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Felix Salten: Bambi - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Salten
titleBambi
publisherFischer Bücherei
year1956
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20140913
modified20161027
projectid154624be
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Die Weiden hatten längst ihre Kätzchen verloren. Alles begann zu grünen, aber die jungen Blätter an Strauch und Baum waren noch klein. Vom zarten Licht dieser frühen Morgenstunde überschimmert, sahen sie in ihrer lächelnden Frische aus wie kleine Kinder, die eben aus dem Schlaf erwacht sind.

Vor einem Haselstrauch stand Bambi und schlug seine neue Krone gegen das Holz. Das war so angenehm. Und außerdem war es auch notwendig, denn immer noch umhüllten Bast und Pelz den Schmuck seines Hauptes. Die mußten herunter, selbstverständlich; und wer auf Ordnung hielt, der wartete nicht, bis sie von selbst abfielen. Bambi fegte seine Krone, daß die Basthülle in Fetzen riß und ganze Streifen davon ihm um die Lauscher baumelten. Während er gegen den Haselstrauch schlug, auf und ab, fühlte er, daß seine Krone härter war als der Haselstock. Dieses Gefühl durchdrang ihn mit einem Rausch von Kraft und Stolz. Heftiger drang er auf den Haselstrauch ein und riß ihm das Rindenkleid in langen Stücken auseinander. Das weiße Holz kam nackt zum Vorschein und lief alsbald in der ungewohnten freien Luft rostrot an. Bambi konnte darauf keine Rücksicht nehmen. Er sah das helle Fleisch des Holzes unter seinen Hieben aufblitzen, und das begeisterte ihn. Hier in der Runde trugen noch manche andere Haselbüsche und Hartriegelsträucher die Spuren seiner Arbeit.

»Nun sind Sie wohl bald fertig . . .?« sagte eine muntere Stimme nahe bei ihm.

Bambi warf das Haupt empor und blickte sich um.

Da saß das Eichhörnchen und sah ihn freundlich an.

Bambi und das Eichhörnchen erschraken beinahe. Doch der Specht, der dicht am Stamme der Eiche hockte, rief herunter: »Entschuldigen Sie . . . ich muß jedesmal lachen, wenn ich Ihnen so zuschaue.«

»Was gibt's denn da so laut zu lachen?« fragte Bambi höflich.

»Nun«,meinte der Specht, »Sie fangen eben die Sache ganz falsch an. Erstens müßten Sie sich an starke Bäume halten, denn bei dem dünnen Haselstöckchen kommt doch nichts heraus.«

»Was soll denn herauskommen?« erkundigte sich Bambi.

»Käfer . . .« lachte der Specht. »Käfer und Larven . . . Sehen Sie, das macht man so!« Er trommelte an dem Eichenstamm. Tok, tok, tok, tok.

Das Eichhörnchen sauste zu ihm empor und zankte ihn aus. »Was reden Sie denn da? Der Prinz sucht keine Käfer und Larven . . .«

»Warum nicht?« sagte der Specht vergnügt, »die schmecken ausgezeichnet . . .« Er zerbiß einen Käfer, verschluckte ihn und trommelte wieder.

»Das verstehen Sie nicht«, zankte das Eichhörnchen weiter, »so ein vornehmer Herr verfolgt ganz andere, viel höhere Zwecke . . . Sie blamieren sich bloß . . .«

»Daran liegt mir gar nichts«, antwortete der Specht. »Ich pfeife auf die höheren Zwecke«, rief er lustig und flatterte fort.

Das Eichhörnchen sauste wieder herunter.

»Kennen Sie mich nicht?« fragte es und machte ein vergnügtes Gesicht.

»Ich glaube wohl«, antwortete Bambi freundlich, »Sie wohnen doch da oben . . .« Er deutete zur Eiche hinauf.

