Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franziska zu Reventlow >

Autobiographisches / Briefe

Franziska zu Reventlow: Autobiographisches / Briefe - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/reventlo/autbrief/autbrief.xml
typenarrative
authorFranziska zu Reventlow
booktitle
titleAutobiographisches / Briefe
publisher
editor
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110210
projectid56ed7851
Schließen

Navigation:

Briefe an Paul Schwabe

1896-1899

 

[September 1896]

Mein lieber Paul, Paul Schwabe, geb. 1862, war in den neunziger Jahren in gehobener Stellung in Frankfurt a. M. kaufmännisch tätig. Wann und unter welchen Umständen die Freundschaft zwischen ihm und F. R. begann, ist nicht bekannt. Allem Anschein nach hat er nur eine lose Verbindung zu dem Künstler-Freundeskreis von F. R. gehabt.

sei mir nur nicht böse, daß ich nicht schon längst mehr schrieb, aber es hat mich diesmal arg niedergeworfen. Ich muß ganz ruhig liegen, der Doktor verlangte Bett und Krankenhaus, aber ich liege zu Hause auf meinem Diwan, den ich mir im Herbst angeschafft habe. Unter ein paar Wochen werde ich wohl nicht davon kommen. So schmählich sind alle meine Pläne vereitelt worden. Ich hätte Dich so gerne gesehen. Dein Brief erfreute mich sehr. Aber Du willst mir nun schon wieder was schicken, wirklich Du verwöhnst mich gar zu sehr. Ich habe tagelang nichts anderes zu mir genommen wie Cognac und habe jedesmal an Dich gedacht. – Deinen Verdacht, daß ich mit Mukls oder Simpeln zu stark gefeiert hätte, muß ich energisch zurückweisen. Ich war mit zwei ebenfalls heimatlosen Malern und einem Schriftsteller am Weihnachtsabend zusammen, es traf sich zufällig, waren zudem Leute, die ich nicht einmal viel kenne.

Wir saßen im Ratskeller und sentimentelten und gingen um 12 Uhr in die Christmette.

Mukl und ich begegnen uns nur auf freundschaftlichem Fuß, er wohnt mit einem Freund zusammen in einer mit allem Komfort der Neuzeit, Haushälterin mit einbegriffen, eingerichteten Behausung und lädt mich zuweilen zu Tisch ein. – Mit den Simpeln bin ich auf dem besten Wege zu verkrachen.

Ich schicke Dir anbei mein Werk. Es wurde in Leipzig konfisziert, sofort von der Presse weg. Das hat eine Mordsreklame gemacht. Mit Langen ist die Sache so: Ich habe mir immer Vorschuß geben lassen, wenn ich etwas brachte. Neujahr ließ er mir durch »Korfiz Holm« schreiben, »Das Jüngste Gericht« gefiele ihm sehr, und er bäte um mehr solche Beiträge. Worauf ich ihm einfach meine »Rechnung« schickte, und ihm jetzt noch einmal einen ziemlich groben Tretbrief geschickt habe. Bisher hat er noch nicht reagiert.

So lieber Paul, meine Kräfte erlahmen wieder, ich bin so arg schwach, wie ich mich nicht erinnern kann, gewesen zu sein und viele innere Schmerzen. Mein Lebensmut geht sehr auf die Neige. Laß bald mal von Dir hören. Und leb wohl Du Lieber, sei vielmals gegrüßt von

Deiner Fanny

[Oktober 1896]

 

Mein lieber guter Paul,

habe soviel, vielen Dank für Deine Sendung. Ich war ganz gerührt, daß Du mich schon wieder beschenkst, und ich danke Dir von Herzen dafür, Du Guter, daß Du so an mich denkst.

Ich liege vollständig auf dem Rücken, kann mich kaum regen und rühren. Was eigentlich los ist, hat man noch nicht weg. Dr. v. Norden behandelt mich und ist rührend in seiner Fürsorge.

