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Auswahl aus seinen Schriften

Bogumil Goltz: Auswahl aus seinen Schriften - Kapitel 21
Quellenangabe
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typeessay
authorBogumil Goltz
titleAuswahl aus seinen Schriften
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printrunErstes bis fünftes Tausend
editorFritz Lienhard
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illustratorFranz Stassen
correctorreuters@abc.de
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Schutzrede für die Menschheit.

Laßt mir das Menschengeschöpf in Frieden, und schmähet es nicht!

Der Mensch, sagt ihr Weltweisen aus der Schule, hat keinen rechten Sinn und Verstand, weder vom Leben noch vom Sterben?

Und wenn dieser Erdensohn ihn nun hätte? So könnte er vor Todesfühlung und Gewissensängstigung nicht leben, und vor Lebens- und Paradieseswonne nicht ruhig dem Tod entgegengehen. Und dieser so geschmähte und weggeworfene Mensch erträgt doch das schlimmste Leben, und schafft doch mit seinen Händen etwas Gutes, und arbeitet doch früh und spät, und mühet und sorget alle Augenblicke seines Lebens, und spinnt sich wie der Seidenwurm in sein Grab. Und erlebt seinen Glückswechsel, und erträgt alle die Schickung, und erträgt die Gewissens-, die Todesangst und den Tod. Und glaubet, was er nicht siehet, und begräbt sein Kind und den Menschen, mit dem er es zeugte, und mit dem er ein Leib und eine Seele geworden ist; und ergibt sich bei offenen Sinnen, und inmitten der Natur, in das Übersinnliche und Übernatürliche, und straft seine Sinne und seinen irdischen Verstand Lügen, und glaubet an die Auferstehung des Leibes, der in die Erde gebettet und in Staub aufgelöst wird, und an die Unsterblichkeit der Seele, die er nimmer mit seinen Sinnen zu schauen, zu tasten und mit all seinem Verstande einen Augenblick zu begreifen vermag.

O welche Natur- und Gotteswunder sind in diesem Menschensinn und Verstande wirksam! Welch eine Übernatürlichkeit treibt in dieser Menschennatur, daß sie nicht in dem Augenblicke blödsinnig, närrisch und rasend wird, wo sie bei vollem Verstande den heillosen Widerspruch, wo sie das grenzenlose Elend dieser Millionen, den Aberwitz der Geschichte, wo sie die Sünde und Schande, wo sie die Sorge und Todesnot all dieser Mitgeschöpfe, wo sie die erste Leiche, wo sie den letzten Atemzug eines Menschen entfliehen sieht, mit dessen Seele sie auf Tod und Leben getraut ist!

Was fordert ein Weiser noch vom Menschen?

Du auf Erden verbannter, im Fleische gefangener Gott, wie verwundersam und unauflöslich, wie unbarmherzig und heillos widerspruchsvoll ist dein Geschick!

Sinnloser, hilfloser zur Welt gekommen als ein Tier, wirst du durch Mutterliebe und göttliche Eingebung ein Mensch. Deine Weisen aber, dein Gewissen und die heiligen Schriften fordern von dir das Übermenschliche und den göttlichen Geist, welchen du zu Lehen trägst. Du lebest und bist nicht schlimmer und besser, als dich die Natur und die Übernatürlichkeit, als dich Körper und Geist treiben; aber du sollst in allewege anders sein, als du eben bist. Du sollst und du mußt! Und doch wird dir angesagt, daß du nicht gebunden, und daß du freigegeben bist; und doch verfällst du einer Strafe hier zeitlich und dort ewiglich, wenn du diese Freiheit mit Freiheit, das heißt mit sinnlicher Willkür, gebrauchst!

