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Gutenberg > Christian Friedrich Scherenberg >

Ausgewählte Dichtungen

Christian Friedrich Scherenberg: Ausgewählte Dichtungen - Kapitel 35
Quellenangabe
typepoem
authorChristian Friedrich Scherenberg<
titleAusgewählte Dichtungen
publisherBibliographisches Institut
editorHeinrich Spiero
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Leuthen

In Nimburg am Brunnen, die Schatten über sich,
Auf einem alten Röhrstamm sitzt König Friederich,
Von seiner Zeit schlechtweg der König tituliert,
Wiewohl noch mancher König zu seiner Zeit regiert,
Und malt mit seinem Krückstock, der aller Welt bekannt.
Versunken in sich selber, Figuren in den Sand.

Vorüber zu Fuß und Pferde seine Heerestrümmer ziehn,
Die stolzen Prager Sieger, herunter von Kollin. Am 18. Juni 1757 war Friedrich bei Kollin von den Österreichern geschlagen worden.
Sie ziehen müd, beladen mit ihres Unglücks Schand',
Sie sehn auf ihre Straße, er sieht auf seinen Sand;
Sie lassen still ihn sitzen, er läßt vorüber sie gehn,
Als könnten sie sich selbander nicht mehr ins Auge sehn:
»Geschlagen wir! Die Preußen nicht unüberwindlich mehr!«
Das kann nicht überwinden der König und sein Heer.
Doch als vorüber die Riesen, seine Leibtrabanten, ziehn,
Die letzten, weil sie letzte noch auf dem Feld Kollin,
Und ihren König sehen sich ihnen abgewendt,
Da stocken all' die Trümmer vom großen Regiment,
Als ob ins Herze jedem ein Stich gegangen wär',
Und alle fragen verwundet: »Kennt uns der Fritz nicht mehr?« –

»Hm, der König malt im Sande sich seinen Kummer vor«,
Sieht der lange Saldern am Flügelmann empor.
Der aber denkt: »Der Tag war heiß, der Abend ist schwül,
Sand ist trocken, aber Wasser ist kühl«,
Tritt vor aus seinem Gliede und hin zum Brunnen schnell,
Reckt über seinen Rand sich und schöpft aus feinem Quell
Mit seinem dampfenden Hute tief und voll genung
Für seinen durstigen König einen kühlen Trunk,
Reicht den Feldbecher dar ihm riesengemut:
»'s ist schwül, Ew. Majestäten, davor ist Trinken gut.«

Der König sieht vom Sande an seinem Mundschenk auf,
Sieht an drauf groß und fremde den ganzen Riesenhauf
»Ja!« nickt der Recke traurig, »wir sind's, dein Regiment!«
Anschaut's der König lange, auf daß er's wiederkennt.
Was er gehegt, gepfleget die lieben langen Jahr',
Was wie der Leib um die Seele um ihn gewesen war,
Von dem er jeden kannte, nicht seinen Namen bloß,
Den ganzen Mann und manches, was an ihm namenlos;
Von dem noch jüngst ihm viele ihr Freud' und Leid vertraut,
All ihr Wünschen und Hoffen in seine Hand gebaut,
Er auch ans große Herze sich die Riesenwünsche gelegt,
Sie alle zu erfüllen, schon Vatersorg' gehegt.
Und als er nun nach wenig armen Stunden sieht,
Wie sie all ihrer Wünsche, er seiner Sorgen quitt,
Wie schon gesorgt der Himmel für sie in alle Zeit
Mit seiner allmächt'gen Sorge – sie all' in Ewigkeit;
Er an dem Riesentausend, das keine Dreihundert mehr,
Nachzählt, was er verloren an seinem ganzen Heer:
Da fällt die heiße Perle hinab in kühle Flut,
Da spricht er durstgesättigt: »Ich mach' es wieder gut!«
Sie aber salutieren und ziehen still von dann –
Nachschaut er ihrem Zuge bis auf den letzten Mann,
Und als nun in den Hohlweg der letzte auch verschwand
Bis auf den letzten Schatten, und auf den stillen Sand
Die Nacht sich senkt, zudeckend die Trümmer seiner Macht,
Da nahen die Vertrauten, wie Sterne, mit der Nacht.
»Du hast dein Heer verwöhnet, zu glücklich war dein Krieg,
Es konnte seine Schlacht nur denken als seinen Sieg.
Drum konnte es nicht weichen, drum sind so viele tot;
Und die noch leben mußten, weil's dein Befehl gebot,
Die haben den Tod im Herzen; Sterben ist kurze Plag',
Doch Überleben – das ist ein langer Todestag!« –

»Ich habe sie verwöhnet und vor allem mich;
O Glück, du bist gefährlich!« erhebt der König sich,
»Ich habe die Fortune und mich in ihr verkannt:
Sie ist ein Frauenzimmer, und ich bin nicht galant.
Es hat mich arg verführet, ich mußte mich vergehn,
Ich wollt' in einem Zuge gleich fangen zwei Armeen
Und kam drum auch sehr balde zu stehen zwischen zwei'n
Und mußte drum mich teilen, vor keiner was zu sein.
Es hatte einen Fleck meine Sonne von Prag,
Der trat vor Kollin, und finster ward mein Tag.« –

Ausgießt er seine Seele in seiner Freunde Herz,
Ehrt ihre Lieb' und Treue mit einem Königsschmerz;
Zieht drauf mit klingendem Spiele aus seines Glückes Grab,
Aus dem böhmischen Kessel auf die Sachsenau hinab.
Aber erst sollte der König erkennen seine Schuld,
Um reif zu sein zur Buße und stark in der Geduld.
Jetzt kommen nach guten Tagen die bösen über ihn!
Entfesselt hat sie alle der Unglückstag Kollin.
Bleich kommen in langer Kette ihre Boten übers Feld
Aus allen Himmelsstrichen ins nächtige Königszelt.
Vorzieht des Hauses Postzug, umflort sein Posthorn tief:
»Ich bringe keine Grüße, ich bring' den schwarzen Brief:
Verstorben die Königsmutter an deines Lebens Not!
Dein Glück war ihre Sorge, dein Unglück war ihr Tod.«
Nach, auf den Flor der Mutter, schuldscheu und unglücksherb,
Tritt seines Blutes Nächster, sein Bruder und sein Erb': Prinz August Wilhelm (1722–58) hatte bei der Zurückführung des Trosses Unglück, wurde von Friedrich II. hart behandelt und zog sich deshalb ganz aus dem Heere zurück.
»Du hast das Feld verloren, und ich verlor das Land,
Zerrissen auf allen Straßen liegt unser Heeresband;
Ich bringe aus der Zittau gen Himmel schreiender Glut
Dir eine Hand voll Asche für all dein fahrend Gut.«
Fortstößt der hohe Büßer, noch mangelnd der Geduld,
Die Asche samt der Hand, das Unglück mit der Schuld.
Vorm König schweigt der Bruder, hat nichts als ein Ade:
»Die Mutter ist gestorben, und ich zu sterben geh'.«

Der König läßt dem Sohne, dem Bruder keine Zeit,
»Die Schweden kommen!« erstickt der Schreck das Leid,
»Durch deine Pommerlande, in deine offne Mark
Zieht ein das alte Schrecken, zwanzigtausend stark!« –
»O, wär' es nur der Schwede!« Not den Schreck verlacht,
»Ich bring' für Skandinavien die ganze Mitternacht!
Aus Samogitiens Ein Teil Litauens. Sümpfen, aus salziger See
Kamen Pharaos Plagen, zusammen in einem Weh:
Über Preußen der Russe, Asien im Geschlepp,
Zur Wüste ward, worüber hinstäubten die Horden der Stepp';
Morden, sengen, brennen, vom Menschen nur das Vieh,
Was sie nicht verzehren können, verderben sie.« –

»O, wär' es nur der Russe!« drängt den Boten vom Nord
Der Bote vom Westen mit seinem Elend fort,
»Hunderttausendköpfig brach übern Rheinstrom los
Die raffinierte Bestie des Abends, der Franzos!
Ein Heer ohn' alle Mannszucht raffsücht'ger Weibsnatur,
Sein Oberfeldherr Madame Pompadours Jeannette Antonia Marquise von Pompadour, allmächtige Geliebte Ludwigs XV. von Frankreich.

»O wär's nur der Franzose! Der Brite, dein Paladin,
Nimmt noch dem Unglück die Ehre durch seinen Spleen.
Es schlug ihn der Franzose bei Hastenbeck aus Versehn,
Und das ließ sich der Brite aus Höflichkeit geschehn,
Schloß nach der Kriegesposse, der Schlacht der Courtoisie, Französisch: »Höflichkeit«.
Ab zu Kloster Zeeven den Akt der Infamie:
Ganz England streckte vor Frankreich das Gewehr,
Jetzt auf deine Auen fällt das Heuschreckenheer,
Schon zehrt's von dem Glacis der Feste Magdeburg
Nach allen Himmelsstrichen dir deine Lande durch.
Sein erster Feldherr und erster Lump der Armee,
Der lüderliche Marschall, Herzog Richelieu, Louis Herzog von Richelieu, Neffe des großen Staatsmannes, französischer Marschall.
Schreibt mit seinem Degen Gold für Eisen heraus!
Ein wahrer Brennus! Gallischer Häuptling, eroberte und zerstörte 390 v. Chr. Rom. Brandbriefe aus:
»Paris hat derangiert D. h.: das Pariser Leben hat meine Verhältnisse zerrüttet. mich – Deutschland, alter Knecht,
Arrangier' mich wieder! Das ist dein Völkerrecht.« –

»O wär's nur Schwede, Russe, Franzos und Brit' dazu,
Aber das Heilige Römische Reich ist um seine Ruh',
Um seine zeitliche und ewige!« fällt mit Selbstspott her
Über all den Jammer die deutsche Misere.
»Herr Franz, Franz I. Stephan, 1745–65 deutscher Kaiser, Gemahl Maria Theresias; er betrieb große kaufmännische Geschäfte und lieh seiner Gemahlin Geld zum Kriege, deshalb: Hofbankier. der deutsche Kaiser, auch Wiener Hofbankier,
Macht als Mann der Frau Marie Theresie
Deine Ehrensache zum Glaubenshandel jetzt,
Hat all' die Scheidemünzen wieder in Kurs gesetzt
Aus dem in Gott ruhenden Dreißigjährigen Krieg,
Vom Reichsbankrutt zu kaufen eine deutsche Ligue. Liga, Ligue = Bündnis.
Alle Glocken, Zungen läuten Sturm: ›Landfriedenbruch!‹
Von allen Kanzeln donnert der Pfaff den Ketzerfluch
Auf Friedrich, Unterdrücker der apostolischen Lehr',
Flucht ums Heil der Seelen herbei ein Kreuzzugsheer;
Zusammenbläst aus allen Reichsecken und -end'
Aus vollen Backen der Reichsherold das Kontingent;
Herfliegen, aus allen Winkeln zusammengekehrt,
Die Lappen und die Splitter vom Reichspanier und Schwert;
Der Reichstag schreiet zeter, Franzos schreit mit,
Seit er den Kaiser geschneidert, probiert er am Reich den Schnitt;
Die Kirche trauert, und der heil'ge Vater weint:
»Fertig Friedrich als Reichs- und Glaubensfeind!
Fertig Reichsheer als Reichsexekution,
Zu fahnden auf deine verschrieene Person
All Orts und aller Arten, lebendig oder tot.
Hochschwillt das Tal der Saale vom Häscheraufgebot.
Schon gaben, dich zu liefern an Regensburg und Paris,
Ihr Ehrenwort die Prinzen Hildburgshausen Prinz Joseph Friedrich von Sachsen-Hildburghausen, der Führer der Reichsarmee. und Soubise.« Charles von Rohan, Prinz von Soubise, französischer Marschall.

