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Auswahl aus des Teufels Papieren

Jean Paul Richter: Auswahl aus des Teufels Papieren - Kapitel 14
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung II Band 2
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleAuswahl aus des Teufels Papieren
pages111-469
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1789
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Durch diese Maschinen wird nun tausend rechtschaffenen Gliedern des Staats, Officiers, Edelleuten eine Arbeit aus den Händen gespielt, bei der sie sich bisher ganz wol befanden, und deren Entziehung sie leider zum Rauben nöthigen kann: denn die gedachte Unwissenheit, die uns im Spielen so zu statten kam, ist kein Talent, das ausser dem Bezirke der Spieltische mehr vortheilhaft als beschwerlich wäre. Bisher hatten wir dem Stehlen obzuliegen wenig nöthig, da wir allenthalben Karten antrafen, womit wir unsere Hände so sehr verlängern konnten als Königshände, um etwas zu erfassen, wie man auf einem Planeten, über den der Hunger und die Sättigung in einer vermischten Regierungsform herschen, früh oder spät nicht anders kann. Wir bezogen die Messen. Besonders giengen wir mit der ordinären Post nach Spaa. An diesem schönen Badorte ließen wir uns von Juden zu Michaelisrittern erheben und hielten zu unserm wahren Vortheile da Bank. Wir konnten bald die Bemerkung machen, wie wenig spielende Christen ans Stehlen zu denken brauchten, sobald andere pointirten; und in Wahrheit man möchte überhaupt die Frage thun, warum hält nicht fast die ganze Welt Bank. Es war zwar lächerlich, wenn man neuerer Zeit hofte, die bloße Ausreutung, der Galgen würde schon die der Diebe mit sich führen: allein es wäre geschehen, wenn man noch an die Stelle der abgebrochenen Galgen Pharao-Creps und andere Spieltische sofort aufgepflanzet hätte und Tausende, die nun unermüdet stehlen, hätten dann blos hinter der Vorspan des Spiels als gesättigte und doch ehrliche Leute über diese Erde fahren können. Wir kannten in Spaa einen Croupier, der selbst mit Vergnügen und Vernunft gestand, der Wind fänd ihn längst am Galgen, wär' ihm nicht, da er auf dem Scheidwege des Herkules schon den linken Fuß auf den Höllenweg hingehalten hätte, auf dem Tugend- und Himmelswege der Genius der Tugend in der Gestalt des Spiels entgegengeritten und hätte der ihn nicht mit Gewalt auf die engere Strasse zu seinem ewigen Glücke geschleppet: »iezt, sagte er, hol ich auf dieser Strasse mir leicht vom Spiele meinen ehrlichen Unterhalt, ohne iemand zu versehren, und bin dabei noch dazu sicher, daß man mich nicht hängt.« Dazu schwimmt doch wahrhaftig allzeit von der Beute, die die Banken in Spaa erangeln, etwas dem Bischoffe von Lüttich zu; allein es mag ein Kerl so viel er kann blos stehlen, so kömmts doch den Bischoffe am wenigsten zu Passe. Wie sollen es aber gute Menschen genugsam beklagen, wenn gleichwol handgreifliche Versuche gemacht werden, so gar die wenigen Spieler, die etwas noch vorhanden sind, von ihrem Geschäfte zu entfernen und dadurch die Opposizionsparthei gegen den Diebstahl hinlänglich zu entkräften? Wahrhaftig es wird kaum Ein Monat nach der Einführung der Spielmaschinen verfliessen, so sieht man in England neue Galgen und in Deutschland neue Gefängnisse bauen.

Ueberhaupt kann es der Adel für einen der kühnsten Eingriffe in seine Vorrechte ansehn. Er lebte, wie man aus der deutschen Geschichte weiß, sonst vom Rauben und hieß es »von Sattel oder Stegreif leben«; denn jeder Eigenthümer eines Schlosses hatte zur gewaltthätigen Abladung eines ieden, der davor vorbeiritt oder fuhr, Befugnis genug. In ieder Rücksicht ist daher das Spiel der schlechte aber doch einzige Ersatz, für den er einen so einträglichen Weg des Rechtens verließ, und von allen andern Schätzen seiner Nachbarschaft als den wenigen unbedeutenden seiner Unterthanen die Hände abthat. Um destoweniger lässet sichs mit der Moral vereinen, wenn Herr von Kempele auch diese Entschädigung schmälert: wahrhaftig ein Edelmann, bei dem weder Ahnen noch Schulden zu zählen sind, muß wenigstens suchen, durch Karten dem Aufwande des Soupees für die Mitspieler, beizukommen. Dieses alte Recht zum Rauben kann gar nicht genug vorgeschützet werden, wenns erkläret werden soll, warum die strengsten Verbote der Hazardspiele niemals auf andere als bürgerliche Personen ausgedehnet werden können: denn diese hatten das Recht zu rauben nie. Der Fürst ertheilt zuerst sich und da er allein nicht spielen kann, auch anderen Personen von Geburt das Privilegium der schicklichsten Ausnahme und lässet gern (gerade das Widerspiel von Kaligula) die Gesetze so tief annageln, daß sie der Pöbel unten leichter als er und große Personen oben lesen und befolgen könnenIn der That steht man auf einem hohen Throne, so kann man unmöglich die unten herumbefestigten Gesetze lesen, und man nimt die Anfangsbuchstaben fast für bloße Perlenschrift: die kleinen sieht man gar nicht. Daher können die Unterthanen freilich leichter und eher als ihr Herrscher selber wissen, was er zu thun hat. . Die Spielmaschinen sind wahrlich nicht die Wesen, die ienes so kostbar bezahlte Recht des Edelmanns beschneiden dürften; zum wenigsten wenn dieser sich erklärt, er würde, wenns mit den Maschinen Ernst würde, auch seine alten Gerechtsame wieder aufgraben und augenblicklich unten satteln lassen und auf der nächsten Landstraße einem Kaufmannsdiener die Geldkatze abringen: so könnte man nichts dagegen sagen, man möchte die Lehre von Kontrakten verstehen oder nicht.

