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Auswahl aus seinen Schriften

Bogumil Goltz: Auswahl aus seinen Schriften - Kapitel 8
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typeessay
authorBogumil Goltz
titleAuswahl aus seinen Schriften
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printrunErstes bis fünftes Tausend
editorFritz Lienhard
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illustratorFranz Stassen
correctorreuters@abc.de
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Erste Liebe

Ich kann nicht viel vom Tode meiner Eltern erzählen, es zerreißt mir das Herz!

Mein guter, grundehrlicher Vater starb zuerst und meine Mutter bald darauf vor Gram.

In ihrem kurzen Witwentum hatte sie doch noch Zeit, das ganze Maß ihrer Liebe und ihres Schmerzes zu durchmessen. Sie konnte es nicht fassen, daß der von der Erde verschwunden sein sollte, mit dessen Bild und Wesen, mit dessen Worten und Werken alle ihre Empfindungen und Gedanken und ihr ganzes Sein so verwachsen war.

Sie schloß uns Kinder in ihre Arme, sie verzehrte uns mit ihren Blicken, und in allen Worten tönten Segenssprüche für uns. Sie konnte es selbst nicht begreifen, daß in dieser Mutterliebe ihr Herz nicht wieder zu erstarken vermochte; sie empfand Gewissensbisse und schalt sich eine schlechte Christin, daß die Religion nicht eine göttliche Allmacht auch über ihr Gemüt bewährte.

Aber diese Unfähigkeit einer Spannkraft, eines Widerstandes der Seele, einer Aufrichtung und Genesung des Geistes, hatte wohl auch im körperlichen Befinden seinen Grund. Die sanfte Dulderin wurde von Tage zu Tage schwächer, sie verging gleich einem Schatten. Ihr Wandel auf Erden war nur noch eine Geistererscheinung, ihre letzte Zeit eine Verklärung bei lebendigem Leibe.

Meine Mutter sprach in ihren gesunden Tagen schon wenig, nach des Vaters Tode nur mit Blicken und Gebärden.

Der Ermahnungen in Worten waren wenige, aber ihre ganze Erscheinung, ihr Leiden und Lieben konnte einen Stein erbarmen und ist mir eine Zeichenschrift geblieben, die sich tief in meine Seele gebrannt hat; ein Bild, das mich in guten und bösen Tagen, in jedem Lebensalter bis zu dieser Stunde begleitet hat und, wie ich zu Gott hoffe, mit mir in jene Welt hinübergehen wird.

Wen solche Lebens- und Sterbegeschichten nicht ermahnen, wen Mutterliebe und Treue nicht bis ans Lebensende erzieht, wem diese Mutterstimme nicht nachtönt durchs ganze Leben, wem ihre Liebesblicke und heiligen Gebärden, ihre verklärte Gestalt nicht in die Seele hineingewachsen sind, bei dem werden es die bloßen Worte nimmermehr tun.

Nach der Ernte hatten sie meinen Vater hinausgetragen, und auf meiner Mutter frischen Grabeshügel fiel der erste Schnee.

So war es denn um die Guten geschehen, und ich blieb in der elterlichen Heimat allein.

Meine beiden Schwestern hatten weit weg geheiratet, und mein einziger älterer Bruder wirtschaftete auf einer großen Pacht. Den lieben Eltern war kurz vor ihrem Tode eine Erbschaft zugefallen, durch die sie der leiblichen Sorge, aber nicht dem jähen Tode entrissen wurden. Auf mein Erbteil kam das väterliche Gut.

Dem Bruder, einem betriebsamen Ökonomen, war die Wirtschaft zu klein; die Schwestern lebten gern in der Stadt; ich selbst aber war ein halbverdorbener Studiosus der Theologie, mit der ich es meiner frommen Mutter zuliebe auf meine aparte Art und Weise versucht hatte, wiewohl ohne sonderlichen Erfolg.

Das Gütchen mußte entweder verkauft oder verpachtet werden; die obwaltenden Verhältnisse waren beiden Unternehmungen keineswegs günstig; so entschloß ich mich denn zur Ökonomie und sagte vorläufig den Studien Valet, und zwar ohne sonderlichen Kampf, da ich von Kindesbeinen an mit allen Sinnen der Natur und dem Leben auf dem Lande ebenso zugewendet war, wie ich einen ordentlichen Abscheu vor dem Stadtleben und vor den Städtern empfand. Die stets um mein Glück besorgte Mutter hatte das noch in ihren letzten Tagen mit mir besprochen und bedacht. Sie erkannte meine natürliche Neigung zum Landleben und wünschte ihr ferner keinen Zwang auferlegt. Zudem war es der Sterbenden nunmehr ein tröstlicher Gedanke, das Gütchen, mit welchem der Vater so viel Sorge und Arbeit gehabt

hatte, auf dem so glückliche Tage verlebt, die Kinder zum Teil geboren und großgezogen waren, nicht in fremden Händen zu sehen.

So ringen sich die Gedanken und Wünsche der Sterblichen selbst im Sterben noch nicht ganz von dieser Muttererde und der menschlichen Lebensart los.

Und wie schön, wie bedeutungs-, wie verheißungsvoll ist eben dieser Zusammenhang zwischen dem sinnlichen und übersinnlichen Menschen, zwischen seinem irdischen und überirdischen Teil, der Ewigkeit und der Zeit!

Da saß ich nun die langen Winterabende, den Kopf in die Hände gestützt, und starrte ins Licht, und schaute Geister und fühlte der Abgeschiedenen Nähe, und konnte es gleich meiner Mutter nicht fassen und begreifen, was alles geschehen.

Wenn eine Tür aufging, so trat der Schatten meiner Mutter herein, denn fast unhörbar leise war ja im Leben ihr Gang wie ihr ganzes Sein. Wenn die Hofhunde draußen anschlugen, so sprang ich vom Stuhle auf, meinen Vater zu empfangen, wie wenn er von der Reise gekommen wäre. O bis zum Jüngsten Tage werden es die Menschen wiederholen: »Die Toten kehren nicht wieder, die Erde hält fest, was ihrem Schoße anvertraut ist!«

Ich mochte nicht essen, ich konnte nicht schlafen, nicht denken; die Wirtschaft versah ein ehrlicher und verständiger alter Ökonom.

Die Heimsuchung ging über meine Kräfte. Meine Seele verzehrte sich in Sehnsucht, diejenigen noch einmal zu umfassen, die mir das Leben gegeben, die nur für ihre Kinder gelebt hatten; und was war denn in diesem Leben unser Dank und der Verblichenen Lohn?

Wie oft ist das durchschmerzt, und wie zermalmend ist es für den, der es eben erfährt!

Ich konnte mich nicht beruhigen, daß eine Heilige, wie meine Mutter, von der Erde abscheiden konnte, ohne daß Zeichen und Wunder erschienen, wie bei des Heilands Tod! So trieb ich es den langen Winter hindurch.

Da kam mit den ersten Lenzestagen für mich Ärmsten ein neues Leben und eine Tröstung, die dem Himmel und der Erde gleichermaßen entstammt.

Einige Meilen von unserm Gute entfernt lebte auf einem kleinen Besitztum ein Verwandter meiner Mutter, ein scheinbar vereinsamter Mann, welcher Kriegskommissar, Großhändler und manches andere in der Welt gewesen, dem aber fast alles mißraten war.

Mit seinen Schicksalen hatte es eine mysteriöse Bewandtnis, über welche meine Mutter, die man in alle Familienverhältnisse eingeweiht hatte, nicht ohne tiefste Gemütsaufregung, und dann nur andeutungsweise sprach. Der Vetter, wie er genannt wurde, war auch ein studierter Mann und lebte mit einer Gattin, die er aus großer Leidenschaft, gegen den Willen ihrer wie seiner Eltern, zur Begleiterin durchs Leben gewählt hatte, in fast völliger Abgeschiedenheit von der Welt.

Die Ehe mußte nach den Äußerungen meiner Eltern eine einträchtige sein, wenngleich sie kinderlos war.

Von den Besuchen, welche die Selige mit mir in frühern Zeiten bei diesen Verwandten gemacht hatte, war mir noch ein kleines liebliches Mädchen in der Erinnerung geblieben, das die einsamen Eheleute an Kindesstatt angenommen hatten.

Ich sehe die Kleine noch, wie sie bei meinem Hereintreten das gelockte Köpfchen verschämt und neckisch nach Kinderart in den Schoß ihrer zärtlichen Pflegemutter birgt und dann von meiner himmlisch gütigen Mama, einer enthusiastischen Bewunderin schöner Kinder, gehätschelt und auf den Schoß genommen wird, was ich weniger mit Neid als mit Todesangst und Herzenswehe geschehen lasse, da mir zumute ist, als wenn mich von nun an meine liebe Mama nicht mehr so liebhaben könnte wie bis dahin.

Die Gute, deren Seele sich mit meiner Kinderseele in einer Art von magnetischem Rapport befand, winkte mich aber, wie ich so traurig dastand, zu sich heran und drückte mich dann mit einer Hast, deren Grund ich instinktmäßig erriet, mit dem Pflegetöchterchen des Vetters zugleich an ihr Herz. Unsere Köpfe blieben so einen Augenblick von ihrem Arm umschlossen, und als sie uns freiließ, war die erste Blödigkeit der Kleinen überwunden, und wir standen vor meiner Mutter Knien und ihren leuchtenden Blicken wie ein zukünftiges Paar.

Auf der Rückfahrt wollte ich von meiner Mutter aufs gründlichste wissen, ob so ein Pflegekind auch ein ordentliches und natürliches Kind wäre, wie zum Beispiel ich selbst, wobei ich meiner süßen Mama Hand ans Herz gedrückt hielt, aber die Antworten und Erklärungen brachten mich keineswegs zur Ruhe. Ich kann es heute nicht sagen, was mir über Pflegekinder alles im Kopfe umherging und wie wunderbar es mich ergriff, daß dies schöne Kind keine natürliche Mutter haben sollte und (wie ich mir steif und fest einbildete) irgendwo aufgefunden war. Aber das wechselvolle Geschick jener Verwandten wollte es, daß sie ihren Wohnort verpachteten und weit wegzogen an irgendeinen großen Ort, und so kam mir denn das kleine Mädchen und mein kleines romantisches Rendezvous mit ihr aus dem Sinn.

Ein halb Jahr vor der Eltern Tod hatte aber der Vetter wieder das kleine Besitztum bezogen; die Inhaber waren indessen älter, also wohl ungeselliger geworden, und so hatten sie uns noch keinen neuen Besuch gemacht.

Als ich aber an dem ersten schönen Märzmorgen, meinem Geburtstage, vor die Türe trat und auf das Feld hinausging, da überkam mich eine solche Sehnsucht, alte Bekannte und Verwandte meiner Mutter und das kleine Mädchen zu sehen, das nun wohl eine schöne erwachsene Jungfrau sein mußte, daß ich mein Pferd sattelte, dem Verwalter für die nächsten 48 Stunden Bescheid sagte und mich dann auf dem Wege befand, den ich etwa vor zwölf Jahren mit meiner nun verklärten Mutter so glückselig plaudernd durch die reifenden Erntefelder gefahren war.

O mein Gott, wie war doch die Natur, ich selbst und die ganze Welt so ganz anders als in jenen glücklichen Tagen, da noch Vater und Mutter auf Erden wandelten, mit Heiligenscheinen umflossen, von denen Licht und Weihe und ein himmlischer Segen uns Kinder überkam! Jetzt weilte ich in dieser weiten, wirren, kalten Welt, vereinsamt und verantwortlich für ewig. Ach, niemand sorgte und niemand betete für mich, und was ich fehlte, sühnte keine Mutter durch ein übermenschlich Lieben und ein Opferleben so wie sonst.

Und doch war ich es noch selbst, und auch die Natur war an diesem Frühlingstage die verwandlungsreiche und doch sich ewig gleiche Leiblichkeit Gottes, die ewig junge und ewig alte Natur; und auch diesen Stunden und jüngsten Zeiten gebot der alte Gott, welchem die Ewigkeiten im Schoße ruhen und mit ihnen die Geschicke der Welt.

Die Erde lag noch unter Eis und Schnee begraben, aber der Himmel, der ewig getreue, in und über allem Wechsel von Tages- und Jahreszeiten sich selber gleiche Himmel, war mit seinem ätherblauen Frühlingsgewand gleich einem Bräutigam angetan!

Von seiner Stirne strahlte die Sonne als ein Lichtdiadem, und aus seinem Munde ging der warme Odem einer Frühlingsluft, von welcher Eis und Schnee zu Wasserströmen schmolzen, wie ein Phantom und ein böser Traum, den die arme Erde in ihrem winterlichen Starrkrampfe geträumt.

Von Frühlingslüften durchatmet und mit neuem Lebensmute geschwellt, sah ich das Häuschen wieder, in welchem mich die selige Mutter zusamt einem lieblichen Waisenkinde so bedeutungsvoll ans Herz gedrückt hatte.

Dieses Häuschen, dieses Stückchen Erde, das Begegnen mit dem Engelskinde und der lichte Genius meiner seligen Mutter: das alles stand wie ein Allerheiligstes in meiner Kinderphantasie.

Hier wartete meiner, das fühlte ich in allen meinen Pulsen, eine Auflösung und Umgestaltung meines ganzen Geschicks.

* * *

Das Häuschen hatte seine eigentliche Front und seine kleine Auffahrt im Angesichte des großen Sees. Im Sommer kam man durch die immer offenen Flügeltüren des Gartenzimmers herein und begrüßte sich da mit den einsamen Bewohnern zuerst, falls man nicht bereits von ferne gesehen und vor der Tür auf der kleinen Rampe oder am Seeufer empfangen worden war.

Im Winter aber sind die Türen an den sogenannten Gartensälen der kleinen Landhäuser stets verquollen, oder gar eingefroren und verschneit, weil dann die ganz vereinsamte Familie sich auf ein paar Winterzimmer beschränkt, und nur bei einem Familienfeste den Gartensaal ordentlich heizen und von seiner winterlichen Umhüllung befreien läßt.

Man fährt und reitet also hierzulande in allen rauhen und winterlichen Tagen an der Hofseite solcher bescheidenen Wohnungen und Haushaltungen vor.

Was mich nun betraf, so zwang ich mein von den unsichern Tritten in mürbem Schnee ermattetes Pferd durch einen letzten Sporenstoß zu einem raschen Trott auf das kleine Gehöft, übergab das mit Schaum bedeckte Tier einem Stalljungen zum Umherführen und trat mit nie gekannten Empfindungen durch die kleine Hintertür in das Häuschen, das wie ausgestorben erschien.

