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Felix Salten: Bambi - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Salten
titleBambi
publisherFischer Bücherei
year1956
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20140913
modified20161027
projectid154624be
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Ein Morgen kam, der brachte das Unheil über Bambi.

Das fahle Grau der ersten Dämmerung schlich in den Wald. Von den Wiesen hob sich ein milchweißer Nebel, und jene Stille war ringsum ausgebreitet, die den Übergang der Tageszeiten durchatmet.

Noch waren die Krähen nicht erwacht, nicht die Elstern, und der Häher schlief.

Bambi war Faline begegnet in dieser Nacht. Sie sah ihn traurig an und war sehr schüchtern.

»Ich bin so viel allein«, sagte sie leise.

»Auch ich bin allein«, erwiderte Bambi zögernd.

»Warum bleibst du nicht mehr bei mir?« fragte Faline demütig, und es schmerzte ihn, daß die muntere, dreiste Faline nun so ernst und unterwürfig war.

»Ich muß allein sein«, entgegnete er. Doch so schonend er es hatte sagen wollen, es klang hart. Er hörte es selbst.

Faline sah ihn an und fragte ganz leise: »Liebst du mich noch?«

Bambi antwortete ebenso: »Ich weiß es nicht.«

Da ging sie still von ihm fort und ließ ihn allein.

Nun stand er unter der großen Eiche am Wiesenrand, spähte sorgsam sichernd hinaus und trank den Morgenwind, der rein war von jeder Witterung, der feucht und erfrischend nach Erde roch, nach Tau und Gras und nassem Holz. Bambi atmete tief. Ihm wurde auf einmal frei zu Gemüt, wie seit langem nicht. Heiter trat er hinaus in die nebelüberwallte Wiese.

Da krachte ein Donnerschlag.

Bambi fühlte einen furchtbaren Stoß, der ihn taumeln machte.

Rasend vor Schreck sprang er ins Dickicht zurück und rannte weiter. Er begriff nicht, was geschehen war, er konnte keinen einzigen Gedanken fassen, er rannte nur und rannte. Der Schrecken hielt sein Herz umfangen, daß ihm der Atem verging, während er blindlings weiterstürmte. Aber mit einem Male durchfuhr ihn ein stechender Schmerz, den er nicht zu ertragen meinte. Er fühlte, wie es ihm heiß über den linken Schenkel lief, ein dünner, brennender Faden, der von dorther kam, wo der Schmerz auf ihn einstach. Bambi mußte innehalten im Laufen. Es zwang ihn, langsamer zu schreiten. Dann fühlte er, wie er lahm wurde im Kreuz und an den Beinen. Und er sank zusammen.

Es war Labsal, so dazuliegen und zu ruhen.

»Auf! Bambi! Auf!« Der Alte stand bei ihm und stieß ihn leise in die Schulter.

Bambi wollte erwidern: »Ich kann nicht«, aber der Alte wiederholte: »Auf! Auf!« und es war ein solches Drängen in seiner Stimme und eine solche Zärtlichkeit, daß Bambi schwieg. Auch der Schmerz, der ihn durchwühlte, schwieg einen Augenblick.

Jetzt sagte der Alte in Hast und Angst: »Steh auf! Du mußt fort, mein Kind!« Mein Kind . . . Es war, als entschlüpfte ihm dieses Wort, und Bambi stand im Nu auf seinen Beinen.

»So!« sagte der Alte, atmete tief und redete eindringlich weiter: »Komm jetzt mit mir . . . nur immer mit mir . . .!«

Er schritt eilig voraus. Bambi folgte ihm, aber es war seine inbrünstige Sehnsucht, sich zu Boden gleiten zu lassen, still zu liegen und auszuruhen.

Der Alte schien das zu erraten und sprach unablässig auf ihn ein. »Jetzt mußt du jeden Schmerz ertragen, jetzt darfst du nicht ans Hinlegen denken . . . nicht einmal denken darfst du daran, denn das allein schon macht dich müde! Jetzt mußt du dich retten . . . verstehst du mich, Bambi? . . . retten . . . sonst bist du verloren . . . denke nur daran, daß Er hinter dir her ist . . . verstehst du mich, Bambi? . . . und Er tötet dich ohne Erbarmen . . . komm hierher . . . so, nur immer hierher . . . es wird schon gehen . . . es muß gehen . . .« Bambi hatte keine Kraft mehr, zu denken. Der Schmerz tobte in ihm bei jedem Schritt, raubte ihm Atem und Besinnung, und der heiße Streifen, der ihm den Schenkel hinunterglühte, brannte ihm eine tiefe, traumhafte Erregung ins Herz.

