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Balladen und Bilder

Gustav Schüler: Balladen und Bilder - Kapitel 69
Quellenangabe
typepoem
authorGustav Schüler
titleBalladen und Bilder
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun1. - 3. Tausend
year1914
correctorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150910
projectid3da450f6
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Wie Schiller mir Schmerz antat

Wie ich um Schiller heut mein Denken spann,
Fiel mich ein lang Erinnern wieder an. –
Ich war ein Knirps, zwölf Jahre mocht' ich sein –
Doch meine Gänse hütete ich fein –
Das beste Futter, das im Felde war,
Erspähte ich für meine Gackerschar;
Um »Mein« und »Dein« nicht eben sehr verlegen
(Geschah's doch nur der lieben Gänse wegen!),
Fand ich manch Stäudlein Kraut, manch Ährlein blank,
Die lieben Schnäbel schnatterten mir Dank –
Da bracht' mein Vater heim für seinen Sohn
Einmal ein Buch von einer Auktion.
Potz Poggen! Die Lektüre war nicht übel,
Die »Räuber« waren leckrer als die Fibel.
Und die Lektüre »saß«, wie man so sagt,
Die »Räuber« wurden durch und durch gejagt.
Die andern Bengel, meine Mitgenossen,
Von solcher Wissenschaft nicht ausgeschlossen.
So 'n Stücker neun, plattnasig, schädelecht,
Verkörperten das Räubervolk nicht schlecht.
Ich war natürlich – da kam keiner vor! –
Karl Moor! –
Nein, was wir da geräubert! Gute Götter,
Seid, werd' ich drum gefragt, mir Rat und Retter!
Und was wir da getatet und gewerkt,
Ich schieb's auf Schiller, der dazu gestärkt. –
Der Lehrer, der von unsern Taten Kunde,
Hieb uns das liebe Leder weich und wunde.
Wir blieben Helden. Keiner hat gezuckt
Und Hieb um Hieb wie Wermut eingeschluckt. –
Da ward beschlossen, mehr mit List zu wirken.
Wir wirkten in – erweiterten Bezirken. –
Dann kam ein Tag voll Schmerz und Schwierigkeit,
Für Schiller litt ich ein »erhabnes Leid«.
So ging's: Der Kunzen-Karl kam breit gespreizt,
Die Nase schief gestülpt und schwer gereizt,
(Er mimte Spiegelberg mit vielem Schneid
Und war zu jeder Schindertat bereit).
Breitbeinig stand vor mir der lange Latsch:
»Du Dussel du! Karl Moor is reener Quatsch!
Maasch is der Richtige! Mein Vater sagt:
›Maasch heeßt der Räuber, wenn dir eener fragt‹« –
(Maasch räuberte mit viel Gewalt und Graus
Vor manchem Jahr die Neumark weidlich aus)
Ich sprang empor und – kämpfte für Karl Moor!
Die Schlacht ging grimm! Hie Maasch! Hie Moor!
Und – Moor – verlor! –
Allmählich kam die ganze Räuberschar
Und sah, wie's Rauch mit ihrem Hauptmann war.
Der alte Lauf der Dinge ward hier neu:
Dem Unterlegenen bleibt kein Freund getreu!
Man höhnte frech bei meinem Wehgeschrei
Und kam und schlug – Karl Moor, du Tor, du Zwerg! –
Man schlug für Maasch – o Schmach! – mit Spiegelberg!
Hie Maasch! Hie Moor! Hie Hieb und Stoß und Tritt! –
O schnöde Pein, die ich um Schiller litt!
Wer Bauernbubenfäuste kennt, ermißt,
Was ein Gesicht nach solchem Wettstreit ist.
Meins war keins mehr! – Das allerärgste war,
Es wurde eine neue Räuberschar:
Maasch das Panier! – Karl Moor war tot.
Das Nichtmittun war keine kleine Not...
Und heute, da manch funkelnd Jahr verrann,
Fällt mich das alles wie ein Lenzhauch an
Aus weiter, goldener, seliger Jugendzeit –
So tat mir Friedrich Schiller großes Leid.

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