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Balladen und Bilder

Gustav Schüler: Balladen und Bilder - Kapitel 4
Quellenangabe
typepoem
authorGustav Schüler
titleBalladen und Bilder
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun1. - 3. Tausend
year1914
correctorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150910
projectid3da450f6
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Im Dorfkrug

(1813)

Das hakennasige Einauge – schwarz und stier im Suff –
Pröhlte und kluckerte seine Rückzugsgeschichten los:
»Generäle wie Dreck! – Verfluchtes Aaszeug, man immer druff!
Ran an die Augen, wie Untertassen groß!
Ihr verdammten Krah-Krahs, wo kommt ihr bloß alle her? –
Die Luft wird schwarz von euch, wenn ein Kanonenmaul patzt.
Und fett seid ihr Ludersch und wie Backhähnel so schwer,
Daß euch vom guten Fraß die Pelle platzt. –
Um so ein Luder von euch, das sich die Knochen erfror,
Schlug mir ein Leutnant das Auge wie'n Mohnkopf aus
Und nahm sich ohne Serviette das Aaszeug vor – –«
»Mit deinen ewigen Krähengeschichten bleib nu man zu Haus!«
Zankten die Hörer, Männer und Weiber, ihn an
Und gröhlten um Neues, was er noch nicht gesagt!
»Mistfinken, filzige, mal erst die Pulle 'ran!
Nach Branntwein hat mich auch der alte, stocksteife General gefragt,
Dem die Gelenke blau waren und kugeldick.
Sein Zobelpelz hätte auch mal zum Kürschner gesollt!
Nee. nee, Herr General, mit Schnaps ist da nicht viel Glück! –
Wer von uns hätte nicht auch einen Schluck gewollt! –
Da schnauzte der alte Murrkopf los, als wäre er toll.
Sein Gehirn hatte auch sicherlich Frost gekriegt.
Torkelte, als wär' er schon branntweinvoll,
Und fällt in den Schnee, wie ein Plumpsack liegt. –
Da kommt ein Wagen, drauf ein Haufen blauer Gesichter friert,
›Hier ist ein General, der geht euch aus'm Leim,‹
Schrei' ich zum Leutnant, der den Wagen führt. –
›Den nehmt nur mit euch nach Frankreich heim!‹ –
Der General wird mühsam herangeschleift.
Und einer sagt, daß er des Leutnants Vater ist!
Von unten aber flucht das Hundepack und keift:
›Was General! Lauf, wenn du einer bist!
Wir wollen mit! Wir!‹ Und ein Kolben droht!
Der Offizier – vor seines Vaters blauem Angesicht
Zankt tobend los: ›Hüh zu! Hüh hott! Schockschwerenot!
Nein, nein, wer's sagt – das ist mein Vater nicht!‹ –
Loskeucht die Fahrt! ›Joseph, mein Sohn, mein Sohn!‹
So jammerte der Alte hinterdrein –
Und zwanzig Klauen rissen am Pelz ihm schon!
Den Pelz herunter! Und ihn in den Schnee hinein! –
Generäle wie Dreck! – Verfluchtes Aaszeug, nu man feste druff – –«
»Er kramt schon wieder mit dem Biesterzeug,«
Kreischt eine Vettel – »drück dich, Meister Suff!«
Die Männer brummeln: »Halt dein Maul und schweig!« – –
Und während hier das rohe Grausen schwankt
Im qualmigen Dorfkrug, fährt der große Sturm,
Daß aller deutschen Eichen Krone wankt,
Gewitterbrauend um den Kirchenturm.
Und in die Seelen, die das Niedere bog,
Schlug schon der erste Funke, wonnesam,
Und eine riesenstarke Flamme flog,
Die rasend wie vom Himmel niederkam.

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