Ein merkwürdig schönes, aber über meine unwillkürliche Hast wie ein Reh aufgeschrecktes Bauernmädchen, bei dem ich mich mit stockendem Atem nach der Herrschaft erkundigte, antwortete mir, wie angesteckt, ganz in der befragten Manier, daß nur die junge Mademoisell zu Hause und daß sie im Gartensaal wäre, und ging wohl neugierig, mich anmeldend, dahin voran. Ich selbst folgte wie einer, dem Zeichen und Wunder bevorstehen und der bereits im Vorhofe angelangt ist, und dann brachte mich die Erscheinung eines Mädchens, das mir wie ein verwirklichtes Traumbild nahe trat, wieder zu mir selbst.

Die Flügeltüren des Gartenzimmers waren geöffnet und draußen stand die Gesuchte und schaute in den ersten Frühlingstag und in die freie Natur.

Jetzt wendete sie sich bei meinem Hereintreten ein wenig überrascht und leicht errötend, doch ruhig sittsam nach mir um und bedauerte dann mit einer sanften harmonischen Stimme und reizenden Schüchternheit ihrer Pflegeeltern Abwesenheit. Der erste Blick ließ mich in der Jungfrau das Kind erkennen, mit dem ich vor meiner Mutter Knien gespielt hatte; das steigerte meine Verwirrung, aber die natürliche, wenn auch schämig-sensitive Art des Mädchens, die unaussprechliche Harmonie und Ruhe ihrer Person wirkten auf meine fieberhafte Unruhe und mein Schicklichkeitsgewissen augenblicklich so weit ein, daß ich der lieblichen Sprecherin, die mich noch nicht nach meinem Namen und Anliegen gefragt hatte, sagen konnte, ich sei ihrer lieben Pflegeeltern Verwandter, ihr kleiner Spielkamerad aus einer Zeit, wo sie selbst ein kleines Mädchen und meine Führerin in den Naturschönheiten dieses Landgütchens gewesen wäre, was mir keinen Augenblick aus dem Gedächtnis gekommen sei.

Die Angeredete hörte das mit der reizenden Verlegenheit an, die einem jungen und in der Einsamkeit erzogenen Mädchen das zufällige Alleinsein mit einem jungen Manne ganz natürlich zu bereiten pflegt, und sagte dann mit dem lieblichsten Erröten und einem verschämten Blick auf meine ziemlich konfuse Person:

»Jetzt erkenne ich Sie wieder; daß wir als Kinder zusammen gewesen sind, habe ich sehr gut behalten. Ihre verstorbene Frau Mutter hat mich oft auf dem Schoße gehabt«, setzte sie unwillkürlich und mit so schönem Wangenpurpur hinzu, daß sie wie verbessernd mit etwas gesenkter Stimme fortfuhr: »Ich war wohl ein etwas verwöhntes und aufdringliches kleines Ding, und Ihre Frau Mutter eine sehr liebreiche Dame und große Freundin von Kindern, wie mir meine liebe Pflegemutter gesagt hat.«

Ich antwortete hierauf in einem Sturm von Empfindungen, ich weiß nicht mehr was; denn vielleicht stand auch noch vor des Mädchens Seele die ganze kleine Szene, wie ich sie dem Leser erzählt.

Ich konnte das freilich nicht erraten, denn der Ton ihrer Stimme und ihre ganze Holdseligkeit ließ mich mit jedem Augenblicke mehr empfinden, daß meine Sehnsucht und Vorahnung nicht ohne den tiefsten Grund gewesen war.

Der erste Blick zeigte mir schon, wie wundervoll die Natur bei diesem Waisenkinde Mutterstelle vertreten hatte. Ich empfand zum erstenmal in meinem jungen Leben, daß ich vor einem Weibe und einer Evastochter stand.

Ich hatte eine Empfindung, wie wenn unsichtbare Kräfte und Mächte gleich Strahlen von ihr ausgingen. Ich konnte diesem natürlichen Magnetismus mein bißchen Redensart und armselige Schulvernünftigkeit auf keine Weise entgegenstellen.

Diese Verduftung einer von der Natur inspirierten Weiblichkeit übermannte mich bis zur Schwermut; denn ich fühlte gegenüber dieser jungfräulichen Zaubermacht nur zu sehr meine eigene Unbedeutendheit und Machtlosigkeit.

Das Mädchen hatte nur ein paar schüchterne Worte gesprochen, sie hatte nichts Besonderes unterlassen oder getan, aber ihr bloßes Dasein war so sprechend, so bewältigend und wunderschön, wie die Natur.

Kinderengel machten bei diesem Naturkinde die Grazien, sie umschwebten diese rätsellösende und rätselaufgebende Verkörperung von Äther und Staub. Dieses Mädchen war eine Maria, von einem Raffael für den Altar einer Dorfkirche gemalt. So hehr und heilig und dann wieder so »schlecht und recht« sah sie aus, wie nur ein deutsches Mädchen mit blauen Augen und frommer Seele zu sein und zu erscheinen vermag.

Diese deutsche Seele schaute zu den schönbewimperten, tiefblauen Augen mit großen Sehsternen hinaus; sie bebte leise in dieser weichen, vollen, melodischen Mädchenstimme, die mit den natürlichen Grazien der Körperbewegung verschmolz.

Wir waren im Verlauf der wenigen gewechselten Worte vor die Türe getreten; dies tat mir not, denn ich wußte nicht, wie mir geschehen.

Draußen war eine Luft, so mild und warm wie in den ersten Maitagen, und die Sonne schien uns beiden gerade ins Gesicht.

Das Eis auf dem See stand noch fest, aber von den Bergen strömte der schmelzende Schnee in brausenden Wasserfällen herab. Gestern noch Sturm und Graus, die verhüllte Gottheit, eine Erstarrung in der ganzen Natur, und heute warmer Sonnenschein und Lerchengesang, ein Durchbruch, eine Auferstehung in Lüften und in Grüften überall.

Und so geschah es mir. Aber ich hatte auch ein Gefühl, als könnte der Winter wieder zurückkommen, als könnte er alle die tausend sprudelnden Wasserfälle in zackige Eisberge und den erweichten Erdboden in eine hallende Gräberkruste verwandeln.

Was wollte ich denn, was konnte ich hoffen? Wer war ich und was bot ich ihr für ein Geschick, und was wollte ich vollends von diesem ersten Augenblick? Und was sollte aus mir und meinen Gefühlen werden, aus meiner Leidenschaft? Denn das war sie; riesengroß gewachsen in diesen Paradiesesaugenblicken. Und so weissagte sie mir den Himmel auf Erden und ein langes Leben mit diesem Weibe, oder ohne sie Höllenqualen und einen langsamen Tod! Und die Qualen begannen schon jetzt.

Konnte meine Leidenschaft schweigen? Und mein ganzer Mensch, so locker aus Erde gemacht, sollte er es ertragen, daß ihm die Sonne und der Tau des Himmels entzogen wurden; sollte er es überleben, wenn dieser Blume aus Eden ein anderer Gärtner zuteil wurde, wenn vielleicht die Roheit, die Gefühllosigkeit in männlicher Gestalt dieser himmlisch lieblichen Seele nahten, mit der ich an meiner Mutter Herzen gelegen hatte; wir beide von ihren Armen umschlungen und von ihr vielleicht eingesegnet als ein Paar?

Oder hatte sie bereits für einen andern etwas empfunden? Nein, Dank dem barmherzigen Himmel! Einer Leidenschaft widersprachen ihre Augen und ihr ganzes Wesen. Sie war noch im Kinderhimmel und ihre Seele ein knospendes Geheimnis, welches der Duft des Paradieses umgab.

Das empfand ich, so wahr ich meine Liebe und die Vorwehen ihrer Seligkeiten und Qualen empfand! Und sie selbst stand so ruhig und schuldlos, wenn auch ein wenig verlegen von meinem sonderbaren Wesen und meiner Einsilbigkeit, neben mir und ahnte nichts von den Wundern und Mächten, die in ihr schlummerten und doch bereits in meinem armen Leben wühlten. Welche Himmelswonne, diese stillen Träume der Jungfrau wachzurufen, die schlafenden Kräfte alle zu wecken, diese Liebes- und Wunderknospen am Baume des Lebens aufbrechen und erblühen zu sehen.

Ein leiser Seufzer oder meine wechselnde Gesichtsfarbe, meine mühsam niedergekämpfte Unruhe, mochten der schuldlosen Urheberin doch endlich etwas von meiner Seelenpein verraten haben, denn sie entfärbte sich ebenfalls ein wenig und sagte dann zu mir mit halb erschreckter Stimme: »Sie sind vielleicht von dem raschen Ritt und der Luft angegriffen. Sie haben ja noch nichts genossen, entschuldigen Sie doch, daß ich Ihnen nicht gleich eine Erfrischung anbot.« Sie wollte sich entfernen, aber ich verhinderte das, indem ich ihr versicherte, daß ich unmöglich essen oder trinken könnte, daß ich mich von dem schönen Tage nur gestärkt fühlte, daß mich aber in ihrer Nähe das Andenken an meine gute Mutter und der Schmerz über ihren Verlust mit einer Lebhaftigkeit angewandelt hätte, die ihr eigenes Herz gewiß entschuldigen würde. Die Ärmste sagte darauf mit niedergeschlagenen Augen und einer Stimme, die mir das, was ich mit halber Wahrheit gesagt, zu einer ganzen in meiner Seele erweckte: »Ich allein habe um Entschuldigung zu bitten, denn ich konnte mir Ihre Stimmung wohl denken, da ich mit Ihrem Verluste bekannt bin.«

Es war mir schon, als müßte ich auf diese so wahrhaftige Teilnahme und Mitleidenschaft gleich ihre Hand fassen; bei einem andern Mädchen würde ich das auch getan haben, aber in meiner Leidenschaft konnte ich es nicht. Die Geliebte erschien mir wie ein Heiligtum, das anzublicken schon zu viel für mich sei, und das ich nicht anrühren dürfe, ohne ihr in demselben Augenblick zu Füßen zu sinken und ihr meine Liebe zu gestehen.

Der Himmel weiß aber, was dennoch geschehen wäre, wenn uns nicht ein Schellenschlitten unterbrochen hätte. Das gute Kind erkannte sogleich mit großer Freude ihrer Pflegeeltern Rückkehr und sprang dann mit einer Entschuldigung den eben im Hofe Angelangten entgegen.

* * *

Ich war eben im Begriff, mich selbst den alten Herrschaften vorzustellen, als bereits der Pflegepapa hereintrat, mich mit unverstellter Herzlichkeit umarmte und willkommen hieß.

Meine Gegenbewillkommnung war um so hastiger, als ich mich durch dieselbe meiner Geliebten näher gebracht fühlte, wenn ich auch nicht klar begriff, wie. Der alte Herr hatte noch seinen Reisepelz an, aber ich hätte ihm nicht bloß Hände und Füße küssen mögen, sondern auch die großen Seehundsstiefel obendrein, so begeisterte mich der Gedanke, den zukünftigen Schwiegervater, wenn möglich, in dem Manne zu sehen.

Jetzt kam auch die liebe, noch ganz stattliche Mama mit ihrem Töchterchen herzu, und weiß Gott, ich war so benommen, daß mir zumute war, als wenn ich meine Schwiegermutter umarmte, so liebenswürdig und mütterlich war die Dame, und so gefühlvoll, so natürlich drückte sie mich um meiner Mutter willen, ihrer zärtlichsten Freundin im Leben, ans Herz.

Ich weiß nicht mehr, was ich mir eigentlich für eine kuriose Vorstellung von diesen Verwandten gemacht hatte, und wieso. Genug, ich fand in ihnen ganz und gar das Gegenteil von alledem, was ich mir zufolge der abgerissenen Mitteilungen meiner Eltern gedacht.

Der alte Herr war ein offener, ungenierter und natürlicher Mann, dem man vom ersten Augenblick Gutherzigkeit und Humor abmerkte, und seine Gattin, wenn auch eine feine, so doch zugleich eine herzliche Frau, von einer natürlichen und klar ausgesprochenen Art.

Ich hatte vor der Tür, im Angesicht der romantischen Naturszenen, vor den rauschenden Wassern, in dem kleinen Rendezvous mit der Lieblichen geschwärmt.

Jetzt umgab mich die Wirklichkeit, und ich sollte das Mädchen, das ich für eine Frühlingsgottheit genommen, in seiner natürlichen Unbefangenheit und bloß menschlichen Liebenswürdigkeit sehen.

Es war unterdes Abend geworden; wir hatten uns in dem heimlich eingerichteten und angenehm durchwärmten Wohnzimmer, in welchem ein helles Kaminfeuer brannte, traulich zum Plaudern und Teetrinken zurechtgesetzt. Der Abend ging unter lebhaften und herzlichen Gesprächen rasch vorüber. Es war die Rede von vergangenen Zeiten, von meiner Kindheit und von einer Begebenheit: als ich in einem unbarmherzigen Frostwetter, beinahe zum Tode erstarrt, hier an dem Tauftage der Pflegetochter von meiner seligen Mutter in einer Wanne mit Schnee, unter tausend Tränen und Seufzern, aufgetaut und ins Leben zurückgerufen, dann aber in das warme Wiegenbettchen meiner spätern Gespielin gelegt ward. Dabei wurde ganz natürlich des Krankenlagers wie des Todes meiner guten Eltern und des Verkehrs mit der besten, zärtlichsten aller Mütter und Freundinnen in einer Weise gedacht, daß uns allen die Tränen in die Augen traten und ich zuletzt außer mir geriet. Onkel und Tante, wie ich meine lieben Verwandten von nun an nannte, umarmten mich auf das innigste und boten mir Sohnesstelle in ihrem Herzen und Hause an. Ich lag dankgerührt in ihren Armen und bat dann um die Erlaubnis, mich auf meinem Stübchen erholen zu dürfen, als der gute Onkel mich seinem Pflegekinde mit den Worten entgegenführte: »Na, Agnes, du sitzst ja so fremde da, als wenn du nicht seine Verwandte wärst; so sagt euch doch gute Nacht und gebt euch einen herzlichen Kuß.«

Mit dem Kusse wurde es nichts; aber in demselben Augenblick, wo mir das Herz vor Beklemmung und ich weiß nicht in welchen andern Empfindungen stillstehen wollte, warf sich das arme Kind der neben ihr stehenden mütterlichen Pflegerin mit einem krampfhaften Schluchzen in die Arme und ans Herz. Ich selbst ermannte mich aber diesmal doch so weit, daß ich der Weinenden, die sich noch nicht aufgerichtet hatte, schnell die Hand gab, und nachdem ich ihren leisen Gegendruck empfangen hatte, wie ein Nachtwandler meinem lieben Wirt folgte, der mir mein Schlafstübchen zeigte und dahin selbst die Treppe hinaufleuchtete.

