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Friedrich Gerstäcker: Australien - Kapitel 8
Quellenangabe
typereport
authorFriedrich Gerstäcker
titleAustralien
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
seriesReisen
volumeVierter Band
year1853
correctorreuters@abc.de
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7. Tanunda.

Von Adelaide aus machte ich aber auch noch außerdem einen Abstecher, und zwar nach Tanunda zurück, dessen Leben und Treiben mir zu interessant gewesen war, mich mit den wenigen Stunden meines Aufenthaltes damals, als ich nur flüchtig durchpassirte, zu begnügen.

So ging ich denn eines Mittags, trotz vorheriger Warnung meiner Freunde, mein Leben, das mir bis daher oft fast wunderbar erhalten, nicht so leichtsinnig wieder neuerdings auf einer australischen Post auf's Spiel zu setzen, auf die mail-office d. h. dorthin, wo die Postkarren mit menschlicher Fracht geladen und abgeschickt werden, ließ mich einschreiben, bezahlte mein Passagiergeld vorher – eine höchst nöthige Einrichtung für das Bestehen dieser Marterkarren, denn das zehnte Mal liefern sie ihre Passagiere gar nicht an Ort und Stelle, und haben sich selber doch auf die Art gesichert – und stieg auf.

Vier magere Pferde – wir waren neun Personen auf dem offenen Karren – zogen an, und im Galopp ging es über die »Nußknackerstraße« gen Gawlertown, das Ziel unserer einstweiligen Bestimmung. Der Kutscher war, wie er selber sagte, früher einmal Capitän eines Schooners gewesen, und suchte nun seine Pferde, welche sehr phantastische Namen wie: Morgenstern, fliegender Fisch, Schönheit, Büchsenkugel etc. hatten, mit einer wahren Unzahl von Seeausdrücken zu überreden den Galopp, in den sie im Anfang, wie aus Versehen, gefallen, und der ihnen schon lange leid that, noch etwas beizubehalten. Mit der Peitsche wußte er dabei gar nicht umzugehen, und hatte bald das obere, bald das untere Ende des Stiels in der Hand, womit Morgenstern wie Schönheit gleich unparteiische Risse bekamen. Sieben Meilen weiter wurden die Pferde gewechselt, und wir bekamen Jenny Lind, Robert Peel, Känguruh und Red Rover vor die Achse. Auf Robert Peel zerschlug er schon die erste Viertelmeile den Peitschenstiel, und wären nicht die Jenny Lind und Red Rover gewesen, wir hätten die nächste Station im Leben nicht erreicht. Känguruh machte seinem Namen Ehre, sprang aber negativ – er knickte immer hinten in die Kniee.

Schon auf dieser Station mußten wir ein paar Meilen zu Fuß gehen, obgleich der Boden eben und trocken war; die Thiere konnten's nicht erzwingen, wie uns unser Kutscher sagte, und er wollte sehen daß er in der nächsten Station noch ein fünftes Pferd voran, dazu bekäme. Das war aber nur Täuschung, er wollte uns blos bei guter Laune erhalten. Die dritte Station war kurz, die Pferde schienen etwas besser, und wir gingen nur ungefähr eine Meile. Auf der vierten Station sollte uns aber gezeigt werden was eine australische Post vermöge, und der Kutscher selber mochte wohl etwas ahnen, denn als wir die vier magersten Kracken die ich in meinem Leben gesehen, eingespannt bekamen, und die der Groom, nur wie zum Spott, vorn hielt, damit sie nicht weglaufen sollten, sagte er, sich hinter die Ohren kratzend: »now my troubles begin – stand by the haliards« (Jetzt geht meine Noth an – steht bei den Fallen).

Er hatte recht – wie ein Jou-Jou-Spiel gingen wir die ersten vier Meilen hinauf und wieder herunter vom Wagen, und wenn wir hundert Schritte gefahren waren, konnten wir fest darauf rechnen daß wir wieder eine halbe Meile laufen mußten. Endlich bekam ich das aber satt; dieser Schuft von Eigenthümer hatte unser Geld genommen und versprochen uns durch die »Mail« an den Ort unserer Bestimmung zu schaffen, und jetzt sollten wir auf dem ebensten Weg laufen daß er nur seinen Karren zur rechten Zeit dorthin brachte um wieder neue Schlachtopfer aufzuladen. Ich weigerte mich nicht allein wieder abzusteigen, sondern beredete auch leicht die andern meinem Beispiel zu folgen, und wir erklärten nun dem damit allerdings nicht einverstandenen Kutscher daß wir »nicht mehr an Land gehen wollten.«

Eine Meile ging die Sache auch gut, bergunter und auf hartem Weg machten es die vier Pferdeskelette möglich uns in einem »sanften Träbchen«, vorwärts zu bringen, sowie aber der Boden nur wieder eben, und dort auch, des verhaltenen Regens wegen, etwas weicher wurde, »legten wir wieder bei«, und der Kutscher erklärte uns, wenn wir nicht abstiegen und zu Fuß gingen, könnten wir die ganze Nacht da sitzen bleiben; wir dagegen versicherten ihm, wir hätten nicht das mindeste zu versäumen, und würden mit dem größten Vergnügen bis nächsten Mittag aushalten, ehe wir jetzt in Nacht und Nebel neben einem bezahlten Wagen herstolperten. Als er sah daß wir unerbittlich blieben, peitschte er wieder auf die armen Thiere los, und ich kann wohl sagen, daß ich den Weg zehnmal lieber gelaufen wäre, als das arme Vieh so mißhandeln zu sehen, es galt aber hier ein Princip zu vertreten, und – wir blieben sitzen. Vorher hatten wir dem Kutscher gesagt daß wir aussteigen und den ganzen übrigen Weg gehen wollten, dann sollte er uns aber erst erklären daß er uns nicht mehr weiter zu bringen vermöge, und wir uns mit unserm Passagiergeld an den Unternehmer halten könnten; das wollte er nicht, und es blieb uns jetzt nichts weiter übrig als unser Wort zu halten.

Die Pferde kannten jedoch kein Prinzip um das sie sich kümmerten als ihren Magen, der war ihnen leer, und das an der Deichsel gehende Thier stürzte endlich auf vollkommen ebenem Wege. Die Deichsel des zweirädrigen Karrens schlug herunter, und die Mehrzahl der Passagiere schoß nach vorn. Ich hatte die Sache schon eine halbe Stunde kommen sehen, und meinen Fuß gegen den Vordersitz gestemmt gehalten. Den schönsten Sprung machte aber ein kleiner Chinese, den wir mit an Bord hatten: wie aus einer Pistole geschossen fuhr er über den Kutscher weg, mit dem Kopf gerade in das arme Pferd hinein, und ein Glück daß er das Pferd traf, er hätte sich sonst den Schädel sicherlich auseinander geschlagen.

