Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Christian Friedrich Scherenberg >

Ausgewählte Dichtungen

Christian Friedrich Scherenberg: Ausgewählte Dichtungen - Kapitel 37
Quellenangabe
typepoem
authorChristian Friedrich Scherenberg<
titleAusgewählte Dichtungen
publisherBibliographisches Institut
editorHeinrich Spiero
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130821
projectidec2f2503
Schließen

Navigation:

Aus »Abukir, die Schlacht am Nil.«

Nelsons Anmarsch.

Die glühnde Luft wob zitternd ihren Flor
Um Bord und See, und See und Flotte schliefen –
Da warf das Schiff Heureux, der Flottenwächter
Gen Morgen, durch den wolkenlosen Himmel
In ihren Schlaf gleich unverhofftem Traum
Herüber das Signal: »Die Briten kommen!« –

»Der Nelson?« flog es über alle Lippen
Vom Admiral hinunter bis zum Schiffsjung' –
Denn Nelson galt auf See für Briten, wie
Zu Lande Bonaparte für Franzosen. –

Und wie, fegt der Orkan nach Windesstill'
Ins Takelzeug, sich rühret jeder Mann
Mit der Seehurtigkeit, ihm angeschult
Von den erbarmungslosen Elementen,
Fuhr auf aus seiner träumerischen Ruh'
Der Orient Das französische Admiralschiff. und nach die ganze Flotte.

Erwacht kaum, wuchs die Rührigkeit auch von
Sekunde zu Sekunde, immer neu
Gestaltend sich; lebendig ward's vom Kielraum
Durch alle Deck' bis in die höchsten Taue.

»Adieu! Aus Wiedersehn!« brach händeschüttelnd
Die Tafelrunde auf der fahrnden Ritter,
Bei guter Zeit noch an ihr Bord zu kommen.
Der Bootsmann pfiff zum Fallreep Schiffstreppe. ihre Gigs, Ruderboote.
Pfiff nach noch jedem Gast sein Ehrgeleit.
Abstieß die Schaukelequipage, flog
Im Takt dahin durch ihre feuchten Gassen.

»Platz!« rudert los, sein Deck sich klarzumachen.
Der Seehund, mit dem Ellenbogen auf
Die Landratt', schob gespreizten Wogengangs,
Den Hut im Nacken, Hand am Hosenbund,
Den Stierhals vorgestoßen aus der Wand
Des schulterbreiten Rückens, fort das Häuflein,
Ihm tretend um so mehr in seinen Weg,
Je mehr heraus es wollte, bis gelöscht.
Was nicht an Bord gehört, in die Flottille
Der Ruderbarken, die hinabgesenkt
Von tausend Armen auf den Meeresspiegel.

Und ein Gewühl von Schifflein, übervoll
Bemannt, beginnt, sich kreuzend seine Bahnen,
Jetzt eine Wettfahrt hin nach Afrika.

In Zug zu bringen erst sein Fahrzeug, macht
Ein jeder Mann mit dessen Gangbewegung.
Die Riemenstange biegt sich unterm Druck
Der nerv'gen Arme; schäumend legt
Die widerwill'ge Flut sich vor den Bug,
Der kielscharf vor sich drückt, ein jeder Stoß
Ein tiefer Schnitt, bis über ihre Welle
Die Barke fliegt wie eine Wasserschwalbe,
Bis Spur in Spur verschwommen, und sie all'
In abertausend Kreise, bis sie glatt,
Ein Spiegel wieder war, die flüss'ge Rennbahn.

Hoch über dem Geplätsch vom kleinen Kiel
Stieg mit dem großen Stab der Admiral
Aufs Spiegeldeck der prächtigen Galerie,
Und hinter ihm am Maste stiegen mit
Ihm rauschend auf die Flaggen der Signale,
Und es begann darauf der Orient
Mit seinen Turmesriesen durch die Lüfte
Zu sprechen seine Bildersprache. – Und
Wie Zauberwerk sich selbst aufbaut unhörbar,
So reihten sich, still folgend hohem Wink,
Zur Schlacht die großen Orlogs, Schlachtschiffe. stellten sich
Um ihren Orient im Halbmond, wölbend
Hinaus den Bogen nach der offnen See.

Die Sichelspitze, ragend gegen Morgen,
Woher der Feind kommt, legte sich, zu decken
Der Flotte Stern, hart an die Felsenkette,
Die halb sich über und halb unterm Wasser
Fortzog bis an den Küstenrand. – Gekrönt
Sind all' die kahlen Felsenhäupter mit
Metallner Krone von dem Schwerkaliber.
Vorschwamm ein Bollwerk von Kanonenschluppen.
Der Strand- und schwimmenden Batterien Feuer
Verkreuzte sich, so daß der Segler, der
Hier durchwill ungeheißen, erst sich über
Dem Spiegel streichen lassen muß die Backen,
Derweil ihm drunter hält polypenfest
Den Fuß noch jene Schar verborgner Wächter.

Die Spitze gegen Abend stach hinaus
Ins freie Meer.

