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Gutenberg > Christian Friedrich Scherenberg >

Ausgewählte Dichtungen

Christian Friedrich Scherenberg: Ausgewählte Dichtungen - Kapitel 36
Quellenangabe
typepoem
authorChristian Friedrich Scherenberg<
titleAusgewählte Dichtungen
publisherBibliographisches Institut
editorHeinrich Spiero
correctorreuters@abc.de
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Ligny

Es war am zwölften Tag des Junimondes,
Als der verbannte kaiserliche Leu
Aufbrach aus seinem Lager zu Paris,
Zu jagen auf dem alten Raubfeld Fleurus.

Aufstieg mit ihm sein Schlachtenadler, dehnend
Die fesselfreien, blutbeschwerten Schwingen,
Und seiner Flügel Spitzen streckten sich
Weitschattend über Flanderns heitre Lande;
Und unter ihrem Schlag in Waffen stand
Die Au; die Fahnen senkt der Feind;
Über die Wasser der Ardennen rauscht
Hoch hin der Aar – und donnernd auf die Höhe
Von Fleurus tritt Napoleon.

Vor ihm,
Noch in des Friedens Feierkleide, lag,
Umwogt vom heiligen Meer der Saaten, Ligny,
Und rings, gleich einem offnen Blütenkranz,
Durchwirkt mit buntem, sonnig-warmem Schmelz,
Manch Nachbardorf, im Abend St-Amand.
Vorüber an dem Kranze streift, ein leicht
Verschürzend Silberband, der Bach von Ligny.

Still lag die Flur in abendlicher Feier
In warmer, duftiger Wellenlinie da; –
Doch über all den Frieden kalt hinweg,
Weg über alle seine Völker, die,
Ein Lavastrom, Erz draußen, drinnen Feuer,
Zu seinen Füßen ausgegossen lagern,
Schweift ruhelos des Kaisers Aug' – da weilt's
Auf Quatrebras: »Dort kreuzt das Heerband sich
Der gegen mich Verbündeten; darauf
Legt' ich mein Schwert, den Bravsten meiner Braven.
Zerhauen morgen sei das Band, zurück
Muß mir der Preuße übern Strom der Maas!
Verteilt sind meine Rollen nach dem Mann:
Erst Blücher und dann Wellington! Der Brite
Hat kaltes Blut, und jener kann nicht warten.«

Und niederstieg der Kaiser zu dem Heer,
Zusammen gegen achtzigtausend, meist
Im Kriegshandwerk ergrauete Gesellen,
Verwittert unter jedem Himmelsstrich,
Verwachsen schier mit ihrem Eisen und
Verhämmert und geglüht in hundert Schlachten,
Doch morsch geworden in der Seele Mark –
Ob ihren Häuptern müde hing der Adler,
Nur träumend noch von den vergangnen Tagen.

In weitem Bogen gegenüberlag
Der Preuße, stark an Zahl und jung an Jahren,
Noch jünger an Erfahrung, aber frisch
Die Seele und entflammt in heil'gem Feuer
»Mit Gott für König und für Vaterland«.

Und zwischen beiden Heeren hingestreckt
Gähnten ein halbes Tausend Feuerschlünde.

Es sinkt der Tag. Die lauten Lager schweigen,
Dumpf wirbelt's zum Gebet, der Ruheschuß
Verhallt, und Frieden hat das wilde Herz.

Aufsteigen rings die Feuer, stumm einander
Anglühend mit dem tückisch-blut'gen Auge;
Schwarz drüber hängt sich das Gespinst der Nacht.
Gemessen wie die Zeit, in Schritt und Tritt,
Ziehn auf und ab die Posten und die Runden,
Das »Wer da?« und » Qui vive?« eintönig fort.

Im Hauptquartier, versenkt in seine Plane,
Saß Gneisenau, der Schlachtendenker: »Bis
Hierher, und weiter nicht! Entgegenbaue
Sich unser Damm, bis hinter ihm der Brite
Sich sammeln kann, und Bülow naht. Gewagt
Ist unser Spiel, und günstiger stellten wir
Die Völker, schlügen wir die Schlacht allein –
Jedoch der Brite kommt, er hat's versprochen.« –
Er dacht's. –

Die Nebel graun, es weicht die Nacht,
Ausblitzt der Morgenstrahl. Ins Lager tritt
Blücher, der Feldmarschall, der Schlachtverwalter,
Alt ist sein Haupt, das Herz frisch wie der Tag.