Was Du wohl zum Jüngsten Gericht gesagt hast? Ich habe Dr. Müller und Dr. Heiss eins davon geschickt. Ach lieber Paul, es ist ziemlich desperat, so dazuliegen und zu denken, daß man nie recht gesund sein wird, nie recht wird arbeiten können, und nie ein Heim um sich haben, das immer für all das verunglückte und zu Wasser gewordene Streben Ersatz gibt. Ich bin jetzt oft nahe daran, am Leben zu verzweifeln, aber dann auch wieder so apathisch, daß ich mir sage, jetzt kann nicht noch viel Schlimmeres kommen als was schon dagewesen ist. Nun leb wohl mein Lieber, und hab noch einmal meinen Dank, daß Du so lieb meiner gedacht hast. Tausend Dank und 1000 Grüße

Deine Fanny

[Januar 1897]

 

Mein lieber Paul,

sei mir nicht böse, daß es so lange gedauert hat, bis ich auf Deinen lieben guten Brief danke. Nun muß ich Dir ganz offen etwas mitteilen. Ich möchte nur, lieber Paul, in Dir kein unangenehmes Gefühl erregen und Dich auch nicht erschrecken. Also ich bin seit 3 Monaten in anderen Umständen. Die Ärzte haben es erst jetzt mit Sicherheit sagen können, ich war die ganze Zeit sehr krank und elend und jetzt ist die Lage ziemlich bedenklich. Es ist die Frage, ob es überhaupt so weit kommen wird, und ob ich es mit dem Leben überstehe.

Ich wäre so glücklich, wenn ich ein Kind hätte, und der Gedanke, vielleicht zu sterben, wird mir auch nicht schwer. Ich warte es also in Ruhe ab – übrigens war es nur eine flüchtige »Begegnung«, ich bin längst äußerlich und innerlich wieder allein.

Ich will heute nicht mehr schreiben, Paul, aber ich bitte Dich dringend, schreib mir bald ein Wort und denke gut an mich.

Deine Fanny

[Frühjahr 1897]

 

Lieber Paul,

und nun komme ich noch mit einer mich tief beschämenden Bitte. Ich bin augenblicklich so in Not, daß ich wirklich nicht aus und nicht ein weiß und möchte Dich fragen, ob Du mir 50 M leihen kannst – wenn Du es gut kannst, ich hoffe schon im nächsten Monat zurückzahlen zu können, und weiß mir nur für den Moment nicht zu helfen: es wird mir nur furchtbar schwer, Dir mit dieser Bitte zu kommen. Wenn ich gesünder wäre, könnte ich ja mehr arbeiten, aber es ist mir jetzt sehr schlecht gegangen. Mit meinem Hausherrn habe ich mich endgültig verkracht und muß entweder in 8 Tagen fortreisen (weiß aber noch nicht, ob ich die Kräfte habe) oder mir eine andere Bude suchen – und mein Aprilgeld habe ich schon zur Hälfte verbraucht. Im April hoffe ich auf allerhand Einnahmen, aber die nächsten 14 Tage ist nichts zu erwarten und – nichts mehr da, nur noch das Bett zu versetzen. Du wirst es begreifen, daß ich von meinem Mann nichts extra verlangen kann unter den jetzigen Umständen, wir hören fast gar nichts mehr voneinander, und er ist auch nicht in der Lage. Sei mir nicht böse, Paul, und sage ganz ruhig Nein, wenn es Dir nicht paßt.

Ich habe jetzt für Langen eine Probe von einem französischen Buch zu übersetzen, wenn ich es gut genug mache, wird er es mir geben, und das wird mich in die Lage setzen, es wieder auszugleichen, aber ich habe noch nicht dran können, weil ich zu elend war.

– Nun habe ich wieder nur von mir und meinen Sorgen geschrieben – aber ich kann heut nimmer und antworte nächstens mehr auf Deinen Brief. Bücher habe ich leider augenblicklich nicht, nur Knut Hamsun »Pan«, das schicke ich Dir – die anderen sind schon aus bitterer Not zum Antiquar gewandert à 50 Pf. Aber ich denke Langen nächstens einige abzunehmen.

Es ist schon 1/2 2 nachts, ich habe bis 1 Uhr an meiner Übersetzung gewurzelt und morgen 17 Seiten abzuschreiben, darum verzeih mir, wenn ich schleunigst Schluß mache.