Wir halfen dem armen Teufel von Kutscher jetzt das Pferd vom Geschirr frei machen und auf die Beine bringen, und ließen ihn dann sehen wie er mit seinem Karren und den andern Thieren vorwärts kam; wir Passagiere aber wanderten nun in das noch etwa sechs Meilen entfernte Städtchen, das wir zwischen 9 und 10 Uhr wohlbehalten erreichten.

Der Unternehmer dieser königlichen Postbeförderung heißt Chambers, und es ist eine allbekannte Thatsache daß er in dieser theuern Futterzeit keines seiner Thiere füttert, sondern sie nur, sobald sie aus dem Geschirr kommen, halbtodt vor Müdigkeit, auf die Weide jagt, wo das Gras eben kaum zum Vorschein gekommen ist. Er hat selber in Adelaide geäußert daß es ihm nicht so hoch kommt wenn ein Pferd dann und wann stürzt, als wenn er sie alle füttern sollte, und daß er lieber das erste riskirte als bei dem andern die gewisse Ausgabe hätte. Die Regierung schiert sich aber den Teufel darum; wenn ihr der Mann nur die Briefsäcke zur rechten Zeit an Ort und Stelle liefert, nachher mag er die Passagiere in solcher Art offen bestehlen und sein Vieh zum Tode mißhandeln. Dieser Chambers schlägt dadurch natürlich eine Masse Geld zusammen, und gehört daher – »zu den geachtetsten Bürgern Adelaidens.« Hol' der Henker solche Schufte.

Die Nacht blieb ich in Gawlertown, von wo ich nur noch 16 Meilen bis Tanunda hatte; natürlich ging ich diese jetzt gleich von Anfang bis zu Ende zu Fuß, und sparte dabei das Postgeld; die Wege waren hier noch schlechter als von Adelaide aus, und steile Hügel – ich hätte doch laufen müssen, und mich dabei noch weit mehr geärgert als die paar Shilling werth waren.

Am nächsten Mittag erreichte ich Tanunda, bezog im Tanunda-Hôtel ein kleines Stübchen und richtete mich so bequem als möglich ein.

Tanunda – nach dem indianischen Ortsnamen so genannt – ist ein kleines Städtchen von einigen hundert Einwohnern, mit den Gebäuden allerdings etwas im englischen Geschmack, der Bevölkerung aber, ein Paar einzelne Fälle vielleicht ausgenommen, total Deutsch. – Mir war es übrigens ein merkwürdiges Gefühl, in einem fremden Land und Welttheil, wie auch in einer englischen Colonie, so urplötzlich lauter Deutsche und in der That ein rein deutsches Leben und Schaffen um mich zu finden; manchmal mußte ich mich wirklich ordentlich besinnen, besonders wenn ich so überall kleine Gruppen in den Straßen stehen sah, und Alles Deutsch reden hörte, ob ich denn auch wirklich in Australien sey. Es war aber doch nun schon einmal nicht anders, und ich gewöhnte mich zuletzt auch daran – ich glaube, ich hätte mich gewöhnt, wenn sie Chinesisch gesprochen hätten, denn so schnell von einer Sprache in die andere geworfen zu werden, wie mir das in den letzten Jahren in Einem fort gegangen, macht Einen zuletzt gegen alles Derartige ziemlich gleichgiltig.

Tanunda ist aber nicht allein seines Deutschthums, sondern auch seiner Religionsparteien wegen merkwürdig, und mir lag besonders daran, das Nähere über diese zu erfahren. Die wichtigste, wenigstens die bedeutendste Gemeinde unter diesen ist die A. Kavelsche oder altlutherische, die jedoch in der letzten Zeit einen ziemlich bedeutenden Stoß in ihrer Einigkeit durch einige simple Rechenfehler erhalten hat. Früher gehörten die Gemeinden Tanunda, Hahndorf, Langmeil und Lightspaß, lauter deutsche Ortschaften, zu einander und zu einer Kirche. Da hatte, ich weiß selbst nicht einmal, ob im Frühjahr dieses (1851), oder im Herbst vorigen Jahres, Pastor Kavel den unglückseligen Gedanken, den Untergang der Welt auf Tag und Stunde vorher prophezeien zu wollen, und er war dabei leichtsinnig genug, die Zeit nicht etwa einige tausend Jahre hinaus zu schieben, sondern den Leuten dicht auf die Haut zu rücken. Das Resultat war dasselbe, was der berühmte Prediger Miller in den Yankeestaaten hatte – der liebe Gott that den Leuten eben nicht den Gefallen, die Welt zu der bestimmten Stunde aus den Angeln zu heben, und Alles ging seinen bestimmten Gang fort, nur die Kavel'sche Kirche nicht.

Zu der prophezeiten Stunde soll damals die ganze Gemeinde hinausgezogen seyn nach einem kleinen Creek, etwa zwei Meilen von Tanunda, und eine halbe Meile von Langmeil, dort den Messias zu erwarten. Statt dessen kam ein starkes Gewitter, das sie tüchtig auswusch, und Abends schliefen sie wieder, statt im Paradiese, in ihren Betten.

Auf die Gemeinde machte das aber einen bösen Eindruck; die Leute hatten fest darauf gerechnet, mit zerstört zu werden, und fanden sich jetzt alle wohl und gesund – einige kleine Erkältungen vielleicht abgerechnet – und so weit von der ewigen Seligkeit entfernt, als je. Durch die nicht eingetroffene Prophezeihung wurde aber auch zugleich ihr Glaube an den Propheten selber erschüttert, und ein Theil der Kavelschen Gemeinde fiel von Kavel ab. So wählte sich Langmeil den Pastor Meier, einen frühern Missionär der australischen Indianer, zum Pastor, und nur Hahndorf und Tanunda, vielleicht auch Lightspaß behielten den echten Glauben, da die Meier'sche Gemeinde den sobaldigen Untergang der Welt stark bezweifelte. Hr. Pastor Kavel rückte ihn aber indessen unverdrossen auf den Uebergang von 1899 – 1900 hinaus.

Was man in Tanunda selber – (d. h. der ungläubige Theil der Bevölkerung, denn Tanunda wird in Heilige und Weltkinder eingetheilt) über die Gemeinde und ihren Glauben sich erzählt, grenzt an das Fabelhafte, und man muß sicherlich vorsichtig im Glauben dieser Berichte seyn, denn ich fürchte fast, daß die Weltkinder da Manches übertrieben haben. Dem Religionswahnsinn ist freilich Nichts unmöglich. Jedenfalls wollte ich mich selber so viel das überhaupt in der kurzen Zeit möglich unterrichten, und besuchte deßhalb Hrn. Pastor Kavel, von dem ich auch auf das Freundlichste aufgenommen wurde.

