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Auswahl aus seinen Schriften

Bogumil Goltz: Auswahl aus seinen Schriften - Kapitel 13
Quellenangabe
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typeessay
authorBogumil Goltz
titleAuswahl aus seinen Schriften
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printrunErstes bis fünftes Tausend
editorFritz Lienhard
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illustratorFranz Stassen
correctorreuters@abc.de
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Der deutsche Genius

Die deutsche Nation kann keinen Charakter im Sinne der andern Nationen haben, da sie sich durch die Literatur, durch Vernunftbildung zu einem Weltvolke geläutert hat, in welchem die ganze Menschheit ihre Lehrer und Erzieher anzuerkennen beginnt. Ja wir sind, wir waren, wir bleiben die Schulmeister, die Philosophen, die Theosophen, die Religionslehrer für Europa und für die ganze Welt. Dies ist unser Genius, unsere Nationalehre und Mission.

Gibt es eine Weltökonomie, eine göttliche Vorsicht, einen Fortschritt des Menschengeschlechts, eine wachsende Humanität, so wird es auch eine deutsche Rasse geben bis zum Ende der Welt. Aus ihr entnimmt die Gottheit die Erzieher, die Propheten, die Reformatoren, die Helden, die Philosophen und Dichter des Menschengeschlechts. Eben darum aber muß der Deutsche ein Universalmensch, muß die deutsche Rasse eine universell-persönliche, und die Konstruktion dieser Persönlichkeit für den Schulverstand eine unmögliche sein; denn was vom Schulverstande als Widerspruch begriffen wird, besteht als Weltgeschichte, als Welt, die trotz aller Verstandes- Widersprüche diese wirkliche, unverwüstliche Wunder- und Gotteswelt bleibt. Gebärt sich das Dasein aus Sein und Nichtsein, ist die Ewigkeit in der Zeit, der Geist in der Materie und das Weltobjekt in den Subjekten gehalten, ist der Anfang aus dem Nichts gekommen, oder die Zeit ohne Anfang und von Ewigkeit: so wird auch das deutsche Volk seine Geistesherrschaft und Eigentümlichkeit trotz seiner Zerfahrenheit, so wird es seine Nationalität in seiner Weltbürgerlichkeit bewahren; so wird es weder im Idealismus noch im Materialismus untergehen.

Die unbändige Adamsnatur hat sich der Schule, der Kirche, dem Staate, der Sozietät und letztlich den Launen der ewigwechselnden Mode gefügt. Gleichwohl ist noch bis zum heutigen Tage ein Tropfen rebellischen Adamsblutes übrig geblieben, der die absolute Zähmung und den Abschluß der Kulturprozesse, zum Heile der Lebenspoesie, des Mutterwitzes, der Liebe und der Glückseligkeit verhindert. Dieser Blutstropfen prozessiert aber in den slavischen und romanischen Völkern, wegen des Mangels an Schulvernünftigkeit so stark, daß er alle Kulturerrungenschaften aufsaugen würde, wenn die Deutschen nicht mit ihrem Sinn für Vätersitten, für gefestigte und eingelebte Formen das gestörte Gleichgewicht von Sinnlichkeit und Vernunft, von Natur und Übernatur immer wieder herstellten.

Diese Weltvernunft des Deutschen also, welche dem übersinnlichen Faktor des Menschenlebens ebensoviel Rechnung als dem sinnlichen zu tragen versteht, diese absolute Natur des Deutschen, welche ihn zum bloßen Nationalstolz untauglich macht, ist der Grund und die welthistorische Kraft der deutschen Nation.

* * *

Wen die deutschen Sprüchwörter nicht durch und durch erbauen, der hat kein deutsches Gewissen und keinen deutschen Witz.

Wie ist das alles rund und reinlich, wie heil verständig aus der Lebensmitte gegriffen, und wie gutmütig gesagt; so tief und durchsichtig wie die See an den Bahamainseln, wo der Schiffer über einem grünen Abgrunde von tausend Klaftern schwebt.

Und gleich dem Meere werfen auch die deutschen Sprichwörter Muscheln, Perlen, Bernstein mit eingeschlossenen Insekten, manchmal auch Ungeheuer an den Strand.

Wie fromm ohne Scheinheiligkeit, wie ehrbar und tugendbeflissen ohne Sittlichkeitsziererei, wie gewissenhaft ohne Gewissenszwang sind diese deutschen Lebensregeln! Heilig und in sich selbst begründet wie die Natur, einfältig und doch grundgescheit, -- klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben; von aller Weltempfindung getragen, sind sie doch immer an ganz bestimmte Gegenstände und Geschichten angeknüpft; das nennt man Theorie und Praxis in einem Puls und auf einen Hieb.

Aus diesen deutschen absoluten Worten, die so wahrhaftig und doch so liebenswürdig, so billig und strenge, so anspruchslos und doch so herausfordernd in voller Manneskraft, so gesetzmäßig und doch so ungebunden sind, blicken uns die deutschen Augen an mit ihrer ehrlichen Schelmerei, der deutsche Freimut mit seinen treuherzigen und schämigen Gebärden, der deutsche Tiefsinn mit seinem herzigen Spaß, das deutsche Gemüt mit seiner, von Zukunft und Vergangenheit bewegten, von Natur und Gott erfüllten Seele. Jedes dieser Worte ist ein deutscher Herzschlag, ein deutscher Handschlag, ein deutscher Mann.

Die deutschen Sprichwörter sind das Vermächtnis des deutschen Genius an jedweden Deutschen ohne Unterschied des Geistes, der Erziehung, der Lebensverhältnisse, des Alters und Geschlechts -- eine Norm für Sitte und Lebensart, für Handel und Wandel und jeglichen Verkehr, sei's mit Menschen, mit Dingen, mit Natur oder mit Gott dem Herrn.

