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Friedrich Gerstäcker: Australien - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
authorFriedrich Gerstäcker
titleAustralien
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
seriesReisen
volumeVierter Band
year1853
correctorreuters@abc.de
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5. Marsch durch das Murraythal.

(Fortsetzung.)

Rasch ging ich darauf zu, und war vielleicht auf hundert Schritt hinangekommen, während mich das dichte Gebüsch verhinderte, genau zu sehen, von wo das Feuer eigentlich ausgehe. – So fest fühlte ich mich übrigens zu gleicher Zeit davon überzeugt, hier eine Hütte zu finden, daß ich gar keinem anderen Gedanken Raum gab, und den gewöhnlichen australischen Ruf, das allbekannte Ku-ih ausstieß, damit die Bewohner wüßten es sey ein Fremder draußen, und die gewöhnlich bösartigen Hunde zurückhalten konnten. Ein Verirrter der das einmal – im Sidney-Distrikt – versäumt hatte, war von den wüthenden Känguruh-Hunden, als er eben über die Fenz stieg, angefallen und, ehe ihm der Besitzer des Hauses zu Hülfe kommen konnte, im wahren Sinne des Worts zerrissen worden.

Hunde schlugen, so bald ich rief, ebenfalls an, aber es antwortete niemand, und im nächsten Moment war das Feuer verlöscht oder wenigstens verdeckt. Zugleich hörte ich leise flüsternde Stimmen, denn nachdem ich gerufen, war ich dem Feuer noch näher geschritten – und in demselben Augenblick auch ein Rascheln in den Büschen rechts von mir.

Ich war, ohne daran zu denken, ein Feuer der Blacks angelaufen, und das Verdecken ihrer Kohlen ließ mich deutlich genug merken daß sie mit mir nicht viel zu thun haben wollten. Meine Sehnsucht nach ihnen war ebenfalls nicht stark, und ich zog mich deßhalb, so bald ich merkte wie ich eben nahe daran gewesen einen höchst gedankenlosen Streich zu begehen, leise links ab, und blieb dann etwa eine Viertelstunde lang hinter einem Baum stehen das Resultat abzuwarten. Nichts ließ sich mehr sehen, kein Laut hören; einmal glaubte ich ganz nahe bei mir das leise Kommen eines Hundes zu hören, das kann aber auch Täuschung gewesen seyn, oder es verstummte augenblicklich wieder. Auch das Feuer kam nicht wieder zum Vorschein, und ich trat endlich, den Pfad beibehaltend, langsam meinen Rückweg an.

Als ich übrigens etwa eine halbe Meile zwischen mir und den Blacks hatte, beschloß ich Halt zu machen; ich war todesmüde und konnte kaum den Fuß mehr vor den andern setzen. Es mußte auch bald Mitternacht seyn, und ich war vom frühesten Morgen an marschirt – kein Wunder daß mir die Füße weh thaten. Ein Feuer wagte ich aber doch nicht anzumachen, denn obgleich die Nacht recht unfreundlich kalt war, wollte ich mich dem nicht aussetzen so nahe bei Indianern, von denen ich nicht wissen konnte wie sie gesinnt waren, bei einem Feuer einzuschlafen. Ich rollte also meine Decke auseinander, legte mir meine Tasche mit dem Schwanfell obenauf unter den Kopf, wickelte mich gut ein, und war bald fest und süß eingeschlafen.

Das sollte aber nicht lange dauern, die wirklich empfindliche Kälte weckte mich bald wieder, es fiel dabei ein höchst fataler starker Thau, und ich versuchte umsonst mich zu erwärmen. Ein paarmal sprang ich auf und lief hin und her; ich war aber zu müde, und mußte mich wieder in den jetzt von dem Thau genäßten grauen Staub des dürren Bodens niederlegen.

Eines störte und ärgerte mich aber besonders, und zwar eine kleine Feldmaus oder irgend ein dem ähnliches Thierchen, das jedesmal, wenn ich eben glaubte in Schlaf kommen zu können an meinem Jagdranzen oder dem Fell an zu knuppern fing, und bei der leisesten Bewegung spurlos verschwunden war. Das erste Mal erschrack ich sogar nicht wenig, und fuhr wie der Blitz, das Gewehr im Anschlag, in die Höhe, denn wie ich das raschelnde Geräusch hörte, glaubte ich schon die Wilden von dem letzt verlassenen Lager hätten Lust an mich hinanzuschleichen; wenn ich aber auch die Ursache ausfand, konnte ich sie doch nicht beseitigen, bis ich meinen Lagerplatz veränderte und einige zwanzig Schritt weiter unter einen anderen Busch ging.

Es war eine traurige Nacht die ich verlebte, und Gott weiß mit welcher Sehnsucht ich immer und immer wieder nach dem südlichen Kreuz hinaufschaute das sich meiner Meinung nach noch nie so langsam gedreht hatte, und den Morgen gar nicht herbeibringen wollte. Endlich brach er an, von der Sonne wehte ein schneidend kalter Wind herüber, und in dem öden Gumwald dämmerte der Morgen.

Ich sah aber auch jetzt daß ich mich gar nicht auf einem von Menschen betretenen Pfad befand, sondern den rechten im Dunkel wahrscheinlich verfehlt hatte und einem Viehpfad gefolgt war, der, Gott weiß wohin führte, so meine Richtung, dem Fluß zu, wieder aufnehmend, erreichte ich bald darauf den rechten Weg, und diesem dann folgend auch endlich erschöpft und hungrig und durstig genug, die Station, wo ich aber auf das gastlichste und freundlichste aufgenommen wurde und die Glieder wieder durch ein kräftiges Mahl und eine kurze Rast stärken konnte.

Nahe zur Station fand ich wieder ein kleines indianisches Lager, denn die Wilden ziehen sich gern dann und wann in die Nähe der Weißen um von diesen mancherlei ihnen doch nützliche Dinge, wie besonders auch, für kleine Dienstleistungen, dann und wann ein Stück Brod zu bekommen, was sie leidenschaftlich gern essen. Ihre Wohnungen sind dabei rasch genug aufgeschlagen, es giebt in der That nichts Einfacheres als diese Hütten, die eigentlich nicht einmal den Namen von Hütten verdienen. Es sind auch nur schräg in einen Mittelpunkt zusammengestellte Stücken Baumrinde, die in diesem, von einem in die Erde gerannten Stock schief aufrecht gehalten werden, und an deren, dem Wind abgekehrten offenen Seite das Feuer entzündet ist.

Daß der Indianer die Kälte dabei nicht fühlt, weil er eben nackt geht, kann ich mir nicht denken, denn ich habe sie schon zitternd vor Frost bei dem Feuer liegen sehen; nichtsdestoweniger errichtet er sich aber nirgends, selbst nicht im härtesten Winter, ein besseres Obdach, ja nimmt sich nicht einmal die Mühe wenigstens Rindenstücke auf die Erde zu legen um die stets aufsteigende Feuchtigkeit von seinem Körper abzuhalten. Daher mag es aber auch kommen daß man unter ihnen so viele Krüppel und Abgezehrte findet; ich habe auch bei keinem wilden Stamm z. B. mehr Blinde gesehen als bei den australischen Schwarzen, und eine andere Krankheit – wenn ich es so nennen darf – die bei ihnen vorkommt, ist das Abfallen des Fleisches an einzelnen Gliedern. Manche sonst kräftige Männer und Frauen habe ich gesehen, an denen ein Arm oder Bein vollkommen wohlgebildet und der andere total fleischlos, ein nur mit Haut überzogener Knochen war. Bei den Frauen fand ich das mehr an den Armen, bei den Männern war aber auch manchmal eines von den Beinen abgestorben, und zwei Fälle sah ich wo in beiden der Oberkörper des Mannes vollkommen gut ausgebildet war, der untere Theil aber förmlich einem schwarzen Skelett glich, so daß sie nicht einmal Stärke behielten um auf den fleischlosen Beinen zu gehen, und auf den Händen fortrutschen mußten. In beiden Fällen waren diese Unglücklichen aber, so langsam und schwerfällig sie sich natürlich auf dem festen Land fortbewegten, desto behender im Wasser, und es sah ordentlich unheimlich aus wie diese Krüppel, einmal im Canoe angelangt, blitzschnell damit fortschossen, ja sich auch hinauswarfen, unter dem Wasser verschwanden und mit lautem Jubelruf, hundert Schritt von der Stelle wo sie gesunken, wieder emportauchten.

Merkwürdig ist solcher Art der Unterschied zwischen den beiden Nachbarländern der Südsee und Australien in ihren Hauptkrankheiten. Der Südseeländer mit seiner Elephantiasis bekommt so viel Fleisch unter die Haut seiner Beine, daß es ihm diese zu zersprengen droht, und den australischen Wilden verschwindet es ordentlich darunter fort, und wüßten sie was ihre Nachbarn oft für dicke Beine haben, so bin ich fest überzeugt sie würden sagen, diese hätten es ihnen durch irgend ein nichtswürdiges Zaubermittel heimtückischer Weise entwendet.