»Die Hofburg auch erwartet in Balde Majestät«,
Durch die schreienden Boten die stille Chiffre weht
Von seinem gut bezahlten Aug' und Ohr,
Dem in allen Kabinetten angestellten Korps:
»Die Kaiserin-Königin schwelget, und um sie taumelt Wien,
Wir haben Schlesien wieder, nur halt noch ein Kollin!
Man faßt die Schlacht in Golde, Perlen und Email;
Schlägt tausendmal sie wieder auf die Medaille;
Hat auch gestiftet zu ihrer ewigen Memoria
Einen neuen Orden: ›Marie Theresia‹;
Kreuzt und segnet alles, was mitgeschlagen hat:
Ein Kreuz dem Ritter, funfzehn Kreuzer dem Soldat;
Lobt Gott ohne End', macht solchen Erd- und Himmelspektakel,
Als wäre ihnen selber ihr Sieg da ein Mirakel.

»In allen ihren Reichen läßt werben die Kaiserin
Vom Lande der Lombarden bis zu den Türken hin;
Zuzieht's auf allen Straßen bei Tag und bei Nacht,
Zu stärken allgewaltig die böhm'sche Heeresmacht.

»Erstanden ist auch wieder aus unsrer Niederlag',
Seit Kollin gesprengt die Tore der alten Prag,
Prinz Carl von Lotharingen, der Kaiserin Schwäh'r,
Mit seinen Vierzigtausend, dem begrabenen Heer;
Ein Himmelsstürmer, wieder erlöst von seinem Vulkan,
Fliegt er über die Berge mit einem Riesenplan;
Nachholen will das heiße, ritterliche Blut,
Was in der Prag versäumte ein unterdrückter Mut.«

Rings flattert um Böhmen ein blitzender Fahnenkreis,
Zieht fliegend sich zusammen aufs Lager strahlenweis;
Alle wollen auf einen ihr Fahnenglücke baun,
Und dieser eine – das ist der Sieger Daun! Leopold Joseph Gras Daun (1705–66), österreichischer Feldmarschall, Sieger von Kollin.
In den Himmel erhoben, vom Himmel salviert.
Mit einer geweihten Mütze, desgleichen Degen armiert,
Steht er in seiner Völker bunt welschendem Zungensturm
Reglos, mauerkühle, wie der Babelturm.

»Der Feind fängt an sich zu regen, lebendig wird's!« vermeld't
Dem König die Postenkette herein aus nächstem Feld,
»Durch die hohlen Gassen auf Zittaus Asche herab
Senken sich Kolonnen, drängen Boden uns ab!«

Und Meldung und Botschaft jagen treibend sich fort,
Ihr Recht – die größre Not. Dazwischen fällt ein Wort
Flüsternd ins Ohr des Königs, wie Blei so schwer,
Der geheime Rapport über sein eigen Heer:
»Umgeht ein düster Wesen bei dem gemeinen Mann,
Seit jenem schwarzen Tage sieht schwarz er alles an:
Es werd' dem preußischen Friedrich justement ergehn,
Wie's ging dem schwedischen Karl; der siegte auch erst schön
Neun Jahr', da schlug auf immer ihn nieder ein Tag –
Kollin ist dein Pultawa Bei Pultawa wurde Karl XII. von Schweden am 8. Juli 1709 von den Russen entscheidend geschlagen. – So geht die Heeressag'.

Also in langer Kette kommt's mit Unglückshast;
Ab auf die Brust des Königs wirft jeder seine Last,
Geht, leicht geworden wieder, zu pflegen süßer Ruh'.
Der König sitzt im Zelte, hört jedem schweigend zu,
Wünscht allen ihre Ruhe und nimmt für sich die Nacht.
Und als er so beladen allein für alle wacht,

Da seufzt er: »Gott behüte vorm Fall uns allzumal!
Unglück – das ist ein Fehler – die Sünde kardinal »Die Hauptsünde« (lat.).
Drin stecken all' die andern! In seinem Schatten sind
Gereift all' die lichtscheuen Früchte geschwind,
Die Possen sind ernst geworden, alles brandet um mich her!
Und ich? – Ich schwimme auf Trümmern allein im wüsten Meer.
Wohin mein Aug' ich wende, stürzt her sich eine Flut,
Stark genug allein, mich zu begraben in ihre Wut.
Wohin?« Sucht Pfad der Segler – pfadlos, hohl und leer
Gähnt ihn an der Himmel, gähnt ihn an das Meer –
Und müde schaudernd, abgewiesen allerwärts,
Legt lastend sich die Seele aufs schwache Menschenherz.
Und seiner Leidensschwester der Segler Kunde gab:
»Mein Segel ist ein schwarzes, mein Hafen das – Grab.«
Und zu den stillen Freunden schöner Tage er spricht:
»Wie der Kerkermüde die alte Kette bricht,
Zerreiß' ich das Gewebe, das um die Seele spann
Mir jene dunkle Hand – was geht das Mittel mich an!«

Und als er so dem Menschen gab, was des Menschen war,
Da ward er wieder König und seine Seele klar:
»Wohin mein Aug' ich wende, da seh' ich einen Feind,
So bleib dir unverlassen nur selber noch dein Freund!«
Und wie höher das Schifflein seine Lasten trägt,
Je tiefer und je falz'ger die Woge drunten schlägt,
Begeistert ihn sein Unglück, zur Klage viel zu groß,
Hebt über seinen Menschen von Leidenschaft ihn los.
Aufsteht der Notbeladne: »Ich will dem Sturme stehn!
Kann ich kein König leben, ein König untergehn!
Ich weiß nicht, bringt's mir Schande, wenn ich unterlieg',
Aber das weiß ich, Ehre bringt jenen nicht der Sieg.«

Und vor aus den Falten der schweren Königsnacht
Tritt er – ein lichter Morgen, den Stürme klar gemacht:
» Bon jour, Messieurs!« Und widerstrahlend spricht sein Heer:
»Der König ist so heiter, als ob er Sieger wär'.« –

»Gott segne unsern König!« grüßen fromm und schlicht
– Wie aus den Saaten die Lerchen ihr Morgenlicht –
Ihren Landesvater die altgetreuen Lande;
Ausschenken alle für einen im festen Verbande,
Im harten Deutsch, das warme Herzensblut,
Wie alten Rheinwein, herbe, aber gut:
»Sintemal und alldieweile Euer Majestäten
Durch widrige Zeitläufte seind in großen Nöten,
Allerhöchstdieselben mit dero Armeria
Zu tun vollauf jetzunder fern und nah,
Han Allerhöchstdero getreue Untertan'
Erachtet unmaßgeblich, mit Hand zu legen an,
Sich vördersamst zu schirmen allein an Gut und Ehr',
Aus Eignem zu rüsten sich eine Landeswehr.« –
»Ich stelle«, spricht Kurmark »fünftausend Mann vor mich«;
Und Pommern spricht: »So viel auch stelle ich!«
»Und wir«, spricht Magdeburg und Halberstadt zu zwier,
»Gestellen zweitausend, ingleichen stellen wir
Aus unsern Lustgespannen viertausend Pferd' dazu;
Was brauchen wir Karossen, hat der König keine Ruh'?« –
»Und wir«, spricht Preußen und Westfalenland,
»Dermalen in Feindeshänden, ohne freie Hand,
Han auf ein Jahr voraus die Steuern mitgebracht,
Dieweil zu allen Zeiten der Taler eine Macht.
Gott sei mit unserm König aus seinen Gnaden allen!
Wir wollen mit ihm stehen, wir wollen mit ihm fallen!« –

»Ade, ihr Liebgetreuen«, gibt mit feuchtem Blick
An sie der Landesvater den Landesgruß zurück.
»Hilf dir, so hilft dir Gott«, denkt König Friederich,
Bricht auf aus seinem Lager, zu helfen weiter sich.

Doch wie er manövrieret, den Daun herauszuziehn,
Aufs freie Feld zu locken zu dem »Noch ein Kollin!« –
Herr Daun bleibt hinterm Berge, salvieret seinen Ruhm
Vor jeglicher Anfechtung, gleichwie ein Jungferntum.
»Ich habe Zeit«, sieht er mit beschaulicher Ruh'
Aus seinem Bau fuchsschlau dem heißen Löwen zu. –
»Auf den kann ich nicht warten, ich habe keine Zeit,
Schon zieht es sich zusammen, das Wetter, allerseits;
Laß übers Haupt ich's kommen und voll entladen sich,
Was hilft dann alles Ducken? Erschlagen werde ich.
Drauf rechnet auch St. Daun da unterm heil'gen Hut,
Will wohlfeil schlagen mit andrer Leute Blut;
Für mich die Kastanien, das Feuer für euch!
Ich kenne die Maxime des Mehrers vom Reich:
Eh bien! »Gut denn!« (franz.) die Wolke teilen, eh' sie platzen kann,
An Stunden gewinnen, was verloren an Mann!«

Und aus dem Winkel der Lausitz entfächert er flink
Sein Heer nach allen Himmeln zu einem Schildering,
Legt aus sich gegenüber in Feldherr und Soldat,
Je nach das Schwert er achtet, das blank gezogen hat.