Und Blücher stellt sein Heer zu dreien Haufen,
Noch jede Stellung in der Hand behaltend.
»Also«, spricht er, »erwarten wir den Feind,
Front da, woher er kommt!« und dacht' bei sich:
»Ein träges Ding ist die Verteidigung,
Ich hab' es mit dem Angriff stets gehalten.«

Elf war's – da regt allmählich sich der Feind;
Anplänkelnd nahten sich der Heere Spitzen,
Vorhut und Posten erst, Stoßfechtern gleich,
Die erst mit ihres Degens Spitze spielen,
Eh' sie ins Leben führen ihren Stoß.

Und Mittag wird's, und eine Stunde drüber.
Auf seiner Höh' von Bussy stand Fürst Blücher,
Auf Fleurus' Höhe stand Napoleon;
Sie hatten Aug' im Auge sich und maßen
Der eine still des andern Kraft. – Heran
Zu Preußens Marschall sprengt der Briten Herzog:
Kund den Soldaten gab nur Hut und Degen,
Doch an dem kleinen dreigespitzten Hut
Vier stolze Farben heißen ihn Feldmarschall
Hispaniens, Portugals, der Niederlande
Und Großbritanniens.

Vor ihm lässig stand,
Die Feldmütz' auf dem Kopf, im schlichten Rock,
Zur Seite einen alten Säbel, Blücher,
Und beide Feldherrn hielten kurzen Rat:
»Der Preuße schlägt, der Brite kommt zu Hülfe.«

Derweil sie sprachen, drang das Kaiserheer
Hinaus schon über Fleurus. Stoisch schaute
Der Brite zu. »Um vier Uhr bin ich da!«
Sprach er, den Fuß im Bügel, und verschwand.

Und immer näher gegen St-Amand
Schob sich heran die dunkle Heeressäule –
Urplötzlich aber, als entfalte sich
Ein Riesenfächer über das Gefilde,
Fällt auseinander sie zu dreien Strahlen.

Und kalten Bluts, gewohnt des Spiels um Kronen,
Vorm großen Schachbrett stehn die hohen Spieler
Von Bussy sich und Fleurus gegenüber,
Und Zug um Zug ziehn sie die heißen Steine.

Der Kaiser hat gezogen – Blücher zieht,
Und zwischen St-Amand und Ligny vor
Wirft er den Wall der schweren Feuerschlünde,
Indes geschmeidig, glitzernd, wie die Schlange
Ans flüchtige Tier, an seiner Reiter Flanke
Sich rasselnd hängt das fliegende Geschütz.

Ausstrecken sich die stahlbeschwingten Flügel:
Gepanzert ist der Weg, den sie bestrichen.
Vorwälzt auf Ligny sich der Preußen Mitte;
Lebendig wird das ausgestorbne Schloß,
Und hundert Leben schauen von den Zinnen,
Vielhundert aus den öden Fensterbögen,
Vieltausend ziehen klirrend durch die Gassen;
Zum Kampf bereit, gewaffnet steht der Friedhof;
Verhaun ist jeder Ausweg und verrammelt;
Aus allen Gräben, hinter jeder Hecke
Lauert der scharfen Schützen sichres Rohr.

Des Kaisers Aug', geübt auf seinem Feld
Vom Tajo bis zur alten Zarenstadt,
Vom Strand der Düna bis zum Nil, folgt ruhig,
Festhaltend Freund und Feind, jedwedem Zug.
Nichts regt sich in dem steinernen Gesicht,
Nur je zuweilen zuckt's, wie überm Spiegel
Der stillen See, wenn unter ihrem Grund
Die tiefen Feuer der Vulkane stürmen.

Da, jählings schießt darüber hin ein Funken
Unheimlich grimmer Lust: »Ertappt! Die Flanke
Schwebt in der Luft – drauf führe Ney den Stoß –
Und ich auf St-Amand – ins Eisen muß
Der alte Fuchs, und kein Geschütz entkommt!«

Zum Marschall flog sein Wort – und wieder Stein
Ist das Gesicht und Auge jeder Nerv.

Und fertig ist's bei Freund und Feind – und alles
Schweigt regungslos und harrt, wach jeder Sinn.
Rings lauscht das Schlachtfeld seiner Höhen Wink.

