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Auswahl aus seinen Schriften

Bogumil Goltz: Auswahl aus seinen Schriften - Kapitel 4
Quellenangabe
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typeessay
authorBogumil Goltz
titleAuswahl aus seinen Schriften
publisher
printrunErstes bis fünftes Tausend
editorFritz Lienhard
year
illustratorFranz Stassen
correctorreuters@abc.de
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Lebensinbrunst.

Ich habe eine glückliche Jugend verlebt, und ich werde ihre Ideale nicht altklug meistern, und ihren Genius verrat' ich nimmer an den Werktagsverstand.

Den Torheiten, den Übereilungen und Untugenden der Jugend, ihrer Rücksichtslosigkeit und Einseitigkeit liegt eine Begeisterung, ein idealer Trieb zum Grunde, eine Hingebung des Lebens an das Idol in der Brust; eine Ritterlichkeit, die mit der Welt anbindet und um das Heiligtum kämpft.

Den Tugenden der spätern Jahre und ihrer weisen Lebensökonomie gebricht der große Zug und Ruck einer hehren Begeisterung und Leidenschaft, die über alle Steine des Anstoßes, über die Widersprüche und den Erdenkot im leichten Fluge hinwegzutragen vermag.

Aber es ist besser, vom Leben berauscht, als von ihm gelangweilt, überstopft und angeekelt zu sein.

Besser ein heiliger Traum, als ein unheiliges Erwachen. Glückseliger ein seelenvoller Irrtum und Unverstand, als ein seelenloser Witz und Verstand. Besser ein leichter Kopf und Sinn über einem liebeschweren Herzen, als über einem beschwerten Gewissen ein herzloser oder ein mit Wissen überfüllter Kopf.

Aus den Torheiten und Untugenden, aus den Einseitigkeiten, den Irrtümern, der Unwissenheit und dem Eigensinn der Jugend zeichenredet der Genius der Menschheit ein übermenschliches und überirdisches Wort. Mit den Träumen und Schäumen der Jugend, mit ihrer seelenvollen Gedankenlosigkeit, mit ihrer in Liebes- und Lebensinbrunst verlorenen Selbstsucht treibt die Menschennatur ihren Frühlingsstaat, der Weltgeist aber seine lebendigen Geschichten und sein Fleisch. Mit dem Todes- und Lebensmut der Jugend schließt sich jede jüngste Geschichte an die alten Heldengeschichten an, entrichtet jede Nation und jede Zeit ihre Schuld an die Welt und Ewigkeit; weil an das Ideal, welches über allen Zeiten, allen Völkern und allen Kulturgeschichten steht und allein im Herzen der Jugend eingefleischt und wiedergeboren wird.

Von dem Augenblicke an, wo uns nicht länger eine Idee, ein großes Glauben und Heiligen, eine inbrünstige Liebe und Leidenschaft treibt und trägt, ist es auch mit unserer Charakterwürde, unserer Lebenskraft, unserer Tätigkeit, unserer Poesie und Glückseligkeit vorbei.

Wo ist der Mensch, dem die Lebenswunder im Hirn und Herzen zu schaffen machen, der närrisch vor Lebenslust wird, der dem Morgen- und Abendrot, den länger und kürzer werdenden Schatten, dem kommenden und fallenden Laube, den Tages- und Jahreszeiten, dem Tautropfen, der Schmutzblase in der Gosse (wie sie Himmel und Erde abspiegelt), dem zündenden Fünkchen, der züngelnden Flamme, dem kräuselnden Rauche, dem Schattenspiel an der Wand, dem spielenden Lichtstrahl, dem sprießenden Grashalm, dem rennenden Würmchen im Moose, dem Spinnennetz, den kunstvoll gebauten Honigwaben, dem tummelnden Ameisenhaufen nachdenken muß?