– Lebe wohl lieber Paul und glaub mir, daß ich diesen Notschrei nicht getan hätte, wenn es nicht ein wirklicher wäre –

Sei 1000 mal gegrüßt von
Deiner Fanny

[Mai 1897]

 

München Georgenstr. 27/I

Lieber Paul,

Du kannst Dir gewiß den Grund meines langen Schweigens denken, ich habe mich so arg geschämt, daß ich meine Schuld noch nicht habe abtragen können. Bist Du mir auch nicht böse, lieber Paul, es erfolgt nun allernächstens. Ich sitze den ganzen Tag an meiner Übersetzung, war lange Zeit so elend, daß ich nichts tun konnte und habe deshalb auch noch nichts bekommen können. Ich bleibe nun doch in München, ich war draußen, aber bei meinem bankrotten Zustand in jeder Beziehung war es nicht durchzuführen, ich bin jetzt geschieden und komme natürlich überall in eine schiefe Lage, da fühle ich mich doch hier ruhiger. Man muß sich eben ein dickes Fell gegen die böse Welt anschaffen, die Flut des Klatsches bricht natürlich unaufhaltsam herein, aber muß ertragen werden. Vor drei Wochen fuhr ich fort, selig aus München herauszusein, dachte, am Bodensee sehr billig leben zu können und Ruhe zu haben. Mein Hausherr hatte mich noch glücklich verklagt, hat aber, wie er hörte, daß ich nach der Schweiz sei, die Klage zurückgezogen, sonst hätte ich 68 M und die Kosten zahlen müssen. Aber da draußen habe ich es, wie gesagt, einfach nicht ausgehalten und bin nach der ersten Rechnung schleunigst zurück, habe hier jetzt eine ideale Bude um 8 M gefunden, sitze wieder an meinem alten Tisch und arbeite, was das Zeug halten will. Mir bleibt ja nicht viel Zeit mehr, noch 3 Monate. Siehst Du, zuweilen könnte ich ganz verzweifeln, aber wenn ich an das Kind denke, und mich damit tröste, ärger wie jetzt kann es ja nicht kommen, dann habe ich wieder Mut.

Und was machst Du denn? Wo fährst Du in der Welt herum? Und die Zukunft?

Nicht wahr, man fängt an, sich nach Ruhe und Heim zu sehnen, mit jedem Jahr, das man älter wird.

Ich schreibe Dir jetzt wohl immer Elegien, aber es wird schon wieder besser werden. Und nun leb wohl für heut und sei mir nicht böse. 1000 herzl. Grüße

Deine Fanny

 

München 19.5.97 Georgenstr. 27/I

Mein lieber Paul,

Gestern abend bekam ich Deinen lieben Brief, es war das einzige, was mich an diesem Tag erfreute, und heute morgen Deine Sendung. Wie lieb von Dir, daß Du an meinen Geburtstag gedacht hast, ich danke es Dir von Herzen, der Cognac erwärmt mich angenehm, und vor mir steht der kleine Vergißmeinnichtstrauß. Du bist so gut gegen mich und ich empfinde es doppelt, glaube mir, weil ich im Leben so wenig verwöhnt worden bin.

Sonderbar, an den Bibelspruch habe ich auch jetzt öfters gedacht, muß ihn aber noch richtig stellen: Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege.

Ich schrieb Dir schon, daß ich am Bodensee war? und dort die Entbindung abwarten wollte, aber da draußen in der schönen Gegend und der Ruhe um mich her kam das Gefühl der Heimlosigkeit so über mich, daß es mich nahezu um den Verstand gebracht hat und ich nach 14 Tagen spornstreichs nach München zurück fuhr. Allerdings auch der Teuerung halber – ich lebe hier drei mal so billig wie auf dem Lande und die ideale Bude ist wirklich nicht so schlimm, besser wie das erste Atelier in der Heßstraße.

Jetzt hab ich noch 3 Monate vor mir, fühle mich momentan entsetzlich, kaum durch den Tag durchzukommen, infolge dessen ist meine Siegesfreude bedenklich herabgestimmt. Aber ich freue mich unsagbar auf mein Kind, man hat doch ein ganz neues Leben vor sich.

