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Auswahl aus seinen Schriften

Bogumil Goltz: Auswahl aus seinen Schriften - Kapitel 7
Quellenangabe
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typeessay
authorBogumil Goltz
titleAuswahl aus seinen Schriften
publisher
printrunErstes bis fünftes Tausend
editorFritz Lienhard
year
illustratorFranz Stassen
correctorreuters@abc.de
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Mein Vater

In meinem Vater war Menschentum durch und durch, alles an ihm Herz, Witz und Nachdrücklichkeit, Eifer, Treue und zugfeste Kraft. Wenn's ihm die Leute zu bunt machten, so zackerierte er auch auf die ganze Menschheit, weil er wohl denken mochte, daß nicht viel davon auf den einzelnen käme: aber an seinem Nachbarn und Nebenmenschen hielt er das Heilige heilig.

Mein alter Papa verhandelte wenig von Politik, von Menschenrechten, von Liberalismus, Kirche und Staat, aber er liebte seinen König und den gemeinen Mann. Dazu war er leutselig und liberal gegen seine Untergebenen und Pflegebefohlenen, den Stiefelputzer und Barbierjungen mit eingeschlossen, deren Fortkommen und Lebensgeschick er gern im Auge behielt und denen er seine herzliche Teilnahme in Späßen und kleinen Geschenken betätigte, ohne deshalb bei solcher Gelegenheit, oder bei einer andern natürlich menschlichen Art und Weise, irgend etwas von der Haltung zu verlieren, die seine Stellung und sein Alter erforderten. And doch war er weit mehr aufgelegt, sich etwas von seinen Untergebenen, als von seinen Vorgesetzten bedeuten und gefallen zu lassen, wo ihn mal eine Wunderlichkeit und Menschenschwäche gegen die vorgeschriebene Form verstoßen ließ.

Nie war ein Mensch bedürftiger und bereitwilliger, etwas wieder gut zu machen, wo er es bei Menschen und Dingen versehen hatte. Und ich habe ihn viel jüngere und ihm untergeordnete Leute wegen seiner Heftigkeit um Verzeihung bitten sehen, indem er sie so herzinnig umarmte, daß die ihm übel Gesinnten sich sehr oft in seine eifrigsten Freunde umwandelten.

Mein Vater war kein Pedant, und doch überall ein Mann auf dem Fleck, absolut und liberal zugleich, präzise mit sich und nachsichtig gegen andere, falls sie ihre Unmacht nicht für Witz ausgeben wollten. Ein ängstlich prompter Zahler war er und ein vergeßlicher Gläubiger, der niemand mahnen und keinem Menschen etwas abdingen konnte; ein Mensch, der seine Sachen und Verdienste so gering, und andrer Leute Ehr' und Eigentum so hoch wie möglich veranschlagte und in Ehren hielt. Einem armen Handwerker oder Taglöhner was abzuhandeln und abzuzwacken, hielt er für eine Todsünde. Vor Witwen und Waisen brach ihm der Angstschweiß aus, wenn er ihnen nicht zu helfen und bevor er ihnen das Verlangte abzuschlagen vermochte. Mit Gesindelöhnungen und Trinkgeldern knauserte er keinen Augenblick; denn es war seinem Herzen alle Arbeit und Dienstleistung zu wohlfeil. Jedem Bettler, auch dem zweideutigsten und schlimmsten, gab er mit gutem Willen und mit verschämter Art, mit einem hastigen Griff in die Tasche, ohne viel nachzusehn, ohne Redensarten und ohne Kummer um kleines Geld. Heruntergekommene, zerlumpte und hungernde Leute irgendwie zu ermahnen, zu bevormunden und zu bemakeln hatte er nie ein Herz; denn er war seiner Natur nach so demütig und wahrhaft bescheiden, wie ich in solcher Stellung und bei solchem Verdienst in meinem Leben kein Menschenkind gesehen habe. Darum hatte er denn auch kein sonderliches Geschick und Gelüst zum Befehlen, und es fiel ihm so sauer wie das Gehorsamen. Er legte durch nichts an den Tag, daß er sich für was Rechts oder für besser und bevorrechteter halte, als seine Mitmenschen; in ihm war der biblische Ausspruch lebendig: »Wir sind allzumal arge Sünder und entbehren des Ruhms, den wir vor Gott haben sollen.« Er übte nur die Autorität und Überlegenheit, die ganz notwendig und natürlich in seiner amtlichen und hausväterlichen Stellung und Berufspflicht, die unabsichtlich in seiner angebornen Würde lag. Mein Vater zitierte und liebte die Bibel wie ein altgläubiger Theolog; aber er war kein Frömmler in gottseliger Zerknirschung und Schwächlichkeit.