Du hast also deine Freiheit nicht für deine Freiheitsgelüste, sondern für die Kreuzigung deines Fleisches und Eigenwillens an jeglichem Ort. Du sollst frei sein durch Gesetzlichkeit und Pflicht, und zuwider den sinnlichen und selbstischen Trieben deiner Natur, und sollst diese Natur verleugnen, für eine übersinnliche und übernatürliche Welt, die oft nicht mal in deiner Einbildung, geschweige denn in deinem Glauben und Gewissen besteht, und von der dich die Kluft der irdischen Vernichtung scheidet, die du fort und fort in der Welt und an dir selber erfährst, da der Tod mit dem Leben gegattet ist. So daß du nimmer zu begreifen vermagst, ob und wie du bist gegenüber diesem alles verschlürfenden und verwandelnden Leben der Gottheit, der Menschheit und der ganzen Natur. Und doch bist du eben mit dieser tyrannischen und verführerischen und gefallenen Natur, im irdischen Paradiese, in der kindlichen Glückseligkeit, in der Jugendliebe, und in jedem seligen Traum. Und doch überwindest du eben mit dieser Natürlichkeit und Sinnlichkeit das schwere Erdendasein, die Tagesarbeit, die Tag- und Nachtsorge, die Traurigkeit des Geistes, die Sehnsucht nach der überirdischen Heimat, die Todesbangigkeit, und die Gewissensbeängstigung, die weder der Arbeit noch dem Gebete weichen will.

O, was sinnst du Trauerspiele, du Trauerspieler von einem Menschen, du Schattenspieler und Schattenkämpfer hier auf Erden? Du Staub im Äther, du Gottesäther im Staube! Du dich selbst verkennender, im Fleische verhüllter, du auf Erden verwünschter Gott!

Wer mag wider dich zeugen, wenn er ein übermenschliches Wesen, und wer darf dich anklagen und verdammen, wenn er ein Mensch und ein Geschöpf Gottes ist, wie du!

Deine Torheit, deine Sünde ist des Fleisches, der Zeitlichkeit, des Todes, ist der Erden, von der du genommen bist: denn der Geist sündigt nimmermehr!

Dein Gewissen lehrt dich anders, als du tust und bist: -- so kündigt es also deinen heiligen und guten Geist, der wohl sein irdisches Teil verdammen kann, aber nimmer sich selbst.

So bist du denn in dem göttlichen Abgrunde deiner Seele ingottlich und gut, und kannst nicht böse sein, dieweil Gott in dir wohnet, und aus dir weissaget, und aus dir zeichenredet überall und in jeglichem Augenblick. Und bist nicht närrisch und nicht eigensüchtig in der Tiefe deiner Menschen- und Gottesnatur, und bist nicht der Welteitelkeit untertan, und haftest nicht am Staube: -- du mißhandelst, verleumdest und mißverstehst dich immerdar selbst in der Einfalt deines Verstandes und in deines zaghaften Herzens Demütigkeit. Du bist das andere und oftmals das Entgegengesetzte dessen in Wirklichkeit und bei dir selbst, was du in der Welt und vor deinen ebenso selbstgepeinigten Mitgeschöpfen und Märtyrern einer Gottmenschlichkeit auf Erden so sonderbarlich scheinst!

Siehe, wie sinnlich du auch sein oder dich darstellen magst, du genießest ja ein jegliches, auch wenn es nur dem Erdenstaub entnommen und zugebildet scheint, dennoch in der Erwartung, der Einbildung, in der Vorstellung. Selbst in deinem Hasse birgt sich die Liebe und Leidenschaft zu dem Gegenteile dessen, was du befeindest und verfolgst. Und du hassest nicht etwa, bloß weil du nicht lieben magst oder weil dir der Haß an ihm selbst ein Erstes und Letztes und eine Herzensgenugtuung wäre: denn siehe, du hast wohl ein schwaches, aber kein böses Gemüt. Deine wahre und tiefste Natur ist die Mitleidenschaft mit aller toten und lebendigen Schöpfung; denn solchergestalt bestehet sie selbst und die Menschheit mit ihr, und mit Gott dem Herrn, der nimmer außerhalb der Menschenherzen und des Lebens stehet, das er ins Dasein gerufen hat.

