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Auswahl aus seinen Schriften

Bogumil Goltz: Auswahl aus seinen Schriften - Kapitel 12
Quellenangabe
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typeessay
authorBogumil Goltz
titleAuswahl aus seinen Schriften
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printrunErstes bis fünftes Tausend
editorFritz Lienhard
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illustratorFranz Stassen
correctorreuters@abc.de
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Die Bedeutung der Frau

Die Frauen erlösen uns Männer von dem hölzernen Schematismus der Schule durch eine wundervolle Verkörperung des natürlichen Lebens in ihrer inspirierten, von allen schönen Sympathien geschwellten und stumm weissagenden Seele.

Sie bilden und bessern uns durch die schöne Ökonomie ihres sinnlichen und geistigen Lebens, durch alle angeborenen Tugenden ihres Geschlechts. Die Sorgfalt und Sorgsamkeit, der emsige Fleiß und die Unermüdlichkeit der Frauen, ihre Mitleidenschaft, ihre zarte Rücksicht, ihre verleugnende Dienstbarkeit, ihre Geduld und Leidensfähigkeit, die unzählbaren Eigenschaften des weiblichen Herzens und Verstandes müssen den Mann beschämen, so oft er seine eigene Ungeduld, Ungebärdigkeit und Rücksichtslosigkeit, seinen Hang zur Gewalttätigkeit und Tyrannei gewahr wird. Die Frauen entzücken den schroffen, herrschsüchtigen Geist des Mannes durch ihre Schmiegsamkeit, ihre keusche Hingebung und liebevolle Zärtlichkeit; durch Mutterwitz, durch sittlichen Zartsinn und Instinkt, durch das Wunder eines vergeistigten Naturalismus und jenes ästhetischen Taktes, der die leisesten Wandlungen und Wendungen in allen Lebensprozessen wie Situationen augenblicklich herausfühlt, der mit musikalisch verfeinerten Sinnen jeder Ton- und Taktart des Lebens zu folgen, jede Verstimmung zu vermeiden und die verlorene Harmonie zurückzurufen versteht.

Auf die gebildeten Frauen vererbt sich nicht selten die geistige Errungenschaft der Männer, ja die ganze Kultur eines Volkes, die Humanität eines Zeitalters in unmittelbarer Gestalt. Es gibt insbesondere deutsche Frauen mit einem Herzen, in welchem sich der Seelenduft aller Poeten sammelt, in welchem die Engel traumreden und Gott der Herr immer wieder von neuem Paradiese offenbart. Es gibt Frauen, deren Gemüt eine Verklärung der Leidenschaften geworden ist und im Abglanze der Mutter Gottes strahlt; Frauen, deren Sinn und Verstand mit den fügsamen, leise tastenden und endlos vermittelnden Prozessen der Natur wetteifert, deren persönliches Erscheinen, deren Tun und Lassen alle Kunst und Wissenschaft der Musiker, der Maler und Bildhauer übertrifft.

Allen Erscheinungen, allen menschlichen Handlungen liegt eine Naturnotwendigkeit zugrunde, durch welche aber weder der Wertunterschied der Geschlechter, der Rassen und Geschichten, noch die Existenz einer Vernunft und persönlichen Freiheit ausgeschlossen wird. Der Glaube an diese Freiheit gibt den Sterblichen den Mut, so zu leben und zu handeln, als wären wir vollkommen frei, als beherrschten wir mit unserm Geiste in allen Augenblicken die Natur. So geschieht es, daß sich im Glauben an die Vernunft die menschliche Freiheit, die vernünftige Weltordnung und der Fortschritt realisieren. Daß diese Wunder geschehn, verdankt das Menschengeschlecht nicht der passiven Natur der Frauen und ihrem leidenden Instinkt, sondern dem wissenschaftlichen Sinn und Streben des männlichen Geschlechts. Seine Tugenden und Verdienste blühn und reifen nicht im Hause, sondern in der Gesellschaft, in der Geschichte, in der Welt, und vertragen sich nicht mit einer Harmonie und Liebenswürdigkeit von der Art, wie sie den Mann am Weibe entzückt.