Der Mann war uneigennützig gegen Geld und Gut bis zur Naivität. Er forderte für seine Arbeit immer nur die Notdurft, und selbst diese mit geniertem Gefühl. Er nahm nur richtige und rechtliche Sachen zum Prozeß (er war Justizbeamter) und ließ sich nur ungern ein bloß freundschaftliches Geschenk aufdringen, das weder durch seinen Belang, noch durch die Art, mit der es verehrt ward, den Anschein einer Bestechung und Abfindung haben konnte. Er hatte überhaupt eine förmliche Antipathie gegen Geldgeschäfte und gegen Geld. Er mochte es niemand aus den Händen nehmen, nicht bei sich tragen, nicht abzählen, nicht zuzählen, nicht nachzählen, nicht einstreichen und verwahren, nicht Buch oder Rechnung darüber führen, sich nicht berechnen, nicht nachfragen, nicht nachrechnen, nicht den Kostenpreis erörtern, nichts in der Welt von all dem; es genierte, es ängstigte, widerte und peinigte ihn, es war ihm in der Seele zuwider. Dies ist so wahr, daß die Mutter mit dem Gelde schalten und walten durfte, wie sie es immer für gut und angemessen fand, und daß sie meinen Vater keinen Augenblick gestimmt fand, ihm das Nähere und Bestimmtere über eine bedeutende Erbschaft auseinanderzusetzen, die ihr von einer Großtante zugefallen war. Alles, was er sich bei dieser Gelegenheit als Vorteil dringend auserbat, war dieses, daß die Mutter sich einen andern Sachverwalter zur Regulierung dieser Erbschaft für ihr Geld annahm; denn er wollte keinen Groschen davon sehen, und dabei blieb es bis an sein Ende. O du güldner Mensch, du! wie rein, wie heilig stehst du vor meinem Sinn!

Auch darin hatte mein seliger Vater einen heiligen Takt, daß er von sich und seinen Feinden nicht ein Wort sagte, und daß er seinen Schmerz tief in die Brust verbarg, wenn er zunächst seine Person anging. Aber als einer seiner Klienten, ein ihm durch vieljährigen Verkehr befreundeter Güterbesitzer, dessen Rechtsangelegenheiten er leitete, dem Bankerott entgegenging, da vergaß er die Sorge um das Geld, das er ihm selbst dargeliehen hatte, und ging nächtelang in seinem Zimmer auf und nieder, weil ihn der Kummer um seinen Tobias, so nannte er seinen Freund, nicht schlafen ließ, und gleichwohl hatte er demselben Manne einmal im Zorn und Eifer zugerufen, als dieser ihm ein neues Projekt zu einem Gutskauf plausibel machen wollte: »Mache Er, daß Er fortkommt; möchte Er nicht noch im Monde Güter an sich bringen, denn auf Erden hat Er doch schon nicht genug!«

Jeder Zug, auch die unscheinbarste, unwillkürlichste Äußerung in Worten, wie in Werken war natürlich, herzlich und wahrhaft an dem durchaus unverstellten, unverhaltenen Manne; er selbst aber kannte die sittliche Macht nicht, die aus seiner ganzen Erscheinung jedermann unwillkürlich entgegentrat und zur Rede stellte, der nur irgendwie mit ihm zusammenkam. Er selbst war zu geistig verschämt, seine Tugenden und Verdienste irgendwie zu reflektieren, oder das Heiligtum seines innern Menschen zu analysieren. Und welch einen natürlich schönen Takt hatte der Mann, mit jungen Leuten, mit Vorgesetzten und Untergebenen umzugehn, und wie herzlich gescheit waren hinwiederum die jungen Leute, die Auskultatoren, die Referendare und jüngeren Assessoren, daß sie die absonderliche, ungenierte und mitunter derbe, wenn auch immer herzliche und mutterwitzige Art des alten Herrn so aufnahmen und erwiderten, wie es wirklich geschah.

