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Backfischchens Schatzkästlein

Verschiedene Autoren: Backfischchens Schatzkästlein - Kapitel 15
Quellenangabe
typemisc
authorVerschiedene Autoren
titleBackfischchens Schatzkästlein
publisherAlfred H. Fried & Cie.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131117
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Der erste Sieg.

Skizzenblatt von Elise Polko.

Im Palais des Fürsten Radziwill, des Komponisten der jetzt schon vergessenen geistvollen Faustmusik, war es, wo sich an einem Maiabend des Jahres 1804 eine kleine Gesellschaft zwanglos zusammengefunden hatte. Man saß und stand im Musiksaal umher, wo der große englische Flügel seinen Platz gefunden, und plauderte von Musik, – denn der Bruder der Fürstin, Prinz Louis Ferdinand, vertiefte sich allezeit mit besonderer Vorliebe mit seinem Schwager in solchen Stunden in ein eifriges Gespräch über die holde Kunst, über Komposition und Komponisten, und gar mancher andere mischte sich hinein; und auch schöne Frauen nahmen mit strahlenden Augen und glühenden Wangen an der stets interessanten Debatte teil. Ohne Musik war eben ein vertraulicher Abend im Radziwillschen Hause gar nicht denkbar. – Das gastliche und schöne Heim des edlen Paares wurde der Sammelplatz der feinsten, geistigen Gesellschaft Berlins, ein Tempel der Musik, eine Zufluchtsstätte aller hervorragenden Talente. Die glänzendsten Vertreter der Wissenschaft und Kunst und die Größen der Politik begegneten sich auf diesem Boden, Männer wie Stein, Hardenberg, Gneisenau, Niebuhr, Wilhelm von Humboldt, der elegante Klavierspieler Dussek und seine besten Schüler, gehörten zu den besonders bevorzugten Freunden. Reizende Frauen fehlten nie, und auch an jenem Abend war ein ungewöhnlich zahlreicher Flor zu bemerken. Ein klein wenig Neugier erfüllte wohl manches Herz – eine berühmte Mitschwester hatte ihr Erscheinen in Aussicht gestellt, eine Französin, damals als Gast in Berlin, Madame de Stâel, die Feindin Napoleons, die geistvolle Tochter Neckers, die gefeierte Verfasserin der Corinna, die Freundin August von Schlegels, der die Verbannte auf all ihren Reisen begleitete. Sie wünschte den Prinzen Louis Ferdinand einmal frei phantasieren zu hören, auf dem Flügel ihrer fürstlichen Freundin, und dies Verlangen konnte nur erfüllt werden an derartigen vertrauten Abenden im Palais Radziwill.

Der Märchenprinz hing mit inniger Liebe an seinem Schwager, dessen Erscheinung und Wesen das Herz der schönen Schwester gewonnen, so daß sie alle Hindernisse, die sich ihrer leidenschaftlichen Liebe entgegenstellten, siegreich überwand durch ihre Energie. Religion und Rangesverschiedenheit hatten die Familie der Prinzessin zu dem hartnäckigsten Widerstand veranlaßt, die Trennung der Liebenden schien unabwendbar. Und doch war Anton Radziwill eine Männergestalt, die kein Frauenherz leicht zu vergessen vermochte. In allen ritterlichen Künsten Meister, schön, von bestrickender Liebenswürdigkeit der geselligen Formen, ein Sänger, dessen Tenorstimme entzücken mußte, der seelenvollste Cellospieler, war er der Liebling der damaligen Hofgesellschaft. Die Musik begründete denn auch die innige Freundschaft zu seinem nachmaligen Schwager, dem Prinzen Louis Ferdinand, auf dessen Schultern sich noch in seinen letzten Leidenstagen der große Philosoph von Sanssouci gestützt, wie denn auch seine matte Hand die Locken der jungen Prinzessin Louise gestreichelt. Die Vorbilder der jugendlichen Musikfreunde in ihren gemeinsamen Kompositionsstudien waren Bach, Händel und Mozart – sie begegneten sich aber auch in der Verehrung Beethovens, dessen Werke eben anfingen, die Welt zu bewegen. Louis Ferdinand stand mit vollem Herzen auf der Seite seiner Schwester und seines Freundes, und er war der Einzige, der die Verbindung dieser beiden für einander geschaffenen Wesen mit allen Kräften fördern half, und nie soll sein Spiel, seine freie Phantasie, hinreißender gewesen sein, als an dem Vorabend des Hochzeitstages des glückseligsten Paares – am 16. März des Jahres 1796. –

Aber dergleichen musikalische Gaben ließ sich der Märchenprinz nie und nimmer abbitten, er gewährte sie einzig und allein freiwillig und wenn er eben bei Laune war. – Das schien aber selten der Fall zu sein, denn nicht viele seiner Zeitgenossen konnten sich rühmen, den fürstlichen Musiker am Flügel phantasieren gehört zu haben.