»Manteuffel, Generalmajor Heinrich von Manteuffel geh Er, halt Er den Schweden mir im Schach!
Wo Er nicht weiterkann, hilft Schwedens Reichsrat nach;
Mehr als mit Ihm muß schlagen ein schwed'scher General
Sich 'rum mit dem Collegio, versessen auf Kabal'.
Vor jenen Moskowitern der Lehwald Feldmarschall, gest. 1768. decken muß,
Wohl kommen viel' auf einen, doch ist's ja nur der Ruff';
Ihr haltet Dresden, Anhalt, ein Dessau leidet nicht,
Daß ihm bei Kesselsdorf ein andrer Lorbeern bricht!
Ew. Liebden aber«, tritt er den Schwager Bevern August Wilhelm von Braunschweig-Bevern (1715-81), Generalleutnant an,
»Haltet mein Schlesien offen mit vierzigtausend Mann,
Verbaut dem Fuchs die Straßen, will er heraus sich haun! –
Vertrauet Euch der König, wollt Ihr Euch auch vertraun:
Ew. Liebden repondieren »Sind verantwortlich« (franz.). für Schlesien mit dem Kopf!
Im übrigen«, nahm er beiseite ihn am Knopf,
»Gewinnt Ihr eine Bataille, Lehwald die zweite noch,
Und ich noch eine dritte, verloren bin ich doch.
So stehen die Affären«, sah er ihn eisig an,
» Enfin, »Schließlich« (franz.). man muß sich wehren, sterben man immer kann.«

Und als er ihn so geehret mit allerhöchster Ehr',
Gewürdigt, ihm zu sagen, daß nichts zu hoffen mehr,
Gehoben ihn zur Höhe von seinem Märtyrtum,
Ihm beigesellt viel' Degen von altbewährtem Ruhm,
Auch 's Gottvertraun, den Zieten, Hans Joachim von Zieten (1699-1786), damals Generalleutnant. sonst alles auch bestellt,
Fällt noch sein Aug' auf einen: »Mein lieber Winterfeldt! Hans Karl von Winterfeldt (1707-57), General.
Was geb' ich Ihm für Ordres? Hab's doch vergessen schier,
So hat Er denn die Ordre: ›Erhalte Er sich mir!‹
Und nun adieu, Messieurs! Ich, für meine Person,
Gestelle mich den Herren der Reichsexekution.
Reit vor Er, Seydlitz, Friedrich Wilhelm von Seydlitz (1721-73), damals Generalmajor. meld' Er den Herren mich!« –
Herr Seydlitz schwang zugleich auf tausend Pferde sich
Und meldet seinen König zu Gotha auf dem Schloß,
Daß flugs den Herrn das Herze in ihre Beine schoß,
Ihnen steckenblieb der Bissen von ihrer Tafelrund',
An der sie just gesessen ganz heiter und gemund,
Sie ihm die Braten ließen mit allen den beaux restes. Schöne Überbleibsel (franz.).
»Prost Mahlzeit!« sprach Herr Seydlitz, »vor all den schönen Gäst'
Mit Permission zu reden, die Herren laufen so,
Als brennt' von unserm Ritte es ihnen irgendwo! –
Nun setzt heran euch, Kinder, und laßt es schmecken euch!
Es wechselten nur die Gäste, dem Braten ist das gleich!
Sie machen den Anfang, wir allemal das End'.« –
Und auf die Reiterparole trank aus sein Regiment.

Und hart am Feld von Lützen, bei Roßbach auf der Blach',
Gestellte sich der König am fünften Novembertag
Den Herrn Exekutoren in eigener Person –
Und gab's in Gotha Irrtum, hier gab's erst Konfusion;
Statt daß die Herrn ihn faßten, faßt in flagrantibus »Auf frischer Tat« (lat.).
Der König ab die Herren, und hätt' ihr Genius
Gehabt nicht solche Übung in seiner Laufpartie,
Zu sitzen wären kommen die Generalissimi,
Der Herr von Hildburghausen und der Monsieur Soubise,
In Spandau, statt der König in Regensburg oder Paris,
Wenn auch das art'ge Frankreich ihm bloß erwies die Ehr'
Mit einem Marquis Französisch: Markgraf; »Marquis de Brandebourg«: spöttische Bezeichnung der Franzosen für Friedrich II. zu spielen so eine espèce de guerre. »Eine Art von Krieg« (franz.).
Allein die Herren waren nicht einzuholen mehr,
Machten in der Karriere gar noch ihre Karriere:
Soubise erlief den Marschall, der kleine Hildburghaus
Einen Hofstaat sich mit dreißigtausend Läufern aus;
Das Schrecken verlief sich, für ewige Zeit
Gestempelt mit dem Fluche einer Heiterkeit.

Doch als wär' dem König gegönnt dies Stück Humor
Nur als ein Atemzug, drauf mehr zu tragen denn zuvor, –
Novemberfrostig stöbert's durchs Grün, als kaum es lag
Um seine Stirne wieder vom ersten warmen Tag:
»Der Lehwald ist geschlagen, der Preuß von dem Barbar,
Keith Jacob Keith (1696–1758), Schotte von Geburt, war preußischer Feldmarschall. hatte recht, der Russe ist nicht mehr, was er war.
Fest nistet sich in seiner entsetzlichsten Gestalt
Der Krieg im Vaterlande, so wir nicht russisch bald;
Schon schmiedet man mit Eiden uns an die Geierklau', Die Bewohner Ostpreußens wurden genötigt, den Russen den Treueid zu leisten; allerdings geschah das erst Anfang 1758.
Adler, rett' dein Preußen, deine Königsau!«
Und der geschlagene Sieger, verkümmert und beraubt
All seiner Siegesrechte, nimmt ab von seinem Haupt
Die welken Blätter vom kurzen Sonnenblick,
Winkt seinen Fahnen: »Ins alte Blutfeld zurück!
Geh vor, mein Keith, mach' flugfrei meine Bahn,
Daß ich je eher je lieber in meine Schrecken kann!«

Vorfegt der alte Schotte die Straße mit Feuer und Schwert,
Nachzieht der Königsadler, gram Himmel ihm und Erd',
Sein Fittich – zerfetzte Fahnen, ein fliegender Heereszug.
Entgegentreiben wimmernd, wie Sturmesgeisterflug,
Ihm Kriegsgeschrei und Klage, wahr und lügenhaft,
All' die wirren Wesen, die ganze Plagenschaft,
Erzeugt von Not und Unglück, und Furcht und Schreck davor.
Aber unbeirret vom sinnverwirrenden Chor,
Schlägt durch sich der Adler, sein Auge hell und wach,
Am Sturme wächst sein Flügel und mit ihm sein Schlag;
Da wehet vor das Auge ihm ein verflogen Blatt,
Das spricht von Winterfeldten, der nicht geschrieben hat.
Und trübe wird sein Auge, und matter wird sein Flug.
»Mein lieber Winterfeldten«, schreibt mit schwerem Zug
Ein kummervoller Mann er, »wo bleibt so lang sein Bot'?
Ich kann es doch nicht glauben! Es heißt, Er wär' auch tot!«
Und als der Brief geschrieben, da kommt der Bote nach.
»Kommst du von Winterfeldten?« – »Graf Kaunitz Wenzel Anton von Kaunitz (1711–94), österreichischer Hof- und Staatskanzler. ...« jener sprach;
Anherrscht den späten Boten der König ahnungsschwer:
»Ich frag' nach meinen Freunden, was soll darauf mir der?« –
»Graf Kaunitz«, spricht der Bote, »kam jüngst herüber von Wien
Ins kaiserliche Lager, kalt Eisen wieder zu glühn.
Ein Kompliment zu machen dem allmächt'gen Mann,
Entsandte Herr Daun Nadasdy, den klugen Kroatenban, Befehlshaber der Kroaten.
Unsern verschanzten Posten, zweitausend ungefähr,
Im Sturme zu berennen mit einem ganzen Heer.
Herr Winterfeldt war eben bei Bevern im Hauptquartier,
Mit Durchlaucht zu beraten, wie weiter man operier'.
Kaum schlägt in die Beratung der erste Kanonenschuß:
›Da kommen meine Gäste, die ich bewirten muß‹,
Spricht er, ›Herr Herzog, schickt nach mir Sekundanz!‹
Nimmt mit, was er kann raffen und hält derweil die Schanz'.
Doch Wort nicht hielt der Herzog, da stürzt Herr Winterfeldt.«
Abwendet sich der König: »Mein lieber Winterfeldt!« –
»Dem Toten salutierte das ganze Kaiserheer,
Sie gaben nach ihrer Furcht ihm seine Ehr'.«
Der König höret weiter das Trostgeläute nicht,
Wendet ab in die Stürme sein gramvoll Angesicht:
»O, wider meine Feinde fänd' ich noch eine Wehr,
Doch einen Winterfeldten, den find' ich nimmermehr!«
Und wilder stürmt der Adler, und schlimmer schreit die Not:
»Den Bevern drängt's nach Schlesien, seit Winterfeldt ihm tot!
Der Feind schwebt an den Bergen überm Haupt uns schwül,
Ein Wetter – kommts, geht's, woher, wohin, wieviel?
Niemand weiß es – alle fühlen, keiner sieht das Heer.
Einhüllt es sein Gewölke, leicht Volk wie Sand am Meer.
Seit wir sie nicht mehr sperren, speit aus die böhmische Gass';
All kaiserlich Heergesindel hat freien Paß,
Ausgießen sich Kroaten, Panduren Slawonier. und Banden
Von unbekannten Namen und allerlei Landen,
Die Auen schwimmen, die Dörfer brennen, in die Marken sie ziehn,
Ganz Sachsen eine Straße ins offne Berlin!«

Und weiterstürmt der Adler mit dem umflorten Geist,
Zugleich nach allen Himmeln der Sturm den Fittich reißt.
»Will ich mein Schlesien halten, ergibt mein Erbland sich,
Will ich mein Erbland retten, verlier' mein Schlesien ich!« –
»Nach Schlesien!« ruft's, »nach Schlesien!« je weiter er dahin,
»Im Sturme fiel die Schweidnitz, die Bergeskönigin,
Nun hat der Feind die Pässe und unsern Waffenplatz,
Die große Kriegeskasse und unsern Pulverschatz,
Nun kann er tags brandschatzen und abends sicher ruhn.
Und wenn wir ihn auch schlagen, wir können ihm doch nichts tun.
Nun fallen, abgeschnitten, hilflos, schwach bemannt,
Nach alle unsre Festen im ganzen Oberland.« –

»Euer Liebden, mein Schlesien oder Euren Kopf!«
Schreibt der König, als hätt' er den Schwager noch am Knopf.
»Kommt mir schnell zu Hilfe mit funfzehntausend Mann,
Daß ich den Feind mit Force im Rücken fassen kann!
Mein lieber Lestwitz, Johann Georg von Lestwitz, Generalleutnant. halt' Er mein Breslau mit dem Rest,
Und wenn der Feind auch keinen Stein auf dem andern läßt!
Ich weiß, Er läßt vom Leben, doch nicht von seinem Platz –
Bei Seiner grauen Ehre, bald komm' ich zum Entsatz;
Ich sag es Ihm, Sein König, es wird noch alles gut!«
Setzt drunter seinen »Friedrich«, als schriebe er mit Blut.

Ach, seit er geschrieben an den toten Winterfeldt,
Sind alle seine Briefe an die Toten gestellt!
Als Antwort zieht entgegen seinem Adlerflug
Mit sinkendem Tage ein großer Leichenzug,
Leidträger ohne Ende, stille Fahnen gesenkt,
In düstern Kolonnen er um den Adler schwenkt,
Bis um seinen Fittich der große Flor sich legt,
Und kund wird, wes die Leiche, die man zu Grabe trägt.
»Sr. Durchlaucht sind gefangen, Breslau kaiserlich,
Die Armee zertrümmert, hier bring' die Stücke ich«,
Vor tiefer Wehmut stotternd der alte Zieten sprach,
Und seine Flügel senkte der Adler unterm Schlag;
Und finster niedergeschlagen von seiner Schwingen Fall
Stunden um ihn, wie Schatten, seine Helden all'.

