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Backfischchens Schatzkästlein

Verschiedene Autoren: Backfischchens Schatzkästlein - Kapitel 5
Quellenangabe
typemisc
authorVerschiedene Autoren
titleBackfischchens Schatzkästlein
publisherAlfred H. Fried & Cie.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131117
projectid806b63ce
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Halbmast.

Ein loses Blatt aus Deutschlands schweren Tagen
von Reinhold Ortmann.

Wenn die Leute Recht haben, welche behaupten, der alte Wendeborn sei ein Narr gewesen, so wollt ich recht von Herzensgrunde wünschen, die Welt wäre solcher Narren voll. Freilich für einen Sonderling muß ich ihn wohl gelten lassen, schon mit Rücksicht auf seinen altmodischen Anzug und um des still zufriedenen, glücklichen Lächelns willen, mit welchem er alles hinnahm, was ihm widerfuhr: Glück und Unglück, den Händedruck eines aufrichtigen Freundes und den unsanften Rippenstoß, welchen ihm gelegentlich aus Unachtsamkeit oder Bosheit ein Vorübergehender versetzte. Ich darf leider nicht sagen, daß er zu meinen besten Kameraden gezählt habe, denn während der langen zwanzig Jahre, in denen ich ihn nicht gesehen, war mir kaum ein einziges Mal die Erinnerung an ihn gekommen. Nun aber ist dafür gesorgt, daß ich ihn nicht so bald vergessen werde, und die Veranlassung dazu ist wohl wert, daß man sie erzählt.

Es war an einem gar lieblichen, maienlinden Frühlingstag. Der Berliner Tiergarten hatte rechtschaffen Zeit gebraucht, sich in sein sommerliches Prachtgewand zu hüllen; aber er durfte nun auch vollauf zufrieden sein mit dem Eindruck, welchen seine Toilette auf die Augen und die Herzen der naturdurstigen Großstädter machte. Das war ein smaragdnes Flimmern und Schimmern unter jedem warmen Sonnenstrahl, ein trauliches Rauschen und Flüstern in den alten Wipfeln, die schon so viel erlebt und gesehen, – ein sehnsüchtig süßes Jubilieren und Tirilieren in jedem kleinen, armseligen Busch. Und in hellen Schaaren zogen sie hinaus, die ermatteten, abgehetzten, vom Staub und Qualm der Straßen vergifteten Bewohner der Millionenstadt, um ein paar Atemzüge reinerer Luft aufzunehmen in ihre Brust. Jung und alt, arm und reich, alles wallte da friedlich nebeneinander her, und ich war mitten hinein geraten in einen solchen Schwarm. Viel Erfreuliches und Herzerhebendes klang eben nicht aus den Bruchstücken der Gespräche, die ich wider meinen Willen rechts und links vernahm. Die guten Berliner genossen den Frühling, wie undankbare Kinder die Wohlthaten ihrer Eltern genießen, das heißt, sie wurden sich ihres Genusses garnicht bewußt. Der eine sprach von Politik, der andere von seinem Handwerk; diese von den Kleidern ihrer Freundinnen und jene von ihren eigenen Dienstmädchen. Da kam es durch den weiten Park daher wie ein dumpfes Rauschen und Brausen. In der Ferne war es entstanden und mit Sturmesgeschwindigkeit schwoll es mächtig und immer mächtiger an. Gerade auf uns zu wälzte es sich wie ein Geschrei von hunderttausend Stimmen und wie ein Gestampf von hunderttausend Füßen. Und durch die Menge um mich her zuckte und wetterte es, wie wenn man elektrische Drähte von einem zum anderen geleitet hätte. Bleiche Wangen wurden rot und aus gebräunten Männergesichtern wich die Farbe, gleich als ob alles Blut ihnen heiß nach dem Herzen strömen wollte.

