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Auswahl aus seinen Schriften

Bogumil Goltz: Auswahl aus seinen Schriften - Kapitel 11
Quellenangabe
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typeessay
authorBogumil Goltz
titleAuswahl aus seinen Schriften
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printrunErstes bis fünftes Tausend
editorFritz Lienhard
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illustratorFranz Stassen
correctorreuters@abc.de
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Der Charaktermensch.

Die große Masse der »Charaktermenschen« sind nur Prinzipienreiter; Leute, welche den schwachen Überrest ihrer Seele und Lebenspoesie mit Formen und Konvenienzen, mit einem Schematismus abgetütet haben. Von einem lebendigen, gewachsenen Charakter kann also nur bei solchen Menschen die Rede sein, denen eine gewaltige und originelle Natur innewohnt; die sich von dieser Natur aus, von ihrer Phantasie, ihrem Herzen, von ihrem Glauben und Lieben zur Literatur, zur Sitte, zur Schule und Konvenienz orientiert, die ihre Grundsätze aus ihrem Gemüt und Gewissen hervorgebildet haben; die also auch ihre Normen und Formeln in diesem Gemüte zu lösen vermögen.

Die Aufgabe in der Charakterbildung, wie überall, ist die Versöhnung der Lebensgegensätze, also nicht die Abtötung, sondern die Begrenzung und Vergeistigung der Natur.

Eben diese Aufgabe ist es, die nur das Christentum, und zwar durch Gemütsbildung zu vollbringen vermag. Das heidnische Altertum zeigt naturtiefe, naturzähe, eigenartige, willensgewaltige und tatkräftige Charaktere auf, mit einem sittlichen Rhythmus, den ihnen der Schicksalsglaube, die Furcht vor den Göttern, die Vaterlandsliebe oder eine dämonische Leidenschaft gab. Sie reichen aber nicht an die Apostel, an die Heidenbekehrer und Märtyrer der frühsten christlichen Jahrhunderte, in denen Kraft und Liebe, Geist und Seele, Selbstverleugnung und Begeisterung für den christlichen Glauben, für den Weltheiland einen Menschen von höherer Potenz heraus bildete, ein leibhaftiges Ideal für alle Zeit.

Mögen Dinge, Menschen und Verhältnisse so verwandlungsvoll vieldeutig und vielseitig sein als sie wollen, so bleibt es doch die Bestimmung und Kraft des vernünftigen Geistes, an allen Erscheinungen und Geschichten das Feste, Bleibende und die Kerngestalt herauszufinden. In dem Unglauben an ein Seiendes im Werdenden, an eine Einheit in der Weltmannigfaltigkeit, wuchert unsre Charakterlosigkeit.

Wenn die Wahrheit nicht durchdringen kann, weil sie auf Brustharnische trifft, so muß ein Spitzmeißel von Stahl genommen und mit einem Schmiedehammer ein Loch durch die Eisenplatte geschlagen werden.

Und wenn der Widerstand gegen die Wahrheit eine Mauer ist, so muß der Wille und die Intelligenz ein Positionsgeschütz, eine Armstrongkanone sein, welche die Mauer einschießt. Diese Konsequenz macht den sittlichen Charakter und den Mann.

Was Napoleon leistete, das erreichte er durch Konzentration der Kräfte auf einen Punkt durch eiserne Willensenergie. Daß sein Wille aber den Ideen des Guten und Wahren nicht entsprach, daß ihm alle sanften Gefühle und vollbeseelten Begriffe fehlten, machte freilich die aufgewendete Kraft und Klugheit zu einer Dummheit und Miserabilität.

