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Ausgewählte Gedichte

Adam Gottlob Oehlenschläger: Ausgewählte Gedichte - Kapitel 5
Quellenangabe
typepoem
authorAdam Gottlob Oehlenschläger
booktitleAnthologie aus den Gedichten von Baggesen und Oehlenschläger
titleAusgewählte Gedichte
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
seriesFamilien-Bibliothek der Deutschen Classiker
volumeVier und neunzigster Band
year1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidb3acd1c0
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Das kleine Gemüth.

Romanze.

Es kam im späten Herbste
Ein Wandersmann daher;
Es fielen gelb die Blätter,
Die Stürme brausten sehr.
Er kam zu einer Hütte,
Da saß ein Mägdelein,
Ein kleines Kind und weinte
Auf einem nackten Stein.

Die Haare waren golden,
Die Augen himmelblau;
Das kleine zarte Mädchen
Saß weinend auf der Au.
Wer bist Du, gutes Mädchen?
Was weinest Du so sehr?
Wer sind denn deine Eltern,
Und sag', wo kömmst du her?

Gemüth ist mein Name,
Ich bin ein armes Kind,
Bin aus dem Haus verstoßen,
Die Eltern böse sind.
Frau Traum heißt meine Mutter,
Der Vater heißt Herr Wuth;
Er sitzt und schleift die Waffen,
Sie bildernd niemals ruht.

In Alles, was sie thaten,
Da mischt' ich spielend mich
Auf kindliche Weise;
Deß ärgerten sie sich.
Sie sagten: Will das Ei seyn
Jetzt klüger als das Huhn?
Hinaus, du garst'ge Dirne!
Sollst mehr nicht Böses thun.

Das kleine Mädchen weinte,
Und band sich einen Kranz.
Es waren blasse Veilchen
Im falben Abendglanz.
Der Pilgersmann, mitleidig,
Ging in der Eltern Haus;
Denn offen stand die Thüre,
Seitdem das Kind hinaus.

Und wie er eingetreten,
Die Mutter lächelt hold;
Sie zeigt ihm auf den Wänden
Die Farben und das Gold.
Heil Dir, Du fremder Pilger,
Der sich auf Kunst versteht!
Du kömmst vom fernen Osten,
Wo auf die Sonne geht.

Verstehst Dich auf die Farben,
Verstehst Dich auf die Pracht!
Sieh', wie ich die Symbole
In Heil'genschein gebracht.
Dort sitzt mein Ehegatte,
Der seelenlose Mann,
Und sinnt nur auf Vernichtung,
Und sieht mich spöttisch an.

Der Mann steht auf vom Stuhle,
Reicht ihm die kalte Hand:
Willkommen, wackrer Bruder
Aus fernem Heldenland.
Laß malen nur die Weiber
Die Wangen und die Wand;
Wir brechen alle Wände
Mit Waffen in der Hand.

Die Welt ist nur ein Haufen
Und würd' es ewig seyn,
Wenn nicht die Kraft des Mannes
Zerhaute Alles sein.
Was Phantasie gestaltet,
Ist nur ein Nebelbild.
Wir müssen es vernichten;
Da hast Du Schwert und Schild.

Der Wandrer sich erzürnet,
Sieht sie verächtlich an:
»Du bist ein freches Weibsbild,
Und Du ein schlechter Mann!
Da draußen sitzt die Kleine
Und weint im stillen Schmerz;
Was ist Eu'r Thun und Treiben,
Wenn kalt ist Euch das Herz?«

So geht er aus dem Hause
Zum Kind auf grüner Au.
Es friert am späten Abend,
Die Finger sind ihm blau.
Komm' Du mein frommer Engel,
Und gehe Du mit mir!
Ich will Dich nie verlassen,
Will seyn ein Vater Dir.

Das Kind lacht durch die Thräne
Und reicht ihm seinen Kranz.
Da duften alle Veilchen
Im letzten Abendglanz.
Der Jüngling nimmt die Gabe;
Ist sie bescheiden nur,
Sie zeigt doch fromm und innig
Die traurige Natur.

Ich lieb' es mehr als Purpur,
Der nur befleckt die Wand,
Mehr als das scharfe Eisen
In eines Mörders Hand.
Du liebes, kleines Kränzel,
Umschatte du mein Haupt!
Den Tag werd' ich erleben,
Daß Rosen es belaubt.

Und als das Kind erwachsen,
Das freundliche Gemüth,
Ward es die schönste Jungfrau,
Die auf der Erde blüht.
Die Zeit, der gute Pilger,
Erkor sie sich zur Braut;
Da ward die schönste Hütte
Dort um den Stein gebaut.

Da saß sie nicht erfroren,
Ein ausgestoßnes Kind,
Ein Herd ward aus dem Steine,
Da brannt' ein Feuer lind.
Dort eilten hin mit Freuden
Die Menschen fern und nah;
Eintracht und Liebe waren
Die Haus-Penaten da.

Und Zwillinge gebar sie
Im ersten Ehejahr,
Ein Mädchen, einen Knaben,
Ein schön Geschwisterpaar.
Kraft nannten sie den Knaben,
Das Mädchen Phantasie;
Sie glichen ihren Ahnen
Weit schöner doch wie die.

Da war es erst ein Leben;
Denk: heiliges Gemüth,
Das ist der Schooß der Mutter,
Woraus das Leben blüht;

Es ist nicht in Dänenzungen,
Es ist nicht das alte Lied;
Nicht das Lied, das mir geklungen,
Wo die Abendlinde blüht;
Besser? Ach, das kann wohl seyn;
Aber nicht das Alte, nein!
Fröhlich klingt es, ohne Sehnen,
Rührt mich aber doch zu Thränen.

Singen muß ich, kann nicht schweigen;
Nehmt mir nicht das Lied zu schwer!
Ahnung wiegt sich auf den Zweigen,
Seufzend kömmt das Windchen her.
Manche Nacht im Mondenschein,
Saß ich so in meinem Hain.
Die Erinn'rung schöner Tage
Kam und weckte meine Klage.

Früh verlor ich meine Mutter!
Ach, wie innig schmerzt' es mich.
Dän'mark ist die zweite Mutter!
Mutter! seh' ich wieder dich?
Kurz und schwach das Leben ist!
Grause Zeit und lange Frist!
Werd' ich wieder mit Entzücken
Dich in meine Arme drücken?

*

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