Wo sind die Menschen, die andauernd so fühlen, empfinden und denken; deren Seelen so in das Wunder der Schöpfung verstrickt sind, daß ihre Geister vollauf zu tun haben, sich über den Wassern zu halten? Es sind eben die Dichter, die beseelten Denker, die Genien. Es ist die Jugend, die gebildete und sinnige Jugend, solange sie noch nicht vom Weltwirrwarr und Ehrgeiz, von den Leidenschaften, von der Tagespolitik verderbt und entartet ist.

* * *

Meiner Eltern Dörfchen bleibt in meine Seele gebannt. Das früheste Gesicht zeigt mir den Schauplatz meiner Kindheittage im Winter. Es ist kurz vor Abend, der Himmel bezogen, ein gelindes stilles Wetter, und keine Abendröte zu sehen. Rings von dicht bewaldeten Bergen umgeben, liegt das kleine Gehöft auf einer sanft ansteigenden Höhe, an einem großen, gefrorenen See; und wiewohl kein Lüftchen um meine Wangen spielt, so schlagen doch die graubraunen Büschel der ungeheuern Rohrmassen, mit denen die Seeufer eingefaßt sind, Wellen wie ein Meer. In der Mitte aber blitzt, einem starren Glasauge ähnlich und wie zwischen den bewegten Augenbrauen eines Riesen der Eddasage (der sich in dieser Waldeseinsamkeit zur Nachtruhe niedergestreckt), das spiegelblanke gefrorene Eis. So erzeugt sich die nordische Mythologie im nordischen Menschenkinde fort und fort, vom ältesten bis zum jüngsten Tage.

* * *

Was uns Bälge, Kinder, Rangen, Schuljungen, Pensionsbefohlene betraf, so schuf sich unsere immer fruchtbare und aufgelegte Phantasie aus Scherben oder aus Schuhbürsten, oder gleichviel woraus, alles was ihr eben vonnöten war. Wenn wir neues Spielzeug erhielten, vergruben wir mit wehmütigen Empfindungen und mit einem Vorgefühl der Endschaft, die alles Ding hienieden erreicht, die alten abgedankten Spielsachen in einem Winkel des Hofraums oder des Gartens, um sie zu ihrer Zeit als etwas zufällig Gefundenes, als einen entdeckten Schatz aufzugraben und mit alter Liebe in unseren Spielhimmel wieder aufzunehmen. Wir machten Buden und Keller, Grotten und Kindergärtchen und allerlei Bauwerk an dem verstecktesten Ort. Wir gruben uns künstliche Teiche und Seen und ließen Flotten darauf schwimmen. Wir sorgten uns zum Winter Holzäpfel und Holzbirnen (in Westpreußen Hölzken und Kruschken genannt) ein. Wir agierten Begräbnis und Jahrmarkt, wir waren Räuber, Gerichtsbüttel und Delinquenten, wir spielten Himmel und Hölle, und wer den Teufel vorstellte, graute sich vor sich selbst wie vor einem wirklichen und objektiven Teufel. Wir kriegten viele Prügel und machten einen Witz daraus, einen poetischen Graus, ein romantisches Abenteuer, oder wenn man lieber will, eine Art von Naturnotwendigkeit und unabwendbarem Schicksal, von dem die Jugend betroffen würde, wie etwa die Saaten vom Hagel.

Was auch immer in meinen oder in meiner wahlverwandten Genossen poetischen Bereich kam, es mußte unserer alles verwandelnden und bezwingenden dichterischen Kraft dienen. Uns war alles und jedes ergötzlich und spielgerecht. Alles ward uns zu allem, wir waren Zauberer, denen die Elemente, die unscheinbarsten Stoffe und alle Dinge zu allem dienen mußten, wonach dem Herzen eben gelüstete. Lebendiges oder Totes, gleichviel, uns war alles lebendig, alles gleich lieb. Was gar nicht da war, oder nicht so war, wie wir es eben brauchten, das dachten und phantasierten wir uns so zurecht, wie uns gelüstete, und es stand dann neugeschaffen vor unserem inneren Sinn!