Was aber in uns wächst, was die Natur im Herzen groß zieht, das allein ist eine Glückseligkeit, eine Bildkraft und ein Witz. Unserer Sinnlichkeit, unserm Herzen strömt alle Lebenskraft zu; unsere Seele ist von den Sympathien aller erschaffenen Dinge geschwellt, und wenn diese Sympathien unsere Schulvernunft überfluten, wenn das Leben und die Zeugungskraft der Welt sich mit unserem Wesen galtet, dann bringt sie den Naturriesen Leidenschaft zur Welt! Ohne diese Naturmysterien gibt es keine Liebe, keine Begeisterung, keine Künstler und Poeten, welche unsere Seele von den Überwucherungen der Form säubern und von den Tyranneien des konventionellen Verstandes erlösen. Ohne Liebe und Leidenschaft, ohne Naturmysterien gibt es kein weibliches Weib. Der Zauber, die Allmacht der Frauen über die Männer, ist der Zauber der bildenden Kräfte, der zeugenden Gottheit, der Natur!

Dieser Natur, der ungeschwächten Liebe und Leidenschaft einer Eva zittert der Geist des Mannes entgegen; mit der unentweihten Natur des Weibes will er seinen geschulten Geist wieder beseelen, will er ihn wieder der Natur zurückweisen. Was tut er aber in diesem heiligen Trieb und Drang mit einem Weibe, dessen Seele, wie die seinige, vor Schule, Konvenienz, elenden Modekünsten und kleinlichen Affekten entweiht und um ihre heiligsten Kräfte betrogen worden ist?

Es gilt auch für die Frauen Natur und Geist im Verein; aber freilich so, daß die Natur und nicht die Schule dies Übergewicht behält, und daß eine Form die Leidenschaften zügelt, ohne sie abzutöten oder zu schematisieren.

Dies Wunder löst aber nur der Genius; ohne ihn bleiben Mann und Weib triviale unreife Wesen. Das Weib muß das Genie des Herzens, der Mann wenigstens das Genie des Charakters oder des Kopfes besitzen, sonst versumpfen und versanden Sinn und Geist.

* * *

Das »schöne Geschlecht« darf nicht umsonst so heißen. Die Schönheit gehört zu dem Wesen des Weibes und zu seinem vollkommenen Begriff. Zu beherzigen ist aber dabei und erfahrungsgemäß steht fest: daß eine schöne Seele die Gesichtszüge verklärt, daß sie auch unregelmäßige Formen schön machen kann.

Schönheit ist die unmittelbar angeschaute Harmonie des Lebens; die Versöhnung und Verschmelzung der Weltgegensätze. Frauenschönheit ist der Wechselhauch von Natur und Geist, in welchem sich eine Seele erzeugt, deren Schmerzen und Freuden sich zu einem konstanten Gefühl, zu einer sittlichen Erscheinung verdichten und solchergestalt ein Gemüt bilden, das aus Herzens-Gewohnheiten seine Nahrung zieht.

Es gibt Frauengesichter mit den harmonischen Formen, gleichsam mit den architektonischen Linien der Schönheit, aber ohne Melodien, ohne Hauch und Duft, fremd und kalt. Es ist der Körper der Schönheit ohne die Seele, durch welche sich die feste Form weich und flüssig gemacht sieht. Ein Weib darf den Mann nicht mit ihren Blicken umbuhlen, und doch muß in ihrem Auge, in ihrer weichen Stimme, in ihren sanften Gebärden und Bewegungen sich Milde, Güte, Duldung, Schmiegsamkeit und Hingebung, die himmlische Wohltat der Weiblichkeit verraten. Das Weib muß uns das Natürlichste und eben deshalb ein Rätsel, ein Symbol aller heiligen Mysterien des Himmels und der Erde sein.

Was Meer und Gebirge nicht verkünden, was Gott nicht in Wettern, in Jahres- und Tageszeiten zu offenbaren vermag, das ergreift uns in einem Menschen-Antlitz. Aber in den Frauen sind alle Naturgewalten verkörpert und zu himmlischen Genien verklärt.