Es regt sich um den Kaiser. Boten kommen,
Und Boten gehen, Sturm beschwörend, Sturm
Entfesselnd, nach der Hauptstadt und ins Feld,
Nach Süd und Nord und Ost und West, wie Strahlen
Eines Gestirnes – einer kalten Sonne. –
»Bring' meinen Lieben meine Küsse!«
Und schmeichelnd winkt die Hand, und sehnend blickt
Das Vateraug' dem Liebesboten nach –
Und donnernd schleudert seine Faust jenseits
Auf St-Amand des Heeres dunkle Säule.
Weitschattend saust sie über das Gefilde.
Aufkracht's – gezündet haben Preußens Donner,
Und brüllend wecken sie die Schlacht. Voraus
Den Franken schlängeln sich der Plänkler Schwärme;
Kartätschen hagelt Blücher drauf, und Menschen
Der Kaiser drüber. Massen gegen Massen!
Der Frankenführer stürzt, das Würgen stockt –
»Vorwärts!« ruft Blücher, »Kinder, jetzt ist's Zeit!
Getan sei's, eh' der Brite kommt!« – Und wie
Der Blitz am Eisen, fährt das Wort von Mann
Zu Mann, einschlagend in das Herz. »Hurra!«
Fort übers Blut der Kameraden braust
Der Sturm.

»In ihre Flanke jetzt!« ruft Blücher.
Vorbricht ein Hauf' ins Feld der hohen Saat.
Doch kaum berührt der Fuß den schwanken Boden,
Trifft sie ein heimlich, ungeahnet Feuer; –
Erschüttert schwanken sie; jung war das Herz,
Und noch das Leben süß. Da stehen auf
Die unsichtbaren Schrecken jach, als wär'
Ein jeder Halm ein zielend Rohr. Und Scheu
Wird Flucht – fortstiebt's – die Führer fallen, und
Es hält sie nicht! – Nachstürmt der Feind –

Da rückt
Heran ein pommersch Regiment, und wie
Der Höhenwald, der im Granite wurzelt,
Sich vor die rollende Lawine stemmt,
So stemmt es sich dem Frankensturm entgegen,
So birgt es seinen scheuen Waffenbruder,
Feststehend zwischen beiden, eine Wand.
Doch hin der Sieg! Und St-Amand des Kaisers! –
»'s ist nicht zu halten!« grimmt der alte Fürst,
»Zweitausend Leben warf ich schon hinein!«
Und selbst der Marschall Vorwärts ruft: »Zurück!«
Abwendet er den finstern Blick auf Ligny.

Dreimal schon brandete der Feind hier an,
Doch dreimal brach sein ehernes Geflut
Sich an dem Feuerdamm der Batterien.
»Geschütz vor auf Geschütz!« – Und brüllend packen
Die eh'rnen Löwen sich mit heißer Tatze,
Und kahl und brandig wird's, wohin sie greifen;
Und Reih' rückt gegen Reih', und endlos rollend
Aus bleicher Wolke streicht der trockne Regen,
Und feucht wird's, wo er fällt – doch ohne Wanken
In heißer Traufe dauern aus die Preußen.

Da plötzlich rauscht's, da bricht's durch Heck' und Zweig,
Da klettert's über Mau'r und Plank' – und knatternd
Am Leib der Preußen sitzt der flinke Feind.

Und seitwärts auf den Friedhof wirft der Kaiser
Der Massen Wucht, die Gräber werden sein.
»Der Feind!« ruft's in der Preußen Rücken, und
Wie Hagelschau'r auf Donnerschlag, folgt Schuß
Auf Schuß dem Wort. Vorrasseln Feuerschlünde
So schnell, so nah vorm Leib das Rohr, als hätte
Die Erde sie heraufgespien. Es schaut
Der Mann dem nahen Tod ins hohle Auge,
Und an die Rippen pocht das Herz. Abwenden
Sie sich – und auf der Ferse folgt der Feind.

Doch neu ermannt schon wendet sich der Preuße,
Und donnernd in die Blüte tritt die Schlacht.
Vom Flügel bis zum Flügel triefend keucht
Der atemlose Tod; um Ligny brüllen
Zweihundert Feuerschlünde; überm Friedhof,
Beim Schloß, am Bach, durch alle Straßen schreit
Der enge Kampf, ein unentwirrbar Knäuel!
Erobert wird ein Haus, und eins verloren;
Die Dächer brennen, und die Mauern bersten;
Die Erde stöhnt, die heißen Lüfte zittern –
Noch ruh'los schwankt die Woge hin und her.