Als wir oben waren, sagte er mit gerührter Stimme: »Du siehst, es ist ein närrisches Ding, unsere Agnes, ein bißchen verlegen mit jedem, den sie zum ersten Male sieht; sie hat ein weiches Gemüt. Ihr werdet schon miteinander bekannt werden, du scheinst mir auch von alle den traurigen Erlebnissen angegriffen und müde zu sein, wie ich selbst. Morgen früh beim Kaffee wollen wir desto mehr sprechen. Ich habe noch vieles auf dem Herzen. Ich gräme und schäme mich, daß ich deine gute Mutter auf ihrem Krankenbette nicht besucht habe, daß ich nicht mal auf ihrem Begräbnis gewesen bin. Ich werde dir das aufklären, lieber Junge. Eine Erklärung ist aber freilich nicht immer eine Entschuldigung für unser Gewissen. Mach du es besser mit deinen Freunden und Verwandten, und schlaf dich ordentlich aus.«

Da war ich nun mit den Zuversichten und mit den Besorgnissen, mit allen Schmerzen und Seligkeiten meiner jungen Liebe allein. Jedem, der sie zum erstenmal erlebt, ist dies so unerhört, daß er diesen Zustand für den einzigen auf der weiten Gotteswelt halten muß, und doch ist es nur das eine und selbige Natur- und Gottesthema, von allen den Millionen Menschenherzen variiert seit Adams und Evas Zeiten und solange es Menschenkinder und eine Jugend geben wird.

Sie, die Himmlische, hatte ja meinen Händedruck erwidert; es hatte mich wie ein himmlisches Feuer durchrieselt, ich war jetzt einer andern Lebensordnung, einer höhern Wesenreihe durch ihre Berührung geweiht. Auch ich gehörte jetzt irgendwie den Engelmenschen an. Ich war mir selbst nicht mehr gleich.

Warum hatte sie aber mit so leidenschaftlichem Schmerze geweint? War das bloße Teilnahme, bloße Erinnerung an meine Mutter, die ihr doch nur dunkel vor der Seele schweben konnte? Oder war es vielmehr eine tiefere unbewußte Mitleidenschaft, eine ihr selbst rätselhafte Sympathie unserer Herzen und Schicksale, schon in der frühesten Kindheit durch des Himmels Willen zusammengetraut?

War sie von dem allen vielleicht mit denselben Empfindungen durchdrungen worden, wie ich selbst? War ihr stolz-jungfräuliches Herz davon überwunden worden, und bahnte sich so meiner Liebe ein mit Rosen bestreuter Weg? »O Mutter, Mutter!« rief ich im stillen, »wie bist du noch im Tode der gute, hilfreiche Engel, dem ich nun zum drittenmal nächst dem Schöpfer Himmels und der Erden mein Leben verdanken soll!«

* * *

Am andern Morgen wälzte ich mich ungeachtet dessen, daß ich erst nach Mitternacht eingeschlafen war, doch schon früh im Bette umher.

Es gab dazumal noch keine Zündhölzchen, oder sie waren auf dem Lande nicht in Gebrauch; auch konnte ich in dem stillen Hause nicht umherpoltern, wie wenn mir absonderliche Sachen zugestoßen wären, ich blieb also ruhig-unruhig liegen; denn ich konnte unmöglich die Zeit geduldig abwarten, wo ich den Engel wiedersehen sollte, der gestern um meinetwillen Tränen geweint.

Wie konnte sie heute wohl ausschauen, mit welchen Blicken, Gebärden und Liebreizen zum Vorschein kommen und mich begrüßen? Welch ein Liebeslos barg dieser Tag in seinem Schoß? Nein, ich konnte es nicht länger aushalten, ich fuhr rasch aus dem Bette und in die Kleider, um wenigstens nach dem Wetter zu sehen.

Als ich zum Fenster hinausschaute, atmete ich zwar eine ätherreine, aber ziemlich kalte Luft; doch rührte sich kein Lüftchen, und vom Hofe, gleichwie vom angrenzenden Dorfe, hörte man auch keinen Laut.

Es ist eine Gemütserbauung ohnegleichen um diese heilige Stille auf dem Lande; und dazu war es mir so, als wäre sie eigens um der Geliebten willen da; denn sie lag ja noch im Schlummer. Und wo sie nur schlafen mochte? Welch ein Heiligtum mußte das Stübchen sein!

Ich hätte auf meine Knie niedersinken und für die Geliebte ein Morgengebet sprechen mögen, aber ich empfand bald, daß Menschen nicht für die Engel beten können, wohl aber diese für uns.

In meiner Herzensunruhe drehte ich mich hier und da auf den Fußzehen im Stübchen umher, um ja nicht den unter mir schlafenden Onkel zu erwecken; da wollte es aber mein Unstern, daß ich über den Stiefelknecht stolperte, mit einem Spektakel, der einen Stocktauben geweckt hätte, und der Onkel hatte das leiseste Gehör.

Der Rumor, welchen der fabelhafte, vom Schirrknecht mit der Holzaxt aus einem massiven Rotbuchenblock modellierte Stiefelknecht anrichtete, brachte mich vorläufig zur Vernunft.

Bevor ich mich auf irgendwelche andern Schritte oder Eiertanztouren zwischen Stiefeln, Stiefelknechten, Pantoffeln und verwandten Gegenständen ferner einließ, setzte ich mich auf die Bettstelle mit stummer Ergebung.

Dort lag auf seinem platten Rücken, die Schemelbeine gen Himmel gestreckt, das spektakulose Ungeheuer einer hölzernen Kunstfertigkeit auf dem Lande. Die Mondesstrahlen beschienen aber das gefühllose corpus delicti nicht zu lange. Ich hörte unter mir einen Husten, und nicht lange darauf stolperte der arme, aus dem Schlafe gestörte Onkel die Treppe herauf, noch bevor ich mich aus der Armensündersitzung gebracht hatte. Der alte Humorist erkannte den ganzen Kasus auf den ersten Blick und sagte, indem er vor Lachen fast den Leuchter auf die Dielen geworfen hätte: »Mein armer Kerl, was sind dir denn hier in der Finsternis und Verlassenheit für schlechte Abenteuer passiert? Du bist doch nicht krank?«

»Nein, lieber Onkel; ich konnte aber nach der gestrigen aufregenden Abendunterhaltung nicht gleich einschlafen.«

»Und da bist du gleich bis zum heutigen Morgen munter geblieben,« setzte der Alte humoristisch hinzu. »Na, ich sehe schon, mein guter Junge, dir geht's ganz wie deinem Onkel. Ich kann auch in keinem fremden Hause ordentlich schlafen, und es ist eigentlich kein Wunder dabei im Spiel; denn bei den ost- und westpreußischen Gutsbesitzern gibt es in den Gaststuben alles mögliche, nur keinen Komfort. Ich habe dir doch wenigstens einen praktischen Stiefelknecht machen lassen, siehst du, auf den kann man doch den Fuß aufstellen, ohne abzuglitschen und sich den Knöchel zu verrenken, oder der Länge lang auf die Diele hinzuschlagen, was mir neulich bei einem guten Freunde und liebenswürdigen Gastgeber passiert ist. Sage nur, was dir alles fehlt, und mach es dir derweil in der Unbequemlichkeit so bequem, wie du witzig bist.«

Und damit klopfte er mir zutraulich auf die Schulter und gab mir zum Morgengruß einen herzlichen Kuß, daß ich ihm unwillkürlich um den Hals fiel.

Ich mochte ihn auch in schönen Vorgefühlen allzustark an mich gedrückt haben, denn er sagte, mich spaßhaft abwehrend: »Junge, wo denkst du denn hin; ich bin ja nur noch ein morscher Medizinkasten, und du drückst mir den Brustdeckel und das ganze bißchen Leibeskonstitution entzwei.«

Ich küßte ihm abbittend und trotz seiner Gegenwehr die Hände; er aber streichelte mir die Backen und sagte: »So einer, wie du bist, hat wohl seine Kräfte beisammen und kann springen und tanzen, aber meiner armen Wandelleiche wird wohl nächstens der Tischler zum Schlafrock das Maß nehmen; denn die Doktors kurieren nun schon an die zehn Jahre ihre Schande an mir. Siehst du, das wollt' ich dir eben erzählen; das macht mich zuzeiten so unwirsch und leider so engbrüstig gegen die ganze Welt. Denn ich muß dir nur sagen, ich habe zwar auch mal meine Philosophie getrieben, aber zur Sterbensweisheit und zum Lebensüberdruß habe ich es so wenig gebracht, daß ich vielmehr in diesen meinen fünfziger Jahren lebenslustiger geworden bin, als wie ich ein Zwanziger war. Du bist doch kein verdrehter Misanthrop, mein Jungchen,« schloß er, mich kritisch anlächelnd, »oder hat dich die Theologie vielleicht ein bißchen geistlich gemacht? Beichte mal, wenn dir danach zumute ist; aber flunkre mir nichts vor.«

»Ich glaube an Gott den Herrn,« antwortete ich, »und liebe den Weltheiland, wie seine Lehren, soweit es meine große Lebenslust, meine Naturliebe und meine Jugend nur irgendwie zulassen will; weil ich aber noch lange nicht abzusehen vermag, wie ich zum Muster für die Christenheit meine allzu lebendige Natur mit den übernatürlichen Gesetzen der Heiligen Schrift und des Gewissens versöhnen soll, so hab' ich eben die Theologie fahren lassen und bin vorläufig ein ebenso ungeschickter Ökonom wie Theolog, bis mein lieber Onkel mit seiner Lebenspraxis was Besseres aus mir gemacht haben wird.«

»Glaub's dir schon,« erwiderte der Alte; »wirst mir doch keine Schmeicheleien sagen wollen, da wärst du übel beraten; denn ich sage dir, ich habe mich selbst nicht erziehen und mäßigen können, das ist mein Unglück gewesen von Anbeginn; und so kann ich auch keine Katze erziehen und beraten, geschweige denn einen jungen Kerl voller Lebenskraft, wie dich. Ich wollte dich vielmehr bitten, mein lieber Sohn, der du ja sein willst, richte dich ja nicht nach mir und am wenigsten nach meinen Worten, denn ich habe mitunter ein gottloses Maul. Du mußt gescheiter und besser werden wie ich; du mußt Nachsicht mit meinen Schwächen haben und mich ins Schöne und Gute übersetzen, durch die Liebe für deine selige Mutter, die meine wahrhaftige Freundin war. Ich habe mich von jeher in meinem leidenschaftlichen Wesen gehen lassen und allen Unsinn mit meinem bißchen Mutterwitz und sogenannten Humor zugedeckt; Gott weiß aber am besten, wie bitter ich damit mein gutes Weib, mein Herz und meine seligen Eltern gekränkt. Grobe Sünden, was so die Welt darunter versteht, habe ich nicht auf dem Gewissen; aber die feinen Sünden fallen, denk' ich, für die feinen Leute ebenso ins Gewicht, wie die gröblichen Missetaten: das Totschlagen, das Betrügen und Stehlen, für das grobe, und doch im tiefsten Grunde unschuldigere Volk. Ich sage dir, mach's gescheiter im Leben, mach's besser wie dein Onkel; sein Humor ist oft nur der Deckmantel seiner Schwächen und Reueschmerzen; hör mich aus: jetzt weißt du, was du wissen mußtest, wenn wir miteinander so leben sollen, wie es dir heilsam ist und mir nicht allzu unbequem. Das kann ich dir noch zum Schlusse sagen, meine Frau und meine Pflegetochter tun mir das jeden Tag und jede Stunde, was ich von dir verhoffe und erbat.

Sie übersetzen mich ins Schöne, und ich bin eigentlich ein häßlicher Kerl.«

Jetzt war sein etwas kurzer Atem, aber auch die Bewältigung meines übervollen Herzens am Ende. Ich mußte wohl an die Schwächen des Mannes glauben, aber ich erkannte auch tief in meiner Seele seine Ehrlichkeit, seine Wahrhaftigkeit, seine Herzensgüte und sein religiöses Fundament. Ich lag an seiner Brust; ich sagte ihm, daß ich mich schrecklich vereinsamt fühlte, daß ich mich im heiligsten Sinne als seinen Sohn fühlte, daß er mein Vater sein sollte; daß ich aber etwas auf dem Gewissen hätte, was ich ihm ohne Aufschub sagen müsse, es beträfe Tod und Leben für mich; und wenn ich verzweifeln, wenn ich zugrunde gehen, wenn ich mein Todesurteil erfahren müsse, so geschähe es am besten und schicklichsten in diesem heiligen Augenblicke.

Der Alte richtete mich mit zärtlicher und vor Rührung zitternder Stimme auf. Dann sagte er mit einer ihm ganz eigenen unbeschreiblichen Art, die zwischen Seele und Schalkhaftigkeit, zwischen Spaß und heiligem Ernste mitteninne gebildet war: »Na, laß doch hören, sprich's nur von der Leber fort; es wird doch kein Attentat auf mein Eigentum und meine Person sein?«

»Also hast du mich doch schon durchschaut, du himmlisch guter Onkel!« rief ich außer mir vor Entzücken. »Ja, ich bin eines solchen Attentats schuldig; denn ich denke an weiter nichts, als wie ich dir dein Köstlichstes, deinen Augapfel entwenden soll: deine Agnes! Wer kann einen Blick auf sie werfen, ohne von Sinnen zu kommen vor Liebe, vor Sehnsucht, vor Seligkeits-, vor Todesempfindungen! Ich bitte dich um Gottes willen, lieber Onkel, lieber Vater, mache mich nicht lächerlich, habe Barmherzigkeit mit meiner Pein, denn ich bin außer mir; aber ich werde vernünftig sein, ich werde alles tun und leisten und in deine Hände beschwören; ich werde nicht von dir weichen, dein Alter pflegen; aber sage nur das eine Wort, daß du mich doch nicht für närrisch hältst, daß du mir glaubst, daß du mir traust, daß du sie mir gibst!«

»Nu hör auf,« sagte der Alte mit komischer Rührung, »sonst lauf' ich dir fort und schick' nach der Polizei ins Dorf. Willst du mich denn zu Tode und über den Haufen reden? Ich hab' sie dir ja noch nicht fortgenommen, du närrischer Kerl; so beruhige dich doch und sprich leise, oder das ganze Haus kommt in Alarm.« Damit lagen wir uns in den Armen.