Auch an jenem Abend hatte er auf die leise Bitte seiner Schwester in bezug auf das Erscheinen der gefeierten Schriftstellerin, nur ein etwas ungeduldiges Kopfschütteln. – Er sollte auf sie warten und es zog ihn doch eben jetzt mit unwiderstehlicher Gewalt an den Flügel. – Als ob er überhaupt jemals gewartet, oder Studien gemacht, in dieser schweren Kunst. Das überließ er andern. – Jedes Gespräch verstummte, als er jetzt am Flügel Platz nahm, Kopf und Herz noch erfüllt von allerlei Melodien, die er in dem Arbeitszimmer des Fürsten vernommen, von allerlei musikalischen Plänen, die er mit ihm entworfen. Die feinen, weißen Finger glitten über die Tasten und berückende Weisen tauchten auf und schwebten vorüber, gleichsam sich die Hände reichend zum Tanz – des Prinzen musikalischer Freund und Lehrmeister, der Klavierspieler Dussek, lehnte am Flügel, bewundernd dem Schüler lauschend, der ihn schon längst übertroffen. –

Die ernsten Männer, Hardenberg und Niebuhr, und der Fürst selber, folgten dem genialen Spiel mit dem Ausdruck lebhaftester Spannung, und strahlende Frauenaugen hingen an den Zügen des gefährlichen Herzeneroberers. – Wie schön er war! Wie gedankenvoll und edel die Stirn, in die das lockige Haar tief niederfiel, wie siegreich die Augen, wie hoch und vornehm die Gestalt! – Und doch – was waren eben in diesem Moment all diese Vorzüge, im Vergleich zu der Gewalt und dem faszinierenden Zauber seines Spiels? – Wo es auch erklingen, wer es auch hören mochte, es riß unwiderstehlich fort, und trug die Hörer, gleichviel ob jung oder alt, froh oder traurig in eine fremdartige Märchenwelt. – Längst waren die weicheren Melodien untergesunken in dem wild aufgeregten Tonstrom, der unter diesen Händen über die Tasten und – in die Seelen sich ergoß, und schmetternde Fanfaren, auf- und niederwogende, kriegerisch klingende Weisen hatten sich an ihre Stelle gedrängt. Wie Wetterleuchten zuckte es über das immer bleicher werdende Antlitz des Spielers, wie das Grollen eines mächtigen, unaufhaltsam herannahenden Gewitters zog es über die Tasten. Ach, das zärtliche Schwesterherz der Fürstin verstand nur zu gut die Bewegung des Spielers, verstand die glühende Sehnsucht seines unbefriedigten Herzens, das aus der Einförmigkeit des Tageslebens nach Thaten verlangte – nach dem aufregenden Getümmel von Schlacht und Sieg, nach dem Dahinstürmen eines kriegerischen Helden. – Und ihre weiße Hand legte sich jetzt leise bebend auf die Schulter des geliebten Bruders, und ihre Stimme bat mit den Accenten der tiefsten Zärtlichkeit: »Schone Dich – die Kinder sollen kommen – sie verlangen nach Dir!« Wie oft hatte sie mit diesem Zauberspruch die finstern Geister gebannt, denn Prinz Louis Ferdinand liebte die Radziwillschen Kinder leidenschaftlich. Ihre Nähe besänftigte fast immer den gefährlichsten Sturm, und wie Kinder stets und überall klar empfinden, wessen Herz ihnen gehört, so hingen auch Knaben und Mädchen mit gleicher Innigkeit an der ritterlichen Erscheinung des Märchenprinzen, der so reizend mit ihnen zu plaudern und mit ihnen sich zu beschäftigen verstand.

Auch heute verfehlte die leise Mahnung der Fürstin die gewohnte Wirkung nicht, mit einem tiefen Seufzer, wie aus bangen Träumen erwachend, hob Louis Ferdinand die gesenkte Stirn und rief: »Du hast recht! Es ist besser, wenn ich aufhöre. Wohin geriet ich? Lasse die Kinder kommen! Ich spiele ihnen ein Tänzchen!«

Und wenige Minuten später war das Aussehen des Musiksaales völlig verändert. Die Radziwillschen Kinder mit ihren liebsten Gespielen stürmten herein und begrüßten voll Jubel den Prinzen. Es war ein herzerquickendes Gewirr von kleinen und größeren Knaben und Mädchen, von rosigen Wangen und lachenden Kinderaugen, von hellen, frohen Stimmen. Dann aber erklang von den Händen Louis Ferdinands ein lustiges Tänzchen, wie das bei derartigen Gelegenheiten immer geschah, und alt und jung wirbelte durcheinander, allen voran der Fürst mit seinem kleinen, zarten Töchterchen Elise, seinem reizenden Herzensliebling. Und die gelehrten Herrn und alle andern schwenkten sich lachend mit dem lustigen Kindervölkchen, in der Erinnerung an die längst vergangene, eigene Jugendzeit. Die Finger des Spielers aber machten oft seltsam übermütige Sprünge und unwillkürlich mußten Füße und Füßchen folgen, mochten sie wollen oder nicht. – Dergleichen Stunden waren stets die höchsten Freudenfeste der Fürstin, dieser zärtlichsten Mutter, die nur in denen lebte, die sie liebte. Es gab für sie nur zwei Plätzchen, wo alle Sorgen der jetzt so unruhigen Welt versanken und alle bangen Gedanken – und das war die Kinderstube und das Arbeitskabinet ihres Mannes. Umgeben von ihren Kindern, oder allein neben dem Flügel des Fürsten, den Melodien folgend, die seine Hand ihr vorführte, Melodien, die seiner Seele entströmten, fühlte sie sich als die Glücklichste der Glücklichen. Aber sie kamen eben seltener, jene stillen, ungetrübten Freuden- und Feierstunden, denn die politischen Wetterwolken rings umher türmten sich immer höher auf, färbten sich dunkel und immer dunkler. Wann würde der erste Blitzstrahl niederfahren, um den furchtbaren Brand eines entscheidenden Krieges zu entzünden?! – –