Mein Vater redete die jüngeren Leute seiner Bekanntschaft fast ohne Ausnahme mit »du« und »mein Jungchen« an, aber in so herzlich spaßiger, vorsorglich väterlicher, so schön menschlicher Art und Weise, daß diese wie die allernatürlichste und ansprechendste Lebensart, ja als eine herz-ehrende Umgangsweise empfunden und nie ohne die schuldige Rücksicht und Pietät zurückgegeben ward. Man konnte dem Manne nicht böse sein, selbst wenn man sich mitunter von seiner unwillkürlichen Sicherheit und von seiner Originalität pikiert fühlen mußte. Und wo der gutmütige Alte dergleichen augenblickliche Mißstimmung bemerkte, da klopfte er seinem Manne so väterlich auf die Wange, und sein: »Jungchen, das hab' ich nicht so gemeint« gab sich als eine so ehrliche und ehrenfeste Abbitte, daß man ihn noch lieber gewann als zuvor. Gewiß, des Mannes Gebrechen entsprangen aus ebensoviel Tugenden, und darum löseten sich die Dissonanzen seiner Art und Weise zuletzt immer in der absoluten Harmonie und Schönheit seines Charakters. So herzlich und natürlich war die alte Welt, selbst im Geschäft mit Vorgesetzten und Untergebenen. Wie ist das heute geworden? Wie hat die leidige Form und der Hochmut so alle Gemütlichkeit über Seit' gebracht! Ein Herr Rat und Präsident ist gegenüber seinen Unterbeamten und im Geschäfte selbst mit seinesgleichen eben nichts, als was seine Charge und das Geschäft mit sich bringt. Ob dabei die Sachen sonderlich besser fortkommen?

Alle Situationen, und mochten sie durch das vornehmste Herkommen geboten sein, in denen man irgend etwas mit sich vornehmen, geschehen und machen lassen muß, ohne sich dabei seinerseits tätig und mitwirkend zu verhalten: also Feierlichkeiten, Anreden, Lobhudeleien, Eröffnungsfeste, Nachweihen und alle Ostentationen waren ihm aufs äußerste verhaßt. Und es dünkte ihm nicht minder unausstehlich, der Gegenstand einer besonderen Verehrung und Feierlichkeit, oder auch nur einer auszeichnenden Aufmerksamkeit, als der einer Lächerlichkeit, eines Tadels oder irgend einer zweideutigen Beobachtung zu sein.

Ein richtiger männlicher Takt und Stolz ließ ihn bei aller Gelegenheit alles vermeiden und bekämpfen, wodurch seine eigene Freiheit oder die seines geringsten Nebenmenschen, ja selbst eines Untergebenen, im mindesten beeinträchtigt ward. Der Mann mochte sich ebensowenig irgendwie imponieren und genieren lassen, als er dies von andern für seine eigne Person beanspruchte oder nur irgendwie litt.

Was im mindesten nach Schaustellung und Effektmacherei, nach Komödie, Lüge und Prahlerei, kurz, nach eitelm Schein schmeckte, wo sich irgendeine Art von gespreizter Unmacht und Unverschämtheit auf fremde Kosten, auf Unkosten des bescheidenen, werktätigen Verdienstes der niedern Klassen geltend machen wollte, da war mein alter Papa, wie schon gesagt, der erste, der das aufgeblasene Monstrum demaskierte, indem er ihm Wind oder Wasser abzapfte. Bei ihm galt kein Mundspitzen; es mußte gepfiffen werden. Falschen und wohlfeilen Ruhm honorierte er nicht.

Solchen Grundsätzen blieb mein Vater getreu, auch wo ihm die geringfügigste Abweichung und Nachgiebigkeit einen entschiedenen bürgerlichen und weltlichen Vorteil gewährt hätte. Als ihn daher, da er noch Justizdirektor in Warschau war, bei einer schicklichen Gelegenheit ein sehr hochgestellter Mann nicht ohne Mäcenatenmiene merken ließ, er wolle ihm zu dem Prädikate eines Geheimerats behilflich sein, so replizierte ihm der würdige alte Mann, der sofort das Unschickliche und Unwürdige der ihm zugemuteten Schützlingsrolle, gleichwie des hohlen und sublimen Titels für sein gerades, festgepacktes und offenes Wesen begriff, mit dem ihm ganz eigentümlichen freisinnigen Humor: »Wie Ew. Exzellenz ersehn, so habe ich nichts Geheimes an mir und will also auch nichts Geheimes werden!« Und dabei verblieb es denn auch bis an sein Ende.

Es ist eine falsche, wenigstens eine einseitige Theorie, welche überall nur Harmonie, Versöhnung und Weltklugheit als ein Letztes hinstellen will. Für ein Erstes und Letztes hielt mein Vater dagegen die Wahrhaftigkeit, nämlich die Wahrheit des Charakters. Er konnte darum nichts Falsches und Kalbes, nichts Überklebtes und Gemachtes ertragen, und forderte vor allen Dingen von jedem Ding und Verhältnis nur dasjenige zu scheinen, was es in Wirklichkeit und mit Naturnotwendigkeit sei.