Der Alte ging einen weiten Kreis rundum. Es dauerte lange. Bambi nahm durch den Schleier von Schmerz und Schwäche mit Staunen wahr, daß sie auf einmal wieder bei der großen Eiche vorbeikamen.

Da blieb der Alte stehen und witterte am Boden. »Hier!« flüsterte er, »hier . . . ist Er . . . und hier . . . der Hund . . . Komm jetzt . . . schneller!«

Sie liefen. Plötzlich blieb der Alte wieder stehen.

»Siehst du . . .!« rief er, »hier hast du am Boden gelegen.«

Bambi sah das eingedrückte Gras und in breiter Lache sein eigenes Blut, das in die Erde versickerte.

Der Alte witterte den Platz sorgsam ab. »Sie sind schon dagewesen . . . Er und der Hund . . .« sagte er, »nun komm!« Er schritt langsam, immer aufs neue witternd, voran.

Bambi sah die roten Tropfen auf den Blättern der Sträucher und auf den Halmen leuchten. »Hier sind wir schon gegangen«, dachte er, aber er konnte nicht sprechen.

»So!« sagte der Alte und war beinahe fröhlich, »jetzt sind wir hinter ihnen . . .«

Er ging noch eine Weile auf derselben Spur. Dann zog er unversehens einen Haken und begann einen neuen Kreis. Bambi folgte ihm taumelnd.

Noch ein zweites Mal kamen sie, nun aber von der entgegengesetzten Seite, an die Eiche, kamen noch ein zweites Mal zu der Stelle, wo Bambi hingefallen war, dann nahm der Alte wieder eine andere Richtung.

»Iß davon!« befahl er, blieb stehen, scharrte das Gras zur Seite und wies auf ein paar ganz winzige Blätter, die kurz und dunkelgrün, fett und flockig dem rauhen Boden entsprossen.

Bambi gehorchte. Es schmeckte entsetzlich bitter und roch widerlich.

Nach einer Weile fragte der Alte: »Wie geht's dir?«

»Besser«, antwortete Bambi schnell. Er konnte plötzlich wieder reden, seine Sinne waren klar, seine Müdigkeit gelindert.

Wieder nach einer Weile befahl der Alte: »Geh einmal voraus.« Und nachdem er eine Zeitlang hinter Bambi einhergeschritten war, sagte er: »Endlich!« Sie blieben stehen. »Dein Blut ist gestillt«, sprach der Alte, »es tropft nicht mehr aus deiner Wunde, und wird also nicht mehr zum Verräter an dir, wird . . . Ihm und Seinem Hund nicht mehr den Weg zu deinem Leben zeigen.«

Der Alte sah angestrengt und ermüdet aus, aber in seiner Stimme klang Heiterkeit. »Komm jetzt«, fuhr er fort, »nun sollst du Ruhe haben.«

Sie gelangten zu dem breiten Graben, den Bambi noch nie überschritten hatte. Der Alte stieg hinab, Bambi versuchte zu folgen, doch es kostete ihn große Mühe, auf der andern Seite die steile Böschung zu erklettern. Der Schmerz begann wieder heftig in ihm zu wühlen. Er strauchelte, raffte sich auf, strauchelte von neuem und atmete schwer.

»Ich kann dir nicht helfen«, sagte der Alte, »du mußt herauf!« Und Bambi kam bis nach oben. Er fühlte den heißen Streifen von neuem an seinem Schenkel, fühlte seine Kräfte zum zweitenmal schwinden.