»Die frischen Völker vor! Zurück die Müden!«
Jagt über Leichen heiser das Kommando;
Und niedersenkt es sich, entgegensteigt's
Wie ausgebrannte Schlacken aus dem Krater.

Auf seinem Platze stand der alte Blücher
Und sah die Schatten steigen zu den Höh'n.
»Schon sechs – kein Brite kommt – kein frischer Mann
Ist übrig mir, doch Ligny muß ich halten!
Verlier' ich es, geht auch die Schlacht zum Teufel.«
Und spähend harrt er der Verbündeten,
Doch keine Hülfe sah er als sich selbst.
Ihm gegenüber harrt auf Ney der Kaiser.
Da meldet der, er schlage mit den Briten
Und könne nichts entsenden seinem Kaiser.

Der Bote sprach's – und unterm Wort umschuf
Der Schlachtenmeister seine Schlacht: »Geschwind
Auf Ligny, alle meine frischen Völker!
Zu einem Stoß!« – Schon hat er Lignys Höh'.
Da sprengt heran ein zweiter Bote: »Sire,
Es naht ein feindlich Heer.« – Der Kaiser sieht's
Und – »Halt!« – Er sendet Späher – harrt und harrt –
Die Späher kommen – »Und wer ist's?« – »Dein Volk.« –
»Mein Volk?« – »Die Schar von Erlon, Sire.«
Und – »Weiter!« donnert er voll tiefen Hohnes,
Und weiterrückt sein Heer.

Und Blücher sieht
Die Schar Erlons, und seine Flügel melden:
»Es weicht der Feind!« – »Das sind die Briten, Kinder!
Vorwärts auf St-Amand!« ruft er und stürzt
Sich siegesfreudig in den Sturm voraus,
Wie in sein zugeboren Element,
Und Volk zu Fuß, zu Pferde, Feuerschlünde,
Die letzten Waffen nach – nichts bleibt für Ligny.

Geschlagen war vier lange Stunden hier
Die Schlacht, und matt an Leib und Seele focht
Der Mann, gleichgültig gegen Tod und Leben.

In Trümmer sinkt das alte Schloß, und Stein
Und Mensch rollt miteinander in den Graus,
Und Asche deckt Lebendiges und Totes.

Aufflammt das Grab und gierig greift's heraus
Mit blut'gen Feuerarmen in die Gassen;
Es wächst und wälzt sich fort der nächt'ge Schwall,
So heiß, erstickend, sinnberaubend-schwer,
Als höb' aus seinem Grund sich das Gemäuer.

Und acht schlägt's friedemahnend von dem Turm –
»Wir halten's, General, nicht länger aus
In diesem mordverbrannten Kessel Ligny!
Es ist, als wüchs' der Feind aus seinen Toten;
An Pulver fehlt's!« – Und Gneisenau gibt Antwort:
»Nur eine halbe Stunde noch; habt ihr
Kein Pulver mehr, so nehmt das Bajonett.«

Und still und stiller wird's. Abtat die Schlacht
Längst ihre Hoheit, ihre Donnerrechte,
Und losgebunden ward die Bestie,
Das wüste Heer der rasenden Vernichtung;
Nur noch mit Kolben schlägt man still sich tot.

Wohl mancher Krieger sank und Offizier
Durch keine Wunde, unter keinem Hieb:
Er starb den zähen Tod der Todesmüden,
Das Auge starrt auf jenen Tropfen Wassers,
Der unten da so kühl, so nah und doch
So unerreichbar fließt! – Die hohlen Gassen,
Sie stieren grimmig drein, als wollten auf
Einander los die alten Mauern rücken,
Und unten tief erschaudernd schleppt der Bach
Hinweg die dunklen, unheilvollen Wellen. – –

Und der Moment war da, wo, satt des Spieles,
Der Schlachtengott die letzten Würfel wirft:
Wer jetzt die meisten Augen hat, ist Sieger.

Und dunkelschattend, wie wenn Fleurus' Wald,
Ein Birnamwald vor Dunsinan, sich lagert
Mit allen seinen hundertarm'gen Riesen,
Rückt jetzt der Kaiser an und seine Garden:
Die alten Grenadiere von Marengo,
Von Wagram und Smolensk und Austerlitz,
Und die Chasseurs und die Gepanzerten –
Viel' Tausende zu Pferd, viel' Tausende
Zu Fuß. Vor ihnen zogen ihre Schatten,
So groß! im Strahl der untergehnden Sonne –
Und drüber eine schwere Donnerwolke,
So hoch! als ob es ihre Fahne wär'. –

Und Nacht ward's über Lignys Ebene.
In dunklen Massen ringsum stand die Schlacht,
In dunklen Massen zieht's auf Preußens Mitte –
Und: »Halt!« Feststeht der Linie schwanke Flucht –
Von ihres Haltes Wucht dröhnt weit die Flur –
Und: » En avant!« – Und Gard' und Wetter stürmen
Und schlagen krachend drauf und drüber ein,
Als dienten Mensch und Element dem Wort.