Alle die Hunderte, von denen eben kaum zwei den gleichen Sinn und die gleichen Interessen gehabt, sie waren urplötzlich eines einzigen Sinnes geworden. Und die eben noch so redselig und mitteilsam gewesen, sie verstummten allsammt. Ein Wort nur war es, das wie die Losung in einem Bunde verschworener Blutsbrüder von Mund zu Munde ging, – ein Wort, das man in solchem Ton, in solchem Ausdruck von bebenden Lippen gehört haben muß, um zu wissen, wie schwer es wiegen kann im Geschick eines Volkes, das eine Wort:

»Der Kaiser!«

Und wie er dann kam, – ja, wo ist der Poet, der das beschriebe! Vor den Pferden, in den Speichen der Räder, auf den Trittbrettern des Wagens, rechts, links, überall berauschte, selbstvergessene Menschenkinder; überall ausgestreckte Hände, geschwungene Hüte, wehende Tücher und strahlende, begeisterte thränenüberströmte, verklärte Gesichter. Ach, daß sich nicht feststellen ließ in den Seelen dieser Tausende, was sie während jener Augenblicke an reinstem und erhabenstem Empfinden erfüllte! Es war da, wo wir standen, ein Biergarten mit der heute fast unentbehrlichen Musikbegleitung zum Trinken. Die Bläser auf der Tribüne spielten eben den Fatinitzamarsch oder sonst etwas von der traurig lustigen Operettenart. Da scholl das Gebrause und das Gestampfe auch zu ihnen herauf, und es war, als ob ihnen der Atem versagte für ihr jämmerliches Larifari in solchem Augenblick. Und der Kapellmeister winkte ihnen mit seinem Taktstock, er schaute im Kreise umher ohne auch nur ein einziges Wort zu sprechen, ein Erheben der Hand, und – noch nicht die Hälfte einer Sekunde war über alledem vergangen! – das »Heil Dir im Siegerkranz« der Musikanten mischte sich schmetternd in all' den anderen Jubel. Es hatte keiner Verständigung zwischen ihnen bedurft und keiner Abrede; das eigenste, tiefinnerste Gefühl hatte jedem vorgeschrieben, was er zu thun habe. Es war nur ein kleiner, geringfügiger Zug aus einer großen Zeit, nur einer von tausenden; oder er wäre nicht wert gewesen, einen Sänger zu finden, wie dereinst das klanglose Wimmern der Trompete von Gravelotte?

Der wehende Federbusch auf dem Hute des Leibjägers verschwand allgemach zwischen den grünen Bäumen. Wir hatten in das edelste Antlitz, in die treuesten Augen geschaut, und noch schnürte die Rührung jedem die Kehle zusammen. Still und stumm gingen die Leute auseinander, und nur hier und da erklang es wie unterdrücktes Schluchzen. Just in diesem Moment war es, wo ich den alten Wendeborn nach zwanzigjähriger Trennung wiedersah. Ich erkannte ihn an seinem langen Haar, an seinem sonderbaren altmodischen Anzuge und an dem still zufriedenen, glücklichen Lächeln auf seinem sanften, bartlosen Gesicht. Natürlich konnte er mich nicht erkennen, denn ich war ja inzwischen aus einem Knaben zum Manne geworben. Aber in meiner gehobenen Stimmung erschien mir's wie ein Unrecht, ohne Wort und Gruß an dem Alten vorüber zu gehen.

»Heda, Papa Wendeborn,« redete ich ihn an. »Das war eine freudige Überraschung nicht wahr?«

Er drehte sich nach mir um und nickte mir freundlich zu.

»Eine Freude – ja! – Eine Überraschung – nein! Ich habe es gewußt, daß er uns wiedergegeben werden wird. Der da oben weiß schon, was er thut!«

»Und sicherlich sind kaum jemals heißere Dankgebete zu ihm emporgestiegen als heute, wo wir, und Tausende mit uns, durch den Augenschein überzeugt worden sind, daß der geliebte Monarch auch diesem neuen Anfall seines Leidens siegreich widerstanden hat.«

Der alte Wendeborn schüttelte mißbilligend das Haupt; aber seine Mißbilligung war von einer so sanften Art, daß sie nichts Verletzendes hatte.

