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Ausgewählte Gedichte

Adam Gottlob Oehlenschläger: Ausgewählte Gedichte - Kapitel 12
Quellenangabe
typepoem
authorAdam Gottlob Oehlenschläger
booktitleAnthologie aus den Gedichten von Baggesen und Oehlenschläger
titleAusgewählte Gedichte
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
seriesFamilien-Bibliothek der Deutschen Classiker
volumeVier und neunzigster Band
year1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidb3acd1c0
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An einen Freund.

( Als ich nach Italien ging.)

Du willst, mein Freund! ich soll nicht ferner reisen;
Du meinst, ich werde nicht viel Neues sehn?
Daß, wer die Schönheit fand in engen Kreisen,
Braucht in die Ferne nicht ihr nachzugehn;
Daß Vieles wird dir draußen nicht gefallen,
Wenn da ich suche meine Lebenslust,
Und daß des Himmels schönste Hallen
Sind ewig drinnen in der eignen Brust;
Daß es mein Vaterland wird nicht vergeben,
Wenn es mich sieht nach fremder Tugend streben.

Das kannst du Alles nicht so ernstlich meinen;
So tönt, um mich zu halten, dein Gedicht;
Der ewig blieb daheim, stets bei den Seinen,
Wer kennt das mannichfalt'ge Leben nicht.
Denn wie das Blut sich muß in Adern regen,
Damit der Körper Wärme beibehält,
So muß der Mensch sich thätig auch bewegen,
Und die Gefühle theilen mit der Welt»
So lernt er erst die rechte Lebensweise;
Der Sinn erweitert sich im weiten Kreise.

Was ist die hohe Schönheit wohl da drinnen?
Ein Bild im Spiegel, da« von außen kam.
Wie kann die Blume Farbengluth gewinnen,
Wenn stets ein Dach ihr Licht und Thau entnahm.
Der Bräutigam, der sich bewegt und handelt,
Muß sich der Hütte nahn der stillen Braut;
So wird in Lust das Leben erst verwandelt,
So wird der Himmel einzig angeschaut.
So wird erlangt und wieder gern gegeben,
Und so entsteht Genuß, Geburt und Leben.

Die Musen sitzen auf dem fernen Berge;
Wer sie will sehn, muß sich dem Tempel nahn.
Stets in den Höhlen schmieden nur die Zwerge;
Sie können nicht das hohe Leben fahn.
Der Busen ist die schönste Hall' von allen,
Da sprichst du Wahrheit; aber schließt er sich,
Dann wird er, wie die Ossian'schen Hallen,
Verödet, abgestorben, schauerlich;
Der Mond des starren Sinns kann bleich nur scheinen,
Und Moos bedeckt die Züge auf den Steinen.

Wie ein Homer'scher Saal muß er sich ründen,
Voll Leben und Bewegung und voll That.
Da müssen viele Freier ein sich finden,
Um die Geliebte werben früh und spat.
Der wahre Gatte, treu und stark und bieder,
Muß lange taumeln auf dem Lebensmeer.
Er kommt gewiß einmal zurücke wieder
Und stellt den alten Frieden wieder her.
Sein Bogen fällt der Leidenschaften Söhne,
Sein ist das Haus und er befreit die Schöne.

Von vielen Blumen muß die Biene saugen
Den Honig, womit sie die Zelle füllt.
Was nicht als Bild gestanden vor den Augen,
Nicht als Gefühl mir aus der Seele quillt.
Drum muß ich meine kleinen Flügel schwingen.
O lieber Freund! O halt' mich nicht zurück;
Ich muß das Wesen, die Natur besingen,
Darin besteht mein Leben und mein Glück.
So laß mich denn ein Stündlein dorthin eilen;
Ich werde lange nicht, nicht lange weilen.

Du meinst: Es ist nicht nordisch, so von dannen
Zu ziehen von dem theuren Vaterherd?
Mein Freund! und weißt du nicht, daß die Normannen
Einst überströmten rings die ganze Erd'?
Doch wo sie kamen, brachten sie die Sitten,
Die Götter mit sich und den nord'schen Sinn;
Das thu' ich auch. Und so nicht mehr gestritten:
Ich ziehe freudig nach Italia hin,
Und in den schönen blonden Lombardinnen
Bewundr' ich nichts als meine Landsmänninnen.

*

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