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Balladen und Bilder

Gustav Schüler: Balladen und Bilder - Kapitel 57
Quellenangabe
typepoem
authorGustav Schüler
titleBalladen und Bilder
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun1. - 3. Tausend
year1914
correctorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150910
projectid3da450f6
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Der Myrtenbaum

Es ist Besuchstag in der Charité.
Von Menschen lebt das breite Eingangstor,
Die Wallfahrt tun zu ihrer Liebsten Weh,
Das aus Tumult sich Freistatt hier erkor.

Die will zum Vater und zur Mutter der,
Zu seinem kranken Weibe will der Mann.
Manch Angesicht macht dunkle Ahnung schwer,
An manches lehnt sich stille Hoffnung an.

Fast jeder bringt ein Päckchen in der Hand:
Und bringt ein Blümchen oder was es gibt,
Und wär's fürs kranke Kind ein Endchen Band,
Und wär's die Puppe, die's so heiß geliebt.

Und mitten in dem weggewissen Schwarm
Tappt her ein landfremd altes Mütterlein,
Trägt einen kleinen Blumentopf im Arm
Und zagt sich in das Einlaßtor hinein.

Ein Diener fragt, wen sie zu suchen geht.
Sie hebt das Auge matt und tränenblind:
»Ja, lieber Herr, 's is schlecht, wie'sch mit ihr steht,
Det Anneken, min einziget Dochterkind!« –

Sie geht und redet wie aus wachem Traum:
»Min Anneken, du sollst nicht von uns gehn« –
Und hält des Enkelkindes Myrtenbaum,
Den will sie noch vor ihrem Tode sehn.

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