Des Weibes melodische Seele bildet erst mit der harmonischen Kunst und dem rhythmischen Geiste des Mannes eine vollkommene Musik. Selbst in den eckigen Bewegungen des Mannes hat die Natur die scharfen Akzente seines Wesens, wie in den weichen verfließenden Formen des weiblichen Körpers und in seiner Wellenbewegung den melodiösen Sinn und die Grazie des Weibes ausgedrückt. Wer das begriffen hat, wird in der Liebe und Ehe noch ein tieferes Gesetz, eine erhabenere Ökonomie als die der Fortpflanzung des Menschengeschlechts ersehen. Das ewig Weibliche soll dem Männlichen, die Natur dem Geiste vermählt werden. Das ist das heilige Gesetz des Weltgeistes.

In der lebendigen Schönheit wird das Weltgesetz zurückgespiegelt. Eine tiefere Genugtuung und mächtigere Leidenschaft kann es für den Menschen nicht geben, als die Mysterien wenigstens im Bilde zu schauen, welche Herz und Gewissen erfüllen. Das Geheimnis des Herzens ist aber nicht der Stillstand und die Gewißheit, sondern die Unruhe und Bangigkeit; nicht die Befriedigung, sondern die Sehnsucht; nicht das förmliche Wissen und Verstehen, sondern das Ahnen; nicht die marmorne Festigkeit der Formen, sondern ihre Lösung und Verwandlung zu immer tieferer Harmonie.

Endlich kommt die Liebe, aber nur, um alle jene Lebensrätsel noch tiefer in das Herz zu graben, um alle schmerzenden Seligkeiten eines Wesens zu mehren, das seinen Staub mit dem Äther vermählen kann.

Wohl hat die Liebe Gegenwart, wohl fallen ihr ein paar Augenblicke Himmel und Erde, Ideal und Wirklichkeit ineinander; aber nur, um inne zu werden, daß sie mit diesem Idealismus aus dem Kreise der Mitlebenden geschieden ist, und daß sie beim Gedächtnis an diese himmlischen Augenblicke die vollen Sympathien für die wirkliche Welt und ihre materiellen Interessen aufgeben muß. Wen Liebe leibhaftig in den Himmel trug, der taugt nie mehr ganz für die Erde.

Wahre Liebe ist eine Seelenlust ohne Sinnenlust und Begehrlichkeit, eine Melancholie ohne Schmerz, eine Tugend ohne Tatendrang.

Liebe ist eine Erfüllung, ein seliges Haben, eine Religion ohne Sehnsucht, eine Heiligung des Erschaffenen und der Gegenwart, ein Verträumen der Wirklichkeit und ein Verwirklichen des schönsten Traumes. In solcher Liebe gibt es keine andere Tugend und Religion als das Lieben. Wer so liebt, der besitzt und leistet das Beste.

Es ist gar nicht zu sagen, wie weit für den Mann die Freundschaft mit einer Frau der Freundschaft mit dem Manne vorzuziehen ist. Die Freundin ermüdet nicht nur keinen Augenblick in ihren großen und kleinen Opfern, sondern sie findet in denselben eine Verstärkung ihres Gefühls. Und wie dürftig, wie machtlos und schattenhaft erscheint diese Freundschaft der beiden Geschlechter, verglichen mit der Liebe und Treue, welche sich in einer guten Ehe schon hienieden ein himmlisches Gemüt und einen Ätherleib zubilden darf!

Man kann alles haben, Freundschaft, Ehre, Bildung, Reichtum, Genie: wenn man kein liebendes Eheweib sein eigen nennt, ist man ein freudenleerer Mensch. Man kann alles verlieren, Freunde, Vaterland, Kinder, Geld und Gut, selbst die bürgerliche Ehre: wenn man sein liebes Eheweib behält, ist man noch nicht ganz lebensunfähig gemacht. Je unglücklicher der Mann wird, je mehr ihn die Welt verläßt, desto mehr Kraft bezieht das Weib, desto größer wird ihr Impuls und ihre Genugtuung, dem Manne alles zu ersetzen, zu opfern und zu sein: denn das Weib trachtet unendlich mehr danach, glücklich zu machen, als glücklich zu sein. Dies ist das Rätsel der weiblichen Natur, das Geheimnis der Ehe, die Wunderökonomie, welche Gott in der sittlichen Welt durch das Weib bewirkt.

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