»Liebes Kind,« hob er darauf wiederum an, »was soll ich mit dir Komödie spielen? Ich kenne dich besser, als du denkst. Deiner Eltern Sohn kann kein schlechter oder unnützer Mensch sein. Ich weiß es, du hast dein schuldenfreies, wenn auch kleines Gut; liederlich bist du nicht; und lernen wirst du die Wirtschaft am besten auf deine Kosten. Ich kenne auch meine Agnes, ich weiß ungefähr ihren Geschmack; er dürfte wohl so ziemlich auf so einen, wie du eben vor mir stehst, passen. Meine Frau wird dir ebensowenig entgegen sein, wie ich. Wir lieben euch beide und danken Gott, daß wir so einen ehrlichen und netten Jungen, als wofür wir dich halten müssen, für unsere Tochter gefunden.«

»Heiliger Gott, ich komme von Sinnen!«

»Bleib du hübsch bei Verstande und höre mich zu Ende.«

»Mein Gott, habe Mitleiden mit mir, was ist denn nun die Bedingung und das Aber?«

»Es ist dieses,« sagte der Onkel, »daß unter drei Jahren keine Hochzeit gemacht wird, weil du selbst noch sehr jung bist und Agnes nicht um ihre Mädchenjahre gekürzt werden soll. Und das schwör' ich dir, mein guter Junge, ich bin ein Todfeind aller Schwierigkeiten, Intrigen und Weitläufigkeiten; aber der Komödienonkel, der aus drei Jahren drei Monate, drei Wochen und drei Tage machen läßt, der bin ich ebenfalls nicht.«

»Also weiter ist es nichts, lieber Onkel? Nun, Gott sei Dank! wenn's mal nicht anders sein kann, drei Jahre sind eine halbe Ewigkeit; aber ich schwöre dir, mein gütiger Onkel, daß ich dich nicht mal mit Bitten um eine Abkürzung der langen Zeit bestürmen will.«

»Und nun noch eins,« sagte der Onkel in der feierlichsten und ernsthaftesten Weise: »Schone mir das Mädchen, sei männlich, edel; reiße sie nicht rücksichtslos und phantastisch in den Strudel deiner Leidenschaft hinein. Mäßige dich, du hast es, wie du siehst, mit einer zarten, lieblichen Blume zu tun. Mach ihr diesmal noch keine Erklärungen; ermanne dich und versprich mir auch dieses in meine segnenden Hände.«

Und damit kniete ich vor dem Manne und schwor alles zu tun, was nicht über menschliche Kräfte gehen würde. Und der Alte schloß die Szene mit der Erklärung: »Ich appelliere in allem an dein Gewissen und an deiner Mutter Herz, welches sie ganz auf dich vererbt hat. Zunächst schütze dich der Genius deiner ehrlichen Liebe selbst. Also sage der Agnes bis zum nächstenmal kein Wort; mach ihr auch keine allzu sprechenden Zeichen und laß diesmal noch meine leicht beunruhigte gute Frau in Ruhe. Hörst du wohl! Na, nun werd' ich mir meine Morgenpfeife stopfen, und du zieh dich vollends an und komm dann zu uns hinein. Die Frauenzimmer waren auch schon munter, als ich aufstand, und haben den Kaffee gemacht; denn meine Frau kann ohne ihn ebensowenig sein, wie ich ohne Tabak.« Und damit ging der alte Herr die Treppe hinab.

Mich ließ er wie einen Verzückten zurück. Aber es dauerte nicht lange. Durch meine Empfindungen brauste jetzt die Hoffnung wie ein Sturmwind; meine Seele war nicht länger mehr ein stiller Landsee, sondern ein wellenschlagendes Meer.

Auf einmal aber fiel ich aus dem stillgeträumten Gleichnis, sprang balkenhoch in die Höhe, wie einer, der das große Los auf einem Dachkämmerchen gewonnen hat, und nachdem ich mir an der niedrigen Wirklichkeit fast den Kopf eingestoßen hatte, mußte ich wohl an das nächste denken, an Waschen und Kämmen. Aber die echte Begeisterung kühlt und wäscht uns kein Waschwasser ab, und ich wurde zu spät gewahr, daß ich aus dem Stübchen einen Teich gemacht hatte; dann riß ich die Fenster auf und ließ die frische Morgen- und Sonntagsluft herein, und fuhr mir in einer Heftigkeit und Schnelligkeit mit dem Kamm durch die Haare und mit der flachen angenäßten Hand, in Ermangelung einer Bürste, hinterdrein, daß es kein Wunder gewesen wäre, wenn ich mir mein schon in Rebellion gebrachtes Gehirn vollends verdröhnt hätte. Als ich mich aber im Spiegel besah, faßte ich frischen Mut, so gescheit und ruhig zu sein wie möglich; denn ich war, ohne Eitelkeit zu vermelden, wenn auch keine Sorte von natürlichem oder nachgemachtem Adonis, doch keineswegs eine Vogelscheuche.

So knüpfte ich mir nicht ohne Selbstgefälligkeit mein neuseidenes Tuch um den Hals und meinen neumodischen Sonntagsrock um die schlanken Hüften, aber schon auf der Treppe und vollends vor der Stubentür entfiel mir das bißchen Mut, aus dem unschuldigen Grunde, weil meine Eitelkeit, wie ich ohne Eitelkeit von mir aussagen darf, nichts weiter als ein bloßes und von der blassen Verzweiflung improvisiertes Kunstprodukt war.

Glücklicherweise fand ich in diesem Augenblick meine lieben Wirtsleute allein. Die Tante bedauerte mich wegen der schlaflosen Nacht, von der ihr der Onkel gesagt hatte, und gab mir den Rat, mich heute durch ein Nachmittagsschläfchen schadlos zu halten. Der Onkel lachte darüber, indem er sagte: »Man hört's doch gleich, liebe Frau, du weißt nur mit deinem alten Ehekrüppel, aber nicht mit jungen Leuten Bescheid! Sich ihn doch mal recht an! Sieht der so schläfrig aus, daß er von einer Nachtwache zuschanden gemacht wird? Ihr habt doch ordentlichen Kaffee gebraut, will ich meinen, und dann sorgt nur für eine gute Suppe zu Mittag, das wird uns alle erfrischen ... Wie ist's denn, du rauchst am Ende kein Pfeifchen und warst doch ein Student?«

»Nein, lieber Onkel, meine Mutter hat mich immer gebeten, mir das Tabakrauchen nicht anzugewöhnen, und da ließ ich's denn bis auf diesen Tag.«

»Na, so einer guten Mama«, sagte der Onkel halb für sich, »kann man schon was zu Gefallen tun.«

»Und so einer guten Frau«, sagte die Tante, indem sie ihrem Manne spaßig die Wangen streichelte, »braucht man nichts zu Gefallen zu tun, denn der gefällt alles, auch der Tabaksrauch im ganzen Hause, bis in die Schlafstube hinein.«

»Hast recht,« entgegnete der Alte, »es ist ein Laster; aber du hast es mal mitgeheiratet und ich denke wirklich, das Rauchen ist nicht das Schlimmste an mir.«

»Nein,« meinte die Tante lachend, »wenn du so räsonierst, so muß ich dir schon recht geben;« und zu mir gewendet fuhr sie fort: »Du bist doch ein manierlicher Mensch und guter Sohn, daß du nicht rauchst,« und reichte mir die Hand, die ich sohnlich küßte, als die Heißersehnte mit einem Morgenglanze und einem Schönheitsdufte hereintrat, wie eine im Meer gebadete Sonne, nein, noch wunderbarer; denn das Kaminfeuer war eben niedergebrannt, und die Lichter vom Onkel, um des anbrechenden Tages willen, ausgelöscht; und so blitzten denn die Augen der Herrlichen in dem Halbdunkel wie ein paar Diamanten, und ihre ganze Gestalt umwob die Magie und die heilige Symbolik, welche in dem Kampfe des Lichts mit der Finsternis liegt. Das alles machte einen solchen Eindruck, daß ich ihr etwas befangenes Wesen mehr auf das dunkle Bewußtsein ihrer Jugendschöne deuten mußte, als auf ihre Verlegenheit gegenüber meiner geringen Person. Und wie wurde mir nun vollends, als die Holde, nachdem sie Vater und Mutter geküßt hatte, auch mir mit einer freien Anmut und Verschämtheit zugleich, die sie den Engeln abgestohlen haben mußte, den Purpursamt ihrer Lippen zum Kusse bot!

Wie mir da war? Nun beim Himmel, mir war so leicht und selig, daß ich in die Wolken hätte auffliegen mögen, und im nächsten Augenblick so schwer, als hätte ich den Himmel auf den Schultern zu tragen gehabt.

Von so einem Mädchen den ersten Kuß auszuhalten, ohne ihr hundert wiederzugeben, dürfte mancher meinen, das sei die Schwierigkeit und das Malheur. Nein, das war es nicht. Dies Mädchen war zum Küssen zu heilig, zu vornehm und zu schön!

Von solchen Elementen, wenn sie anders die echten sind, sieht sich die Sinnlichkeit zur Übersinnlichkeit erhöht.

Ich erzitterte bereits von dem einen leise gehauchten Kusse bis in alle Fibern meines Wesens hinein; mich hatte, ich schwor es bei meiner unsterblichen Seele, ein leibhaftiger Engel mit seinem himmlischen Odem berührt.

Ich hätte aufspringen und meine Empfindungen in die Lüfte hineinrasen mögen, und nun mußte ich ruhig auf dem Stuhle sitzen bleiben, Kaffee trinken und womöglich meinen Zwieback einstippen, wie ein Menschenkind, mit dem nichts vorgefallen war. Der Pflegepapa hatte bei der kleinen Affäre so etwas schadenfroh in sich hineingeschmunzelt, und dann sagte er spaßig: »Na, siehst du, mein Kind, er hat dich nicht gebissen, dein Vetter, es ist ein ganz natürlicher, manierlicher Mensch. Jetzt aber erzählst du mir, was du geträumt hast.« Und gegen mich gewendet, setzte er neckend hinzu: »Du weißt gar nicht, was wir für eine kleine Dichterin im Hause haben.«

Als die liebliche Traumerzählerin einen Versuch machte, dem Onkel zu entkommen, der sie bei beiden Händen festhielt, sagte er zu der Bittenden: »So leicht läßt einer das bißchen Poesie nicht fahren, das ihm auf seine alten Tage in einer Traumerzählerin geschenkt ist. Siehst du, mein Sohn, komme ich dir nicht fast wie der Sultan mit der Scheherezade vor? Ich im türkischen Schlafrock und vor mir diese in Seide ausgeputzte kleine Kirchgängerin, die mir Traummärchen erzählt, ist das nicht eine Szenerie aus Tausendundeiner Nacht?«

Und es war wirklich so, wie der Onkel gesagt hatte. Wir befanden uns, was ich zu beschreiben vergessen habe, in dem mit phantastisch bedruckten Tapeten und mit einem üppigen Diwan, wie mit altmodischen englischen Prachtmöbeln aufgeschmückten Staatszimmer des Hauses, welches letztere überhaupt viel mehr Gelaß und Komfort hatte, als ihm von außen anzusehen war.

An dem mit phantastisch dekorierten Gardinen halb verhängten Fenster saß der Onkel, ein immer noch stattlicher Mann mit merkwürdig markierten Gesichtszügen und belebten Augen, in einem prächtigen Schlafrock von grünem Seidendamast, dazu in gelben Saffianpantoffeln und mit einer langen Türkenpfeife, auf dem ebenfalls mit Seide bezogenen Polster, das an den Wänden umlief; und vor ihm stand in einem Seidengewande, welches die leisesten Bewegungen durch ein mysteriöses Rauschen kundgab und die feine Taille wie mit einer blitzenden Metallfolie umgoß, in einer flehenden Stellung die schönste aller Jungfrauen, von dem vollen Morgenrot zu einem Wesen verklärt, über welches aller Märchen- und Frauenzauber des Ostens und des Westens ausgegossen war.

Selbst der Onkel starrte ihr schweigend in das schönste Antlitz, und jetzt hielt sie die gefalteten Rosenhändchen gegen die von Leidenschaften ausgebrannte Brust des Mannes, und neigte das mit üppigen Haarflechten geschmückte Haupt gegen seine in Erinnerungen versenkten Augen; so ließ er die Hände der still Bittenden fahren, und eine Träne stahl sich über ihre von Jugend und Morgenrot umschimmerten Wangen, und nach einem leisen Kuß auf das blasse Gesicht des kinderlosen Mannes war sie seiner Seite und meinen verzückten Sinnen entschwunden, wie der Genius der Träume selbst.

»Das ist ein kurioses Frauenzimmer,« sagte der Onkel, indem er mit der Hand leicht über das Gesicht strich, als wenn er sich wieder wach machen wollte. »Nu erzieh' mir mal einer so eine! Sie sollte mir, wie sie sonst regelmäßig tut, ihren Sonntagstraum erzählen, und weg ist sie ohne Adieu. Das Närrische dabei ist noch dieses, daß ich ins Träumen gekommen bin, obwohl ich kein Wort gehört. Ich weiß nicht, was dem närrischen Dinge heute sein muß. Sie kann doch nicht noch von gestern so wunderlich geblieben sein.«

»Liebes Kind,« nahm jetzt die Tante das Wort, mit einer Mißbilligung und Verlegenheit, die nicht ganz von ihr bemeistert werden konnte, »du scheinst mir heute selbst etwas wunderlich zu sein. Du weißt ja, daß das arme Mädchen ein leicht reizbares und überwallendes Gefühl hat. Die gestrigen Erinnerungen haben uns doch alle bis zu Tränen gerührt, und wenn nun ein so junges Mädchen zum erstenmal vor einem jungen Manne ihr Mitgefühl gezeigt hat, so ist doch nichts natürlicher, als daß sie sich darüber am andern Morgen noch ein wenig befangen und verschämt finden läßt. Und Agnes würde bei alledem ihre sonstige Lebhaftigkeit wiederbekommen haben, wenn du sie nicht mit ihrem Sonntagspensum gequält hättest. Oder meinst du wirklich, daß irgendein Mädchen einem Studiosus Vetter gleich zum Entree ihre Morgenträume erzählen wird?«

* * *

Dieser Tag ging für mich Ärmsten und doch so Hoffnungsreichen nur allzu rasch zu Ende, und am Dienstag in der Frühe saß ich, aller Protestationen meines Onkels und meiner Tante ungeachtet, schon wieder auf meinem unterdessen gut ausgeruhten Fuchs. Der Onkel hatte nur aber versprechen müssen, in den ersten schönen Tagen bei mir zu sein.

Der Abschiedskuß und Gruß der Holden und ihr Händedruck war nur ein herzlich verwandtschaftlicher gewesen. So viel begriff ich jetzt, es ging keineswegs so geschwind, als ich gedacht und gewollt.

Das Heiligtum der Liebe dieses Mädchens schützte sich durch seine eigene Natur. Hier galt es ganz andere Hindernisse zu überwinden als die mit kuriosen Onkeln und Tanten, oder mit Nebenbuhlern, albernen Mißverständnissen, Verwickelungen und Intrigen. Dieses Mädchen eroberte man ebensowenig mit glücklichem Zufall und Anlauf, wie man ihre Liebe durch eine unglückliche Zufälligkeit oder durch ein bloßes Mißverständnis verlor. Zu diesem Herzen bahnte man sich nicht etwa mit mutig aufgehaltenen Pferden oder selbst durch solche Verdienste einen Weg, für die man vom Staate die Rettungsmedaille erhält. Zu dieses Mädchens Herzen führt nur eine ehrliche Liebe und Treue und dieselben Tugenden, die in ihrem eigenen Herzen wohnten.