Die böse Welt ist allerdings schlimm hier, und wenn ich mich nicht so stolz fühlte auf meine Mutterschaft, so weiß ich nicht, wie man das Spießrutenlaufen ertragen sollte, obgleich ich relativ noch nicht sehr stark bin.

Im Juli werde ich mir eine kleine Wohnung mit mehreren Zimmern mieten, eigentlich sind die Anforderungen an meine Kräfte wirklich übermenschlich, Wohnungssuche, einrichten etc. und ich muß mir oft alle Mühe geben, den Mut nicht zu verlieren. Aber der Gedanke später in meinem eigenen »Heim« zu sein und im weißen Schlafrock mit meinem Baby auf dem Arm »durch die Gemächer zu schreiten«, richtet mich wieder auf. Diese Vorbedingung, nämlich der Schlafrock, ist schon vorhanden. Ich hatte noch einen sehr hübschen weißen Kleiderstoff, der 1 Jahr in meinem Koffer geschlummert hatte, und hab mir draus einen bauen lassen. – Übrigens in 14 Tagen, lieber Paul, trage ich meine Schuld mit der größten Bestimmtheit ab. Diesmal wird es nicht bei dem Versprechen bleiben, soll ich es dann direkt an Dich oder an die früher gegebene Adresse schicken? Daß es Dir auch in der Beziehung nicht gut geht, hat mir sehr leid getan – woher kommt das, Du hast doch noch die gleiche Stellung wie sonst?

Meine Finanzlage wird in Zukunft sich etwas bessern, ich schrieb Dir wohl im Herbst, daß mein ältester Bruder mich hier aufsuchte und wir uns einander wieder genähert haben. Neulich war er wieder hier, und ich hab ihm alles gesagt, und er wird mir in Zukunft etwas helfen. Wenigstens bin ich dadurch in der Lage, mich in eine vernünftige Klinik legen zu können (Dr. »Ziegenspeck«) ich werde bei meiner Narbe etc. jedenfalls länger liegen müssen, vielleicht auch eine Operation an derselben durchmachen, wenn sie sich zu sehr dehnt. Und diesmal wird mich hoffentlich kein Staatsanwalt wieder vorzeitig aus dem Krankenhaus treiben und um die Nachkur bringen. Gespenster!

Ich sehe jetzt fast keinen Menschen, arbeite an meiner Übersetzung und nähe, esse bei meinen Hausleuten und schlafe auf »Diwan dem Schrecklichen«, da ich mein Bett vor meiner Abreise versetzt habe. Da es Sommer ist, geht es ganz gut so.

Und nun leb für heute wohl, es ist spät und ich bin sehr müde. Hab noch einmal meinen herzlichsten Dank für Dein liebes Meiner Gedenken und sei 1000mal gegrüßt von

Deiner Fanny

Zum Malen komme ich fast gar nicht mehr, sonst hätte ich Dir längst etwas geschickt.

 

M. 15.6.97

Mein lieber Paul,

hab vielen Dank für Deinen lieben Brief, der mich sehr erfreute. Du brauchst nicht zu fürchten, daß mir die Tilgung meiner Schuld zu schwer geworden wäre. Ich komme jetzt allmählich ganz gut mit meinen Finanzen zurecht.

Du mußt verzeihen, wenn meine Schrift heute sehr schlecht ausfällt – ich bin ganz lahm geschrieben. Langen wollte schnell die Übersetzung haben und ich habe diese wirkliche Riesenarbeit jetzt glücklich heute beendigt. 350 Druckseiten, macht 500 geschrieben, erst übersetzen, dann korrigieren, schließlich ins Reine schreiben – die Abschrift habe ich jetzt in 10 Tagen gemacht, trotz verschiedentlich sehr schlechtem Befinden; es ist wirklich grausam, was das arme Kind schon alles für seine Zukunft mittun muß.

Jetzt habe ich wieder 280 Druckseiten zu übersetzen, die mir 150 M einbringen, aber in 14 Tagen fertig sein sollen, dann kommt der Umzug am 1. Juli, und dann noch einen Roman zu übersetzen. Wenn ich nur mit alledem noch fertig werde, es darf ja nicht vor der Zeit kommen, also Anfang August.

