesellen vertrieben worden war. »Man kann nicht immer auf demselben Fleck bleiben«, fügte er noch hinzu. Dann wartete er auf Antwort.

Aber Bambi war gegangen. Er verstand sich nun beinahe ebenso gut wie der Alte auf die Kunst, lautlos zu verschwinden.

Der Waldkauz war entrüstet. »Unverschämt . . .« gurrte er vor sich hin. Er schüttelte sich, grub den Schnabel in die Brust und philosophierte in sich hinein: »Man soll eben nicht glauben, daß es mit den vornehmen Herren eine Freundschaft gibt. Wenn sie noch so liebenswürdig sind . . . eines Tages werden sie unverschämt . . . und dann sitzt man so dumm da, wie ich jetzt dasitze . . .«

Plötzlich fiel er senkrecht wie ein Stein zu Boden. Er hatte eine Maus erspäht, die jetzt nur ein einziges Mal in seinen Fängen aufpiepste. Er zerriß sie in Stücke, denn er war voll Zorn. Schneller als sonst hatte er den kleinen Bissen gekröpft. Dann flog er davon. »Was liegt mir an diesem Bambi?« dachte er. »Was liegt mir an der ganzen vornehmen Gesellschaft? Gar nichts liegt mir daran!« Er fing zu schreien an. So gellend, so anhaltend, daß ein paar Holztauben, an denen er vorbeikam, erwachten und mit lautem Flügelknattern von ihren Plätzen stoben.

 

Viele Tage lang fegte der Sturm durch den Wald und riß das letzte Laub von den Zweigen. Nun standen die Bäume ganz kahl.

Bambi ging im Morgengrauen heimwärts, um in der Grube zusammen mit dem Alten zu schlafen.

Eine dünne Stimme rief ihn, zwei-, dreimal rasch nacheinander. Er blieb stehen. Da sauste das Eichhörnchen wie der Blitz von den Zweigen nieder und saß vor ihm am Boden.

»Sie sind es also wirklich!« pfiff es mit andächtigem Staunen. »Ich hab' Sie gleich erkannt, als Sie an mir vorüberkamen, aber ich hab's nicht glauben wollen . . .«

»Wie kommen Sie denn hierher . . .?« fragte Bambi.

Das muntere, kleine Gesicht vor ihm wurde ganz bekümmert. »Die Eiche ist hin . . .« begann es zu klagen, »meine schöne alte Eiche . . . erinnern Sie sich? Es war furchtbar . . . Er hat sie umgeworfen.«

Bambi senkte traurig das Haupt. Der wunderbare alte Baum tat ihm in der Seele leid.

»So schnell ist das gegangen«, erzählte das Eichhörnchen, »wir alle, die auf dem Baum wohnten, haben uns geflüchtet und haben zugeschaut, wie Er mit einem riesengroßen, blinkenden Zahn die alte Eiche durchgebissen hat. Der Baum hat aus seiner Wunde laut geschrien. Immerfort hat er geschrien, und der Zahn hat geschrien . . . es war entsetzlich anzuhören. Dann ist der arme schöne Baum umgefallen. Hinaus auf die Wiese . . . wir haben alle geweint.«

Bambi schwieg.

»Ja . . .« seufzte das Eichhörnchen, »Er kann alles . . . Er ist allmächtig . . .« Es schaute Bambi mit großen Augen an und spitzte die Ohren, aber Bambi schwieg.

»Nun sind wir alle obdachlos . . .« redete das Eichhörnchen weiter, »ich weiß gar nicht, wohin die andern sich zerstreut haben . . . Ich bin hierher gekommen . . . aber solch einen Baum finde ich so bald nicht wieder.«

»Die alte Eiche . . .« sagte Bambi vor sich hin, »seit meinen Kindertagen hab' ich sie gekannt.«

»Nein . . . aber daß Sie es wirklich sind!« Das Eichhörnchen wurde ganz vergnügt. »Alle haben gemeint, Sie müßten längst tot sein. Freilich, manchmal hieß es, daß Sie noch leben . . . manchmal wurde erzählt, der oder jener hätte Sie gesehen . . . aber etwas Bestimmtes konnte man nicht erfahren, und so hielt man das für ein leeres Gerücht . . .« Das Eichhörnchen sah ihn forschend an. »Nun ja . . . weil Sie doch nicht wieder zurückgekommen sind.«

Man merkte ihm die Neugier an, wie es so dasaß und auf eine Antwort wartete.

Bambi schwieg. Doch auch in ihm regte sich eine leise, bange Neugier. Er wollte fragen. Nach Faline, nach Tante Ena, nach Ronno und Karus, nach allen Gefährten seiner Jugend. Aber er schwieg.

Das Eichhörnchen saß noch immer vor ihm und musterte ihn. »Diese Krone!« rief es bewundernd, »diese Krone! Niemand außer dem alten Fürsten, niemand im ganzen Walde hat solch eine Krone!«

Früher einmal hätte sich Bambi durch diese Anerkennung entzückt und geschmeichelt gefühlt. Jetzt sagte er nur obenhin: »So . . . Mag sein . . .«

Das Eichhörnchen nickte rasch mit dem Kopf. »Wahrhaftig!« staunte es, »wahrhaftig, Sie fangen schon an, grau zu werden.«

Bambi ging weiter.

Das Eichhörnchen merkte, daß die Unterredung nun zu Ende sei, und schwang sich in die Zweige. »Guten Morgen«, rief es herunter, »leben Sie wohl! Es hat mich sehr gefreut. Wenn ich einen von Ihren alten Bekannten treffe, dann erzähle ich ihm, daß Sie leben . . . Sie werden sich alle freuen.«

Bambi hörte es und fühlte wieder dieses leise Regen in seinem Herzen. Aber er sagte nichts. Man muß allein bleiben, hatte ihn der Alte gelehrt, damals, als Bambi noch ein Kind gewesen war. Und der Alte hatte ihm viele Erkenntnisse, viele Geheimnisse erschlossen, späterhin bis zum heutigen Tage. Von allen seinen Lehren jedoch war dies seine wichtigste gewesen: Man muß allein bleiben. Wenn man sich bewahren, wenn man das Dasein begreifen, wenn man zur Weisheit gelangen will, muß man allein bleiben!

»Aber«, hatte Bambi einmal gefragt, »aber wir beide, wir sind doch jetzt immer beisammen . . .?«

»Nicht mehr lange«, hatte der Alte darauf erwidert.

Das war erst vor wenigen Wochen gewesen.

Jetzt fiel es Bambi wieder ein, und es fiel ihm plötzlich auch ein, daß schon das allererste Wort des Alten dem Alleinsein gegolten hatte. Damals als Bambi noch ein Kind war und nach der Mutter rief. Da war der Alte zu ihm getreten und hatte ihn gefragt: »Kannst du nicht allein sein?«

Bambi ging weiter.

 

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