Der Sommer und Frühling waren uns himmlische Jahreszeiten, der Herbst und Winter genügte aber nicht minder unserer Lebhaftigkeit und Einbildungskraft. Wie geschäftig, wie vorsorglich tat man im Oktober mit den Eltern in die Wette, wenn Obst und Gemüse aus dem Garten eingekellert und alle möglichen guten und besten Dinge eingeschlachtet, eingemacht und eingesorgt wurden!? Mit welcher wollüstigen Trauer sah man die Störche ziehen, Flur und Wald sich verwandeln und veröden! Und wenn der Wind nun über das braune Erbsstoppel ging, wenn er welke Blätter vor sich her fegte und in dem goldgelben, immer zitternden Espenlaub alle die glitzernden Herbsttinten durcheinander funkeln ließ, wenn die letzten wilden Gänse abzogen, die Schwalben sich in das Rohrdickicht einsamer Waldseen, oder in die Flußufer verbargen, wenn die armen Leute hastiger Holz und Strauchwerk zusammenschleppten, die letzten steinharten Winterholzbirnen von den Bäumen herabgeschlagen wurden, wenn sich alles von Tage zu Tage, von Stunde zu Stunde, bedenklicher, bedeutungsschwerer gestaltete und verwandelte, die Tage so trübe, so rauh und so karg, die Nächte so traumlang und todesfinster wurden, und alles, alles sich zu einem ganz anderen Dasein, zu einer ganz anderen Weise, zu einer anderen Welt anschickte: wie ergriff das unser Kindergemüt!

Was auch immer die Elemente schufen, es wiederholte sich in unserer Seele: so ereignisreich, so erwartungs- und verwandlungsvoll, so dramatisch hindrängend zu einer gewaltigen Krise, zu einem großen, letzten Akt und Schluß wie in der Herbstnatur, so todesgeschäftig und doch so voll einer beseligenden Hoffnung und Gewißheit eines schöneren Erwachens war es auch in uns.

Endlich fanden wir eines Morgens im Spätherbste die erste dünne Eisrinde auf dem Wiesenbach oder dem Teich. Nun war die neue Welt, die neue Ordnung der Dinge in Wirklichkeit da! Der geheimnisvoll vermummte, der popanzig-grauenhafte, gespenstisch-humoristische und doch so viel Vertraulichkeit erweckende, so viel Märchen und Spukgeschichten, so viel Fest- und Weihnachtspoesie, Glaube, Liebe und Hoffnung, so viele wunderbare, absonderliche Lust in sich schließende und verheißende Winter, den wir nordische Menschenkinder so gemütlich apart für uns haben, mit seinen eingeschneiten Föhrenwäldern und Waldbrüchen, mit seinen kristallnen Brücken, auf welchen die leichtfertige Schuljugend viel geschwinder einbricht als die schwere Artillerie, dieser schnakische und fabelhafte Winter mit seiner Eiszapfenpoesie, an der sich die durstigen Gassenjungen just so wie honetter Leute Kinder Zuckerkandis erphantasieren und Husten erlutschen, mit seinen hungrigen Sperlingen und dummdreisten Goldammern, auf welche vielbesagte Jungen als auf deutsche Kanarienvögel so eifrig und doch so vergeblich Jagd zu machen pflegen!

Dieser in Stürmen heulende, Schneeflocken wirbelnde, alles Leben nach außen versteinernde, nach innen aber zu traumseliger Poesie und Liebe erweckende Winter hatte nunmehr von der Welt Besitz genommen. Glücklich der, welcher einen alten Schlittschuh hervorfand, der verzweifelten Falls nur in einer alten Messerklinge bestand, die in ein Holz eingekeilt war.