Wie in allen Dingen, so war der Vater auch in dem Umgange mit uns Kindern ein absonderlicher Mann. Sein Grundzug war Liebe und Zärtlichkeit, die er in dem unablässigen Eifer, uns zu tüchtigen Menschen zu bilden, betätigte; aber weil er sich eben einer so zärtlichen Empfindung für uns bewußt war, mochte und konnte er sie sich nicht genug gegen uns merken lassen, da unsere natürliche Lebhaftigkeit und die damit in der Regel verknüpfte Unbändigkeit und Hartnäckigkeit einen Rigorismus erforderten, hinter dem die Zärtlichkeit nur ausnahmsweise und gelegentlich ihre Gestus machen durfte. In diesem System unterstützten den alten Herrn zum Glück für uns auch noch sein jach beschworener und ebenso verfliegender Zorn. Außerdem hätten wir seiner natürlichen Weichheit zu viele Vorteile, aber nicht zu unserem wahren Heil abgelistet.

Wenn wir den Alten erst so weit gebracht hatten, daß er uns beim Kopfe nahm und es zum Handgemenge kam, so ward groß und klein abgetan und wer ihm unter die Fuchtel kam. Wenn er dann solchergestalt Freund und Feind hatte über die Klinge springen lassen, so tat ihm die Massaker leid, und es kamen hinterdrein die Schmerzgelder und Heilpflaster in allerlei Geniebegünstigungen, Extrafreiheiten und Patenten auf dumme Streiche für die nächste Zeit, eine gewisse Zärtlichkeit selbst nicht zu vergessen, die aber so sonderbarer Natur war, daß sie mehr einer kleinen Abstrafung als einer Liebkosung ähnlich sah. Nach solchen Haupt- und Staatsaktionen, nach solcher Generalexekution in Bausch und Bogen galt eine Art leicht an der Backe oder gegen das Ohr ausgeführter Schlag, immer noch derb genug, daß man im Zweifel blieb, ob Ernst oder Spaß gemeint sei, und ziemlich bittersüß dreinsehen mußte, für das Versöhnungszeichen, und ein: »Er Rekel, Er Galgenstrick etc. geh Er« war der stehende Begleitschein und der Schluß der Versöhnung.

Der alte Papa schimpfte uns, wenn er gereizt worden war, auch vor Fremden als die allergottloseste Brut unter der Sonne; aber er würde jeden häßlich angesehen haben, der solche väterlichen Herzensergießungen für eine Aufforderung hätte nehmen wollen, die eigenen Kinder herauszustreichen oder auch nur beifällig in den Tadel einzugehen.

Die Nachbarn und Bekannten verstanden sich in dieser Beziehung mit dem alten Herrn gar zu wohl, um nicht stumm oder entschuldigend zuzuhören. Aber auch mit allzu zutätigen und verbindlichen Exküsen blieb es bei solchen Affären ein äußerst mißliches Ding, denn der alte Herr nahm es wieder für Dummheit und für einen Tusch, wenn man im Ernste dasjenige widerlegen und vertuschen zu wollen schien, was gescheiter- und höflicherweise gar nicht für bare Münze genommen werden sollte. Aber auch so war's nicht recht, wenn man sich etwa lächelnd merken ließ, der Herr Justizdirektor meine es ja doch nicht so schlimm.

Der Herr Direktor nahm solche Weise dann wieder so, als halte man ihn für einen Renommisten oder ergötzlichen Komödieonkel. Kurz, es blieb ein schweres und höchst verfängliches Stück, bis man das rechte Manöver bei leidenschaftlichen Ergüssen über seine Familie eben traf.

Im Beginn des tobenden Ausbruchs war es allgemein geraten, ziemlich eingeschüchtert und ganz passiv still, wiewohl nicht unaufmerksam oder vollends apathisch dazusitzen -- allmählich konnte man hie und da ein begütigendes, sänftigendes Wort versuchen; aber das durfte nicht den Gegenstand des Ärgers, sondern nur den Herrn Direktor und dessen Verdruß betreffen. Im dritten Stadio konnte man schon, aber immer nur im vollen Gefühl und Ausdruck des Wagnisses, etwas zur Entschuldigung der Schuldigen einfließen lassen, wenngleich nur mit Beziehung auf den vorliegenden Fall und nicht überhaupt; denn im allgemeinen blieb jeder ein Schlingel, wenn er auch zufällig unschuldig erfunden war. Zuletzt aber ließ sich der Alte sofort auf eine Umstimmung und Versöhnung ein, wenn der Zuhörer und Besänftiger, gleichsam wie aufs äußerste gebracht, durch allzu ungerechte Urteilsfassungen die Angeschuldigten mit dem Affekt der Gerechtigkeitsliebe und Billigkeit nachdrücklich und auf Unkosten fremder Rangen verteidigte und dabei die größere Solidität der letztern auf ihre größere Dummheit schob, unsere in Rede stehenden Verschuldungen aber als eine Art von Geniestreichen und als Früchte zu bezeichnen wußte, die nicht allzuweit vom Stamme gefallen seien.