Kalt, wie der hohe Firn dem wilden Föhn,
Steht ihrem Doppelsturm die Preußenstirn;
Aufriß zu neuem Leben sie die Not
Und die Gewalt des Augenblicks –

Doch mitten
Im Sturm umgeht schnell eine Schar das Dorf,
Und wie der Jaguar im Meer der Gräser
Beschleicht das sichre Tier der Antilope,
So schwimmen ungesehen, ungehört
Sie durch der Hochsaat trockne Wellen hin,
Und da, wo sie gelichtet stehn, die Preußen,
Wo weite Lücken riß der biss'ge Tod,
Da überschreiten sie auf Brücken, die
Der Sturm zusammenschlug aus Mensch und Kriegs-
Gerät, die Schlucht, durchbrechen den Verhau –
Und niederstürzt, was da. – Weit klafft der Riß!
Verstopfen will's der Preuße mit Kartätschen,
Doch niedermähend klirren jach herein
Die Hochsaatschnitter, die Gepanzerten,
Und donnernd ihnen nach die Feuerschlünde –
Vorbei! Durchbrochen ist der Preußen Mitte –
Erobert ist Ligny, und niemand da,
Des Heeres schlimmstem Unglück zu begegnen!
Drei Reiterregimenter nur zur Hand!

Und Blücher hört's und kommt, als hetzten ihn
Durch Lignys Au die Schrecken einer Welt.
Entgegenwirft geschwind er Lützows Schar.
Zielfehlend prallet sie am Fußvolk an,
Und eine mörderische Salve grüßt –
Ihr Führer stürzt, und aufgelöst heimsprengt
Die Schar. »Die andern vor! Die letzten nach!«
Umsonst! Der fränkische Reiter wirft sie alle. –
Und immer neue Reiterei der Preußen,
Und immer neuer Sturm auf Sturm – vergebens!

Da faßt der alte Marschall seinen Säbel,
Und untern Hufschlag tritt er seine Jahre,
Und: »Halt!« – Es bannt sein Wort die Flucht – sie steht,
Und wieder auf die Kürassiere wirft
Er Roß und Mann.

Geschlossen, eine Wand
Von Stahl, erwarten die Gepanzerten
Mit kaltem Blut den Anlauf erst – und Feuer
Aus allen Karabinern, als er naht! –
Und wie des feuchten Elementes Schwall
Zischend zurück sich wirft vorm glühnden Erz,
Verdampfend seine Säule in die Winde,
So stieben auseinander die Geschwader,
Und rasselnd über sie der schwere Feind.

Und übers Feld der Ähren schnaubt die Flucht. –
Der Marschall ruft. Umsonst! Das Ohr ist taub,
Das Auge blind, und knirschend reißt ihn mit
Die wilde Flucht.

Da trifft ein Schuß sein Pferd,
Das lichtbleich an dem dunklen Flügel flirrte,
Wie ein verstürmter Stern am Wolkensaum.
Der alte Reiter fühlt's – »Ich bin verloren,
Nostitz!« spricht er zu dem, der wie sein Schatten
Ihm treu zur Seite noch auf wundem Tier.
Hinjagt das Roß, so weiß, so pfeilgeschwind,
So todeswild in schauerlichen Sprüngen,
Als wollt's noch bergen seinen edlen Reiter,
Da – stürzt es hin – urplötzlich – still und tot –
Und unter seinen Leib der greise Held!

Die Erde seufzt, als sänk' mit ihm ein Heer,
Der Adler Preußens, nieder in den Staub,
Und flüsternd über ihn wölbt sich die Saat,
Als möchte sie des Helden Fall verhehlen.

Vorüberstoben seine Regimenter
Bis auf den letzten Mann; nur Nostitz blieb,
Stieg ab und trat vor seinen Feldherrn, ein
Lebendiger Schild, indes schon schattensnah
Der Feind heranschnob, rauschend, eine Flut.
Stumm, regungslos und sein Pistol gespannt
Stand Nostitz da, mit unverwandtem Auge
Entgegenschauend Unvermeidlichem.
Was er gewollt? Wer sagt's? – Gehorchend stand
Im dunklen Bann des nächsten Augenblicks.