Da stund der zweite Seidlitz, Kein Verwandter des Seydlitz; unter dem Namen Lentulus in dem preußischen Heere Kommandeur der Leibkürassiere, Adjutant Friedrichs II. der Scipio Lentulus
– Seit der erste kuret am Roßbacher Schuß,
Der schönste Mann im Heere –, auf seiner Schweizerstirn,
Sonst die volle Sonne; wie seiner Alpen Firn
Stahlguß drinnen, draußen zum Beugen viel zu hart,
Der Anno 44, als er gefangen ward,
Noch kaiserlicher Oberst, zu seinen Reutern sprach,
»Macht's mir nach, Dragoner!« und seinen Degen brach,
»Wir han zum Fechten, nit zum Strecken unser Gewehr« –
Bis Friederich gesprochen: »So nehme meinen Er,
Mein lieber Scipio, solch' Leute ich brauchen kann.«
Derselbe unbeugsame, brauchbare Mann,
Gräbt bohrend seinen Degen jetzt in die Erde hin,
Als hätt' er, fechtensmüde, das Strecken nur im Sinn. –
Da stund der erste Ritter vom » pour le mérite«, Von Friedrich II. im Jahre 1740 gestifteter Orden »Für das Verdienst«.
Großmeister vom Bayard, Blume der Ritterblüt',
Märtyrer seines Glaubens, der edle Refugié,
Der furcht- und tadellose de la Motte Fouqué; Heinrich August Freiherr de la Motte Fouqué (1698–1774), preußischer General.
Der, als die Prager Kugel in seine Faust ihm schlug
Sein Degengefäß, hinnahm ohn' Mieneverzug
Des Schlachtengottes heißen, zermalmenden Händedruck,
Um den Arm sich koppelt' sein blutend Waffenstuck
Und, schmerzverstürmend, erstürmte die Batterien,
Bis er erobert das Schlachtfeld, ein Bette für Schwerin; Kurt Christoph Graf von Schwerin (1684–1757) fiel in der Schlacht bei Prag.
Der Winterfeldt vertreten, den Toten auf der Schanz',
Des Leben stets vertreten den vollen Wert des Manns,
Den Freund und Helden beim König, ihm schon sein Licht gebracht
In seine Prinzennächte, hat – nichts für diese Nacht!
Und wie der Freund verarmet an seinem schönen Recht,
Steht dürftig auch der Vettern gefürstetes Geschlecht.
Der Württemberg, Generale Friedrichs II.: Friedrich Eugen, Herzog von Württemberg (1732–97) der Braunschweig, Ferdinand, Prinz von Braunschweig (1721–92) der Anhalt-Dessau, Moritz, Prinz von Anhalt-Dessau (1712–60), Sohn des »alten Dessauers« Leopold; der
Nie aus der Richtung konnte wie sein alter Lobebär,
Selbst sein eigen Blut, der preußische Ferdinand Ferdinand, Prinz von Preußen (1730–1813), Bruder des Königs.
Sein ganzer grauer Feldrat, alles ratlos stand;
Selbst jene, deren Kriegsspiel ein ewiges Hasard,
Gewohnt, zu vabanquieren mit ihrer Lebenskart', D. h. ihr Leben aufs Spiel zu setzen, va banque damit zu spielen.
Die Freikorps-Partisane: der Hord; der Czekeli;
Paul Werner der Husar, jenes fertige Genie;
Der Jakob Wunsch, Preußische Unterführer. der Schwabe, der glauben ließ zugleich
Gläubige und Ungläubige an seine Schwabenstreich' –
Sie alle, deren Namen schon ihre beste Ehr',
Eine lange Heldengeschichte, stunden um ihn her
Wie erloschne Leuchten um einen Sarkophag,
Als wäre tot ihr Adler, erschlagen vom Schlag;
Und rings im Hintergrunde auf bleichem Schnee
Stund der Leichenzug, seine letzte Armee.

»Ade, Fritz! Nichts zu holen mehr bei dir!« sagt schon
Valet einer Fahne, aus der die Sonne geflohn,
Der Wandervogel, immer auf Sonnenseite,
Dem der König nichts weiter als Sold ist und Beute;
Derweil der Fahngetreue und das Landeskind,
Dem seines Königs Ehren auch seine Ehren sind,
Hinsinkt, wo er steht, von überbotner Kraft
Mit zitternden Gebeinen an seinem Waffenschaft,
All lebensmut'ger Odem aus Seel' und Leib heraus,
Ein hohler Ausdruck alle: »Mit uns ist's aus!«

Und wieder hebt der König sein schwer getroffen Haupt.
Gelehnt an eine Birke, die winterlich entlaubt
Dasteht, vom Frost durchschauert, auf hartem, kahlem Feld
Mit hängendem Gezweige, vereinsamt wie der Held,
Sieht er in seine Schatten, und unter der Last der Stund'
Redet er zu ihnen in seiner Feldherrn Rund'.

Und alles, was noch drinnen und draußen an ihm war:
Sein seelenvoller Ausdruck, sein sturmgebleichtes Haar,
Sein Haupt gebeugt vor Jahren von Fürsorg' und Leid
Und jenem Weltgewichte, zu tragen seine Zeit;
Sein gutes Recht der Notwehr, sein rührend Löwenlos,
Daß alle über einen, wodurch allein er groß;
Die heil'ge Erde seiner Siege, auf der er stand,
Die Boden und Geschichte zum Worte gab und Pfand,
Die jene duft'ge Blume Erinnerung darum flocht;
Sein ehrlicher Lorbeer, den er sich selbst erfocht;
Die Mahlzeit, Hunger und Durst, die Lager, Hitz' und Frost,
Mit allen den Strapazen, die ganze Kampagnekost,
Die redlich er geteilet mit jedem aus dem Hauf,
Seit alle sie verbrüdert die große Feuertauf';
Und alles, was er drüber allein getragen hat,
Das aus des Lebens Grabschrift, den Zügen hart und satt,
Erzählt um so beredter, je mehr er davon still,
Je mehr ein mühsam Lächeln das Grab verhehlen will –
Das alles, alles, des Unglücks ganze Majestät,
Das alles hielt zusammen an sie des Königs Red':
»Wir haben Schlesien verloren auf unsrer Siegesbahn,
Und alle Müh' und Arbeit, sie ist umsonst getan.
Wer ist's, der hier nicht trüge an sich einen Vermerk,
Wie redlich er geholfen mit Leib und Seel am Werk?
Ich sehe hier so manchen und auch wohl anderwärts,
An dem die Kugel gelassen kaum mehr noch als sein Herz.
Nun bluten alle Wunden, wir haben nichts getan,
Wir haben Schlesien verloren, wir müssend wiederhan!
Ich hab' in aller Kürze noch einen Plan gemacht,
Er ist nicht nach der Regel, die Not hat mit gedacht.
Ich werd' den Feind angreifen, wo und wie ich ihn seh',
Und stünd' er auf Breslaus Türmen oder der Zobtenhöh'!
Ich werde ihn nicht zählen, nach Zahlen ist nichts gemacht,
Wir sind die Preußen – damit ist alles gesagt.
Müssen Schlesien wiederhaben von Kollin,
Oder uns alle begraben unter ihre Batt'rien.
So denke ich, denkt einer anders, tret' er vor,
Ich will ihn nicht drauf ansehn.« – Und rings im Chor
Kreisen die großen Frager Die Augen Friedrichs mit ihrem durchbohrenden Blick. – und ringsum allerwärts
Vor auf die narbigen Stirnen errötend tritt das Herz.
»Ich wußt' es«, spricht er feierlich, wie Eidschwur spricht:
»Verlassen kann ein Preuße seinen König nicht.
Bleib' ich, so mag euch lohnen das heilige Vaterland.
Und nun, Messieurs, ins Lager, macht meinen Willen bekannt!
Bereitet mir der Ordnung vor den gemeinen Mann
Auf alle seine Pflichten, wenn's kommt, wie's kommen kann!
Sprecht ihm von der Belohnung, so mit Bravour er ficht,
Au contrairé »Im Gegenteil« (franz.). verschweiget ihm auch die Strafe nicht!
So lahm chokieren Soviel wie: Vorstoß machen, angreifen. von denen Reuters, die Schwadron
Sitzt ab als invalide, zur Festungsgarnison;
Dasjen'ge Bataillon, so zahme attackiert,
Säbel, Fahn' und Borten von seinem Rock verliert.
Adieu, Messieurs!« – Und seine General',
Sie gehen in das Lager mit seinem Geist zumal.

Trommeln und Trompeten rufen heraus das Heer,
Aufsteht das Volk der Müden und tritt in das Gewehr,
Schwenkt um seine Fahnen, schließet seinen Kreis,
Und die Generale reden, jeder auf seine Weis',
Und die Soldaten hören wieder auf ihre Art.

Doch bald will's ihnen dünken, als sei es was apart –
Es war in aller Rede so ein gewisser Schwung,
Drum kam auch über alle 'ne gewisse Begeisterung.
Der alte narbenvolle, ehrwürdige Soldat,
Der Friedrichs Schlachten geschlagen vom Anbeginne hat,
Reicht alter Kameradschaft gar festiglich die Hand
Ohn' alle Redensarten, dieweil man sich verstand,
Nimmt vor sich dann den Jungen, der noch nichts mitgemacht,
Erzählt ihm von den Schlachten bis Mollwitz Bei Mollwitz erfocht Friedrich II. am 10. April 1741 seinen ersten Sieg. Jungfernschlacht,
Wo selbst der Fritz gelernet, was einem Laufen nützt,
Daß andere schlagen am besten vor Schläge kriegen schützt,
Bis er mit Worten, körnig wie Pulver und Schrot,
Gemacht ihn zum Soldaten auf Leben und Tod,
In allen Stücken richtig, wie sich's für den gehört,
Den mit der Todesanmutung sein König hat geehrt.
So ging durch alle Grade, trotz allerhand von Wort,
Die Rede des Einzigen in seinem Geiste fort,
Gleichwie die Morgensonne vergoldet erst die Höh'n,
Bis tiefer, immer tiefer zu Tal die Strahlen gehn.

Der König ritt durchs Lager, als schon die Nachtluft weht:
»Gut'n Abend, Fritz? Was bringst du noch so spät?«
Grüßt lagervertraulich vom Feuer die Reiterwacht.
»Was Gutes, Kinder, ich bringe eine Schlacht,
Ihr sollt die Kaiserlichen mal wieder zusammenhaun,
Ein sauer Stück Arbeit, sie wissen sich zu verbaun.« –
»Pah!« sprechen die langen Degen, »bring' du uns nur davor,
Fürs übrige laß sorgen dann deine Gardedukorps.« –
»Das will ich, und dann wollen wir sehn, was ihr könnt«,
Ritt weiter er, diskurrierend mit jedem Regiment,
Hinab die ganze Linie der lagernden Quartier'
Bis an die letzten Feuer der pommerschen Grenadier',
Geheißen die Unerschütterlichen seit Höchstedt, Malplaquet, Bei Höchstedt besiegte am 20. September 1703, bei Malplaquet am 11. September 1708 Prinz Eugen von Savoyen mit preußischer Hilfe die Franzosen.
Wo die Europa taufte die preußische Armee.
»Na, wie wird's aussehn?« klopft bei einer Grenadiermütz'
Er an mit seinem Krückstock – »Na wie denn, Fritz?« –
»Drei kommen auf einen« – »Aber keine Pommern nicht«,
Das ganze Regimente wie auf Kommando spricht.
»Pommern freilich nicht«, vergoldet er die Mütz',
»Wie könnt' ich sonst gewinnen?« – »Na also, Fritz!« –
»Gut' Nacht!« – »Gut' Nacht!« geht's pelotonweis Rotten-, zugweise. fort
Von Feuer zu Feuer. Drein wirft er das Wort:
»Wir siegen – oder sind alle zusammen nicht mehr!« –
»Sieg – oder –« verrauschet es hinter ihm schwer
Auf den schwarzen Winden der eisigen Nacht –
Und alle machten das Paktum »Vertrag« (lat.). zur Parole der Schlacht.