Sie ist dem Diamant gleich, sagte ich mir, der nur mit seinem eigenen Staube geschliffen werden kann; der, farblos an sich, dennoch in allen Regenbogenfarben erglänzt, der im Dunkeln leuchtet, und alle andern Naturkörper schneidet, während er selbst von keinem verletzt, von keinem au Härte, an Durchsichtigkeit und Schwere, an der Fähigkeit, das Himmelslicht zu brechen, erreicht wird.

Und wie stümperhaft war wiederum dieses Gleichnis! War sie denn nicht das Weichste und das Härteste zugleich, das Lichte und das Dunkle, das Verwundbarste und Verwundendste; das Gestählteste zwar in ihrer Unschuld, und doch der weichste, bildsamste Stoff, welchen Himmel und Erde sich je ausersehen hatten; und spiegelten sich nicht in ihrer Seele alle Wunder und Prozesse des Lebens, und traumredeten sie nicht in ihren Augen, in ihren Gebärden und in ihrer ganzen Gestalt? Und was sollte ich Ärmster an diesem Himmelskinde schleifen oder polieren; wie sollte ich auch nur den Juwelier machen, da mir Fassung und Folie als eine empörende Entstellung erschien? War nicht die Natur ihre Fassung und Umgebung, und der Himmel ihre Folie?

Ich wollte mein bisheriges Leben prüfen, ich wollte ein tüchtiger, lauterer und liebenswürdiger Mensch werden, und dann kurz und gut vor mein Ideal hintreten und sagen: »Hast du nun Mut, mit einem durchs Leben zu gehen, den du zum bessern Menschen machtest, ohne daß du seine Verlobte warst und sein Weib?« So ehrenfest ging es mir im Kopf und Herzen umher, solange ich unterwegs war. Als ich aber vom Pferde stieg, legte sich mit der Reiterei auch die Ritterlichkeit des Sinns. Ich ging kleinmütig, ermüdet und verdrossen schon aus dem Stalle, über den Hof und in das vereinsamte Haus.

Es gibt Frühlingsabende, in denen eine unsägliche Melancholie liegt, man weiß nicht recht wie oder worin. Solange der Winter regiert, ist eine kräftige, ausgemachte, rundum fertige Stimmung im Menschen, ein bestimmter Charakter in der Natur; sie schlummert, sie ruht, und das Gemüt ist einstweilen bis auf weiteres beruhigt und bereinigt. Nun kommen aber die ersten Frühlingswehen, das strenge Winterregiment ist vorbei, mit dem Schnee und Eise ist auch die Rinde von unserer Empfindung geschmolzen, die bloß in den Hintergrund der Seele gedrängt war. Der eisige Hauch ist einer lauen, weichen Luft gewichen; wir atmen Frühling, und doch liegt die Erde noch wie unmächtig und betäubt, selbst nachdem der Frost aus ihrem Schoße entwichen ist.

An den kahlen Bäumen, deren Äste gespenstisch und wie klagend in die Lüfte starren, flattert noch hier und da, wie zum Hohne, ein welkes Blatt aus dem Herbste, und scheint den grünbräunlichen Massen der knospenden Waldbäume am Horizonte herüberzurufen: »Was hilft es euch, daß ihr wiederum ausgrünet, wenn eure Blätter noch in diesem Herbste so verwelken und absterben müssen wie ich.«

Wie mühen und matten sich doch Himmel und Erde ab, all diese Laubmassen zu erzeugen, und was ist es zuletzt mit ihnen, mit den Baumriesen, mit allem Erschaffenen; was kann es in dieser irdischen Vergänglichkeit mit allem sein, als ein Übermalen, ein Verkleiden des Todes?

Eben in diesen ersten Frühlingstagen stehen Tod und Leben ganz so sinneverwirrend beieinander, wie in der jungen Liebe, und bilden so ihre ursymbolische, weltewige Melancholie, dieselbige, welche Gott der Herr bereits im Paradiese errichtet hatte, indem neben dem Baume des Lebens der Baum des Todes gepflanzt stand, mit der Schlange und der verbotenen Frucht.

Wenn unser Herz ein erstes Mal zum Leben geweckt wird, wenn es die ganze Süßigkeit und Schöne dieses Lebens gekostet hat, so schauert es auch eben um deswillen vor der diabolischen Majestät des Todes, die in alle Atome dieses Lebens hineinwachsen und es Augenblick um Augenblick verzehren darf.

Solche Empfindungen und Gedanken bestürmten meine Seele. Da kamen zu dem totenstillen und verödeten Gehöfte, welches die untergehende Sonne falb und fabelhaft beleuchtete, die Pflüger mit dem abgematteten Jochvieh vom Felde und die Schafe zum erstenmal von der Waldweide, auf der sie die eben hervorgelockten Grasspitzen fortgeleckt hatten, zurück. Die knarrenden und ächzenden Pflugräder und alle die kläglich blökenden Tiere bildeten die musikalische Illustration zu dem philosophischen Texte meiner Liebes- und Frühlingsmelancholie. Ich schlich zur kalten, düstern und grabesstillen Stube, warf mich auf meines Vaters alten Lehnstuhl, hielt beide Hände vor das Antlitz und weinte mich bitterlich satt.

* * *

Die Welt fror und schneite wieder zu, als wenn nie ein Frühling erwachen sollte. Ich wurde von Sehnsucht, von Hoffnungen und Verzweiflungen, von den widersprechendsten Gefühlen wie zerrissen. Ich wurde körperlich und geistig elend, und endlich warfen mich diese Torturgrade der Liebe aufs Bett.

Ich fühlte mich ernstlich krank. Eben sollte (darauf bestand die alte Haushälterin) der Arzt geholt werden, da tönte ein Schlittengeläute in meine Ohren, so himmlisch wie nimmer eine irdische Musik; denn meine Seele ahnte die Ankunft des getreuen Onkels, welcher Kunde brachte aus dem Eden, worin sie weilte, bei dieser irdischen, eingewinterten Zeit.

Und der Ersehnte war es. Er hatte schon auf dem Hofe von meiner Erkrankung gehört und trat jetzt so hastig, als es ihm Gicht und Zipperlein erlaubten, zu mir herein.

Ich streckte ihm aus meinem Bette beide Arme entgegen, und schluchzte an seinem Halse mein Leid aus.

»Aber mein Gott, liebe Seele,« sagte der Alte halb erschrocken und halb zum Spaß hinüberlenkend, »was ist denn mit dir los; du weinst ja, als wenn dich der Bock gestoßen hätte. Menschenkind, sei doch nicht ganz närrisch und schwach. Ich habe wahrhaftig gedacht, du wärst ein kerngesunder und praktischer Junge, und jetzt machst du mir solche miserable Geschichten und ruinierst dir das bißchen Gesundheit und Mut.«

»Ach Gott, lieber, einziger Onkel, lieber Vater!« rief ich mit wie zum Beten aufgehobenen Händen, »verdamm mich nur nicht ganz und gar. Mir ist so vieles im Kopfe umhergegangen. Mich hat eine so erschreckliche Bangigkeit ergriffen. Ich fühle mich so einsam und verlassen. Ich werde es aber schon gewohnt werden. Habe nur ein bißchen Geduld. Ich werde und will mich zusammenraffen und es wird gehen.«

»Das gebe Gott«, sagte der Onkel, mich näher fixierend, mit Besorgnis, indem er mir den Puls fühlte. »Was fehlt dir denn körperlich? Du bist allerdings in einem fieberhaften Zustande und hast keine Pflege, du armer Schelm. Wir werden den Doktor holen müssen; hast du auf nichts einen Appetit, auf eine Erfrischung? Wo ist denn deine alte Frau Brommen; liegst du hier ganz allein?«

»Du lieber Himmel,« sagte ich eifrig, »ich brauche keinen Doktor, ich brauche keine Erfrischung, nun ich dich wiedersehe und von Agnes hören werde. Mir fehlt ganz und gar nichts als sie, als ihre lieben Pflegeeltern und euer stilles Paradies, das Zusammenleben mit euch. Wie kann man denn nur einen Augenblick im Himmel gewesen sein und hinterdrein auf dieser kalten schalen Erde aushalten. Ich muß mich erst an diesen Wechsel gewöhnen, es ist ja zum erstenmal.«

»Das ist alles richtig, du armer Kerl«, meinte der Onkel, die Lippen zusammenklemmend. »Es kann bei gefühlvollen Menschen nicht füglich anders sein. Aber es ist eben ein Elend, wenn wir in diesen irdischen Verhältnissen so sensibel organisiert sind. Staub und Äther zu einem Menschenkinde zusammengeknetet, das ist wirklich ein verzweifelter Humor. Sei nur alleweile vernünftig und sage, was dir fehlt und wehe tut, und was du brauchst.«

»Ich brauche wahrhaftig nichts als Liebe, und mir tut nichts weh als mein Herz.«

In dem Augenblick trat die Haushälterin, die alte Brommen, herein, beguckte sich den Onkel, still vor sich hinknurrend, wie so ein alter Hund um einen halbverdächtigen Fremden herumgeht; und als dann der Alte auf seine alte Bekanntschaft zuhinkte und ihre verschrumpfte Hand faßte, indem er sagte: »Na, wie geht's Euch, liebe Brommen, wohl nicht besser wie mir? Sind beide älter geworden --« so ließ sie das eben nur geschehen, brummte aber halblaut vor sich hin: »Älter wird der Mensch woll, aber klüger wird er nicht viel. Hätten auch früher kommen können, wie die gnädige Frau und der gnädige Herr noch am Leben gewesen sind. Sind nicht mal zum Begräbnis gewesen; werden auch sterben und begraben werden; wer weeß, wie es bei Ihrem Begräbnis zugehen wird, wird auch keiner kommen,« und damit ging sie von uns fort.

»Von der hab' ich mein Fett weg,« sagte der Onkel; »die hat's mir gut gegeben. Nu ist mir ordentlich leichter zumut. Das Schlimmste ist aber, daß sie recht hat. Nicht so ganz, wie sie meint, aber viel mehr, als das Gewissen verträgt. Es war eine wunderbare Frau, deine Mutter, und ich habe sie, weiß es Gott, mehr als eine Schwester, und nächst meiner Frau und Mutter am meisten auf Erden geliebt, und doch nicht an sie geschrieben, und bin doch nicht zu ihr gefahren und auf ihr Begräbnis gekommen, wirst du selbst denken. Siehst du, das wollte ich dir gleich beim ersten Begegnen erzählen; das hat mich lange gequält, aber wir haben eben von andern Dingen geplaudert und die Toten vergessen; aber der Tod selbst vergißt uns sicherlich nicht. Das Schreiben kann ich für den Teufel nicht leiden. So eine regelmäßige Korrespondenz, das ist eine Tintenliebe, eine Gespensterei, und artet zuletzt in ein Unwesen aus, in welchem das Bild verzerrt wird, das man gegenseitig voneinander im Herzen trug. Was man vom Maule weg ganz natürlichermaßen sagen kann, das kann man nimmermehr so schreiben; und so schmiert man denn einen Bogen voll, und hat immer noch keinen Tropfen Blut vom Herzen gezapft. Herr, mein Gott, wenn ich meine Liebe und mein Leid aussprechen soll, so muß ich mit dabei sein und meine Privatgesichter dazu schneiden, und meinen Gestus machen, das ist die allein verständliche und lebendige Interpretation für die verdammten Redensarten. Ohne Musik gibt's keinen lebendigen Liedertext, und der sprechende Mensch ist doch der vollkommenste Komponist. Hol' der Henker die Briefschreiberei! Aber gegen deine selige Mutter, mein guter Sohn, habe ich schwere Schuld. Ich konnte sie zwar nicht besuchen, denn ich saß in Flanell und Medizinflaschen bis über den Hals, und schreiben konnt' ich auch nicht, denn ich litt dazumal an Chiragra und Podagra zugleich. Aber ich hätte meiner Frau nicht trauen sollen, die zwei Briefe, jeden mit der bei Frauenzimmern so beliebten ›guten Gelegenheit›, abgeschickt hat; sind wohl aber heute noch nicht hier abgegeben und bestellt. Ich konnte der Agnes diktieren, das mußte ich; hab's aber nicht getan, weil ich damals zu übellaunig, zu sehr mit mir selbst beschäftigt, zu gleichgültig und bequem war; und das war eine Sünde, die mir Gott verzeihen wolle, mein eigen Herz und Gewissen verzeiht sie mir nicht!« und damit umarmte mich der bußfertige Mann.

Nach dem Arzte war nicht geschickt worden, der rechte Doktor saß ja bereits an meinem Bett. O wie strömt mit dem Anblick der Personen, die wir lieben, neues Leben und neuer Mut durch unsere Adern, und vollends, wenn es ein Mensch aus der Nähe unserer Geliebten ist. Da saß der, dem sie am Halse hing, der sie groß gezogen hatte, wie ein Gärtnersmann ein Lieblingsbäumchen hegt und pflegt. Ihre Liebesblicke hatten nur noch vor kurzem an ihm gehaftet, ihre Arme ihn umschlungen gehalten, ihre Lippen, ihr Odem seine Lippen berührt, und diese Berührungen eines Engels küßte ich nun hinweg.

»Jetzt«, sagte der Onkel, »wird mir doch zu warm,« und damit entledigte er sich eines kleinen Strickschals von Wolle, indem er sagte: »Da hat mir die Agnes ihren Halsschal noch um mein Halstuch getan und wird sich jetzt selbst erkälten; es ist aber doch ein gutherziges und vorsorgliches Ding. Ein wahres Glück, daß ich doch was Junges und Anhängliches auf meine alten Tage um mich habe. Wenn meine liebe Frau krank würde oder gar stürbe, ich müßte geradeswegs mit in die Grube springen, so verlassen wär' ich. Jetzt behält man schlimmstenfalls doch eins.«

»Und mich rechnest du für keines?« rief ich, dem Onkel die Arme entgegenstreckend, aus.