»So seid Ihr nun, ihr jungen Leute aus der heutigen Zeit,« meinte er. »Wo Euch nicht der Augenschein überzeugt hat, da haltet Ihr Euch für berechtigt, zu zweifeln und zu verzweifeln. Aber, entschuldigen Sie diesen Freimut, mein Herr. Ich weiß ja gar nicht, mit wem ich die Ehre habe.«

Bereitwillig nannte ich ihm meinen Namen und erinnerte ihn an die nachbarlichen Beziehungen, welche zwischen ihm und meinen Eltern bestanden hatten. Sein Gedächtnis mußte noch gut sein, denn er war sogleich orientiert. Und seine freundlich gefällige Art ermutigte mich zu allerlei Fragen:

»Sie waren doch damals ein Maler von Ruf und Ansehen, Herr Wendeborn, wie geht es nur zu, daß ich niemals einem ihrer Bilder auf modernen Ausstellungen begegnet bin?«

Lächelnd gab er mir Bescheid.

»Ach, das ist lange vorüber. Ich wollte einmal ein durchgehendes Pferd aufhalten – es sind wohl schon achtzehn ober neunzehn Jahre seitdem vergangen –, aber ich verstand mich nicht auf solche Sachen und das Tier biß mich in die rechte Hand. Ich kam noch sehr glücklich davon, aber mit dem Malen war es doch zu Ende; denn drei Finger von den fünfen sind gelähmt!«

»Welch' ein Mißgeschick!« rief ich voll herzlicher Teilnahme. »Wie schwer müssen Sie daran zu tragen haben!«

»Nun, nun, es mag auch sein Gutes gehabt haben! Sehen Sie, einige kunstverständige Leute warfen mir schon damals vor, meine Bilder seien zu süßlich, zu sehr idealisiert. Und zu jener Zeit wußte man noch nicht einmal etwas von den Hellmalern und Naturalisten und Impressionisten, denen heute die Kunst gehört. Da hätte ich mich mit meinem kleinen Talentchen doch wohl kaum behauptet.«

»Sie besaßen wenigstens ein Vermögen, das Sie unabhängig machte von so unbarmherzigen Launen des Geschicks.«

»Ja, das besaß ich; aber die Sorge dafür wurde mir bald abgenommen. Bei dem Fallissement eines Bankhauses ging es bis auf einen kleinen Rest darauf.«

Ich blickte erstaunt auf den alten Mann, dessen ärmliches Aussehen mir jetzt viel mehr auffiel als vorher. Er sprach von diesen unzweifelhaft doch sehr traurigen Dingen mit einer so heiteren Ruhe, wie sie mir selbst durch den lindernden Einfluß der Zeit nicht genügend erklärt schien.

»Ist es möglich?« fragte ich zögernd. »Aber Sie fanden in dem stillen Glück Ihrer Familie hoffentlich reichen Ersatz für diese herben Verluste an äußeren Gütern?«

Er neigte ein wenig das Haupt, und wenn auch das Lächeln von seinen Lippen verschwand, so blieb doch der sanfte, friedvolle Klang in seiner Stimme, als er antwortete:

»Nicht ganz so lange und so reich, als ich mir's wohl gewünscht hätte. Im Frühling des Jahres 1870 mußte ich mein armes Weib begraben, und wenige Monate später erschossen mir die Franzosen meinen einzigen Jungen auf den Höhen von Spichern. Es war ein braver Bursche; nun, ich glaube, Sie haben ihn noch gekannt!«

Ja, ich hatte ihn gekannt, den schmucken, prächtigen, hoffnungsvollen Jungen, und mein Herz erzitterte vor innigem Mitleid mit diesem unglücklichen alten Mann, über welchen das Schicksal eine volle Schale seines giftigsten Zornes ausgegossen zu haben schien.

»Ich konnte nicht ahnen, Herr Wendeborn, daß ich mit meinen ungeschickten Fragen so viele schmerzliche Wunden in Ihrem Innern wieder aufreißen würde«, sagte ich mit dem Wunsche, einen tröstenden Ton anzuschlagen. Doch er wehrte mir freundlich, weiter zu sprechen, indem er seine Hand auf meinen Arm legte.