Unmöglich sind die größten europäischen Höfe mit dem Gebrauche dieser Maschinen zufrieden. Das Spiel machte daselbst bisher eine Unterhaltung aus, die einer feinen, witzigen und kenntnißvollen Gesellschaft (wie man denn die Wahrheit zu sagen am Hofe keine andere findet) ganz angemessen war, und worin der unersättliche Geist eines holländischen Kaufmanns gesunde Nahrung finden konnte. Um eine solche Unterhaltung suchen die Maschinen die feinsten und witzigsten Personen zu bringen und scheinen alles auf eine Mishandlung derselben anzulegen, deren Ausgang kein anderer als der sein kann, daß am Ende so erhabene Personen sich bei allem ihren Witze nicht anders unterhalten können als die ärmsten Gelehrten, die man wegen ihres elenden Anzugs (denn ein Mensch und eine Billardtafel sind desto unbrauchbarer, ie gröber das Tuch ist, das beide bekleidet) niemals genug verachten kann: die ganze Unterhaltung dieser armen Schächer aber besteht offenbar blos in vielem Reden.

Die Karten waren bisher ein gut angeschnalltes Flugwerk, auf dem man zuweilen am Hofe zu höhern Staffeln aufflatterte... Das Gold ist das schwerste Metal und man muß es deswegen aus dem Luftschiffe, womit man emporzuschweben sucht, fast mit beiden Händen rechts und links ausschleudern, damit besonders die vornehmen Personen den Strick, womit sie das Luftschiff niederhalten, fahren lassen, um die herunterkommenden Metalle einzustecken. Beiläufig: Personen von Verdienste müssen es blos sich selber beimessen, daß aus ihnen immer nichts wird: denn man ist höhern Ortes gar nicht abgeneigt, sie auf die wichtigsten Posten, aufzunehmen und ihnen sogar Personen ohne alle Verdienste völlig nachzusetzen: allein man rechnet nur auch darauf, daß sie ihrer Seits den Geldbeutel hervorziehen: das wollen nun Leute von Verdienst oft schon darum nicht, weil sie keinen haben. Bisher konnte man doch mit den Karten leicht so spielen, daß die Hofdame, deren Hände oder Zunge oder Gesicht oder Busen etc. den Posten zu vergeben haben, die erlaubte Bestechungssumme geschickt gewann; war freilich keine Dame von Einfluß da, so that mans gegen den Minister, oder den fremden Gesanden oder den Satan. Allein, sobald die Spielmaschinen uns die Karten aus den Händen ziehen: so hat kein ehrlicher Mann, der ein Amt begehrt, einen Präsentirteller, worauf er das Geld mit Anstand einhändigen könnte und man könnte auf beiden Seiten gar nicht verlegner sein.