Verstreut auf Bogens Sehne,
Schwamm noch zum schnellen Dienst und allen den
Verwegenen Evolutionen, die
Der Zufall, erster Gott der Seeschlachtsgötter,
Verlangen möcht' für launenhafte Gunst,
Das schmucke, schlanken Kiels gebauete
Geschwader der Fregatten und Korvetten,
Die Reiterei der See. Auf allen Radien
Hinstrichen möwenflink die Segel der
Aviso, jene Meeresadjutanten.
Abseits trieben, öde und entmastet,
Wie das verrufne Totenschiff, die Brander.

Noch einmal überschaut von seiner Höhe
Der Admiral den Halbmond seiner Flotte,
Des Hörnerspitzen fern in Dunst zerflossen,
Dann hob er wieder den gesenkten Stab
Und winkte: »Fertig zur Aktion!«

Und rauschend,
Wie wenn das Drama auf den engen Brettern
Beginnen soll, der Vorhang aufrollt, rollt
Herab die Segelwand, und schwirrend, wie
Am Webstuhl, fliegt von Hand in Hand die Arbeit
Auf knappem, straff umsponnenem Verdeck:
Gerefft wird, was losbändig, ausgehändet
Das Pulver, das Geschütz geladen, los
Gemacht die Taljen, Flaschenzüge, Schiffswinden. durchgeholt das Stück,
Geöffnet sind die Luken, die Lunte brennt,
Der Stückmatrose tritt an sein Kanon,
Der Arzt legt aus sein Wundzeug – still ist alles.

Und näher kam der Hannibal der See,
Ihm immer mehr in Sicht das Schlachtfahrwasser.
Was ihm die See verhehlt, verriet die Karte
Und schon sein Kiel. »Der saugt, hat Durst nach Wasser,
Werft 's Lot!« sprach er. – Und über Steuerbord
Und Backbord traten weg zwei Quartermeister, Geübte Vollmatrosen.
Hinaus sich hängend übers Meer, festhielt
Sie nur ihr Leibgurt an die Wanten, schwangen,
Der eine nach dem andern, erst das Senkblei
Hochkreisend durch die Luft und warfen es,
Der eine nach dem andern, aus dem Schwungkreis
Hinunter in die Tiefe, scharf das Auge
Aufs farb'ge Merk der Lotlein' – und absang
Der eine wie der andre seine Meldung:
»Beim Marke zehn!« –

»Luf! luf!« sprach Nelson, und
Voll wieder trank der Kiel, hob durstgestillt
Die ungeheure Last, trug leicht sie weiter.

So Bahn gewonnen wieder drunten, faßt
Er droben mit dem Aug' das Ziel, den Feind,
Der fest noch lag, wie unverrückbar, vor
Dem Bleichgesicht Abukir, eng umfangen
Vom blassen Felsengürtel, als hielt wieder
In weißen Armen ein ägyptisch Weib
Den Helden fest, Wie Kleopatra den Antonius. so unersättlich in
Der Lust als unergründlich in der Tücke.

Der Brand des Admiralsschiffs.

So waren stumm denn oder blind die drei
Großführer der französischen Armada,
Als grau und kühl, wie Zeit und Tod, der ältste
Der Quartermeister auf dem Orient
Sein Stundenglas ergriff, den Sand umstürzte
Zur Geisterstunde.

Wimmernd sang der Nachtwind
Sein Klagelied durch Tau- und Takelwerk,
Und drunter klopfte müd die hohle See
Mit ihren Trümmern mahnend an die Planken.

»Führt 's Ankertau, daß freier Spiel wir haben!«
Sprach Gautheaume, höchster Führer jetzt der Flotte.
Die Kette rasselte aus allen Klüsen,
Und unter ihrem Schlage legt sich silbern
In großen Falten aus das Wogentuch.
Der Riese streckte sich – und aufschrillt's schneidend
Wie Todesschrei, und »Teuer!« bläst das Horn,
Und »Wasser!« brüllt das Rohr – »Der Orient brennt!«
Gewinnt der Schreck die Sprache – »Das Geschütz
In Ruh'! Und an die Pumpen alle Mann!
Löschtücher in die See und all' die Eimer!
Laßt saugen! schöpfet ein! gießt aus! erstickt!«
Schreit's durcheinander wirr, und läuft und sucht,
Und pumpt sich aus dem Leib den blut'gen Schweiß–
Doch Wasser keinen Tropfen aus der See!
Die Pumpen ziehen nicht, sind all' durchlöchert,
Verstürzt die Eimer unter Trümmerwurf,
Und mit verscharrt die Tücher, unauffindbar
Begraben alle Hülfe in der Not!