Du glaubst nicht, wie ich mich darauf freue, 3 Wochen im Krankenhaus zu liegen und mich nicht rühren zu brauchen. Ich kenne keine anderen Ruhezeiten in meinem Leben, wie wenn ich krank bin, und deshalb finde ich wirklich eine Art Genuß darin.

Du denkst, daß ich mich zur Kapitalistin aufgeschwungen habe, weil ich mir eine eigene Wohnung nehmen will? Dieselbe kostet nur 30 M, und ich hoffe sogar zum Frühjahr eine billigere zu bekommen. Es ist eigentlich auch etwas kühn und wird noch etwas problematisch, wie es gehen wird. Ich will nämlich auch ein Mädchen nehmen, habe sogar schon eins in Aussicht, das macht 10 M im Monat, wird aber andererseits auch sparsamer sein, da es für mich kochen und waschen wird und außerdem (es ist die Nichte von meinen früheren Hausmeisterleuten) hat sie mir versichert, daß sie sehr gut versteht zu hungern. Wir werden uns eben »redlich durchschlagen«. Bei Langen werde ich jetzt wahrscheinlich chronisch mit Übersetzungen beschäftigt werden und kann damit meine Schulden zahlen. Die Leute sind selig über Raten à 10 M, und bei diesem System kann man langsam aber sicher damit fertig werden. Diesen Monat hab ich außerdem endlich sogar 30 M an die hungrigsten Gläubiger gezahlt, und nächstens wird wieder Bett und Wäsche ausgelöst, was wieder 50 ausmacht.

Und schließlich, wenn ich ein Kind habe, kann ich unmöglich alles allein machen, a wegen meiner schwachen Kräfte – Gott weiß wie es damit stehen wird –, b weil ich arbeiten muß, um was zu verdienen.

Die Wohnung hat 3 Zimmer. Eins muß als Mädchenzimmer und zum Kochen dienen, eins als Arbeits-Wohnzimmer und das andere zum Schlafen und für das Kind. Ich freue mich so darauf, endlich eine Art Heim zu haben, ich bin diese Wirtschaft mit Spiritusmaschine so müde, ich kann gar nicht sagen wie sehr.

Überhaupt wird jetzt alles anders werden. Ich habe die feste Absicht, mit meiner »Vergangenheit« völlig zu brechen, – ich kann wohl sagen, ich habe schon damit gebrochen, – seit ich das Kind in mir fühle. Es ist mir beinah, als ob das mir das Leben gerettet hat, um es noch einmal neu anzufangen.

– Vor einiger Zeit war ich bei Dr. Heinss, der mir erzählte, bis jetzt wären 3 Kurgäste in Pullach. Sehr komisch wie er es mir zart zu verstehen gab, daß ich lieber nicht dorthin kommen soll, weil seine Frau für meine Sachlage nicht das rechte Verständnis haben würde.

Wie leid tut es mir, daß es Dir mit Deinen Nerven wieder schlecht geht, ... ist vielleicht gar nicht so übel. Aber die Hauptsache wäre, die Ursache zu beseitigen. Kannst Du Dich nicht irgendwie etablieren, anstatt zu reisen? Ich fürchte, Du wirst Dich immer wieder damit kaputt machen.

Wo gehst Du denn diesen Sommer hin, wenn Du Urlaub hast. Ich glaube, in allen Kuranstalten wird man nur noch nervöser. Du solltest stattdessen Fußtouren machen oder so was.

Aber jetzt versagen meine Schreibkräfte allmählich. Leb also wohl für heute und laß wieder von Dir hören, vom 1. Juli ist meine Adresse Georgenstraße 29. 1000 Grüße

F.

 

M. 26.7.97

Mein lieber Paul,

habe wieder viel herzlichen Dank für Deinen Brief. Du hattest so lange nichts von Dir hören lassen. Ja, wann wir uns wohl einmal sehen werden. Und es wäre so schön, ich denke oft, ich kann es gar nicht mehr aushalten, so gänzlich allein, nur einmal einen Menschen, der mich versteht und zu dem ich sprechen könnte. Und das Schreiben, was ist es dagegen, Du sagst es ja auch in Deinem heutigen Brief, daß man so vieles einander sagen möchte, was das Papier nicht verträgt.

