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Balladen und Bilder

Gustav Schüler: Balladen und Bilder - Kapitel 22
Quellenangabe
typepoem
authorGustav Schüler
titleBalladen und Bilder
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun1. - 3. Tausend
year1914
correctorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150910
projectid3da450f6
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Der Hermesbur

Im Hermeshof steht schon tagelang
Im Flur ein Kerl. – »De Bur is krank.«
Die Kräfte löschen wie Kerzen weg,
So bläst und pustet der Kerl aus dem Eck.
Allmählich rückt er weiter vor,
An die Kammertüre drückt er sein Ohr,
Klemmt durch die Tür, wie Katzen gehn,
Steht drinnen, und niemand sieht ihn stehn. –

Auf die neunzig kam der Bauer zu,
Nun kommt die große Bauernruh'.
Schwüle kauert am Weizenfeld her,
Knechte und Mägde werken schwer.
Die Sensen haben ausgeklirrt,
Garbenbindend der Hermeshof schwirrt.
In der Kammer schweigend und tiefgebückt
Sind Kinder und Enkel zusammengedrückt.

Aus dem Dämmern fährt der Bauer auf:
»De Kinzig zieht ewe ä Wedder nauf;
Helft drunde und springt eire Völker bei,
Helft Garwe binde, ich sterb allai.
Schafft eier Brot für die Winterszid,
I brauch kais mehr, ich bin halt mid.
Legt de alde Brummler Eine uralte lange Flinte. Im Hause nur der Brummler genannt. Schon der Urahne des Sterbenden hatte damit das Neujahr und die Kirchweih ins Tal hinuntergeschossen. von de Wand
Ans Kammerfenster, 's Schloß gespannt,
Ä Schnur an de Abzug, gewt se ma zu,
Die zieh ä, wenn ä sterbe du,
Un gnallt's, dann hab ä reise gmißt,
I geb eich Bescheid, damit ehr's wißt.
Dann gniet ehr – de Garwe Here eich zu –
Un betet: Gott gib em de ewig Ruh'!« –

Stumm gehn sie zu werken, wie er's gewollt.
Donner über die Himmel rollt.
Wolken stoßen moorblasig auf
Und rennen wie schwarze Schafe zuhauf.
Der Garben wird hundert an hundert gereiht,
Nie schafften so mächtig die Hermeshofleut'.

Und der Alte zuckt und zuckt mit der Schnur:
»No ist's net a Zeit, i prob ja nur.«
Ans Kammerfenster fegt gelber Schein:
»I stör se noch net, ä laß no sein.«
Schon kriecht's ihm übers Gesicht wie ein Schreck,
Vorm Bette steht der Mann aus dem Eck.

Prasselnd klirrt Donner ans Fensterglas:
»I zieh noch net, ä wart noch was –
I stör – se – noch – net«, da sucht seine Hand,
Die die Schnur verlor und nicht mehr fand.
Da faßt sie der Mann und gibt sie ihm her:
»Hermesbur, zieh, ich warte nicht mehr.« –
Durch Donnergebrüll und Wetterstrahl
Ballert der Brummler ins Kinzigtal.

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