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Friedrich Gerstäcker: Australien - Kapitel 11
Quellenangabe
typereport
authorFriedrich Gerstäcker
titleAustralien
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
seriesReisen
volumeVierter Band
year1853
correctorreuters@abc.de
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10. Sidney im August 1851.

In Tanunda hatte ich die Bekanntschaft eines preußischen Schiffscapitains gemacht, dessen Fahrzeug, die Wilhelmine zum Auslaufen bereit und via Sydney nach Manila bestimmt war. Der Capitain, Franz Schmidt, war ein so liebenswürdiger Mann, und wir bekamen, wie ich in Adelaide fand, eine so prächtige Gesellschaft an Bord, daß ich beschloß auf diesem Schiff Sydney noch einmal zu sehen und dann nach Manila zu gehen, von wo ich später leicht Gelegenheit nach dem Cap der guten Hoffnung zu finden glaubte.

In Adelaide war die Goldmanie indeß zum höchsten Gipfel gestiegen; wir machten uns einmal den Spaß ein paar Bekannte mit Messingspähnen auf eine falsche Fährte zu bringen und ich erschrack wahrhaftig selber, wie blind und toll die Leute darauf eingingen.

Doch die Zeit unserer Abfahrt rückte heran, und Donnerstag den 17. Juli fuhr ich endlich mit den sogenannten Portkarren – neunsitzige zweirädrige Fuhrwerke, gerade wie die Postkarren – nach dem Port hinunter. – Aber was für ein Weg. – Die Entfernung beträgt nur fünf Meilen und die ganze Strecke ist Ebene; alle Güter müssen dabei auf diesen furchtbaren Straßen herauf nach Adelaide, alles was Adelaide verschifft, hinunter nach dem Port geschafft werden, die Passage ist dabei ebenfalls sehr stark und noch immer hat Adelaide keine Eisenbahn dorthin angelegt, ja noch dachte man kaum an eine solche, und bedient sich indessen solcher Wege.

Bis an die Achse saßen wir oft in Schlamm und Wasser, ganze Strecken lang war der Weg vollkommen überschwemmt und der Kutscher meinte einmal, an einer solchen Stelle sehr ruhig, »wenn ich nicht in das eine Loch hier mit dem linken Rad hineinkomme, und erst glücklich an den Baumstümpfen vorüber bin, die jetzt unter Wasser sind, dann glaub' ich nicht mehr daß wir umwerfen.« Das klang tröstlich.

Wir warfen aber nicht um; die Kutscher haben eine Art Instinkt sich durch alle die, ihnen im Wege liegenden Schwierigkeiten hindurch zu arbeiten, und wenn auch furchtbar durchgeschüttelt und mit fast abgerissenen Nägeln – so hatte man sich an den Sitzen anhalten müssen – erreichten wir doch ohne Knochenbruch den Port selber.

Es ist das übrigens einer der traurigsten Hafen die ich auf der Welt gesehen habe, und wenn auch die Schiffe hier ziemlich sicher liegen, da wenigstens keine See stehen kann und sie nur dem über das flache Land daherbrausenden Wind preisgegeben sind, so kann man sich kaum ein schmutzigeres unbedeutenderes Nest denken, als eben dieser Port Adelaide. Große Schiffe kommen dazu noch obendrein bei niederem Wasser in den Schlamm zu sitzen, und sind sie schwer geladen und gerade nicht sehr stark gebaut, so können sie dabei ein Andenken bekommen, das sie im Leben nicht wieder los werden. Dabei hatte Adelaide damals nur einen Schleppdampfer – ich glaube kaum daß seit der Zeit mehr dazu gekommen sind – und selbst der war alt und ausgebraucht, und ewig in Reparatur. Man sprach auch davon einen anderen Hafen oder vielmehr eine Rhede, besonders für größere Schiffe, weiter nach unten anzulegen, da aber die meisten Kaufleute Adelaidens auch Grundeigenthum in Port Adelaide besaßen, fand das noch immer bedeutende Schwierigkeiten.

Wir selber mußten endlich, nachdem wir mehrere Tage auf den Schleppdampfer gewartet hatten, ohne ihn in See laviren, und zwar meilenweis, wie sich gerade der Wind drehte und wir ihn benutzen konnten. Einmal erst in offenem See aber, und eine frische prächtige Brise begünstigte unsere Fahrt, welche eine der angenehmsten zu werden versprach, die ich je gemacht hatte – und auch wirklich Wort hielt.

Der Capitain war ein gebildeter prächtiger Mann – und wie selten kann man das von deutschen Schiffscapitainen sagen, hübsche Gesellschaft noch dazu unter den Passagieren, dabei eine vortreffliche kleine Bibliothek an Bord, Schach, Whistparthieen . . ., was wollten wir mehr.

Im Anfang wurde die fröhliche Zeit allerdings auf kurze Tage unterbrochen, über die See kam's in wildem Brausen daher, die Wellen fingen an hoch zu gehen und die meisten unserer Mitpassagiere wurden weit blässer und bekamen weit längere Gesichter, als sich unter anderen Umständen würde haben entschuldigen lassen. Die Seekrankheit saß mit einem Wort, sich schaukelnd auf den Masten, und grinste vergnügt und höhnisch auf die, über das Verdeck gar trüb und niedergeschlagen hinschleichenden Menschenopfer nieder.

Einen wunderlichen Kauz hatten wir an Bord, einen Bergmann, aber das personificirte Bild der Ruhe und Gemüthlichkeit – und natürlich, als nothwendige Folge davon, dick und wohlbeleibt. Den zweiten Tag, und die See ging hoch, nachdem er schon einen bedeutenden Anfall der Seekrankheit gehabt, hatte er nichtsdestoweniger die Kühnheit mit zum Frühstück herunter zu kommen; als er aber den fetten gebratenen Schinken auf dem Tisch sah, und den warmen Geruch fühlte, stand er langsam wieder auf und sagte mit seiner leisen, bedächtigen, und Wort für Wort abwägenden Stimme – »Ich will doch lieber wieder hinauf gehen – ich möchte sonst unanständig werden.«

In allen Winkeln lagen sie herum, ganze und halbe Todte, und erst am 24., wo der Wind bedeutend nachgelassen, und die See sich, der Nähe des Landes wegen, fast ganz beruhigt hatte, kamen sie mit den bleichen abgespannten Gesichtern wieder nach oben, frische Luft zu schnappen. Das gab sich aber bald, und mit ruhigem Wetter kam auch wieder frisches fröhliches Leben an Bord.

Meine Zeiteintheilung war dabei ziemlich regelmäßig – bis zum Mittagessen schrieb ich jeden Morgen – nur an den Tagen wo wir Sturm hatten konnte ich den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen, denn der Capitain mußte zu oft am Deck seyn, in der Nähe dieser gefährlichen Küsten, ihm selbst Ruhe zu einer Parthie Schach zu gönnen, und die Passagiere waren gar nicht mehr zu rechnen. – Nach Tisch wurde dann gewöhnlich, wie sich die Passagiere erst wieder in etwas erholt hatten, eine Parthie Schach gespielt oder auch gelesen, und Abends saßen wir bis elf regelmäßig am Whisttisch.

So verging uns die Zeit wie im Flug und wenn wir auch gerade keine schnelle Fahrt hatten, kamen mir die verflossenen Tage, als wir endlich in die schöne Bai von Sidney (und dießmal nicht in der Nacht) einliefen, wie eben so viele Stunden vor.

Wie aber hatte sich Sidney, in der kurzen Zeit meiner Abwesenheit verändert! – Als ich vor etwa vier Monaten den Ort verließ, war es eine zwar geschäftige, aber sonst ruhige und allem Anschein nach vollkommen vernünftige Stadt, in der nicht die geringsten Symptome irgend eines hitzigen Fiebers oder eines versteckten Wahnsinns zu erkennen waren. Alles ging seinen geregelten Gang, und wenn auch dann und wann einmal ein paar ehrgeizige Redner in irgend einem Antitransportationsmeeting einen kleinen Theil der Bevölkerung für ein paar Stunden aufregten, so verlor sich diese augenblickliche Aufwallung doch schon Abends beim Thee wieder, und am nächsten Morgen war keine Spur mehr davon zu finden. Was aber fand ich wieder?

Es wird schwer halten, lieber Leser, dir einen deutlichen Begriff von dem wirklich fabelhaften Zustand zu machen, in dem sich die Leute zu befinden schienen, und wie mir selber dabei zu Muthe war. – Bist du schon einmal, selbst vollkommen nüchtern, in eine Gesellschaft etwas angetrunkener höchst fideler, exaltirter Leute gekommen, in eine Gesellschaft, wo Alles drunter und drüber ging, wo die Flaschen unter und die Leute auf den Tischen lagen, wo man sang und jubelte, Reden hielt und einander, ohne darauf zu achten daß der Nachbar das Nämliche that, die wahnsinnigsten Geschichten in die Ohren schrie, und nun ebenfalls verlangte, daß der eben Eintretende all das tolle Zeug auch ebenso toll mitmachen und sich, ohne weitere Vorbereitung in den höchsten Grad geistiger Aufregung nicht erst hineinarbeiten, sondern gleich hineinstürzen solle? – So ungefähr ging es mir, als ich hier nach Sidney kam, und sich Alles, wie im tollen Walpurgistanz der Brockennacht um das flammende Teufelslicht, so hierum den blinkenden Götzen des neugefundenen Goldes schwindelnd, aber unermüdlich drehen sah, und wenn ich nicht glaubte daß die Leute all mitsammen verrückt geworden wären, so geschah das nur aus dem einzigen Grunde, weil ich es ganz gewiß wußte.

Man hörte, wohin man sich wandte, Nichts auf der weiten Welt, als entsetzliche Geschichten von riesigen »Nuggets« (ein mit dem Gold wahrscheinlich gefundenes Wort, das noch in keinem Wörterbuch steht), cradles, licenses, claims und wie alle die geheimnißvollen Sprüche sonst heißen mögen. – Alle Berechnungen reducirten sich auf Unzen und Pennyweights und ein gewöhnliches Gespräch konnte man mit keinem Menschen mehr führen.

»Doktor, ich weiß nicht, mir ist heute morgen so unwohl« hörte ich einen meiner Freunde zu seinem Hausarzt sagen. –

»Haben Sie schon von dem Riesennugget gehört« – lautete die Antwort.

»Ja wohl, ja wohl – aber meinen Sie wohl daß ich etwas einzunehmen brauche?«

»Nein bewahre, hundert und sechs Pfund Troy soll er an reinem Gold wiegen.«

Ein Orangenmann schiebt mit seinem Karren durch die Straße und George-Street hinauf, als ob er die Post einholen wolle.

»Hallo old fellow – was kosten die Orangen?«

»Letzte Ladung, letzte Ladung gentleman!« schreit der Bursche stehen bleibend und sich den Schweiß von der Stirn trocknend – »morgen fahr ich 'was anderes als Orangen nach Bathurst hinauf – acht für 'en sixpensebless your eyes have you seen the nugget?« – – Es ist zum Verzweifeln.

In Georgestreet besonders bildeten sich dabei die wunderlichsten Gruppen – vor den Juwelierläden standen die Menschen und schauten in staunender Bewunderung die außerordentlichen nuggets, 40 und 50 Unzen schwer an, die eben in den Ophir Diggings gefunden, und hier nun zur Schau ausgestellt waren. Sie hießen so viel als: »So; seht Ihr, so ein Stück könnt Ihr auch bekommen, – und vielleicht noch kleiner – wenn Ihr Euch nur augenblicklich Wiegen, Schaufeln, Spitzhacken und alle möglichen anderen Marterwerkzeuge kauft, hunderte von Meilen in die Gebirge zieht, und dort an zu arbeiten fangt, als ob Ihr Euch nach den Antipoden durchgraben wolltet.«

Vor der Redaktion des »Morning Herald« ging es noch bunter zu – dort war gerade die Zeitung aufgeklebt, in der der neuentdeckte hundertpfündige Klumpen beschrieben stand, und einige zwanzig Menschen schienen total unbekümmert, was aus ihrem übrigen Körper würde, so sie nur eben den Kopf in die förmliche Schädelpyramide einzwingen konnten, die sich von gierigen Lesern des goldenen Berichts, um das beklebte Zeitungsbret her, gebildet hatte. Wer bis jetzt noch nicht mit sich einig gewesen war, ob er in die Goldminen hinaufgehen sollte oder nicht; dem war der 300 Pfund schwere Klumpen in das Gegengewicht geschlagen, und er machte sich nun Hals über Kopf auf den Weg, die andern, jedenfalls dort noch ebenso herumgestreuten Klumpen nicht länger unaufgehoben liegen zu lassen.