Das Eichhörnchen sah ihn munter an. »Sie verwechseln mich mit meiner Großmutter«, sagte es, »ich wußte ja, daß Sie mich mit meiner Großmutter verwechseln. Meine Großmutter hat da oben gewohnt, als Sie noch ein Kind waren, Prinz Bambi. Sie hat mir oft von Ihnen erzählt. Ja . . . aber dann ist sie vom Marder getötet worden . . . vor langer Zeit, im Winter . . . erinnern Sie sich nicht?«

»Doch.« Bambi nickte. »Ich habe davon gehört.«

»Nun . . . und nach ihr hat sich mein Vater hier angesiedelt«, erzählte das Eichhörnchen. Es richtete sich auf, machte erstaunte Augen und hielt beide Pfoten höflich an seine weiße Brust. »Aber . . . vielleicht verwechseln Sie mich mit meinem Vater . . . Haben Sie meinen Vater gekannt?«

»Es tut mir leid«, erwiderte Bambi, »ich hatte niemals das Vergnügen.«

»Ich dachte mir's!« rief das Eichhörnchen befriedigt. »Mein Vater war so mürrisch und so scheu. Er hat mit niemandem verkehrt.«

»Wo ist er jetzt?« erkundigte sich Bambi.

»Ach«, sagte das Eichhörnchen, »vor einem Monat hat ihn die Eule erwischt. Ja. Und jetzt wohne eben ich hier droben. Ich bin sehr zufrieden. Sie müssen bedenken, daß ich hier oben geboren bin.«

Bambi wandte sich ab, um zu gehen.

»Warten Sie«, rief das Eichhörnchen schnell, »von alledem habe ich ja gar nicht reden wollen. Ich wollte doch ganz etwas anderes sagen.«

Bambi blieb stehen. »Was war es denn?« fragte er geduldig.

»Ja . . . was war es?« Das Eichhörnchen dachte nach, tat dann wieder einen jähen Sprung, setzte sich aufrecht, an seine prächtige Fahne gelehnt, und sah Bambi an. »Richtig! Jetzt weiß ich's«, schwatzte es weiter. »Ich wollte sagen, daß Sie nun bald fertig sind mit Ihrer Krone, und daß sie wunderschön wird.«

»Finden Sie?« Bambi freute sich.

»Wunderschön!« rief das Eichhörnchen und drückte begeistert beide Vorderpfoten gegen seine weiße Brust. »So hoch! So stattlich! Und solch lange, helle Zacken! Das findet man selten!«

»Wirklich?« fragte Bambi. Er wurde so fröhlich, daß er augenblicklich wieder auf den Haselstrauch loszuschlagen begann. Die Rinde stob in langen Fasern umher.

Derweil redete das Eichhörnchen weiter. »Ich muß wirklich sagen, andere in Ihrem Alter haben keine so prächtige Krone. Man sollte es gar nicht für möglich halten. Wenn man Sie im vorigen Sommer gekannt hat . . . ich habe Sie einige Male gesehen, von weitem, man würde es wahrhaftig nicht glauben, daß Sie derselbe sind . . . so dünne Stäbchen wie Sie damals hatten . . .«

Bambi hielt plötzlich inne. »Leben Sie wohl«, sagte er hastig, »ich muß weiter!« Und er lief fort.