Der Freiherr vom Stein, dem man noch heute eine zu große Charakterhärte und Rücksichtslosigkeit namentlich um deswillen vorwirft, weil er 1813, als russischer Bevollmächtigter in Ostpreußen, die patriotischen Verwicklungen, die Rattenkönige von Bedenklichkeiten, von Pflichtkonflikten und widerstreitenden Parteiansichten mit dem russischen Schwerte durchzuhauen drohte, hatte damals mit absoluter Kraft erkannt, daß wenn ein Staat durch Rücksichten, durch Balancen und Bedenklichkeiten, durch die Künste des feinsten Taktes und der Diplomatie, also durch abwartendes Verfahren untergegangen ist, er nur durch absolute Maßregeln, durch Entrüstung und Rücksichtslosigkeit, durch die Kernschüsse des schweren Geschützes in die Schanzwerke der feigen Praktiken und diplomatischen Künste gerettet werden kann. An großen Leidenschaften, an entschiednen Maßregeln erstarken die Massen. Schön, Bülow, York und Blücher waren die Männer, welche der Philosophie Steins beflissen blieben, und ihr Rigorismus rettete die Ehre des deutschen Volks und seine Kraft.

Charakterfestigkeit, Charakter-Entschiedenheit und Klarheit hat nur der geborene Theoretiker und Ideolog: der Mann. Ihm sind die Zufälligkeiten, die Rücksichten, die Verzögerungen, eben weil er sie nicht berechnen kann, weil sie ihm die Idee verdunkeln, die er so rasch wie möglich verwirklichen will, ein Greuel. Er durchschneidet also, was sich ihm entgegenstellt, so direkt als möglich; er ist immer mit den Tatsachen kurz angebunden; auf Eventualitäten, Umwege und Verzögerungen übel zu sprechen. Er individualisiert nicht gern; er liebt Schablonen, Durchschnitte, Kompensierungen, ein Bausch- und Bogenverfahren; er sieht die Bäume vor dem Walde nicht; er ist gern Tyrann, gegenüber den Ausnahmen und Personen; er modifiziert, er entschuldigt nichts, aber er verzögert und entstellt auch nichts, und kommt zum Ziel. Er schneidet ab, er ist wahr und nobel, man weiß, woran man mit ihm ist. Er dient der Sache, der Idee.

Der Naturalist aber ist ein Praktikus, ist nie ein Charakter im noblen Sinn. Er faßt das Einzelne und den Augenblick, sieht aber das Ganze und Zukünftige nicht, nimmt die Glücksfälligkeiten in Berechnung, verhält sich passiv und spart Kräfte; bleibt zweideutig und unentschieden; verschleppt alles, um gelegentliche Vorteile zu gewinnen; versucht gern Hintertüren; will es mit keiner Partei verderben; kommt aus dem Experimentieren nicht heraus und haßt jede Entschiedenheit bis zu dem Augenblick, wo er seines Vorteils ganz sicher zu sein glaubt.

Nur der noble theoretische Sinn, die Begeisterung für Ideen, das gute Gewissen, die Anschauung des Ganzen gibt den Rhythmus und Impuls, den großen Zug und Ruck, der über kleine Bedenklichkeiten, Anstöße, Hindernisse und verwirrende Zufälligkeiten hinweghilft.

Dieser sittliche Rhythmus übersieht sehr leicht das Detail der Sachverhältnisse und Verhäkelungen. Aber er ist eine absolute Geisteskraft und Herrlichkeit, also eine Wahrheit, die mehr zu bedeuten hat, als die bloße Übereinstimmung von Vorstellung und Objekt.

Wahrheit findet nicht nur der Mathematiker oder der Chemiker, welcher die elementaren Bestandteile in den Stoffen zu entdecken, auszuwägen und zu formulieren versteht, sondern Wahrheit produziert auch der Charaktermensch, welcher im sittlichen Rhythmus die tausend Häkeleien des dialektischen Schulverstandes wie der sinnlichen Praktiken überwindet; welcher den Klunker von Dingen und Prozeduren fortschneidet, den Menschen wie den Verhältnissen mit einer idealen Norm entgegentritt, mit transzendentem Geiste die Naturgeschichten, die Werktagsgeschichten beherrscht und sie zu einer Geschichte des Menschengeistes, zu einer Gottesgeschichte erhöht. Wahrheit ist nicht nur in einem Verstande, welcher Dinge und Geschichten so denkt und nimmt, wie sie zufällig oder an sich sind; sondern Wahrheit ist in dem Propheten und Helden, welcher Menschen, Zustände und Dinge zu verwandeln und sie einem übernatürlichen Geiste dienstbar zu machen vermag. Denn der Geist ist es, der die Materie beherrscht.

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