Diese Sprüchwörter und Redensarten sind eine lebendige, in allen Geschichten wurzelnde, eine ewig sprossende, blühende und fruchtende, eine auf den Gassen verkehrende Weisheit, für alles Volk und alle Zeit, wie die Heilige Schrift, aber stetig vermehrt und neu aufgelegt in jedem deutschen Gemüt. Sie sind das zirkulierende Kapital des deutschen Geistes, Zins auf Zins häufend, wuchernd in allen Fakultäten bei Mann und Weib, in Kindern und Erwachsenen, in Gelehrten und Laien -- in Staat und Familie, in Schule und Haus!

Das köstlichste ist noch, wie bei Wasserquellen, Volksliedern und Märchen: der Schatz ist unversiegbar da, und niemand präsentiert sich als Schatzmeister oder Autor. Man verdankt niemanden etwas, als dem Genius des Volkes, und man nimmt die Lehre ohne Neid und Widerspruch, mit unbefangenem Gemüte an, weil man keiner einzelnen Person verpflichtet und von keiner beherrscht ist.

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In den deutschen Volksliedern spiegelt sich der unergründliche Dualismus des deutschen Wesens am wunderbarsten ab. Unser Volkslied atmet ebensoviel freieste, keckste Lebenslust als Melancholie. Es unterscheidet sich eben dadurch von den Gesängen anderer Nationen, daß sein Geist nicht, wie bei den Slaven, in Seele und Sinnlichkeit ersäuft wird, sondern die Fülle und Mannigfaltigkeit der Naturerscheinungen wie der Weltverhältnisse beherrscht.

Es charakterisiert unser Volk, daß es die Kraft seines Herzens aus dem lebendigsten Verkehr mit der Wirklichkeit bezieht, daß es nicht nur Novellen, Kriegs- und Staatsaktionen zu besingen, sondern alle Töne anzuschlagen, daß es Wander-, Jäger-, Bettler-, Fuhrmanns-, Fastnachts-, Schelmen- und Trinklieder zu singen, sich mit dem derbsten, dem ungereimtesten, dem tollsten Leben in Harmonie zu setzen versteht; und dann wieder ist es das deutsche Lied, welches uns ein Adieu, ein »Scheiden und Meiden«, ein Lieben und Leiden, eine Vereinsamung der Seele mit Worten vorsingt, in welchen der ganze bunte Weltwirrwarr, den unsere Sinne entzündeten, wie ein chinesisches Feuerwerk erlischt.

Und wie können diese einfältigen Liederworte, die bekanntesten Naturbilder solche Zauberwirkungen tun? -- Sicherlich, weil sie so knapp und keusch, so ungeschminkt und ungesucht, weil sie eben so einfältig sind!

Das deutsche Volkslied ist es, welches uns die tiefsten Mysterien, nicht nur der Poesie und des Menschengemüts, sondern der Sprache und Lebensökonomie erschließen könnte, wenn wir einen Überrest von dem symbolischen Verstande behalten hätten, der die Hieroglyphen der Natur und die Zeichensprache des Herzens zu deuten, der zwischen den Zeilen zu lesen versteht.

Das übervolle Herz kennt keinen Gegensatz von Welt und Individualität, es kennt keine Methode und keinen Widerstreit von Mitteln und Zwecken: es fühlt nur seine Freude oder seinen Schmerz und erlöst in diesem liebenswürdig-naiven Egoismus den Hörer und Leser von der Tyrannei eines Verstandes, der die Mysterien der Seele und Persönlichkeit aller Welt in schulgerechten Formen zu vermitteln bestrebt ist. Diesen Zauber wirkt das Volkslied. Seine Armut ist sein Reichtum, seine Weisheit besteht in seiner naiven Lebensökonomie, seine Lebenskraft in seiner Konzentration auf den engsten Raum; seine Wehr und Waffe in seiner Unschuld und Unwissenheit.

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Das Nibelungenlied, dieses ehrwürdigste deutsche Dichtwerk, dessen Stoff den Zeiten der Völkerwanderung entstammt, zeigt uns, daß ursprüngliche Schöpfungen nie unter fertig gemachte Rubriken zu bringen sind. Auf die Nibelungensagen passen weder die gangbaren Kategorien von Idealismus und Realismus, noch von einer förmlichen Versöhnung beider Faktoren. Es ist in dieser Dichtung ein elementarer Naturalismus, jedoch von einer sittlichen Potenz und von einer Gewalt der Phantasie emporgetragen, welche weder dem altromantischen, noch dem modernsentimentalen oder dem philosophischen Idealismus entspricht. Der realistische Faktor des urgewaltigen Gedichts bekundet durch die tiefe Charakterzeichnung, die grandiosen Leidenschaften und die bestimmt gestaltete Fabel ebenfalls eine Größe, die keinem andern bekannten Gedicht vergleichbar ist. Endlich haben wir in diesem gewaltigen Epos, welches uns ein Maß der natürlichen Charakterenergie zur Anschauung bringt, von dem wir Modernen taumlig werden, eine Form zu bewundern, die sich bei aller Rauheit, Roheit und Monotonie gleichwohl organisch aus dem Charakter der Personen wie aus ihren Situationen herausgebildet und die Fabel ganz so aus einem Wuchse mit der Handlung zeigt, wie sich diese selbst, als die naturnotwendige Entfaltung der Charaktere, darstellt.

Diese Nibelungen sind eine Steineiche aus dem Teutoburger Walde, die Früchte Eicheln; aber der Baum selbst, sein Holz, sein Wuchs, sein Laub, sein Schatten, seine Symbolik hat unendlich mehr zu bedeuten als eine ganze Orangerie!