Am entsetzlichsten sehen übrigens die alten Frauen der Blacks aus, die wirklich schwarzen lebendigen Skeletten gleichen. Ein schmutzigeres Volk gibt es dabei ebenfalls nicht als die australischen Wilden, und das schreckbarste der Schrecken sind ihre Nasen, die sie nur manchmal von dem Gröbsten mit einem der harten Gumblätter reinigen. Noch schrecklicher sollen sie im Sommer aussehen, wo ihnen die Fliegen dann unbehindert und unverscheucht um den ganzen Mund herum sitzen. Die Zudringlichkeit der australischen kleinen Fliegen erklärt man denn auch damit daß sie die Blacks eben »verwöhnt hätten.«

Am 4. Junius kreuzte ich wieder nach dem rechten Ufer des Murray hinüber, und hörte hier von den Blacks, die ich bei einer Station traf, daß in der Biegung die der Fluß hier mache, und wodurch er in der steilen Bank eine Art Kessel auswusch, der Devil Devil oder das Bunyip hausen solle. Vergebens hatte ich bis jetzt, wo ich nur den Fluß berührte, die Ufer auf das genaueste nach irgend einer fremdartigen Spur untersucht, ich fand nichts, und beschloß nun diese Gegend nicht eher zu verlassen, bis ich wenigstens überzeugt sey daß dieses fabelhafte Ungeheuer seine Tatze nicht an Land gesetzt habe. Ich kletterte, und ging zu diesem Zweck um die ganze Biegung herum, marschirte sogar noch wieder ein Stück stromauf, um das Ufer dort gleichfalls zu untersuchen; weder oben noch unten war aber die mindeste Spur zu entdecken, und meine einzige Hoffnung dem Ungethüm noch auf die Fährte zu kommen, blieb für ein Paar Seen weiter unterhalb aufgespart, in denen, besonders in dem obersten oder Victoria-See, der Bunyip zu jener Zeit gleichfalls gesehen seyn sollte.

An demselben Abend noch erreichte ich den Darling, an dem einige Häuser gebaut sind und übernachtete an der andern Seite, hatte aber auch damit, in der Entfernung wenigstens, die längste Strecke meines mühseligen Weges zurückgelegt, und wenn auch gerade hier die Indianer wieder einen sehr bösen Namen hatten, fing ich an abgestumpft zu werden gegen dergleichen Eindrücke. Ich marschirte den Tag über eben wie auf der Pirsche, die gut geladene Büchsflinte im Arm, und aufmerksam jeden Busch vor mir beachtend, auf das geringste Geräusch horchend. Nur Nachts war es ein unangenehmes Gefühl, wenn ich gerade keine Station erreichen konnte, das gute Feuer zu verlassen und mich im Kalten, hinter irgend einem feuchten alten Busch, auszustrecken, der Dunkelheit ein paar Stunden Schlaf abzustehlen. Manches erlebte ich dabei in den stillen einsamen Nächten, manchen falschen Alarm, der mich unnöthiger Weise emporschreckte und Stunden lang wach hielt, mancher fremde Laut drang zu mir, mancher leise Schritt, meist wohl des rothen Buschwolfs oder wilden Hundes, passirte mein Lager, aber das sind alles Einzelnheiten auf die ich hier unmöglich eingehen kann, ich brächte nicht die Hälfte alles dessen in einen Band und will mich ja doch hier nur einfach an die wichtigsten Punkte meines Marsches selber halten. Interessirt sich dann der Leser noch später für Australien, kann ich ihm noch Manches daraus erzählen, und manchen vergnügten Abend verbringen wir dann vielleicht in den friedlichen Rindenhütten der Schäfer oder selbst in dem wilden Walde jenes wunderlichen Landes.

Hier, oder wenigstens 20 Meilen weiter unterhalb, nimmt aber auch das Ufer des Murray einen ganz andern Charakter an. Es flacht sich von hier nicht mehr allmählig nach dem innern Land ab, sondern bildet ein oft 100 Fuß hohes, von steilen wilddurchbrochenen und durchlöcherten Kalksteinschichten formirtes, bald schmäleres, bald breiteres Bett, in welchem sich nun der Fluß, keine solche entsetzliche Biegungen mehr ausführend als weiter oben, hinschlängelt, und jetzt am linken, dann am rechten Ufer nieder, je nachdem er rechts oder links abweicht, ein mit den gewöhnlich hohen Gumbäumen bewachsenes sogenanntes Flat zurückläßt. Diese Flats, die man in Amerika Bottom nennen würde, sind allerdings an keiner Stelle sehr breit, bieten aber eben dadurch leicht abzufenzende vortreffliche Weideplätze, die schon auf natürliche Weise nach der Landseite zu durch ihre steilen Klippen, und auf der andern durch den Murray selber, das Vieh inne halten. Der Boden dieser Flats ist aber lange nicht so vortrefflich als man es von solcher Lage wohl erwarten sollte, und ich sah hier am Murray besonders wie lügenhaft meist alle jene Länderbeschreibungen sind, die von sogenannten Schiffsagenten gewöhnlich verbreitet werden, und weiter keinen Zweck haben als nur so und so viele Köpfe oder Seelen an Bord der Schiffe zu liefern, für die sie sich interessiren. Wie manchem armen Teufel sie dabei das Hirn verdrehen mit ihren paradiesischen Schilderungen, wie manche unglücklich werden, weil sie nun einmal mit zu großen Erwartungen in das fremde Land gekommen sind, und es nicht dahin bringen können diesen zu entsagen, so starr und trocken ihnen auch die Wirklichkeit bei jedem Schritt entgegentritt, ist ihnen einerlei; sie haben ja ihren Thaler Kopfgeld für die »arme Seele« erhalten, das übrige hat diese mit sich selber auszumachen.

Auf solche Art ist das Murray-Thal in Beschreibungen und Karten so überaus fruchtbar und herrlich geschildert, und wie wenig urbares Land sah ich, und zwar nur oben an seinen Ufern, während hier unten kein einziger Scheffel Weizen gezogen werden kann, und alles Mehl auf Ochsenkarren von den nächsten besiedelten Plätzen – und diese nicht selten 400 bis 500 engl. Meilen weit, herbeigeschafft werden muß. Nur an einigen Orten haben sie auf den Stationen kleine Gärtchen für etwas Gemüse, und selbst diese dann im Sand der Hügel, weil der Thalboden des Murray, der allenfalls Weizen oder Mais tragen würde, alljährlich, und zwar gerade zur Erntezeit, dermaßen überschwemmt wird, daß es die in seinem Thal gebauten Früchte regelmäßig mit fortnimmt. Der Thalboden besteht aus einem grauen leichten Lehm, der jedenfalls, wenn er zu Staub pulvert, gepflügt werden müßte, denn bei der geringsten Feuchtigkeit entwickelt er einen solch entsetzlich zähen Charakter, daß er den Fußwanderer manchmal zur Verzweiflung treiben möchte. Dieser graue Lehm trocknet aber auch sehr schnell wieder aus, und scheint nicht die geringste Feuchtigkeit für längere Zeit zu halten, da schon, oft nur stundenlang nach einem Regen, der eben abgetrocknete Boden an der Oberfläche wieder aufspringt. Doch das ließe sich noch alles verbessern, wenn eben nicht die steten Überschwemmungen die Bebauung jener weitläufigen Länderstrecken unmöglich machten. Allerdings könnte das Land durch Dämme, wie z. B. am Mississippi, vom Wasser freigehalten werden; aber erstens kann der Murray mit dem Mississippi auch in keiner Hinsicht nur verglichen werden, und dann liegt eben nicht Land genug in diesen Thälern, um es der Mühe solcher Kosten und Arbeiten werth zu machen. Das Murray-Thal wird an Getreide nie das liefern können was die Viehzüchter, so wenig das auch seyn mag, dort nur zu ihrem eigenen Bedarf gebrauchen.

Eine sehr hübsche Lagune sah ich an diesem Tag von einer der Kalksteinklippen aus; sie bildete von einem Gürtel ziemlich stattlicher Gumbäume umzogen einen Halbmond, und eine Masse dürrer junger Bäume war mit ihren zackigen Aesten so an den beiden Enden hingestreut, daß die blitzende und sich in der Lagune spiegelnde Sonne ihre Strahlen auf höchst eigentümliche Weise zwischen ihnen brach. Hunderte von Kakadus, die mit ihrem weiß glänzenden Gefieder gar scharf gegen den dunkelgrauen Hintergrund des Bodens abstachen, belebten die Scene, und hie und da stand auch ein ernster hochbeiniger Wasservogel in der sonnenfunkelnden Fluth und beschaute sich sorgsam das Terrain um sein »täglich Brod« da heraus zu fischen. Unter ihnen erkannte ich einen der native companions, der seine Tagesarbeit vollendet zu haben schien, und hier langsam am Ufer auf- und abging, nur manchmal wie unwillig den Kopf schüttelnd über das schauerliche Geschnatter und Getöse der unermüdlichen Kakadus. Jetzt blieb er stehen und sah sich nach den Gumbäumen um, in demselben Augenblick flatterte er aber mit den Flügeln auf, und fiel zu Boden. Ich fuhr selber erstaunt in die Höhe, denn ich konnte mir sein Betragen nicht erklären, und hatte gar nichts, weder gehört noch gesehen, was es rechtfertigen konnte, als ich bald genug die Ursache erfahren sollte, denn während der Vogel noch am Boden mit den Flügeln schlug, glitt eine dunkle Gestalt aus einem der Büsche heraus, faßte den native companion und schleppte ihn, unter dem Zeter- und Mordgeschrei der Kakadus, die jetzt alle aufflogen und ihn umkreisten, in das Gebüsch zurück. Fast unwillkürlich sah ich mich aber um, ob ich nicht auch hinter mir so irgend einen alten Gumbaum hatte, hinter dem vor eine Bumerang gar böse Wirkung hätte thun können, aber auf dem ganzen »bluff,« der in eine ziemlich freie Salzbuschebene auslief, ließ sich nicht das mindeste sehen, und ich setzte meinen Weg ungehindert, unbelästigt fort.

