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Auswahl aus seinen Schriften

Bogumil Goltz: Auswahl aus seinen Schriften - Kapitel 10
Quellenangabe
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typeessay
authorBogumil Goltz
titleAuswahl aus seinen Schriften
publisher
printrunErstes bis fünftes Tausend
editorFritz Lienhard
year
illustratorFranz Stassen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der kritische Dummkopf.

Fast alle Naturalisten teilen in der Auffassung von Kunstwerken und persönlichen Kunstleistungen den Fehler mit dem kritischen Dummkopf, daß sie sich an einen Fehler des Kunsthandwerks, an eine menschliche Schwäche des Virtuosen anklammern; wie wenn die Kritik nur in der Auffindung und Vergrößerung einer schwachen Stelle bestände. Wer dann die triumphierende Miene des Simpels, wer seine miserable Genugtuung sieht, der weiß, wenn er ein Menschenkenner ist, daß er leichter den verzückten Dichter, als den vom Häßlichen berauschten Dummkopf zur nüchternen Vernunft bringen kann.

Es gehört zur Freude des gebildeten Pöbels, »wenn das Tier am Menschen ausfindig gemacht ist«, und daß es auch am großen Denker und Dichter, am Künstler und Propheten zum Vorschein kommen darf, bildet für alle solche Seelen eine Extra-Genugtuung. Man kann den Dummkopf zehnmal beschwören: den ganzen Menschen, die ganze Leistung, die ganze Erscheinung, das ganze Buch zu würdigen und über die schwache Stelle hinwegsehn zu wollen; es hilft nichts. Es hängt an dem Fehler des großen Mannes die menschliche Legitimation des kleinen Rezensenten. Er zeigt also wie ein Irrsinniger ungerührt und unverrückt auf den Fliegenschmutz, auf den Leberfleck, auf die Warze, auf den verzeichneten Kragen, auf den blinden Knopf, wo das Licht zu schwach oder zu grell wirkt. Er wiederholt eine zweideutige Stelle, ein derbes Wort, einen schlechten Witz, eine unlogische Schlußfolge, oder einen bloßen Schreibfehler; er hört und sieht nichts weiter und ist glücklich, daß er einen ihm wahlverwandten Punkt gefunden hat.

Welche Gedanken, Handlungen und Gefühlsprozesse nicht der Gottesharmonie entsprechen, in Kraft deren die Welt besteht, die sind närrisch und schlecht. Wer mit den Spitzfindigkeiten und Geschäftigkeiten seines allzu individuellen und konventionellen Verstandes den göttlichen Rhythmus verfehlt, welcher alles Leben und Geschehen beherrscht, der bleibt ein Dummkopf, er sei Dichter, Denker, Künstler, Priester oder Diplomat vom größten Ruf. Nur der Mensch hat den rechten Verstand, welcher die Formen seines Verstandes in der Seele und im Gewissen zu lösen, das Endliche auf das Unendliche zu beziehn, die einzelne Erscheinung dem Lebensganzen einzufügen und unterzuordnen, den Augenblick mit Vergangenheit und Zukunft auszugleichen und sein eignes Wesen auf die göttliche Lebensharmonie zu stimmen versteht.

Es gibt gebildete, gelehrte Leute; aber es fehlt ihnen gleichwohl an Seele und Mitleidenschaft, um eine Lebensstimmung und Spannung zu fassen; sie haben kein Ohr für die Harmonie oder Mißstimmung, für den Rhythmus in der sittlichen Welt. Die Tages- und Jahreszeiten der Seele, ihre leisem Wandlungen, den Kontakt des Gemütes mit den Akten und Prozessen der Weltgeschichte kennen die schulklugen Leute gar zu selten aus Erfahrung. Und weil sie den Geist so hartnäckig und hastig von der Seele herunter destillieren, so verlieren sie den symbolischen, den poetischen Verstand; so fehlt ihnen zuletzt das Gefühl für das Verhängnisvolle einer Zeit und Situation, die tiefere Mitleidenschaft selbst mit Personen, die ihrem Kerzen nahestehn sollen.

Ihren heillosen Einfluß verspürt die neue Welt in einer Unmasse von Leuten, in allen Ständen und auf allen Bildungsstufen, die mit ihrem unheiligen und unverschämten Verstande überall auftreten; die mit einem allezeit fertigen Urteil den Dingen und Menschen zu Leibe gehn, die sublimsten Verhältnisse auf einen hölzernen Schematismus zurückführen, das für die Nacht Erschaffene ans grelle Sonnenlicht hervorzerren, -- das in der Harmonie allein Begreifliche zerpflücken; das Unsichtbare ignorieren, das mystisch Ineinsgebildete in seine Faktoren zerlegen, das Unermeßliche bemessen, das Symbolische buchstäblich nehmen und so den wachsenden Lebensbaum, der im Erdboden wurzelt, aber seine Wipfel und Blüten im Himmel hat, -- zu Brettern verschneiden und den dummklugen Leuten die Sägespäne verkaufen.

Was die Naturalisten unter »gesundem Menschenverstande« verstehen, ist zur guten Hälfte Gemeinheit und Trivialität; ist ein Instinkt von den materiellen Grenzen aller Dinge und Geschichten; ist ein Unglaube an die zureichende Trieb- und Bildkraft der Idee, an die Ausdauer irgend eines Glaubens, einer Liebe und Begeisterung.

Meine Erfahrung und Überzeugung ist aber diese: der sogenannte »gesunde Menschenverstand« täuscht die Gescheitesten durch den augenblicklichen Erfolg und ist, indem er den idealen Faktor außer acht läßt, vor Gott und der Weltgeschichte eine Sünde und Dummheit zugleich. Jede Lebensart, die von der übersinnlichen Weltordnung, von dem Geiste abstrahiert, welcher die Materie durchdringt und den natürlichen Mechanismus beseelt, ist abstrakt und dumm in der Ökonomie des Ganzen.

Wir andern fühlen, daß auch das wache Leben eine andre Art des Traumlebens, daß unser Leben ein Sterben, daß die materiellste Realität ein Schattenspiel zwischen Himmel und Erde ist, und daß der wirklichste Inhalt unseres Lebens in den Augenblicken besteht, wo Schmerz und Freude durch unser Herz zucken, mittelst der bildenden Phantasie Ahnungen von himmlischen Existenzweisen und Seligkeiten durch unsre wachträumende Seele ziehn. Jene Verstandesmenschen aber sind lauter Verstand, lauter Form, Maß und Mäßigung, und degradieren durch ihre nüchtern-verständige Art den poetischen, den vom Leben berauschten Menschen zu einem Phantasten und Narren.

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