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Das deutsche Volksmärchen ist eine wahrhaftige Naturgeschichte der deutschen Sitte und des deutschen Gemüts. Bei keinem Volke der Welt sind, wie bei den Deutschen, Seele und Verstand so ehrlich versöhnt und doch neckisch kontrastiert; bei keiner Menschenrasse ist die Phantasie so liebenswürdig in die Wirklichkeit hineingebaut, sind Traum und Wachen, Natur und sittlicher Geist, Pantheismus und Gottesglaube so paradiesschön zusammengetraut. Jede Falte und jeder Winkel des Märchenherzens atmet Menschenliebe, Blumenduft, Religion und Gerechtigkeit, Naturliebe und Gottesfurcht, Heimweh und Wanderlust in die weite Welt, Eigenart und Selbstvergessenheit, Kleinmut und Trotz auf eigne Kraft, Einfalt und Grübelei, Wunder und Zweifelsucht, Herzenssorge und leichten Sinn, Schwermut und Ausgelassenheit: alle Gegensätze des Menschengemüts sind im deutschen Märchen zu einer Wunderwelt versöhnt, die uns mit Adamskräften anhaucht und auf Engelsflügeln durch alle Weltreiche führt.

So voll Mitleidenschaft für das Geringste und voll Tiefsinn für das Größeste, so mutterwitzig und so herzig zugleich; so schalkhaft- spaßig und so voll süßer Melancholie, so flatterhaft und gewissensängstig, so verwandlungsvoll und so selbstgetreu, so vom Lebenswein berauscht, und so naiv-brüderlich mit dem Tode gepaart ist nur der deutsche Märchenhumor. In ihm hat der Himmel Kindesunschuld und Prophetenweisheit, den Liebreiz des Weibes und die Gedankenkraft des Mannes, hat er die Blüte und Frucht des deutschen Gemüts und Gottesgewissens zutage gelegt und doch in den Duft des Paradiesesgartens gehüllt.

Wenn wir an einem stillen Wasser stehen, so verschmelzen Licht und Finsternis, so sehen wir die Wolken und die Ufer zurückgespiegelt, und auf den blauen Tiefen des Himmels schwimmt unser Gesicht. Wir baden nackt im Element, es näßt und erfrischt unsre Glieder, wir tauchen unter, aber wir begreifen nichts von dem himmlischen Wunder, auch wenn es uns als verschmachtete Wanderer aus dem Felsenquell erquickt und dem Leben wiedergibt. Ganz so geschieht uns im Märchen. In ihm allein, wie in keiner andern Poesie ist das Idealste, das Unerreichbarste mit dem Nächsten und Handgreiflichsten getraut. Das deutsche Märchen legt uns in die Fesseln des Traums und doch fühlen wir uns so frei und leicht wie in unsrer wahren Natur. Wir werden so erfüllt, und doch so erleichtert und aufgeräumt; wir erfahren so neubegierig eben das, was von Anbeginn im Seelenabgrunde lag. Uns ist so geweckt und verständig zumute wie kaum im wirklichen Leben, und gleichwohl verkehren wir mit guten und bösen Geistern, mit Hexen, Riesen und Zwergen, mit Tod und Teufel »Du auf Du«.

An jedem Worte hängt ein Tröpfchen Blut, denn die deutschen Gedanken sind mit dem Herzen getraut. Das deutsche Volk allein hat einen beseelten Verstand, einen solchen, in welchem Phantasie und Sittlichkeit nicht geschieden sind.

Die orientalischen Märchen bilden nur den Körper einer oft sinnlosen Wunderwelt. Nur das deutsche Märchen vertieft sich in die Mysterien des Menschengemüts mit dem sinnigsten Verstande, mit einem Takt, der alle Tonleitern des Herzens, seiner leisesten Dissonanzen, seines Melodienreichtums, seiner Himmel- und Höllenfahrten kundig ist. Das deutsche Märchen gibt uns den Ätherleib, der sich aus den Herzensgewohnheiten, aus dem Nachtönen der Geschichten, aus ihrem Blumen- und Moderduft erbaut.

Wo es Abenteuer gibt, da erfahren wir auch, was sie in der Seele und in dem Gewissen der Abenteurer wirken. Nur die Odyssee gleicht in dieser Zurückspiegelung der Dinge und Erlebnisse im Menschengemüte dem deutschen Märchen; übertroffen wird sein psychologisches Leben nur von der Heiligen Schrift, insbesondere von der Geschichte Hiobs und der ährenlesenden, fromm-fleißigen Ruth. Unübertroffen bleibt unser Märchen aber in der Herzensfrische, der Herzenslaune, in dem Witz des Herzens, mit dem ohne Aufhören die allergewöhnlichsten Dinge und Verhältnisse in ihren kleinsten Zügen photographiert werden, und gleichwohl zeigt sich mit diesem Realismus des Alltagslebens seine ideale Bedeutung erfaßt.

Die deutschen Märchen werden nicht müde, den Segen, welcher in Mitleidenschaft und tätiger Hilfe liegt, einzuschärfen. Die Lieblingshelden, die elternlosen oder zurückgesetzten Kinder widmen Teilnahme und Beistand toten wie lebenden Dingen. Ein kleines Mädchen, eine verlassene Waise geht ratlos in die weite Welt; aber unterwegs macht sie einem kleinen Bache Luft, indem sie ihre schwachen Kräfte anstrengt, einen Stein aus dem Wasser zu schaffen. Dann wieder trägt das wandernde Kind ein Fischchen, welches aufs Trockne geraten ist, in sein nasses Element, und einen aus dem Nest gefallenen Vogel zu seiner Mutter zurück. Einem kranken Kinde macht sie zum Zeitvertreib ein Mühlchen und bläst es todmüde mit ihrem letzten Odem an. Den Anstrengungen erliegend, wird die kleine Heldin von dem Bache erfrischt, von dem Vögelchen gefächelt, von dem Fischchen mit bunten Muscheln erfreut, und von dem Engel, der als krankes Kind ihr Herz geprüft, gesund und glücklich gemacht.