»Machen Sie sich darum keine Vorwürfe, junger Freund! Es war wohl hart, aber es ist überwunden. Man soll den Kopf nicht hängen lassen und die Hoffnung nicht verlieren. Der da oben weiß schon, was er thut, und wie er's macht, so ist es schließlich doch immer das Rechte. Es hätte meinem Fritz hier im Leben wohl noch schlimmeres aufgespart sein können, als es ein rascher Tod auf dem Schlachtfelds war; und wenn ich mit ihm auch den letzten meiner Angehörigen verloren hatte, so war ich darum doch noch nicht, wie es in den Romanen immer heißt, verwaist und allein. Wie kann man allein sein, wenn Millionen Menschen um einen herum ihr Wesen treiben! Man braucht sich nur ein ganz klein wenig für ihr Wohl und Wehe zu erwärmen, und man hat mit einemmal, ehe man sich's versieht, wieder Lebensmut und Lebensfreudigkeit in Fülle.«

»Aber ich meine doch, Herr Wendeborn, die Zeiten wären nicht eben dazu angethan, um Einen, dem das allgemeine Beste am Herzen liegt, mit besonderer Freudigkeit zu erfüllen. Ich mache wenigstens seit Jahren Tag für Tag an mir selber die gegenteilige Erfahrung.«

»Das kommt daher, weil euch jungem Volk der verwünschte Pessimismus des unglücklichen Frankfurters und seiner Nachtreter in den Gliedern steckt. Was ihr nicht mit den Händen greifen könnt, das ist für euch nicht vorhanden. Ich aber bin zu alt geworden in dieser krausen Welt, um über das traurige Heute nicht allezeit mit dem Gedanken an das fröhliche Morgen hinweg zu kommen. Ich glaube fest an eine obwaltende, ausgleichende Gerechtigkeit, und meine Zuversicht bleibt immer, daß der über den Wolken einem Menschen, einer Familie, einem Volk nicht mehr auferlegt, als sie tragen können. Und so habe ich auch niemals die Befürchtungen geteilt, welche alles um mich her für das Leben des geliebten Mannes gehegt hat, welcher soeben an uns vorüber fuhr. Sehen Sie, mein Freund, daß der uns genommen würde, das ist unmöglich; denn das wäre eben mehr, als wir tragen können! Auf ihn haben wir gehofft und geharrt seit manchem Tag! Wir wußten, daß von seinem Throne der Geist des Friedens und der schönen Menschlichkeit ausgehen würde, den wir, ach, so oft vergebens suchten im Gewühl des Tages; wir wußten, daß er ein Hort sein würde des Bedrängten, ein eherner Felsen des Rechtes; wir sahen die Blüte des Jahrhunderts in ihm entfaltet, und das Licht einer herrlichen Zukunft strahlte uns aus seinen Augen. Wenn unsere Tage düster wurden und unsere Nächte sorgenschwer, dann hoben wir unsere Blicke auf zu seiner Siegfriedsgestalt, und es ward wieder hoffnungshelle in unseren Herzen. Und nun wollen uns ein paar Ärzte mit ihrem armseligen Menschenwissen fürchten machen, wir sollten ihn verlieren? – Nein, mein junger Freund, gar so trübe ist es um die Ordnung der Welte denn doch noch nicht bestellt. Ich sage Ihnen, wir werden ihn behalten, so lange behalten, bis jede Blüte zur Frucht geworden ist, so lange, bis man in der Welt noch einmal von einem Friedericianischen Alter reden wird!«

Und seine guten Augen leuchteten, sein Lächeln war wie ein Schimmer der Verklärung auf dem sanften Gesicht. Das Merkwürdigste aber war, daß er mich überzeugt hatte, ganz und gar überzeugt trotz all' meiner vorigen Sorgen und gewichtigen Zweifel. Es war etwas Mitteilsames in seinem gläubigen Optimismus, etwas Ansteckendes in seiner stillen Freudigkeit Ich drückte ihm die Hand, dankbar wie einem, der mir ein großes Geschenk gemacht, und nach einer kleinen Weile gingen wir mit freundlichem Gruß auseinander.