Ich war gerade zu einer sehr interessanten Zeit nach Tanunda gekommen. Hr. Pastor Kavel hatte sich nämlich erst vor einigen Tagen mit seiner Wirthschafterin trauen lassen, und es war hierbei der sehr eigenthümliche Fall vorgekommen, daß, obgleich Hr. Pastor Meier in Langmeil und ein anderer Pastor, Hr. Mücke, der eine freisinnigere Gemeinde, auf die ich nachher noch zurückkommen werde, in Tamunda gegründet hat, Beide von der Regierung ordinirt waren, Hr. Pastor Kavel doch keinen dieser Herren für würdig oder befähigt hielt, die Trauung an ihm zu vollziehen, und deßhalb mit seiner Braut nach Adelaide fuhr, sich dort von dem Civilgericht copuliren zu lassen. Hiermit war nun seine Gemeinde auch nicht recht einverstanden, weder mit der Civilehe, obgleich er sich nachher, in Tanunda angekommen, noch einmal von Einem des Vorstandes einsegnen ließ, als auch mit der Ehe selber – wobei die Leute meinten, er hätte auch selbst in einer solchen Sache »den Schein« vermeiden sollen. Wenn man aber bei Heirathssachen immer erst die ganze Gemeinde fragen wollte, würden am Ende wenige zu Stande kommen – wenigstens nicht so, daß sie beiden Theilen behagte, und solche Sachen muß Jeder immer am besten selber wissen.

Der nächste Tag war ein Sonntag, und es versteht sich wohl von selber, daß ich die Kavel'sche Kirche besuchte, nach der ich zum Hrn. Pastor zu Tische geladen war. Der Gottesdienst war natürlich der altlutherische, aber mit einer enormen Zahl von Gesangbuchsversen und Bibelstellen. Das Singen hörte nicht auf, und wenn ich auch keineswegs meine Meinung als unfehlbar hinstellen will, so glaube ich doch wahrhaftig auch nicht, daß unserm Herrgott darangelegen seyn kann, jeden Sonntag das halbe Gesangbuch vorgesungen zu bekommen. Ich mußte an dem Tag 32 Gesangbuchsverse singen – und der Text? Ich bin fest überzeugt, daß die Leute, die jene Lieder geschrieben haben, denn gedichtet kann man sie nicht wohl nennen, die beste Absicht dabei hatten, und daß sich ihr innigstes Gefühl dabei aussprach, es bleibt aber doch immer schwierig, »allerheilsamsten« z. B. in zwei Sylben zu singen oder zu sprechen.

Herr Pastor Kavel predigte gut und fließend – d. h. mit gut will ich nicht etwa sagen, daß ich mit dem Sinn der Predigt einverstanden war – er sprach aber wie aus innerster Ueberzeugung – und ich will das zu seiner Ehre glauben – und sprach so, daß ich auch wohl begreife, wie er gerade die Klasse von Menschen, mit der er zu thun hat, dem, was er da sagte, gewinnen konnte. Sonst aber war seine Predigt ein Extract des Unduldsamsten, was man in irgend einem Glauben nur vorbringen kann. – Nur sein kleines Häufchen von Auserwählten war es, dem das Himmelreich einst offen steht, und einen Satz seiner Predigt werde ich nie vergessen. »Die, so wirklich nach Gottes Wort handeln, aber nicht den rechten Glauben haben, sind, mögen sie so gute und Gott sonst wohlgefällige Thaten thun, als sie wollen – rettungslos verdammt und gehen zum Teufel. Ja Gott wird solche Menschen, gerade um ihrer guten Thaten willen, nur noch um so mehr hassen, weil er eben dieselben als eine Art von Heuchelei ansieht – da sie den Glauben nicht haben.« Und das sollte ein Gott der Liebe seyn.

Diese Predigt war sauber zwischen eine unbestimmte Anzahl von Capiteln aus der Bibel und die vorgenannte Zahl von Gesangbuchsversen eingepackt; mir wurde aber unheimlich dabei – ich bin sonst nicht gerade sehr ängstlich, aber mir schnürte es fast das Herz zusammen, wenn ich daran dachte, Gott könnte mich vielleicht auch mit zu diesem kleinen Häuflein rechnen, das da vor allen Dingen verlangte, selig zu werden und die Millionen des Erdballs schonungslos in die Hölle stieß – ich verlangte in dem Augenblick absolut mit den Anderen bergunter zu gehen. Ich bin übrigens fest überzeugt, daß Hr. Pastor Kavel eine ungefähre Idee hatte, weß Geistes Kind ich sey, und es ist wohl möglich, daß er wenigstens einen Theil der Predigt zu meinem eigenen Besten hielt, damit ich einsähe, in welcher entsetzlichen Gefahr ich schwebe, oder, wenn das nicht anschlüge, mir vorzeitige Warnung meiner einstigen Bestimmung in einem sehr warmen Klima zu geben; jedenfalls wußte er, daß ich kein Altlutheraner sey, ich hätte mich sonst gleich bei meinem ersten Besuch ihm als solchen vorgestellt, und die natürliche Folge davon war meine spätere Verdammniß, mit der er mich also freundlich genug bekannt machte.

Doch wie dem auch sey, für einen Verdammten nahm er mich, als ich nachher zu ihm zu Tische kam, so gastlich und herzlich auf, wie er es mit einem Rechtgläubigen nicht hätte besser thun können, und sein kleines junges Frauchen war eben so – ich kann es ihm gar nicht verdenken, daß er den Junggesellenstand eben Jungesellenstand seyn ließ, und sich für sein Alter eine freundliche und menschliche Existenz sicherte. Auf Religionsgespräche wollte er übrigens in seinem Hause nicht eingehen und wußte sie auf sehr geschickte Art stets abzuleiten – ich kann ihm das auch gar nicht verdenken, ich hätte es eben so gemacht, so was gehört auf die Kanzel, aber nicht in's Haus; ich verdachte ihm aber die Masse Gebete und Capitel aus der Bibel vor und nach Tische – so etwas gehört ebenfalls auf die Kanzel, und wenn man sich auch das mit in's Haus nimmt, so ist das eben nur eine Geschmackssache.

Ueber die Religion der Kavel'schen Gemeinde, ihren Glauben an ein bald bevorstehendes tausendjähriges Reich, auf ihre eigene und alleinige Auserwähltheit kann und will ich Nichts sagen – es ist dieß eben ein Glauben, eine Religion wie jede andere, und so lange die Leute nur wirklich dem, was sie da beten, auch von ganzer Seele ergeben sind, und mit inniger Ueberzeugung daran hangen, so sehe ich nicht ein, warum ihr Glaube nicht ein eben so guter seyn sollte, wie jeder andere. Ihre Irrthümer werden sie schon einsehen, wenn wir da oben einmal zusammenkommen.