»Du blutest wieder«, sagte der Alte, »das habe ich erwartet. Aber es ist nur wenig . . . und . . .«, setzte er flüsternd hinzu . . . »jetzt schadet es auch nichts mehr.«

Ganz langsam schritten sie durch einen Saal himmelhoher Buchen. Der Boden war weich und glatt. Es ging sich mühelos darauf. Bambi bekam Sehnsucht, sich hier niederzulegen, sich auszustrecken und kein Glied mehr zu rühren. Er konnte nicht weiter. Sein Kopf schmerzte, es sauste ihm in den Ohren, seine Nerven bebten, und das Fieber begann ihn zu schütteln. Es wurde ihm dunkel vor den Augen. In ihm war nichts mehr als das Verlangen nach Ruhe und ein gleichgültiges Staunen, wie sein Leben jetzt auf einmal unterbrochen und verändert sei. Daß er jemals gesund und unverletzt durch den Wald gegangen . . . heute morgen . . . noch vor einer Stunde . . . das erschien ihm nun wie das Glück einer fernen, längst entschwundenen Zeit.

Sie kamen durch ein niedriges Eichen- und Hartriegeldickicht. Ein mächtiger geborstener Buchenstamm lag tief eingebettet im Buschwerk quer vor ihnen und sperrte den Weg.

»Da sind wir . . .« hörte Bambi den Alten sagen. Er strich den Buchenstamm entlang, Bambi ging hinter ihm und fiel beinahe in eine Grube, die sich hier auftat.

»So!« sprach der Alte in diesem Augenblick, »da kannst du liegen.«

Bambi sank in sich zusammen und regte sich nicht mehr.

Unter dem gefallenen Buchenstamm wurde die Grube noch tiefer und bildete eine kleine Kammer. Das Gebüsch, außen am Rande, schlug über einem zusammen, wenn man hineinkam, und schützte vor allen Blicken. War man da unten, so war man wie verschwunden.

»Hier bist du sicher«, sagte der Alte, »hier bleibst du.«

Tage vergingen.

Bambi lag in der warmen Erde, die modernde Rinde des gestürzten Baumes über sich, behorchte seine Schmerzen, wie sie heranwuchsen in seinem Körper, stärker wurden, abließen, von ihm wichen und niedersanken, immer leiser und leiser. Manchmal kroch er hervor, stand schwach und schwankend auf müden, unsicheren Beinen, ging ein paar steife Schritte, um Nahrung zu suchen. Er aß jetzt Kräuter, die er früher niemals beachtet, die er nicht einmal bemerkt hatte. Jetzt auf einmal aber boten sie sich an, riefen ihn mit ihrem Duft voll seltsamer lockender Schärfe. Was er früher verschmäht, was er wieder weggeworfen hatte, wenn es ihm unversehens zwischen die Lippen kam, schien ihm jetzt schmackhaft und würzig. Manche kleine Blätter, manche kurze, stämmige Stengel widerstanden ihm auch jetzt, aber er aß trotzdem davon wie unter einem Zwang, und seine Wunde heilte rascher, seine Kräfte kehrten fühlbar zurück.

Er war gerettet. Doch er verließ die Grube noch nicht, ging des Nachts bloß ein wenig umher und blieb den Tag über still in seinem Bett. Jetzt erst, da sein Körper keine Schmerzen mehr fühlte, erlebte Bambi alles, was geschehen war, in Gedanken noch einmal, und ein großes Erschrecken wachte in ihm auf, eine tiefe Erschütterung ging durch sein Gemüt. Er konnte das nicht von sich abstreifen, konnte noch nicht aufstehen und umherlaufen wie sonst. Er lag da und war erregt, war abwechselnd entsetzt, beschämt, erstaunt, gerührt, war bald voll Wehmut, bald wieder voll Glück.

Der Alte blieb immer bei ihm. Anfangs war er Tag und Nacht an Bambis Seite gewesen. Jetzt ließ er ihn zuweilen allein, besonders wenn er merkte, daß Bambi in Grübelei verfiel. Doch er hielt sich beständig ganz in der Nähe.

Ein Abend kam, nach Blitz und Donner und Gewitterregen, mit reingefegtem blauen Himmel, den die untergehende Sonne überstrahlte. Auf den Baumwipfeln ringsum sangen laut die Amseln, die Finken schlugen, im Gebüsch wisperten die Meisen, im Grase und unter den Sträuchern am Boden klang das metallisch geborstene Krähen der Fasanen in kurzen Rufen, der Specht lachte helljauchzend auf, und die Tauben gurrten mit innigem Liebesverlangen.

Bambi trat aus seiner Grube hervor. Das Leben war schön. Der Alte stand da, als habe er gewartet.

Sie gingen schlendernd miteinander.

Über den Graben jedoch, zu den andern, kehrte Bambi nicht mehr zurück.

 

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