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Friedrich Gerstäcker: Australien - Kapitel 3
Quellenangabe
typereport
authorFriedrich Gerstäcker
titleAustralien
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
seriesReisen
volumeVierter Band
year1853
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070225
modified20190712
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2. Postfahrt von Sidney nach Albury.

Die Beförderung von Passagieren und Briefen ist hier in Australien ganz in den Händen von Privatpersonen, die sich contractlich verpflichten, die »Mail,« d. h. die Briefsäcke, zu gewissen Stunden an Ort und Stelle zu liefern, und die Passagiere, die ihnen auf Gnade und Ungnade übergeben sind, als eine zwar lästige, aber doch des Gewinnes wegen nöthige Zugabe betrachten. In diesem Sinn, und von diesem Princip ausgehend, ist auch die ganze Posteinrichtung getroffen, und ein Passagier, der sich auf der »Royal-Mail«, wie die Karren prunkvoll genug heißen, einschifft, mag nur seine Seele einstweilen Gott empfehlen und sich ganz und gar mit seinem Körper beschäftigen, denn dessen Mißhandlung wird sicherlich seine ganze Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Doch zur Sache.

Dienstag den 22. April, Nachmittags 4 Uhr ging die Post ab. Am Tage vorher hatte ich meinen Passagierschein genommen – d. h. mein Geld gezahlt, denn ein Schein wurde dafür nicht ausgegeben – und auf meine Frage, ob viele Passagiere mitführen, erhielt ich die trockene und etwas eigenthümliche Antwort: »Nur eine Dame, für die Sie werden Sorge tragen müssen.«

Das war short and sweet, und ich wußte im Anfang nicht, was ich daraus machen sollte, der Mann sah aber so ernst aus und hatte so entsetzlich viel zu thun – nicht mit Postbeförderung, sondern er war auch nebenbei Ausschenker in einem Schnapsladen, und bediente seine Kunden fortwährend, indeß er mich zu gleicher Zeit Thurn und Taxirte – daß ich ihm meine »drei Pfund Sterling« bis Yaß – eine Zwischenstation – geduldig auszahlte, und mir nun auch nicht weiter den Kopf über die geheimnißvolle Dame zerbrach, sondern meine Vorbereitungen zur morgenden Abreise traf und dem Schicksal dann ruhig seinen Lauf ließ.

Der Nachmittag 4 Uhr kam und mit ihm die Postkutsche, ein sehr bequemes und elegantes Fuhrwerk, und unseren Postwägen nicht unähnlich, aber ohne Vorder- und Hintercoupees, eine einfache, vortrefflich gepolsterte Kutsche. Vorsichtigerweise war ich zeitig genug an Ort und Stelle, stieg ein und drückte mich nun behaglich in die eine Ecke auf den hinteren Sitz. So, den hatt' ich sicher.

Ich saß kaum ordentlich, als die Thüre wieder aufging und eine Dame durch den galanten Kutscher einbefördert wurde – ah, meine Schutzbefohlene, dachte ich bei mir selber, und rückte etwas mehr in die Ecke – es war ein allerliebstes kleines Frauchen von etwa 20 bis 21 Jahren, mit einem kleinen rothbäckigen Säugling auf dem Arm. Der Sitz war breit genug, daß wir ganz bequem neben einander sitzen konnten, und die Dame nahm nach kurzem Gruß den andern Rücksitz ein.

»So, nun kann's fortgehen,« dachte ich, hatte mich aber geirrt. Da öffnet sich behend ein zweites Thor, und daraus rannte nicht etwa etwas hervor, sondern da hinein wurde jetzt, wie es schien, durch die »Rückwirkung« zweier zinnoberrother Männergesichter eine Dame geschoben, welche die Muschel eines gewöhnlichen Schlittens vollkommen ausgefüllt hätte, und uns beide erstaunten Passagiere jetzt gerade so ansah, als ob sie fragen wollte: nun, welchen von beiden soll ich zuerst todtdrücken?

Mein armer Rücksitz – die Höflichkeit gegen Damen erforderte, daß ich ihn aufgab, und dieser Koloß hätte die Höflichkeit gegen zwei Damen fordern können; ich glitt auf einen Vordersitz, Kürbiß drückte sich neben meiner Schutzbefohlenen ein und entwickelte hier, zu meinem unbegrenzten Erstaunen, als sie den breiten rothbunten Shawl auseinanderschlug, ebenfalls einen kleinen und jetzt aus voller Kehle beginnenden Staatsbürger, den sie bis dahin unter den weiten Falten ihres Tuches verborgen gehalten hatte. Aber noch waren wir nicht zur Ruhe gekommen, als die Thür zum drittenmal aufging, um jetzt nicht eine, nein lieber Leser, sondern drei »Ladies« auf einmal einzulassen. Eine davon trug ebenfalls ein Kind, und die andern beiden sahen sich, als sie herein waren, gleichfalls um, als ob sie nur erwarteten, ein paar kleine Schreier nachgereicht zu bekommen. Damen schienen hier Kinder, wie bei uns Regen- oder Sonnenschirme bei sich zu führen.

»Aber um Gotteswillen, wie viel sollen denn eigentlich hier noch herein?« frug ich jetzt in Verzweiflung den Kutscher. »Sechs,« war die lakonische Antwort, und die Thür flog wieder zu.

Sechs waren wir schon, »ohne die Weiber und Kinder,« wie es in Schlachtberichten lauten würde – hier jedenfalls ohne die letzteren, und ich mußte trauernd zusehen, wie sich die Letztgekommene – irgend ein rücksichtsloses, rothbackiges Kind des Landes – mühsam aber entschlossen zwischen meine arme kleine Schutzbefohlene – ja, wer um Gotteswillen von allen diesen war es denn eigentlich – hineinarbeitete.

»Ist Ihr Gewehr geladen?« schrie auf einmal die dicke Dame, die erst jetzt meine, zwischen Thür und Knie geklemmte Büchsflinte gewahr wurde, mit einem förmlichen Aufkreisch.

»Nein Madame,« war meine, wenn auch artige, doch sehr lakonische Antwort.

»Aber wenn es doch etwa –«

»Es ist kein Korn Pulver darin –«

»Aber wenn es nun platzt –«

»Platzen?« frug ich erstaunt, und sah die corpulente Frau an, die wirklich ein Gesicht machte, als ob sie jeden Augenblick das Explodiren der entsetzlichen Waffe erwartete.

Die wieder aufgerissene Thür unterbrach in diesem Augenblick unser Gespräch.