Die Gemeinde hält sich übrigens sehr streng abgeschieden – der Artikel 1 ihrer Kirchenordnung sagt:

»Die Gemeinde geht von dem Grundsatz aus, daß nur Die als wahre Glieder der Kirche betrachtet werden können, welche nicht meinen, aus eigener Vernunft und Kraft an Jesum Christum glauben zu können, sondern die vom h. Geiste durch das Evangelium berufen, mit Seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt sind und in demselben erhalten zu werden trachten.

»Zu unserer Verwahrung aber gegen alle Donatistische und Novatianische Irrsale wollen wir hierbei zugleich ausdrücklich auf den 8. Artikel der Augsburgischen Confession, so wie auf alle, ein Gleiches besagende Stellen in den übrigen symbolischen Büchern unserer evangelisch-lutherischen Kirche verwiesen haben.

»In die Kirche und Gemeinde werden, nach sorgfältiger Prüfung, nur Diejenigen aufgenommen, welche die heilige Schrift als Gottes Wort, seiner die Lehre der evangelisch-lutherischen Kirche, wie solche in dem kleinen Kathechismus Luthers und der unveränderten Augsburgischen Confession ausgesprochen ist, als schriftgemäß, und als Lehre der Kirche anerkennen, die übrigen 5 symbolischen Bücher der lutherischen Kirche weil sie mit den beiden erstgenannten übereinstimmen, auch als Glaubensbekenntnisse der Kirche und Gemeine gelten lassen, so nach Kräften durchlesen wollen, und mit dieser Kirchenordnung einverstanden sind.«

In ihrer Gemeinde verfahren sie dabei ebenfalls gegen abtrünnige oder unordentliche Mitglieder streng genug, die Gesetze lauten wenigstens so, und ich glaube auch nicht, daß ihnen in dieser Hinsicht ein Vorwurf zu machen ist. Art. 10 sagt:

»Die Kirchenzucht, die, wie sich von selbst versteht, schriftgemäß geführt werden muß, erstreckt sich über alle Glieder der Gemeinde, ohne Ansehen der Person, des Ranges, Alters und Geschlechts.«

In Fällen der Kirchenzucht gibt es drei Grade der Bestrafung: der erste ist nur Zurückweisung vom heiligen Abendmahl auf eine kurze Zeit, »um Raum zum ernstern Nachdenken und tieferer Buße über eine stattgefundene Übertretung zu verschaffen«; 2) öffentliche Vorstellung vor der Gemeinde und Vorhaltung der begangenen Sünde, und 3) »Ausschließung aus der Gemeine und unter Umständen Uebergabe an den Satan, öffentlich vor der Gemeinde, im Fall der Sünder seiner Uebertretung völlig überwiesen ist, dieselbe aber hartnäckig leugnet oder unbußfertig fortsetzt, Matth. 18, 17. 1. Corinth. 5, 1–5 und V. 13. 1. Timoth. 1, 20. Siehe auch die alte lutherische Holstein-Schleswig'sche Agende.«

Die Altlutheraner haben in dieser Hinsicht einen förmlichen Dualismus und glauben steif und fest an den »gentleman in black.«

Zu den Rechten der Gemeinde gehört auch nach Artikel 11 das folgende:

»Prediger und Aelteste sollen ihr Amt nur unter fortgesetztem Anrufen um den Beistand des h. Geistes verwalten, und jedes Gemeindemitglied hat ein Recht, sie ungefragt, ob dasselbe dazu berechtigt sey, darauf aufmerksam zu machen. Hebr. 10, 24. 25.«

Artikel 11 könnte mit Nutzen in eine unserer neuen Konstitutionen aufgenommen werden.

Die Gemeinde von Langmeil hat, glaube ich, ziemlich dieselben Artikel beibehalten. Herr Pastor Meier dort ist übrigens ein Mann, der sich schon tüchtig in der Welt herumgeschlagen, und besonders eine Zeit lang das trostloseste aller Geschäfte betrieb, die australischen Indianer zur christlichen Religion überzuführen und sie dabei zugleich zu civilisiren. Er gab es endlich, als er einsah, daß doch an diesen verzweifelten Stämmen Hopfen und Malz verloren sey, auf, und übernahm die Predigerstelle bei dieser Gemeinde. Außerdem hat er sich aber auch mehrfache Verdienste durch die Herausgabe mehrerer kleinen Schriften erworben, deren eine die Sprache der Stämme behandelt, mit denen er in Verkehr gewesen, und die andere ihre Sitten und Gewohnheiten.

Dieß sind nun die »Heiligen« Tanunda's, diesem gegenüber stehen aber auch noch die sogenannten »Weltkinder«, und nach Artikel 1 der Kavel'schen Kirchenordnung läßt sich denken, daß sie nicht viel von den anderen Gemeinden – deren Unduldsamkeit dabei sprichwörtlich geworden – zu hoffen hatten. Die Weltkinder sind aber auch natürlich nicht alle einerlei Meinung, es sind Katholiken und Protestanten dabei; dann Freisinnige – d. h. solche, die den lieben Gott einen guten Mann seyn lassen und schlicht und einfach ihre eigenen Wege gehen, oder Deisten, die eben nur an einen Gott glauben und den heiligen Geist mit wirklich schauderhafter Gleichgiltigkeit betrachten etc. – Dann aber auch gehören zu diesen »Weltkindern« und zwar in einem nicht geringen Theil solche, die allerdings nicht mit der Alles vor sich aus dem Weg weisenden Kavel'schen Gemeinde gehen wollen, die aber doch noch an ihren alten Gebräuchen hängen und, obgleich hier Weltkinder genannt, in manchen Gegenden Deutschlands zu den strengsten Kirchgängern und den eifrigsten Gesangbuchverssängern gehört haben würden.

