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Felix Salten: Bambi - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Salten
titleBambi
publisherFischer Bücherei
year1956
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20140913
modified20161027
projectid154624be
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Sie standen beisammen mitten in der Dickung auf einer kleinen Blöße, und Gobo erzählte.

Auch Freund Hase saß da, hob voll Staunen seine Löffel, lauschte gespannt und ließ sie überwältigt wieder niedersinken, um sie sogleich noch einmal hochzuheben.

Die Elster hockte auf dem niedrigsten Zweige der jungen Buche und horchte verblüfft. Der Häher saß gegenüber unruhig auf einer Esche und kreischte manchmal erstaunt auf.

Ein paar bekannte Fasanen mit ihren Frauen und Kindern hatten sich eingefunden, reckten verwundert ihre Hälse, während sie zuhörten, zogen sie ruckend wieder ein, wandten die Köpfe hin und her und blieben sprachlos.

Das Eichhörnchen war herbeigesprungen und gebärdete sich sehr aufgeregt. Bald glitt es zu Boden, bald rannte es diesen oder jenen Baum empor, bald lehnte es an seiner aufgepflanzten Fahne und zeigte die weiße Brust. Immer wieder wollte es Gobo unterbrechen, wollte etwas sagen, aber immer wieder wurde es von allen strenge zur Ruhe verwiesen.

Gobo erzählte, wie er hilflos im Schnee gelegen und den Tod erwartet hatte.

»Die Hunde fanden mich«, sagte er, »die Hunde sind furchtbar. Sie sind überhaupt das Furchtbarste, das es auf der ganzen Welt gibt. Ihr Rachen ist voll Blut, ihre Stimme ist voll Zorn und ohne Erbarmen.« Er sah sich um im ganzen Kreise und fuhr fort: ». . . nun . . . seither habe ich ja mit ihnen gespielt wie mit meinesgleichen . . .« er war sehr stolz, ». . . ich brauche keine Angst mehr vor ihnen zu haben, denn ich bin jetzt mit ihnen sehr befreundet. Trotzdem, wenn sie zu wüten anfangen, braust es mir im Kopfe, und mein Herz wird ganz starr. Sie meinen es ja nicht immer so böse, und wie ich eben gesagt habe, ich bin ja ihr Freund . . . aber ihre Stimme hat eine entsetzliche Gewalt.« Er schwieg.

»Weiter!« drängte Faline.

Gobo sah sie an. »Nun, damals hätten sie mich fast zerrissen . . . aber da kam Er!«

Gobo machte eine Pause. Die anderen atmeten kaum.

»Ja«, sagte Gobo. »Dann kam Er! Er rief die Hunde an, und sie wurden sofort ganz still. Er rief noch einmal, und sie lagen regungslos vor Ihm auf dem Boden. Dann hob Er mich auf. Ich schrie. Aber Er streichelte mich. Er hielt mich sanft an sich gedrückt. Er tat mir nicht weh. Und dann hat Er mich fortgetragen . . .«

Faline unterbrach ihn: »Was ist das, ›Tragen‹?«

Gobo begann es ihr zu erklären, umständlich und wichtig.

»Sehr einfach«, rief Bambi dazwischen, »sieh doch, Faline, wie das Eichhörnchen es macht, wenn es eine Nuß hält und fortträgt . . .«

Das Eichhörnchen wollte endlich sprechen. ». . . ein Vetter von mir . . .« fing es eifrig an. Doch die anderen riefen sogleich: »Still! Still! Gobo soll weitererzählen!«

Das Eichhörnchen mußte schweigen. Es war verzweifelt, drückte die Vorderpfoten an die weiße Brust und wandte sich zu einem Zwiegespräch an die Elster: » . . . nämlich . . . ein Vetter von mir . . .«

Aber die Elster kehrte ihm einfach den Rücken.

Gobo erzählte Wunder. »Draußen ist es kalt, und der Sturm heult. Drinnen bei Ihm aber ist es windstill und so warm wie im Sommer.«

»Hach!« kreischte der Häher.

»Draußen schüttet der Regen vom Himmel, daß alles schwimmt. Aber drinnen bei Ihm fällt kein Tropfen, und man bleibt trocken.«

Die Fasane ließen die Hälse aufzucken und drehten die Köpfe.

»Draußen lag überall der hohe Schnee, aber drinnen stand ich in der Wärme; es war mir ganz heiß, und Er gab mir Heu zu essen, Kastanien, Kartoffeln, Rüben, was ich mir nur wünschen konnte . . .«

»Heu?!« Alle fragten zugleich, verblüfft, ungläubig, erregt.

»Frisches, süßes Heu«, wiederholte Gobo gelassen und schaute sieghaft umher.

Das Eichhörnchen drängte seine Stimme dazwischen: »Ein Vetter von mir . . .«

»Still doch!« riefen die anderen.

Und Faline fragte Gobo heftig: »Woher hat Er im Winter Heu und das andere?«

»Er läßt es wachsen«, antwortete Gobo, »was Er will, läßt Er wachsen, und was Er will, ist eben da!«

Faline fragte weiter: »Hast du dich nicht immerfort gefürchtet, Gobo, dort bei Ihm?«

Gobo lächelte sehr überlegen. »Nein, liebe Faline. Gar nicht mehr. Ich wußte ja doch, daß Er mir nichts zuleide tun wollte. Warum hätte ich mich fürchten sollen? Ihr glaubt alle, daß Er böse ist. Aber Er ist nicht böse. Wenn Er jemanden lieb hat, wenn man Ihm dient, ist er gut. Wunderbar gut. Niemand in der ganzen Welt kann so gut sein wie Er . . .«

Plötzlich, während Gobo so redete, trat lautlos der Alte aus dem Gebüsch.

Gobo merkte es nicht und erzählte weiter. Aber alle anderen hatten den Alten erblickt und hielten vor Ehrfurcht den Atem an.

Der Alte stand ohne Bewegung und betrachtete Gobo mit ernsten, tiefen Augen.

Gobo sagte: »Nicht bloß Er allein, auch Seine Kinder haben mich geliebt, auch Seine Frau und alle. Sie haben mich gestreichelt, haben mir zu essen gegeben und mit mir gespielt . . .« Er brach ab. Er hatte den Alten gesehen.

Eine Stille trat ein.

Dann fragte der Alte mit seiner ruhigen, gebietenden Stimme: »Was hast du da für einen Streifen am Halse?«

Alle blickten hin und gewahrten jetzt zum erstenmal den dunklen Strich aus eingedrückten und abgescheuerten Haaren, der Gobos Hals umsäumte.

Gobo antwortete unsicher: »Das . . .? Das ist von dem Bande, das ich getragen habe . . . es ist Sein Band . . . und . . . ja . . . und es ist die größte Ehre, Sein Band zu tragen . . . es ist . . .« Er wurde verwirrt und stammelte.

Alle schwiegen. Der Alte sah Gobo lange an, durchdringend und traurig.

»Unglücklicher«, sagte er leise, wandte sich ab und war fort.

In dem Schweigen der Bestürzung, das nun folgte, fing das Eichhörnchen zu schwatzen an: »Nämlich . . . ein Vetter von mir ist auch bei Ihm gewesen . . . Er hat ihn eingefangen und eingesperrt . . . oh, sehr lange, bis eines Tag es mein Vetter . . .«

Aber niemand hörte dem Eichhörnchen zu.

Sie gingen auseinander.

 

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