»Only one more!!« rief der Kutscher, und wollte eben noch in Wirklichkeit eine Dame mit einem Kind einbefördern – das aber war zu viel. – Ich bin sehr gern in Damengesellschaft, aber man kann eine Sache auch übertreiben. – Glücklicher Weise saß ich dicht neben der Thür, nichts destoweniger hatte ich mein rechtes Knie so zwischen denen meiner schönen und unschönen Nachbarinnen eingeklemmt, die auch nicht einen Zollbreit zur Seite weichen konnten, daß es einer wirklichen Anstrengung bedurfte, frei zu kommen. Kürbis, die mir gerade gegenüber saß, richtete sich soweit als möglich auf, schrie aber (ihr Kind um Raum zum Bewegen zu geben, mit beiden Händen oben unter die Decke pressend) Mord, als der Kutscher, dem ich vor allen Dingen erst einmal mein Gewehr hinausgereicht hatte, ihr die Mündung gerade unter die Nase hielt. – Ich hielt mich nicht länger auf – dem Kutscher meine Hand gebend, der mich am Arm ergriff, und mit Hülfe eines mitleidigen Beistehenden in's Freie zog, erreichte ich glücklich und tief aufathmend frische Luft, und meine californische Serape, wie noch einige andere Kleinigkeiten im Stich lassend, arbeitete ich mich »an Deck,« d. h. oben auf die Kutsche, wo ich schon eine Gesellschaft von sechs Personen versammelt fand.

Als der Kutscher endlich aufstieg, und die vier starken und wohlgenährten Pferde mit der Peitsche zum Mitfahren einlud, waren wir fast anderthalb Dutzend Seelen auf der einen Achse.

Es war das erstemal, daß ich oben auf einem Wagen fuhr, und der tolle Galopp, mit dem unser Kutscher jetzt wahrscheinlich die verlorene Zeit einzuholen suchte, diente gerade nicht dazu, das etwas unbehagliche Gefühl, das mich da oben bei der Idee eines Umwerfens ergriff, zu beruhigen, die Straßen dort sind aber ausgezeichnet, die Kutscher sehr sicher und mit ihren Thieren vertraut, und wir fuhren etwa 7 englische Meilen in verhältnißmäßig sehr kurzer Zeit. Glücklicher Weise erfuhr ich erst später, daß noch gar nicht so lange eben eine solche Kutsche auf dem nämlichen Weg, zwischen Paramatta und Sidney, bei einem tollen Wettfahren umgeschlagen sey und sieben Personen augenblicklich todt und andere schwer verletzt worden wären.

In vollem Galopp rasselten wir die Straße hinab, unserer nächsten Station entgegen, die wir aber erst nach Dunkelwerden erreichen sollten. Von den »oberen« Passagieren waren indessen schon hie und da mehrere heruntergeglitten; sie gehörten meistens in die kleinen Ortschaften oder auf die einzelnen Farmen, die am Wege lagen, und ließen sich bei ihrer Heimath, oder wenigstens so nah als möglich bei derselben »ausladen.« Auch aus dem Innern des Wagens sah ich mehreremale helle Gewande in der jetzt einbrechenden Dämmerung verschwinden, und sogar der Kürbis blieb in einem kleinen, einzeln stehenden Farmhaus, an dessen Thüre ihn ein kleines mageres Männchen, vielleicht zärtlich harrend, jedenfalls eine große Stallaterne hoch emporhaltend um darunter wegzusehen, erwartete.

Das Wetter sah wie Regen aus, und ich gedachte schon einen Operationsplan auszuführen, der mich wieder in das Innere des Wagens, wo ich jetzt auf Platz hoffen konnte, bringen sollte, als die Kutsche plötzlich vor einem niedern langen Gebäude hielt, und uns angekündigt wurde, daß hier »Pferde und Wagen« gewechselt werden sollten.

Die Wirklichkeit sollte bald unsere traurigsten Erwartungen, oder vielmehr Befürchtungen übertreffen: statt der geschlossenen Kalesche bekamen wir einen offenen Jagdwagen, gut auf Federn allerdings, aber mit harten Sitzen und dem Wind und Wetter erbarmungslos preisgegeben, und nach nur kurz gegönnter Frist um etwas Abendbrod zu uns zu nehmen, ging die Reise wieder weiter, in die stockdunkle, regendrohende Nacht hinein.

So machten wir vielleicht, gerade nicht in der besten Laune und überdicht geladen, 20 bis 25 Meilen, und hatten wir bis jetzt wenigstens noch erträglich gesessen, so sollten wir nun erfahren was es eigentlich heiße in Australien auf einer Royal-Mail zu fahren.

Hier wurden Wagen und Pferde wieder gewechselt, und wir bekamen jetzt eine ganz eigene, ja sogar eigenthümliche Art von Beförderung – der jetzige Postwagen, ebenfalls offen wie der vorige, glich einem gewöhnlichen Leichenwagen – die Sitze waren an den Seiten angebracht und bestanden aus zwei sehr schmalen und nur nothdürftig gepolsterten Bänken, so schmal daß sie in der That eher einer höchst unnützen Verzierung glichen, als zum wirklichen Gebrauch bestimmt schienen, und in diesem Kasten, der sich nur darin von einem Leichenwagen unterschied daß auf diesem eine Person bequem liegt, während auf der Royal-Mail eine unbestimmte Anzahl von Passagieren förmlich hineingekeilt hing, beförderte man nun sämmtliche Reisende, Männer, Frauen und Kinder, ohne sich auch nur im mindesten darum zu bekümmern ob sie Platz hätten. Der Begriff »Platz« umgreift überhaupt auf einer australischen Postkutsche den des Existirens, oder selbst der Möglichkeit des Existirens, und wir fanden bald darauf zu unserm Erstaunen zehn Personen in einem Raum untergebracht, den ich früher nicht für im Stande gehalten hatte sechs ordentlich zu fassen und zu halten. An Sitzen war aber auch gar nicht zu denken, unsere Beine – und fünf von den zehn waren Frauen – staken wild durcheinander, die meinigen so fest eingeklemmt daß ich sie auch nicht einen Zoll hätte bewegen können, wäre mein Leben damit zu retten gewesen. Es schien auch schon als ob wir da oben nicht vor einer Stunde mit Durcheinanderschreien und Raumsuchen, wo keiner zu finden war, fertig geworden wären, als plötzlich der Kutscher unseren Bedenklichkeiten ein gewaltsames zwar, aber auch vollkommenes Ende machte.