Ob die Märchenmenschen traurig oder fröhlich sind -- jedesmal wenn sie ihr Herz schwer oder bewegt fühlen, in jungen und alten Tagen wandern sie in die freie Natur und finden in ihrem Verkehr Erleichterung wie Rat. Im Märchen gewinnt ganz wie in der Kindheit jedes Wetter, jede Jahreszeit und Gegend eine Beziehung zum menschlichen Gemüt.

Auf der unfruchtbaren Heide, am öden Meeresstrande, tief im Gebirge zwischen starren Klippen ist den Märchenhelden die Natur nicht minder ans Herz gewachsen, als in einer lachenden Flur; und die arme Witwe, der arme Fischer, Hirte und Jägersmann fühlen ihr Hüttchen als segensreiches Obdach im doppelten Maß, wenn es vom Wetter umstürmt, oder im Schnee begraben wird. Das Herz und der fromme Sinn des Märchens erkennt die Gottheit im Aufruhr der Elemente, im unbarmherzigen Frostwetter, wenn der Himmel eine Glocke von blauem Stahl, und die Erde eine versteinerte Naturgeschichte zu sein scheint; denn er weiß, daß der strenge Winter den wilden Tieren den wärmsten Pelz wachsen läßt, daß nicht alle Vögel tot aus der Luft herabfallen, und daß der Gott, welcher die Saaten unter dem Schnee ausgrünen läßt, noch vor dem Tauwetter der Freund und Wohltäter seiner Geschöpfe ist.

Das Märchen legt die Naturreligion, die Naturphilosophie und Naturdichtung des deutschen Volkes dar, und doch ist diese Naturliebe und Poesie kein heidnischer Pantheismus, sondern ein herziger Gottesglaube, der in der Natur die Umgebung und den Körper des Schöpfers, das Mittelglied und die Bildersprache begreift, durch die sich Gott auch den Sinnen der Menschen offenbart.

Vor allen Naturszenen aber ist es der Wald, in welchem sich alle Naturgeheimnisse und Naturwohltaten zusammenfinden. Man müßte ein Buch schreiben, wenn man die Sympathien des deutschen Märchens für den Wald erschöpfen und zergliedern wollte, und dieses Buch würde dann zugleich der Kern der ganzen Naturheiligung, der Naturliebe und des deutschen Gemüts sein, dessen Pole der Traum vom Paradiese und vom Himmelreich nach diesem Erdenleben sind.

Was sich nur irgend in einen großen Wald von Phantasiestücken hineinpacken, von Tier- und Räuberhöhlen, von Menschenfressern, von guten und bösen Zauberern oder Tieren und Abenteuern hineindichten läßt, das hat das deutsche Märchen in die Wälder verlegt. Was die böse, überkluge, nüchterne, lichte und kalte Welt verschuldet und verwickelt, das muß der grüne, geheimnisvolle, bezauberte, finstere, der Kultur verschworene, aber dem Naturrecht getraute Wald wieder lösen und zu Rechte bringen. Wer noch ein Herz im Leibe hat, dem muß es weh tun, daß er nicht im Walde wohnen und von Waldbeeren leben kann.

* * *

Es kommt eine Zeit für uns alle, wo wir, der Welt und des Weltverstandes müde, von den Erinnerungen der Kindheit und des Elternhauses leben; wehe dann dem alten Menschen, der keine Mutter hatte, die ihm die Anfänge seines Daseins zum Kinderparadies und Heiligtum geweiht hat.

Man vergißt in den spätern Lebensjahren alles, man erleichtert den Geist von dem Wust des Gelehrten und des profan Erlebten, um gesäubert sich in die heiligen süßen Zeiten zu versenken, wo Mutterliebe unsere Schritte behütete und der Himmel auf Erden war. Was uns eine fromme und gute Mutter gelehrt, was sie durch ihr Beispiel, ihre stillen Tugenden, ihre liebenden und strafenden Gebärden, durch ihre Worte und Werke dem Kinderherzen eingeprägt hat, das gräbt sich ihm wie ein Evangelium immer tiefer ein, das bildet bei gefühlvollen Menschen den Grund und Boden ihres Gewissens, ihrer Lebensarten, ihres Gemütes; das verschmilzt mit der Heiligen Schrift zu einer Religion, die nichts Späteres, nichts Fremdartiges und Unreines in ihrem Schoße leidet, sondern einem Gletscher ähnlich das herausscheidet, was zufällig hineingefallen ist. So werden die Mütter, ohne daß sie es wollen und wissen, die Begründer der Grundanschauungen, der Neigungen, der Biographien; so bilden sie einen Faktor des Staats, wie Natur und Seele eine Hälfte des Menschen ausmachen.

Der Mensch hat nun einmal eine Enge, wie eine Weite; er ist eine Person, er besitzt ein Herz; und was sich nicht auf dem Angelpunkte dieses Schwerpunktes der Persönlichkeit bewegt, das bewegt sich auch nicht um die Welt. Es muß unendlich viele kleine Welten in der großen Welt, und es muß ebensoviele natürliche Heiligtümer geben, wenn der sinnlich beschränkte Mensch das große Weltheiligtum fassen, wenn er in dem, nach mechanischen und mathematischen Verstandesgesetzen konstruierten Staate noch einen Anhaltspunkt für sein Herz und sein persönliches Leben finden soll.

Ein natürlicher Mensch wächst und bildet sich wie ein Baum. Ring legt sich um Ring, und mit jedem verdichtet und verharzt sich der innerste Kern. Wer nicht einen festen Herzkern aufzeigt, besitzt auch keine gefestigte Peripherie; wer nicht um seine eigne Achse rotiert, hat auch keine Bewegung um den Himmel; wer nicht natürlich ist, kann nicht übernatürlich sein; und wer nicht in einem engen Kreise, in einer festen Heimat, in einem Elternhause für die weite Welt vorgebildet wurde, bleibt ein unbeseelter Verstandesmensch, er sei, er arbeite und leiste, was er wolle.