Und jetzt ist mir oft das Herz so voll – es ist sonderbar und ich hätte das früher gewiß für Unsinn gehalten, wenn man es mir gesagt hätte. Aber ich fühle mich jetzt so gänzlich umgewandelt, als ob ich nun endlich die Lösung gefunden hätte zu mir selbst. Siehst Du, ich habe so arg unter mir selbst gelitten, unter meinem Leichtsinn und alledem. Und nun ist das alles einfach weg. Es liegt doch alles bei mir jetzt so unglücklich, wie nur möglich, daß ich allein bin, krank bin etc., und doch bin ich so glücklich wie noch nie. Es war das Beste, was mir geschehen konnte – das klingt schon beinah wie Laura Marholm.

– Aber es ist so, als ob das alles, was einem im Leben verkehrt gegangen ist, einen Ausgleich finden sollte. Ich habe nie Mutterliebe gehabt, ich habe alles andere verloren, und jetzt soll das Kind mir alles ersetzen. Und jetzt schon, wo noch alles so ungewiß ist, aber wo ich sein Leben in mir von Woche zu Woche deutlicher fühle, da macht mich das schon ganz glücklich und hilft mir über alles hinweg, ich freue mich beinah auf all die Schmerzen, die noch zu überstehen sind –

Aber auch wieder empfindet man die Heimlosigkeit und all das doppelt. Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege.

Da muß man nun noch herumsuchen und irren, bis man den Platz gefunden hat, wo es zur Welt kommen darf. Mein Arzt will mich in Tübingen billig unterbringen und deshalb will ich erst an den Bodensee herunter gehen, um die 2 Monate mich der Welt zu entziehen und weil es von dort nicht so weit ist und schließlich weil es dort besseres Klima ist und billig.

M. 14.8.97

 

Mein lieber Paul,

hab vielen Dank für Deinen Brief und sei mir nicht böse über das, was ich Dir heute zu sagen habe.

Ich habe meinen Mann wiedergesehen, und ich habe wieder eine Hoffnung, daß wir doch noch wieder zusammen kommen, wenn auch vielleicht noch längere Zeit darüber vergehen wird. Und ich bin fest entschlossen, für diese Hoffnung allein zu leben in allem, und habe ihm gesagt, daß ich mit allem, was jemals in meiner Vergangenheit gewesen ist, jede Verbindung gelöst habe. Mißversteh mich nicht, Paul, ich habe nicht das Gefühl, als ob in unserem Verkehr etwas Unrechtes liegt. Du bist ja während dieses ganzen Jahres wie ein Bruder für mich gewesen, was sage ich, mehr wie ein Bruder. Und doch wirst Du es verstehen wenn auch das sein muß, wenn ich nicht mehr schreiben kann. Ich muß jetzt ihm gegenüber ein völlig freies Gewissen haben, dann kann noch einmal alles gut werden. Sei mir nicht böse, halte mich nicht für undankbar und kaltherzig. Ich werde an Dich niemals anders wie mit Wärme und Dankbarkeit denken – und wenn ich Dir gegenüber nicht so fühlte, wie ich es tu, dann würde ich Dir nicht so offen das sagen. Es wird mir ja so schwer, Dir zu sagen – schreibe mir nicht mehr. Aber ich rechne darauf, daß Du mich verstehst und mir nicht böse bist. – Vergiß mich nicht, ich werde auch nie vergessen, was Du mir gewesen bist.

Für mich fängt jetzt ein ganz anderes Leben an, aber ich fühle endlich die Kraft dazu. – Auch dazu, jedes Opfer zu bringen, was das von mir verlangt.

Und was soll ich weiter noch schreiben? Wenn mein Kind da ist, werde ich Dir noch einmal Nachricht geben, weil ich weiß, daß Du daran denken wirst, wie es mit mir geht. Es wird wohl bald sein – und ich schreib Dir deshalb jetzt noch vorher, da in dem Fall ich sehr krank werden sollte, Briefe in andere Hände geraten könnten. – Deshalb bitte ich Dich, schreib mir nicht mehr. – Und sei mir nicht böse. Hab Dank für Alles, was Du mir gewesen bist.