Ein Schlag seiner Peitsche trieb die Pferde an, die Kutsche – wenn ich mich einer so groben Schmeichelei schuldig machen darf ein solches Fuhrwerk Kutsche zu nennen – schoß vorwärts, und mit dem plötzlichen Ruck, oder ich möchte sagen der nachfolgenden »Quantität von Rucken,« wurden wir so ohne weiteres Erbarmen durcheinander geschüttelt daß sich ein Theil der Passagiere setzte, d. h. nicht etwa in unserm civilisirten und gesellschaftlichen Sinn, sondern wie durch irgend einen chemischen Proceß, als Bodensatz formirt wurde, während die andere, leichtere Hälfte oben auf zu liegen kam. Ich saß – oder sitzen sollte hier eigentlich ein passives Verbum seyn – ich wurde also gesessen.

Die Sache noch vollkommen zu machen, fing es etwa um zehn Uhr Abends an zu regnen, und um zwölf Uhr goß es, so daß wir in der That jede gegründete Ursache hatten uns elend zu befinden, und vollkommen entschuldigt gewesen wären, hätten wir unserm Unmuth in Flüchen und andern Zeichen grimmigen Zornes Luft gemacht; aber Gott bewahre! Die Extreme berührten sich auch hier. Ich weiß mich der Zeit nicht zu erinnern daß ich eine ganze Nacht hindurch, selbst in der angenehmsten Gesellschaft und unter den erfreulichsten Verhältnissen, mehr gelacht und mich besser amüsirt hätte als auf diesem fliegenden Marterkasten. Obgleich fast keiner noch das Gesicht des andern gesehen hatte, ausgenommen beim ersten Einsteigen wo man doch wenig auf einander achtet, noch dazu da so viele unterwegs ausstiegen, und man nicht einmal wissen konnte wer eigentlich sitzen geblieben war, und später vielleicht die wenigen Sekunden beim Abendessen, lachten und schwatzten wir doch alle so gemüthlich mit einander als ob wir schon die längsten Reisen mitsammen gemacht hätten, und Anekdoten und Geschichten wurden erzählt, und Lieder gesungen die ganze Nacht hindurch. Wir mußten dabei einen steilen Berg übersteigen, den sogenannten razorback (Rasirmesserrücken). Es regnete zugleich wie aus kleinen Eimern, die Pferde konnten den Wagen kaum leer hinaufschleppen, die armen Frauen kaum ihr eigenes Selbst hinaufbringen, und ich trug, außer meiner Büchsflinte die ich nicht aus den Händen ließ, noch kleine Kinder den Razorback hinauf und wieder hinunter – auch eine sehr schöne Beschäftigung für einen reisenden Literaten – aber Nichts vermochte unsere gute Laune zu stören und der Kutscher schüttelte nur immer verwundert den Kopf und meinte »solch wunderliches Volk sey ihm doch in seiner ganzen Praxis noch nicht vorgekommen und er hätte doch noch stärkere Ladungen bei noch scheußlicherem Wetter hier herauf und hinunter gefahren.

Naß wie die Katzen und über und über voll Schlamm stiegen wir wieder ein, unsere gute Laune blieb aber immer dieselbe, und nur gegen Morgen, als es zu regnen aufhörte und der kalte fröstelnde Morgenwind über die Bergkuppen strich, wurden die Gespräche zuerst einsylbiger, das Lachen kürzer und einzelner. Hie und da fing einer oder der andere an zu nicken, und knöpfte sich fester in seinen Rock ein, wenn er durch das Schaukeln des Wagens, der ihm nicht die geringste Rücklehne bot, emporgeschnellt wurde, und nun vor Kälte zitternd fand daß er, nicht etwa in seinem Bette, was er vielleicht eben in flüchtigen Umrissen geträumt, sondern an Bord einer australischen königlichen Postkutsche sey.

Als der Morgen endlich dämmernd anbrach, wünschte ich mir zeichnen zu können, denn eine solche Gruppe betrübter Gestalten habe ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen; wir mußten in der That alle laut auflachen, als wir einander ansichtig wurden. Das komischste Bild war ein mir gegenübersitzender College, ein Hr. Johnson, der Herausgeber des Goulbourne Herald, der nach Sidney eine kleine Vergnügungstour im schönsten Wetter gemacht hatte, und jetzt im kalten Regen, nur mit einem dünnen Sommerröckchen bekleidet, fröstelnd, die zusammengefalteten Hände zwischen die Kniee geklemmt, den fadennassen Seidenhut tief in die Stirn gedrückt, da saß und, ein Bild des Leidens und der Resignation, seinen Rockkragen zu einer doppelten Wasserrinne dienen ließ, indem er rechts das jetzt wieder niederträufelnde Regenwasser von einem hellblauen baumwollenen Regenschirm und links von einem grünen Sonnenschirm geduldig auffing, und auf sein Vorhemdchen nicht allein weiter beförderte, sondern diesem auch die entsprechende hellblaue und grüne Farbe getreu und unpartheiisch mitgetheilt hatte.

Auf einer der Zwischenstationen, deren Namen ich vergessen habe, ließen wir einen Theil der Passagiere und bekamen nun hinreichenden Raum; in Goulbourne setzten wir auch den Editor des Goulbourne Herald, der sich heilig verschwor unsere Reise auf das genaueste zu beschreiben, an seiner eignen Thüre ab, wo der gute, etwas feuchte Mann von Frau, Kindern und Hunden auf das herzlichste empfangen wurde, und dort bekamen wir auch zum erstenmal, seit wir Sidney verlassen hatten, drei Stunden Rast, wurden aber um 2 Uhr schon wieder herausgeholt, und galoppirten nun in stockfinsterer Nacht bei wahrhaft schauderhaften Wegen unserem leider noch so fernen Ziel entgegen.

Etwas interessant wurde die Fahrt übrigens noch durch das Gerücht von »Buschrähndschern«, die sich in neuerer Zeit wieder auf der Straße gezeigt und die Post schon mehreremal angefallen hatten. Ich hielt meine Büchse auch deßhalb fortwährend geladen; gerade hier hinter Goulbourne sollte die gefährlichste Stelle seyn. An Passagieren waren wir noch ein Mann in einer blauen Blouse – einem sogenannten Buschhemd – und einer der Damen, »die letzte Rose« und sehr wahrscheinlich meine Schutzbefohlene, eine Frau, vielleicht 28 bis 30 Jahr alt, ebenfalls mit einem kleinen Kind, ohne welches ich bis jetzt hier sehr wenig Frauen gesehen habe. Die arme Frau wollte übrigens noch bis Gundegay und mußte von Wind und Wetter nicht wenig aushalten, ja ich weiß in der That nicht wie es das Kind wenigstens in dem Unwetter, Tag und Nacht auf dem offenen Kasten, ausgehalten haben konnte, hätte ich nicht glücklicherweise meine wollenen Decken für die Landreise mitgeführt, die das Schlimmste wenigstens von Mutter und Kind abhielten.

