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Ausgewählte Gedichte

Adam Gottlob Oehlenschläger: Ausgewählte Gedichte - Kapitel 11
Quellenangabe
typepoem
authorAdam Gottlob Oehlenschläger
booktitleAnthologie aus den Gedichten von Baggesen und Oehlenschläger
titleAusgewählte Gedichte
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
seriesFamilien-Bibliothek der Deutschen Classiker
volumeVier und neunzigster Band
year1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidb3acd1c0
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Der Schatzgräber.

Es fliegt der Schnee im Sturme
So glänzend und so weiß;
Der Windhahn kräht vom Thurme;
Es heult durch's trockne Reis;
Und hinter warmen Mauern,
Bei lichter Herde Gluth,
Versammeln sich die Bauern
Und sind so wohlgemuth.

Und alter Hans beim Feuer
Erzählet Mährchen fein,
Vom Zwerg und Ungeheuer.
Was kann wohl besser seyn?
»Doch Alter, sagt, ich bitte,
Gibt's Schätze dann und wann
Tief in der Erde Mitte,
Die man entdecken kann?«

»Ja, Sohn, am dunkeln Orte
Gelingt wohl oft der Streich.
Doch, sprichst du ein'ge Worte,
Dann sinkt der Kessel gleich.«
»Und gibt es auch Gespenster?» –
»Viel Zeugen sind dafür! – –
Da klopft es auf das Fenster,
Es öffnet sich die Thür.

Da steht ein Junggeselle,
Mit Spaten in der Hand.
Die Augen sind ihm helle,
Die Wangen wie die Wand.
Wild schlingen sich die Locken;
Das hat der Sturm gethan.
Die Leute stehn erschrocken.
Ist's Wahrheit oder Wahn?

Er stützt sich auf den Spaten:
Kein leises Wort er spricht.
»Jetzt hat er sich verrathen!
Schatzgräber bist du! Nicht?«
Da lacht er, tief sich neigend,
Mit seltsam-wilder Lust,
Und legt die Hände schweigend
Auf seine wunde Brust.

Und zeigt mit stillem Trauern
Den Spaten, roth von Blut.
Und winkt den bangen Bauern,
Da kriegt ein jeder Muth,
Und alle folgen wacker
Dem Gräber, der bewegt,
Hinauf den Gottesacker,
Wie's Zwölf vom Thurme schlägt.

Stark fällt der weiße Nebel;
Schwach brennt der Leuchte Licht.
Er steht mit einem Hebel
Und aus der Erde bricht.
Da sehn sie ganz entdecket,
Was sonst die Hügel barg,
Mit frischem Blut beflecket
Den schmalen, gelben Sarg.

»Ich bin der Freudegeber –
Schrie er – an diesem Platz!
Seht Ihr? Ich war der Gräber,
Und hier, hier ist der Schatz!
So hab' ich Euch gegeben,
Was längst ich selbst verlor!
Hier liegt mein halbes Leben
Im langen Trauerflor!«

O Gott! des armen Thoren!
Es ist der Wilhelm! Schaut!
Der den Verstand verloren,
Ach, weil ihm starb die Braut.
Jetzt ist er ausgebrochen,
Ter arme Mensch, o weh'!
Da hat er sich erstochen
Und blutet in dem Schnee.

O Himmel, zeig' Erbarmen!
Wie fröhlich und entzückt
Mit seinen nackten Armen
Den gelben Sarg er drückt.
Daß er gerettet werde,
Kommt! lindert seine Noth
Und nehmt ihn von der Erde! –
Er war schon steif und todt.

*

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