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Balladen und Bilder

Gustav Schüler: Balladen und Bilder - Kapitel 27
Quellenangabe
typepoem
authorGustav Schüler
titleBalladen und Bilder
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun1. - 3. Tausend
year1914
correctorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150910
projectid3da450f6
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Die Hexenbrandstätte

Auf dem schweren Forst liegt Juliglühen.
Krähen oben matte Kreise ziehen.
Alle Wipfel sind vor Glut erstarrt.
In des Mooses Polstern schwimmt ein Klirren,
Blanke Käfer spiegelschildrig schwirren. –
Fern, ganz fern ein Wagen leise knarrt.

Schlummersüchtig träges Augenschließen
Fühl' ich aus den Holderbüschen fließen,
Aus den Glockenblumen webt's heran,
Nistet sich geheim in meine Seele,
Daß der Sinne Fackellicht verschwele –
Bis ich nichts mehr sehn und halten kann.

Von des Halbschlafs Geistern überwunden,
Träumt' ich schwüle, wunderliche Kunden, –
Hörte Chorgesang von ferne her
Wie von Knaben- und von Mädchenstimmen
Näher an und immer näher schwimmen,
Dunkelbrausend und entsetzenschwer.

Näher kam's! Der Zug war fast zu sehen!
Was sie sangen, konnt' ich schon verstehen:
O Ewigkeit, du Donnerwort, du Schwert, das durch die Seele bohrt –
Also scholl's im Aufeinanderprallen,
Als wenn Steine hart ins Wasser fallen.
Fing von neuem an und hallte fort:
O Ewigkeit, du Donnerwort! –

Und sie kamen! Mittenein in Stricken
Ging ein junges Weib mit toten Blicken,
Um sie her wühlt johlend Volksgetos:
»Brennt die Hexe, die verfluchte Grete,
Deren Hauch Brand in die Häuser wehte,
Werft den Satan auf den Flammenstoß!« –

Und dazwischen scholl das grausentrunkne
Singen, das in Wahn und Wut versunkne,
Bis ich aufschrie aus der tiefsten Pein.
Grausenvoll mit angstgesträubten Haaren
Bin ich wirr vom Moosbett aufgefahren –
Starrte wild umher und war – allein.

Eilte dann, das Singen noch im Ohre
Von dem grausenangefüllten Chore,
Schaudernd von dem unheilvollen Ort.
Aus den Kiefernkronen kam's gekrochen
Gierig, mordend, splitternd abgebrochen:
O Ewigkeit, du Donnerwort! – –

Bald erfuhr ich, daß an jener Stelle,
Wo ich lag, die fluchbeladene Hölle,
Da man Hexen marterte am Pfahl.
Von der Totensänge grausen Klängen
Blieb das Lied im tiefen Forste hängen,
Tönt von Zeit zu Zeit in dunkler Qual.

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