Das Familienleben, die Mutterliebe, die Erziehung im elterlichen Hause bleibt die Pflanzstätte für den Kern der deutschen Natur. Bei den Deutschen wurzelt das Leben zu tief in der Familie, in der Natur und Religion, in der tiefsten Wissenschaft und Kunst, als daß sie mit ganzer Seele und ganzem Verstande Kommunisten, Sozialisten, Staatspolitiker und Kosmopoliten werden könnten. Will man diese Tatsache im Ernste abstellen und mit irgend einem Musternationalstolz vertauscht haben, so muß man dem Deutschen verbieten, ein deutscher Geniemensch, ein Normalmensch zu sein.

Ein fester Körper ist nur ein solcher, wenn seine kleinsten Teilchen fest und körnig sind. Wer also nicht bereits in der Familie eine feste Grundlage, Sitte, Liebe, Gewohnheit, Pietät und Persönlichkeit gewinnt, der erhält diese festen Faktoren nirgends.

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Die Heimat gehört zu unserm Körper, sie ist unser ätherischer Leib.

Wir können ebensowohl unsre sinnlichen Organe missen, als die Jahres- und Tageszeiten, den Himmelsstrich, den Grund und Boden, die Berge und Täler, das Meer oder die Wüste, wenn unsre Sinne mit diesen Naturszenen von Kindesbeinen an zusammengewachsen sind.

Mit den gewohnten Naturbildern und Verwandlungen, mit der eingeatmeten rauhen oder schmeichelnden Luft kehren ja die alten Stimmungen und Gedanken, die Sorgen und Freuden unseres ganzen Lebens zurück. Nur an den gewohnten Gegenständen, Situationen und Beschäftigungen repetieren wir unsere Biographie, nur in den eingelebten Formen behalten wir unser Selbst, haben wir eine Geschichte und diejenige Stetigkeit, ohne welche es zu keiner festen Charakterbildung, zu keinem Grundton der Seele, zu keinen, mit der Seele verwachsenen Gewohnheiten, zu keiner Sitte, zu keinem Gemüt kommen kann. Nur die Heimat kann ein Familienleben erzeugen, kann Sitten und sittliche Charaktere, kann Sinn und Verständnis für die Geschichte bilden. Ohne Heimat sind wir einer Felsenpflanze gleich, die ihre Nahrung allein aus den Lüften saugen muß.

Der beklagenswerteste Grundirrtum unserer Zeittendenzen ist der, daß nur der vollständige Bruch mit den letzten mittelalterlichen Grundlagen und Erinnerungen das neue Leben von seinem letzten Hemmnis befreien könne, daß Ablösung von dem geschichtlichen Boden, von der heimatlichen Scholle, von Sitte und Religion für eine Erlösung gelten soll.

Wer uns die Heimat nimmt, schneidet uns die Gegenwart von der Vergangenheit ab, nimmt unsern Sinnen die gewohnten Anknüpfungs- und Anhaltspunkte, dem Körper den Boden unter den Füßen.

Der Geist wächst nur auf einem festen Boden groß, dieser Boden ist die Natur; nur die Gewohnheit fleischt uns die Naturgeschichten so ein, daß sie dem Geiste getraut werden. Wer aber keine Heimat, keine eingelebten Formen, wer gar keine Gewohnheiten hat, dem fehlt auch die Natur und die Art von Charakter, welche Natur und Geist im untrennbaren Zusammenwuchse zeigt; das ist eben das Gemüt. In ihm allein ist die sinnliche Natur mit der übersinnlichen Welt, sind Geist und Seele, Wissen und Gewissen, Wille und Vorstellung, Eigenart und Gottesgefühl, sind natürliche Akkommodation und sittliche Charakterenergie versöhnt.

Nur das Gemüt des Deutschen begreift die Poesie des Alten, die veredelnde, versöhnende und vergeistigende Kraft der Zeit, der Geschichte, welche allen Geschichten den Goldgrund und allen Helden den Heiligenschein malt.

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Dem Gesunden ist alles gesund. Im harmonisch gebildeten Menschen reimt sich alles zur Harmonie, während im Narren auch die Weisheit zum Aberwitz wird. Persönlichkeit ist das Geheimnis der Gottheit, der Natur, der Poesie und Religion. Durch die Persönlichkeit wird entschieden, was gut und böse, dumm und gescheit, schön und häßlich, heilig und unheilig ist. Da aber bedeutende Persönlichkeiten und Charaktere eine Seltenheit sind, so konnte der großen Masse nichts willkommener sein, als die moderne Antipathie vor dem Genie, der Krieg gegen die Autoritäten, und die Parole von der »Objektivität«, unter welcher man eine Unpersönlichkeit versteht, die in leidenschaftlichen Augenblicken zur herzlosesten Selbstsüchtigkeit wird.

Wer an die Freiheit und Würde des Menschen glaubt, der wird die Persönlichkeit ausgezeichneter Menschen, der Propheten, der Helden und Reformatoren, der großen Dichter, Denker und Künstler aller Zeiten als eine Macht empfinden, die auf seinen eigenen Willen und Glauben einen Einfluß haben darf.

Die Leute, deren durchsichtiger Stil und durchsichtiger Charakter so gelobt wird, kommen mir wie Fensterscheiben vor. Menschen sollen nicht wie Glas sein. Ein Charakter ist selbst das reellste und interessanteste Objekt; er soll sich keineswegs herabwürdigen, der bloße Träger und das Organ für moderne Ideen zu sein. Wo wir solche Organe finden, da fehlt eben die Charakterwürde, die Charaktertiefe und Energie, da fehlen die Mysterien des persönlichen Lebens, da fehlt die Person. Der Charakter kann zu kompliziert, zu dunkel werden; aber ein rechter Mensch muß Schatten, muß ein Mysterium und eine gewisse Undurchsichtigkeit haben, oder ihm fehlen Natur und Gemüt.