Er hatte es nicht gerne, an den vorigen Sommer erinnert zu werden. Es war eine schwere Zeit für ihn gewesen. Zuerst, nach dem Verschwinden der Mutter, hatte er sich ganz verlassen gefühlt. Der Winter dauerte damals sehr lange, der Frühling kam zögernd, und erst spät fing es an zu grünen. Ohne Frau Nettla hätte sich Bambi gar nicht zurechtgefunden, aber sie nahm sich seiner an und half ihm, wo sie konnte. Trotzdem war er viel allein geblieben. Gobo fehlte ihm überall, der arme Gobo, der nun wohl auch tot war, wie die anderen. Bambi mußte in dieser Zeit oft an ihn denken und begriff erst nachträglich so recht, wie lieb und gut Gobo gewesen war. Faline sah er selten. Sie hielt sich beständig dicht an ihre Mutter und zeigte sich merkwürdig scheu. Später, als es dann endlich warm geworden war, hatte Bambi angefangen, sich wieder zu erholen. Er fegte seine erste Krone blank und war sehr stolz darauf. Allein die bittere Enttäuschung folgte bald. Die anderen Gekrönten jagten ihn, wo sie ihn erblickten. Sie trieben ihn zornig vor sich her, duldeten nicht, daß er sich jemandem näherte, mißhandelten ihn, und zuletzt hatte er auf Schritt und Tritt Angst, von ihnen erwischt zu werden, hatte Furcht, sich irgendwo zu zeigen, und schlich auf verborgenen Wegen in gedrückter Stimmung umher. Dabei hatte ihn, je heißer und sonniger die Tage wurden, eine merkwürdige Unruhe ergriffen. Sein Herz fühlte sich mehr und mehr von einer Sehnsucht bedrängt, die schmerzlich war und wohlig zugleich. Wenn er zufällig mal Faline oder eine ihrer Freundinnen nur von weitem sah, überwältigte ihn ein Sturm von unbegreiflicher Erregung. Oftmals geschah es auch, daß er bloß ihre Spur erkannte, oder daß ihm der prüfend eingezogene Atem den Hauch ihrer Nähe zutrug. Immer wieder fühlte er sich dann unwiderstehlich zu ihnen hingezogen. Folgte er aber dem Verlangen, das ihn dahintrug, dann war es immer zu seinem Unheil. Denn entweder traf er niemanden und mußte endlich, ermüdet, nach langem Umherirren erkennen, daß er von den anderen gemieden werde, oder er geriet einem der Gekrönten in die Quere, der augenblicklich auf ihn lossprang, ihn schlug und stieß und ihn schimpflich davonjagte. Am häßlichsten hatten sich Ronno und Karus zu ihm benommen. Nein, das war keine schöne Zeit gewesen.

Nun hatte ihn das Eichhörnchen dummerweise daran erinnert. Er wurde mit einem Male ganz wild und begann zu rennen. Die Meisen und Zaunschlüpfer stoben entsetzt aus den Büschen, an denen er vorbeikam, und fragten einander hastig: »Wer ist denn das? . . . Wer war denn das?« Bambi hörte es nicht. Ein paar Elstern schäkerten nervös: »Ist etwas passiert?« Der Häher schrie boshaft: »Was los?!« Bambi beachtete ihn nicht. Über ihm sang der Pirol von Baum zu Baum: »Guten Morgen . . . ich bin . . . fro-oh!« Bambi gab keine Antwort. Das Dickicht ringsumher war wohl schon hell und fein durchsponnen von Sonnenstrahlen. Bambi kümmerte sich nicht darum. Plötzlich knatterte es laut, beinahe unter seinen Füßen; ein ganzer Regenbogen von herrlichen Farben blitzte und leuchtete ihm dicht vor den Augen, daß er geblendet innehielt. Es war Janello, der Fasan, der erschreckt in die Luft stieg, weil Bambi fast auf ihn getreten wäre. Scheltend strich er davon. »Unerhört!« schrie er mit seiner zerspaltenen, krähenden Stimme. Bambi stand verdutzt und schaute ihm nach. »Es ist noch glücklich vorbeigegangen, aber Sie waren wirklich rücksichtslos . . .« sagte eine sanfte, zwitschernde Stimme neben ihm vom Boden her. Es war Janelline, die Frau des Fasans. Sie saß auf der Erde und brütete. »Mein Mann ist furchtbar erschrocken«, fuhr sie unzufrieden fort, »und ich ebenso. Aber ich darf mich ja nicht vom Fleck rühren . . . ich rühre mich nicht vom Fleck, was immer auch geschieht . . . mich hätten Sie ruhig zertreten können . . .«

Bambi schämte sich ein wenig. »Verzeihen Sie«, stotterte er, »ich habe nicht aufgepaßt.«

Janelline antwortete: »Oh, bitte! Es war ja vielleicht auch nicht so arg. Aber mein Mann und ich, wir sind jetzt so nervös. Sie begreifen . . .«

Bambi begriff gar nichts und ging weiter. Er war nun ruhiger geworden. Der Wald sang um ihn her. Das Licht wurde goldener und heißer, die Blätter an den Sträuchern, die Gräser am Boden und die feuchtdampfende Erde begannen scharf zu duften. In Bambi schwoll die junge Kraft und dehnte sich durch alle seine Glieder, so daß er mit zögernd verhaltenen Bewegungen ganz steif einherging, als sei er künstlich.