»Na, du närrischer Kerl,« spaßte dieser, »du willst schon förmlich und bei aller Gelegenheit mit der Agnes zusammengerechnet und verbunden sein, und du kennst doch unsern Kontrakt, stille Verlobung drei Jahr und einen Tag.«

»Weniger acht Tage,« setzte ich hinzu, »morgen ist schon wieder Sonntag.«

»Hast recht; die Zeit subtrahiert ohne Unterlaß Tage, Stunden und Sekunden von unserm bißchen Leben, und je älter wir werden, desto schneller verrinnt alle Zeit. Eine Woche ist mir heute nicht so lang, wie in der Kindheit ein Sonntag; und doch war mir dieser himmlische Tag so kurzweilig, wie mir heute alle Tage, verglichen mit der Paradieseszeit in den Kinderjahren, langweilig sind.«

Der Onkel hielt den kleinen Schal von Agnes noch in der Hand; er wollte ihn eben fortlegen, da konnte ich dem Begehr, ihn zu küssen, nicht länger widerstehen und drückte ihn, obgleich ich mich schämte, so inbrünstig an die Lippen, daß der Papa lachend und gerührt sagte:

»Es ist gar nicht anders möglich, das ist die natürliche Strafe, wenn sich ein alter Kerl mit dem jungen verliebten Volke eingelassen hat, so muß er alle Torheiten mitmachen und darf nicht mal böse dazu sehen.«

»Verzeihung, lieber Onkel; es war nicht Mangel an Respekt, daß ich meinen Empfindungen freien Lauf ließ. Ich will mich schon zusammennehmen, wie ich kann. Ich fühle mich schon diesen Augenblick genesen, und will morgen wieder aus dem Bett.«

»Eigentlich«, sagte der Alte, »bin ich so ein Narr wie du. Ich kann's dir nicht verdenken, daß du dich nach ihr bangst; denn ich muß dir nur sagen, du närrischer Junge, mir hat die ganzen Tage, daß du fort warst, was gefehlt, und das warst du selbst. Ich habe auch so eine Hundenatur; ich gewöhne mich an Menschen so leicht, daß ich schreckliches Leidwesen habe, wenn ich wieder los von ihnen muß.«

»Mein allerbester, herzliebster Onkel,« sagte ich, ihm die Hände drückend.

»Dürfte ich morgen wohl mit dir fahren?« ergänzte der Onkel, meinen Ton nachahmend. »Na, so fahre nur mit. Ich könnte den Jammer bei der Abfahrt doch nicht mit ansehen. Und wenn du mal mitsollst, so mag dich die Freude heute vollends gesund machen, und deine Einrichtungen mache dann auch in der Zeit. Du hast mir doch mal ganz und gar ins Herz geguckt, und so ergeb' ich alter schwacher Mann mich dir schon auf Diskretion.«

Die alte Brommen brachte nun einen Tee und hatte sogar Waffeln dazu gebacken; das sollte wohl ein Versöhnungszeichen sein. Der Onkel ging jetzt zum andernmal auf sie zu und sagte, ihre Hand fassend, sehr ernst und feierlich: »Liebe Brommen, Ihr habt recht, daß Ihr mich ausgescholten habt; aber so schuldig, wie Ihr denkt, bin ich nicht. Ich leide schon seit Jahren an Gicht und Podagra; und zwei Briefe sind durch die Nachlässigkeit von Freundinnen, welche die Bestellung übernommen hatten, nicht in die Hände der Verstorbenen gekommen. Wenn ich den Tod der Seligen so rasch vermutet hätte, so würde ich, wenn auch in Betten gepackt, doch hergekommen sein; und was das Begräbnis betrifft, so ist das zwar meine schwache Seite, weil ich Personen nicht als Leichen sehen kann, die mir im Leben lieb gewesen sind; aber dies wollen wir uns beide versprechen und halten: wer den andern gesund überlebt, begleitet ihn zu Grabe. Sterbt Ihr früher als ich, so folge ich Euerm Sarge, und wenn es auf Krücken geschehen soll. Nu seid mir aber auch nicht weiter bös.«

Die Alte war durch die ehrenfeste und herzliche Art des Onkels halb erweicht und halb beschämt; sie machte eine Bewegung, ihm die Hand zu küssen, was er verhinderte; dann wischte sie sich mit der Schürze eine Träne aus dem tiefliegenden Auge und sagte:

»Ich weeß ja woll, daß Sie ooch ein gutes Herz haben, und die gnädige Frau is keenem so gut gewesen wie Ihnen; aber Sie konnten doch kommen oder schreiben lassen; und das hat mich selbst gekränkt. Ich kann das Sterben und Begräbnis ooch nich leiden; der Mensch muß sich aber alles gefallen lassen, wie's dem Tode gefällt und dem lieben Gott.« Mit diesen Worten ging die Alte wieder an ihr Geschäft.

»Das ist ein grundehrliches, unverwüstliches altes Weib«, sagte der Onkel höchst erbaut. »Wenn ich doch die Schnellkraft hätte, die ihr heute noch innewohnt. So war sie immer, und so wird sie bleiben bis an ihr End'.«

»Ich bin von der frischen Luft ordentlich hungrig geworden,« fuhr er fort. »Es scheint also vorläufig mit mir nicht am Sterben zu sein«, und damit biß er mit solchem Appetit in die Waffel, daß ich zum erstenmal so recht fühlte, welche echt menschliche Lebensfreude darin liegt, einen Menschen zu speisen und im eigenen Hause beherbergt zu sehen.

Ich fühlte mich in meinem Herzen so froh und so erstarkt, daß ich, bevor es der Onkel hindern konnte, aus dem Bette und in meinem Schlafrocke war.

Der Onkel sah sich dann noch mit dem alten Ökonomen die Schafe, das Rindvieh und die Fütterung, sowie den Rest des Getreides und der Futtervorräte an, belobte meine Einteilung, gab guten Rat, und dann plauderten wir in der Stille des Abends bis tief in die Nacht. Am andern Morgen aber ging's in Pelzen mit muntern Pferden auf der schönen Bahn dahin, von wo ich am liebsten nie zurückgekehrt wäre.

O Himmel, mit welchen Empfindungen sah ich das Häuschen an seinem See, und wie hämmerten meine Pulse, wie stockte mir der Atem, als ich Agnes an der alten Stelle auf der Rampe erkannte, und wie sie jetzt, als sie uns kommen sah, durch die Zimmer in den Hof zurücklief. »O wenn doch von der Liebe zu Onkel und Tante und zu der neidenswerten Marie noch ein klein wenig für mich armen Schelm übriggeblieben wäre!« so dachte ich in meinem Herzen. Ich Undankbarer! Denn in diesem Augenblick sprang sie ja schon mit jubelndem Willkommen und mit dem schwesterlichsten Blick auch für mich zum Kutscher auf den Tritt und ließ sich das Stückchen Weg, das sie uns in der Richte durch den Garten entgegengelaufen war, Schlitten fahren, und dann sagte sie, mir die Hand reichend, nachdem sie des Onkels Pelz geliebkost hatte: »Das ist ja schön, lieber Vetter, daß Sie mitgekommen sind; der Papa hat sich schon recht nach Ihnen gebangt; und die Mama wird sich auch freuen.«

»Und meiner lieben Cousine, komme ich der auch recht?« fragte ich kleinlaut, mich nach der Holden umwendend.

»Hab' ich denn ein so unfreundliches Aussehen, daß der liebe Vetter so mißtrauisch ist«, antwortete sie spaßig-verschämt. Und ich entzückter Narr küßte ihr eine von den kleinen eiskalten Händen, mit denen sie sich an unserer Rücklehne hielt, und ging dadurch der Bewillkommnungskuß quitt, den ich doch wahrscheinlich erhalten hätte, wenn ich mir diesen Willkommen nicht ungeduldig vorweggenommen hätte.

Die herzige Tante küßte ihren Mann und mich aufs herzlichste und belobte mich noch besonders, daß ich mitgekommen sei; damit fiel mir denn die letzte Last vom Herzen, und wir traten ins gastliche Haus, der Küche vorüber, wo bereits der Geruch von frischgebranntem Kaffee unsere Nasen kitzelte und eine Magd mit großem Eifer über einer Kaffeemühle her war, so daß der Onkel sagte: »Das nenn' ich doch noch einen richtigen Treffer auf frischgebrannten und gemahlenen Kaffee, der soll schmecken, als wenn er direkt von Mokka oder Mekka und Medina angelangt wäre!« Und als der heute besonders rüstige Mann nun aus Pelz und polnischem Paß (Leibbinde) herausgewickelt war, ging es nochmal über ihn mit Zärtlichkeiten her, von Tante und Pflegetochter zugleich.

Onkel und Tante waren ganz besonders gut gelaunt, und so frisch, so zärtlich miteinander, wie ich sie noch nicht gesehen; dies mochte Agnes ganz besonders aufgeweckt und vergnügt machen, und so ward ich an diesem Abend von einem Zauber umsponnen, daß mir im Wortverstande Hören und Sehen verging.

Agnes war so fröhlich und schalkhaft mit dem Onkel und dies mit einer solchen Herzensunschuld, mit einer solchen Wahrhaftigkeit und schönen Natur, mit einer so von der Seele diktierten Delikatesse und Schämigkeit, und alle ihre körperlichen Bewegungen folgten mit so wundervoller Elastizität und Grazie ihren allerliebst eingefädelten Späßen und Liebesneckereien, daß ich mit allen Sinnen und Gedanken nur dieses himmlische Schauspiel verschlang.

Ihre Fröhlichkeit irgendwie auf mich zu beziehen, fiel mir um so weniger ein, als sie in den Augenblicken befangener und ernster zu werden schien, wo sich zufällig unsere Blicke begegneten oder ich ein paar Worte mit ihr sprach.

Agnes mußte mit Vorliebe und mit ganzer Seele Gutsleute und Bauern beobachtet haben; denn sie trug Dorfnovellen mit so tiefem Einblick in die Lebensart und den Charakter der polnischen Leute, kurz mit solcher Laune und Meisterschaft vor; sie kopierte die Dorforiginale und einen Dialog zwischen ein paar alten Weibern mit solcher Schauspielerkunst, daß der Onkel, vor Lachen ganz fortbleibend, einmal über das andere Mal mit Erstaunen ausrief: »Aber sage doch, Agnes, warum bist du nicht schon lange zu den Komödianten gelaufen, wo hast du denn das alles her? Diese Künste und Wissenschaften hab' ich ja sonst nicht an dir bemerkt; du kannst ja einem Menschen ganz allein Komödie vorspielen, und er denkt, es sind ihrer zwei, drei oder noch mehr.«

Agnes sagte dann, auf einmal innehaltend und ganz rot geworden: »Ich weiß selbst nicht, wie mir das heute alles in den Sinn gekommen ist; aber ich freue mich so, daß du wiedergekommen bist, lieber Vater; ich habe mich diesmal so nach dir gebangt, daß ich in meiner Freude allerlei närrisches Zeug treiben muß. Morgen haben wir Sonntag, da will ich wieder hübsch gesetzt und ehrbarlich sein.«

Der Onkel war sichtbar entzückt über Agnes und drückte sie mit väterlicher Zärtlichkeit an sein Herz. Die Tante aber mußte mit ihrem weiblichen Scharfblick wohl tiefer in Agnes' Herz hineinschauen und schien, ähnlich mir selbst, in ein wehmütig-träumerisches Sinnen verloren, aus dem sie aber jedesmal durch die liebliche Debütantin mit gar nicht zurückzuweisenden Liebkosungen aufgemuntert wurde.

In einer mir so ganz neuen Erfahrung, Stimmung und Aufregung ging dieser Abend hin.

Als ich dann in meinem Bett lag, konnte ich lange nicht einschlafen, da ich bedachte, daß ich eigentlich außer meinem heißliebenden Herzen und einer natürlichen Gutartigkeit nichts hatte, was ich dem Genius und Liebreiz der Geliebten zur Seite stellen konnte, und es stiegen ernste Zweifel in mir auf, ob sie mit mir glücklich sein könnte, ob ich ihrem sich weiter entfaltenden Geiste auch nur folgen, geschweige denn ihm ein Leiter und Lehrer sein könne und ein Halt.

Der Schlaf machte auch diesmal, wie immer, allen Bedenklichkeiten, Sorgen und Aufregungen ein Ende, und dann kam der liebe Sonntagmorgen!

* * *

Das Wetter ward sommerlich warm. Schnee und Eis schmolzen fabelhaft schnell in das elementarische Nichts zurück, aus dem der alte Nordpolmagus, der Winter, seine nordischen Humore kristallisiert hatte.

Mir moussierte Blut und Nervensaft in den Adern, und den andern mochte nicht anders zumute sein, denn der Onkel sagte, nachdem er eine Weile im Saale auf- und abgehumpelt war: »Na, Agnes, dir und der Marie (das schöne Bauernmädchen, das den Erzähler bei seiner Ankunft begrüßte, eine Freundin von Agnes) blitzt ja die Frühlingsrebellion zu den Augen heraus, und deinem Vetter nicht minder. Wenn der Saft in den Bäumen hinaufsteigt, wenn die Birken Champagner brauen und das Blut den Lerchen in die Kehle tritt, dann hält's auch die Jugend nicht mehr in den Winterquartieren aus. Ich seh's euch an den zuckenden Armen und Beinen an, wie an der Augenelektrizität, ihr wollt hinaus. Du hast ja Halbstiefelchen an, Agnes; tut euch zusammen, du, Vetter Wilhelm und Marie, und geht spazieren, den See entlang, oder wo ihr sonst wollt. Stellt aber beileibe nicht Kunststücke und Experimente auf dem Eise an, denn es ist durch die heutige Sonne gewiß mürbe gemacht. Ich muß leider zurückbleiben, bis es trockener geworden ist, denn es zwickt mich bei jeder Erkältung, und die Mama lass' ich auch nicht hinaus. Aber euch junges Volk leid' ich heute nicht in der Stube. Macht fort, und dann erzählt munter, was ihr draußen erlebt habt.«

»Ach, lieber Vater, wir gehen in die Parowe bis zur Mühle hinauf«, rief Agnes, auf den Papa zuspringend und ihn umarmend; und dann umschlang sie Marien mit Zärtlichkeit und zog sie so zum Saale hinaus. Diese aber sagte verlegen abwehrend: »Fräulein Agnes, ich habe noch was Nötiges zu Hause zu verrichten, ich kann wohl nicht mit.«

Als nun weiter in sie gedrungen wurde, meinte sie in ihrer verschämten und doch kritischen Weise, wie immer: »Das schickt sich ja nicht für mich, mit einem Herrn zu gehen, wie ein Fräulein; hernach wird über mich gelacht.«

»Wer wird über dich lachen?« fragte Agnes erzürnt.

»Die Leute, die uns sehen«, antwortete Marie, mit niedergeschlagenen Augen und gedämpfter Stimme.

»Ach, lieber Vater,« wandte sich jetzt Agnes an den Onkel, »sag du doch Marie, daß sie nicht so eigensinnig sein darf; sie verdirbt mir allen Spaß; sie soll sich doch endlich daran gewöhnen, mit uns froh zu sein.«

»Wenn Marie einmal nicht will,« nahm die Tante gleichmütig das Wort, »so laß ihr ihren freien Willen.«

Der Onkel setzte aber, die Appellation von Agnes an sein Machtgebot berücksichtigend, hinzu: »Marie wird schon wollen, aber sie hat die übertriebene Bescheidenheit, daß es sich nicht schickt; und wenn ich dir nun versichere, liebe Marie, daß es sich in Gottes Namen schickt und daß du Agnes eine unschuldige Freude machst, wenn du sie begleitest, so wirst du schon ein bißchen spazieren gehen, nicht wahr? Wenn du's aber nicht gern tust, so zwinge ich dich nicht.«

Diese so herzliche und verständige Art des Onkels bezwang Mariens Scheu, und sie ging mit uns hinaus.