Den 6. Junius hatte ich einen langen einsamen Marsch, durch Sandhügel und Ebenen, Bäume nur hie und da an den Ufern eines Creeks, und die einzigen lebenden Wesen die tollen kreischenden Kakadus, einzelne kleine Heerden halbwilder Rinder, die in dem Malleybusch hausen und oft Jahrelang von ihren weit entfernten Eigenthümern gar nicht gesehen werden, ein paar Emus, die flüchtig durch die Salzbüsche dahin stoben, oder ein ehrwürdiges Känguruh, das sich unter einem Theebaum sonnte, bei Annäherung eines Menschen in langen gewaltigen Sätzen über die niederen Büsche fortsprang, und bald darauf in weiter, weiter Ferne verschwand. Den Abend erreichte ich den sogenannten Victoria-See, von dessen Schönheit ich vorher schon so viel gehört hatte; ich fand aber weiter nichts als eine große Lache, aus der ich die Nacht, des bösartigen Schlammes wegen der seine Ufer bildete, nicht einmal Wasser bekommen konnte. Ich kam dort gerade mit Dunkelwerden an, und sah mehrere Feuer, alle von Indianern, rings herum, ließ mich aber dadurch keineswegs abhalten ebenfalls ein gutes Feuer anzumachen, und zwar, wie die andern, am Ufer des Sees. Ueber Nacht gehen die Schwarzen nicht gern umher, und wenn sie auch das neue Feuer sahen, hielten sie es doch jedenfalls, so gerade in ihrer Mitte, für eines der ihrigen. Ich wurde auch nicht im mindesten belästigt, mit erster Morgendämmerung war ich aber schon munter, briet mir meine zweite Ente (ich hatte den Tag über zwei Enten an dem einen Creek den ich passirte geschossen), und rollte dann meine Decke zusammen.

Damit eben noch beschäftigt, sah ich drei Blacks mit ihren Speeren auf mich zukommen, und sie schienen nicht wenig erstaunt, hier einen fremden Weißen und so ganz allein anzutreffen. Am Tag brauchte ich aber von diesen, bewaffnet wie ich war, nicht viel zu fürchten, und überhaupt sind diese Blacks – obgleich die des Darlings, zu welchen die Victoria's gehören, mit den schlimmsten Namen an Falschheit und Hinterlist führen – lange nicht so gefährlich als die des Murrumbidgee, die ihnen in Führung der Waffen und in den Waffen selber weit überlegen sind. Hier fangen z. B. schon die sechs Fuß langen Speere an, von denen jeder Indianer nur einen einzigen, höchstens noch mit einem Fischspeer trägt, und die nur mit der Hand, also lange nicht so weit und kräftig geschleudert werden können, als die kleinen Rohrspeere der mehr östlichen Stämme.

Diese drei Bursche zeigten sich übrigens freundlich genug, holten mir in meinem Becher Wasser, und einer von ihnen erbot sich mir, für ein Stück Tabak natürlich, den Weg nach der nächsten Station von Weißen am Murray zu zeigen. Vorher lag mir aber daran das Ufer des Victoria-Sees nach Bunyipspuren abzusuchen, und ich nahm den einen jungen Black – die andern beiden gingen zum Fischen einen andern Weg – mit mir. Das Bunyip oder den devil-devil kannte er nun zwar gut genug, und behauptete auch in seinem gebrochenen Englisch es sey hier im See und in den benachbarten Schluchten, wollte es aber selber noch nicht gesehen haben, und versicherte mich nur, daß es einmal einen von seinem Stamm umgebracht habe. Meine Frage ob es ihn auch verzehrt hätte, verneinte er. Ich wollte nun gern herausbekommen wo es sich eigentlich am liebsten aufhalte und von was es lebe, darüber schien er aber selber nicht im klaren, und hielt es für besser mit einer Art geheimnißvollem Kopfschütteln zu antworten.

Auf dem weichen Uferschlamm des Sees fortschreitend, umgingen wir diesen zur größten Hälfte, und ich beobachtete genau jeden Eindruck im weichen Schlamm, konnte aber keine andern Fährten als die der gewöhnlichen Thiere dieses Landes finden. Als ich den Black endlich frug ob er mir keine Spur des Bunyip zeigen könne, schüttelte er mit dem Kopf, und sagte ernsthaft: »Devil-devil no trak – butchery jabon devil-devil, but no trak« was so viel heißen sollte als Devil-devil, obgleich sehr groß, hielt es doch viel zu sehr unter seiner Würde eine Fährte zu hinterlassen.

Wir wanderten indessen, immer dem Rande des Sees folgend, gerade auf ein indianisches Lager zu, an dem ich etwa sechzehn bis zwanzig Gestalten sich bewegen sah. Nun machte ich mir gerade nicht besonders viel daraus so mitten unter eine ganze Schaar der Blacks hinein zu gehen, wenn es gleich heller Sonnenschein und offenes Terrain war, mochte aber auch keine Furcht zeigen, und hätte überdieß einen gewaltigen Umweg machen müssen, den gerade in meinem Pfad liegenden »Mob« zu umgehen, und folgte deßhalb ruhig dem Wilden, der mir indessen in seinem Kauderwelsch die wunderlichsten Geschichten von dem Bunyip – weil er wohl gemerkt haben mochte daß ich mich dafür interessirte – erzählte: wie es vor noch nicht langer Zeit eine Frau überfallen und ihr die »Butter« (ihr Ausdruck für Nierenfett) herausgenommen habe, daß die Frau, obgleich keine äußere Verletzung an ihr zu sehen gewesen, doch in zweimal schlafen (zwei Nächten) gestorben sey; wie es sich manchmal an die Schläfer Nachts anschleiche, wenn das Feuer nicht lustig brenne, und sie anhauche mit seinem giftigen Athem, daß sie blind werden müßten, oder ihnen das Fleisch unter der Haut fortstehle und sie absterben lasse an Armen und Beinen.

Das Alles, und noch viel mehr erzählte mir der Schwarze, als er mit leichtem elastischem Schritt, seinen langen Speer in der Hand, neben mir hinschritt, und die dunklen ausdrucksvollen Augen dabei rastlos nach rechts und links hinüberstreiften. Die Augen sind unstreitig das Schönste an dieser Menschenrace, und man würde ihnen gern und befriedigt hinein schauen – wenn sie nicht eben so gar dicht bei der entsetzlich vernachlässigten Nase säßen.

Unterdessen waren wir auch dicht an das Lager hinangekommen, und obgleich ich, unwillkürlich auch und in alter Gewohnheit, das Schloß meiner Büchse untersuchte, fand ich doch bald, daß ich hier nicht das Mindeste zu fürchten hatte.

Das Lager enthielt, außer zwei oder drei erwachsenen Männern, nur die Alten, Kranken und Frauen und Kinder, von denen die beiden letzteren emsig beschäftigt waren mit kleinen scharfen und abgeflachten Hölzern den leichten und feuchten Ufersand aufzuwühlen, aus dem sie dann die darin fast wie schichtweis gelagerten Muscheln herauslasen. Hie und da lagen schon ganze Netze voll gesammelt, und an den verschiedenen Feuern rösteten sie das einfache Mahl. Der größte Theil des Stammes war wie mir mein Begleiter jetzt sagte, fischen gegangen und die Frauen und Mädchen drängten sich, als ich nahe genug gekommen, um mich her, und wollten Angelhaken haben zum Fischen.

Es waren eine Menge junge Mädchen dabei von jedem Alter, die wenigsten selbst nur mit einem schmalen Opossummantel bekleidet, aber auch nicht eine einzige edle oder schöne Gestalt, selbst nicht einmal freundliche Gesichtszüge sah ich unter ihnen, und der Schmutz in dem sie einhergingen war fürchterlich. Ich gab ihnen einige Fischhaken und rief mir dann ein halbes Dutzend Jungen heran, die sich vor allen Dingen das Gesicht waschen mußten, dann nahm ich ein paar Papiere Zinnober heraus, von dem ich etwas bei mir führte, und strich den Jungen die Nasen, mitten in den schwarzen Gesichtern, hochroth an. Der Eindruck den dieß machte, war pompös – die Nasen glühten wie Karfunkeln und nicht allein die Jungen selber, nein der ganze Stamm schien eine unbändige Freude darüber zu haben. Ich mußte ihnen aber auch noch etwas von dem Zinnober da lassen, und die Männer versicherten mich, daß sie es nothwendig zu einem Korroborri, oder feierlichen Tanz, den sie in diesen Tagen halten wollten, brauchten. Sie schienen es so nothwendig dazu zu gebrauchen wie der größte Theil unserer europäischen Indianer einen Frack.