Vier bis fünf Meilen mochten wir so etwa im Dunkeln gemacht haben, und unser Weg lag durch einen dichten Gummibaumwald – der Leser darf sich auch nicht etwa denken daß wir eine ordentlich gebahnte Poststraße unter uns gehabt hätten; nein, wie es der bergige Boden und die ziemlich dicht stehenden Bäume gestatteten, hatten sich die Wägen mit der Zeit ihre Bahn gesucht, denen waren andere gefolgt, und so bildeten sich nach und nach Poststraßen, auf denen man allerdings vollkommen sicher und nur der Gefahr ausgesetzt war entweder von Buschrähndschern angefallen und todtgeschossen zu werden oder – das wahrscheinlichere – bei dem tollen Fahren der Kutscher den Hals oder sonst einige nothwendige Gliedmaßen zu brechen. Ich hatte dabei schon mehreremal vergeblich versucht dem unsichern Sitz mit einer kaum vier Zoll hohen Rücklehne ein paar Minuten Schlaf abzustehlen, die Gefahr war zu groß herunter und zwischen die Räder zu stürzen, und ich suchte mich zuletzt mit Gewalt munter zu erhalten, als plötzlich die Frau, die sich schon die ganze Zeit ängstlich umgesehen hatte, meinen Arm faßte und mir zuflüsterte sie hätte eine Gestalt eine kurze Strecke hinter uns über die Straße gleiten sehen. Kurzes Aufpassen überzeugte mich bald daß ein Reiter, jetzt links von uns, nicht mehr auf der Straße, sondern durch den Wald galoppirte, und allem Anschein uns vorzukommen schien; er hielt sich jedoch mehr links und ein kleines Gebüsch verbarg ihn bald unsern Augen. Der Kutscher, dem ich das Gesehene mittheilte, stieß einen leisen Fluch aus, und meinte die verwünschten Kerle hätten schon neulich seinen Kameraden angefallen, und als ihnen dieser mit den Postpferden zu schnell gewesen sey, ein Pistol aufs Gerathewohl dem Wagen nachgefeuert, ohne jedoch irgend Jemand zu verletzen.

Natürlich hatte ich indessen meinen Poncho vom rechten Arm zurückgeworfen und die Büchse, zum Gebrauch fertig, aufs Knie genommen; glücklicherweise sollt' ich aber keinen Gebrauch davon machen; hatten die Burschen vielleicht in Goulbourne erfahren daß wir bewaffnet waren, oder hatten wir dem nächtlichen, vielleicht höchst moralischen Reiter überhaupt Unrecht gethan ihn für einen Räuber zu halten – genug wir bekamen nichts weiter von ihm zu sehen, und nur einmal glaubten wir rasche Hufschläge vor uns auf der Straße zu hören.

Lange hatte ich mich schon darauf gefreut einmal eine ordentliche australische Landschaft und den Urwald in seiner ganzen Eigentümlichkeit zu schauen, denn oben an Huntersriver war es mir vorgekommen als ob die Natur dort schon zu sehr von Menschenhänden im Zaum gehalten sey, ich konnte wenigstens keinen großartigen Baumwuchs, wie das schon so oft geschildert worden, finden, und statt eines Wechsels in den Gruppen, lösten sich nur immer und immer wieder Gumbäume einander ab. Die Leute dort vertrösteten mich auf den Murray, und ich fing jetzt selber an mich darauf zu vertrösten, denn hier im Innern wurde die Scenerie nur immer trostloser. Bis Goulbourne schienen in den letzten Wochen ziemlich starke Regen gefallen zu seyn, und das Gras wuchs voll und üppig, das Vieh sah gut aus und grüne Büsche in einem ziemlich starken Unterholz gaben der ganzen Landschaft etwas freundliches, wenn auch monotones in der zu großen Aehnlichkeit des Laubes. Je weiter wir aber nach Westen zogen, desto dürrer wurde der Boden, desto dünner die Vegetation, desto magerer das Vieh das wir an der Straße trafen, und als wir das kleine Städtchen Yaß erreichten, schien alles aufzuhören.

In Yaß sollte uns aber noch etwas anderes bevorstehen. So schlecht die Wägen nämlich bis jetzt gewesen waren, so hatte man doch wenigstens darauf sitzen können, ohne der steten Gefahr ausgesetzt zu seyn herauszufallen, hier in Yaß sollte aber auch dieß aufhören. Von Yaß aus bekamen wir einen zweirädrigen Karren, auf dem zwei nach vorn und zwei nach hinten (die auf dem Rücksitz mit dem Rücken den Pferden zugewandt) sitzen konnten, drei nach vorn und drei nach hinten aber aufgenommen werden, wenn sich Schlachtopfer genug dazu finden. Die vorn saßen hatten sich dabei nicht zu beklagen; der Karren hing auf ziemlich guten Federn, und der Vordersitz war, wenn auch nicht bequem, doch leidlich, es war als ob man bei einer gewöhnlichen Kutsche mit auf dem Bock saß. Die Hintersitze erwiesen sich aber in der That lebensgefährlich, und, wie ich später gehört habe, soll auch schon mehrfaches Unglück, besonders mit Damen, vorgefallen seyn, die nicht im Stande waren sich gegen das furchtbare Rütteln des Kastens an dem niedern eisernen Geländer und mit fast keinem Fußbord festzuhalten, und dann rettungslos abgeschleudert wurden, wobei sie noch ihrem Gott danken konnten, wenn sie nicht auf das herumwirbelnde Rad stürzten.

Die Wege sind dabei, Hügel auf und nieder und durch trockene Lagunen und Schluchten, wahrhaft lebensgefährlich, was etwa die zwei Räder entschuldigt; denn ein vierrädriger Wagen würde noch mehr dem Umwerfen ausgesetzt seyn. So, steilen Abhang hinauf oder hinunter, geht es fortwährend im Galopp, so daß beim Wiederauffahren die hinten Sitzenden die ganze Wucht ihres Körpers einzig und allein ihren Händen oder ihren, um die schmale eiserne Stange geschlungenen Armen anvertrauen müssen.