Das riesige Werk nun, diese verschiedenen Exemplare von »Christen« alle unter einen Hut, oder doch wenigstens in eine Kirche zu bringen, unternahm Herr Dr. Mücke aus Berlin, der sich hier in Südaustralien niedergelassen hat. Er gründete eine freisinnige oder freie Gemeinde und ist jetzt in Tanunda Pastor. – Natürlich stehen sich Kavel und er auf das Feindlichste gegenüber, denn wenn auch Dr. Mücke keineswegs gegen den andern Glauben, sondern nur für den seinigen kämpft, so verträgt sich das natürlich nicht mit den Grundsätzen der Gegenpartei, und es sollen da manchmal sehr erbauliche Sachen vorfallen. Herr Dr. Mücke hat übrigens außerdem einen äußerst schwierigen Stand, denn er will im Kleinen ausführen, was, wenn es im Großen ausführbar wäre, vielleicht zu einem Segen des Menschengeschlechts, wenigstens doch ein sehr bedeutender Schritt in der Cultur desselben seyn würde. Er will ein Gewirr von Secten in einander schmelzen, die nach allen Seiten hinausstarren, und das Resultat ist ihm leider Gottes leicht genug zu prophezeihen. Es wird ihm nicht gelingen. Der einen Partei ist er nun einmal, wenn sie auch keine Altlutheraner sind, nicht orthodox genug – sie erinnert sich mit einer stillen Sehnsucht ihres Pastors in Deutschland, der ihnen doch von der Kanzel herunter den Text tüchtig las, wenn sie gefehlt hatten, und – alle Wetter, wie hatte der die Bibel los, »und was 'ne Stimme hatt' er« – »da kunne mer noch so fäst schlofen,« sagte mir einmal ein Sachse, »der schrich Eenen uff.«

Und die andere Partei – die Freisinnigen, die Deisten – ja du lieber Gott, mit denen ist das wieder eine ganz kitzliche Sache – die hören wohl recht gern einmal, auch von einer Kanzel herunter, daß sie recht haben, und daß man dem lieben Gott auch »im Geist und in der Wahrheit« und nicht bloß durch äußern Prunk dienen könne, aber das ist auch Alles – das Kirchengehen ist ihnen kein Bedürfniß mehr, eben so wenig mögen sie viel Geld ausgeben, Kirche und Prediger zu unterhalten, und das Resultat bleibt dasselbe, sie werden gleichgültig. Der Pastor, der sich der Religion gewidmet hat, besitzt außer dem zu diesem Zwecke verwandten Geist auch einen Körper, der gekleidet, gegen das Wetter geschützt, und einen Magen, der befriedigt seyn will, und das Wort, »der Mensch lebt nicht vom Brod allein,« läßt sich auch eben so wohl umdrehen und auf den heiligen Geist anwenden.

Doch genug von den religiösen Secten und Verhältnissen dieses kleinen deutschen Oertchens, das solcher Art seine eigenen Interessen, inmitten einer englischen Bevölkerung vertritt und behauptet. – Aus der Kirche auf den Acker ist nur ein Schritt, und ich athme noch einmal so frei, als ich wieder frische Luft schöpfe, um mich aber, und über mir den klaren sonnigen Himmel sehe.

Tanunda ist besonders ein kleines ackerbauendes Städtchen und hat ziemlich gutes Land in seiner Nähe. – Die Bevölkerung ist dabei fleißig und – eine Hauptsache in diesem Erwerbszweig – ausdauernd, und Hunderte, die mit wenig oder gar keinen Mitteln hieher gekommen sind, haben sich jetzt schon ein kleines Besitzthum gegründet, und leben zufrieden, oder doch wenigstens sorgenfrei. Der deutsche Fleiß, den auch die Engländer gut genug zu schätzen wissen, spricht sich besonders hier an manchen Stellen aus, wo z. B. die Kavel'schen Gemeinden bei ihrer ersten Ankunft für sehr theures Geld keineswegs gutes Land gepachtet oder gekauft haben, wo wenigstens unter mehr praktischer Leitung mit ein klein wenig mehr hausbackener Erfahrung und ein klein Bißchen weniger Beten für geringere Summen jedenfalls besseres Land zu bekommen gewesen wäre, wo die Leute dabei sogar noch mit Schiffsschulden anfingen, und sich nichtsdestoweniger in noch gar nicht so langen Jahren nicht allein schuldenfrei gearbeitet, sondern auch noch einen Sparpfennig erübrigt und Vieh und Werkzeug angeschafft haben.

Ich bin aber total gegen ein Pachtsystem, wenigstens gegen ein Pachtsystem auf lange Jahre, denn wenn es auch für den Augenblick einen Vortheil zu bieten scheint, indem Leute, die mit sehr geringen oder gar keinen Mitteln anfangen wollen, dadurch Hilfe bekommen, bis sie selber einmal flott werden, so hat es doch auch wieder unendlich viele Nachtheile, und ein Ackerbauer, der in einem fremden Lande beabsichtigt, sich eine einstige Heimath zu gründen, sollte sehr vorsichtig seyn, wie er sich in ein weitläufiges Pachtsystem, noch dazu ohne Vorkaufsrecht, einläßt. Das Beispiel habe ich hier an Hunderten von Plätzen gesehen, wo die Pächter allerdings ihre Aecker bestellten, weil sie eben leben und den Zins herausschlagen mußten, sonst aber auch nur die allernothwendigsten Verbesserungen anbrachten, ja sich scheuten einen Nagel einzuschlagen, weil sie ihn ja doch, wenn sie einmal wieder fortgingen, »dem Eigenthümer lassen müßten.« In Hütten habe ich sie wohnen sehen, wo es mich gedauert hätte einen Hund hineinzujagen, und ihre Ausrede war – »je nun, die zwei Jahr behelfen wir uns schon, und nachher müssen wir ja doch hinaus.« Fruchtbäume werden aus eben dem Grunde nicht angepflanzt, und überhaupt jede Verbesserung – von Verschönerungen nun ganz abgesehen – unterlassen, die erst auf einige Jahre hinaus Nutzen bringen würde.

Die Felder muß er aber cultiviren – er muß von jedem seinen Zins geben, also will er auch aus jedem seinen Nutzen ziehen, dadurch aber trägt er natürlich zur Cultur der Gegend selber mit bei, und was ihm, wäre er Besitzer eines noch so kleinen Eigenthums, gerade zum Vortheil gereichen würde, das ist jetzt, so bald er später einmal dort Land in der Gegend kaufen will – sein eigener Schade – er treibt sich das Land selber in die Höhe oder muß eine ganz andere Gegend aufsuchen, und dort wieder von vorn anfangen. Ein Pächter fühlt sich auch nie auf seinem Lande wohl; er gehört dort, wie er recht gut weiß, nicht hin, und so wie sein Pachtcontract abgelaufen ist, muß er weiter ziehn, ist er ein Fremdling auf dem Boden, den er Jahre lang bearbeitet und geerntet hat. Hat Einer aber auch nur das kleinste Stück Land zum Eigenthum, so arbeitet er mit viel größerer Lust und Liebe daran, jedes, was er daran thut, thut er für sich selber; von jedem Baum, den er pflanzt, weiß er, daß er auch die Früchte ernten wird, und das Land ist mit einem Worte seine Heimath, und später einmal die Heimath seiner Kinder.