Da die Sonne indessen immer höher stieg und mich der Schwarze versicherte wir müßten fort, da er noch an dem Abend zu seinem Stamm zurückkehren wolle, und wegen dem devil devil nicht Nachts marschiren dürfe, so brach ich mit ihm auf, ging eine Strecke an dem Rufuscreek, wie ihn die Engländer jetzt nennen, hinunter, und erreichte etwa drei Uhr Nachmittags den Murray wieder, und an ihm eine kleine Schafstation, in der ich von den dort Wohnenden auf das Herzlichste aufgenommen wurde.

Ich blieb dort die Nacht um noch ordentlich auszuruhen, denn am nächsten Tag hatte ich, wie mir die Leute sagten, einen langen Marsch, ehe ich wieder Wasser erreichen konnte, indem der Murray hier einen sehr bedeutenden Bogen machte, und ich ein gutes Stück von Weg abschnitt wenn ich gerade Richtung beibehielt. Ein bestimmter Weg führte hier gar nicht ab, doch waren vor mehreren Wochen ein paar Drays vor dort herüber gekommen und wenn ich den Spuren folgen konnte, so führten sie mich sicher in der nächsten Richtung wieder zum Ufer des Murray.

Das war nun zwar eine sehr ungewisse Leitung, denn es hatte seit der Zeit einmal einen ganzen Tag geregnet, und die Spuren die sie mir zeigten schienen selbst hier im Sande verwischt, da ich aber die Richtung ziemlich genau angegeben bekam, und überhaupt an der rechten Hand hohes sandiges Land, den gewöhnlichen Malleyscrub behielt, von wo aus ich immer einen Ueberblick über das niedere Flußthal gewinnen konnte, machte ich mich getrost auf den Weg.

Meine Bahn lag an diesem Tag ziemlich dicht am Fuß der Sandhügel, größtentheils aber auch im flachen Uferland hin; und die Pflanzenwelt entwickelte hier wieder einen ganz eigenthümlichen Charakter. Nicht etwa daß die bisherige Oede einer freundlicheren Scenerie gewichen sey, nein, es war nur ein anderes Blatt in dem dicken und monotonen Buche australischer Landschaften; aber selbst als solches hatte es wieder einigen Reiz.

Der größte Theil der Strecke, den ich an diesem Tag durchwanderte war Salzbuschebene; der Salzbusch selber zeigt aber zwei verschiedene Species, wie ich sie bis jetzt noch nicht gesehen. Bis dahin hatte er meistens aus zwei bis fünf Fuß hohen Büschen bestanden, die mit den mattbraunen Stengeln und den wie bereiften hellgrünen Blättern einen, vielleicht für Schafe sehr interessanten, für Menschen aber sehr traurigen Anblick boten. Dieser Salzbusch verändert jetzt weniger die Farbe als die Façon; es war auch eigentlich eine andere Art Gewächs und gehörte mehr zu dem was wir Eispflanzen oder Eisgewächse nennen. Die Blättchen waren dick und fleischig und glichen in Farbe und Gestalt auf ein Haar überzuckertem Anis – schmeckten aber anders. Zwischen diese, und fast regelmäßig hindurchgestreut, stand eine andere Art von Salzbusch, der aber mit seinen saftigen, tief dunkelgrünen, fast sammetartigen Fleischblättern gar eigenthümlich gegen das ihn umgebende Grau der übrigen Landschaft abstach. – Die ganze Gegend vor mir sah wie eine ungeheure graue Zwirnstickerei aus, in die kleine Bouquets von saftgrüner Chenille hineingearbeitet waren.

Weit im Hintergrunde zog sich ein Streifen mattgrüner Gumbäume über die Scene, und als ich diesen endlich erreichte, fand ich daß die Bäume das Ufer eines kleinen Creeks oder Wassers begrenzten. Creek meint aber in der australischen Bedeutung, immer »stehendes Wasser« und da es außerdem noch salzig war, konnte ich nicht einmal einen frischen Trunk thun. Nichts destoweniger kam es mir sehr erwünscht, denn es hielten sich, zwischen seinen engen steilen Ufern, eine Masse von wilden Enten auf, und ich schoß zwei von ihnen mit einem Schuß, für Abendbrod und Frühstück.

Meine Wagenspur hatte ich übrigens lange verloren; ich war zwischen den Büschen umhergeschlendert und ein paar Mal einer frischen Känguruhfährte gefolgt, so daß ich jetzt gar nicht mehr wußte ob diese rechts oder links abgelaufen seyn mochte; doch kümmerte mich das auch wenig, und ich setzte meinen Weg, nach besten Kräften Richtung haltend, ruhig fort, bis ich, schon gegen Abend, den blauen Rauch eines Lagerfeuers vor mir aufsteigen sah. So gewiß ich nun wußte daß hier Wasser zu finden sey, so wenig behagte mir der Gedanke in der Nähe einer Anzahl dieser schwarzen Schufte zu übernachten, und ich wollte deßhalb wenigstens einen Versuch machen ihnen aus dem Weg zu gehen. Es war aber schon zu spät, denn gleich darauf fand ich mich von einem halben Dutzend räudiger und klapperdürrer Hunde so gierig umjagt und angeklefft, als ob sie wirklich kaum noch auf eine Einladung warteten über mich herzufallen, und mich mit Haar und Haut aufzufressen.

Ich suchte mir also, so rasch ich konnte, einen buschfreien Platz aus, wo ich die herankommenden Schwarzen erwartete; es waren aber nur drei, alle jedoch mit ihren Kriegesfarben, weiß und roth, wunderlich gemalt und außergewöhnlich stark bewaffnet, jeder sogar, was ich sehr selten unter diesen Stämmen gesehen habe, mit zwei Bumerangs versehen. Sie schienen dabei freundlich genug – der Teufel traue ihnen jedoch – und baten mich um etwas Tabak.

Während wir noch neben einander standen, jagten die Hunde plötzlich ein Walloby auf, das sich Gott weiß wie, so lange hier dicht neben uns in den Büschen versteckt gehalten. Der kleinste der Schwarzen, ein verschrumpftes altes, überaus häßliches Männchen, mit dem boshaftesten Gesicht, das ich noch je bei einem der Schwarzen gefunden hatte, sprang blitzschnell vor, warf seine Speere nieder, griff die eine Bumerang auf, und schleuderte sie, fast ohne zu zielen, dem flüchtigen Thier, das eben über eine etwas erhöhte offene Stelle sprang, nach. Die Bumerang berührte in etwa zwanzig Schritt den Boden, und schoß in schnurgerader Linie auf das Walloby zu, und ich war fest überzeugt es mußte getroffen werden, der Boden begünstigte es aber gerade an dieser Stelle, indem er sich ein wenig senkte, und in demselben Moment, als das behende Thier die Erde wieder berührte und sich zum neuen Sprunge niederbog, schwirrte die sonst sicher tödtlich gewesene Waffe dicht über seinem Kopfe hin, stieg bald darauf höher und höher, stand, wie es schien eine Sekunde lang, und kam dann pfeifend und schwirrend, einen kleinen Bogen nach links zu beschreibend zurück, und so gerade auf mich zu, daß ich heute noch nicht weiß, ob der Schuft eigentlich das Walloby oder mich hatte treffen wollen. Mit raschem Satz fuhr ich allerdings der schwirrenden Waffe aus dem Weg, aber selbst da noch streifte die eine Spitze meinen Arm, und ließ, in dieser kaum bemerkbaren Berührung, einen tiefblauen Fleck zurück. Die Schwarzen wollten sich halb todt darüber lachen.

Natürlich ließ ich mir nicht das Mindeste merken, handelte aber dem kleinen Kerl zum Andenken seine Bumerang für etwas Tabak und zwei Fischhaken ab, ließ mir die Richtung nach dem Fluß zu beschreiben, und setzte meinen Weg, da es schon merklich gegen Abend ging, fort. Ich marschirte meiner Rechnung nach wohl noch acht Meilen, so weit als möglich aus dem Bereich dieser Burschen, denen ich nicht im mindesten traute, hinaus zu kommen; es war übrigens Mondlicht, und ich erreichte den Fluß etwa eine Stunde nach Dunkelwerden, trank mich dort vor allen Dingen satt, und wanderte dann wieder ein gutes Ende in den Busch hinein, wo ich mir ein Feuer anmachte, meine Ente briet und die Nacht vorzüglich schlief.

Ich befand mich jetzt zwischen den beiden Landseen Victoria und Bonin – dem Hauptaufenthalt des fabelhaften Bunyip – und obgleich mir mehre Weiße vorhergesagt hatten, daß ich die Blacks hier ziemlich zahlreich und falsch und boshaft genug finden würde, hatte ich doch bis jetzt nur im Verhältniß sehr wenige getroffen, und diese wenigen benahmen sich, das etwas zweideutige Werfen des Bumerang vielleicht ausgenommen, freundlich genug gegen mich. Allerdings hatte ich sie mir auch soviel als möglich vom Leib gehalten, und glaubte doch nun, und wohl auch mit Recht, den gefährlichsten Strich in dieser Hinsicht hinter mir zu haben – ganz war ich aber doch noch nicht aus dem Bereich aller Gefahren, wie ich nur zu bald wieder merken sollte.