Die Scenerie wurde hier, wenn das seit den letzten Meilen überhaupt möglich gewesen wäre, noch trauriger; kein Grashalm so weit das Auge reichte, kein Busch außer niedern Gumbüschen, und alle, alle ein- und dasselbe Laub; ja so verzweifelt gleichförmig sind selbst die Blätter unter einander daß man, wenn man sie nicht selber vom Zweig bricht, gar nicht bestimmen kann was die obere oder untere Seite an ihnen ist.

Die Annehmlichkeit haben die, mit dem Rücken nach vorn Sitzenden dabei, daß ihnen niederhängende Zweige gar nicht selten nicht allein den Hut vom Kopf reißen, sondern den Kopf manchmal fast auch mitnehmen möchten – der Karren rasselt in der Zeit an, bis Ihr Kutscher oder Pferde bewegen könnt zu halten, und von dem Schlag noch halb betäubt, kann der Passagier oft hundert und zweihundert Schritt zurücklaufen, seine verlorene Kopfbedeckung wieder zu holen.

»Verliert Ihr manchmal Passagiere von dem Kasten herunter?« – frug ich den Kutscher, als uns das Marterwerkzeug zum erstenmal vorgestellt wurde.

»Selten!« lautete seine lakonische Antwort.

Freitag Abend den 25. April, kamen wir glücklich nach Gundegay, einem kleinen Städtchen am Murrumbidgee. Hier ließen wir unsere letzte Dame und die arme Frau war durch die anstrengende Tour wirklich mehr todt als lebendig.

In Gundegay, das wir in der Nacht erreichten, blieben wir etwa eine Stunde und fanden den kleinen Ort noch in voller Aufregung eines Angriffs wegen, den ein benachbarter Murrumbidge-Stamm auf die friedlichen Indianer oder Blacks gemacht hatte, die sich gewöhnlich in Gundegay selber aufhielten. Mitten in der Stadt hatten sie diese plötzlich überfallen, mehrere verwundet und einen getödtet, ohne jedoch einen Weißen, von denen ihnen gerade mehrere in den Weg kamen, zu verletzen. Die Leute waren hier wieder einmal voll von schrecklichen Geschichten über die »treacherous devils« verrätherischen Teufel, wie sie überall genannt wurden.

Wir mußten hier über den Murrumbidgee, den ich, obgleich er ein ganz ansehnliches Bett hat, kaum einen Fluß nennen darf, denn er bestand, in dieser allerdings sehr trockenen Jahreszeit, nur aus einer Kette von Wasserlöchern ohne irgend eine Strömung, ja ohne Verbindung derselben, unter einander; und in jedem Sommer that er dasselbe. Gerade hier war jedoch Wasser genug, und wir setzten in einem großen breitschlächtigen Fährboot über.

Am nächsten Tag bekamen wir für die Abgegangene wieder einen anderen Passagier als Leidensgefährten – einen jungen Mann und seiner weißen Halsbinde und etwas breitkrämpigem Hut nach unter jeder Bedingung Geistlicher, der, wie ich auch bald genug erfuhr, seine Glieder allmonatlich dem australischen Marterfuhrwerk, Royal-Mail genannt, preis gab, in Albury seine geistlichen Funktionen zu versehen – ich betrachtete ihn mir als eine Art Märtyrer mit einer gewissen Ehrfurcht. In Albury glücklich und ohne Knochenbrüche angekommen, hält er dann Sonntags seine regelmäßigen Predigten, und tauft und traut was ihm gebracht wird, und sich während seiner Abwesenheit angehäuft hat.

Interessant war sein Entree – natürlich kam er zu mir auf den Hintersitz, und mit einem sanften verbindlichen Gruß aufsteigend, nahm er seinen Sitz ein und zog ein kleines Gebetbuch aus der Tasche, in dem er an zu lesen fing. Er war allerdings schon öfter auf dieser Post gefahren, und hatte volle Ursache seinen Leichnam dem Herrn der Heerschaaren im Besonderen, und sämmtlichen Posten im Allgemeinen zu empfehlen, aber er gab auch ein treffendes Beispiel daß man in Zeit der Noth, wenn man beten will, nicht die Hände dabei falten darf, sondern zugreifen muß, denn kaum konnte er zehn Worte gelesen haben, als der Kutscher in die Pferde hieb, und mit dem ersten Ruck war auch Buch und Hut des geistlichen Mannes, der nur rasch mit beiden Händen ausgriff sich vor dem eigenen Fall zu bewahren, über Bord. Wir mußten wieder halten, um Beides aufzulesen, und der reisende Prediger steckte von da ab sehr vernünftigerweise sein Buch in die Tasche.

Am nächsten Abend bekamen wir etwa dritthalb Stunden Zeit zum Schlafen, wie wir aber am andern Morgen wieder abfahren wollten, erwies es sich, daß der geistliche Herr kein »kleines« Geld bei sich hatte, seine Zeche zu zahlen; seiner Bitte das Geld bis Albury für ihn auszulegen willfahrte ich gern, wunderte mich nur, dort angekommen, über sein schlechtes Gedächtniß. Er erwähnte kein Wort weiter von den drei Schillingen, und ich muß vermuthen, daß er mich als ein »Werkzeug« betrachtet habe.

Diesen Morgen traf ich auch einige deutsche Familien, die hier bei Engländern ausgemiethet waren und ihre Heimath mitten in dem graslosen dürren Gummiwald gegründet hatten; sie fühlten sich aber trotzdem vollkommen wohl, denn sie hatten doch hier, was sie in Deutschland nicht gehabt, ihr gutes Auskommen, und mit andern Bedürfnissen total unbekannt, mit ihrer Familie um sich her, auch weiter keine Entschädigung nöthig für das, was sie etwa sonst noch im alten Vaterlande zurückgelassen.

Die Gegend war hier übrigens so wasserarm, daß mich die Leute versicherten: nicht weit von dort sey im Walde ein Wasserloch, zu dem der glückliche Besitzer desselben einen Mann mit einem geladenen Gewehr gestellt habe, um fremdes Vieh und fremde Viehtreiber davon abzuhalten.

Butter und Milch gelten gegenwärtig in dieser Gegend als Naturmerkwürdigkeiten.

Sonnabend um 12 Uhr erreichten wir endlich bei besserem Weg und über die Ebene hin, welche die Wasser des Murrum-Bidgie und Murray von einander trennt, das kleine Städtchen Albury, am Ufer des letztern, und an allen Gliedern steif, kaum fähig von dem steten Anhalten meine Arme noch zu regen, kletterte ich vor einem der Wirthshäuser in Albury von dem Marterkasten herunter, und war wirklich selber erstaunt mich noch ganz und unzerbrochen, nur mit einigen im Verhältniß zu den erhaltenen Stößen wirklich unbedeutenden Quetschungen, wieder vorzufinden. Hier verließ ich die sogenannte Melbourne-Post um mich auf dem Murray oder Hume wie der Murray hier oben größtentheils genannt wird, einzuschiffen.