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Die kulturhistorische Bedeutung des Deutschen scheint darin zu liegen, daß er vollkommener als der Mensch irgend eines anderen Volkes das schöne Menschentum, das Maß zwischen Willenskraft und Divination, zwischen Seele und Verstand, zwischen Arbeit und Gebet, zwischen Familienleben und Öffentlichkeit zu treffen versteht. Hat man bis in die neueste Zeit den Mangel an Nationalleben mit Recht getadelt, so wäre es heute nicht minder in der Ordnung, daß man wiederum das Gemütsleben der sogenannten Gebildeten zu vertiefen suchte; wenn auch nicht durch Traktätlein oder Romanleserei, oder durch ein Philistertum, welches Gemeinsinn und Nationalleben mit politischer Kannegießerei vertauscht. Jedenfalls aber ist so viel gewiß, daß es unsern Literatur-Taglöhnern ganz und gar an Gemüt und Mutterwitz gebricht; daß Künste und Wissenschaften weder im politischen Schematismus, noch im populär-naturforscherlichen Materialismus erstarken werden. Die Poesie bleibt zuletzt doch Poesie, und selbst die deutsche National-Poesie steckt unmöglich in der öffentlichen Meinung oder im National-Tintenfaß unserer modernen Ästhetik und Kritik; sie strömt vielmehr aus den Millionen Quellen unserer Herzen, die der großherzigste Poet seines Volkes in sich aufnehmen, die er mit seinem Blut- und Nervensaft mischen darf. Die Literatur-Ästhetik und Literatur-Demagogie zeugen nimmermehr eine National-Poesie.

Poesie kann nur da sein, wo unsre Seele von der elementaren Natur erfüllt und unser Geist vom Geiste Gottes getrieben wird. Die Modernen aber verleugnen die übermenschliche Kraft.

Das Mysterium der Poesie ist die Liebe und Mitleidenschaft -- aber die Leidenschaft muß vom Geiste gezügelt sein, denn andernfalls entarten Divination und Liebe zur Dämonie.

Es geht ein himmlischer Rhythmus durchs Leben, auf den sich alle irdischen Rhythmen und Noten einzählen müssen. Es beseelt uns alle derselbe Sinn und Geist, der uns zu einer Menschheit, zur Natur, zum Weltganzen vereint. Diesen Rhythmus, diesen allgemeinen Geisterzug, dieses Ganze, diesen Gott will der deutsche Mensch vernehmen und mehren; ihn will er versinnlichen, predigen und kundgeben in seinen Worten, wenn er ein Dichter und Denker ist; in seinen Werken, wenn er als Held und Reformator auftritt.

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Den Studien und Bestrebungen Lessings fehlt das Zentrum, weil er sich von der Welt her zum Ich durchgefunden hat. Er scheint wunderbarerweise vom menschlichen Egoismus befreit; dafür wäre ihm aber auch mehr Innigkeit und Wärme des Gefühls, mehr Seele im engeren Sinn zu wünschen. Aber das geschonte Gefühl und der Mangel an Phantasie erklären es vielleicht, daß sich eben mit Lessings Verstand eine ganz eigentümlich instinktive Tätigkeit verbunden zeigt, die ihn nicht nur die faulen Stellen in der Literatur und im Leben seiner Zeitgenossen, sondern auch die Methode finden ließ, mit der das Übel zu beseitigen war. Lessing war aber nicht nur der Arzt seiner Zeit, sondern seine Autorität und Methode, seine Werke, die man eben so vielen spezifischen Medikamenten und Lebens- Elixieren vergleichen darf, wirken ebenso lebendig noch in unserer Zeit fort. Aber daraus, daß dem Patienten der Doktor nötiger tut als ein Pfarrer, darf der Patient nicht schließen, daß ein Arzt schlechterdings größer und nützlicher ist als ein Theolog; und so darf man auch nicht Lessing auf Herders Unkosten loben, bloß weil feststeht, daß Herder durch seinen romantischen Geist und Zug viel deutsche Schwächen und Unarten zur Reife gebracht, Lessing dagegen viel Schaden operiert hat.

Lessing nimmt insofern eine unberechenbare Bedeutung für unsere Literatur und unsere ganze Bildung bis auf diesen Tag in Anspruch, weil er einen Faktor besitzt, der in der deutschen, namentlich in der schöngeistigen Literatur nicht mit der Energie und Herrschaft vertreten ist, welche das gesunde Leben erheischt: nämlich den gesunden Menschenverstand, und Lessing besaß denselben in höchster Potenz! Einen wahrhaft genialen Verstand, aber ohne die Extravaganzen, Geschmacklosigkeiten und Formlosigkeiten, in welchen sich viele Genies gefallen.

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In Herder sehen wir eine Harmonie von allen Fähigkeiten des Geistes und der Seele, die ihren Gravitationspunkt im Gemüte haben; und dieses Gemüt ist von Vergangenheit und Zukunft, von Religion und Geschichte erfüllt. Herder sucht die Literatur aus der Weltgeschichte und diese wiederum aus der Literatur zu erklären; aber doch so, daß er die Wirklichkeit aus der Idee, die Natur aus der Übernatur begreift. Er studiert das Gegebene und Vergangene, aber in Kraft der höchsten Ideen, denen er schon um deswillen mit Begeisterung hingegeben bleibt, weil seine Jugend unter dem Druck und der Misere des Materialismus, der Trivialität und Engherzigkeit einer kleinstädtischen Spießbürgerlichkeit gelitten hat.