Etwa fünf engl. Meilen hatte ich an diesem Morgen gemacht, als ich plötzlich auf einer kleinen Anhöhe links von mir mehre Indianer erblickte; doch einmal von ihnen gesehen, ließ ich mich aber nicht irre machen, und wanderte gerade zu, bis ich ebenfalls an meine linke Seite das ganze Lager, aus einigen dreißig Gunyos oder Rindendächern bestehend, sah. Eine Masse alter weißhaariger Kerle saßen um die Feuer herum, aber meine Nähe war ihnen sicher schon angezeigt, denn es dauerte gar nicht lange – und sie hatten sich indessen von einem Feuer zum anderen etwas zugerufen, als drei junge Kerle, mit ihren Speeren bewaffnet, ganz wie früher schon einmal, auf mich zu kamen, und mir den Weg abzuschneiden suchten. Ich war übrigens dießmal nicht geneigt, mich in die geringste Unterhandlung mit ihnen ein- und sie mir so nah auf den Leib rücken zu lassen, blieb deßhalb stehen, nahm die Büchse von der Schulter, zog beide Läufe auf, und winkte ihnen auf ganz unzweideutige Weise zurückzubleiben.

Sie standen augenblicks wie die Mauern, und nur der eine rief mir zu, sie wollten weiter Nichts wie ein Bischen »smoke« haben, ich verweigerte aber durch Kopfschütteln jeden Handelsvertrag, und meine bisherige Richtung ein klein wenig verlassend, bog ich rechts in die Büsche. Die Blacks blieben, etwas verdutzt vielleicht über die barsche Abweisung eines einzelnen Wanderers, zurück. Ich war auch nicht ganz sicher, ob sie mir doch nicht folgen würden, und blieb mehre Male, wenn ich eine Strecke zurückgelegt hatte, einige Zeit liegen, konnte aber keine Spur eines lebenden Wesens erkennen, und setzte endlich, im vollen Gefühl meiner Sicherheit, meinen Weg fort.

Gegen Abend, immer noch auf keiner Straße, und nur die ungefähre Richtung beibehaltend, kam ich, dicht an dem Ufer eines kleinen trocknen Creeks, zu drei indianischen Grabmälern, die hier, von ein paar starken Gumbäumen überschattet, still und unheimlich in der Wildniß lagen.

Die Grabmäler bestanden aus drei, nur einfach aufgeworfenen Hügeln, über die, jede besonders, drei kleine Hütten von jungen Bäumen und Reisig errichtet, und mit einer Masse von Büschen so dicht bedeckt waren, daß es im Innern vollkommen dunkel schien. Der Platz vor der Hütte zeigte überall frische Spuren nackter Füße, und als ich dicht daran vorüber ging und einen Blick in das Innere warf, schimmerten mir von dem düsteren Todtenhügel der einen Hütte drei weiße Halbkugeln, wie Todtenköpfe fast, aber weit größer, entgegen, und reizten meine Neugierde dermaßen, daß ich stehen blieb, erst hinein und mich dann überall umschaute, und die größte Lust hatte, die fremdartigen Dinger in der Nähe zu besehen.

Ich wäre gar zu gern einmal hineingekrochen, der Eingang war aber nur ungemein schmal und niedrig, denn das erhöhte, und mit Laub und Reisig bedeckte Grab füllte fast den ganzen inneren Raum aus, und – der Henker traue den schwarzen Schuften – konnte mir trotz all meiner Vorsicht nicht doch Einer von ihnen nachgeschlichen seyn, und hatte ich ihnen, so ich ihre Gräber entweihte, nicht volle Ursache zu einem Angriff gegeben?

Ich drehte mich schon wieder ab – solche Gelegenheit wurde mir aber auch vielleicht nicht wieder geboten, und ich beschloß kurz und gut wenigstens einmal zu sehen, was die weißen Dinger im Inneren bedeuteten. Rasch warf ich Decke und Jagdtasche ab, sah nach der Büchse, fühlte das Messer an der Seite, und kroch dann, nach einem vorsichtig rings umhergeworfenen Blick, in die Grabhütte.

Ein fataler Modergeruch wehte mir entgegen – die Schwarzen begraben ihre Todten gar nicht tief, und das dicke Laub und Reisig, das auf dem Hügel lag, kam mir fast vor, als ob es die Leiche nur oben bedeckte. Ich kletterte aber ohne weiteren Zeitverlust darüber hin, und griff nach einem der weißen Köpfe, die mich jetzt erst recht häßlich anzugrinsen schienen. Schädel waren es indessen nicht, sondern nur eine Art, aus weißem Thon und Binsen zusammengeknetete Schalen, die hier verkehrt auf den Gräbern lagen, und deren Bedeutung ich mir nicht erklären konnte. Gern hätte ich eine davon mitgenommen, sie waren aber zu groß und schwer zum tragen, und abbrechen ließ sich auch so leicht Nichts, da die mit dem Thon angekneteten Binsen das Ganze zu einem festen und hart verbundenen Kitt zusammenhielten. Uebrigens mochte ich mich auch nicht lange da drinn aufhalten. – Die Hütte war zu dicht geflochten oder mit Sträuchern beworfen, von innen aus die nächste Umgebung selbst nur übersehen zu können; mir wurde auch auf einmal, als ob ich da drinn nicht länger Athem holen könne – dasselbe Gefühl, das mich einst unter einem, tief unterminirten riesigen Fichtenbaume ergriff, unter dem ich in Californien arbeitete, und der, als ich kaum darunter vor war, ohne weiteres Geräusch, ja selbst ohne eine andere Wurzel zu zerreißen, als die, die wir schon abgehauen hatten, mit furchtbarer unwiderstehlicher Gewalt niederschlug. Ich kroch rasch vor, und als ich den Kopf herausstreckte, hätte ich darauf schwören wollen, dicht hinter den nächsten Salzbüschen einen schwarzen Schatten gesehen zu haben. Ich nahm mir nicht einmal Zeit, die Tasche und Decke aufzuheben, und lief rasch auf die Stelle zu, fand auch Spuren, aber von einem menschlichen Wesen kein weiteres Zeichen – die Spuren konnten älter seyn, denn der ganze Grund dort herum war von bloßen Füßen jeder Größe zertreten.

Je rascher ich mich jedoch hier fortmachte, desto vortheilhafter schien es für mich zu seyn, da noch dazu das Terrain von einer Masse ziemlich dichter Theebüsche und des sogenannten Lignums bedeckt war, und die Blacks, falls sie überhaupt etwas gegen mich im Werke hatten keinen besseren Platz dazu wählen könnten. Schnell warf ich also Decke und Tasche wieder über die Schultern, nahm die Büchse, noch immer etwas vorsichtig, unter den Arm und marschirte weiter.

Ich war den Morgen an dem sandigen Hang der Malleys hinmarschirt, und schlug mich jetzt, da sich diese zu weit nach Süden hinüber zogen, und ich auch auf eine Drayspur kam, die dort, ziemlich in meiner Richtung, durch den Busch führte, auf dieser hin, durch wildes dichtes Gestrüpp – Wasser hatt' ich auch nicht, und ich beabsichtigte erst bis es dunkel wurde, zu marschiren, und dann ein Feuer anzumachen und mich dabei hinzulegen. Vorher wollte ich mich denn aber doch noch einmal überzeugen, ob ich auch wirklich nicht verfolgt würde, und ob der schwarze Schatten, den ich positiv gesehen hatte, keinem Black, sondern einem Walloby – oder wenn einem Black – nur einem dort zufällig umherstreifenden gehört hätte. Ich trat also von meiner Spur ab, legte mich hinter einen dichten Salzbusch und beschloß dort eine volle Stunde liegen zu bleiben, und wenn ich nichts verdächtiges weiter bemerken sollte, wieder aufzubrechen, hatte aber kaum fünf Minuten gelegen, als eine der schwarzen Canaillen, ganz in ihrem Gott vergnügt, auf meiner Spur herankam – und dicht dahinter sah ich noch eine zweite. Uebrigens erstaunte ich nicht wenig, in dem einen dieser beiden, den kleinen alten verschrumpften Burschen zu erkennen, dessen Bumerang ich noch in der Tasche trug, und den ich doch wenigstens zwanzig Meilen von hier entfernt glaubte. Was hatte den schwarzen Satan bewogen; mir so weit zu folgen, und weßhalb kam er jetzt so scheu und heimlich angeschlichen.

Ich war mit wirklich friedlichen Gesinnungen gegen die Blacks in diese Wildniß gekommen, und hatte mir gleich von Anfang an vorgenommen, Blut nur im äußersten Nothfall, und blos in Selbstvertheidigung oder vielleicht zum Schutz eines anderen Weißen zu vergießen, fast unwillkührlich zuckte mir aber hier die Büchse in die Höh, und das Korn suchte, wie selbstbewußt, den Körper des schwarzen Hallunken, doch setzte ich wieder ab, und beschloß erst abzuwarten was sie thun würden, wenn sie meiner ansichtig wurden.

Sie waren jetzt noch etwa hundert Schritt entfernt, und kamen rasch näher, als plötzlich schreiend und pfeifend ein kleines Volk schwarzer Kakadus über die Büsche herangestrichen kam, und sich gerade dort niederlassen wollte, wo ich lag, – ich wandte den Kopf nach ihnen um, und mit ohrzerreißendem Gekreisch stoben sie, als sie mich bemerkten, auseinander. Wunderbar war aber die Wirkung, die das auf die heranschleichenden Indianer machte; mich konnten sie nicht sehen, davon war ich fest überzeugt, denn ich lag hinter dichtem niederen Gebüsch, als ich aber den Kopf wieder nach ihnen hinwandte, sah ich nur eben noch, wie sie links und rechts in das Dickicht verschwanden, und obgleich ich nun noch fast eine volle Stunde auf meinem Posten liegen blieb, konnte ich Nichts mehr von ihnen weder hören noch sehen.