Werden dann die Engel das Vaterland, das Königshaus, den Gatten und den teuren Bruder schützen?« –

Aber da erklang unter den Händen Louis Ferdinands die lustige Tanzweise, – da tummelten sich die glücklichen Kinder umher, – – – gab es denn wirklich Kummer und Angst, Not und Pein in der Welt?! –

Ein schlanker, etwa 8-jähriger Knabe hatte soeben seine Tänzerin, die lieblichste kleine Elfe, Elise Radziwill, einem großen und würdigen Tänzer, dem gelehrten Niebuhr, überlassen müssen. Thatendurstig und lebhaft rannte er eben auf eine etwas üppige Frauengestalt zu, die in dem Rahmen der Thür erschien, streckte die Hände nach ihr aus und das runde Kindergesicht zu ihr erhebend, bat der Tanzlustige ganz kategorisch: »Tanze mit mir, schnell!« Einen Moment schaute freilich die Fremde etwas erstaunt, fast erschrocken auf das bewegte Bild und auf den jugendlichen, ungeduldigen Werber, dann aber reichte sie dem blonden Knaben die Hände und mischte sich mit ihm unter die Tanzenden. Aller Augen wandten sich plötzlich der auffallenden Erscheinung zu, in dem hellen, anschließenden Seidenkleide, dem dunkelfarbigen Antlitz und dem grünen Turban im schwarzen lockigen Haar. –

»Louis! Frau von Staël«, rief die Fürstin ihrem Bruder zu. – Der aber hörte nicht, oder wollte nicht hören, denn der Schatten eines Lächelns huschte über sein Antlitz, immer schneller glitten die Finger über die Tasten, immer rascher wurde das Tempo – immer hastiger wirbelten die Tänzer durcheinander – und unter ihnen am unermüdlichsten, lustigsten, jener blonde Kleine mit seiner atemlosen Partnerin. – Da endlich rief eine fremde Stimme in all den Lärm fast kläglich: De Grace! – Ils me tuent – tous les deux, le Prince, et mon petit danceur!« – Die Musik verstummte, und Frau von Staël wankte mit allen Zeichen der Erschöpfung auf die Fürstin zu. »Wer ist dies Kind? – Es hat die Kräfte und die Ausdauer eines Riesen!« klagte die berühmte Frau. – Man umringte die Ermattete, die sich in einen Sessel sinken ließ, – Herr von Schlegel brachte ein Riechfläschen. »Ihr Tänzer ist der zweite Sohn des Königs von Preußen und seiner schönen Luise!« lautete die lachende Antwort, die sie empfing. »Der kleine Wilhelm gilt als der beste Tänzer der Kinderschaar«, setzte die Fürstin hinzu, sich um die Freundin in ihrer graziösen Weise mühend. – Die Kinder wurden nun in ihr Reich zurückgeschickt. Die Zurückbleibenden gruppierten sich um die gefeierte Fremde, die sich langsam erholte. Es währte nicht lange, so hatte sie alle gefesselt, durch die vollendete Kunst ihrer lebhaften und geistvollen französischen Konversation.

Vergebens erbat sie sich aber später scherzend zur Belohnung für die Niederlage der » belle France« eine freie Phantasie des Prinzen Louis Ferdinand. – Madame de Staël kehrte später nach Frankreich zurück, höchst befriedigt von ihrem Aufenthalt in Deutschland, aber ohne den vollen Zauber des Märchenprinzen kennen gelernt zu haben. – Ob sie wohl jenes Abends sich erinnerte, wo er zum Tanze aufgespielt, als man ihr auf ihrem reizenden Landsitze Coppet, am Genfer See, zwei Jahre später die Schreckenskunde brachte, daß der schöne, jugendliche Held am Morgen des 10. Oktober auf dem Schlachtfelde von Saalfeld den Tod für sein Vaterland gestorben. –

Und jener jugendlich, energische Tänzer, der die » belle France« damals besiegt? Wer hätte an jenem Abend wohl geahnt, daß schon in den Sternen geschrieben stand von einem zweiten gewaltigeren Siege über die » belle France« – viele viele Jahre später, unter den Klängen der Wacht am Rhein, einem Siege, errungen unter jenem zweiten Sohn der holdesten Königin: Wilhelm, dem Ersten, unserm geliebten heimgegangenen Heldenkaiser.

finis
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