Zu einem niedern Holunderbusch trat er heran und schlug mit hochgehobenen Knien den Boden in wuchtigen Hieben, daß die Schollen nur so spritzten. Sein feiner, scharfer Spalthuf schnitt die Gräser ab, die hier wuchsen, Walderbse und Lauch, Veilchen und Schneeglöckchen, scharrte sie weg, bis die Erde entblößt war und gestrichelt vor ihm lag. Es knallte dumpf unter jedem Schlag.

Zwei Maulwürfe, die sich im Wurzelgewirr eines alten Ligusters getummelt hatten, wurden aufmerksam, schauten hervor und beobachteten Bambi: »Aber . . . das ist doch lächerlich, was der macht«, flüsterte der eine. »So kann man doch nicht graben . . .«

Der andere verzog spöttisch die feinen Mundwinkel: »Er hat ja keine Ahnung . . ., das sieht man gleich . . . Aber so geht's, wenn die Leute Dinge tun, die sie nicht verstehen.«

Plötzlich hörte Bambi auf, warf das Haupt empor, lauschte und spähte durchs Laub. Dort schimmerte ein roter Fleck durch das Gezweig, dort blinkten undeutlich die Zacken einer Krone. Bambi schnaubte. Wer es auch immer sein mochte, der dort umherschlich, Ronno oder Karus oder sonst ein anderer – drauf! Bambi stob dahin. Zeigen, daß ich mich nicht mehr fürchte! dachte er wie in einer jähen Betäubung, zeigen, daß ich derjenige bin, vor dem man sich fürchten muß!

Die Büsche rauschten bei der Wucht seines Anrennens, die Äste knackten und brachen. Schon sah Bambi den anderen dicht vor sich. Zu erkennen vermochte er ihn nicht, denn ihm schwamm alles vor den Augen. Er dachte nichts als: drauf! Die Krone tief gesenkt, stürmte er vorwärts, alle Kraft im Nacken versammelt, zum Stoß bereit. Schon fühlte er den Haargeruch des Gegners, sah schon nichts mehr vor sich als die rote Mauer seiner Flanke. Da machte der andere eine ganz leise Bewegung, und Bambi, der erwarteten, haltgewährenden Hemmung beraubt, stürzte an ihm vorbei ins Leere. Beinahe hätte er sich überschlagen. Er taumelte, raffte sich zusammen, machte kehrt zu neuem Angriff.

Da erkannte er den Alten.

Bambi war so überrascht, daß er alle Fassung verlor. Er schämte sich, einfach davonzulaufen, was er am liebsten getan hätte. Und er schämte sich, zu bleiben. Er rührte sich nicht.

»Nun . . .?« fragte der Alte ruhig, leise. Seine tiefe Stimme, die so gelassen und doch so gebieterisch war, drang Bambi wie immer mitten durchs Herz. Er schwieg.

Der Alte wiederholte: »Nun . . .?«

»Ich dachte . . .« stammelte Bambi, » . . . ich . . . glaubte . . . Ronno . . . oder . . .« Er schwieg und wagte es, den Alten schüchtern anzusehen, und wurde durch seinen Anblick noch verwirrter.

Der Alte stand regungslos und gewaltig da. Sein Haupt war nun ganz weiß geworden, und seine dunklen, stolzen Augen leuchteten tief.

»Warum nicht gegen mich . . .?« fragte der Alte.

Bambi sah ihn an, von einer merkwürdigen Begeisterung erfüllt und von einem geheimnisvollen Schauer durchzuckt. Er hätte gerne ausgerufen: Weil ich Sie liebe! aber er antwortete: »Ich weiß es nicht . . .«

Der Alte betrachtete ihn. »Ich habe dich lange nicht gesehen. Du bist groß und stark geworden.«

Bambi erwiderte nichts. Er zitterte vor Freude.

Der Alte fuhr fort, ihn prüfend zu mustern. Dann trat er überraschenderweise dicht an Bambi heran, der darüber sehr erschrak. »Führe dich brav . . .« sagte der Alte.

Er wandte sich ab und war im nächsten Augenblick verschwunden. Bambi blieb noch lange am selben Fleck.

 

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