Eisen – wer hat da behauptet daß im Eisen die magnetische Kraft liege die sie über den ganzen Erdball hin ihre Wirkung ausüben lasse? Gold ist der Zauber der jetzt wie ein böser Fiebertraum über den Weltball zuckt, Gold der Magnet dem sich in diesem Augenblick die Nadeln der ganzen Christenheit zuwenden, und von dem selbst die Heiden angesteckt sind, daß sie Heimath und Freunde verlassen, um in der Fremde elend zu werden.

In der Straße sah es aber noch bunter aus – an einer Menge von Stellen wurden Karren gepackt – unten Fässer und Kisten, oben Wasch- und Quecksilbermaschinen darauf gebunden, und Spaten, Schaufeln und Spitzhacken überall eingesteckt, wo noch irgend ein Luftloch frei geblieben war. Um solche Karren standen dann immer Schaaren von Menschen, staunten die Maschinen an, oder beneideten die Glücklichen, die jetzt schon im Stande waren dem Eldorado entgegen zu eilen – die Glücklichen! – Dray nach Dray, mit allen nur möglichen brauchbaren und unbrauchbaren Dingen beladen, von mageren Ochsen oder Pferden gezogen und ganzen Caravanen abenteuerlich gekleideter Mädchen escortirt, zog die Straßen hinauf, oder hielt vor den öffentlichen Schenkläden, noch einmal und wieder einmal einen letzten Abschiedstrunk zu thun.

Der größte Menschenhaufen sammelte sich aber stets wenn die Post, die Royal Mail, mit lebender Fracht bis in den Gipfel beladen, Abends um 5 Uhr abfuhr – nicht allein Abschiednehmende (und verwünscht gute Ursache hatten sie von denen Abschied zu nehmen die ihren Hals auf einer australischen königlichen Postkutsche in Gefahr brachten) und Glückwünschende, sondern auch Massen von Neugierigen, die wenigstens jene Passagiere noch einmal sehen wollten die in zweimal vierundzwanzig Stunden sich schon wirklich in jenen fabelhaften Regionen befinden würden, gegen die Aladdins-Lampe und Sindbads-Höhle doch immer nur eine alte Rüstkammer abgelegter Juwelierarbeiten war. Wenn diese Leute nachher nach Haus gingen, geschah es gewöhnlich mit dem festen Entschluß ihr Glück nun auch nicht länger förmlich von sich zu stoßen, jede andere Beschäftigung, sey sie auch noch so einträglich, hier aufzugeben und mit erster Gelegenheit selber nach den Minen aufzubrechen.

Unser Schiff hatte indessen mehrere Reparaturen vorzunehmen, die uns hier wohl einige Wochen aufhalten konnten. So sollte der Vormast heraus, neue Backen daranzulegen, und das Schiff mußte auch auf den »Patent Slip« geholt werden, um einige Kupfertafeln, die durch das Verschlingen der Ankerketten losgeworden waren, wieder zu festigen, da sich sonst auf der Fahrt das Kupfer noch weit mehr abgeschält und dann eine bedeutende Reparatur nöthig gemacht hätte, das nicht zu rechnen daß durch das lose Kupfer das Schiff auch bedeutend im Lauf aufgehalten würde. Durch diese letzten Goldnachrichten war aber ein solcher Drang nach den Minen entstanden daß die Post, die nur dreimal die Woche hinaufging, und der Beiwagen ein höchst fremdartiger Gegenstand ist, gar nicht alle mitnehmen konnte die sich einschreiben ließen, und man nun schon auf acht und zwölf Tage vorher seinen Platz nehmen und bezahlen mußte.

Der Preis bis Bathurst, etwa 130 engl. Meilen, war bis jetzt 30 Shilling oder 1½ Pf. Sterl. gewesen, durch diese Masse von Passagieren aber die befördert werden wollten, stieg er zu 2 Pf. Sterl. 5 Sh., und als ich mich an dem Tag nicht gleich einschreiben ließ und am nächsten wieder hinkam, zu 2 Pf. Sterl. 10 Sh. hinauf, und dabei nur 14 Pfd. Gepäck frei. Da ich übrigens fest entschlossen war hier in Australien, seit mir doch Zeit genug blieb, die Minen wenigstens einmal zu besuchen und den Charakter derselben kennen zu lernen, wollte ich denn auch keine Zeit länger versäumen, nahm mir einen Platz auf den nächsten Mittwoch in acht Tagen, und wartete nun ruhig meine Zeit ab, bis die Reihe an mich kommen würde.

Indessen verging mir die Zeit in Sidney rasch genug; erstlich hatte ich ungemein viel an meinen Berichten nachzuholen, da ich durch die lange Landreise, in der es mir ja ganz unmöglich gewesen war auch nur eine Seite zu schreiben, sehr bedeutend zurückgeblieben war; und dann fand ich auch hier in Sidney wieder bei den Deutschen, wie in einigen englischen Familien, eine so herzliche Aufnahme, daß mir die Tage förmlich entflogen.

So rückte denn der Mittwoch heran, Abends um 5 Uhr war ich an Ort und Stelle, kletterte, meiner frühern Fahrt nach Albury eingedenk, gleich von Anfang an oben auf den Wagen, wo wir ihrer 16 erwachsene Menschen saßen, und mit dem Rufe all´s right, während noch keiner seinen Sitz eigentlich gewiß hatte, zogen die Pferde an und wir schüttelten uns nach und nach in einander.

Bis Paramatta geht die Stagecoach, ein sehr schöner stattlicher Wagen, das sind 15 Meilen. Von da bis Penrith, etwa 18 Meilen mehr, bekommt man eine Art Omnibus, auch noch bedeckt, von da aber fangen die offenen Karren an; die Pferde waren schlecht und die Wagen ebenfalls, und das Ganze in der kalten Nacht eben eine miserabele Fahrt. In der Stockdunkelheit ließ sich natürlich auch nicht viel von der Gegend erkennen, überall am Weg sahen wir aber die Lagerfeuer der in die Minen mit Provisionen und Geräth Wandernden, manchmal fünf bis sechs Feuer zusammen, und mehrmal überholten wir Fußreisende, die mitten in der Nacht rüstig vorwärts wanderten, und dem Anschein nach gar nicht den Tag abwarten konnten um nur erst die Minen – das Gold zu erreichen.

Etwa 9 Uhr am nächsten Morgen begegneten wir vier Männern die aus den Minen zurückkamen – sie rasteten einen Augenblick in demselben Haus wo wir frühstückten. Meine Mitpassagiere fielen gierig über sie her ihnen einen getreuen Bericht vom Eldorado abzupressen; sie waren aber einsylbig, meinten jedoch es sey viel Gold oben, und wer nur tüchtig arbeiten wolle könne schönes Geld verdienen. Die Goldgierigen waren damit vollkommen beruhigt – Arbeiten, bah, was ist das, das versteht sich von selbst – nur Gold. Mir klang die Sache ungemein nach Californien, und ich freute mich auf das Resultat. – »Nur ruhig Blut, Anton.«

An demselben Morgen kamen wir zu Mount Victoria, und es war dieß der erste Platz in Australien, wo ich wirkliche Scenerie in einem etwas großartigen Charakter gesehen habe. Mount Victoria ist selber ein ziemlich bedeutender Berg, der schroff und malerisch in einen ihn von drei Seiten umgebenden Kessel hinabläuft und ein weites mit Bäumen dicht bewachsenes, tiefes Thal bildet. Die Vegetation ist allerdings dieselbe wie in allen übrigen Theilen Australiens, die ich bis jetzt gesehen habe. Gumbäume, ewige Gumbäume, was eben alle übrigen Landschaften so entsetzlich monoton macht. Hier aber, wo die weitausgedehnten und zurückgedrängten Bergmassen eine weitere Fernsicht gestatten, erhalten die den Hintergrund und die Seitencoulissen bildenden Schichten eine andere sich mehr und mehr ablichtende Färbung und dadurch selbst meine Freunde, die Gumbäume, einen ehrenvollen Platz in dem Ganzen; man vergißt für den Augenblick daß sich ihre Brüder in der Ferne nur mit dem fremden Sonnenlicht geschmückt und farbige bunte Nebelschleier übergehangen haben, um sich ein anderes phantastisches Ansehen zu geben, daß es aber sonst ebenfalls nur ehrliche, mattfarbige gleichblätterige Gumbäume sind.

Der hier eine tiefe Schlucht überbauende Weg scheidet die beiden Thäler mit einer ihm gegenüberliegenden Felskuppe in zwei, wie es scheint, fast gleiche Hälften, von denen der Blick nach rechts hinunter wohlgefällig auf kleinen hineingestreuten weißen Häusern und Wohnungen geschäftiger Menschen ruht, während links die noch unberührte, unentweihte Wildniß in all ihrer großartigen Oede liegt.

Unentweiht sag' ich? Der Kutscher erzählte uns eine Anekdote vom Mount Victoria, die mir das Blut in den Adern gerinnen machte. Gerade vor der höchsten Kuppe, die mit steilen und schroffen Felsmassen weit über den unter ihr rauschenden Wald hinaushängt, fuhren wir vorbei, als er nach der höchsten Spitze hinaufzeigte und, sich zu uns umwendend, sagte:

Das ist die Spitze wo sich damals der junge Bursche hinuntergestürzt hat.

Und weßhalb? lautete die fast allgemeine Frage.

»O er soll nicht recht im Kopf gewesen seyn« – sagte einer der Passagiere, der schon einige zwanzig Jahre hier im Lande war und die Verhältnisse wohl genauer kannte, als er selber gern gestehen mochte – »es war damals, als sie hier die Straße bauten, und sie hatten einen jungen Bengel dabei, der immer den Kopf hängen ließ und sich mit den andern gar nicht abgeben wollte. Natürlich waren es lauter Kettengänger, Deportirte, welche die öffentlichen Arbeiten verrichten mußten. Keiner von allen mochte den jungen Burschen leiden, er paßte auch nicht zwischen die Leute, und der Führer hieb ihn manchmal, wenn er, wie er meinte, seine trübe Laune hatte, ›daß ihm die Haut vom Rücken hing‹. Eines Morgens als er auch einmal, ich weiß nicht mehr was, versehen und seine gehörige Portion Prügel bekommen hatte, war er auf einmal verschwunden, und wie wir – wie die Leute hier unten am Wege arbeiteten, sahen sie auf einmal den jungen Menschen da oben auf der Felskuppe stehen. Der Aufseher rief ihm natürlich gleich zu er solle herunterkommen und an die Arbeit gehen, sonst ließe er ihm eine andere Portion aufzählen; der ›Verrückte‹, denn verrückt mußte er gewiß gewesen seyn, schüttelte aber langsam mit dem Kopf, hob dann die Hände in die Höhe und rief so laut, daß wir es alle mitsammen deutlich hören konnten: ›Gott sey meiner Seele gnädig – Gott segne euch alle‹ – und warf sich von da oben herunter, daß er gleich darauf unten wie ein Wollsack aufschlug!«

»Und war er todt?« frug einer.

»Todt?« sagte der Erzähler, und der rauhe Gesell schauderte innerlich ordentlich zusammen, als ihm wahrscheinlich das Bild des zerschmetterten Unglücklichen wieder vor der Seele auftauchte.

»Hier die Brücke sind auch vor einiger Zeit ein Paar hinunter gefallen,« sagte der Kutscher, um uns auch die zweite angenehme Nachricht genießen zu lassen.