Die Gegend um Tanunda herum ist fruchtbar genug, doch läßt sich, des ungewissen Klimas wegen, gar kein durchschnittlicher Ertrag der Ernten bestimmen. Ich habe Bauern gesprochen, die mir versicherten in dem einen Jahr 40 und im zweiten 15 Büschel Weizen vom Acker geerntet zu haben; heiße Winde oder zu feuchte Witterung sprechen dabei ein sehr gewichtiges Wort, und die größte Vorsorge dagegen kann Nichts ausrichten. Die heißen Winde haben schon ganze Ernten zerstört, und gerade im Adelaide-Distrikt kommen sie sehr häufig vor – doch machen einzelne Jahre darin auch einen Unterschied. Während solchen Windes soll die Luft ordentlich erstickend seyn und der Staub so wirbeln daß man in Adelaide manchmal nicht über die Straße sehen kann, und Alles in den Zimmern, trotz fest verschlossener Fenster und Thüren, dicht mit seinem Staub bedeckt wird.

Der Weinbau wird übrigens einmal, gerade wie in Neu-Süd-Wales, ein sehr bedeutender Erwerbszweig für das Land werden, denn Tausende von Aeckern, die nicht besonders zu Weizen und selbst weniger für Weideplätze geeignet sind, werden treffliche Weinberge geben. Die dort gezogene Traube soll ausgezeichnet süß und saftig seyn, und der davon gekelterte Wein, von dem ich mehrere Sorten gekostet habe, ist wirklich vortrefflich. Jetzt liegt das Ganze aber freilich noch im Entstehen, und die Weinbauern, die den Bau ordentlich begonnen haben, sind noch bei den Versuchen, welche Reben sich am besten für Südaustralien eignen werden. Herr August Fiedler bei Tanunda gibt sich besonders Mühe in dieser Hinsicht und hat schon einige, wirklich ausgezeichnete Sorten gezogen. Der merkwürdigste Wein, den ich dort kostete, war ein von einer Muskateller-Traube gekeltertes Getränk, das den frappantesten Ananasgeschmack hatte. Er hat ebenfalls Rheinwein, Medoc und mehrere andere Sorten gezogen, und die meisten solcher Art, daß sie das beste Resultat für spätere Jahre erwarten lassen. Von diesem, wie Ananas schmeckenden Wein nahm ich mir ein kleines Fläschchen voll mit nach Deutschland, und trotz dem, daß ich es später lange mit mir in einem heißen Klima herumführte, behielt der Wein doch seine volle Güte, – nur der Ananasgeschmack hatte sich, als ich das Fläschchen nach einem Jahr etwa wieder öffnete, verloren.

Handwerker gibt es von allen Arten in Tanunda, und alle sind fast Deutsche; Handwerker stehen sich überhaupt auch ziemlich gut in Australien, besonders wenn sie nicht jeder Zeit, oder gleich im Anfang nur allein auf ihrem Handwerk bestehen und dann und wann einmal etwas Anderes ergreifen wollen, bis sich eine Aussicht wieder für ihr eigenes Geschäft findet. Ein Maßstab für den Lohn ist aber nicht gut anzulegen, da dieser eines Theils wechselt, andern Theils dadurch ein ganz anderes Verhältniß erhält, daß nicht immer auf Arbeit zu rechnen ist, und der Arbeiter eine Woche vielleicht einmal ziemlich hohen Lohn erhält, eine andere aber müßig gehen muß. Macht er nun seine Berechnung nach dem allerdings guten Lohn für das ganze Jahr, so ist es sehr leicht möglich, daß er sich höchst bedeutend dabei verrechnen könnte.

In Tanunda sind drei deutsche Kaufleute, eine deutsche Apotheke, zwei deutsche Aerzte und anderthalb deutsche Gasthäuser.

Anderthalb in sofern, als das eine, das Tanunda-Hotel, ganz von Deutschen (der Wirth heißt Müller) gehalten wird. Das andere hält ein Engländer Namens Johnson – das Alliance-Hotel – der übrigens sehr gut Deutsch spricht, und eine sehr hübsche junge deutsche Frau hat. –

Am nächsten Montag war ein Ball, ein deutscher Ball in Tanunda, und obgleich ich selber nicht tanzen kann, interessirte es mich doch natürlich, demselben beizuwohnen. Die Musici dazu waren von Adelaide verschrieben worden, hatten aber Abhaltung bekommen, und es mußten daher ein paar andere, nothdürftig genug, in der Gegend aufgetrieben werden. So ein deutscher Ball in Tanunda ist aber keine Kleinigkeit, der dauert nicht bloß von Abends sieben oder acht Uhr bis Morgens, so lange die Leute tanzen wollen, sondern gleich auch noch mit über den nächsten Tag hinüber, in die andere Nacht hinein. Unter zwei Tage wird dort gar nicht angefangen.

Am ersten Abend, als der Tanz gerade beginnen sollte, und etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang ging ich mit jenem deutschen Arzt, dem Dr. Pabst, etwa 1½ Meile von Tanunda ab in den Busch, wo er das alte Grab eines Indianers wußte. Ich wünschte gern ein vollständiges Gerippe eines der Eingebornen mitzunehmen, und wir hatten beschlossen, das Grab zu öffnen. Es ist dabei immer einige Vorsicht nöthig, obgleich den Tag über keine Schwarzen in der Nähe gewesen waren; man weiß nicht, wie und wo die schwarzen Burschen herumkriechen, und sie könnten Einem leicht einmal zur unrechten Zeit auf den Hals kommen. –

Wir fanden das Grab und begannen unsere schauerliche Arbeit – der Boden war leichter Sand und wir rückten rasch vorwärts – mein Spaten stieß bald auf etwas Hartes – die Indianer begraben ihre Todten nicht tief – doch es war noch nicht das Gerippe, – wir kamen erst zu dem Holz, mit dem sie gewöhnlich die Leiche bedecken. Das Licht einer gewöhnlichen Laterne leuchtete uns, und der Modergeruch der aus der feuchten Erbe, zu der wir jetzt kamen, emporstieg, war widerlich. Ich warf einen Theil des Holzes heraus und arbeitete weiter.

»Hier muß der Kopf liegen,« sagte der Doctor, »das hineingesteckte Holz ist das Zeichen;« wir gruben nach, aber vergebens – das ganze Holz warfen wir aus dem Grab, die ganze feuchte Modererde, bis wir auf den harten, und augenscheinlich noch nie berührten Unterboden kamen. Dort lag altes Laub, jedenfalls mit den Theilen des früher auf ihnen ruhenden und dann verwesten Körpers zersetzt, aber kein Gerippe – die Schwarzen hatten das schon, wie es bei manchen von ihren Stämmen Sitte ist, selber herausgenommen und verbrannt, und wir waren geprellt. Der Doctor fluchte auf die Hallunken, »denen man selbst im Tode nicht mehr trauen könnte,« und ich packte Spaten und Sack, den wir uns zum Hineinlegen der Gebeine mitgenommen hatten, zusammen, mein Begleiter griff die Laterne auf, und wir wanderten, mit dem Erfolg unserer nächtlichen Sendung natürlich höchst unzufrieden, in das nahe Städtchen zurück.