Die Kaiserlichen saßen noch hinter der Loh,
Wie die großen Götter, ruhvoll und siegesfroh;
Sie hatten den schwarzen Adler geworfen aus dem Nest
Und saßen drinnen dreihundertkanonenfest.
Vor sich die schwimmenden Wälle, die Loh und Weisteritz,
Im Rücken die warmen Mauern Breslau und Schweidenitz,
An allen ihren Flanken verschanzt und verhaun,
Ein Meisterstück vom alten Feldbaumeister Daun.
Sie pflogen ganz gemütlich an Tafeln jeder Art
All' Tage ihren Kriegsrat, wobei der Ungar nicht gespart.
Oft ging's im Feldkollegio der Kaiser-Königin
Zu wie beim poln'schen Reichstag: viel' Köpfe, viele Sinn'.
Vorsaß der muntern Sitzung Prinz Karl, der Schwäh'r,
Der heiße Lotharingen, Generalissimus vom Heer.
Die Hitze zu temperieren, saß ihm Herr Daun zur Seit',
Der Fabius Beiname Dauns wegen seiner Zaudertaktik, die der des römischen Feldherrn Fabius, genannt Cunctator (»der Zauderer«, gest. 203 vor Chr.), glich. von Österreich und kühlster Mann der Zeit.
Der kühlte denn auch redlich, auch wohl mal aus Verdruß,
Daß er, der Hauptgeweihte, nicht Generalissimus.
Soeben regnet's wieder Depeschen her von Wien,
Und wieder ritten zu Rat die prächt'gen Paladin',
Die hoch- und wohlgebornen Fürsten, Grafen und Herrn,
Ein Adel noch so recht aus dem Vollblutskern;
Manch Stammbaum, alt wie die Christenheit,
Verlierend sich in die Fabeln der Reckenzeit,
Schwindelnd in Kronen wipfelnd, aber auch wurzelnd zugleich
Im besten Grund und Boden vom Kaiser-Königreich.
Forttummelt das Heißblut durch seine Fächerstadt
Sich über den Schnee hin wie ein verwehtes Palmenblatt;
Hält unterm freien Himmel auf gut ungar'sch gleich
Seinen Kriegsrat unter dem Sporenstreich.
Alles muß leiben und leben, der ganze Mann sprechen muß,
So will's der südlich gemütliche, sinnliche Habitus;
Gleichviel, ob's Geist hat, was heraus er spricht,
Aber Körper muß es haben, plastisches Gewicht.
»So machten wir's in Italien, Hochschule vom Schwert,
Was wir dort gelernt, werd' hier gelehrt!«
Pflanzt her sein Reislein, gepflückt im Lorbeerland,
Als Baum der Erkenntnis, auf den schleichen Sand
Der Stürmer der Bocchetta. »Bravo Macquire!«
Applaudiert mit Hand und Huf O'Donnel, Fürst Karl Joseph von Liechtenstein (1730–89), nach der Lage seines Fürstentums »Wallis« genannt, kämpfte unter seinem Oheim Joseph Wenzel von Liechtenstein 1746 bei Piacenza im Österreichischen Erbfolgekrieg gegen die Franzosen. La Bocchetta: ein damals viel umkämpfter Apenninenpaß. Karl Graf O'Donnell von Tyrconnel (1715 – 1771) zeichnete sich als Oberst in der Schlacht von Piacenza aus; er war 1757 Feldmarschalleutnant (Exzellenz). der Ire,
Als früge seine Kurbette: »Kamrad, denkst du daran,
Wie mich die welsche Armee, als ihren besten Mann,
Entsandt mit ihren Fahnen gen Wien als Siegslegat?«
Und als spräche der: »Ich denke dran, Kamrad!«
Salutieret er bäumend die baldige Exzellenza
Mit ihrem Heerestitel »Guten Morgen, Fähnrich von Piacenza!« –
»Ja, ja Italien!« wiegt sein Haupt gedankenschwer
Der löwenbrave Wallis, als dächt' der Tage er,
Die er auf Vulkanen, tückisch Feld wie Schlacht,
In den Abruzzen und Sizilien durchgemacht,
Wo er auf Messer aneinandergewesen
Mit dem Volk der Spanischen und Kalabresen;
Bis seine grauen Gedanken ihn über die Gletscher ziehn
Unter die türkischen Säbel, vor die Feste Semlin.
»Ja, ja Italien!« zieht mit Rednerpraxis sich
Hinein an ihrem Faden mit seinem werten Ich
Ein sehr gelehrter Degen, Mitglied vom Hofkriegsrat,
Der sein ganzes Leben auf den Tisch geschlagen hat,
Eine der vielverschickten goldnen Pillen von Wien,
Die die Soldaten scheuten, wie Gesunde Medizin.
»Ja, ja Italien, Erde des Cäsar!« hebt er sich drauf,
Als stünd' der alte Venividivici » Veni, vidi, vici« (lat.): »Ich kam, ich sah, ich siegte«. Ausspruch Cäsars. wieder auf,
»Ich bitte ums Wort, meine Herren!« – »Ade, meine Herrn!«
Setzt sich der Laudon Gideon Ernst Freiherr von Laudon (1717–90), damals österreichischer Generalfeldwachtmeister. Er war ein Livländer, darum im nächsten Vers: Liven. ab in unhörbare Fern'.
Nachlächelt dem kleinen Liven der gelehrte Mann;
»'s ist«, spricht er, »ein Sclavonierpartisan.« –
»Der doch den Salomo des Nordens jüngst belehrt,
Als Feind ihn fühlen ließ, was er als Freund wohl wert«,
Bemerkt der Liechtenstein, ältester Fürst vom Reich,
Und empfiehlt auf Wiedersehn sich höflichst auch zugleich.

Und eh' der Mann begriffen, daß ein simpler Soldat
Was besser wissen könnte als ein Hofkriegsrat,
Schwenken rechts und links sich ab die Practici,
Aber zusammenstecken die Herren der Theorie
Die Pferdeköpfe, breiten die Karte zur Session,
Und losmanövert, chefd'cœuvert Meisterwerkt, vom franz. chef-d'œuvre = Meisterwerk. die graue Schwadron.
»Weg alle preuß'schen Festen im ganzen Oberland!«
Streicht drüber ein Reichsfürst und faustet die Hand.
»Habt Ihr sie alle schon drinnen mit Mann und Maus,
Mein Prinzl? Ihr schaut mir halt darnach aus!«
Klopft, vorüberstreifend am Minervensitz,
Dem Handstreich auf die Finger der Stürmer von Schweidenitz,
Der kaustische Nadasdy, Franz Leopold Graf von Nadasdy (1708-83), General der Kavallerie. Kaustisch, soviel wie: mit beißendem Witz., der Zieten von Österreich,
Dem alten Hans an Mute, nur nicht an Demut gleich.
Das Prinzl aber siegt mit Wenn und Aber fort
Und gibt als Grund noch schließlich sein fürstlich Ehrenwort.
»Sehr ehrenwerter Prinz, das ist ein schlagender Grund!
Uns schlägt er zweifelsohne allen auf den Mund«,
Bemerkt der freie Herr von Lascy, der alte Normannensohn,
Des Ahne schon bei Wilhelm Eroberer Baron,
»Schlüg' dieser letzte Grund auch nur geradeso
Dem König auf seine ultima ratio, Ultima ratio regum (lat.) = der letzte Vernunftbeweis der Könige, soviel wie: die Kanonen.
Soweit wir aber von der Roßbacher Affäre gehört,
Hat der an Ehrenwörter sich eben nicht gekehrt,
Gaben auch sie dorten zwei Prinzen zugleich
An die Franzosen und das Heilige Römische Reich.« –
»Pah!« schlägt der alte Spleny, Lascy, Spleny, österreichische Generale. der schwarze Gabriel,
Husarenkurz sich hinten aufs rauchende Pantherfell:
»Schwatzen sich's zurechte, wie sie's haben wollen,
Und kommt's, kommt's halter, wie sie's haben sollen.« –
»Das ist die alte Geschichte vom grünen Tisch!«
Sprengt der Laudon wieder die Straßensitzung frisch,
»Ich sollt's auch haben von meiner Kaiserin
Und muß es doch nehmen vom König hin;
Soeben bringt sein Trompeter mit schönstem Kompliment
Mein aufgefangen Großkreuz und Generalspatent.«

So tummeln sie fort sich durch die linnene Gass,
Und wie sie trocken sich schwatzen, trinken sich naß
Die Herrn vom Unterstab im schwanken Gezelt;
Wie sie den König schlagen mit Fingern aus dem Feld,
Brechen die seinen Bataillonen jedenfalls
In ihren Flaschen den verpichten Hals,
Daß die Scherben anwachsen zur Bergeshöh',
Als säß' noch unterm Pfropfen die preußische Armee.
Vorkämpft mit bronznem Gesichte der Panduran,
Der immer muß saufen, wenn er nicht säbeln kann;
Aufspielen dem klingenden Spiel vom Scherbenglück
Die böhmischen Banden, die Regimentsmusik,
Deutschmeister, Palfy, Truchseß und Clerici,
Dreinschmettern Erzherzog Joseph, Bathiany, Namen österreichischer Regimenter.
Mit brüllen die mährischen Ochsen – varietas delectat Lateinisch: »Abwechslung erfreut.«
Der schlesische Bürger und Bauer das Zusehn hat.
»Schauns! Das habt ihr umsonst und 's Zahlen nachher!
Bauer und Bürger ernähr! Soldat verzehr!«
Trommelt vor und pfeift mit gellendem Pfiff
Der wilde Pandur auf türkisch den Ständebegriff;
Nachtanzen die Völker der Donau die bunte Reih',
Ein jedes nach seiner Art und Melodei:
Die haarige Faust am Messer, schlägt sich 's Komitat Komitate: ungarische Landesteile
Auf klirrendem Hacken ums Kind vom Banat; Banate: ungarische Grenzländer.
Ausschlagen die Völker der Rosse, wiehern und brüllen,
Wie auf ihrer Heide die Stiere und Füllen.
»Slawa!« fährt dazwischen der bleiche Mann;
Nachblitzt dem Slowaken das ganze Slawengespann,
Und toller, als stach' sie alle der Tarantelstich,
Wirbeln sie tanzend zusammen und kreuzen sich,
Die wilden Kinder der Mutter Maria Theresia;
Stumm kauert der Zigeuner, der dunkle Paria Indisch: Glied einer sehr niedrigen Kaste, Auswürfling.

Inzwischen kommt in der lustigen Fahnenstadt
Auch endlich zum Sitzen der hohe Kriegesrat.
»Des Kaisers Majestäten, mein Bruder, kund mir tut«,
Eröffnet Lotharingen dem vielgemischten Blut,
»Die Bundesgenossen wollen wohl Schlesien bei Österreich;
Doch Preußen ruinieren, das wollen sie nicht zugleich;
Da selb'ges aber Erzwille, schreibt Sr. Majestät,
So müssen wir –« – »Der König!« platzt in seine Red'
Die Post wie eine Bombe – »der König wieder da!« –
»Der König?« Einer den andern, als wäre der's, ansah.
Und still, als ging ein Engel durch den Rittersaal,
Totenstille ward es drinnen allzumal,
Und draußen auch – ein Horchen scharf und scheu –
Es hat durch ihre Wüste gebrüllt der alte Leu.