Drängen sich indessen doch die Maschinen ein: so ists wenigstens keine unbillige Bitte, daß man uns als die unentbehrlichsten Sekundanten und Alliirten derselben betrachte. Denn ein Mensch muß erschrecken wenn er überlegt, daß diese Maschinen schwerlich betrügen können. Ein lebendiges Wesen hingegen kann das wirklich. Der Betrug ist der Universal- und Lebensgeist eines guten Spiels und wers läugnete, müst' es erst beweisen. Das Glück, das die Karten ausspendet und mischt, ist stockblind und es muß sich daher wie mehrere Blinde mit seinem Gefühl zu helfen wissen. Ein Spieler soll nun eben seine zart fühlende Hände nehmen und sie dem Glücke vorstrecken, damit es die guten Karten ergrüble und sie ihm hinlange: eben so verfuhr der große Michel Angelo, als er blind geworden, und studierte die alten Statuen, woran er nicht mehr mit den Augen lernen konnte, mit den tastenden Händen. Was würde überhaupt das Kartenbefühlen, wenn man sich hier auf gute Metaphern einlassen könnte, anders sein, als ein nützliches Fühlen am Pulse des Glücks, obs wolauf ist? In dieser Rücksicht sind verschiedene Finger Fangzähne des Gewinsts. Wie? wenn man in einem kleinen Taschenkalender einen angenehmen Sorites zu schicken verhieße, der es so gut als er könnte mit Wenigem darthäte, daß ein wahrer Spieler gleich den Schnecken seine Augen vorn auf den Fühlhörnern seiner Finger sitzen habe? Die Folge davon wäre, daß alle Menschen es erst recht einsähen, wie muthwillig man dem Spieler sein Handwerk erschwert, wenn man ihn zu weilen mit glassirten Handschuhen zu spielen zwingt: lieber Himmel! ists denn da dem Manne noch im Geringsten möglich, herauszubringen, was er dem andern für Blätter zutheile und ob er sich gute zuwerfe? Zwar durch einen gut angebrachten Taschenspiegel kann er sich noch helfen; der ist ein Zauberspiegel, der nicht sowol den Dieb (welches er ia selbst ist) als den Diebstahl zeigt, das ist, die Wege dazu. So wie Perseus ganz geschickt den Streich auf die tödliche Meduse führte, indem er blos auf ihr Bild im Spiegel hinsah: so leget ein guter Spieler die feindlichen Karten mit leichterer Mühe zu Boden, wenn er auf ihr Bild im Spiegel zielen kann; wenigstens soll ers.

Wenn das Spielen ohne Spionen, ohne Rekognosziren der feindlichen Karten wäre: so wär es entweder kein Krieg oder es verdiente überhaupt gar nicht, daß sich ein gesunder Mann darüber im Karlsbade hypochondrisch säße. Der tapfere General überwältigt die Hülfstruppen des Feindes; der bessere, der kluge lässet sie nicht einmal zu ihm stossen; und gewiß gehet ein Spieler, der dem Gegner gute Karten abschneidet, dem überal vor, der sie blos besiegt und sie ihm erst nimmt, nachdem er sie ihm schon gegeben. Wir wünschten aber, es wäre hier der schicklichste Platz, über den offenbaren Nutzen einer andern recht groben Kriegslist das Beste beizubringen, wir meinen die: man fället mit einigem Nutzen den feindlichen Karten in den Rücken und schläget ihnen kleine Wunden von hinten – die schimpflichsten und leichtesten unter allen, weil eine Nadel sie machen kann, – solche Truppen müssen dann gleich gebrandmarkten Sklaven ihren Titel und Namen auf den Rücken tragen.

Noch froher als über den Gewinst selbst ist mit Grunde fast ieder Spieler darüber, daß doch dieser sogenannte Betrug ohne wahre Verletzung der Tugend abläuft; höchstens kann er für sie ein Stab Sanft aber kein Stab Wehe sein. Denn so wie die Rechte dem Soldaten die Unwissenheit der Gesetze zulassen: so kann man auch dem Spieler, der gleichfalls kriegt, ohne ungemeine Partheilichkeit nicht ansinnen, daß er die Gesetze besonders die moralischen wisse und mithin etwan ihnen fröhne; er hoft, daß die Dinge, die er betreibt, etwas viel wichtigers und wirklich vortheilhafteres sind. – Zu diesem unentbehrlichen und frommen Betruge bleiben nun Maschinen ausgemachtermassen ewig ungeschickt; und unsere obige Bitte verdient wol hier erneuert zu werden, daß man uns, führte man sie auch ein, dennoch beibehalten möchte, damit allzeit hinter ieder Maschine, die blos ordentlich spielte, ein ausgewachsenes lebendiges Wesen stände, das seiner Seits betröge.

Vor dem Schlusse unserer Vorstellung rücken wir Damen und Spieler zugleich, dem H. v. Kempele die wichtige Frage ans Herz: ob er nicht seiner Ehre und seiner Tugend besser gerathen hätte, wenn er anstatt sich niederzusetzen und feurig Sprach- und Spielmaschinen auszubrüten, die auf einmal tausend seiner Brüder ausser Nahrung setzen, recht nachgesonnen hätte und wirklich mit Denkmaschinen zum Vorschein gekommen wäre: denn da nur sehr wenige Profession vom Denken machen, so hätt' er geringes oder kein Unheil anrichten können, da zumal die wenigen, die durch die Nebenbuhlerei der Denkmaschinen verhungert zu seyn geschienen hätten, sicher auch ohne diese Hungers gestorben wären. Vielleicht hätte dann – statt daß auf das orientalische Wörterbuch des Meninsky niemand pränumerirte als der König von Pohlen – fast ieder Fürst sich eine Denkmaschine zum Gebrauche seines ganzen Landes kommen lassen, weil Ein Mann zwar (nach Sonnenfels) nur für zehn Mann ackern, allein sicherlich für mehr als zehntausend denken kann: ia einer aus Luthers Reformazionszeit konnte für die ganze Nachkommenschaft denken.

Prometheus der so gut wie H. von Kempele Menschen erschuf, wurde dafür abgestraft: aber H. v. K. hat auch eine Leber.

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