Fröhlicher Lärm schallte uns von dort entgegen, Violine, Trompete und Klarinette spielten jedes in seiner eigenen Tonart einen rauschenden Galopp, die Paare wirbelten im Kreise herum, der Saal war festlich erleuchtet. – Aus dem Grab auf den Ball – der Abstand war zu gewaltig, und ich brauchte wirklich erst einige Minuten, bis ich mich recht in meine neue Umgebung hineingefunden hatte. Die geputzte fröhliche Schaar schwang sich indessen bei dem entsetzlichen Dreiklang rasch und mit leuchtenden Blicken im Kreise herum, und in einem behaglichen Seitenstübchen fand ich eine andere Gesellschaft »ehrbarer Staatsbürger« versammelt, die sich hier bei einem Gläschen Medoc des doppelten Genusses – der Musik und des Tanzstaubes erfreuten. Hier waren die »Honoratioren« versammelt, Doctor und Apotheker, Pastor und Schulmeister, Kaufmann etc. – ja das sind ja wohl bei uns die »Honoratioren«, nur daß wir noch bei uns Bürgermeister und Zollbeamten dazu rechnen. Hier in diesem glücklichen kleinen Städtchen kannten wir aber derzeit weder die einen noch die anderen – Zollbeamte existirten hier aus dem einfachen Grunde nicht, daß das Städtchen mitten im Lande lag, und Gerichtsbarkeiten waren ebenfalls nicht da – nicht einmal Polizeidiener – gewiß ein höchst außerordentlicher Fall in einem deutschen Städtchen. Die Einwohner fühlten das aber auch und hatten, wie sie mich versicherten, ernstlich petitionirt, eine Polizeistation nach Tanunda zu bekommen, was ihnen auch gnädigst versprochen war, und die Diener der Gerechtigkeit wurden mit Sehnsucht für nächste Zeit erwartet.

Zu gleicher Zeit hatten sie, beiläufig gesagt, auch darum petitionirt, nach Tanunda einen Gerichtssitz und eine Magistratsperson gelegt zu bekommen, wozu die Stadt selber und die dicht bevölkerte Umgegend allerdings berechtigte – Angas hatte aber darum zu gleicher Zeit nachgesucht, und wenn auch sein Distrikt lange nicht so viel Seelen und besonders nicht auf einen Platz concentrirt, aufweisen konnte, war doch ein Nutzen für die Colonie mit dem »Courthouse« verbunden, und Angas hatte sich viel zu verdient um die Colonie (d. h. um sich selber) gemacht, um deßhalb nicht in dieser Sache einen Vorzug zu verdienen. Angas sollte das Courthouse und die Tanunder die Polizeidiener bekommen.

Zur Ehre der Tanunder sey es übrigens gesagt, daß sie, – außer was der gesellschaftliche Umgang im natürlichen Lauf der Dinge mit sich bringt, indem sich die, auf gleicher Bildungsstufe Stehenden doch immer zu suchen und zu finden wissen – keinen weitern Unterschied zwischen Honoratioren und »Gevatter Schneider und Handschuhmacher« zur Schau tragen. Es herrscht ein höchst freundlicher und auch geselliger Ton zwischen allen Ständen, ja weit freundschaftlicher habe ich sämmtliche Deutsche untereinander gerade hier in Tanunda, als in Adelaide selber gefunden. So geschah es denn, daß wir hier einen recht vergnügten Abend verlebten, und wenn ich auch nicht selber tanzte, so sah ich doch gern die fröhlichen Paare, und die hübschen lächelnden und in ihrem Himmel vergnügten Gesichter der jungen Frauen und Mädchen, von denen Tanunda eine recht gesegnete Gottesgabe aufzuweisen hat.

Weil nun aber doch einmal Alles verkehrt seyn muß in Australien, so wollte Tanunda natürlich auch keine Ausnahme bieten, und die Prügelei, die auf deutschen Volksbällen immer zum Schluß kommt, machte hier den Anfang.

Am nächsten Morgen, als eben die Sonne über den nächsten Berghügeln emporstieg, stand ich auf, rüstete mich zur Abfahrt und wanderte, gleich nach dem Frühstück, als noch die meisten Tanunder kurzer Ruhe pflegten, sich einestheils von den überstandenen Strapazen des letzten Abends auszuruhen, anderseits auf die des nächsten vorzubereiten, einen schmalen Waldweg folgend, gen Gawlertown, das ich etwa Nachmittags zwei Uhr erreichte, aber nicht betrat, sondern links liegen ließ, einen kleinen Abstecher nach »Buchsfelde« zu machen, wo sich die Brüder Schomburg aus Preußen – Richard Schomburg auch schon durch seine früheren Reisen mit seinem älteren Bruder, in Guiana bekannt – angesiedelt hatten. Den einen der Brüder, den Dr. Otto Schomburg, hatte ich schon in Adelaide kennen gelernt, und wurde von den lieben Leuten auf das Herzlichste aufgenommen.

Buchsfelde liegt am Gawlerflusse – ein kleiner Bach, der im Sommer, wie fast alle australische Bäche, zu laufen aufhört – und ist eine förmliche kleine deutsche Colonie, die dem wackeren Leopold von Buch zu Ehren von Schomburgs Buchsfelde genannt wurde. Uneinigkeit herrschte aber schon damals unter den verschiedenen Bewohnern, und soll seit der Zeit noch viel schlimmer ausgebrochen seyn, soviel Schomburgs selber thaten, Frieden zwischen den Leuten zu halten.