Es ist nichts peinlicher in der Welt, als die Ungewißheit einer Gefahr, in der wir uns befinden, und deren Art und Ursache wir nicht so recht erkennen können. Ich hätte es zwanzig Mal lieber gesehen, die beiden Burschen wären mir gerade zu auf den Leib gerückt, als daß sie jetzt auf so heimtückische Weise in den Büschen herum krochen, und einem das Bischen freie Luft, was man hier noch athmete, ganz verbitterten.

Mein erstes Gefühl war auch, der Sache ein rasches Ende zu machen, und ihnen dasselbe Spiel, was sie mit mir gespielt, zurück zu geben. Ich ging auf ihre Spuren, um einem davon zu folgen, statt zweien fand ich aber zu meinem Erstaunen drei Spuren, von denen zwei rechts und eine links abführte, obgleich ich nur zwei Schwarze gesehen hatte, und ich überlegte mir nun auch bald, daß ich, wollte ich diesen Spuren nachgehen, mich einer weit größeren Gefahr aussetzte, als ob ich meine Richtung geradefort beibehielt. Den schlauen Schwarzen war ich in dieser Art der Kriegführung doch nicht gewachsen.

Weßhalb aber folgten sie mir so hartnäckig? – Der Schatten an den Grabhügeln war doch wohl keine Täuschung gewesen, und wer weiß, ob sie nicht gar deren Entweihung rächen wollten – das war dann immer gefährlicher als bloße Raublust, denn religiöser Fanatismus hat die Menschen von je her zu den tollsten Streichen getrieben, und sie gegen jede Gefahr wie Vernunft hieb- und stichfest gemacht. Der Abend rückte indeß heran, und da ich einen ziemlich peinlichen Durst fühlte, beschloß ich mich vor allen Dingen nach dem Fluß zuzuschlagen, und dann zu sehen wie ich die Nacht verbrächte, ohne gerade mein Nierenfett in unnütze Gefahr zu bringen. Verwünschtes Gefühl das, wenn man nicht einmal das, mühsam genug angesparte bischen Fett im eigenen Leibe sicher weiß.

Gerade mit Dunkelwerden, oder eigentlich schon etwa drei Viertel Stunden lang nach Sonnenuntergang erreichte ich den Strom, suchte mir hier einen guten Lagerplatz aus, briet ein paar Tauben, die ich den Tag über geschossen, hielt eine vorzüglich gute Mahlzeit, und überlegte mir nun, was am Besten zu thun sey. Wären wir unserer zwei gewesen, so hätte Einer Wache halten müssen, während der Andere ruhig schlief und Kräfte zum nächsten Tag sammelte, so aber ging dies, hier am Feuer, unmöglich an, und doch war ich so müde, daß ich die Augen kaum aufhalten konnte. Niederlegen durfte ich mich hier gar nicht, soviel war gewiß, und so kalt und unfreundlich die Nacht war, beschloß ich doch das Feuer lieber im Stich zu lassen, und mich hinter irgend einen Busch zu drücken. Vorher trug ich aber eine Masse Holz zusammen, und legte dieses gegen den Wind, in einen langen Haufen, so daß es ziemlich die ganze Nacht Gluth halten mußte. Dann packte ich meine Sachen auf, und ging nach dem Flußufer hinunter, dem ich etwa eine Viertel Meile abwärts folgte – ich war ziemlich sicher, daß die Blacks hier meiner Spur in der Nacht nicht nachgehen würden, da sie so dicht am Wasser zu sehr den Devil Devil fürchten. Dicht am Wasser mochte ich aber auch nicht ohne Feuer lagern, es war furchtbar kalt dort, und ich stieg, als ich mich weit genug von meinem Feuer glaubte, wieder die Bank hinauf und legte mich dort zwischen zwei dichtbelaubte und engzusammenstehende Salzbüsche hinein, wo ich aber auch, nach all der Aufregung und Anstrengung des Tages, augenblicklich und zwar so fest einschlief, daß ich vollkommen davon überzeugt bin ich wäre dort, von den Schwarzen gefunden, ganz in ihrer Gewalt gewesen.

Als ich endlich erwachte, sprang ich auch erschrocken in die Höhe, denn ich hatte gegen Morgen geträumt, ich sähe die Schwarzen wieder angeschlichen kommen, und die Sonne stand schon hoch am Himmel. Mit dem Tageslicht war aber auch jede Gefahr verschwunden, wenigstens fürchtete ich keine mehr, und ging jetzt vor allen Dingen zum Feuer zurück, dort in dem weichen Sande nachzusehen, ob mir die schwarzen Schufte in der Nacht keinen Besuch abgestattet hatten. Ich konnte mir gratuliren daß ich nicht am Feuer liegen geblieben war – ihre Spuren gingen rings und dicht um dasselbe her, und ich vermißte sogar ein Tuch, das ich bei feuchter Witterung gewöhnlich um das Schloß meiner Büchse gewickelt trug, und gestern Abend abgenommen und am Feuer vergessen hatte.

Jetzt fest davon überzeugt, daß meine Verfolger wirklich Böses im Sinne hatten, schlug ich mich in gerader Richtung wieder durch die Salz- und Theebüsche des niederen Landes nach den Sandhügeln durch, wo ich, am Fuß derselben, jedenfalls freies Terrain behielt, und nicht so leicht überrascht werden konnte. Uebrigens mußte ich auch in der Nähe einer Station seyn, und wenn ich diese nur erreichte, war ich schon eher vor meinen bisherigen Verfolgern sicher.

Den Tag über hatte ich einen höchst unbehaglichen Marsch; fortwährend auf der Hut zu seyn, die Büchse immer im Arm, und dabei auch noch hungrig und müde – der Henker soll ein solches Marschiren holen. Ich drehte mir fast den Hals ab mit rechts und links hinübergucken, und durch die stete förmlich abspannende Thätigkeit aller meiner Sinneswerkzeuge wahrscheinlich, bekam ich Nachmittags – und Mittags hatte ich nichts zu essen wie etwas pigs face – einen so stechenden Kopfschmerz, daß mir jeder Schritt wie ein Messerstich durchs Hirn fuhr.

Nachmittags drei Uhr mochte es seyn, als ich zum ersten Mal wieder den dunklen Schatten eines Schwarzen, und zwar dießmal vor mir, über meinen Pfad gleiten sah – jedenfalls genirten sich die Canaillen wieder auf der Spur an mich hinanzuschleichen und einen Bogen machend, waren sie ein klein wenig zu weit vorausgerathen. Jetzt hatt ichs aber auch satt, von solcher Bande gehetzt und umstellt zu werden, riß die Büchsflinte in die Höhe und schickte, nach der Richtung hin, wo ich die Gestalt in den schwankenden Büschen vermuthen konnte, eine Ladung groben Schrot hinüber, daß es rasselnd durch die Zweige fuhr. In demselben Moment fast, und so rasch, daß ich bei zufälligem Umdrehen nur eben so viel Zeit behielt, zur Seite zu springen, fuhr ein Speer an mir vorüber, und blieb, nur wenige Schritte von mir, im Sande stecken. Er mußte weit geworfen seyn, denn er hatte schon keine Kraft mehr, trotzdem aber die Büsche, der Richtung zu von der er kam, dünn und niedrig standen, war es mir doch nicht möglich den Feind zu entdecken, von dem die Waffe ausgegangen.

Natürlich versäumte ich keine Zeit, rasch wieder zu laden, und behauptete meinen Platz, wo ich einen Ueberblick nach allen Seiten hatte, eine gute Weile, jetzt erst entschlossen, jeder schwarzen Haut, die sich wieder zeigte, gerad' auf den Pelz zu brennen; es ließ sich aber Nichts mehr sehen, und ich setzte endlich, allerdings noch sehr vorsichtig, jedoch von da an vollkommen unbelästigt meinen Weg weiter fort. Den Speer nahm ich mit.

Gegen Abend fand ich Schaafspuren und erreichte, diesen folgend, eine Schaafstation, wo ich doch wenigstens sicher schlafen konnte, und mich an einem Quart Thee, einem Stück Damper und Hammelsrippen nicht wenig letzte.

Die Schäfer übrigens, denen ich mein Abenteuer erzählte, meinten, mein in die Grabhütte Kriechen sey die jedesfallsige Ursache gewesen, daß mich die Schwarzen, und wahrscheinlich die Verwandten des Todten, verfolgt hätten, indem sie glauben mochten, ich hätte dort irgend eine Zauberei ausgeführt, denn diese Stämme sollten sich sonst in letzter Zeit ziemlich freundlich gegen die Weißen benommen haben; die Geschichten, die er mir übrigens gleich darauf von all diesen »freundlichen Stämmen« erzählte, waren gerade nicht so sehr zu deren Gunsten, nur in den letzten drei Monaten schienen sie eben »nichts Neues« verübt zu haben – wenigstens Nichts was bekannt geworden war.