Und unerstickt herwindet sich die Schlange,
Leckt immer gieriger sich Zung' aus Zung',
Je mehr sie kostet; wächst und wechselt Färb',
Gestalt, je nach ihr Fraß ist; züngelt, ringelt
Empor sich an den hohen Galerien;
Umfließt ihr Schnitzwerk wie ein flüssig Gold,
Bricht vor in flammenden Arabesken, lodert
Zusammen wieder sich zur Riesenboa;
Schießt aufs Kastell und schlingt herum sich glatt
Um die Zwölfpfünder, die sich selbst entladen,
Wie wilder Angstbrüll schlangumpreßter Löwen;
Läuft, spaltend wieder sich, hin hoppelt über
Das Quarterdeck Das Oberdeck hinter dem Großmast. ins Takelwerk – heiß tropft
Der Teer, geschwitzt aus allen Poren –, klettert
An allen Masten hoch, am straff Gespinst
Der Wantentreppen, faßt das Tauwerk mit,
Ihr luftig, weit verflochtenes Gelände –
Und alles brennt! Stuf' über Stufe, von
Den Jungfern auf durch alle Webeleinen,
Die ganze Treppe eine Himmelsleiter!
Und drüber rollen, eine Wetterwolke,
Sich donnernd aus all' die entfesselten
Großsegeltücher, zwischen flattert flirr.
Wie schlafverstörtes, lichtgescheucht Gefieder,
Der lange Wimpel und das Flaggenzeug.
Die Wanten Taue, die die Masten halten. springen, schnurr'n zusammen, Prasselnd
Aus einer Schlange fahren vor Vieltausend,
Verknattern, schwärmerlustig, schnell, wie sie
Geboren, sich aus lichter Flammenloh'
In glühe Kohlen – tote Asche – wehn –
Verwehen in die schwarzen Winde – Und,
Als schlüge der ergrimmte Himmel drein
Ins Feuerwerk der Hölle, niederkrachen
Die großen Rah'n mit allen Stängen. – Nackt
Stehn da die Riesen: Fock-, Besan- und Großmast,
Drei Feuersäulen, in drei Flammengarben
Ausströmend, um die Kuppel ihres Doms,
Gewölbt aus Qualm, die heiße Girandole. Feuersonne, Feuerwerk. – –

Im Widerstrahl, jenseits am Strande, steht,
Gehüllt in seine weißen Tücher, hoch
Das Volk der Wüste, schauet, wie der Chor
Der bleichen, mitleidslosen Rachegeister,
Wollüstigen Grauens in das prächt'ge Unglück
Der ihm in Gott und Menschen tief
Verhaßten Franken, murmelnd sein eintönig:
»Allah ist groß, und Muhammed ist sein
Prophet, nicht der Kebir!« Arabisch: »Der Große«, nämlich Napoleon.

Und auf dem Deck
Wogt hin und her das Volk, wirft sich von Bord
Zu Bord verzweifelnd, wie ein Heer Verdammter,
Schreit auf zu Gott und seinen Heiligen,
Küßt brünstig ihre Bilder oder murmelt
Geheime Sprüche übers Amulett,
Verborgen oder tätowiert am Leib;
Macht auf das stille Schuldbuch, sein Gewissen,
Und rechnet ab mit seinem Soll und Haben,
Und jeder sucht den Engel in der Not
In dem, was er zur Not sich rein erhalten.

Und drunten in den tiefen Räumen spielten,
Taub gegen all' die wilden Schrecken droben,
Noch ruhig fort die Achtundvierzigpfünder.
»Geschütz in Ruh'!« schrie heiser sich Gautheaume,
»Die Pulverkammer unter Wasser!« stieg
Hinab er endlich selbst. Umsonst! Er hört
Nur sich, und weiter hört ihn keine Seele.
»So helf' euch Gott, wie ich mir helfe!« stieg
Zu Deck auf wieder der unmögliche
Notadmiral, warf übers Flammenbord
Ins letzte Boot sich, das noch angekettet,
Ein letztes Mittel, an den Planken trieb,
Und suchte, rettend sich vom Rettungslosen,
Die Bergung in der Wüste.

– – – – – – – – – – – –

Die Flamme kam –

Und durch
Die Nacht hin schlug ein Schlag, schlug übers Meer
Ans Land der Gräber, ach, ein Schlag! – gehört
Nur noch von dem, der weit davon; denn wer
Ihm nah, der hörte ihn nicht mehr, ist erschlagen,
Gleichviel, ob Freund, ob Feind.

Denn ausgeflogen war der Meeresdom,
Der Orient mit seinen tausend Leben –
Und seinen Millionen, auf, so hoch,
Als wollt' er in den Himmel. – Nacht ward Tag,
Erkennbar jeder Mann und jede Flagge –
Erschrocken stand die Schlacht, bleich das Gestade,
Doch nur 'nen Augenblick – und wieder war's
Die alte Nacht, gestürzt der Himmelsfahrer
Zurücke in die Tiefen seiner Wasser.
Die klafften schäumend bis in ihren Grund
Und nahmen auf den Heimgestürzten, schlugen
Zusammen drüber bergehoch, und aus
Dem Grabe wieder stieg empor ein Sarg,
Zerschlagen wild in ungezählte Trümmer,
Und um ihn schwammen seine tausend Toten,
Nun kühl und still – nur je zuweilen schluchzt'
Es wimmernd auf aus tiefbewegter Salzflut.

 << Kapitel 36 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.