»Ueber das Geländer?«

»Ja – da dicht am Geländer hin, wo die kleinen Büsche stehen – es waren zwei die nach Bathurst marschirten. Unterwegs bekamen sie Streit miteinander, und gerade hier fingen sie an sich zu boxen und zu ringen, bis sie dann auch selbander hinunterstürzten und einer gleich todt blieb, und der andere, glaub' ich, nur Arm und Bein zerbrach. Er ist aber wohl auch nachher gestorben.«

»Nein,« sagte da einer der Passagiere, ein bleicher, finster aussehender Gesell, »das war ich selber.«

Wir sahen den Mann alle an, der Kutscher hieb aber in dem Moment in die Pferde, der Weg ging steil bergunter, und im vollen Galopp rissen die Thiere den Berg hinab den schweren Wagen hinter sich her, daß ich alle Augenblick glaubte wir schlügen kopfüber kopfunter den steilen Hang hinunter, und dann hätte ich nicht einen Pfifferling um unser aller Leben gegeben. Wir hatten aber Glück, kamen lebendig unten an und wechselten im Thal die Pferde.

Die Straße glich jetzt einem Jahrmarktsweg – überall Karren, bald mit Pferden, bald mit Ochsen bespannt; überall aber schwer mit Gepäck beladen und mit Zügen von Menschen vor und hinter sich, die also den Minen und damit, wie sie meinten, ihrem Glück entgegenschlenderten. Hier und da fanden wir noch Lagerfeuer am Weg, wo die Karawanen nicht zeitig aufgebrochen oder Einzelne der Treiber ausgegangen waren, das im Wald zerstreute Vieh zusammen zu suchen; an andern Orten rauchten die niedergebrannten Feuer, und Schaaren schwerbepackter Männer, und nicht selten Frauen, sogar mit Kindern auf dem Rücken, trafen und überholten wir auf der Straße. Das Wetter war klar und schön, und die Leute schienen alle bester Laune und voll der reichsten Hoffnungen.

Den Nachmittag, wo wir an ein Stück sehr schlechter Straße kamen, rannten wir mit den beiden rechten Rädern über eine mitten in den Gleisen hochaufstehende Wurzel, und es knackte irgend etwas an dem Fuhrwerk. Der Kutscher stieg ab und sah nach Rädern und Federn; dort schien aber alles in gutem Stand, oder war vielmehr so mit Schmutz bedeckt daß sich gar nichts erkennen ließ. Er stieg wieder auf, gab den Pferden die Peitsche, und im Galopp ging es den steilen holprigen Berg hinunter. Wie wir unten ankamen, fiel die Deichsel – die oben als wir über die Wurzel rasselten, wahrscheinlich eingeknickt war, und wohl nur noch aus Gefälligkeit so lange gehalten hatte aus den Schultern – und wir mußten jetzt beinahe vier Meilen bis zur nächsten Poststation zu Fuß gehen. Wäre sie unterwegs an dem Bergabhang ausgefallen, wir hätten Arme und Beine gebrochen.

Abends, schon eine Weile nach Sonnenuntergang, erreichten wir Bathurst, und stiegen dort im Royal-Hotel bei Mrs. Black ab. Kaum war hier noch Raum zu bekommen, so lagen all die Wirthshäuser voll; ich hörte auch daß die am nächsten Morgen nach den Minen hinaufgehende Post ebenfalls schon gänzlich besetzt sey, und entschloß mich bald den übrigen Weg – nur noch etwa 28 Meilen – zu Fuß zurückzulegen.

Die Gespräche im Hotel zu Bathurst drehten sich natürlich einzig und allein um das schon gefundene und noch zu findende Gold, und so sehr mich der Inhalt selber anekelte, so interessant waren mir doch auch zu gleicher Zeit die manchmal förmlich wahnsinnigen Ansichten Einzelner. Besonders interessirte mich ein englischer Jude, der auf die geheimnißvollste Weise von selbstentdeckten und noch keinem Menschen weiter bekannten förmlichen Goldbergen sprach, um die herum er die Diamanten und andern Edelsteine nur so auflesen könne. Seine Zuhörer horchten ihm im wahren Sinne des Worts mit offenem Munde zu, und ein Paar herumgezeigte Stücke Gold setzten seiner ganzen Erzählung die Krone auf. Nicht mehr von Unzen und Pfunden sprachen die Leute, sondern von Centnern, und das schönste dabei war daß sie ernsthaft blieben.

Ich trank mein Glas Brandy hot, und legte mich nachher ruhig zu Bett, ich hatte morgen eine tüchtige Fußtour vor mir, und wußte nur zu gut was mir in den Minen selber an Strapazen und Unannehmlichkeiten bevorstand; war aber auch dabei fest entschlossen nur eben so lange oben zu bleiben, bis ich einen Ueberblick über das Ganze erlangt hätte, und nicht wieder etwa, wie in Californien, mich festzuarbeiten.

Mit zwei meiner Mitpassagiere auf der Royal-Mail – ich sollte sie eigentlich Leidensgefährten nennen – brach ich am nächsten Morgen nach den Minen auf; der Weg war öde und wenig belebt, denn die richtige und nächste Minenstraße nach dem Innern führte gar nicht über Bathurst; dennoch überholten wir viele Drays die schwer beladen in die Berge zogen, und hätten den Turon selber schon früh genug erreichen können, wären meine beiden Wandergefährten nicht so entsetzlich schlechte Fußgänger gewesen. Der eine besonders war ein kleines dickes Männchen, und so schnell ihn auch sein eigenes Gewicht, immer tief dabei aufseufzend, bergunter trieb, so rasch blieb er zurück wo der Weg nur selber eben wurde, und ging es erst einmal gar wieder bergauf, dann mußten wir andern beiden oft Viertelstunden lang warten um ihn nur wieder in Sicht zu bekommen. Wir ließen ihn aber später ganz zurück, und ich habe ihn nie wieder gesehen.

Mein anderer Begleiter war ebenfalls, wie mir im Anfang schien, ein ziemlich stark beleibter Gesell, mit nur etwas magerem Gesicht, der Schweiß stand ihm aber fortwährend in großen Tropfen auf der Stirn, und er erklärte mir plötzlich er könne nicht eher weiter bis er nicht »ein paar von seinen Hemden« ausgezogen habe. Ein paar von seinen Hemden? Ich sah den Mann ganz erstaunt an, er war aber im vollkommenen Ernst, warf ein paar doppelte Decken, die er ebenfalls noch, fest zusammengerollt, auf dem Rücken trug, auf die Erde nieder und zog sich drei, sage drei wollene Hemden oben ab, wobei er noch, wie er mich versicherte, nur zwei, ein wollenes Ueberhemd und ein Flanellhemd (wahrscheinlich mit noch ein paar Unterjacken) anbehielt. An Hosen, von denen er drei wollene und eine Unterhose trug, wollte er, um sich nicht zu erkälten, keine ausziehen, aber ein paar Strümpfe und ein paar Socken warf er ab, und behielt nur ein paar wollene und ein paar baumwollene Strümpfe an. Auch den wollenen Shawl, den er bis jetzt um den Hals getragen hatte, band er ab. Der Mensch fing an ordentlich dünn zu werden, und ich bin fest überzeugt daß er, legte er die übrigen Viertel- und halben Dutzend Hemden und Hosen ebenfalls ab, gar keinen Schatten mehr geworfen hätte.

Die Nacht lagerten wir in den Bergen, wo wir nur hie und da spärliche und stets schmutzige Wasserlöcher und nicht einen einzigen fließenden Bach mehr fanden, um an einer kleinen Lache wenigstens einen Quarttopf voll Thee brauen zu können. Wir waren am nächsten Morgen, bald nach Tagesanbruch, am Turon.

Schon vorher hatten wir ein paar kleine steile Creeks passirt, in denen ich unten Waschmaschinen rasseln hörte, aber sie hielten ebenfalls kein fließend Wasser, nur stehende Wasserlöcher; ich wollte die Zeit nicht damit versäumen zu ihnen hinabzuklettern und gedachte lieber sie auf dem Rückweg zu besuchen.

Als ich übrigens den letzten Hügelhang, der mich noch vom Turon trennte, hinabstieg, fand ich alle meine Erwartungen erfüllt, alle meine Befürchtungen bestätigt – es war dasselbe Leben und Treiben, dasselbe Haschen und Jagen, derselbe Erfolg, dieselben Täuschungen wie in Californien, nur die Natur noch trauriger, nur die Schwierigkeiten mit Waschen und Arbeiten, wie mir schon damals schien, noch größer.

Das also war der Turon, wohin jetzt Tausende wie nach einem Eldorado drängten und strebten, das der Platz der allen den auf der Straße Herumlaufenden mit einem goldenen Schein überstrahlt schien, wo ihre kühnsten Hoffnungen und Erwartungen erfüllt werden sollten? Ihr armen Leute, ihr thatet mir in dem Augenblick ungemein leid, und ich ging mit noch einmal so leichten Schritten den Berg hinunter, weil ich nicht mit dazu gehörte, und bald, gewiß recht bald, wieder diesem schauerlichen Aufenthalt Adieu sagen konnte.

Mit dem Eldorado mußte es aber doch nicht so recht richtig seyn, denn zu meinem Erstaunen sah ich gerade an diesem Morgen förmliche Züge von »Miners,« mit ihren Wiegen und Handwerkszeug auf dem Rücken, den Turon hinunterziehen, und wie mir einige von ihnen, die ich fragte, sagten, so wanderten sie andern, neu entdeckten Minen zu. »Aber am Turon sollen ja die Minen so ergiebig seyn,« warf ich ihnen ein. »Ja, manche Stellen sind schon gut,« lautete die Antwort, »und manche haben hier schönes Geld zusammengeschlagen, aber – es kommen ihrer zu viel, und dann ist an vielen Stellen zu viel und an andern wieder zu wenig Wasser – bloß um knappen Tagelohn mag man auch nicht solche Arbeit thun, und wir wollen einmal sehen ob's nicht an ›der Welt Ende‹ besser ist.«

Die neuen Diggings liegen nämlich an einem Platz der humoristischerweise »the world´s end« genannt war, und Hunderte sah ich in den wunderlichsten, manchmal auch traurigsten Aufzügen dorthin strömen, das hier am Turon vergebens gesuchte Glück nun dort endlich und wirklich zu finden – am Ende der Welt mögen sie's wirklich finden.

Nun ist das allerdings das nämliche in Californien, die Leute ziehen dort ebenfalls unermüdlich von einer Bergschlucht zur andern – wo fünfzig kommen, begegnen sie auch sicher fünfzig die gehen, bis jeder das Plätzchen findet wo er seine Arbeit bezahlt zu bekommen glaubt, um endlich die Minen wieder verlassen zu können. Hier aber kam mir das ein wenig früh vor, denn die Zeitungen – o die Zeitungen! – hatten gesagt: die Leute seyen da oben nicht einmal zufrieden wenn sie nur eine Unze den Tag fänden. Nur eine Unze! Ich war zu lange in Californien gewesen um nicht zu wissen was es bedeuten will eine Unze den Tag zu finden, und wie wenige im Stande sind das wochenlang durchzuführen. Ich fand auch bald daß ich mich in meinen Erwartungen über die hiesigen Minen nicht im mindesten getäuscht hatte, und daß sie, ebenso wenig wie die californischen, jene Tausend-und-eine-Nacht-artigen Beschreibungen und Schilderungen verdienten. Es war harte Arbeit gewiß und Lohn dafür ungewiß, wie dort, und die Zahl der Unzufriedenen überwog in das Unendliche die der Zufriedenen. Allerdings sind einige Stellen am Turon welche die dort Arbeitenden außerordentlich gut bezahlen; an der sogenannten »golden point« haben einzelne Partien schon förmliche Vermögen herausgewaschen; trotzdem aber daß einzelne Partien wirklich glänzende Geschäfte machten, und ihr Glück von den dabei natürlich sehr interessirten Handelsleuten und Krämern in alle Welt ausposaunt wurde, arbeiteten andere wieder – und diese bedeutend in der Majorität – dicht daneben, und verdienten kaum ihr Taglohn, während Hunderte am Fluß auf und ab ziehen, hie und da beginnen und wieder aufhören, weil sie eben nicht einmal, oder doch nur spärlich, ihr Taglohn machen können. Waren sie doch keineswegs hier herauf gekommen wie die Hunde zu leben und weiter nichts zu verdienen als was sie, wären sie in Sidney geblieben, gleichfalls verdient und doch ein menschliches Dasein dabei geführt hätten! Viele entschlossen sich also kurz und gut jetzt, da es noch Zeit und Arbeit in Sidney gesucht war, wieder dorthin zurückzukehren, andere versicherten mich sie wollten es noch ein paar Monate mit ansehen, »sie träfen doch wohl einmal einen glücklichen Punkt,« und andere meinten wieder: sie gingen unter keiner Bedingung in ihre alten Verhältnisse zurück, ehe sie nicht wenigstens eben so viel gegraben hätten als sie mitgebracht oder ausgelegt. So weit waren ihre Erwartungen schon heruntergegangen.