Die Tante schien aber bei der kleinen Debatte wie beunruhigt und gespannt. Es war ihr irgendwas nicht ganz recht zu Sinne, doch verhielt sie sich leidend und ermahnte Agnes nur, umzukehren, sobald sie den Weg für ihr Fußzeug zu naß finden würde, und ja nicht aufs Eis zu gehen.

Wir wandelten dann das Ufer des Sees entlang zu der Schlucht, in welcher die Mühle lag. Ich suchte, den Mädchen vorangehend, die trockenen Stellen. Mir war von Frühlings- und Liebeswehen so mousseux, daß ich nichts sprach. Aus ganz vollen Fässern läuft es nicht früher, als bis das Spundloch für die Luft gelockert ist. Eben an dieser Lüftung fehlte es meiner Seele, Agnes gegenüber, noch ganz und gar. Mir konnte nur durch eine Liebeserklärung Luft gemacht werden, und dazu schien noch lange nicht die geeignete Zeit. Und doch war sie, ohne daß ich es ahnte, so nahe!

Agnes schäkerte und schwätzte hinter mir zu der schweigsam mitgehenden Marie so munter, daß es mir die höchste Frühlingslust schien. Wir waren jetzt an den schmälern Teil des Sees gekommen, der in die Schlucht hineinlief, und dem gegenüber, unmittelbar am Ufer, das kleine Gehöft des Zinsbauern lag, der Mariens Pflegevater war.

Marie machte hier noch einen Versuch, von uns loszukommen und über den See, der noch fest genug schien, nach Hause zu gehen. Ich war ein Stück vorausgeschritten, als ich, durch einen Schrei von Agnes aus meiner Träumerei aufgeschreckt, Marie von einem Bauerburschen festgehalten und gewaltsam geküßt sah. Bevor ich nun für ihre Befreiung zur Stelle sein konnte, hatte sie sich, ohne zu schreien oder meine Hilfe anzurufen, mit einer entschiedenen Kraftanstrengung losgerissen und, der Schnelligkeit ihrer Füße vertrauend, auf den See geflüchtet, um so auf dem kürzesten Wege zu Hause zu sein. Der Bursche lief aber dreist hinter ihr drein, hatte sie bereits eingeholt und zum andernmal mit seinen gewalttätigen Liebkosungen attackiert, als ich das ziemlich zusammengeschmolzene Eis erreicht hatte. Marie wehrte sich den Menschen vom Leibe, ohne zu schreien, schon um Agnes nicht noch mehr zu alarmieren, und rief mir mit gefalteten Händen zu, mich ja nicht ihretwegen auf das schwache Eis zu wagen, oder wir ertränken dann alle drei. Agnes war instinktmäßig ihrer Marie zu Hilfe nachgeeilt; da sie mich nun herangekommen sah, stand sie auf dem Eise still und bat mich, vorsichtig zu Werke zu gehen. Der Bauerbursche schien die Sache wie ein spaßhaftes Abenteuer zu nehmen und nicht eben in besonderer Angst vor meiner Dazwischenkunft zu sein. Aber in mir kochte es vor Wut und Rache, schon weil ich meiner Agnes stille Empörung ersah, und um so mehr, als Marie sich so verleugnend und verständig benahm, als schwerlich einer feingebildeten Dame geglückt wäre. Ich erwog einen Augenblick die Gefahr des Einbrechens und Ertrinkens für uns alle, falls ich mich weiter auf die sehr mürbe gewordene Eisdecke wagte, die überall mit Wasser überstaut war, und bat Agnes flehentlich, zum Ufer zurückzugehen. Der Bursche mochte mein augenblickliches Zögern in seinem Bauernmut für entschiedene Feigheit halten und setzte seine handgreiflichen Liebesbewerbungen ungeachtet aller eindringlichsten Bitten und Drohungen der so schmählich Gemißhandelten frecherweise fort, indem er sie derb abküßte und trotz ihrer kräftigen Abwehr in seinen Armen wie eingeklammert hielt.

Das vernünftige Mädchen mußte alles mit sich geschehen lassen, wenn sie nicht mit ihrem Dränger einbrechen und, wie sie richtig voraussah, mich mit in Gefahr bringen wollte, falls ich ihr zu Hilfe kam.

Die Bestialität und der offenbare Hohn des Kerls, der meine ingrimmigen Zurufe und Drohungen ignorierte, weil er seiner Sache durchaus gewiß schien, und die ganze alberne Rolle, die ich vor den Mädchen spielen mußte, ließen mich zuletzt jede Gefahr und Bedenklichkeit vergessen.

Agnes stand händeringend und angststöhnend am diesseitigen Ufer. Ich aber lief entschlossen auf die beiden zu -- und lag in den nächsten Augenblicken mit meinem verdutzten Gegner im flüssigen Element.

Ich war ein trefflicher Schwimmer und Turner und schwang mich also mit Leichtigkeit auf das Eis, das mich auch hielt. Marie war nicht eingebrochen; ich bat sie, zu Agnes zu gehen, sie lief aber dem Bauerburschen zu Hilfe, der nicht schwimmen konnte und dem Ertrinken nahe war. Ich schob sie gewaltsam zurück, entriß ihr ein großes Tuch und warf das eine Ende desselben, indem ich mich auf das Eis hinlegte, dem sich noch über Wasser Haltenden zu. Er faßte es und ich zog ihn auf eine scheinbar feste Stelle, aber nur, um mit ihm aufs neue einzubrechen und unter Wasser zu gehen.

Jetzt stand die Sache schlimm. Ich hatte mich zwar von dem armen Teufel losgemacht und unterstützte ihn, soviel es mir möglich war, ohne von ihm krampfhaft festgepackt zu werden, aber die Kräfte gingen mir aus.

Agnes war beim ersten Einbrechen zu uns herangelaufen und rief um Hilfe. Marie aber stand schon auf ihrer Eltern Gehöft und ihr durchdringendes Geschrei hatte die Folge, daß ein Knecht und der Hirt, welcher Vieh zur Tränke trieb, mit Stangen herbeigerannt kamen.

Es war hohe Zeit, denn meine Kräfte gingen auf die Neige, und der arme Kerl ließ mich in seiner Todesangst nicht mehr los, nachdem er mich zum andernmal gepackt hatte.

Als ich bereits meine Seele Gott dem Herrn empfohlen und der furchtbar jammernden Agnes ein Lebewohl zugerufen hatte, in welchem meine ganze Leidenschaft für sie ausgedrückt war, kamen die Helfer in dieser Todesnot herbei. Bevor dies aber geschah, hatte sich Agnes bis an den Rand der gebrochenen Stelle herangewagt und, auf dem Eise liegend, meinen Rockkragen gefaßt, den sie nicht fahren ließ. Sie war eben mit eingebrochen und einige Sekunden durch ihren aufgebauschten Pelz über Wasser gehalten worden, als sie durch Mariens Mut und Besonnenheit, unter großer Lebensgefahr, mittels einer zugeworfenen Schürze aufs feste Element gezogen wurde. An den über die Bruchstelle gelegten Stangen rettete ich mich dann und jenen unsaubern Ritter, der halbtot an einem Strick aufs Trockene geschleift wurde, da er sich nicht anders transportabel erwies.

Agnes hatte den Kopf glücklicherweise noch nicht unter Wasser gehabt und war nur vom Entsetzen benommen. Ich selbst fühlte mich freilich aufs äußerste ermattet; aber der Heldenmut und die liebevolle Aufopferung meiner Geliebten durchströmte mich mit neuer Lebenskraft. Wir erholten uns ein wenig bei Mariens Pflegeeltern, aber ohne Worte zu wechseln oder auch nur den erschrockenen und um uns bemühten alten Leuten viel Rede zu stehen; denn es hatte nur ein Gefühl in unserer Brust Raum: die Freude, der fromme Dank für das gerettete Leben, und das Bewußtsein, daß wir drei von nun an zusammengehörten, daß uns das Band einer heiligen geprüften Freundschaft umschlang.

Nach diesem Erlebnis gingen wir unmöglicherweise je gleichgültig oder gar lieblos nebeneinander her; dies gab der Seele die Stimmung, in der sie die Unsterblichkeit begreift.

Unterdessen war ein Wagen angespannt worden, und wir fuhren in einer Fühlung, wie wenn wir nicht mehr dieser Erde angehörten, wenngleich weder trocken noch warm, um den See herum, der unserm Gedächtnis zeitlebens eingeprägt war, nach Hause. Zwischen mir und Agnes, von dieser unter Tränen umklammert, saß Marie, als unsere besonnene und mutige Lebensretterin, ohne daß sie jetzt noch zu fassen schien, was eigentlich alles vorgegangen war.

Der gutmütige, um uns besorgte alte Bauer machte unsern Fuhrmann und erzählte uns unterwegs: der Anstifter des ganzen Unheils wäre sein von ihm wegen Aufsäßigkeit und Trunks entlassener deutscher Knecht, ein Seitenverwandter von ihm. Er hätte Marien beständig mit seinen Liebesanträgen verfolgt und gequält, und dann bei der Entlassung gedroht, wenn Marie ihn nicht gutwillig leiden wollte, so solle sie es mit Gewalt. Er wolle nicht aus der Gegend abziehen, ohne an ihr sein Mütchen gekühlt zu sehen. »Wenn der Racker ersoffen wäre,« schloß der Alte seinen Bericht, »so gäb's einen niederträchtigen Kerl weniger in der Welt. Die deutschen Dienstleute«, sagte er, »sind hier viel schlechter als das polnische Volk; und der allerschlechteste Knecht, das muß mal ein Verwandter sein.«

Unglückschwangere Nachrichten rennen wie ein Heckenfeuer, sogar über Wasser und Eis. Wir hatten kaum um die Ecke gebogen, wo man des Onkels Häuschen sehen konnte, so kam er uns selbst schon mit äußerster Anstrengung entgegengehumpelt und mit einem: »Vivat hoch! Das Sterben und Ertrinken ist kein trockener Spaß.«

Der beim Retten behilflich gewesene Knecht war uns nämlich über den See zuvorgekommen und hatte das Abenteuer im Hofe gegen Empfangnahme vorläufiger Biergelder und zukünftiger Belohnungen erzählt.

Der Onkel war so außer sich vor Freuden über unsere Rettung und zugleich so in tiefster Seele entsetzt, daß ihn in diesen Augenblicken sein körperliches Gebrechen verlassen zu haben schien. Er war trotz Gliederschmerz und Ungelenkigkeit zu uns auf den Leiterwagen geklettert und in unsern Armen, bevor wir uns dessen versahen. Marie drückte er so väterlich und feierlich ans Herz, daß das Mädchen diesmal alle Blödigkeit vergaß und ihm mit der freien Empfindung und Weise einer Pflegetochter die Hand küßte, worüber Agnes außer sich vor Freude war, indem sie, dem Onkel um den Hals fallend, ausrief:

»Jetzt ist doch Marie deine zweite Tochter und meine Schwester, nicht wahr?«

»So wahr und klar wie die Sonne am Himmel und ihr eigenes Herz!« rief der Onkel. »Jetzt aber müssen wir unsern Empfindungen Einhalt tun, sonst fallen wir aus dem Wagen. Seht, da kommt schon meine arme auf den Tod erschrockene Frau. Sie wollte mit durch Schnee und Wasser patschen; ich habe sie aber in die Küche geschickt, Tee und Glühwein zu machen; und dann wollen wir wie die Götter leben auf den Schreck. Gott sei Dank, daß ihr lebt!«

Als die Tante zu uns mit Freudentränen, aber keines Wortes mächtig, herankam, waren wir bereits auf einer trockenen Stelle unweit des Hauses angelangt. Wir stiegen also alle vom Wagen und gingen nach neuen Umarmungen, denen sich auch diesmal Marie nicht entzog, ins Haus. Als nun der Pflegevater Mariens, ein ehrwürdiger Greis mit gescheiteltem weißen Haar, wieder umkehren wollte, so sagte der Onkel: »Halt, mein alter Freund; Ihr seid der Pflegevater des Mädchens, die wir wie unsere Tochter lieben, und überhaupt ein rechtschaffener Christ. Heute seid Ihr mein Gast, und hoffentlich noch oft. Setzt Euch mal da auf den Wagen,« wandte er sich an den uns beglückwünschend herbeigekommenen Hofmann, »und schickt die Frau von dem Alten hierher. Sagt ihr alles, was Ihr gehört habt, und bleibt im Bauernhofe zurück. Abends schicke ich Euch dann mein Pferd, damit Ihr von Eurem Wachtposten nach Hause reiten könnt. Nun macht fort.«

Es dauerte nicht lange, so waren wir wiederum alle im Saale beisammen um eine Bowle und einen Tee. Ich befohlenermaßen in des Onkels Schlafrock von Damast; Agnes in einem reizenden und bequemen Negligérock, von Tante und Onkel wie eine Rekonvaleszentin in die Kissen gedrückt; Marie neben ihr auf einem Bänkchen, da sie trotz aller Bitten nicht neben Agnes auf der Ottomane sitzen wollte und auch auf keinem ordentlichen Stuhl; der alte Bauersmann neben seiner Tochter auf des Onkels Großvaterstuhl, und ich Glücklicher zwischen Agnes und der Tante, der ich hätte zu Füßen sinken mögen, so voller Gemüt und Seele, voll Sorglichkeit, stillem Jubel und andächtigem Danke gegen Gott den Herrn, und so zärtlich gegen Agnes und Marie war sie und gegen mich selbst.

Und nun wurde das ganze Abenteuer nochmals in den kleinsten Details zum besten gegeben, und als nun davon die Rede kam, wie ich Marie von dem Knechte befreit hätte und dann bei der Rettung des Übeltäters fast selbst umgekommen wäre, da zitterte mir das Herz in der Brust, als der Onkel fragte: »Bei welcher Gelegenheit brach denn aber Agnes eigentlich ins Eis?« Denn ich mußte nun erzählen, wie es bei dem Versuche von Agnes geschah, mich, da ich im Untersinken war, mit ihren schwachen Kräften über Wasser zu halten.

Ich konnte, wie sich von selbst versteht, nur mit gedämpfter und zitternder Stimme erzählen. Onkel und Tante waren nicht minder ergriffen als Agnes und ich; und wir schwiegen einige Augenblicke still.