Man vermißt aber nicht ohne Grund an Herders harmonischer Vielseitigkeit, die im Humanitätsbegriff auch ihr Zentrum aufzeigt, die Kristallisation, die Energie und Klarheit des Verstandes, durch welchen sich Lessing charakterisiert. Wiewohl man nicht außer acht lassen darf, daß Lessings Vielseitigkeit sich innerhalb der Sphären des Geistes bewegte; während Herder das ganze Gebiet der Kultur mit der Summe aller Menschenkräfte in Angriff nahm und die Erkenntnis nicht minder aus einer divinatorischen Seele als aus einem philosophisch gebildeten Geiste bezog.

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Goethes Sprache und Form, wie seine normale Organisation und Einbildungskraft, ist das reinste Medium für die Natur. Was nicht zu ihr und ihren normalen Prozessen gehört, scheidet dieser hohe Priester, dieser geweihte Dolmetsch der Natur, so keusch, mit so spielend naiver und doch so unwiderstehlicher Bildkraft aus, daß man ihn nicht nur einem durch tausend Erdschichten filtrierten Gebirgsquell, sondern einem Gletscher vergleichen darf, welcher Erde, Steine, Sträucher, Leichname und jeden in ihn hineingeratenen fremden Körper wieder ausscheiden muß.

Bei diesem größten Liederdichter der Welt versöhnen sich Phantasie und Liebe, verschmelzen die Sympathien für die Natur und die Frauen zu einer bildkräftigen Leidenschaft, die allen romantischen Halbheiten und Unmachten ein Ende macht. Goethes Seele, obwohl vollkommen durchgeistigt, reflektiert nur flüchtig und selten den geistigen Faktor allein; und wenn es geschieht, so wird er im nächsten Augenblicke von einem sinnlichen Gemeingefühl aufgesogen, aus dem sich wohl eine transzendente Seele entbinden, aber nicht auf Unkosten der Lebensharmonie festsetzen darf.

Alle Poeten der Welt, außer Homer, Shakespeare und Goethe, sind mehr und weniger zerrissen, nur diese drei sind durch und durch bildkräftig, unverletzt und gesund.

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Der Idealismus Schillers ist so objektiv wie der Realismus Goethes. Während Schillers philosophischer Idealismus von einer sittlichen Begeisterung getragen wird, die sich durch eine männlich- vernünftige Selbstvergessenheit charakterisiert, ist eben Goethe der weiblich geartete Mann, der gebildete Naturalist, der sein Ich selten vergißt. Nur dem Schillerschen Geiste ist die ganze, unverkümmerte Mitleidenschaft für den Menschen vermählt. Seine Geistersprache, die uns als ein Wunder berührt, wie die Goethesche Naturempfindung, durchzittern alle Sympathien einer schönen Menschenseele. In Schillers Worten pulsiert das ganze vernunftveredelte Herz. Goethes Lieder, seine Naturempfindung und Naturdurchschauung, seine musikalische Bildkraft und divinatorische Naivität bleiben ein Wunder der Natur im Menschengeiste, und in einem Gelehrten dazu. Aber Schillers durchgeistigte Sprache ist ein Wunder des Geistes, von dem die Wiedergeburt, die Beredsamkeit unserer deutschen Schreibart datiert. Vor Schiller hat kein Deutscher wie er geschrieben, und noch schreibt keiner mit diesem edeln Schwung und zugleich mit dem stilistischen Facettenschliff eines demantharten und reinen Charakters, dessen Feuer in Brillantfarben spielt. Nichtsdestoweniger spricht dieser spirituellste aller Poeten sein Ideal dahin aus: der Geist solle sich die Ökonomie der Natur zum Ziele setzen, wie in dieser, so solle auch im menschlichen Leben und Handeln Freiheit und Gesetz zur Schönheit versöhnt sein.

Die Schulgebildeten empfinden, daß Goethe ein so großer Dichter durch Lebensunmittelbarkeit ist, durch die glückliche und wunderbare Art, wie sich in seinen Liedern und auch in seiner ungebundenen Rede, die Seele des Lebens in Bildern, in einer solchen Ökonomie von Worten abfängt, mit der für unsere Phantasie Dinge und Geschichten wie auf einen Zauberschlag ins Dasein treten. Das ist ein Wunder, das ist Poesie im bevorzugten Sinn, das ist ein unbezahlbarer Faktor gegenüber dem Schulverstande, gegenüber einer Bildung, die nichts unmittelbar an sich kommen läßt, sondern alles förmlichermaßen vermittelt haben will. Bei diesem Raisonnement aber dürfen wir nicht stehen bleiben, wenn wir Schiller gerecht würdigen wollen. Falls die Welt aus lauter gebildeten Leuten, aus Pedanten und Philosophen bestände, so wäre Goethe mit seiner divinatorischen, plastisch-naiven Art der Erlöser von Überkultur, von Dialektik, Rhetorik und Grammatik, von Schematismus und Schulmeisterei; da aber Volk und Naturalisten die Masse der Menschheit ausmachen, so wird Schiller, weil er der Architekt, der Stilist unter den Poeten, weil er der förmlich prozessierende, der reflektierende, der sittlich-begeisterte tendenziöse Dichter und Denker ist, auch der Literatur-Heroe der deutschen Nation bleiben, denn er bringt ihr das Element zu, welches ihr gebricht. Natur- und Lebensunmittelbarkeit, Plastik und Tatkraft hat die Masse selbst; aber es fehlt ihr förmliche Bildung, sittlicher Rhythmus, Charakterfestigkeit und Stil.

