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Balladen und Bilder

Gustav Schüler: Balladen und Bilder - Kapitel 41
Quellenangabe
typepoem
authorGustav Schüler
titleBalladen und Bilder
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun1. - 3. Tausend
year1914
correctorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150910
projectid3da450f6
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David singt vor Saul

Finsternis lag auf König Saul, der von Gott weggestorben war,
Böse Geister umzingelten ihn in wirrer Schar.
Seine braunen Arme hingen herab wie ein zerbrochen Schwert,
Seine Sinne waren von Sonne und vom Lichte weggekehrt.
Eine Stimme kroch qualvoll züngelnd in ihm empor,
Redet Angst, wie im Winde das ruhlose Rohr.
Jedwede Stunde zur geisterangefüllten Nacht und am Tag
Die Stimme mit König Saul auf dem Lager lag.
Bis er auffuhr mit hartem, notvollem Schrei:
»Bringt mir, daß er spiele, den Knaben David herbei!« –
Denn von Davids Spiel, das die bösen Geister band,
Redete man durch ganz Kanaan in Stadt und Land. –
David, der junge, hellichte, ward herzugeholt von Herde und Feld
In Sauls weißes Königsgezelt.
Die Zelttüre schlug sich weit auf vor ihm wie weiße Flügel schwer,
Und Finsternis stand im Zelt um den Knaben her.
Nur an den Zeltwänden tupfte Licht wie dämmerblind.
Schwelende Stille. Wie zagte das Hirtenkind!
Am Zeltpflock, bis ganz in die Zeltdecke empor,
Stand's steil und schwarz wie ein Bündel Rohr.
Nein, nein! Aus der Schwärze, wirr und dicht,
Schwamm grausam hervor ein Schlangengesicht.
Unregsam, nur die Augen treiben schillernd Tun.
Hals und Kopf träg auf der Zeltstange ruhn.
Und eine Stimme hat hart geklagt:
»Knabe, singe ein Lied, das der Geist dir sagt!«
Und der Knabe hub an mit der Harfe fein, –
Wie Perlen tropfte sein Lied ins Dunkel hinein: –
»Freuet euch des Herrn!
Der dahin über die Fluren wandelt.
Meine Lämmer auf der Weide sahn ihm nach,
Wie er, der Herr, sich um Mittag erging am Bach.
Sein langes weißes Kleid, das er trug,
Wie ein breiter Flügel durch die Taxusstauden schlug.
Und ich sah es hernach, da, wo er ging,
Kein Gras und kein Blümlein zertreten hing.
Ich aber, wo er, der Herr, gegangen war,
Führte von meinen weißesten Lämmern ein Paar.
Und jedes Lamm zu seinem Preise trug
Blumen gebunden und Gräser um seinen Bug.
Jauchzet dem Herrn!
Der die Stürme wie Rosse schnauben ließ,
Der die Morgenröte über die Berge blies!
Auf den fransigen Gewitterwolken ruhte sein Haar,
Und seine Hand im Wetter mit mir und den Lämmern war.
Als sie zusammenkrochen, von Blitzen eingekeilt,
Da tröstete er und hat uns von unserer Angst geheilt.
Ich kniete hin vor ihn und sah in die Blitze empor,
Und ich fing die Donner mit lauschendem Ohr. –
Was will's, ob ein Starker in Stärke steht,
Ob sein stolzer Schritt hin über Gebückte geht –
Als wenn ein Mensch hin über ein Sandkorn tritt,
So hin über Starke schreitet Jehovas Schritt.
Könige sind vor ihm wie vorm Winde Gras,
Throne bläst er an, und sie brechen wie Glas.
Riesen, von ihrem trunkenen Trotze aufgebläht,
Wie raschelndes Schilf hat er sie abgemäht.
Denn seine Macht hat die Sterne wie Lampen gestellt.
Wenn er Zorn redet, erschrickt die Welt.
Aber den Wurm, der in Pein vor ihm sich reckt,
Und die wunde Hinde, vom Pfeil geschreckt,
Rettet sein Arm, der Gewalt zerbricht.
Sein Mund Gerechtigkeit für die Schwachen spricht.
Rühmet den Herrn!
Ich flog durch die Fluren, daß ich einen Berg gewann,
Wo ich Jehova, dem Herrn, näher sein kann.
Und ich sang ihm Ruhm, mit einer Stimme, hell wie Erz,
Von der Lust zu Gott hüpfte und sprang mir das Herz.
Ich sagte ihm von den Weiden, die der Sonne voll,
Und sagte ihm vom Bach, der in kühlen Wassern schwoll,
Und von meinen Lämmern, und von meines Vaters Haus,
Meine Worte gingen wie Blumen über die Berge aus. –
Da aus den Felsen brach ein Schall, der zu Worten ward,
Zu Worten voll Zorn, zu Worten, klirrend hart.
Um mich ward eine Helle, wie ein groß Licht.
Ich aber bückte mich tief und lag auf dem Angesicht.
Und Worte wurden aus den Wolken los,
Worte wie Zedern über dorrend Gras so groß:
Jehova bin ich, der Herr, der Völker Heil,
Ich mache Israel groß, und ich bin sein Trost und Teil.
Seine Feinde tilge ich aus, wie Feuer Spreu zerfrißt,
Bis Israel aller seiner Feinde ledig ist.
Propheten und Könige küre ich mir, wie ich will.
Ich heiße die Könige reden und mache ihr Reden still.
Ich bin's, der ihre Arme füllet mit Mark bis zum Rand,
Rächer und Richter sind die Könige in meiner Hand.
Ihr Wort und Gedanke muß mein Wort und Gedanke sein,
Sonst zerschelle ich ihr Werk wie Töpfe auf Stein.
Gehorsam sei ihr Ruhm, und was ihre Kronen goldet und schmückt!
Der Könige Kraft sei Bücken, vor mir hinabgebückt.
Gehorsam will ich. Könige, die trotzen, tilge ich aus!
Lösche ihr Geschlecht und zerbreche ihr Haus.
Die aber nach meinem Willen, die mache ich groß vor der Welt!« –
Da ging es wie Zittern durch das Gezelt.
Von der Zeltstange löste sich ein Schatten langsam los,
Und ein Mann stand empor, finster und sehr groß.
Gleich Messern ein Schluchzen durchs schwere Dunkel schnitt,
Und Saul wie ein Mantel zur Erde glitt.
Und er regte sich langsam, bis hin, wo der Knabe stand,
Und Saul weinte heiß auf Davids Hand.

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