Deine Fanny

 

M. 20.9.97

Mein lieber Paul,

nun will ich Dir noch einmal schreiben und Dir vor allem Dank sagen für Deinen guten lieben Brief. Hab Dank, daß Du mich verstanden hast, es tut mir weh, von Dir Abschied zu nehmen – ich werde Dich nicht vergessen und es wird immer ein tiefes und warmes Gefühl sein, mit dem ich Deiner gedenke.

Nun ist mein kleiner Junge schon 3 Wochen auf der Welt. Ein schönes kräftiges Kind mit großen blauen Augen. Gott sei Dank, daß es so gesund ist, ich hatte immer Angst, daß es schwächlich sein würde. Die Entbindung war sehr schwer, zwei Ärzte, Zangen, Narkose etc. Ohne die Ärzte hätte es mich wohl bald das Leben gekostet, das Kind war zu groß. Und dazu all meine alten Geschichten. Es drohte nachträglich noch Entzündung. Ich hatte die ganzen Tage Fieber und große Schmerzen. Aber nachher habe ich alles schnell überwunden und bin jetzt schon seit ein paar Tagen wieder auf und ganz mobil.

Der Kleine ist meine ganze Freude und doch bin ich sehr traurig gestimmt, wenn ich so an alles denke. Wie es nun wohl alles werden wird. Ich hoffe meinen Mann Weihnachten zu sehen, vielleicht wird sichs dann entscheiden. Deinen Wunsch, lieber Paul, werde ich nicht vergessen. So bald ich wieder arbeiten kann, sollst Du ein Andenken erhalten.

Und nun leb wohl

Deine Fanny

 

München, 18.5.98
Hohenzollernstraße 1 c Rg.

Mein lieber Paul,

hab Dank, daß Du meiner gedacht hast. Wirklich beim Anblick Deiner Karte sind mir Tränen in die Augen gekommen, es war der einzige Brief, den ich heute erhalten und was magst Du von mir denken, daß ich nicht ein einziges Mal an Dich geschrieben habe. Nach meinem letzten Brief an Dich konnte ich mich nicht dazu entschließen, obgleich der Grund, der mich damals dazu trieb, nicht mehr besteht. Und glaub mir, ich habe Deine treue Freundschaft oft entbehrt, und es ist mir eine große Freude, sie nicht verloren zu haben. Nun ist es bald ein Jahr, daß wir nichts mehr voneinander gehört haben. Wie mag es Dir seitdem ergangen sein, führst Du noch das unstete Reiseleben und was hast Du für Zukunftspläne? Nun will ich Dir erst von mir erzählen – was ich damals hoffte, hat sich nicht erfüllt. Mein Mann hat allem ein Ende gemacht, nachdem das Kind geboren war. Wir hören nichts mehr voneinander. Ich habe damals geglaubt, diesen Schlag nicht überwinden zu können, nachdem ich meine ganze Seele an diese Hoffnung geklammert hatte. – Aber mein Kind hat mich gerettet, ich habe die Ruhe und das Glück wieder gefunden – ein großes unendliches Glück, wie ich es noch nie empfunden habe. Mein kleiner Rolf ist ein schönes gesundes Kind, und wenn er in seinem Bettchen sitzt und mich mit seinen großen Augen anschaut, dann wird mir alles leicht, und das Vergangene weicht immer mehr zurück. Aber es waren oft schwere Zeiten, lieber Paul, mit meiner Gesundheit habe ich nach wie vor zu kämpfen, über kurz oder lang muß ich wieder operiert werden, und oft ist es recht arg. Und dabei so viel Arbeit, daß ich kaum einen freien Moment finde. Wie er 8 Wochen alt war, habe ich mein Mädchen entlassen und seitdem mit einer Zugeherin gewirtschaftet, die vormittags kommt. Du kannst Dir denken, was es da alles zu tun gibt, und mein Hausstand ist nach aller Urteil tadellos in Ordnung. Du würdest Dich wundern, wie anders es jetzt ausschaut wie einst im Atelier. Ich habe eine sehr nette Wohnung mit 3 Zimmern und Küche und Garten (25 M!). Dabei furchtbar viele Übersetzungen, oft ist es Tag und Nacht durchgegangen. Es ist jetzt viel schwerer zu arbeiten, wenn man ein kleines Kind neben sich hat, das jeden Augenblick etwas braucht oder schreit, wenn man nachdenken muß.