Nun fiel der erste Schnee! Wieder ein Jubel, wieder ein Festtag! Man zimmerte an einem Schlittchen mühseliger und betriebsamer als Robinson Crusoe an seinem Klotzkahn, den der Ärmste doch zuletzt liegen lassen mußte. Man schnitt und hackte sich binnen kurzem so sehr in die Finger, als es mit den ziemlich stumpfen Schneidewerkzeugen nur immer möglich war. Nun wurden an den Hausknecht, den boshaft zusehenden Kutscher und an andere kunstfertige Leute die stürmendsten Liebkosungen spottwohlfeil verschwendet; das verhalf endlich richtig zu einem Schlitten! Ging die Sache sehr gut, so wurden auch unter die Kufen ein paar dünne Eisenstäbe beschafft, und sollten sie in aller Unschuld des verzweifelten Begehrs sogar von einem altmodischen Kammerfenster weggebrochen und gestohlen worden sein.

Jetzt war die halbe Welt unser, wir konnten ja auf unserem Schlitten in die schneeweiße und himmelblaue Möglichkeit hineinkutschieren! Hineinkutschieren wohl gar über den gefrorenen See in den jenseitigen geheimnisvollen Wald. Huh! Wie der Schnee unter den Füßen knarrte, das war mal schön, und wie das dunkel durchsichtige Eis so grausig lustig unter einem krachte und platzte, das war noch schöner wie schön! Heiliger Gott! Wir Dorfpensionäre begegneten einst einem Fuchs. Herr Reinecke mit dem weltberühmten Fuchsschwanz träumte wahrscheinlich von einer fetten Gans und ließ sich auch ohne dies ziemlich ruhig betrachten, denn er mochte eben keine gefährlichen Jäger in uns verspüren; nun ward er aber mit furchtbarem Hussa in die Flucht getrieben und bombardiert. Das waren Heldentaten! Das war ein Jagen!

Man zerschlug sich die Nase beim Herabfahren von steilen Bergen, wenn das schlechtgesteuerte Rutschvehikel, das in Ermangelung von etwas Schicklicherem oft nur in einer Hand voll Erbsenstroh bestand, gegen einen Stein anprellte, daß man kopfüber zu liegen kam. Man erfror sich die Nase und Ohren und sonstige Extremitäten, man brach ins dünne und ins dicke Eis, und kriegte vielleicht Prügel, es war aber alles wunderschön, denn es gehörte alles zum Leben und Dasein und mehrte beides, füllte die Seele und stärkte das Gedächtnis; wie konnte es da ein Malheur sein!? Man war ja lebendig, man war in einer Welt voller Abenteuer und voller Wunder, und zu seiner höchsten Verwunderung miterschaffen und mit auf der Welt! Man hatte Augen und Ohren, und eine Zunge, nicht zu vergessen, um Birnen, Äpfel und alle andern guten Dinge damit zu schmecken; ein Paar Beine, um sich aus freien Stücken damit allenthalben hinzuversetzen, ferner an die zehn unnützen Finger, um damit allen möglichen Schabernack zu verführen. Man war abgefüttert, und wenn man nicht weiter in der Schule schikaniert oder von Leibschmerzen und Präservativmitteln, z. B. von Rhabarber und Zitwersamen belästigt war, so wußte man sich seiner Glückseligkeit und Daseinswonne gar keinen Rat! Man jauchzte, daß man drauf los leben durfte, was brauchte man mehr?

Das bloße Wörtchen: lebendig schloß für mich wenigstens von jeher alle sieben Himmel des Hochgenusses und der Wunderbarkeit in sich. Ich konnte rasend werden vor Verwunderung und Wonne darüber, wie doch das eigentlich sein könne, daß ein Ding so mir nichts dir nichts lebendig sei. Eine Kreatur, gleichviel welche, Katze oder Hund, Vogel oder Wurm, vor allen aber freilich ein Vogel, war mir bloß durch die Vorstellung des Lebendigen ein Mysterium. Nie, nimmer hab' ich hernach so die Poesie des Lebendigen und Kreatürlichen erfaßt, als in jener kindlichen Paradiesesunschuld und Glückseligkeit, wo die Seele ganz und gar berauscht ist von dem Wunder und der Schönheit der Welt.

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