Albury ist ein kleines wachsendes Städtchen, so recht im Innern des Landes, und steht bis jetzt auch nur durch diese Personenpost und sonst durch Güterkarren, mit dem fast vierhundert Meilen entfernten Sidney und dem nur etwa zweihundert Meilen abliegenden Melbourne in Verbindung.

In gegenwärtiger Zeit beschränkt sich diese Verbindung aber fast einzig auf die Post, denn der totale Grasmangel der Umgegend, und die enormen Preise für jedes Viehfutter machten es den sonst gehenden Güterkarren fast unmöglich ihr Vieh durchzubringen, und diese Preise, besonders des Proviants, waren deßhalb auch sehr gestiegen. Handel und Verkehr stockte aus dieser Ursache auch etwas in Albury, denn seit 16 Monaten war kein ordentlicher Regen gefallen, und der Murray in diesem Augenblick so niedrig daß sich der ewige älteste Mann mit dem schlechten Gedächtniß selbst nicht darauf besinnen konnte ihn je so niedrig gesehen zu haben.

Albury erfreut sich übrigens – schon ein Fortschritt in der Cultur des innern Australiens – einer Dampfmühle, durch einen unternehmenden Engländer, einen Mr. R. Heaver, gegründet, besitzt auch drei Kaufläden, einen Schmied, Blechschmied und das Versprechen einer Kirche, und leidet durch drei Wirthshäuser, licensed to sell spiritous and fermented liquors, Genuß. Die Kirche beschränkt sich für den Augenblick nur auf jenen ambulirenden Prediger, doch sprachen die Einwohner sehr stark davon eine regelmäßige und feste Kirche dort zu haben und nicht jedem Monat dem ausgesetzt zu seyn, daß ihr monatlicher geistlicher Zuspruch einmal unterwegs den Hals bräche – was sollte da erst der geistliche Zuspruch sagen – und ihre Kinder vier Wochen länger ungetauft, ihre jungen Leute ungetraut blieben.

Von Mr. und Mrs. Heaver in Albury, an die ich Briefe von Sidney aus gebracht hatte, wurde ich auf das herzlichste aufgenommen; sie behandelten mich während der kurzen Zeit meines Aufenthalts dort in der That nicht wie einen Fremden, sondern wie ganz zu ihrer Familie gehörig, und hier war es, wo ich die fast unbegränzte Gastfreundschaft des Murray zum erstenmal, und zwar gleich in ihrer ganzen Ausdehnung, kennen lernte. Ich werde nie die wirklich angenehme Woche vergessen, die ich in ihrem Hause verlebte.

Meine erste Sorge in Albury war nun natürlich mich nach einem Canoe oder Fahrzeug umzusehen, auf dem ich meine Reise antreten konnte, oder da kein solches zu bekommen war, nach passendem Holz zu einem auszuhauenden Canoe; aber leider sollte ich hier alles das bestätigt finden, was mir schon mehrere der in Albury Bekannten vorher darüber gesagt hatten. Gumbäume so weit das Auge reichte, Gumbäume so weit ich am Ufer hinauf oder hinunterging – ewige, unverwüstliche, unvermeidliche, unausstehliche Gumbäume, mit einem Holz so schwer, daß der kleinste Span wie Blei untersank, und daraus sollte ich ein Canoe hauen? Eine Hoffnung blieb aber noch: in den Hügeln dicht bei Albury sollten noch Stringy-Barkbäume mit etwas leichterem und besser zu bearbeitendem Holze stehen, und diese aufzufinden nahm ich mir einen der dort herumstreifenden Indianer oder »Schwarze« mit.

Bei Albury lagerte gerade ein kleiner Stamm, und ich bekam hier diese Söhne der australischen Wildniß zum erstenmal in ihrem vollen noch wenig civilisirten Zustand zu sehen. O mein schönes Imeo mit deinen Palmen und Guiavenschatten, mit deinen Orangen und Brodfrüchten, und deinen lieben freundlichen, schlanken und reinlichen Bewohnern – die Männer mit den offenen Gesichtern und kräftigen Gestalten, die Frauen mit den klaren schwimmenden Augen, den üppigen, glatt gekämmten und geölten Haaren und dem freundlichen Lächeln; und von dort wie mit einem Zauberschlag hieher verpflanzt zwischen die ewigen trostlosen Gummibäume und zwischen das schwarze, schmutzige, heimtückische, mordlustige Volk dieser Wälder – der Abstand war zu entsetzlich. Und das zu erreichen, hatte ich mich selbst der Gefahr ausgesetzt, auf einer australischen Royal-Mail zu fahren! Es geschah mir aber ganz recht, ich habe mich überhaupt schon von frühester Kindheit an mit größter Mühe, und oft mit nicht geringer Aufopferung, in alle möglichen Arten von Verlegenheiten hineingearbeitet, und war dann gar häufig selber erstaunt ihnen wieder, wenn auch oft mit Hinterlassung sämmtlicher Federn, entgangen zu seyn; gegenwärtig schien ich mich in einer Urpatsche zu befinden, und ich fing an, wirklich neugierig zu werden, wie ich aus dieser wieder gerettet würde.

Die Erzählungen, die ich hier über die Indianer oder Blacks, wie sie die Engländer nennen, hörte, waren gar nicht tröstlicher Art; in letzter Zeit besonders sollten wieder mehrere Mordthaten vorgefallen seyn, und wie auch darüber einige noch in Zweifel waren, ob ich mein Canoe glücklich den Fluß herunterführen könne, so waren sie doch darüber alle einig, daß ich wahrscheinlich unterwegs von den Blacks »gespeert« werden würde. Eine angenehme Sache, wenn man bedenkt, daß die Speere von sehr hartem Holz und sehr spitz sind, welche Spitze von den unvorsichtigen Wilden jedesmal vorneweg geworfen wird. Man gab sich dabei jede nur erdenkliche Mühe, mir die für mich doch jedenfalls interessant seyn müssenden genauesten Daten anzugeben, mit welcher Sicherheit sie ihr Ziel zu treffen wüßten, und zwar von 80 bis 100 Schritte, und die Mitte des Stromes, die ich nicht einmal immer halten konnte, betrug an keiner Stelle mehr als 40 bis 50.