Wie will nun das Lieblingsgeschöpf dieses Schöpfers in allem Ernste lieblos und eigensüchtig und gotteslästerlich, wie will es dem Irdischen, der Sinnlichkeit und Welteitelkeit in der tiefsten Seele zugewendet sein? Nein, wie auch ein schwacher Mensch nach dem Endlichen und Vergänglichen haschen möge: in seinem Kerzen, seinem Gewissen meint und erstrebt er Ewigkeit, Wesenheit und Unsterblichkeit, eine himmlische Ruhe in der irdischen Unruhe! Er bildet und bewahrt in und über aller sinnlichen Zerstreuung und Geschäftigkeit einen gesammelten, einen bleibenden einheitlichen Sinn und Geist, eine gefestigte Welt- und Gottesfühlung, ein unverwüstliches Menschengemüt, das er weder mit Worten noch in Werken auszudrücken vermag, und das er eben um deswillen immerdar in heiliger Gottesscham verhüllt, vor andern gleichwie vor sich selbst. Und so scheidet dieser Wundermensch, dieses Rätsel der Rätsel, vom Leben, mißverstanden, unbegriffen und geschieden zeit seines Lebens selbst von denen, die er liebte und von denen er wieder geliebt ward: gemißdeutet, verleumdet, gemißhandelt, übel regiert und gezogen von denen, die er die Weisen, die Wissenden und Gewaltigen nennt, und die sich selbst so benennen, vereinsamt, inmitten alles dieses bunten, lärmenden Weltgetümmels. So bangt ihn zeitlebens nach einer Seele, die er sich in eigener tiefster Seele vermählen, der er sich opfern könnte; aber er findet sie nicht. Denn ein jeglicher wird von allen verkannt. And so bleibt der Mensch ernst und traurig, wie er schon von Natur empfunden wird, und die Fröhlichkeit geht ihm nicht von Herzen, wohl aber der Schmerz.

Und wie er zur Liebe geschaffen ist, so möchte er mit allen Kräften seines Gemütes auch glauben. Aber wenn er sich dem Glauben in die Arme wirft, so verspottet ihn die Welt und sein eigener Verstand, so verleugnet er die Sinnlichkeit und Leichtfertigkeit, mit der er in diesem Erdenleben besteht.

Wenn er zweifelt, so verzweifelt er alsbald an sich selbst, und der volle Glaube müßte ihn wiederum töten, weil er Gottes Herrlichkeit nicht anzuschauen und zu ertragen vermag. Am Unglauben aber siecht und bricht ihm das Herz, solange er lebt.

O du armseliges Menschengeschöpf, welche sinnlosen Anklagen sind auf dein Haupt, welche selbstmörderischen Peinigungen auf deine Seele gehäuft!

Helfen auch dem Blindgeborenen die Sonnen und Monde, welche Tag und Nacht für die Sehenden am Himmel stehen? Und wird der barmherzige Schöpfer die Kranken, die Krüppel, die Irren, die Schlaftrunkenen, die Träumenden, die Welttrunkenen, die Unmündigen, die Blödsinnigen, die Halbwilden und die Heiden darum noch strafen, daß sie schon auf Erden zum Gefäße des Zornes ausersehen waren, daß sie schon hienieden den Himmel und die Segnung der Gesundheit, der Seelenreinheit, der Geistesreinheit, der Gewissensruhe, des innern Friedens, der reinen Freude und des himmlischen Lichtes entbehrten? Und wenn die Freiheit, wenn der Glaube, die Liebe, die Wahrhaftigkeit, alle Tugend und Gottseligkeit eine Gnadenwirkung und Kraft Gottes ist, mehr, als des schwachen Menschen Verdienst: soll dann die Unfreiheit, der Unglaube, die Lieblosigkeit, die Unheiligkeit, die Gottlosigkeit und die Sündhaftigkeit nur die ausschließliche Schuld des Menschen, und so gar nicht sein unerforschliches und unvermeidliches Erdengeschick sein?

O leget einer Mutter ihr verlorenes Kind, und dem Kinde die verlorene Mutter in die Arme, und sehet zu, ob sie einander ans Herz drücken werden oder nicht!

Führet den Dürstenden zur Quelle, brechet dem Hungrigen euer Brot, und meinet nicht, daß sie Speise und Trank verschmähen!

Herr, mein Gott, vergib meinem blöden Geiste, wenn er irre redet! Lästern will und kann er dich und deine Gebote nimmermehr! Du allein aber kannst wissen und richten, wieviel ein jegliches deiner Geschöpfe, und wieviel ein sinnlicher und schwacher Mensch von deinen heiligen und übersinnlichen Geboten hier in dieser Sinnenwelt, in einem Körper von Erden und Staub, für Zeit und Ewigkeit auf einmal zu vollbringen vermag! Und was auch an dem ihm gebotenen Maße der Tugend und Frömmigkeit fehlen möge, deine göttliche Barmherzigkeit gleichet es aus von Ewigkeit zu Ewigkeit!

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