Das alles nun melden die australischen Zeitungen nicht; sie heben nur die Lichtseite des Gemäldes heraus, und ihr Zweck und Ziel ist dabei auch leicht genug zu erkennen. Menschen wollen sie nach Australien haben, Arbeiter, und die welche durch die bisher von englischer Seite ausgestreuten Auswanderungsschriften nicht hierher gelockt werden konnten, denen soll das Gold den letzten Gnadenstoß geben. Ihren Zweck werden sie auch unfehlbar erreichen, Auswanderer werden ihnen in Masse zuströmen, und Arbeit wird und muß nicht allein billiger werden, sondern sie können auch die jetzt so sehr fehlenden Arbeiter in Masse herüber bekommen – werden das aber nachher zufriedene Menschen seyn? Doch daran liegt ihnen nichts; sie brauchen Schäfer und Hütten- und Viehwächter, Hirten und Weinbauer, Gärtner, Feld- und Straßenbauer, und es läßt sich denken daß sie die Gelegenheit benutzen solche Leute hier herüberzubringen. Die Regierung begünstigt das natürlich so viel sie kann, denn sie hat den Knopf auf dem Beutel, und zieht mit ihren Licenzen eine ungeheure und stets sichere Rente. Je mehr Arbeiter sie in die Minen bekommt, desto mehr müssen ihr die 30 Schilling per Monat zahlen, und wenn Tausende dann auch aufgerieben werden oder erschöpft die Minen verlassen, so erhält man doch stets gute Arbeiter – »der Bien' der muß,« sagt der Russe, und der bisherige Miner muß auch, will er nicht verhungern, sobald er nichts in den Minen verdienen kann, Schäfer oder sonst etwas – und dann zwar wenn erst einmal die Stellen überfüllt sind um jeden Lohn – werden.

Ein Hr. Hargreaves, der Entdecker des australischen Goldes, reist jetzt überall im Land umher und sucht und findet auch neue Plätze. Dadurch werden die Gemüther und Phantasien der Goldsüchtigen in ununterbrochener Spannung erhalten. Die wahnsinnigsten Gerüchte können nicht abenteuerlich genug seyn, sie finden Glauben, und der Sache wird nun noch mit fabelhaften Goldadern in Quarzgestein, mit Diamanten, Rubinen und Platina die Krone aufgesetzt. In fieberhafter Aufregung flüstern sie einander, selbst oben in den Minen, dunkle Andeutungen in die Ohren, packen bei Nacht und Nebel mit Handwerksgeschirr und Provisionen auf, und wandern und klettern keuchend über die steilen Gebirge fort, um in einer andern Bergschlucht dieselbe Arbeit, vielleicht mit demselben Erfolg, zu beginnen.

Und sind die Minen wirklich so reichhaltig als sie geschildert werden? fragt der Leser. Ja und nein. Einzelne Stellen sind es in der That, im allgemeinen liegt das Gold aber zu sehr zerstreut, und das Waschen desselben ist schwieriger und weniger lohnend als an gleich reichen Stellen in Californien. Das Gold liegt nämlich nicht wie in Californien nur unter der leichten Erde, auf dem Felsen und Thon, oder in den unteren Erdschichten, die erst mit Thon und Kies gemischt sind, sondern es wird schon oben, oft selbst in lockerer Fruchterde – allerdings meist in zu geringen Quantitäten um das Waschen zu zahlen – gefunden. Oben von der äußersten Spitze der Hügelrücken habe ich die Leute die Erde 6 bis 7 Zoll aufgraben und zum nächsten Wasser schleppen sehen, woraus sie noch ihren Tagelohn machten. Das klingt nun allerdings sehr ermuthigend für den der die Bearbeitung selber nicht näher kennt, aber es besteht der große Nachtheil daß das Gold zu sehr zerstreut ist, und es meistens nicht besonders lohnt die ganze Erde zu waschen, um das wenige darin enthaltene Gold zu gewinnen. Dieß scheint mir aber auch, beiläufig gesagt, wiederum ein Beweis der Neuheit des Landes zu seyn: das schwere Gold hat noch nicht, wie in Californien, Zeit bekommen sich zu Boden zu setzen, und liegt durch den ganzen, selbst leichten Boden zerstreut. Daß es einzelne Stellen, und die hauptsächlich in den Barren der Flüsse und wahrscheinlich in den Flußbetten selber gibt die sehr reich ausfallen, und aus denen auch noch später viel Gold gewonnen wird, bleibt gewiß. Einzelne werden immer noch dort ihr Glück machen, und in kurzer Zeit ein Vermögen herausschlagen; aber wie viel Tausende laufen dann dabei her und ziehen mit Nieten ab! Wie viel Tausende verlassen Heimath und Geschäft um als Goldwäscher ihr Glück zu machen, und verdienen nicht einmal so viel um nur wieder zu Heimath und Geschäft zurückkehren zu können! Nein, wer hieher, des Goldwaschens wegen, auswandern will, der sage nur gleich von vornherein: »Ich bin noch jung, und will einmal ein paar Jahrelang ein abenteuerliches Leben führen, wenn es mir auch im schlimmsten Fall schlecht dabei geht und ich nichts verdienen kann; vielleicht glückt mir's doch, und ich bekomme dabei zugleich die Welt etwas zu sehen.« Ein junger Mann mag es in diesem Sinne wagen, einer aber der keine Jahre mehr nutzlos zu vergeben hat, sollte es sich lieber recht genau vorher bedenken, ehe er sein Glück oder Unglück in den Minen versucht.

Doch genug, übergenug über das wer graben gehen soll oder nicht. Alles was darüber von Californien gesagt ist, paßt auch hierher, und wenn es den Leser wirklich nicht ermüden würde – was ich aber kaum glaube – das Ganze noch einmal zu hören, kann ich ihm die feste Versicherung geben, ich würde lieber noch einmal einen Monat graben – und ich verschwöre mich sonst nicht so leicht – ehe ich noch einmal all die Rathschläge und Argumente, und sey es auch nur in den flüchtigsten Umrissen, von vorn durchgehen möchte.

Nur das, was die australischen Minen vor den californischen charakterisirt, will ich nicht unerwähnt lassen, weil derlei kleine Züge stets mancherlei Interessantes bieten.

Die Beschreibung der Minenplätze, Zelte, Läden, Waschstellen etc. erläßt mir der Leser wohl, das habe ich alles schon von Californien aus geschildert, und es erleidet hier in keinem einzigen wesentlichen Punkt eine Veränderung. Ueber einzelnen Kaufzelten flattern englische Flaggen statt der »Sterne und Streifen« Californiens, und man sieht im ganzen mehr blaue als rothe wollene Hemden. Sonst war es ganz das alte Leben und Treiben und doch auch wieder in manchen Einzelheiten, besonders Persönlichkeiten so scharf von jenem unterschieden, daß man oft auf den ersten Blick fast unwillkürlich ausrufen mußte: das sind Engländer hier, jenes Amerikaner.

Ein sehr vernünftiges Gesetz für die Minen, das übrigens auch schon den Zeltlagern einen ganz anderen Charakter gibt wie in Kalifornien, wo gerade die Trinkzelte den inneren Kern aller der kleinen Minenstädtchen bilden, ist hier in Australien das gänzliche Verbot geistige Getränke zu verkaufen, das gänzliche Verbot etablirter Spieltische, die in Californien schon so unendliches Elend erzeugt, so unendlich viel Blut gekostet haben. Freilich geht es diesem Gesetz, wenigstens dem ersten, wie allen denen die nur von irgend einer Regierung ausgehen – sie werden übertreten, und es soll, wie mir gesagt wurde, eine Menge Stellen geben wo man heimlicherweise Spirituosen verkauft. Spirituosen, wenn einmal erst in den Köpfen, lassen sich aber nicht mehr gut verheimlichen, und so kommt es denn daß besonders an Sonntagen eine Partie Betrunkener, oder wenigstens Angetrunkener herumtaumeln, bei denen die Wirkung wohl leicht zu erkennen ist, die Ursache aber in Dunkel gehüllt bleibt. Zum Entsetzen der Geistlichkeit und der frommen Engländer überhaupt hatte am Sonntag vor acht Tagen ein sehr ärgerlicher Fall stattgefunden. Während nämlich in der Nähe von Oakey Creek ein Geistlicher eine kleine Heerde Schafe um sich her versammelt hatte und ihr »Gottes Wort in der Wüste« predigte, sammelte sich eine sehr große Heerde von Böcken, und zwar ganz in der Nähe, um zwei Preis-Boxer, die wacker auf einander losschlugen. Spätere kleine Privatreibereien schlossen die sonntägliche Unterhaltung.

Mit dem Gold selber wird, hier oben in den Minen, weit mehr gewuchert, weit ängstlicher darauf geachtet als in den Bergen Californiens. Dort existirt wenig anderes Geld als der Goldstaub selber. Alles was man kauft wird mit dem Originalgold bezahlt, und jeder Real, einem Sixpence hier gleich, wird auf die Wage geworfen und abgewogen, wobei natürlich eine Masse Gold verloren geht. Hier hat der Miner selten seine eigene Wage, die sich in Californien fast in jedem Zelt findet, sondern er geht zum Laden und läßt sich sein gefundenes Gold dort abwägen, und will er etwas kaufen, so verkauft er erst sein Gold für baares Geld, und handelt dann mit dem Geld die Waare ein.

Etwas anderes, was der californische Händler verschmäht, fiel mir hier auf: das Breitschlagen selbst der kleinsten Stücke in denen nur der geringste Gehalt an Quarz vermuthet wurde. Die Händler legen das Gold auf ein breites Gewichtstück oder sonst ein Stück Eisen, und schlagen es mit einem Hammer breit, so daß das Quarz herausspritzt, natürlich geht aber dabei auch eine Menge feiner Goldsplitter für den Miner verloren, und zwar in des Händlers Tasche, denn dieser kann später seine Zelterde um das Eisen herum auswaschen und findet fast alles wieder.

Ich traf mehrere Bekannte in den Minen, Mitpassagiere von Adelaide, von denen die meisten schon eine Woche oben waren, keiner hatte aber schon etwas besonderes gefunden, oder nur seine Arbeit bezahlt bekommen, und während mehrere davon sprachen sich bald wieder auf den Rückweg zu machen, waren einige schon wirklich gegangen, und auf ihrem Weg nach Sidney.

Die neuentdeckten und so ungemein gepriesenen Minen von World's end wollten auch mehrere von diesen verlocken, ich rieth ihnen aber nach besten Kräften ab, und versicherte sie, nach meinen Erfahrungen in Californien würden sie in sehr kurzer Zeit bald hier und bald da von neuentdeckten, entsetzlich reichhaltigen Minen hören, und wollten sie jedem solchen Ruf dann immer gleich folgen, so zögen sie nur einfach im Lande herum, und wenn sie wirklich an einer Stelle etwas verdienten, setzten sie es auf einem neuen Marsch wieder zu. Einige hielt ich wirklich von dem Marsch dorthin ab, denn so ungewiß auch die Arbeit in den Minen ist, so kann der doch immer noch eher auf einen wenigstens durchschnittlichen Ertrag rechnen, der ordentlich an einer Stelle aushält und Tag für Tag fortarbeitet. Andere wollten sich aber nicht ausreden lassen daß an der »Welt Ende« der für sie bestimmte Schatz läge, und zogen ab. Ich bin überzeugt daß an dem einen Tag mehr als dreihundert Personen den Turon mit Sack und Pack verließen um nach Luisens Creek, wie der Platze an der Welt Ende heißen soll, überzusiedeln. Einzelne verkauften aber auch ihr sämmtliches Handwerkszeug und verließen die Minen ganz und gar.