Auf das umständlichste erfuhr ich ebenfalls, was sie mit denen machen, die sie entweder überfallen oder auf sonstige Art in ihre Gewalt bekommen. Sie haben gerade kein besonderes Interesse dabei, sie zu tödten (falls sie nicht zu einer besonders feierlichen Gelegenheit, wie z. B. zur Einweihung eines Zauberers, Menschenfleisch gerade gebrauchen sollten), sondern sie nehmen sich nur das Nierenfett – weiter nichts – und überlassen den Ueberwundenen dann höchst freundlich seinem Schicksal. Mit diesem Fett bestreichen sie sich alsdann, und glauben thörichterweise damit die Stärke des Ueberwundenen zu erhalten. Und solch eines albernen Vorurtheils willen soll man sich den Leib aufschneiden lassen? Es ist himmelschreiend.

Das, was ich von den Blacks in meiner nächsten Umgebung sah, war nicht geeignet mir größeres Vertrauen zu ihnen einzuflößen. In Gundegay hatte an dem nämlichen Tag, wo ich Abends die kleine Stadt passirte, ein Stamm den andern überfallen, und einen der Schwarzen mitten in der Stadt mit einem Speerwurf getödtet, und in Albury lief ein mit weißem Thon (ein Zeichen der Trauer) und rother Erde bemalter Schuft herum, der zwei Tage vorher, ohne die mindeste Veranlassung, seiner eigenen Frau den Schädel eingeschlagen, und von dem jeder wußte, daß er schon sieben Weiße theils selber ermordet, theils bei ihrer Ermordung hülfreiche Hand geleistet hatte. Dennoch ließen ihn die Gerichte ruhig und frei herumgehen, ja verhinderten sogar, daß sein eigener Stamm ihn des Frauenmordes wegen bestrafte. Das hochweise Gericht steckte ihn nur – und welchen moralischen Eindruck das auf den Schuft gemacht haben muß – eine Nacht auf die Wache.

Während ich noch dort war, trat ihm ein Pferd den mittlern Zehen des einen Fußes ab, er lief aber an dem ordentlich frostigen Morgen mit dem blutenden Stumpf so ungenirt herum, als ob seinem Fuße nicht das mindeste fehle.

Sonntags den 27. marschirte ich mit einer dieser schwarzen Seelen in die Hügel hinein, wir fanden aber nur sehr wenig Stringybarkbäume, die groß genug waren ein Canoe auszuhauen. Nur etwa eine halbe Meile vom Fluß ab standen mehrere, und ich beschloß einen Versuch mit dem besten von diesen zu machen.

Am Montag nahm ich mir einen Arbeiter, einen jungen Australier, zu Hülfe, einen Baum umzusägen und mir beim Aushauen zu helfen. Der beste Stringybark aber, den wir fällten, war hohl und brach beim Sturze morsch entzwei, und mein Gehülfe versicherte mich, wir würden nicht einen einzigen gesunden Stringybark in der Nähe des Flusses finden. Um nun nicht noch mehr Zeit unnütz zu verlieren, blieb also nichts weiter übrig, als einen der schweren und hart zu arbeitenden Gumbäume zu fällen, und mit diesem zu versuchen, wie weit er sich eben aushöhlen und dünn machen lasse.

Gesagt gethan, rüstig gingen wir daran, zwei Stunden später hatten wir einen passenden Baum gefunden und gefällt, schlugen an dem Abend noch die Rinde herunter und begannen nun am nächsten Morgen die ordentliche Arbeit des Aushöhlens.

In der Zwischenzeit machte ich in Albury einige sehr interessante Bekanntschaften, so unter Anderen die eines Mr. Roper, der Dr. Leichhardts erste Entdeckungstour nach Port Essington mitgemacht und dort durch einen Speerwurf der Blacks ein Auge verloren hatte. Die Bewohner Alburys interessirten sich aber ebenfalls für meine zu unternehmende Fahrt, denn dadurch wurde ein schon lang liebgewonnenes Projekt wieder in Anregung gebracht, die mögliche Befahrung des Murray und Hume, die für ihr kleines Städtchen von unberechenbarem Nutzen seyn mußte. Man beschloß denn auch mein Canoe bei seiner Abfahrt feierlich zu taufen, und Einzelne meinten, es wäre nur schade, daß sie nie das Ende des Unternehmens zu hören bekämen, denn die Schwarzen würden mich jedenfalls irgendwo »anspießen«.

Sonnabend den 3. Mai bekam ich mein Canoe fertig und ins Wasser, und nahm es den Fluß, der hier entsetzliche Biegungen machte, etwa 7 Meilen hinunter, bis unter den Landungsplatz von Albury, von wo aus ich am Montag, mit Provisionen und sonstig Nöthigem vollkommen gut ausgerüstet, aufbrechen wollte.

Viele wollten mir selbst jetzt noch abreden, die lange beschwerliche Reise so ganz allein anzutreten, mein Entschluß war aber einmal gefaßt, zurück konnt' ich ja auch gar nicht mehr, denn von Sidney aus waren meine Sachen schon sämmtlich nach Adelaide gesandt, und mein Geld, lieber Gott, das war schon gar bös zusammengeschmolzen, und eine lange lange Strecke lag vor mir. – Doch ich hatte Pulver und Blei genug und fürchtete nichts als die vielleicht zu großen Beschwerden, wenn ich in von Indianern gefährdete Gegenden kommen sollte, und dann niemanden hatte, mit dem ich Nachts abwechselnd Wacht halten konnte.

Doch mit Gott; ich war schon aus so verschiedenen Klemmen herausgekommen, und würde also in dieser auch nicht stecken bleiben; überdieß hatte ich schon so mehrfache Erfahrungen, daß Gefahren gewöhnlich in der Entfernung bedeutend übertrieben werden, und viel von ihren Schrecknissen verlieren, wenn man ihnen gerade auf den Leib rückt. Es war ja ebenfalls so in Südamerika gewesen, wo nur ein einziger alter Spanier mir die Möglichkeit einräumte, durch die empörten Stämme der Pampas und über die schneegefüllten Cordilleren zu kommen, und ich doch frisch und gesund Chile erreichte.

Sonntags suchte mich da plötzlich ein junger Deutscher auf, der eben nach Albury gekommen, von meiner etwas abenteuerlichen Fahrt gehört hatte, und nun, selber von allen Mitteln entblößt und eigentlich ungewiß, wohin sich zu wenden, sich erbot, mich zu begleiten. Es war ein junger Seemann, und er versicherte mich, mit einem Canoe ebenfalls ganz gut umgehen zu können.