Dann begegnete ich ihm fast eine Woche lang Tag für Tag auf seinem gewöhnlichen Spaziergange, und trotz seiner vermeintlichen Narrheit oder vielmehr um seiner Narrheit willen gewann ich ihn lieb und lieber mit jedem Worte, das er sprach. Aber eines Tages blieb er um die gewohnte Stunde aus, und er kam sowenig am nächsten als am übernächsten Morgen. Da ließ mir's keine Ruhe und ich suchte ihn auf in der Wohnung, die ich aus dem Adreßbuche erfahren hatte. Sie lag weit draußen in der Vorstadt, einer Kaserne gerade gegenüber und hoch oben im vierten Stock. Es war in den vier Wänden genau so armselig, als ich's erwartet hatte, und auch genau so traurig, denn der alte Wendeborn lag krank in seinem Bette, und es war nicht blos ein Schnupfenfieber, wie er lächelnd meinte. Zu Häupten des Lagers stand schon der unheimliche knöcherne Gesell, der in das Dachgeschoß eines Vorstadthauses seinen Weg so gut zu finden weiß als über die Marmorstiege eines Palastes. Der Alte lächelte und plauderte mit seiner sanften, schwachen Stimme; – er vertraute und hoffte, wie er vertraut und gehofft hatte sein ganzes Leben lang!

Ich kam Tag um Tag, und Tag um Tag fand ich das Flämmchen schwächer brennen. Und dann, ja dann stieg über Deutschland und über die Welt ein trüber Morgen herauf, den ich aus meinem Leben streichen möchte, auch wenn ich eine gute Spanne des eigenen Daseins dafür geben sollte! Wie waren mir die vier Treppen doch heute so hoch und so steil! Wie atmete meine Brust so mühsam, und wie lag es gleich Centnergewichten auf meinen Schultern! Aber da oben unter dem Dache mußte ich mein Herz zwischen beide Hände nehmen und eine ruhige Miene zeigen; denn das verlöschende Flämmchen vermochte solchem Sturmwind sicherlich nicht mehr zu widerstehen.

Und ich hörte ihm mit zuckendem Antlitz zu, wie er mir aus einer alten Zeitung vorlas von Friedrichs des Allgeliebten letzter Fahrt über die blauen Havelseen, von dem Jubel, der ihn umbraust, von den Blumen, die ihn überschüttet hatten, von – nein, weiter las er nicht, seine Stimme brach, wie wenn ihm plötzlich eine eiserne Faust die Kehle zusammengepreßt hätte. Und etwas Unheimliches, Unvergeßliches geschah! Des alten Wendeborn Oberkörper richtete sich langsam aus seiner liegenden Stellung auf, seine eingesunkenen Augen traten fast aus ihren Höhlen, zuckend bewegten sich die fahlen Lippen, und die knochige Hand streckte sich aus, um auf das Fenster zu deuten, das gerade vor ihm lag. Und wie ich mich umwandte, seiner Bewegung mit dem Blick zu folgen, da sah ich, daß all meine übermenschliche Selbstbeherrschung umsonst gewesen war.

Auf dem Dache der Kaserne stand ein Soldat, um die Fahne aufzuhissen an dem hohen Flaggenstock. Langsam stieg sie empor, höher und höher – und ich hörte das furchtbare Röcheln der Todesangst in des Alten Brust! Da – in der Mitte des Mastes hatte die Fahne Halt gemacht! Der Soldat wischte sich die Augen – er durfte nicht weiter ziehen? Nicht um alle Schätze der Welt hätte ich ein Wort über die Lippen bringen können. Der alte Wendeborn aber hob seine beiden Hände empor, und schauerlich – in pfeifenden, keuchenden, gebrochenen Tönen klang es aus seinem Munde:

»Herr Gott im Himmel, das hättest Du nicht thun sollen – das nicht! Nein, wahrhaftig, das war – nicht – gut!«

– – Und eine Minute später drückte ich ihm sacht die gebrochenen Augen zu! –

Mit einer Lästerung war er geschieden, er, der fromme, der gläubige, der allezeit gottgetreue! Die erste schwere Versündigung seines Lebens war auch seine letzte gewesen. Ob er darum verdammt werden wird vor dem Richterstuhle des Ewigen? Ich fürchte es nicht! Er, der allmächtig und allweise, er, der den Menschen und den Völkern nicht mehr des Leidens auferlegt, als sie zu tragen vermögen, er, der an Friedrichs des Geliebten Todestage in aller Menschen Herzen schaute, er, der am besten weiß, wie viel er uns genommen, er wird meinem alten toten Freunde vergeben, wie allen, die der gleichen Sünde schuldig geworden sind in jener Schmerzensstunde.

finis
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