Für den, mit den Verhältnissen nicht Bekannten erscheint es übrigens merkwürdig, daß gewissermaßen mitten zwischen ihnen, den Tag über mit ihren Heerden unter ihnen herumwandelnde Schäfer eigentlich so sehr selten von ihnen angefallen werden, wenn es auch hie und da einzeln vorkommt; die Blacks haben das aber in früherer Zeit gethan, und zu ihrem Schaden erfahren, daß solche Leute nach sehr kurzer Zeit stets vermißt, und die Nachbarn dann aufgeboten wurden, mit der Policey vereint, Streif- und Rachezüge gegen sie zu unternehmen. Sie zogen dabei stets den Kürzeren, während sie einzelne Reisende todtschlagen konnten wie sie wollten, ohne daß Nachfrage nach ihnen gehalten wäre. Die Leute wanderten gewöhnlich von einer Station auf die andere, um Arbeit nachzusuchen, Niemand erwartete sie, wohin sie kommen sollten, Niemand vermißte sie, wo sie fortgegangen, man wußte nicht, waren sie auf dieser oder der andern Seite des Flusses geblieben, und kümmerte sich noch weniger darum, und solche Leute blieben meist verschollen, wenn nicht einmal zufällig, ja oft durch das freiwillige Eingeständniß der Wilden selber, die wie schon gesagt, an eine gewisse Art von Verjährung glauben, einzelne Morde zu Tag gebracht wären.

Von hier aus hatte ich übrigens, wie mich die Schäfer versicherten, von meinen bisherigen Verfolgern Nichts mehr zu fürchten, da ich jetzt das Territorium eines anderen Stammes betrat, wohin sie mir nicht folgen durften. Andere Indianer fand ich jedoch genug, doch ich darf den Leser nicht weiter damit ermüden, habe auch wahrlich keinen Raum mehr, ihm zu erzählen, wie ich gleich den nächsten Abend einen Stamm bei seinem Corrobory oder Tanz anlief, und ihm in einem seiner eigenen Rindencanoes aus dem Weg ging, da mir die nach Opossums jagenden Hunde den Weg durch die Büsche versperrten; oder wie ich später und weiter unten eine fröhliche Gesellschaft weißer Arbeiter traf, die sich in den Höhlen der Kalksteinbank, auf der sie ein Haus errichten sollten, förmliche Nester gemacht, darin zu schlafen – schon zu viel Seiten habe ich auf Blacks und Schäfer und »Hutkeeper« verwandt, und muß meinen Weg etwas rascher fortsetzen.

Die Scenerie bekam hier, durch die Ufer des Murray selber einen etwas anderen Charakter; schon unterhalb dem Victoriasee fingen hie und da die steilen Kalksteinufer an, die in oft hundert Fuß hohen schroffen Klippen rasch vom Wasser aus emporstiegen; dort oben dauerten sie aber nur kurze Strecken, während sie hier begannen, das ununterbrochene oft jedoch mehre englische Meilen breite Bett des Stromes zu bilden, in dem nun der Fluß bald rechts bald links hinüberlaufend, unter der einen Reihe Felsen hinschoß, und auf der anderen zu gleicher Zeit ein weites niederes »Flat« oder »Bottomkand« liegen ließ.

Die Flats bestehen einzig und allein aus Alluvialboden, jenem grauen zähen Lehm, der sich bis zum Edwardsriver hinauf, wo der Salzbusch beginnt, vollkommen gleich bleibt, und auch wohl im Stande wäre, in günstiger Jahreszeit gute Frucht zu tragen, träte nicht gerade immer zur Erntezeit der Fluß über seine Ufer, und machte dadurch das Bebauen dieser Strecke vollkommen nutzlos. So lassen sie sich dem jetzt nur zu Weideplätzen benutzen, denen die Natur schon die Einfriedigungen, so nur oben und unten ein wenig nachgeholfen wird, in den steilen Uferklippen und dem Flusse selbst geliefert hat. In dem grauen »Loom« wuchs übrigens gerade in dieser Zeit nicht das Geringste, und die Stellen, wo nach der Fluthzeit das Wasser noch stehen geblieben war, lagen, malerisch von den unverwüstlichen Gumbäumen umgeben, kahl und aufgeborsten da. Es war eine Landschaft, in der sich ein Mensch hätte mit wahrer Gemüthsruhe eine Kugel durch den Kopf schießen können – die schöne Natur hätte ihn wahrhaftig nicht davon zurückgehalten.

Die Stationen lagen hier ziemlich weit auseinander, doch konnte ich von da an jeden Abend – ein einziges Mal ausgenommen – eine derselben erreichen, so lange ich am Murray blieb, und bekam dadurch einen weit bequemeren und auch sicherern Marsch.

Ich näherte mich jetzt dem großen »Nord-West-Bend,« wie er genannt wird; es ist dieß die große Biegung des Murray, der bis hierher, und von seinen Quellen aus, ziemlich westlich strömt, hier aber ganz plötzlich, in einem förmlichen, keine englische Meile weiten Ellbogen nach Süden hinunter geht, und sich durch eine große Lagune, die der Alexandria- oder auch Victoriasee (denn die Engländer nennen fast jeden Wassertümpel in Australien nach der Königin) genannt wird, in die Encounterbai ergießt. Der Alexandriasee ist nämlich kein eigentlicher See, da selbst die kleinen Fahrzeuge, welche bis jetzt hindurch gelaufen sind, sobald sie aus dem Murray, oder eigentlich besser gesagt, sobald sie in das offene Wasser kommen, das Bett oder Fahrwasser des Murray durch den See beibehalten müssen, wenn sie nicht rechts oder links auf den Schlamm laufen wollen. Von der See wird aber der Murray trotzdem für immer abgeschnitten bleiben, da seinen Eintritt in das wirkliche Meer – durch Encounterbai – eine so gewaltige Brandung füllt, daß die Ein- und Ausfahrt jedem Schiffe, wenn nicht ganz unmöglich gemacht, doch zu sehr gefährdet wird.

Der Charakter des Landes ist hier der nämliche, wie weiter oben, Malleybüsche auf den Sandhügeln und Gumbäume in den Thälern – Sand oben, und grauer Loom unten, und dieser Lehm so zäh und klebrig, nach der geringsten feuchten Witterung, daß ich fest überzeugt bin, ein Regiment Soldaten, das während einem leichten Regen vom Fluß nach den Kliffs hinauf marschirte, nähme das ganze Thal mit auf den Berg hinauf.

Zweimal mußte ich hier den Fluß kreuzen, Biegungen aus dem Weg zu gehen – einmal in einem Rindencanoe, einmal watend, aber selbst hier war das Wasser wenigstens drei Fuß tief, an den seichtesten Stellen. – Blacks sah ich, von der großen Biegung an, fast gar keine mehr, die meisten der hier wohnenden Stämme sind vollkommen friedlich, und ziehen sich, wie mir einzelne Stationhalter sagten, im Winter meistens nach Adelaide hinunter, dort von der Regierung Kleidung und Nahrung zu erhalten – ich war natürlich nicht böse darüber.

Endlich, endlich denn hatte ich die so lang ersehnt »nordwestliche Biegung« erreicht, bis hierher war mir schon lange versprochen, daß ich jede Gefahr von Indianern hinter mir hätte, und von hier aus war es ja auch nicht mehr so gar weit zu bewohnten, besiedelten Distrikten. In einem weiten Bogen zog sich der Strom hier majestätisch nach Süden hinunter, und weit hinab, und keineswegs mehr in so entsetzlichen Krümmungen als weiter oben, konnte ich seinem Laufe mit den Blicken folgen. Dort hinten aber, in blauer Ferne, – o wie wohl das den müden Augen that – zeigten sich die wellenförmigen Umrisse der Adelaide Hügel – die Grenze des flachen Landes war nahe, und ich hatte bald das Ziel meiner langen mühsamen Wanderung erreicht. Wie mit neuen frischgewonnenen Kräften durchzog's mich, und ich wanderte an diesem Morgen noch einmal so rüstig drauf los. Die Gegend blieb übrigens consequent dieselbe, und oben auf den Kliffts, auf denen ich mich jetzt hielt, wuchs nichts weiter wie niederer Salzbusch – die überzuckerte Anisart, und kleine Gumbäume und Malleybüsche.

Es war ein wundervoller Morgen, die Sonne schien so warm und erquickend auf das rauchende Land nieder, und spiegelte sich in den einzelnen Thauperlen, die an spärlichen Grashalmen und den Zweigen der Büsche hingen, und die Elstern, die hier wegen Mangel an ersten Sängerinnen sämmtliche Bravourarien vortragen müssen, wußten eine solche Masse neuer Melodien, daß mir selber das Herz aufzuthauen begann, und ich langsam, und nur in vollen Zügen die frische Morgenluft einathmend, am Rande der Kliffts hinging, und so mich des doppelten Anblicks, der fernen Berge im Hintergrund, und des hie und da wirklich malerischen Thales unter mir, erfreute.