Am nächsten Morgen wanderte ich noch ein Stück am Creek hinauf, und interessirte mich besonders für die eigenthümliche Bearbeitungsart dieser Minen, wo an vielen Stellen die Leute Erde oben vom Gipfel der Hügel nach dem Wasser hinunterschleppten und dort auswuschen. Es war das aber eine gar mühselige Beschäftigung, und sollte noch dazu, wie mir allgemein versichert wurde, kaum Taglohn abwerfen.

Die Regierung zieht von diesen Minen jedenfalls den größten Nutzen; denn erstens müssen die Leute die Straßen, trotz der stets gepriesenen australischen Ehrlichkeit, doch nicht für so ganz sicher halten, da fast sämmtliches Gold unter Polizeibedeckung nach Sidney geschafft wird, wobei die Regierung allerdings für jeden Verlust steht – nur sonderbarerweise nicht wenn die Post angefallen und beraubt wird, was jedoch bei der starken Bedeckung und den belebten Straßen ein höchst gewagtes und gefährliches Unternehmen wäre; dann hat sie ihre enormen Einkünfte durch die Erlaubnißscheine zum Graben, und der wichtigste Nutzen voll allem, und der bleibende ist jedenfalls die so ungeheuere Einwanderung die dem Lande, mag die Goldernte nun ausfallen wie sie will, jedenfalls zuletzt zum Segen gereichen muß.

Die Licenz lautet monatlich für 30 Shilling; dieser Monat geht aber mit jedem ersten an, und wenn Arbeiter am 10., 15. oder selbst 20. eines Monats in die Minen kommen, so müssen sie, wenn sie nicht eine oder zwei Wochen müßig liegen und dann ebensoviel verzehren wollen als die Licenz kostete, selbst für die wenigen Arbeitstage die ganze monatliche Licenz bezahlen. Das ist jedenfalls eine große Ungerechtigkeit. Aber noch mehr ist in des Commissärs Hand, der hier unumschränkte Vollmacht zu haben scheint, gegeben. Für diese Licenz kann der Miner nämlich allerdings arbeiten wo er will, wählt er sich aber irgend einen Platz an dem Ufer eines kleinen Flusses oder Creeks, so hängt es wieder vom Commissär ab wie viel Fuß Raum den Creek hinauf oder hinunter – denn nach den Bergen zu kann der Miner so weit hinaufgehen als er will – jener ihm zu geben gestattet. Das gewöhnliche ist 6 Fuß per Mann, an reichen Stellen aber – und wer nur je in Minen gearbeitet hat, weiß wie höchst prekär der Begriff ist – gibt der Commissär nur 4 Fuß, an andern, ärmeren, 8 und 10. Er hat es dabei ganz in der Hand die denen er wohl will zu begünstigen, und das kann nur auf Kosten der Nachbarn geschehen. Hoffentlich werden diese Willkürlichkeiten mit der Zeit abgeändert werden.

Auch in Californien war etwas Aehnliches, mit den ausgegebenen Erlaubnißscheinen zu graben, und auch für diese wurde das Geld durch Regierungsbeamte eingetrieben, aber dort hatte das Ganze keineswegs einen solchen polizeilichen Charakter wie hier, und ging auch in der That nicht auf solche Kleinlichkeiten ein, wie der Commissär der Turon z. B. Jungen, die sich dem Zahlen durch die Flucht entziehen wollten, selber apportirte. Nichtsdestoweniger wurde auch hier wieder kein Unterschied gemacht zwischen Engländern und »Ausländern« was in Californien die Ursache so manchen Unheils gewesen war und noch ist – hier waren alle gleich vor dem Gesetz, die da graben wollten nach edlen Metallen – d. h. die Regierung nahm von Jedem, ohne Unterschied der Person, ihre 30 Shilling.

Fremde waren übrigens auch gar nicht viele hier, und schon auf den ersten Blick erkannte man die total englische und irische Bevölkerung, zwischen der sich nur als Ausnahmen einzelne Deutsche und Franzosen, und ich glaube gar keine Amerikaner befanden. Eine Masse von Galgenphysiognomien sah ich hier, wie ich sie wahrlich noch an keinem Ort der Welt, selbst nicht in Californien, was gewiß viel sagen will, versammelt gesehen habe, und dennoch fehlte jene Mischung der Nationen, die das kalifornische Minenleben so interessant machte, gänzlich, während der magere Baumwuchs, wie die trübgrünen Gumbäume ebenfalls nicht dazu dienen konnte dem Ganzen ein regeres Leben zu verleihen.

Die Engländer suchten dabei fortwährend die Ehrlichkeit und Ordnung herauszuheben, die hier in Australien, in Vergleich zu Californien herrsche, wo gerade damals die Vigilance committee ins Leben getreten war; überall hieß es in den Zeitungsberichten »es sey so sicher, daß man, was man nur wollte vor seinem Zelte Nachts könne stehen lassen.« Dagegen hab' ich auch nichts – ob man es aber Morgens wieder finde, ist eine andere Frage. Schon damals begannen Diebereien, die in letzter Zeit so überhand genommen zu haben scheinen, daß selbst die australischen Zeitungen die Möglichkeit eines Lynchgesetzes besprechen. Sogar während der kurzen Zeit in der ich oben war wurde einem deutschen Händler und Goldaufkäufer Abends gleich nach Dunkelwerden das Zelt aufgeschnitten und eine Summe von etwa 600 Pf. Sterling in Gold, Silber und Banknoten daraus entwendet; an mehreren Orten wurden Handwerkszeug und auch einzelnes an Kleidungsstücken gestohlen, so daß mehrere der Miner die ich sprach fest beschlossen ihre Zelte während sie zur Arbeit gingen nicht allein, sondern einen Hutkeeper oder Wächter dabei zurückzulassen. Das ist etwas was in Californien an keiner Stelle die ich besucht habe nöthig gewesen ist, und ich habe einen ziemlich großen Theil der dortigen Minen gesehen. Etwas anderes spricht ebenfalls nicht sehr für die so übermäßig angepriesene australische Ehrlichkeit. Die Kaufleute die das Gold aus den Minen nach der Stadt bringen, verdienen sehr bedeutende Procente daran, weil die Wege unsicher sind und deßhalb auch stets eine Masse bewaffneter Polizei die Goldtransporte, da der Einzelne das Gold nicht bei sich zu führen wagt, begleiten. In Californien hat das Gold in den entferntesten Minen gerade denselben Werth als in San Francisco, und es fällt niemanden ein für die Sicherheit eines Transports nach der Stadt irgend Geld auszulegen.

Doch ich bekam die Sache bald satt, rollte meine Decke zusammen und wanderte, wieder froh genug dem fatalen Minenkram so schnell entnommen zu werden, gen Sidney zurück. Vorher besuchte ich noch einige der benachbarten Creeks, die aber alle kein fließend Wasser hatten, sondern wo die Miner nur an den einzelnen Wasserlöchern wuschen und die Erde dazu hinuntertragen mußten. Hie und da kletterten sie an den Felsen herum, kleine Stücke Gold dazwischen herauszusuchen, und bei Einzelnen sollte sich das ganz gut zahlen, im Ganzen aber ist es eine nur höchst unsichere Beschäftigung. Viele verließen auch diese Creeks und gingen entweder nach dem Turon hinüber, oder zogen weiter, die Berge hinein, andere Minen aufzufinden.

Denselben Tag an dem ich die Minen verließ, erreichte ich noch Bathurst, und der Wald hatte hier oben in den Bergen an manchen Stellen etwas freundlicheres, da die Büsche zu blühen anfingen, und besonders die gelbe wohlriechende Wattel, eine Akazienart, manchen Stellen viel gartenähnliches verlieh. Trotzdem daß ich übrigens rüstig zumarschirte, erreichte ich doch erst etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang, also bei völliger Dunkelheit, den kleinen Bathurst-River, der allerdings an manchen Stellen sehr seicht ist, an manchen aber auch tiefe Löcher hat, und da ich die Straße, die, als sie in das Thal hinunter kam, nach allen Richtungen auszweigte, bald verloren hatte, und meinen Curs nur nach den durch das Dunkel herüberschimmernden Lichtern von Bathurst steuerte, so konnte ich auch natürlich in der faustdicken Finsterniß keine Furt finden, und kroch so lange an den hie und da sehr steilen Ufern hin und her, die ich zweimal fast hinunter gestürzt wäre, bis ich endlich ärgerlich wurde – ein ziemlich bedeutender Hunger mochte dazu nicht wenig beitragen – und auf gut Glück in den dunklen Strom hinabsprang. Ich war gegen Nässe ziemlich gleichgültig geworden, da ich die ganze letzte Nacht im Regen gelegen hatte, und jetzt auch fest darauf rechnete schwimmen zu müssen, kam aber mit etwa drei Fuß Wasser ab, und erreichte glücklich das andere Ufer, wo ich mich abschüttelte, bald darauf bei einem guten Abendbrod im Royal Hotel saß, und der freudigen Nachricht zuhörte, daß auf den nach Sidney gehenden Posten in den nächsten zwei Wochen schon kein Platz mehr zu bekommen sey, und ich deßhalb die Aussicht hatte den ganzen schauerlichen Weg zu Fuß gehen zu können.

So schlimm sollte es aber noch nicht werden: glücklicher Weise war auf der Post für den morgenden Tag ein Platz zwar bestellt, aber noch nicht bezahlt worden, den nahm ich sogleich in Beschlag, und rasselte schon am nächsten Morgen wieder der fernen Residenz entgegen. Daß wir unterwegs, etwa vier oder sechs Meilen von Penrith entfernt, umschlugen, und zwar zum Glück an einem sandigen Platz, denn wir hätten sonst Alle die Hälse gebrochen, will ich hier nur flüchtig erwähnen, und nur mit Verlust eines Rockes, der mir in Penrith vom Wagen gestohlen wurde, als ich eben einen der, durch das Umschlagen beschädigten Passagiere in das Haus führte, erreichte ich am andern Morgen Sidney wieder.

In Sidney hatte die Wilhelmine indessen ihren Vormast ausgenommen und glich mehr einem Wrack, als einem wackeren seetüchtigen Schiff; an Auslaufen war deßhalb auch, vor den ersten vierzehn Tagen noch gar nicht zu denken. Außerdem war die Bestimmung des Schiffes geändert worden; von Manila kamen, die Zuckerernte betreffend, sehr schlechte Nachrichten, desto günstiger lauteten dagegen die von Batavia, und da Capitän Smith vollkommen freie Hand hatte, dorthin mit dem Fahrzeug zu gehen, wohin er es für das Beste hielt, so entschloß er sich den letzteren Port anzulaufen. Mir selber war das ziemlich gleichgültig, ja vielleicht noch willkommener als Manila, denn in Batavia wußte ich erstens Briefe aus der Heimath, die dort auf mich warteten, und dann kürzte es auch meine spätere Fahrt nach dem Cap um wohl 40 Breitengrade, keine Kleinigkeit. Auch der längere Aufenthalt in Sidney gereute mich nicht – ich hatte viele liebe Freunde dort gefunden, und das erregte Leben überhaupt, das in dieser Periode durch ganz Australien zuckte, mußte für den Fremden schon allein vom höchsten Interesse seyn.

In Sidney kam aber damals gerade die noch immer gährende Nationalfeindschaft – und auch wohl Eifersucht – gegen Nordamerika wieder einmal zum Ausbruch. Erst vor wenigen Tagen war ein Schiff von dort eingelaufen, und der Capitän desselben, ein Mr. Harris rückte einen fulminanten Artikel in den Morning Herald, England zum Krieg gegen die Amerikaner via California auffordernd. Es betraf das Lynchgesetz, besonders das Vigilance committee, das die Amerikaner einmal wieder gegen einzelne »Sidney coves« in Ausführung gebracht, und worunter »poor Capt. Harris« wie er bald allgemein in der Stadt hieß, ganz unschuldiger Weise hatte leiden müssen.