»Was nun?« ging's alte Ei Kolumbi am Tisch herum;
Ein jeder sucht's zu stellen, doch allen fiel es um.
»Abwarten!« spricht endlich Daun-Fabius,
»Der König wird uns kommen, weil er uns kommen muß.
Wir lassen ihn auflaufen an den dreihundert Stück
Und geben seine Schädel zerschmettert ihm zurück.
Im Arme von zwei Festen da wartet sich's mit Ruh'.« –
»Bin auch für das Kunktieren«, nickt Serbelloni Serbelloni, Lucchesi, österreichische Führer. zu.
»Ich nicht, Herr Feldzeugmeister!« vom Stuhl aufschoß,
Als kollert ihm entgegen ein Redner gleich zu Roß,
Graf Lucchesi, prellend die Faust auf seinen Stahl,
Daß jeder Zoll erklirrte – ein Reitergeneral! –
Nachprasselt dem Koryphäen in laufender Explosion
Seine Partei, die ganze Flammenschwadron.
»Wie?« tritt Lucchesi an ihrer Spitze vor,
»Ein Spiel nicht auszuspielen, wenn man fünf Matador' Matador = Trumpf
In Händen und die Vole? Vole = Gesamtheit der Stiche beim Kartenspiel. Kann überhaupt denn noch
Die Rede sein von Preußen? – Die Herren wissen doch,
's ist alles weggelaufen! – Und was noch da etwa
Und zugeschleppt von Roßbach, so gut wie auch nicht da;
Die einen totgeschlagen, die andern totgehetzt,
Eindreißigtausend Schatten der ganze König jetzt!
Wir aber, meine Herren, sind neunzigtausend stark,
Im Herzen Siegesfeuer und Ruh' und Pfleg' im Mark.
Ein Heer par excellence! In der Vollendung, vortrefflich. des Sonne da halt
Keinen Schatten hat als den von seinem Lorbeerwald!
– Und diese Gloria hinter Kanonen, Palisad'
Verkriechen sich vor jener Berliner Wachtparad'?
Wir zweimal Sieger? Und doch sich bloß verteidigen,
Das hieße, meine Herren, sich selbst beleidigen;
Hieß' vor ganz Europa, gesprochen mit allem Glimpf,
Sich holen von ihrem Schaden unsern Schimpf.« –
»In Eure hohen Hände«, richtet weiterfort
Der Redner an den Prinzen sein tapferes Wort,
»Legte jetzt der Himmel für oft versagten Sieg
Nieder die Entscheidung über Frieden und Krieg.
Der noch im Schnee den Lorbeer zu pflücken fand,
Wird auch die Palme brechen auf märk'schem Fichtensand.
Brecht vor aus unsern Schanzen, macht in Berlin Quartier!
In Brandenburg liegt Schlesien! Wollt, so könnet Ihr!«
Gesprochen hat's der Römer und gießt Tokaier drauf;
Anklingt der Lotharinger, als hörte Preußen auf.
Und was da ward betrunken, im Sturm ward's ausgeführt:
»Prinz Eugenius, der edle Ritter« – ausmarschiert
Das Heer aus seinem Baue auf die Ebenen frei,
Und vor als die Avantgard' seine Bäckerei.

Der Zieten, Immerletzter, wenn Preußen retiriert,
Imgleichen Immererster, wenn Preußen avanciert,
Wesmaß ihn ihre Vorsicht auch nannte die Armee,
Ritt just rekognoszieren, daß er voraus ihr seh',
Als die Bäcker eben in Neumark einmarschieren
Und harmlos auch sofort sich zum Backen etablieren.
Erst sieht mit frommer Rührung der gottesfürcht'ge Mann
Mit seinen roten Raben die weißen Würmer an:
»Sind wert wir kein Schuß Pulver, schießen sie mit Mehl?«
Und die gottsfürcht'ge Seele wird die dreiste Seel'.
»Euer Brot ist gebacken. Marsch!« Und vogelgeschwind
Über die armen Würmer her seine Raben sind;
Die Bäcker abgeschnitten, und abgesäbelt mit
Fünfhundert Kroatenköpfe! Kehrt macht der Zietenritt.
»Guten Abend, lieber Zieten, was bringt Er mir so spät?« –
»Gottlob, mal wieder was Gutes, Euer Majestät!«
Nimmt Zieten, immer bescheiden, zu seinem Rapport
Mit hunderttausend Mundportionen das Wort:
»Die Östreicher kommen« – »Was? Zieten, fabelt Er?«
Steht auf der König »die können nicht warten mehr?
Das wär' ja ganz was Neues und auch was Gutes dabei!« –
»Ihre Avantgard' machte ihre Bäckerei;
Ich dacht', ist Geben Taktik, ist Nehmen Schuldigkeit,
Und bracht' die Also-Sichern vollends in Sicherheit.« –

»Östreich avancieret, will auch angreifen mal,
Daran ist Daun unschuldig, das ist der Prinz-Gen'ral!
Erhalte mir der Himmel nur meinen Hofkriegsrat,
Der war mein bester Freund, sooft er etwas tat.«

Ansetzt der König wieder die Flöte, ein froher Mann,
Ruft auf der Töne Wellen her in seinen Bann
Seine sicht- und unsichtbaren Geister; allzumal
Eintreten unterm Spiele seine General'
Um ihren melodischen Meister im Kreis herum.
»Bon soir, Messieurs!« spricht er nach dem Präludium,
»Es wird uns die Affäre bequemer jetzt gemacht,
Der Fuchs kriecht aus dem Loche, der Zieten hat's gesagt,
Will uns angreifen. – Bon, wer Erster ist, greift an.
Wir wollen sehen, wer von uns das Prävenieren Zuvorkommen. kann.«

Und »Kamrad, komm!« ruft's wieder dem Schläfer zu,
»Steh auf! Brich ab deine Zelte, laß fahren die Ruh',
Auf morgen wieder! Je müder du, je süßer sie.«
Abschüttelt der die Ruhe auf morgen oder – nie,
Wirft 's Lager auf die Räder, über Schulter das Gewehr;
»So leben wir alle Tage« marschieret wieder er,
Der Unverwüstliche, vor seiner fahrenden Ruh'
Mit seinem alten Marsche der neuen Sonne zu.

Schon kräht der Hahn im Dorfe, verschlafen noch lag
Im Arme seiner Nebel der matte Dezembertag;
Nur je zuweilen fuhr ein streifend Licht hervor,
Schied Himmel und Erde, dann trat aus seinem Flor
Eins jener Gefilde, die Zorn dazu gemacht,
Immerdar zu trinken den Blutkelch der Schlacht.
Hart lag das traurig berühmte wie ein versteinert Meer,
Das stehngeblieben im Sturme mit seiner Brandung umher:
Vorn Kuppen und Gruppen, fern lange Rücken gestreckt,
Zwischen den toten Wellen verloren, versteckt
Städte, Dörfer, schlanke Föhren, kraus Gezweig,
Wie segelnde Schiffe, stehngeblieben zugleich.

Der König ritt durch den Nebel seinen Völkern voraus,
Sah hoch über die Städte und Dörfer hinaus.
Herüber schwammen am Saum die Höh'n von Trebenitz,
Der Zobten, die Riesenberge, die Türme von Schweidnitz,
Breslau, Hohenfriedberg; feucht aus sinkendem Flor
Tauchten die tiefen Ebnen der Oder und Katzbach empor;
Und alle Steine redeten, jeder Hügel und Baum
Von seiner Geschichte auf dem sagenreichen Raum.

Der König schlug den Mantel zurück, als würd' ihm warm,
Reckt übers Gefilde aus seinen Kommandoarm:
»Hier hab' zu Fuß und Pferd in Kriegs- und Friedenszeit
Vielmal ich manövrieret, hier weiß ich wohl Bescheid.«
Sein großes blaues Auge, ein trüber Himmel schwer,
Hing über dem Felde, wo schlagen sollte er
In wenig Stunden die verzweifelte Schlacht
Mit Trümmern wider eine dreimal stärkre Macht
Um seinen Herzogshut und – ob um den allein?
Vielleicht um seine Krone – um Preußens ganzes Sein!
Habsburg haßt und fürchtet, was kann da halb geschehn!
Muß er unterliegen, muß er untergehn.

Reglos, weiß sein Mantel, weiß sein Roß,
Weiß der Höhennebel, der wolkend um ihn floß,
Stand er, derweil sein Geist durchwandelt das Gefild,
Vor seinem harten Felde, sich selbst sein steinern Bild.
Und als sein Geist heimschritt und wieder Leben mit,
Winkt näher er den Zieten, der um ihn im Kreise ritt
Und mit dem Gaudi, des Königs Adjutant,
Um den Einsamen den Späherbogen spannt.
»Werd' mich, mein lieber Zieten, scharf exponieren heut;
Sollt' mir was Menschliches passieren, schaff Er mich beiseit
Durch etliche von Seinen, daß mich der Feind nicht kriegt;
Im übrigen fortgeschlagen, bis wir gesiegt!«

Als so in Kürze bestattend er seinen Leib besprach,
Rückten seine Schwadronen auf seine Höh' gemach,
Und als um ihren Küraß der schwimmende Morgen floß,
Da sprachen die von Seydlitz herab vom hohen Roß:
»'s ist heut wieder der fünfte!« – »Roßbach!« rief die Armee
Vom ersten Mann der Tete bis zum letzten der Queue.
Und ausgegossen purpurn auf Heeres Antlitz lag
Es wie die Morgenröte vor einem schönen Tag.
Sie spotteten nicht der Feinde, sie dachten keinen Spott,
Sie sangen zur Feldmusik ein Stück vom frommen Gott:
»Gib, daß ich tu' mit Fleiß, was mir zu tun gebührt,
Wozu mich dein Befehl in meinem Stande führt,
Gib, daß ich's tue bald, zu der Zeit, da ich's soll,
Und wenn ich's tu', so gib, daß es gerate wohl!«
Herweht's ans Ohr dem König, und horchend hält der an:
»Was ist das für Getöse?« Und Gaudi sprengt heran:
»Sie singen sich was Geistliches, ein Morgenlied.
Befehlen Majestäten, daß ich es ihnen verbiet'?« –
»Das laß Er bleiben«, neigt zu Zieten der König hin:
»Was meint Er, ob mit solchen ich die Bataille gewinn'?«
Und ehe der könnt' was meinen zum christlichen Humor,
Legt ihm der König vors Auge sein Schlachtenrohr:
»Guck' Er mal durch, was sieht Er, wo nächt'ger Stund'
Wir sahn den Feuerstreifen, der mit dem Tag verschwund!
Sind's Nebel oder Reuters?« – »Das sind kein' Nebel nicht«,
Guckt unterm Glase durch das alte Husarengesicht.
»Das sind« – »Die sächsischen Dragoner! – Vortrab
Unter General Nostitz«, ruft seine Meldung ab
Der nächste Mann von jener verlornen Postenkett',
Die Zieten ausgesponnen als seine Nachtvedett'.
»Das sind die Benkendorfschen!« rollt es dem Rapport
Nach durch alle Schwadronen, wie grollend Donnerwort,
»Also der Bruder Sachse ist unser erster jetzt,
Der bei Kollin uns Striegau anstrich zu guter Letzt.« –
» Bon!« fängt's auf der alte Wetterleiter: »Voran!
Strich er euch Striegau, streicht ihr Kollin ihm an.«

Und dreißig Schwadronen legen über die Hälse sich,
Wie aus der Pistole, Kopf und Schweif ein Strich,
Heran, vorüber und weg – verdampft das ganze Korps,
Noch schneller aus den Augen als aus dem sausenden Ohr.