Als ich so langsam fortwanderte, dann und wann stehen blieb, oder mich auch wohl hinlegte, einen außergewöhnlich freundlichen Punkt mit mehr Muße betrachten zu können, sah ich plötzlich einen wilden Hund, der hier, gerade so wie ich, den schönen Morgen zu genießen schien, und wirklich ohne bestimmtes Ziel eben nur spazieren ging. Das hohe Land bildete hier eine wellenförmige Ebene, nur von kleinen Vertiefungen durchfurcht, die sich nach dem Rande der Klippen hinzogen, und in einer von diesen wanderte Meister Dingo wohlbehaglich auf und ab, und schien, wenn ich mich nicht sehr irrte, blos zum Zeitvertreib an den einzelnen vorragenden Zweigen der Büsche Fliegen zu fangen. Damit brachte er sich aber unbewußt in eine höchst gefährliche Nachbarschaft – ich saß, jetzt keine vierzig Schritt mehr von ihm entfernt, mit gespannter Büchse dicht hinter einem niederen Salzbusch, und vor meinem inneren Auge stiegen all die Abscheulichkeiten auf, die mir von den Schäfern über gerade diesen Meister Dingo in der letzten Zeit erzählt waren. Wie er in die Schafheerden einbräche, und so erbarmungslos zwischen den Lämmern würgte, wie er die einzelnen Schafe von der Heerde abschnitt, und ihnen ohne weiteres die Kehlen abbiß, wie er – doch das genügte – ich war fest entschlossen ihn umzubringen.

Meister Dingo kam indessen gerade auf mich zu, und obgleich er manchmal stehen blieb und lauschte, so geschah es doch wohl gewissermaßen nur aus einer Art Instinkt, nicht weil er hier in dieser Wildniß irgend eine besondere Gefahr fürchtete, und dann windete er stets links die Schlucht hinauf oder rechts hinunter; vor ihm, nahm er an, daß Alles ohne dieß sicher seyn müsse. Manchmal aber blieb er stehen, streckte erst den rechten, dann den linken Hinterlauf aus, machte dann einen Katzenbuckel, gähnte, dehnte und schüttelte sich, und schien sich an dem heiteren sonnigen Morgen so wohl zu befinden, wie sich nur Einer seines Geschlechts je an einem solchen Morgen befunden hatte – und dabei stand der Hund jetzt keine 25 Schritt von dem, auf ihn gerichteten Lauf einer Büchsflinte – eine Spitzkugel war, mit fünf Grad Pulver dahinter, und das Zündhütchen durch den aufgezogenen Hahn lebhaft bedroht, auf ihn gerichtet, und er streckte und dehnte sich. Näher und näher kam er heran – er war keine fünfzehn Schritt mehr von mir entfernt – und jetzt legte er sich auf die Erde, rieb sich den Rücken an einer dort vorragenden Wurzel, streckte sich wieder, warf den Kopf links und rechts herum, sprang dann auf, schüttelte sich den Staub ab, und setzte sich dann plötzlich, fast dicht vor mir hin, als ob er hätte sagen wollen – »so, ich habe ja Zeit, ich brauche mich ja nicht zu übereilen.«

Sah der Hund aber aus wie ein kaltblütiger Lämmermörder? – schien dieser Dingo von Gewissensbissen gepeinigt, über schreckliche, im Dunkel der Nacht verübte Thaten? – war er nicht vielleicht noch ein junger unverdorbener Hund, der sich bis jetzt in stiller Zurückgezogenheit von Heuschrecken, Käfern und Manna genährt hatte? wanderte er nicht vielleicht hier in tiefen Betrachtungen verloren einsam umher – unsere Gelehrten kratzen sich, wenn sie über etwas nachdenken, hinter den Ohren, und Dingo that gerade in diesem Augenblick dasselbe – er suchte sich mit dem rechten Hinterlauf in etwas unbequeme Stellung hinter die letzte Rippe zu kommen. Bei dieser Bewegung hatte er aber den Kopf nach mir herumgedreht, zufällig begegneten meine Blicke den seinigen, und er vergaß in dem Moment jedenfalls das, was ihn gejuckt hatte, sey das nun eine Idee oder ein Floh gewesen, denn rasch und aufmerksam, mit gespitzten Ohren wandte er sich nach mir hin. Mein Finger lag am Stecher, das feingenommene Korn meiner Büchse gerad in seinem Auge, ein Zucken meines Fingers, und – doch nein – es war kein böser Hund, nur ein leichtsinniger, und ich konnte es nicht übers Herz bringen, an diesem wunderherrlichen Morgen, mit den blauen langersehnten Bergen im Hintergrund, Blut zu vergießen. Aber warnen wollt' ich den Burschen, in Zukunft besser auf seiner Hut zu seyn; durch eine leise rasche Bewegung brachte ich den Lauf der Büchse ein paar Linien höher, und als sich mein Korn gerade in dem rechten Ohr des Dingo verdunkelte, berührte mein Finger den Stecher.

Das Ganze hatte natürlich nicht den zwanzigsten Theil der Zeit genommen, den ich hier gebraucht habe, es zu erzählen. Mit Blitz und Schlag des Gewehrs war Meister Dingo aber auch auf eine bösartige Weise aus seiner sonntäglichen Ruhe aufgeschreckt worden; einen hohen Satz machte er in der ersten Ueberraschung, von der Erde auf, und dann floh er, ohne, auch nur ein einziges Mal sich umzuschauen, fortwährend aber mit dem Kopf schlenkernd – es mochte ihm wohl das halbbewußte Gefühl kommen, als ob ihn Jemand am Ohre hätte – so rasch ihn seine Beine trugen, die flache Schlucht hinauf, und war bald darauf hinter den niederen Büschen verschwunden. Sein Ohr hatt' ich übrigens getroffen, denn auf den weißbezuckerten Anisbüschen saßen hie und da einzelne kleine Tropfen Schweiß, die er in größter Eile abgeschlenkert.

Dienstag den 17. Juni verließ ich endlich den hier gen Süden strömenden Murray, und wandte mich westlich den Hügeln zu, die etwa dreißig Meilen von dem Fluß ablagen. 34 Meilen hatt' ich bis zur ersten Ansiedlung von da, denn auf dieser ganzen Strecke ist kein Tropfen Wasser zu bekommen, selbst gegrabene Brunnen sollen nur Salzwasser geben. Eine Nacht also noch draußen, und ich betrat wieder einen civilisirten und theilweis cultivirten Distrikt. Außerdem sehnte ich mich aber auch jetzt mehr als je nach Adelaide, um nur wenigstens erst einmal aus meinen halbabgerissenen Kleidern und in frische neue Wäsche zu kommen. Es ist ein höchst unbehagliches Gefühl, wenn man nur ein Hemd hat, und soll dann »große Wäsche« halten. Bei meinen Beinkleidern wurde es ebenfalls schon zur groben Schmeichelei sie nur noch so zu nennen, denn ich glaube wahrhaftig, es saß mehr selbst eingenähter grauer Zwirn als ursprüngliche Wolle darin, und die verschiedenen Flicken erinnerte an ein romantisches Zeitalter. – Socken besaß ich nur noch in der Erinnerung und an dem linken Knöchel, und hätte ich mir in diesem Aufzug in Deutschland einen preußischen Thaler wechseln lassen, würden mich die Leute jedenfalls gefragt haben, wo ich ihn her hätte.

Den Tag marschirte ich etwa zwanzig Meilen und lagerte unter einem dichten Laubzelt, das ich mir aus den dickbelaubten Malleybüschen mit meinem Messer gehauen – Feuerholz war ebenfalls in Ueberfluß da, und ich verbrachte eine ziemlich angenehme Nacht, obgleich es gegen Morgen ein wenig an zu regnen fing. Schon gleich nach Dunkelwerden hatten sich übrigens, über den noch ziemlich fernen Hügeln, schwere Gewitterwolken gesammelt, und es blitzte und donnerte nach Westen zu die ganze Nacht. Ich hatte dabei schon ziemlich fest darauf gerechnet, am nächsten Morgen ohne Frühstück weiter zu marschiren, als ich aber mit Tagesanbruch meine Decke und sonstigen Effekten geschultert, und kaum eine Viertel Meile marschirt war, sah ich, gerade wo die Malleybüsche aufhörten, und die weite, nur mit zerstreuten niederen Büschen bedeckte Ebene begann, mehre Känguruhs äsen, und beschloß rasch auf diese Jagd zu machen. Ich warf Alles, was ich trug, ab, sah nach meiner Büchse, und ging nun richtig Känguruhpirschen.

Bei den ersten beiden, an die ich mich anzuschleichen suchte, war das Terrain nicht ganz günstig, und sie entflohen mit riesigen Sätzen, nicht lange darauf sah ich aber den weißen Bauch eines Dritten, und konnte, etwa zwanzig Schritt auf der Erde fortkriechend, einen kleinen dichten Busch gerade zwischen mich und das Wild bringen. Diese Gelegenheit benutzte ich rasch, und war auch dadurch im Stande, bis auf etwa fünfzig Schritt anzukommen. Das Känguruh hatte sich, als ich anlegte, gerade wieder zum Aesen niedergebogen; als es die Kugel erhielt, zuckte es in die Höh und fiel, ohne weiteren Sprung zu thun, auf den Rücken.

Um übrigens nicht viel Umstände zu haben, und da ich doch keine Provisionen mitzuschleppen gedachte, schnitt ich ihm die Haut längs dem Rücken auf, nahm dort die beiden Fleischstreifen herunter, ging nun wieder zu meinem Feuer zurück, an dem ich herrliche Kohlen hatte, und schmorte mir meinen Braten, dessen zartes Fleisch mir auch wohl ohne meinen, allerdings etwas bedeutenden Hunger, vortrefflich geschmeckt haben würde.


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