Bei dem letzten Feuer verließ dieser englische Capitän, seinem Brief nach, sein Schiff, um dort mit retten und löschen helfen; auf dem Markt aber, wo er einen der faul da umher schlendernden Yankees hatte mit zur Arbeit, und vielleicht mit etwas barschen Worten, aufgefordert, antwortete ihm dieser grob, und ließ ein paar Worte fallen daß der Fremde, den er der Aussprache nach wohl für einen Engländer erkannte, am Ende gar selber mit Schuld an dem Feuer sey, und jetzt nicht umsonst so thätig dabei wäre. Wie ein zündender Funke fiel das Wort in die Seelen der Umstehenden; der dritte Mann wußte schon gar nicht mehr um was es sich handele, was vorgefallen sey, er hörte nur dort sey Jemand den man des Brandstiftens beschuldige – vielleicht lag seine eigene ganze Habe in diesem Augenblick in Asche – und der Engländer sah sich plötzlich gepackt und fortgeschleppt – wohin? Der Haufe der die Aufregung sah und nur hörte man habe einen der Brandstifter gefaßt, schrie natürlich, da sein eigener Hals sicher genug dabei war, »hängt ihn an die nächste Laterne,« und es läßt sich denken daß einem solchen vermutheten Deliquenten in solcher Zeit, noch bei dem Brande der Stadt, nicht viel Raum zu einer Selbstvertheidigung gestattet wurde. Der »süße Pöbel« ist in amerikanischen Staaten eben nicht besser wie in allen anderen. Die »Vigilance committee« nahmen sich aber, sobald die Bessergesinnten nur erst einmal die Oberhand gewinnen konnten, des Mannes an, und gestatteten ihm natürlich ein ordentliches Verhör, in dem sich dann gleich herausstellte daß er ungerechter Weise aufgegriffen sey. Er wurde sogleich wieder freigegeben und ihm jede, für den Augenblick nur mögliche Entschädigung zugesichert. Die californischen Blätter wollten aber, wie Capitän Harris wenigstens behauptete, diesen Brief, aus Furcht vor der Vigilance commitee nicht veröffentlichen, und das wäre allerdings eine Schmach für die freie amerikanische Presse; wer weiß aber was da auch noch für einzelne Umstände dazu gekommen waren, und Capitän Harris erzählte natürlich die Sache von seinem Standpunkt aus.

Capitän Harris trat nun diese Geschichte in den australischen Zeitungen breit – die augenblicklich ein wahres Zeter darüber anstimmten – und hob vor allen Dingen eine Thatsache vor, die dem Ganzen wieder einen ungemein komischen Anstrich gab. Damals nämlich, als er vom Pöbel gefaßt und vor Gericht geschleppt sey, wollte er entweder seine Uhr verloren haben, oder ihrer beraubt seyn. Endlich freigesprochen hatte er eine andere Uhr verlangt, die aber, die man ihm als Ersatz geboten, müßte sich nicht als so gut erwiesen haben, als die seine, oder er hatte selber noch außerdem eine Entschädigung verlangt – man wurde nicht so recht klug aus der ganzen Geschichte; kurz er war ohne Uhr weggekommen, und der Morning Herald stieß in die große Trompete, und verlangte von England: die Sache als einen casus belli anzusehen, und eine Expedition gegen Amerika auszurüsten, damit England seine Ehre und Capitän Harris seine Uhr wieder bekämen.

Die Aufregung gegen alle Amerikaner war so entsetzlich, daß ich es keinem von diesen hätte rathen wollen sich in den australischen Minen zu zeigen, er wäre keinesfalls seines Lebens sicher gewesen, denn trotzdem daß die Leute hier förmlich außer sich über das Lynchgesetz und die Californier waren, die allerdings den Sidneyern bei Ausübung desselben keine Schmeicheleien herüber bestellt hatten, zeigten sie Alle selber die schönsten Anlagen in eben dieselben Fußtapfen zu treten, und ich würde mich wundern wenn das bis zu dem heutigen Tag noch nicht wirklich geschehen wäre.

Mit kaltem Blut kann man sich auch gar nicht auf den Standpunkt einer, solche Maßregeln ergreifenden Bevölkerung setzen, die endlich, zum Aeußersten getrieben, das Recht der Selbstvertheidigung aufnimmt und den Feind, dem sie auf andere Weise nicht beikommen konnte, unter die Füße tritt. Man muß bedenken in welcher furchtbaren Aufregung die Bewohner San Franciscos durch steten Feuerlärm, und endlich durch die Feuersbrünste selber, die jedesmal die halbe Stadt in Asche legten, gehalten wurden; ich weiß ja, in welchem exaltirten Zustand ich mich selber befand, wenn Abends so lange ich in San Francisco war, Feuerlärm geschlagen wurde, und ich hatte nichts dabei zu verlieren. Ich bin fest überzeugt, ohne das mindeste Bedenken würde ich damals meine Stimme zu einem solchen Lynchurtheil über einen ertappten Mordbrenner gegeben haben – und würde es noch thun.

Nur auf ungesetzlichem Wege konnten sich die Bürger von San Francisco der Richter, die sie als ungenügend erkannt hatten, rasch genug wieder entledigen, jenem mehr und mehr überhand nehmenden Unwesen von Brandstiften und Räubereien zu steuern. Wenn sie aber den Zustand in dem sie sich befanden, nicht länger ertragen konnten, und doch einmal eine ungesetzliche That begangen werden mußte, dann war es auch besser das Uebel bei der Wurzel anzugreifen und jener nichtswürdigen Raçe zu zeigen daß sie nicht mehr auf bestechliche Richter und schurkische Advokaten rechnen dürfte, sie einer nur zu sehr verdienten Strafe zu entziehen. Ich bin auch fest überzeugt daß ein paar solche extempore Gerichte viel segensreicher für die Ruhe und Sicherheit der Stadt wirken werden, als zwanzig gesetzlich auf so und so viel Jahre eingesperrte Verbrecher.

Die Amerikaner dürfen übrigens den Engländern, oder vorzüglich den Australiern nicht allein die Schuld geben, eine Masse von Verbrechern und schlechtem Gesindel nach Californien geworfen zu haben. Das schlechteste Gesindel in ganz Californien sind die öffentlichen Spieler und die, nur mit Ausnahme einzelner Spanier, alle amerikanisch. Es ist das eine Verbrecherbande die sich vom Mississippi und den südlichen Staaten, Arkansas, Louisiana und Texas sämmtlich nach Californien gezogen hat, wo sie herrliche Ernten für ihre Thaten erwarten konnte. Diesen Burschen fehlte auch nie das Reisegeld, denn wo sie sich das nicht auf rechtlichem Wege verschaffen konnten, oder es schon hatten, war ihnen eben kein Weg zu schlecht es zu erlangen, und mit solchen Grundsätzen gingen sie nach Californien, fest entschlossen dort ein Vermögen zusammenzuschlagen, und höchst gleichgültig gegen die Art wie sie es erlangten, sofern diese eben nicht harte und ehrliche Arbeit hieß.

Darin aber haben die Amerikaner recht, daß sie eben nicht über den Zuwachs erfreut sind, der ihnen von dieser Art Menschen auch von Australien herübergesandt wurde, da sich die englischen Diebe noch sicherlich ganz besonders bemühten in Ausübung ihres Geschäfts ihrer amerikanischen Brüderschaft nicht nachzustehen. Doch sind immer noch genug von der Raçe hier in Australien.

Später hatte ich übrigens Gelegenheit, und zwar schon wieder hier in Deutschland, mehrere deutsche Mitglieder der Vigilance committee zu sprechen, und diese gaben mir über den speciellen Fall von Capitän Harris die Auskunft, daß der Mann an einer Stelle, wo er gerade nichts zu suchen gehabt, etwas, wie es schien von Spirituosen erregt, gefunden wäre, sich durch seine Sprache aber als einen Engländer gezeigt habe und von der stets mißtrauischen Bevölkerung sehr ungerechter Weise für einen der Brandstifter gehalten sey, während es sich später herausstellte, daß er sogar wacker mit hatte löschen helfen. Der Pöbel hatte ihn aber gefangen genommen und würde ihn auch vielleicht gehängt haben, wenn nicht die Vigilance committee glücklicher Weise dazu kam und ihn befreite.Den Leser interessirt es vielleicht ein Certificat für die Mitglieder der californischen Vigilance committee zu sehen. Diese Certificate waren gedruckt mit der Überschrift:
    Committee of Vigilance
    Fiat justitia ruat coelum.

Zur Linken in einem Kreuz von Eichenlaub stehen die Worte: be just and fear not (sey gerecht und fürchte nichts), zur Rechten: »Self preservation the first law of nature« (Selbsterhaltung das erste Naturgesetz).
Ein Wappen in der Mitte zeigt, mit einem Auge darüber Schwert und Waage durch einen Sternstreifen, als Zeichen der Union, von einem Bündel fasces mit dem Beil getrennt.
Unter diesem steht: »Dieß soll bescheinigen daß Mr. – – ist ein Mitglied der Committee of Vigilance der Stadt San Francisco, organisirt den 9. Juni 1851.
Für den gegenseitigen Schutz von Leib und Gut, das gefährdet wurde durch die allgemeine Unzulänglichkeit (general insufficiency) der Gesetze und ihrer schlechten Ausübung (maladministration).
    J. E. Woodworth, Präsident.
    Isaak Bluxome, Secretär.

In dieser Zeit hatten wir in Sidney den ganz eigenthümlichen Fall, daß die Schauspieler vom Publikum gewissermaßen Abschied nahmen, nicht etwa ein anderes Engagement anzunehmen, oder sich von der Bühne überhaupt zurückzuziehen, sondern nur um – in die Minen zu gehen. Als Abschiedsdebüt derselben wurde im Royal-Victoria-Theater, »under the distinguished patronage of His Excellency the Governor General General Sir Charles Augustus Fitz Roy K. C. H. and the honorable Mrs. Keith Steward,« wie der Zettel besagte, das letzte Auftreten der Herren F. und J. Howson und Hydes und die Aufführung der Oper »The enchantress« von Balfé angezeigt.

Die Vorstellung wurde an diesem Abend noch besonders durch die Gegenwart des Generalgouverneurs und seiner liebenswürdigen Tochter, Mrs. Keith Stewart, feierlich gemacht, und als beide in ihre Loge traten, erhob sich der sämmtliche erste Rang, der sogenannte dress circle, wo die Damen in Balltoilette erschienen waren, und das Orchester begann God save the Queen zu spielen. Nach dem ersten Vers, der vielfach vom Parterre begleitet wurde, setzte sich das Publikum, der Vorhang ging auf, sämmtliche Schauspieler standen auf der Bühne im Costüm und drei Sängerinnen, jedesmal mit der vollen Chorbegleitung, sangen die ganze Hymne.

So wunderlich nun die Sitte ist vor einem Schauspiel, in Costüm eine solche loyale Demonstration zu geben – noch dazu wenn die Mitglieder, wie das hier der Fall war, fast lauter Seeräuber vorstellen – einen so tiefen aber auch schmerzlichen Eindruck macht ein jedes Nationallied, vorzüglich aber das englische auf mich. Es ist etwas Schönes, etwas Feierliches um einen Nationalgesang, wo ein ganzes Volk in einem reinen Akkord seiner Einigkeit, seiner Stärke Ausdruck gibt. Mich hat der Yankee doodle der Amerikaner ebenso gerührt und ergriffen, wenn auch seine Töne wild und neckisch, ja Manchem wohl absurd und geschmacklos klingen – ist es doch das Nationallied eines gewaltigen Volkes, dessen Väter sich, bei den Tönen eben dieses Yankee doodle voll jubelnder Begeisterung in die Schlacht stürzten, für sich und ihre Kinder die Freiheit und ihre Menschenrechte loszukämpfen. Denselben Eindruck würde aber auch die russische Hymne auf mich machen, wenn ich sie von dem Volke jubelnd singen hörte, und nur bei der englischen ergreift mich noch das wehmüthig traurige Gefühl, daß ein Deutscher, Haydn, sie componirte. – Nicht für Deutschland, nein für ein fremdes Volk schrieb er diese heiligen Töne – wir Deutschen brauchen ja keine Nationalhymne – wir sind ja keine Nation – und es wäre eigentlich zum Verzweifeln, daß wir die Chinesen selbst um das höchste Gut beneiden müssen – ein Vaterland zu haben.