Goethe lieben und fürchten wir zugleich, wie die Natur; wir lieben ihn wie das Weib, dem wir ob der natürlichen Listen und Wetterwendigkeiten selten ganz und gar trauen. Goethe, der Dichter, hat seinen Glauben, seine Sache und Philosophie auf alles und auf nichts ausschließlich gestellt; Schiller auf heilige Wahrheit und heiliges Recht, auf die Menschheit, die Geschichte und den vernünftigen Geist. Wir lieben Schiller wie einen herrlichen, totgetreuen Freund; wir vertrauen ihm, die Besten fühlen sich ihm geistesverwandt wie dem edelsten der Männer, welche die Kultur, die Menschenerziehung, die Kunst und Wissenschaft aus ihrem Schoße gebar. Goethe ist uns so einfach und durchsichtig und doch so allgestaltig und mysteriös wie unsere eigene Natur; wir trauen ihr alles in natürlichen Augenblicken und nichts in einem übernatürlichen Moment, wo das Gewissen, wo Gott, die Ewigkeit und der heilige Geist der Weltgeschichten zu uns sprechen. Aber mit Schiller möchten wir in allen Zeiten und in allen Augenblicken verkehren; ihm geben wir uns hin wie unserem bessern Geiste und Genius; von ihm lernen wir nicht nur, durch ihn werden wir etwas, weil er nicht nur Dichter, sondern der tiefste und edelste Charakter ist, den die deutsche Literatur und die deutsche Bildung ausgeprägt haben.

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Der Genius fühlt einen Abgrund der Natur und Übernatur in seinem Herzen, in seinem Gewissen, in seinen Leidenschaften und überall. Wie er sich auch gebärde und zusammenraffe mit seiner Schulvernünftigkeit und seinem Verstande, es wächst ihm eine Kraft über den Kopf, die er nicht Rede stellen, nicht ergründen, festhalten und in einen förmlichen Dienst zwingen kann. Denn eines Augenblicks dräut ihm diese Natur und Gottes-Symbolik wie ein zweiter überlegener Geist, vor dem sein Schul- und Literaturverstand zusammenschrumpft. Und wenn er diesen wunderbaren Sinn und Geist in Reflexionen abzufangen versteht, so wächst über Nacht, wie in einem Brunnen, so viel nach, als er am Tage geschöpft; und wenn er dem Genius freien Spielraum läßt, so pochen tausend Stimmen an seine Brust und begehren Einlaß; und andere eingesperrte Geister wollen wieder hinaus in die Welt.

Dieses hohe, hohle, ohnmächtige und ewig geschwätzige Rohr unserer Waldseen, welches von jedem Lüftchen bewegt und doch nicht in Orkanen umgebrochen wird, das nicht angesamt, das erst im strengen Froste auf dem Eise niedergemäht wird und dann fünfzig oder hundert Jahre hindurch als Leiche auf den Dächern verwesen muß, schließt für mein Gefühl eine Zeichensprache ein, die mich lebhafter als andere Dinge an Vergänglichkeit, ja an Menschen-Charaktere und an Menschen-Schicksale gemahnt.

Es ist etwas Verwandtes zwischen diesem Rohre und dem Poeten, der auch scheinbar charakterlos von jedem Lüftchen bewegt und geschmeichelt, aber auch von jedem gebleicht, und zuletzt, im Eise erfroren und erstorben, dann noch geerntet wird, wann bereits lange zuvor alles verblichen, gereift und abgeerntet ist. Aus diesem Schilf und Rohr dreschen die Bauern freilich kein Brotkorn, aber die Sumpfwürmer und die Fischlein saugen aus dem jungen Rohrsafte einen Zucker, und die kindlichen Gemüter schneiden sich Hirtenpfeifen davon, und die Vögel des Himmels, die himmlischen Ideen, nisten in dem Röhricht der Poeten; die Wetterstürme schlagen Wellen darin und brechen es doch nicht zugrunde, und der Hagel, welcher das nahrhafte Getreide auf dem Felde ausdrischt, kann dem Rohre nichts tun. Sein Stand im Wasser und im Waldesschatten schützt es gegen den Sonnenbrand, gegen Dürre und Staub, und seine materielle Unfruchtbarkeit, seine Nutzlosigkeit, die aber der Wilde und der Naturmensch zu nützen wissen, schützt es vor dem frühen Absterben, so daß es aller andern Gräser Tod und Ernte mit ansehen darf. Der heilige Schwan brütet im Röhricht der Waldseen und singt da sein Sterbelied aus, und die jungen Schwäne nähren sich von dem süßen Schoß und Mark. Wenn endlich dieses Poetenrohr absterben und sich ernten lassen muß, so schnitzt noch die Jugend Papagenopfeifen aus dem toten Körper für eine idyllische Musik.

Solche Gedanken träumte ich vor einem Rohrhaufen, bis mich ein Habichtschrei hoch über meinem Kopfe aufschreckte und doch nur die höchste Note für meine melancholische Rohr- und Poetensymbolik war.

In der echten Poesie werden wir von dem Dualismus der Mittel und der Zwecke, von dem Kampfe zwischen Sinnlichkeit und Sittlichkeit, gleich wie von allen andern Tierquälereien und Zwiespältigkeiten erlöst.

In jedem echten Kunst- und Dichterwerk, ob romantisch oder antik, muß das Endliche vom Unendlichen getragen, das Sonderbild von einem Weltbilde begleitet und untermalt, die Realität vom allgemeinen und idealen Leben geschwellt und durchleuchtet sein!

Wo der deutsche Sinn und Geist das Einzelne nicht mit dem Weltganzen durch Seele und Natur, durch Divination verbunden, und wo er den unsichtbaren Geist, die Seele des Lebens nicht in individuellsten Gedanken eingefleischt sieht, da gibt es für ihn keine poetische, keine religiöse Genugtuung, keine vollkommene Kunst. Das ist die Erledigung der Frage nach dem Idealismus und dem Realismus in der Poesie und Kunst.

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