Allerdings wurde dadurch mein Canoe, das eigentlich nur auf eine einzige Person mit ihren Bedürfnissen eingerichtet war, so viel schwerer, und meine Provisionen mußten natürlich auch so viel knapper werden, während ich nicht im Stande war, noch größere Quantitäten anzukaufen, nichtsdestoweniger ging ich gern darauf ein, den jungen Burschen, der ein offnes und ehrliches Gesicht hatte, und überhaupt aus guter Familie zu seyn schien, zum Begleiter anzunehmen, erleichterte es ja mir selber, wenn er sich nur ein klein wenig brauchbar anstellte, die Reise, und machte sie für zwei, die an bedrohten Stellen abwechselnd wachen konnten, weit weniger gefährlich. Unsere Abreise wurde deßhalb auf den nächsten Tag festgestellt, und ich sah jetzt dem Augenblick ordentlich mit Ungeduld entgegen.

Den Sonntag streiften wir noch ein wenig in der Nachbarschaft Albury's herum, aber lieber Gott, an der Scenerie war auch nichts tröstliches zu sehen, und überall mußte ich die traurigsten Nachrichten über den entsetzlichen Futtermangel und die daraus entstehenden Seuchen hören.

Die Gegend sah aber auch wahrhaftig trostlos genug aus: nicht ein Grashalm war in Berg oder Thal zu sehen, das Vieh ging herum, als ob ihm die scharfen Knochen jeden Augenblick durch die Haut stoßen müßten, und an den Lagunen im Innern lagen überall halbversunkene und dann verhungerte Rinder. Sie waren dort in den Schlamm gerathen, und so schwach und matt gewesen, daß sie sich nicht wieder hatten herausarbeiten können.

Dabei war auch bei mehreren Schafzüchtern die so bösartige Rotzseuche, der sogenannte Katarrh, ausgebrochen, so daß einer allein, um nur den Rest seiner Schafe zu retten, hatte neunhundert Stück in einem Strich müssen todtschlagen und verbrennen lassen. Andere hatten zwei, vier und mehr tausend verloren, und wußten nicht wie viel sie von den ihnen übrig gebliebenen noch würden erhalten können.

Weiter zurück im Lande sollte etwas Gras seyn, so kam alles Vieh, das in Albury geschlachtet wurde, vom Billibong herunter, und mußte hier theuer bezahlt werden. Es war übrigens auch kein Wunder. Seit sechzehn Monaten kein anständiger Schauer gefallen, wo sollte die Vegetation da herkommen? Die Gumbäume – an und für sich und in den besten Verhältnissen traurige Gewächse – standen trübselig in dieser Dürre und rasselten mit den langen trockenen lanzettförmigen Blättern. Diese Blätter selber enthalten dabei auch nicht die geringste Feuchtigkeit, und brechen wie Glas, wenn man sie in die Hand nimmt. Wegen eines stark cajeputöligen Geschmacks, den sie haben, frißt sie aber auch nicht einmal das Vieh, und die kleinen Gumbüsche standen deßhalb, trotz dem gänzlichen Mangel an jedem grünen Futter, unberührt.

Und das war das australische Paradies, von dem ich so unendlich viel gehört und gelesen? Das jene üppigen Weiden, jene parkähnlichen Rasenflächen? O heilige Phantasie komm mir zu Hülfe, diese graue Staubfläche mit saftigem Grün und das saftige Grün dann wieder mit wohlgenährtem wiederkäuendem Vieh zu bedecken; gieb diesen Flächen – doch nein, diese Flächen sollen wirklich in nur einigermaßen günstiger Jahreszeit das schönste Gras tragen und bedeutende Viehheerden ernähren; nur jetzt, jetzt lagen sie in trostloser trauriger Dürre da, und die Kühe standen verzweifelnd zwischen den trockenen Gumbäumen und kauten in Gedanken lang verdaute Speise wieder. Armes Vieh, so weit das Auge reichte kein Grashalm, und selbst den Durst zu löschen mit Todesgefahr verbunden.

Der Murray selbst ist ein ziemlich bedeutender Fluß, der bedeutendste wenigstens oder vielmehr der einzige, den Australien hat, da er allein in diesem trockenen Jahr noch wirklich ein Fluß mit laufendem Wasser blieb, und die andern nur durch eine Kette stehender Lachen ihr sonstiges Bett bezeichneten. Der Murray ist etwa sechzig bis hundert Schritt breit und von sehr unbestimmter Tiefe; hier Kies und Sandbänke mit nur zehn bis zwölf Zoll Wasser, dort Stellen, auf denen ein dreimastiges Schiff flott bleiben würde. Das Wasser selbst ist von reinem schönen Geschmack und soll auch sehr gesund seyn.

Was mir aber für meine Canoefahrt besonders bedrohlich schien, war die nur zu bedeutende Anzahl der in den Strom gestürzten Gumbäume, die ihres riesigen Gewichtes wegen auch natürlich nicht wegschwimmen konnten, sondern da, wo sie einmal hingefallen, auch liegen blieben. Nur die angeschwollene stürmende Fluth konnte sie vielleicht manchmal eine kurze Strecke in den Strom selber hineinreißen, dort sanken sie aber bald durch ihr eigenes Gewicht zu Boden und lagen nun für Jahrhunderte – denn ich glaube ein Gumbaum fault nie – und streckten ihre schwarzen, schleimigen, starren Arme zackig und scharf durch die klare, über sie hinquillende Fluth. Und durch diese Bäume sollte ich meine Bahn suchen.

Am Montag Morgen hatte ich denn endlich alles in Ordnung, das Boot auswendig getheert, und alle Ritzen und Wurmlöcher, womit diese vortrefflichste aller Holzarten, nebst andern Tugenden, ebenfalls reich gesegnet ist, verstopft; unsere Sachen lagen unten an der Landung, und unter einem herbeigeeilten Menschenschwarm – ein ordentlicher Volksauflauf für ein so kleines Städtchen – schoben wir das Canoe ins Wasser; Mrs. Heaver zerbrach eine Flasche Brandy über dem Bug und taufte es Bunyip,Bunyip ist jenes bis jetzt noch fabelhafte australische Ungethüm, das nur die Blacks hie und da, besonders im Murrumbidgee und Murray und den benachbarten Seen gesehen haben wollen, und von dem sie entsetzliche Geschichten erzählen. wir stiegen ein, stießen vom Lande ab und ruderten, unter drei donnernden cheers der Zurückbleibenden, in den stillen Wald hinein.

Mein Canoe war das erste Boot, das den Versuch machte, den Hume-River, wie der Murray bis zu seiner etwa dreihundert Meilen entfernten Vereinigung mit dem Murrumbidgee genannt wird, hinabzugehen.


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