Die Oper selber, von der es mich eigentlich wundert, daß wir sie noch nicht auf deutschen Bühnen finden, denn sie hat sehr hübsche Arien und Chöre, ging ziemlich gut, manche Piecen wurden freilich arg mißhandelt, die Hauptparthie aber, die »Zauberin« selber wurde von einer Miß Sarah Flower und so vortrefflich gegeben, daß sie damit auf den ersten Bühnen Deutschlands Furore machen würde. Miß Flower hatte eine wundervolle Altstimme die freilich etwas durch – Brandy gelitten haben soll. Man erzählte sich von ihr einige wirklich reizende Anekdoten. So soll sie sich einst in einer großen Gesellschaft, nach einiger künstlerischer Aufregung auf ein ganzes Sopha voll von Damenhüten gelegt und die Façon derselben bis »in die Mitte nächster Woche« hineingedrückt haben, was man, wenn man ihre stattliche robuste Gestalt und den gesunden Teint sieht, recht wohl glauben kann. Das Entsetzen der Damen mag grenzenlos gewesen seyn. Doch dem sey wie ihm wolle sie singt vortrefflich, und ist auf der Bühne eine ganz angenehme Erscheinung.

Ehe ich aber mit dem Theater schließe kann ich nicht umhin dem Leser noch mit wenigen Worten eine Skizze des »Freischutz« wie auf den englischen, das ü verschmähenden Zetteln stand, zu geben; wir müßten keine Deutschen seyn, wenn wir uns nicht für den Freischütz, und außerdem noch ganz besonders für den »Freischütz in Australien« interessiren wollten.

»Donnerstag den 7. August der Freischutz!« – Der Leser wird sich denken können, daß ich mich auf den Abend freute. Wie lange hatte ich keine deutsche Oper gehört! und jetzt sollte ich sie hier bei den Antipoden zuerst wieder finden. – Wir gingen, der Kapitän der Wilhelmine, F. Schmidt, und ich, früh genug hin um die Ouvertüre nicht zu versäumen, und das Orchester begann denn auch als wir eben unsere Sitze eingenommen. Aber traurig! die wunderherrliche Ouvertüre wurde auf eine wahrhaft gotteslästerliche, auf eine Samielsche Weise mißhandelt, und ein paarmal konnte ich die Melodie kaum wieder erkennen. – Endlich ging der Vorhang auf. Auf der Bühne stand eine Scheibe; die Schützen waren sämmtlich links aufmarschirt, Max trat zuerst an und fehlte, dann noch zwei andere Jägerbursche und endlich Kilian, worauf etwas von der Scheibe herunter fiel und er also den Meisterschuß gethan hatte. Max ging übrigens sehr fidel zwischen ihnen herum, bis endlich der Spottchor ihn ärgerlich machte etc.

Max und Kaspars Arien (ich muß hier übrigens bemerken daß auch die Namen verändert waren: Max hieß Rodolph, Agathe hieß Linda und Annchen hieß Rose), Rodolphs und Kaspars Arien also gingen so ziemlich und mir wurde weh und weich um's Herz. Die alten lieben Klänge riefen so alte und liebe Erinnerungen in mir wach, und ich hätte Stunden lang den bekannten Tönen lauschen mögen. Samiel rief mich zuerst wieder auf die australische Bühne zurück; er erschien während Maxens Arie dicht hinter ihm in einem bengalischen Feuer – wenn ihn Max auch wirklich nicht sah, hätte er ihn doch riechen müssen – verschwand aber bei dem Ausruf: »Lebt denn kein Gott?« bei dem sich Max vorsichtig auf ein Knie niederließ, auf eine so hübsche Art daß ich wirklich davon überrascht war. Er warf sich nämlich auf die Erde und war durch dieselbe im Moment verschwunden. Die Versenkung war mit grauer Leinwand fest bezogen und durch einen Schlitz derselben schleuderte er sich im Nu außer Sicht.

Der zweite Akt begann, außer einigen unbedeutenden Abänderungen wie in Deutschland. Agathe wie Annchen sangen und spielten ihre Rollen recht brav. Eines nur störte mich im Anfang ein wenig: Annchen, obgleich mit einer recht lieblichen Stimme begabt, setzte in den Ensembles und wenn sie allein sang, stets einen halben Ton zu spät ein, das Orchester richtete sich aber bald darnach, und wir wurden so nur ein klein wenig später fertig. Ehe aber Max erschien, trat Kilian zu den jungen Damen heran (Kilian war auch mehr als Possenreißer gehalten und lief durch das ganze Stück) und erzählte ihnen spaßhaft daß nicht Max sondern er den Meisterschuß gethan habe. Sie waren darüber sehr erstaunt und Kilian ging ab. Jetzt kam Agathens berühmte Arie die auch von ihr ganz gut gesungen, von dem Orchester aber traurig begleitet wurde. – »Er ist's, er ist's, die Flagge der Liebe soll wehen!« Max trat auf; herzliches Bewillkommen, ungemeine Freudigkeit von beiden Seiten. Das Orchester macht einige fremdartige, noch nie im Freischütz gehörte Uebergänge, Max ergreift Agathens Hand und führt sie vor, und – »War's vielleicht um eins, war's vielleicht um zwei, war's vielleicht eins oder zwei, daß du mir nit gewesen treu – Herzallerliebstes Schatzel denk' a Bissel nach!« – Mir war als ob mir einer ohne vorherige Warnung einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf gegossen hätte. »Die Wiener in Berlin!« rief der Capitän, »bei allem was da schwimmt!« und sah mich dabei mit einem so wehmüthig komischen Blick an daß ich nicht mehr an mich halten konnte; ich platzte heraus und mußte die Loge verlassen, um mich draußen einigermaßen wieder zu sammeln.

Die Wolfsschlucht war gar nicht übel arrangirt und ich habe sie in Deutschland auf manchen kleineren und größeren Theatern schon viel schlechter in Scene gesetzt gesehen. Nur machten die Teufel einen solchen Heidenlärm daß Kaspar bloß im Stande war sechs Kugeln zu gießen; gleich nach der sechsten fiel wenigstens der Vorhang, und ich vermuthe daß er die siebente noch nachher gegossen hat.

Das Publikum war übrigens entzückt und es entspann sich im nächsten Zwischenakt eine sehr lebhafte Unterhaltung zwischen der dritten Galerie und dem Parterre, die theils durch Gesticulationen und halbarticulirte Schreie, theils durch Orangenschalen geführt wurde.

Nach der Wolfsschlucht kam nun eine ganz eigenthümliche Scene die, wenn ich mich nicht sehr irre, der moralisch christliche Sinn der Engländer diesem deutschen Teufelsspuke frommkindlich eingelegt hat. – Der Oberförster, Kaspar, Kilian und die andern Jäger sitzen im Saale. Kilian will, wie der Kasperl im Puppentheater, fortwährend eine lange Geschichte erzählen die anfängt: »Es war einmal ein König,« wird aber nicht zu Wort gelassen. Der Oberförster theilt jetzt mit daß er sich nur einer solchen Nacht erinnere wie die vorige, und das sey die in welcher einst ein gottloser Jägerbursche sieben Freikugeln mit dem Satan gegossen habe. Er erinnerte sich noch seines Aussehens am nächsten Morgen: bleiche Wangen, hohle Augen; er sieht den Kaspar an und fährt entsetzt zusammen: derselbe entsetzliche Mensch steht vor ihm! Kaspar wird wüthend, der Oberförster beschwichtigt ihn aber, erinnert ihn daran wie gut er es immer mit ihm gemeint habe, und fällt endlich vor ihm auf die Knie und bittet ihn um Gotteswillen doch wieder ein guter Mensch zu werden. Kaspar wird gerührt und läßt sich sein Gewehr nehmen. Da erscheint Samiel mitten zwischen ihnen, dießmal jedoch ohne bengalisches Feuer, und berichtet dem Kaspar daß er ihm unrettbar verfallen sey. Nichts desto weniger will Kaspar, als Samiel wieder verschwunden ist, einen letzten verzweifelten Versuch machen und geht mit dem alten Oberförster auf die jetzt im Hintergrund geöffnete Kapelle zu; an deren Schwelle erscheint ihm aber wieder der Feind und wirft ihn höhnisch lachend zurück. Kaspar ist »a gone chicken.«

Hierauf kommt die Scene mit Kaspar und Max. Wunderbarer Weise hat aber Max noch zwei Kugeln übrig und gibt sie dem Kaspar; dann singt Max ein sehr fideles Jagdlied das mit einem Refrain des Jägerchors endigt, und nun kommt der Jägerchor und nachher der Probeschuß. Beim Probeschuß tritt aber Agathe auf ehe der Schuß fällt, versichert auch nicht daß sie die Taube sey, und überhaupt herrscht dabei eine so gräßliche Confusion daß ich, wenn ich nicht vorher gewußt hätte wie die Sache zusammenhängt, sicher nicht klug daraus geworden wäre.

Nach dem Schuß kam Kaspar auf die Bühne und fiel um, erholte sich aber augenblicklich und interessirte sich ungemein für Agathe, wie er denn auch, trotz seiner Schußwunde und noch auf der Erde liegend, den Chor: »Sie lebt,« ehrlich mitsang. Dem machte aber Samiel gleich darauf ein Ende; er trat auf, ging auf Kaspar zu, packte ihn vorne an der Brust, schleppte ihn auf die nächste Versenkung und fuhr mit ihm ab. – Ein Klausner trat übrigens gar nicht auf; Max versicherte nur ganz einfach der Kaspar habe ihn zu der ganzen Sache verleitet, er habe nicht die geringste Schuld, und da ihm das alle auf das Wort glaubten, stand auch der augenblicklichen Verlobung mit Agathen oder Linda nicht das mindeste im Wege.

Das Wetter hatte indessen in vollem Ernst zu Regen eingesetzt, und bald darauf kamen auch Nachrichten aus den Minen nieder, daß droben mehrere Zoll Schnee liege, die Wege grundlos seyen und die Miner für den Augenblick sehr schlechte Geschäfte machten. Nichtsdestoweniger strömte noch eine Masse Menschen hinauf, und jedes dort oben aufgefundene neue Stück forderte auch seine neuen Opfer.

Die Wilhelmine sollte indessen, nachdem Masten und Takelage wieder vollkommen im Stand war, vierzig Stück Kühe an Bord nehmen; Ballast und Heu mußte ebenfalls eingeladen werden, und es läßt sich denken daß die Leute von Morgens bis Abends stark beschäftigt waren. Dann und wann gingen sie Abends an Land, und ließen sich in dem Fall von dem Capitän kleine Summen von ihrem ihnen gutkommenden Gelde zahlen, sie waren auch auf dem Schiff so vortrefflich, sowohl vom Capitän als Steuerleuten behandelt worden, von denen ich die ganze Reise nicht einmal ein rauhes Wort gehört hatte, die Kost ließ ebenfalls nicht das mindeste zu wünschen übrig, daß es nicht wahrscheinlich schien, sie würden ein so gutes Schiff verlassen, in die Minen, und noch dazu in dieser Jahreszeit, hinaufzulaufen. Gold ist aber ein gewaltiger Magnet, und eines Morgens – es war ein Montag, und wir dachten in vier bis fünf Tagen etwa seefertig zu seyn – kam der Steward früh in die Cajüte und meldete: »die ganze Mannschaft sey fortgelaufen.«

Die ganze Mannschaft war nun allerdings nicht fort, denn einzelne, wie der Zimmermann, der Koch und zwei von den Leuten, waren zurückgeblieben, aber neun hatten sich richtig die Nacht vom Sonntag auf den Montag aus dem Staub gemacht, und uns da allein auf der wohlriechenden Haide sitzen lassen. Der Capitän ging nun allerdings sogleich auf die »Wasserpolizei« die nöthige Anzeige zu machen, und eine Belohnung auf das Wiedereinfangen der Leute zu setzen, und dort machten sie ihm auch starke Hoffnung daß er die Leute bald wieder bekommen würde, da sie alle mitsammen kein englisch sprachen, und von den Wirthen, denen sie doch wieder in die Hände fallen müßten, leicht verrathen würden; das war aber auch alles was sich thun ließ und die Aussicht, den Hafen sobald wieder zu verlassen wo Matrosen fast gar nicht und wenn je, nur zu einem enormen Preis zu bekommen waren, sehr gefallen.

Das Einzige was ich jetzt thun konnte blieb so viel als möglich meine Zeit in Sidney zu benutzen, und von dem Leben und Treiben dort zu sehen, was sich nur irgend sehen ließ.