Es war ein schöner, glückseliger Abend. Wir saßen bis in die Mitternacht beisammen, aber dann schliefen wir doch trotz der Aufregung bis in den lichten Tag.

* * *

Der Onkel war wieder mit seiner Pfeife auf meiner Stube, und sagte dann, indem er mich zugleich pfiffig und herzlich vergnügt ansah: »Ich gratuliere dir, du närrischer Kerl; das Eis ist gestern in jedem Sinne für dich gebrochen, also auch das, was über deiner Liebe lag. Jetzt schwimmst du wahrscheinlich in ihrem flüssigen Elemente; siehe dich aber vor, daß du auch jeden Augenblick festen Grund fassen und ans Land kommen kannst!«

Diesmal kam mir Agnes mit einem vor Freude und Liebe strahlenden und erglühenden Antlitz rasch entgegen, und indem sie meine beiden Hände faßte und drückte, daß mir die Liebeselektrizität bis tief ins Herz hineinfuhr, sagte sie mit zerdrückten Tränen in den wundervollen Augen: »Lieber Vetter, was wirst du von mir denken, daß ich dir gestern nicht mal für deine Aufopferung gedankt habe, die du um Marie und meinetwillen so mutig bewiesen hast. Ich habe aber immerfort daran gedacht, darum hab' ich nichts gesagt.«

Ich küßte der Himmlischen die Hand und sagte nur: »Liebe Agnes, erlaube nämlich, daß ich dich so nenne, neben dem Mute und der Verleugnung deiner Marie kann von meinen geringen Verdiensten unmöglich die Rede sein, und wenn dem auch nicht so wäre, so möchte ich dieser Marie wenigstens nicht an Bescheidenheit nachstehen.« Agnes reichte mir dann, wie zum stillen Danke und im holden Schamglühen, aber ungeziert, ihren Mund, in dessen Samt ich einen Kuß drückte, für den ich mich zum zweitenmal untergetaucht hätte.

Darauf sagte sie mit einer herzzerschmelzenden Holdseligkeit: »Jetzt mußt du aber auch mal mit mir sprechen, wiewohl es freilich meine Schuld ist, daß du bisher einsilbig mit mir gewesen bist; denn ich selbst war, wie ich jetzt fühle, gar zu verschlossen und unschwesterlich gegen dich, da ich doch wußte, daß dich die lieben Eltern zu ihrem Sohne angenommen haben. Die gestrigen Augenblicke haben mir aber die Augen geöffnet, und ich sehe jetzt, wie gut und brüderlich und wie ritterlich du bist«, setzte sie aufs neue meine Hand fassend und mit leuchtenden Blicken hinzu. Und dann sagte sie nach einem augenblicklichen Kampfe mit ihren überwallenden Gefühlen und mit leiserer Stimme: »Daß du um Mariens Ehre dein Leben in Gefahr gebracht hast, vergesse ich dir nie, und auch Marie vergißt es nimmer. Wie edel du außerdem bist, habe ich daraus erkannt, daß du für des armen Menschen Leben das deinige ohne Besinnen gewagt hast, wiewohl du doch soeben nur über ihn empört warst, und gewiß mit seiner Schuld. Glaube mir,« sagte sie in Tränen ausbrechend, »dieser Beweis deiner Herzensgüte hat mich noch tiefer ergriffen, als das, was du für mich und Marien getan hast.«

Agnes sprach das alles in einer Schämigkeit, die nur von ihrer Begeisterung und Leidenschaft überwunden wurde. Meine Sinne verwirrten sich mir fast in dem Sturm von Gefühlen, den sie in mir beschwor. Ich wollte ihr schon zu Füßen sinken, aber die Gegenwart der Eltern und die Scham, des Mädchens Aufregung, die reinste, die tugendhafteste Begeisterung dieses Engels für meine Leidenschaft zu benutzen, hielt mich zurück.

Ich kannte Agnes gar nicht wieder. Sie war seit gestern eine andere geworden, sie war über Nacht aufgeblüht, wie die wunderbare Kaktuspflanze, welche Königin der Nacht genannt wird.

An diesem Vormittage hielt meinem Entzücken über die ersten unverkennbaren Keime der Liebe in Agnes' Herzen die Pein das Gleichgewicht, ihr nichts von meinen Gefühlen sagen zu dürfen, wenigstens nicht gleich.

Nein! Um das Heiligtum seines Lebens wirbt man mit Heiligung und Scham; und wenn uns die Geliebte vom Himmel beschieden ist, so hilft er uns und die ganze Natur.

Daß ich sie liebte, hatte sie gehört, das wußte sie auch ohnedies durch ihren weiblichen Instinkt. Damit mußte ich mich einstweilen begnügen und meine schweren Seufzer verschließen.

Da war sie nun, die Holde, das verkörperte Geheimnis alles Liebeszaubers, aller Welt- und Menschenschönheit, die von ihr leuchtete und sie umduftete. Und ich atmete, ich sog diese Liebreize, diese Mysterien ihrer Seele in mich; ich kostete verstohlen mit meinen verzauberten Blicken von ihrer Jugendschöne, wie von den Früchten des verbotenen Baumes. Und aus jeder Bewegung sprach das süße Geheimnis ihrer Liebe, und es wetterleuchtete aus ihren Augen, und erglühte im Purpur ihrer Wangen, und stahl sich in unhörbaren Seufzern von ihrem leise gehobenen Busen, und bebte auf ihren Lippen, und tönte im Wohllaut ihrer Stimme wie Himmelsharmonie, und hüllte ihre ganze Erscheinung in eine Magie und Glorie, die mich von Sinnen gebracht hätte, wenn mir nicht wieder der Zufall zu Hilfe gekommen wäre. Ich wurde durch einen Boten nach Hause abgerufen. Mein Bruder hatte mich heimgesucht. Ich schied mit schwerem und leichtem Herzen; denn im Auge der Geliebten schimmerte eine Träne, als sie mir die Hand reichte und meinen Abschiedskuß empfing.

* * *

Wenn die Mysterien des Lebens und der Liebe noch mit dem ersten Feuer in unserer Seele glühen, so mögen wir die heilige Flamme nicht an das helle Tageslicht und auf der Gasse ausgestellt sehen; sie soll dann im Dunkel brennen auf heiligem Altar.

Eine Woche ging rasch vorüber. Mein Bruder hatte sich's überlegt, daß, da er einmal in der Gegend sei, er doch wohl den Freund und Blutsverwandten seiner Mutter besuchen müsse. Wir fuhren also hin. Mir war der Besuch in Gesellschaft des Bruders peinlich genug, ich konnte mich ihm aber nicht füglich entziehen, hatte auch die Kraft nicht dazu; denn ich sollte die wiedersehen, welche alle meine Sinne und Gedanken gefangen nahm. Aber einen Profanen so in das innerste Heiligtum zuzulassen, das ist eine heillose Empfindung, und dies um so mehr, wenn dieser Profane ein tyrannischer und für Liebesmysterien nicht eben abgestimmter Bruder ist.

Zudem versprach ich mir keine sonderliche Harmonie und kein gegenseitiges Gefallen von den beiden, die sich jetzt näher kennen lernen sollten, wiewohl der Onkel auch ein rationeller Landwirt war. Aber es kam alles anders. Es war mir in der Verzweiflung schon auf der Zunge, mein Geheimnis der Diskretion und Gutmütigkeit meines Reisegefährten anzuvertrauen, da ich wußte, daß er die genannten Eigenschaften besaß und nicht schlechtweg profan oder unpoetisch war; aber ich brachte es nicht übers Herz. Wir standen nun einmal nicht so, daß eine solche Herzensergießung natürlich gewesen wäre. Und so fuhren wir auf den Hof, ohne daß ich meiner Besorgnisse vor nahe bevorstehenden brüderlichen Randglossen zum heiligen Text meines Lebens ledig geworden wäre. Onkel und Tante empfingen uns so unbefangen herzlich, zugleich so ganz besonders aufgeräumt und erfreut über unsern Besuch, daß der Bruder, den alles frische und unzweideutige Wesen sofort bestach, zu meiner bedeutenden Erleichterung sich in derselben Weise, mit der er empfangen wurde, einführte und sich seiner besten Laune überließ. Dazu kam noch ein besonders glücklicher Umstand. Es war Mittag vorüber, und das Ochsenunterspann wurde eben aufs Feld getrieben. Die Tiere waren von so gutem Stapel, so wohlgefüttert, und der Hirte so gut gekleidet, so munter hinterdrein, daß der Bruder, noch nicht über die Schwelle getreten, um die Erlaubnis bat, sich dieses Wunder in der Nähe zu beschauen. Die Ochsen wurden also aufgehalten, und demnächst Alter, Rasse und Futterzustand so vortrefflich und wirtschaftlich gefunden, daß der Hirt ein doppeltes Biergeld empfing; erst vom gastierenden Besichtiger und dann vom Besitzer selbst, welcher lachend und höchlich erbaut von der originellen Art und Weise des Bruders, zu diesem sagte: »Wenn Sie meine Wirtschaft so nachdrücklich und freigebig in allen Stücken bewundern, so werde ich heute freilich ein paar Taler los; denn ich kann doch unmöglich in der Erkenntlichkeit gegen meine Leute hinter einem Gaste zurückbleiben.«

Agnes war in der Parowe am See, wahrscheinlich an ihrem Lieblingsplatze, denn man erwartete uns heute noch nicht. Während nun der Onkel mit dem Bruder die Hofwirtschaft inspizierte, trieben mich Sehnsucht und Ungeduld der Geliebten entgegen. Ich fand sie an dem gesuchten Ort, einer gelichteten grünen Stelle, unter den tief herabhängenden Zweigen eines prächtig krausen wilden Birnbaums, den Kopf auf eine kleine Rasenbank gelegt, im süßesten Schlaf. Einer von den doggenartigen Hofhunden, ihr Favorit, hatte sie begleitet und war mir bereits entgegengesprungen. Ich beschwichtigte ihn mit lautpochendem Herzen, wie ich nur konnte, um die holde Schläferin nicht zu wecken; aber das verhaltene Freudengeheul des Tieres erweckte seine Herrin, sie fuhr sich einen Augenblick, halb aufgerichtet, in der anmutigsten Stellung und ohne Hast mit der Hand über die Augen und sprang dann, mich erblickend, mit einem natürlichen Freudenausruf, mit einer so unwillkürlich zärtlichen Armbewegung und hinreißenden Grazie auf mich zu, daß ich in demselben Augenblick an ihrem Halse lag und zu ihren Füßen sank, als sie, sich besinnend, erschrocken und zitternd vor Liebe und Scham, eine Entschuldigung zu stottern begann.

Jetzt kam glückseligerweise jede Verstellung zu spät.

Ich versiegelte ihren Mund mit Küssen. Sie ließ alles geschehen, zitterte wie Espenlaub, drückte mich sanft an sich, badete sich in Tränen, erwiderte dann mit stillem Jubel meine verhaltenen Liebkosungen und zog mich mit sich fort.

Wir sprachen beide kein Wort weiter als unsere Namen, und »Wilhelm«, von Agnes' Lippen geflüstert, schwoll wie Sphärenmusik an meine Ohren und legte sich wie Paradieseswellen an mein brennendes Herz.

Nicht weit vom Hause sagte Agnes, stillstehend: »Ach, wenn doch die liebe Mutter wach wäre, ich muß mich in ihre Arme stürzen, den guten Onkel an mich drücken, so glücklich bin ich; aber ich schäme mich so sehr! Was werden sie doch von uns denken!«

In dem Augenblick traten alle auf die Rampe heraus und gingen uns entgegen. Ich hielt Agnes bei der Hand, der erste Blick auf uns beide erklärte alles. Agnes und die Tante lagen sich am Halse; Marie und der Bruder zogen sich zurück. Dann fiel die Glückliche ihrem Pflegevater fast zu Füßen. Er selbst wie seine Lebensgefährtin zeigten sich von unserm Liebesdurchbruch so erbaut, daß ich ihnen mit den Vorgefühlen eines leiblichen Sohnes in die offenen Arme sank. Es war eine himmelhohe Freude und Glückseligkeit.

* * *

Daß ich und Agnes ein Paar geworden sind, darf ich wohl nicht erst vermelden. Mit dem prächtigen Onkel haben wir noch manches Jahr in Liebe und Erbaulichkeit zusammengelebt. Jetzt ruht der Gute schon viele Jahre neben der Gruft seiner geliebten Frau, deren Tod er alle Tage und Stunden seines übrigen Lebens in tiefster Seele betrauert hat. Marie wurde einige Jahre nach dem Verlust ihres Mannes (sie heiratete des Erzählers Bruder) die Gattin eines trefflichen Geistlichen auf dem Lande, und lebt in unserer Nähe, als unsere Freundin auf Leben und Tod. Sie ist eine glückliche Mutter und eine unbeschreiblich getreue, würdige, gescheite und charaktertiefe Frau.

Wir haben nun die Silberne Hochzeit hinter uns, und doch dünkt uns die lange Zeit wie ein kurzer Traum. Des Onkels Vermögen ging noch bei Lebzeiten zum größten Teil durch das kostspielig realisierte und zuletzt doch mißglückte Waisenerziehungsinstitut auf dem Lande, sodann durch einen schlechten Verkauf des freiherrlichen Guts verloren, über dessen abgeholzte Waldung sich ein verdrießlicher, weitaussehender Prozeß entspann. Der Käufer behielt sich Entschädigungen vor, die ihm ausgezahlt wurden, da der Gegner seine Sache gewann. Ich hatte mit meiner Landwirtschaft nie sonderliches Glück, habe ihr daher Valet gesagt und lebe mit einer kleinen Leibrente, die mir übriggeblieben ist, seit einer Reihe von Jahren als Schriftsteller und Literat in einer kleinen Stadt.

Wir haben Freude an zwei Töchtern, und unsere Ehe scheint wie hierin, so auch in vielen andern Dingen dem Leben unserer seligen und unvergeßlichen Pflegeeltern ähnlich zu sein. Des Onkels Lebenserfahrungen, Ansichten, Neigungen und Schwächen sind so ziemlich die meinigen auch. Was von seinen Tugenden und Verdiensten an mir ist, weiß Gott der Herr.

Es ist so ziemlich alles eingetroffen, was mir der gute Onkel, als Lohn für meine Ästhetik und Schriftstellern, schon in der Bräutigamszeit prophezeit hat, und der kreuzbrave, grundgescheite Bruder dazu, an den ich manche schlaflose Nacht wieder und immer wieder denken muß.

Der Onkel sagte sterbend: »Das Leben lieben und den Tod nicht scheuen.« Dies ist seitdem mein Lieblingswort geworden, und ich lege es meinen Lesern ans Herz. Der alte Gott sei mit den Toten und Lebendigen; der Rest ist Schweigen. Geliebter Leser, gehab dich wohl!

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