Schomburgs haben hier eine Sektion Land, und obgleich sie im Anfang – an das Land selber, wie an die harte Arbeit nicht gewöhnt – noch dazu mit vielem Unglück, schlechter Erndte und krankem Vieh zu kämpfen hatten, so zeigen sie doch jetzt, was der Wille des Menschen vermag, wenn er einmal, mit ruhiger Ueberlegung, auf ein vorgestecktes Ziel fest gerichtet ist. Was sie früher mit fremder Hülfe bestellen ließen, und was schlecht gerieth, das haben sie jetzt selber angegriffen, und die Saat stand vorzüglich, ihr Vieh befindet sich vortrefflich, ein Garten, den Richard Schomburg in ziemlich großem Maaßstab und mit unsäglicher Mühe und Arbeit angelegt hat, ist seiner Vollendung nahe, Wein und Fruchtbäume sind gepflanzt, mehre Gebäude, die sie größerer Bequemlichkeit wegen begonnen haben, werden auch wohl noch diesen Winter beendet werden, und sie können sagen, daß sie in dem fremden Lande, nach dem Abschied von der Heimath, das Schwerste überstanden haben. – Es ist aber immer die Heimath nicht, und dem gebildeten Manne bietet ein wilder Welttheil nie das, was es dem, nur für seine persönlichen Bedürfnisse sorgenden Arbeitsmann bieten kann, und der erste hat doch so viel tausendmal mehr dafür verloren. Eine Rübe ist weit leichter verpflanzt, als eine Rose; die eine wird, wie sie da eben ist, aus dem Boden gezogen und wo anders wieder eingesteckt und eingedrückt – nach dem ersten Regen oder der ersten Gießkanne voll ist sie zu Hause – an der Rose müssen erst die tausend und tausend Wurzeln und Fasern, die nicht beim ersten Ausnehmen etwa schon gewaltsam abrissen, auch noch abgeschnitten werden; sie für die ihr bestimmte enge Behausung zugänglich zu machen, und das thut der armen Rose oft so entsetzlich weh – aber sie grünt und blüht deßhalb doch, und treibt, wenigstens in den nächsten Jahren, die schönsten Knospen und Blumen.

Wenn Richard Schomburg übrigens ein ausgezeichneter Gärtner ist, so vereinigt sein anderer Bruder Otto, alle drei Facultäten in sich, denn außer dem, daß er Feld und Garten mit bestellt und als Architekt und Vieharzt hilfreiche Hand leistet, hat er eine ziemlich bedeutende medicinische Praxis in der Umgegend, besonders als Geburtshelfer, ist dabei zum Friedensrichter seines kleinen Distrikts ernannt worden, und wird nächstens, wenn sich die Buchsfelder erst eine Kirche gebaut haben, was jetzt im Werke ist, auch predigen. – Das heißt praktisch.

Zur Charakteristik der Deutschen in Australien glaube ich aber zwei Fälle nicht unerwähnt lassen zu dürfen, die gerade damals dort vorfielen. Es war eben in der schlimmsten Aufregung der Wahlzeit, und zwar sollte der Distrikt auf der andern Seite des Gawler am nächsten Tag seine Stimmen sammeln. Wir saßen beim Abendbrod, als der eine der Brüder einen Augenblick hinausgerufen wurde. Lachend kam er wieder herein und erzählte uns, was er gesollt. Draußen war ein Deutscher gerade von über dem Creek drüben gewesen, und hatte ihn gefragt, was der Zettel bedeute, den er den Nachmittag bekommen. Es war dieß eines der gewöhnlichen vom Magistrat jedes Distrikts ausgestellten Papiere, durch welche die verschiedenen Wähler von der Zeit der Wahl in Kenntniß gesetzt und aufgefordert wurden, derselben beizuwohnen.

»Und muß ich da gehen?« frug der Deutsche – d. h. ungefähr, verlangt es die Polizei? –

Herr Schomburg erklärte ihm, daß er allerdings nicht polizeilich gezwungen werden könne, daß es aber seine Pflicht als Bürger sey, seine Stimme ebenfalls für die Wahl eines Vertreters abzugeben, damit die wirkliche Meinung der Majorität bekannt würde, und nicht vielleicht die Minorität in der öffentlichen Meinung bloß deßhalb ihre Wahl durchsetze, weil sie eben die »fleißigere« gewesen sey. –

»Ah so« hatte der Mann gesagt – »na ich will sehen, ob ich kann.«

Er konnte aber nicht, denn er war am nächsten Morgen ganz schön zu Hause – er mußte ja nicht.

Der andere Deutsche, von dem sie mir erzählten, hatte in der letzten deutschen Revolution in seinem kleinen Ort eine sehr bedeutende Rolle gespielt, er war ein Licht gewesen, ein Stern, zu dem viele aufgesehen und von dem sie Besserung ihres Zustandes erwartet hatten. Damals hatte er Deutschland glaub' ich rasch verlassen müssen und war, wenn ich nicht irre, eben nur der Gefahr entgangen, verhaftet zu werden, oder hatte doch pecuniäre Verluste erlitten – kurz, ein Haar in der Sache gefunden. Als der hier zur Mitwahl aufgefordert wurde, sagte er sehr entschieden: –

»Wählen? – ja – einmal meine Finger in so einer Geschichte gehabt und nicht wieder – Namen unterschreiben? – ne, kann nicht aufgeführt werden – der Teufel weiß, was sie nachher damit machen, und dann haben wir wieder die alte Komödie.« – Er ließ sich das nicht ausreden. –

Armes Deutschland.

Leider konnte ich mich nicht auf längere Zeit in diesen lieben Familien aufhalten, denn wenn ich wirklich noch mit dem beabsichtigten nach Sidney und Manila ging, so hatte ich eben keine Zeit mehr zu verlieren; ich wollte mich doch auch noch etwas in Adelaide selber umsehen, und einige Briefe schreiben. Am nächsten Morgen neun Uhr brach ich auf, um noch vor dem Abend Gawlertown zu erreichen, und von dort aus am nächsten Morgen um fünf Uhr mit der Post nach Adelaide fahren zu können, stolperte im Dunkeln – es war eine wahre Stockfinsterniß, durch den Gumwald und über eine unbestimmte Anzahl von Fenzen weg, denn ich verlor den Weg unter den Füßen, behielt aber, da es sternenhell war, meine Richtung bei, und erreichte etwa ein viertel auf elf Gawlertown. Dort übernachtete ich und war am nächsten Morgen um 10 Uhr in Adelaide.

Unterwegs passirte weiter nichts Außerordentliches, als daß wir eine alte Dame mit auf der Post hatten, die in jedem Wirthshaus, an dem wir hielten, und wir hielten eben an jedem, einen »nobbler gin hot« zu sich nahm, und außer ihr noch zwei Männer, die nach den neuentdeckten Sidney-Goldminen wollten, und von denen der eine feierlich erklärte, es sey dadurch – was ihn besonders verleitet habe, seine bisherige gute Beschäftigung zu verlassen – nur eine schon lange verkündigte Prophezeihung der heiligen Schrift wahr geworden, und er fange jetzt an, fest überzeugt zu werden, daß Australien wirklich das »auserwählte Land« sey.

Dem religiösen Fanatismus ist noch Nichts zu wahnsinnig gewesen.

In Adelaide stand mir übrigens eine angenehme Ueberraschung bevor; während ich in Tanunda war, hatte sich nämlich mein Koffer, mit demselben Schooner der ihn zum ersten Mal hätte bringen sollen, und jetzt seit der Zeit die Fahrt hin und zurück schon zum zweiten Mal gemacht – eingestellt. Man kann sich denken, mit welcher Freude er von mir begrüßt wurde. –


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