An seinem Roß vorüberstrich der Tod
So hart, daß fast zusammenbrach das Tier.
Doch wie das stiere Aug' des wilden Jägers
Gefeit ist an die Spur der flüchtigen Seele,
So an den Huf der Fliehenden gebannt,
Sah keines Reiters Aug' auf ihn, kein Auge
Auf das Palladium des Preußenheeres –
Kein Arm streckt sich nach dieser Fürstenbeute,
Vorüber rasselnd zieht die wilde Jagd.

Und weg sind sie – und da! geworfen wieder –
Und wieder jagt es blind vorbei, daß Halm
Und Kiesel stiebt – und wieder nach die Preußen!
»Ulan! hier – unser Vater Blücher!« fällt
Nostitz dem ersten Preußen in die Zügel –
Und abgesessen ist der Mann; kein Hieb,
Kein Schuß, wohl keine feindliche Gewalt
Hätt' ihn so schnell von seinem Pferd gebracht!

Und unterm toten Roß hervorziehn beide
Den alten Feldherrn, der, betäubt, zerschlagen
Vom jähen Sturz und seiner Jahre Wucht
Und Heldenleides ungeheurer Last,
Unwirsch dem Leben seine Hand noch reicht,
Und heben ihn auf das Soldatenpferd –

»Geschwind, geschwind, mein Fürst!« ruft Nostitz, »fort!
Schon wieder kommt's zurück!« – Und wieder kam's –
In ihre Ferse fast schlug Feindes Huf,
Doch, wie den Heros der verwandte Gott,
Deckt sie der Abend mit dem dunklen Schilde –
Und übers Schlachtfeld hin verschwinden sie.

Gerettet war dem Heer sein alt Panier!
Stumm durch die Nacht hin ritt der alte Blücher,
Und schweigend neben ihm sein Schild. Vom Rosse
Hinträufelte das Blut und zeichnete
Die Spur geschlagner Helden. Leer die Straßen,
Die Dörfer öde. – Grollend hallt die Schlacht,
Und ihre Feuer leuchten ihm die Wege.

»Mich dürstet, Nostitz«, sprach er, »ich bin müde« –
Und Nostitz bettet seinen müden Feldherrn
Vom Roß auf Stroh, inmitten wunder Krieger,
Die sich der Tod beiseitgelegt auf morgen,
Tränkt seinen Durst und decket seine Ruh'
Mit Waffen; denn wie der Magnet den Stahl
Zog Blücher seine Preußen um sein Haus.

Umächzt von Sterbenden, umstarrt von Toten,
Zerschlagen sein Gebein, lag ohne Klage
Der graue Held, verachtend seinen Schmerz
In seiner Waffenbrüder Leid, Vergeltung
Sein einziges Gefühl. »Wie steht's, mein Fürst?« –
»Mit mir, Nostitz? Geschlagen, nicht bezwungen!
Das schreibt dem König und dem Vaterland!« –

»Wo ist der Feldmarschall? Wo Vater Blücher?«
Geht's fragend durch die Schlacht, und niemand sagt's.
Und unerwidert wächst die Frage, wie
Der Ruf an stummer Felsenwand, von Mann
Zu Mann, von Schar zu Schar, durchs weite Heer

Und jeder Waffe Führer eilt hinauf
Zu Gneisenau, des großen Stabes Haupt:
»Geschlagen ist die Schlacht, und wandelbar
Das Glück. Wohin der Rückzug, General?« –
Und harrend, wie vorm ehernen Geschick,
Auf Antwort stehen sie – und schweigend steht
Der hohe Mann. Da leuchtet's um die Stirn
Ihm wie dem Gott, zu dem die Völker kamen
Um Rat; da wettert's um die Lippe ihm
Wie ferner Donner – und: »auf Wavre geht's!«
Spricht er – und mit dem Wort sprach Gneisenau
Unsterblichkeit aus über seinen Namen;
Mit diesem Wort hielt er die belle alliance;
Mit diesem Wort warf er den schweren Tag
Von Waterloo in seiner Völker Schale,
Daß in die Luft sie schnellt des Kaisers Wucht
Und donnernd von Europas blut'gem Plan
Hinaus ihn schleudert in den Ozean.

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