Die Stadt bot auch manches Interessante, zu dem hauptsächlich immer wieder das Gold den Stoff lieferte – die Hauptstraßen hatten einen ganz andern Charakter bekommen, und die Läden besonders ihr Aussehen auf eine fast wunderbare Weise verändert. In den Ausschnittläden hingen früher gewöhnlich farbige Stoffe zu Damenkleidern, Bänder, Spitzen und alle mögliche andern derartige Sachen geschmackvoll arrangirt und so aufgeputzt, daß sie, besonders für das weibliche Auge berechnet, den größt möglichsten Ueberblick über alle nur erdenkbare Gegenstände gewährten. Von alle dem war auf einmal fast nicht die Spur mehr zu finden, und grau und blau wollene Hosen und Röcke, ja selbst eisenbeschlagene Schuhe, wollene Halsbinden und Unterjacken, wollene Decken und Strümpfe schienen Kattun und Mousselin in ein vergangenes Zeitalter zurückgedrängt zu haben. Hie und da standen schreckliche Gestalten, in vollkommener Minertracht, ausgestopft vor den verschiedenen Läden, im blauen Buschhemd mit Strohhut auf dem Kopf und Spitzhacke in der Hand, und eine wettergepeitschte Maske als Angesicht – entsetzlichen Anblick oft gewährend, mit den verrenkten Gliedern.

In den Eisenhandlungen sah man fast weiter nichts als Spitzhacken und Schaufeln, durchlöcherte Bleche zu Maschinen und kleine Beile, und jeder Laden überhaupt suchte das vornhin und zur Schau zu bringen, was nur möglicher Weise in den Minen verwandt werden konnte. Und davor standen dann die Menschengruppen, discutirten den Vortheil oder Nachtheil der verschiedenen Gegenstände, und kauften und beluden sich mit Sachen, die sie oben in den Bergen gern wieder zu dem Kostenpreis losgeschlagen hätten, wenn sie nur eben Jemand hätte haben wollen.

Was Sidney selbst betrifft, so ist es eine, natürlich ganz im englischen Geschmack angelegte Stadt. Die Straßen sind fast durchgängig breit, mit Trottoirs versehen, mit Gas beleuchtet, und die Hauptstraßen durch so schöne und geschmackvoll arrangirte Läden geziert, wie sie irgend eine bedeutende Stadt der alten Welt aufzuweisen hat.

Auffallend ist nur die enorme Masse von Schenkläden, und mit wenigen Ausnahmen besteht jedes Eckhaus der Stadt aus solchen, außer denen die noch in der Mitte der Häuserreihen liegen. Der Staat bezieht allerdings eine enorme Rente durch sie, aber sie tragen auch entsetzlich zur Verderbniß der unteren Klassen bei, und an keinem Ort der Welt habe ich Abends so viele Trunkene, und besonders trunkene Frauenzimmer in den Straßen gesehen, wie gerade in Sidney.

Ich bekam eine ausgezeichnete Gelegenheit, die meisten dieser Plätze zu besuchen. Am 12. September meldete einer der Waterpolice-Diener daß sie einen unserer Leute eingefangen hätten, und den andern ebenfalls auf der Spur wären. An dem Abend sollte denn auch eine ordentliche Nachsuchung vorgenommen werden und einige Leute der Wasserpolice wollten sich deßhalb verkleidet Abends an Bord einfinden, den Steuermann mitzunehmen und mit diesem einige der verrufensten Winkel zu durchstöbern, wo man die Burschen einzeln abzufangen hoffte. Natürlich schloß ich mich dem Zuge an, und bis nach 12 Uhr Nachts streiften wir in den Straßen herum, und besuchten nacheinander wohl zwanzig der wildesten Plätze jener wilden Viertel. Allerdings fanden wir keinen der erwarteten Leute da, aber für mich war die Tour doch interessant genug, und ich wurde nicht müde Höhle nach Höhle zu betreten. Musik ist in den meisten, in vielen auch Tanz, andere haben aber auch kleine Vorstellungen, ähnlich wie die cafés chantants in San Francisco wo sie Scenen aufführen und obscöne Lieder singen.

Ich zählte an dem Abend siebzehn total betrunkene Personen (natürlich ohne die, die sich noch auf den Füßen halten konnten) – und von diesen siebzehn waren vierzehn Frauen.

Mit der gerühmten Sidney-Ehrlichkeit ist es dabei auch nicht so sehr weit her, denn keine Nacht vergeht fast, wo nicht Einbrüche versucht oder ausgeführt werden, und die australischen Zeitungen sind voll von solchen Ankündigungen.

Von Moreton-Bai sollte in dieser Zeit die Expedition ausgehen, die bestimmt war das Schicksal unsers unglücklichen Landsmanns, Dr. Leichhardt, zu erforschen. Von Moreton-Bai aus hatte er seinen zweiten gefährlichen Zug angetreten, und man wollte wenigstens die Gewißheit erlangen, ob, wo und wie er umgekommen; denn daß er ein Opfer seiner Kühnheit geworden, konnte kaum noch bezweifelt werden. In neuerer Zeit sind nun allerdings Nachrichten – aber ich weiß noch nicht wie weit verbürgt – eingetroffen, daß man Gebeine und einen Uhrschlüssel unterwegs gefunden habe. Das aber würde noch immer nicht das Untergehen des ganzen Zuges bedingen, jedenfalls soll die neu ausgesandte Expedition, wie ich hier hörte, unverrichteter Sache zurückgekehrt seyn, und es läßt sich das sehr leicht erklären, denn wohl nur wenige Menschen gibt es, die Unternehmungsgeist und Muth genug haben Leichhardts Fährten zu folgen.

So sehr die Einwohnerschaft Sidney's übrigens auch bei meiner ersten Anwesenheit in Sidney Theil genommen an Leichhardts Schicksal, wo wirkliche Versammlungen gehalten wurden, ihm nachzuforschen und zu erfahren, was aus ihm geworden wäre, so hatte das Gold jetzt fast jeden andern Gedanken verdrängt – Gold, Gold – man hörte nur von Gold.

Sonnabend den 13. Abends wurden wieder zwei Matrosen eingefangen, die sich thörichter Weise in der Stadt blicken ließen. Die Leute die das Kosthaus hielten, zu denen sie kamen, verriethen sie selber, das Judasgeld zu verdienen, und so nothwendig wir Leute brauchten und so sehr ich wünschte von hier fortzukommen, ja so sehr ich mich selber bemühte zu erfahren ob ich nichts von den Entflohenen hören könne, so leid thaten mir die armen Teufel wenn ich sie erst einmal wieder eingefangen im Gefängniß wußte.

Viele der »Schlafbasen«, wie deutsche Matrosen der Art Leute nennen, die ein Kosthaus in den Seestädten halten und besonders Seeleute in Schlafstelle nehmen, machen öfters ein vollkommenes Geschäft daraus die armen Teufel zu betrügen, wodurch sie Geld von beiden Partheien einnehmen, und beiden gegenüber, wenn die Sache nicht einmal zufällig herauskommt, vollkommen gerechtfertigt erscheinen. Zuerst überreden sie die Matrosen, natürlich unter vier Augen wo möglich, und unter verlockenden Versprechungen, zum Desertiren von ihren Schiffen, sind ihnen vielleicht gar heimlicher Weise mit einem Boot behülflich, damit sie all ihre Kleider mit fortschaffen können, die später, selbstverstanden, Eigenthum des Wirthes werden, und haben sie alles aus ihnen herausgepreßt was herauszupressen war, und sie so lange wo möglich an einem dritten Ort versteckt gehalten, bis eine gute Belohnung auf ihr Einbringen gesetzt war, dann gehen sie selbst zu den Wasserpoliceleuten, die wieder ihrerseits ebenfalls Nutzen daran haben, und mit den Wirthen gewöhnlich unter einer Decke stecken, verlachen die bis dahin Beherbergten, und werden sie nicht allein los, unangenehmen Erörterungen auf eine viel bequemere Weise zu entgehen, sondern ziehen auch noch wieder ihr Blutgeld von den Verrathenen, dasselbe Spiel; da sie jetzt nun wieder Raum haben, vielleicht an dem nämlichen Tage aufs Neue zu beginnen.

Den 18. waren wir denn endlich so weit gekommen, daß wir Aussicht hatten in einigen Tagen in See gehen zu können. Zu den wieder eingefangenen Leuten hatte der Capitän noch drei englische Matrosen angenommen, und die Hauptsache war jetzt die Kühe an Bord zu bekommen. Das geschah aber mit weit weniger Umständen, als ich je vermuthet hätte. Zuerst wurden sie dicht zum Schiff an das Werft getrieben, und dort mit einer rasch errichteten Fenz von Stangen und Brettern umgeben, dann kam einer der dazu gemietheten Leute, den Kühen eine Schlinge um die Hörner zu befestigen, und er that das wirklich auf die möglichst ungeschickte Weise mit einer langen Stange, an der das Ende von einer Art Lasso befestigt war, wobei die Kuh jedesmal wenn er mit der Stange nach ihr hin rückte, zurückdrängte, dem gefürchteten Holz aus dem Weg zu gehen. Glücklich einmal die Schlinge um den Kopf oder die Hörner, und das Thier wurde von den schon bereit stehenden Leuten bis dicht an einen, nahe zum Schiff befindlichen Block gezogen, wo es sich nicht mehr rühren konnte, bis ihm die neue Schlinge, um es an Bord zu nehmen, ebenfalls um die Hörner, oder wenn es keine Hörner hatte, wie mehrere von der Ladung, um den Hals und eins der Vorderbeine zu legen. Die sich aus Leibeskräften sträubende Kuh fand sich denn bald zwischen Himmel und Erde, aber wer nahm Rücksicht auf ihr Austreten – beim Schwanz zogen sie die dazu bereitstehenden Matrosen über die große Luke und mit dem »lower away« glitt sie dann nieder, wo natürlich schon alles zu ihrer Aufnahme bereit war, und sie sich gleich darauf, fest an einen starken Pfahl gebunden, in ihrer künftigen »Coye« befand.

Außer diesen nahmen wir auch noch einige Känguruhhunde an Bord, die der Capitän für sich gekauft hatte, und die in Batavia einen guten Preis halten sollten.

Montag den 22. war endlich der zu unserer Abreise nach Java bestimmte Tag, und nur der, dem in ähnlichen Verhältnissen der Boden unter den Füßen gebrannt hat, fort – weiter zu kommen, kann sich von der Ungeduld einen Begriff machen, die mich nicht allein die letzten Tage, nein die letzten Wochen, denn sieben volle Wochen hatten wir jetzt wieder in Sidney gelegen, peinigten – es waren ja lauter Tage gewesen, der Heimath abgestohlen.

Und trotzdem wurde mir zuletzt der Abschied von Sidney, so sonderbar das auch klingen mag, schwer – d. h. nicht von Sidney selber, aber von recht lieben, lieben Freunden die ich dort gewonnen hatte. Dazu gehörte besonders eine englische und eine deutsche Familie, die von Rickards und Hötzer, wo der Capitän der Wilhelmine sowohl wie ich, abwechselnd fast alle unsere Abende zubrachten. Auch Herr Dreutler sowohl als Dr. Mac Kellar hatten mich auf das herzlichste aufgenommen und Mrs. Rickards Kinder waren mir fast so lieb geworden, wie ich früher geglaubt hatte daß man nur eigene Kinder haben könnte.

Es ist etwas gar recht Böses und Schmerzliches um das Abschiednehmen auf der Welt, wenn es da gilt von lieben Menschen sich zu trennen zu denen man sich hingezogen fühlte, und in deren Nähe es uns wohl und heimlich war; – man zwingt sich wohl und bleibt äußerlich ruhig, drin im Herzen aber reißt's und arbeitet's und zuckt und zerrt an den innersten Lebensfasern. Ich glaube ein ganzer Monat draußen im Freien, in Nässe und Kälte zugebracht, greift den Körper nicht so an, wie ein einziger Abschied von lieben Freunden – und ich habe einen großen Theil meines Lebens hindurch fast nichts gethan, als im Freien gelegen und – Abschied genommen – ich muß wohl eine gar starke, kräftige Natur haben.


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