Und dann will ich Dir etwas erzählen, was ich sonst ängstlich vor meinen Bekannten geheim halte, ich bilde mich jetzt zur Bühne aus. Es ist hier eine Theaterschule, und ich habe mich prüfen lassen und bin vorläufig für brauchbar erklärt worden. Bis zum Oktober bin ich »fertig«, und wenn ich dann Glück habe (natürlich ist alles noch »wenn«) kann ich mich doch besser durchbringen und für Rolfs Zukunft sorgen. Aber nun mach Dir einen Begriff, in was für einer Hetze ich lebe. Haushalt, Kind (das natürlich die erste Rolle spielt und vor nichts zurückstehen darf), Übersetzen – Rollen lernen, üben und dreimal in der Woche Unterricht. Es ist sehr weit weg, und nimmt einen ganzen Vormittag. Übrigens habe ich erst die zweite Stunde hinter mir. Aber zu meinem Trost hat mir der Direktor gesagt, er würde schon etwas aus mir machen können. Es wird mich die Ausbildung 3-400 M kosten, die ich diesen Sommer zu verdienen hoffe.

Ich habe den Winter über wahnsinnig gespart und habe jetzt zum erstenmal einen Monat vor mir, wo ich mehr wie 20 M für meinen eigenen Unterhalt anwenden kann. Ich bin so heruntergekommen, daß ich kein reguläres Mittagessen mehr vertragen konnte, aber jetzt füttere ich mich wieder rauf.

Ich will Dir aber nicht zu viel Schauergeschichten erzählen, es wird und muß jetzt vorwärts gehen.

Könntest Du jetzt einmal einen Blick zu mir herein tun, mein ganzer Schreibtisch liegt voll von Übersetzungen. Daneben steht der Kinderwagen, und der Bubi sitzt darin und klappert mit seinem Spielzeug. – Ich schicke Dir sein und mein Bild, das worauf er allein ist, schickst Du mir vielleicht zurück, da es das letzte ist, was ich besitze.

Für heute will ich schließen, ich muß die Wäsche aus dem Hof holen und den Kleinen zu Bett bringen.

Lieber Paul, laß mich bald wieder von Dir hören und hab auch vielen Dank.

Deine Fanny

 

26.12.99

Lieber guter Paul,

soeben kommt Deine höchst erfreuliche Sendung. Hab herzlichen Dank für dieselbe wie für Deinen Brief – ich weiß, Du liebst nicht, wenn man viel Worte macht. So sage ich denn nur kurz ich habe mich sehr gefreut. Du hast ein besonderes Talent, das ausfindig zu machen, was meinem Herzen wohl gefällt.

Nein, lieber Paul, die 100 M habe ich nicht vergessen, sie stehen schrecklich mahnend in meinem Haushaltsbuch und in meinem Herzen angeschrieben – und wenn ich sie unerwähnt ließ, so war es nur, weil sie mich schon so drücken, daß ich gar keine Worte mehr dafür habe, und es geradezu als eine Schamlosigkeit empfinde, daß ich Dich trotzdem jetzt wieder um 50 M anpumpe. Voilà – Nun ich denke in nächster Zeit so zu arbeiten, daß ich allmählich wieder aus dem Dalles herauskomme. Donnerstag ist die entscheidende Untersuchung, wo die Ärzte konfratieren werden, ob die Operation überhaupt versucht werden soll. Bete für mich.

Und nun leb wohl lieber Paul, ich schreibe demnächst länger und schicke Dir Bücher.

Einstweilen mit herzlichem Dank und Gruß

Deine Fanny

 << Kapitel 1 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.