Die so bei ihrer schwächsten Seite angegriffene väterliche Eitelkeit konnte sich dann nicht länger verstellen und es gab ein ganz unbeschreiblich wunderliches Gebärdenspiel, wenn so in den stark markierten Gesichtszügen des erhitzten Alten der Groll, obschon vorläufig ab officio suspendiert, doch noch gleichsam das Allerheiligste der vollen Versöhnung und inwendigen Vaterliebe maskieren und so ungebührliche Schwachheiten nicht dem profanen Völkchen der im Hintergrunde zusammengekauert auf besser Wetter lauernden Verdammten verkünden sollte.

Kurios war es auch, welchergestalt die neue Versöhnung seiner Umgebung signalisiert ward. Man bekam gelegentlich einen Wink in einer kaum zu entziffernden Pantomime, gewöhnlich aber in irgendeinem Puff und Knuff, oder einem Ruck am Ohrläppchen, dem ein freundlicher Handkuß folgen mußte, zum Zeichen, daß man in dem neuen Witterungswechsel orientiert sei. Wehe aber dem Taktlosen, der auf solche Gunst und Signale alsogleich hätte Freiheiten wagen oder sich auch nur so ungeniert benehmen wollen, wie wenn er die neue Lebensordnung für die alte nehmen dürfe. Er ward dann zum Erschrecken eines andern belehrt, und das war uns ersprießlicher, als wenn uns der Lebenstakt und die Menschenkenntnis in fremden Häusern mit noch größerer Beschämung und bei reiferem Alter hätte beigebracht werden müssen. Wir mußten auf das gute und böse Wetter im Sause Sinn und Verstand richten. Heute ignoriert dies die Jugend und damit zugleich die Autorität und die pflichtschuldige Pietät.

O du seelenguter, du kreuzbraver und grundehrlicher Mann! Du warst ein Geschäftsmann, ein Justizmensch, wie du zu sagen pflegtest! Das warst du freilich in deinem Kopfe; aber in deinem Kerzen warst du ein Kind. Ein vollwichtiger, ein unverletzter und heiliger Mensch warst du in deiner Seele, deinem Charakter, deinem ganzen Gemüt, und die Art und Weise, wie dieser kernige Juristen- Verstand, der alles heil und praktisch aus der Mitte griff, mit diesem Kerzen in eins gebildet und doch wieder über den Bogen gespannt und polarisiert war, so daß der Mensch überall hinter dem Juristen seine Gestus zum besten geben durfte: das machte deinen absonderlichen Humor aus, einen Witz des Herzens, der in Rembrandtschen Lichtern und Effekten auf deinem echt deutschen Antlitz spielte, daß die Menschen, die dich einmal gesehen hatten, dich nie wieder aus dem Sinn ließen.

Wie oft hat dich dein rücksichtsloses Zutrauen betrogen, wovon haben alle deine Manualakten zur guten Hälfte Zeugnis abgelegt, wenn nicht von dem Wortbruch, der Lüge und dem unehrlichen Sinn der Welt? Du legtest aber immer deine eigene vollwichtige Ehrlichkeit in die aufschnellende Wagschale der Nächstenschwäche, so daß dir in deinem Kerzen ausgeglichen blieb, was bei den weltklugen Leuten immer ein ruch bleibt, weil ihnen der Generalnenner im eigenen Genius fehlt, der all die Brüche schwacher Mitmenschen und ihrer Lebensgeschichte hebt.

Deine Juristerei schwamm wie Eisen und Blei auf dem flüssigen Golde deines echt menschlichen Charakters. Dein Welt- und Geschäftsverstand hatte nirgend deine kindliche Seele und das Heiligtum deines sittlichen Charakters angerührt. So lebtest und so endetest du! So hast du deinen Kindern, deinen Freunden, so hast du deinem Lieblinge vertraut; von allen das Beste entnommen und geliebet. Lebe wohl, habe Dank! »Ach sie haben einen guten Mann begraben, und mir war er mehr.« Als er noch lebte, da erkannte ich des Mannes Herz und seinen Wert nicht von ganzem Herzen, nicht so wie heute, nachdem er länger denn zwanzig Jahre in der Erde ruht. O könnt' ich ihn von den Toten auferwecken, wie lustig und guter Dinge wollt' ich noch einmal und bis zu meinem Ende sein »dummer Junge« sein!

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