Derweilen stand, wie sie gestanden tags vorher,
Und durch die liebe lange Nacht noch unterm Gewehr,
Vom Himmel umnebelt, von der Erde umsumpft,
Zwischen Wachen und Schlafen, alle Sinne verdumpft,
Mit der historischen Ruhe die kaiserliche Armee,
Erharrend des Moments, wo weiter sie geh'.
Da fängt es an zu tagen, und staffelweis, gemach,
Steigt aus dem Hauptquartier der große Stab zutag.
»Jetzt wird's halt komme!« geht, mobil machend, um
Ein gliederschüttelnd Belebungsexerzitium.
Hersprengen der Generalissimus und seine Suite,
Aller derer Generalfeldmarschalleutenants mit;
»Wünsch' wohl geruht zu haben«, werfen gemütlich sie
In die bereiften Bärte, und alle die
Mit »Hoch! Evviva! Eljen!« so viel' Vivat da,
Als Sprachen unter den Kindern der Theresia,
Tun Bescheid dem Gruß so herzfrisch, wohlgemut,
Als hätten sie auch alle kaiserköniglich geruht.

Still unterm Kehlendonner reitet Vater Daun,
Erhalter der Armee, sich für sie umzuschaun;
Mitschleppt er am Bügel auf seinem Umschauritt
Das gegendkund'ge Auge, den Hirten von Leuthen, mit,
Zeigt bei jeder Frage, so ihm nötig dunkt,
Mit seinem Stocke auf den fraglichen Punkt –
Bis sein Fragezeichen auf eine Turmspitz' wies,
Vorguckend hinter einem Berge. »Was ist dies?«
Der Bauer nahm das Große fürs Kleine, zog die Mütz',
»Das ist ein Berg, Herr Exzellenze, von wo der Fritz,
Wenn er Manöver machte und hier Bataille schlug,
Allzeit den Feind, die Östreicher, herunterjug.« –
»Das ist ein schlechtes Omen!« wendet sich Herr Daun
Zum Prinz-General. »Ein müßiges traun!
Wie jeder Prophet, der nachher prophezeit!«
Wiegt Vormund Lucchesi voll Selbstgenügsamkeit
Nachlässig sich im Sattel. »Die Sache ist gemacht:
Wir schlugen unsern Kriegsrat, und das war unsre Schlacht.
Mit jenen Preußen drüben, sollten's noch wagen die,
Damit werden wir fertig, die machen uns wen'ger Müh'.
Hoch Marie Theresia!« bricht ab den Faden er;
»Jetzt wird's halt komme!« spricht wieder das Heer.

Und es kommt, als kam' es vom Teufel gehetzt,
Her über die Kuppen und Gruppen da angesetzt:
Vorauf berittne Kroaten mit blutigem Kopf,
Hinten hängend und hockend an Schweif und Schopf,
Wer noch Gesäß zum Sitzen, Beine zum Laufen hat.
»Wir find die letzten Bäcker!« geht durch die Retirad'
Immer durch, durchs Heer mit Vor- und Hintermann.
»Halt!« donnert der Feldherr den letzten Bäcker an.
»Hat Er den Kopf verloren?« – »Nein, halten's zu Gnad',
Unsre Bäckerei«–Und eh' die Kavalkad'
Noch Boden hat und Odem, kommt schäumend schon
Über sie eine zweite, die sächsische Mission.
»Der König!« meldet Nostitz, »um Hilfe bitte ich,
Um allerschnellste, Hoheit, sonst forciert er mich!
Der König!« schickt er wieder, »ich werde flankiert!«
Zum drittenmal: »Der König – ich werde attackiert!« –
»Der König mich angreifen?« fragt Prinz Karl fast naiv,
Und als ob »Warum denn nicht?« der König rief'
Mit seiner Löwenlaune – ihm vor die Füße her
Wirft er den toten Nostitz, mit vierzehn Wunden schwer,
Und die Hälfte seiner Reiter stäubend über ihn,
Angestrichen ihnen die Streiche für Kollin,
Die andre Hälfte behaltend gefangen in der Hand
Als seines Tages erstes Faust- und Siegespfand.

Stumm steht der Prinz-General mit seinem Stab
Vor dieser löwengrimmigen, königlichen Attrapp';
Daun schiebt die heil'ge Mütze, als ob er spürt
Das schauerliche Behagen: »Mir wär' das nicht passiert«,
Rückt krauend die Reliquie wieder vom Ohr:
»Schauns, der König kam halt uns wieder vor.« –
»Nun, wird er offensive, so werd' ich defensiv!«
Heraus der Prinz sich wieder aus seiner Pause rief.
»Ja, das ist auch das beste!« riefen beiderseits
Die Parteien einstimmig aus Verlegenheit.
»Defensive?« faßt Herr Daun sich unter das Kinn,
Zieht 's Wort in ganzer Länge über die Lippe hin.
»Schön, Prinz, aber heute ist nicht gestern mehr.
Ja, wenn man noch dahinter sitzengeblieben wär' –
Nun aber kann man nicht mehr rück- noch vorwärts gehn –
Da ist das beste freilich, wir bleiben weiter stehn.«
Als so Herr Daun gegeben noch manchen Seitenhieb,
Sich ausgesprochen, bis zu sagen nichts mehr blieb,
Ging er so schnell, als ihm es möglich, an die Sach',
Verbaut dem Heer die Flanken und wo sonst es schwach;
Zieht vor noch den Nadasdy, der links den Flügel führt
Und auch das Hilfsvolk, die Spitze kommandiert;
Benutzt, ein Meister in der Steh- und Stellungskunst,
Vom aufgezwungnen Boden nach Regel jede Gunst.

Derweilen nutzt der König sein Faust- und Siegespfand,
Eröffnet mit Drapierung, als Morgengruß, die Hand,
Und läßt als die gefangnen Sieger von Kollin
Mit den Trophäen an seinem Heer vorüberziehn.
Doch Feuer in Flammen nicht weiter nötig war;
Schon glühet jede Waffe, der brennende Husar
Will alles niederreiten, was noch kaiserlich,
Macht auf die ganze Armee chokfertig D. h. fertig zum Angriff. sich.
»Halt! Kinder, laßt sie mir doch noch ein bißchen stehn«,
Kühlt der König, »möchte sie vorher noch mal besehn. –
Halt!« wettert er, wie Wetter, wohinter die Sonne scheint,
»Hab' ja mehr Not zu schützen als zu schlagen den Feind.
Steh bei, Zieten, mit deinem heiligen Respekt!
Ma foi! Französisch: »Meiner Treu!« der lichte Teufel in den Kerlen steckt.« –

»Ja! Siegen, Majestäten, oder alle zusammen –!«
Ächzt, ein Sturm herüber in die Husarenflammen,
Eine Kolonne, verkoppelt Mensch, Stier und Roß,
Und dahinter rasselnd der eiserne Koloß.
»Woher?« stellt der König das wilde Gespann.
»Von Glogau!« spricht, was da noch sprechen kann.
»Kollin, Breslau, Schweidnitz uns groß Kaliber kosten,
Drum lösten wir ab die Brummer von ihrem Ruheposten.« –
»Nun habt ihr Kanonen, aber keine Konstabel Artilleristen. nicht?« –
»Wir haben wieder keine Pferde!« heiter spricht,
Als hülfe der Mangel dem Bedürfnis ab und auf,
Ein seit Roßbach abgesessener Reiterhauf'.
»Wir protzen ab! Wir spielten vor Gotha Musketier,
Wenn Not am Mann, warum nicht auch mal Kanonier?
Vorwärts! eiserner Kamrad, mit uns in Reih' und Glied!
Wohin wir müssen, müßt ihr alten Burschen mit!«
Und ins Heer ab übermächtig rasseln sie von dann.
Nachschaut der König dem unmöglichen Gespann,
Sieht Kolosse fliegen – und Meister Friederich
Steht staunend vor dem Geiste, den er gerufen sich.
» Voyons, Messieurs»Laßt sehen, meine Herren!« (franz.). und dahin er schoß,
Als hätt' sein heitrer Adler beflügelt auch sein Roß;
Nachsprengen verhängten Zügels dem Höhenritt
Die Feldherrn seiner Flügel und seiner Heeresmitt':
Der Dessau und der Retzow, Generals der Infantrie;
Der Zieten und der Driesen, Georg Wilhelm von Driesen (1700–58). Generals der Kavallerie.
Und auf dem Schmiedeberge, dem nächsten Horste hier,
Macht halt der fliegende König und um ihn seine Vier,
Sich von den hochgelegnen, umsichtsfreien Auen
Die schattenlose Glorie mal näher anzuschauen.

Da lag der Doppeladler, in seiner Sonne gedehnt,
Gemächlich über die Ebne an See und Wald gelehnt;
Vor seiner Brust zwei Schilde, Leuthen und Frobelwitz,
In jedem Fänger batterieweis Donner und Blitz;
In seinem Doppelschnabel das wehende Grün
Der zwei Siegesschlachten Breslau und Kollin;
Ausspreizend die geschweiften Flügel stundenweit,
Ein Bild erzkaiserlicher Unüberwindlichkeit.
Die Bataillone, Schwadronen stunden also klar,
Daß schier jeder Mann da herauszuzählen war.
Und was dem Aug' verschleiert schwarzer Föhren Flor,
Trug Spähers Mund in seines Königs Ohr;
Und während das Ohr Gehör allseits hin gab,
Fliegt vorweg das Auge die ganze Linie ab.
Des Künstlers Auge sieht in des Handwerks Bau,
Faßt schnell zusammen in einen Blick die Schau:

»Zwei Treffen, der Leib Fußvolk, Flügel die Reiterkett',
Verstählt die Flügelspitzen mit dem Bajonett! –
Front und Flanken decken Dorf, Sumpf und Wald,
Das streichende Kanon dazwischen jeden Spalt;
Und doch ein Feld zum Angriff. – Man sieht's, es fehlte Zeit,
Warum nicht weitergehen, ging man einmal so weit?
Warum nicht hier sich stellen auf die bequemen Höhn?
Raum hinter sich zum Regen und vor sich Defileen? –
Attackier' ich die Mitte? – Dazu bin ich zu schwach;
Leicht splitterte mein Sturm an ihrem Flügelschlag.
Attackier' ich die Rechte? – Kernvolk – Wald – Bruch –
Was hätt' ich am Ende von diesem Schnepfenzug?
Rechts liegt des Schlachtfelds Tiefe; will ich Entscheidung sehn,
Müßt' ich doch erst gewinnen des Schlachtfelds Höh'n.
Soll ich darum schlagen, wenn meine Kräfte matt?
Ans Schwerste, solang Frische noch Leib und Seele hat!
Werf' ich erst mit Force die Hauptsach hinter mich,
So macht die Bagatelle ganz von selber sich.
Attackier' ich die Linke, so hab' ich ihre Höh',
Von da senkt sich der Boden nach rechts hin der Armee;
Hier steht auch nur ihr Hilfsvolk, der Bayer und Schwab',
Im Schatten meiner Berge gewinn' den Marsch ich ab,
Kann, ohne daß sie's merken, durch die Defileen
An ihrer Front vorüber ihre Flank' umgehn.
Und hab' durch das Manöver erst Fuß gewonnen ich,
So hab' ich auch des Bodens ganze Gunst für mich.
Was deckt denn ihre Linke? Die Fichtenbüsche beid' –
Voll Schwaben und Grenzern, flankierend sich gegenseit.
Dahinter schmiegt die Linie der Bayern sich zurück,
Hakt nach dem See hinüber – ein waldig Hügelstück –
Zwei Batterien, Verhau, Moor, Gräben entlang
Ist Summa die Deckung ihrer linken Flank'.
Enfin – die Linke ist doch nur schwächlich angelehnt,
Rechtzeitig nachzuhelfen, der Körper zu verdehnt;
Hab' ich ihn beschlichen, sehn sie plötzlich mich,
Verlieren sie die Köpfe, machen Fehler, die nutze ich:
Ich attackier' die Linke! – Ist's auch ein mißlich Stück,
Anstatt auf eigne Plane zu bauen sein Glück
Auf Fehler, die wir erst von andern haben wollen,
So kenn' ich meine Leute, die sie machen sollen.
Der Prinz wird alles, Daun nichts durch die Gelegenheit,
Der hat den Schaden, der nicht den Vorteil seiner Zeit!
Ich bau' auf ihre Fehler«, wendet den Schimmel er um,
»So fest als auf mein preußisch Exerzitium.
Die Vorhut bleibt hier stehn, die Rechte sie amüsiert,
Hat scharf Aug' auf alles, was in der Mitt' passiert,
Nach dem, was ihrer Rechten zugute schon geschehn,
Glaubt sie, uns schon zur Liebe, auf sie sei's abgesehn.
Derweil zieht die Armee sich durch die Defilees,
Der Zobten 's point de vue! Französisch: »Richtungspunkt«. – Allons, Messieurs

Und auseinander sprenget der Feldherrn Kreis
Sich, wie Planeten auf ihrer Sonne Geheiß,
Jeder an seine Fahne, zu leuchten ihr voran,
Von seinem Licht erleuchtet, Stern wieder seinem Mann.

»Gebt Achtung!« weht ein Stimmensturm daher –
»Ihr Herrn Ober- und Unteroff'zier', Spontons und Kurzgewehr',
Zum Einschwenken in Zügen rechts abmarschiert!«
Bis in die rasselnde Waffenwoge der Sturm sich verliert,
Bis aus dem Flügelmarsch in ihren Treffenschritt,
Rechts und links die Reiter, Fußvolk die Mitt',
Die Züge scharf Distance, die Teten in gleicher Höh',
Verwandelt aus vier Säulen in zwei sich die Armee
Und, so zu jeder Gestaltung raum- und regungsfrei,
Sich hinterm Berg an kaiserlicher Front vorbei
Fortmanövrieret mit einer Pracht der Ruh',
Als gält's eine Parade der Feindeslinken zu.
En chef führt General Zieten die hundert Schwadron,
En chef Fürst Anhalt-Dessau die funfzig Bataillon,
Das Ganze wieder der König, reitend über die Höh'n
Der Heeresscheide. Im Auge beide Armeen,
Leitet er seine Bewegung nach des Feindes Stand,
Späht noch über beide umher am Himmelsrand,
Ob irgendwo herüber drohende Wolken ziehn,
Gedenkend seiner Schatten am Tage von Kollin.
Macht halt auf dem Berge, geheißen »die Wacht«:
»Das ist der höchste, hier lenk' ich meine Schlacht.«

Ausläuft die bergende Kette, und vor ins Hochgefild
Tritt der Ritter vom Schwarzen Adler heraus aus seinem Schild
Ins Gesicht dem Feinde, wieder in Flügelgestalt
Sein Heer, ein Schwert, schlagfertig, dreitreffiger Gewalt.
Die kaiserlichen Feldherrn ersahn verwundrungsvoll,
Wie der Koloß allmählich aus seinem Berge schwoll,
Mit jeder neuen Regung Farb' wechselnd und Gestalt.
Absetzen sie die Gläser: »Das ist ein Rätsel halt!
Da ist nichts nach der Regel! Was wird am End' daraus?« –
»Was wird es?« spricht Herr Daun, »da wird gar nichts draus.
Die Leute haben in guter Verfassung uns gesehn,
Nun wollen sie wieder gehen, so lasse man sie gehn.« –

»Halt nix!« macht erst sich mundrecht der Soldat das Wort,
Drauf geht in jeder Mundart durch seine Reihen fort,
Ein Sakrament, der Ausspruch der Heersautorität.
Ablegen die Regimenter ihr kleines Feldgerät,
Brotsack, Tornister und was sie sonst noch drückt;
Dem Bruder Preußen wird, statt Kugeln, nachgeschickt
Ein Feuerwerk von Witzen. Den Witzigsten spielt
Naturgemäß derjenige, der sich am leicht'sten fühlt.

Indes kommt das »Halt nix« auch bei den Schwaben an.
»Hm«, streicht Nadasdy, der kriegeskluge Ban,
Sich übers ganze Gesichte seinen Kroatenwichs,
»Der kommen, um zu gehn? – Herr Daun, das ist halt nix!
Der geht, um erst zu kommen, und wem? Mir jedenfalls!
Bitt' Hoheit um Sukkurs! Mir kommt er übern Hals!« –
»Nein mir!« schreit der Lucchesi, Feind der Verteidigung,
Aus seinem rechten Flügel, noch heißer als beim Trunk.
»Ich bitte um Verstärkung, kann sonst für gar nichts stehn«,
Schreit er weiter, eh' einen Preußen er gesehn.
Und weiter schreit Nadasdy: »Rechts Spiegelfechterei!«
Und von rechts und links Adjutantenreiterei,
Und für rechts und links Partei die Mitte macht;
Eh's kommt zum Schlagen, gibt's hier schon eine Schlacht.

Der so beschickte Feldherr, bedrückt allein genug
Von seinen Widersprüchen, kommt durch den Widerspruch
Der ersten seiner Geister, durch seiner Flügel Streit,
Recht in die Mitte schlagender Verlegenheit;
Gibt recht dem größten Schreier, Lucchesi wird beliebt,
Nimmt noch dem linken Flügel, was er dem rechten gibt.
Abmüden sich die Geschwader in stundenlangem Ritt,
Nachführt Herr Daun den Rückhalt selbst in forciertem Schritt.

Der König sieht gar heiter dem Schattengreifen zu,
Und als Herr Daun selbst hitzig mitspielt die blinde Kuh,
Denkt er wie der gemütlich: »Die Leute gehen – Bon!
Man lass' sie gehen, ich gehe auch: En echelons Französisch: »In Staffeln«.
Sich zur Attacke die ganze Armee formiert!
Der rechte Flügel schlägt, der linke refüsiert!«

Vorschwankt des ersten Treffens schnurgerader Stab,
Zwanzig Bataillone, bricht zwanzigmal sich ab
Zu einer Heerestreppe, die Stuf ein Bataillon,
Funfzig Schritte Abstand in schräger Gradation, Abstufung.
So daß um tausend Schritte dem linken Flügelschlag
Vorweht der rechte Flügel, befohlen zur Attack'.

Nachsteigt das zweite Treffen in Regimentersproß,
Herum im Halbmond schwingt sich das Flügelroß,
Stark hundert Schwadronen, an die Flankenwänd'
Als der Doppeltreppe umfliegendes Geländ'.
Den kühnen Bau zu stützen, steht noch im Hintergrund
Die alte Heeressäule Fußvolk in Halbrotund';
Vorn lagern abgestuft nach ihrer Treppe Fall
Sich hin die Pfosten, hundert Löwen von Metall.
Den schwarzen Tod in ihrer ehernen Seele Grund,
Liegen sie auf vier Lagern mit offnem Schlund,
Auf den Wink zu ziehen über die Gloria
In vier Quadrigen ihre Viktoria.

Der König überschaut nochmal sein letztes Heer,
Zieht tief vor ihm den Hut ab als seine letzte Ehr',
Läßt hoch ihn in die Lüfte von seinem Horste wehn:
» Adieu, Messieurs! Sieg oder Nimmerwiedersehn!«

Und wie ein Hauch, ein Laut an lautlos-hohem Firn
Losweht eine Flocke von der beschneiten Stirn,
Und die Flocke, Spiel noch in der Lüfte Gewalt,
Machtlos, den Halm zu knicken, kräuselnden Spiels sich ballt,
Der Ball sich rollt zur Säule, die Säule zum Koloß,
Der Koloß zum Berge und der Berg als Genoß
Mitnimmt seine Straßen, wälzend Schicht über Schicht,
Bis donnernd die Lawine den Stamm wie Halme bricht:
So lösen sich vom Heere drei winzige Bataillon',
Dran hängen sich zehn schwere Stück eiserne Kanon'.
Sie rücken vor die Fichten, worin der Schwab' Quartier,
Geben Pulver in die Nadeln, und das Laufpanier
Ergreifen die braven Schwaben also Knall und Fall,
Als hätt' sie verhext die Salve im Holz zu Hasen all'.
»Halt, Schwabe!« ruft der Grenzer aus seinem Busche her
Und läuft, den Schwab zu halten, viel schneller noch als der.
Und Schwab' und Grenzer laufen den Bayern mit sich weg,
Und alle drei zusammen werfen ihren Schreck
Auf ihren Reiterflügel; und der, vom Feldherrnstab
Schon lahm geschlagen, bricht von seiner Mitte ab,
Verstäubt die blasse Spitze, wie Spreu in Windesflug,
Und wirft sich übers Moor bis an den Gohlaubruch.

Nachschiebt sich seinem Keile im geschwinden Schritt,
Stufe immer auf Stufe, die ganze Treppe mit,
Immer schräge, halbrechts, ohne Unterlaß,
Auf daß ihr Sturmesflügel nur sicher erst umfass'
Das Bruchstück und ingleichen auf Front und Rücken hin
Den ganzen schlanken Heerleib der Kaiserin-Königin.

Und als er beide hatte, wie er sie haben wollt':
»Drauf in Gottes Namen! Marsch und aufgerollt!«

Und ob durchschnitten die Erde, durchstrichen die Luft,
Unter tödlichem Regen über begrabende Schluft,
Untrennbar Schulter an Schulter und Glied auf Glied,
Als ginge durch alle zusammen ein eisern Niet,
Geht mit alle Flanken überflügelnder Breit'
Und der furchtbaren Ruh' in der Geschwindigkeit,
In Grund und Boden tretend, was in den Weg ihm tritt,
Der unwiderstehliche preußische Massenschritt,
Geht über Wolfsgruben und spanische Reiterei,
Über das ganze Rüstzeug der Schanzkünstelei,
Nimmt weg die Kanonen, dreht um das Rohr,
Und tritt, ihr Feuer das seine, vor auf das Moor.
Nachrauscht sein Reiter, fühlt ab mit eisernem Fuß,
Was der Sumpf kann tragen, und was er wagen muß.
Und als sie orientiert sich, Bataillon und Schwadron,
Zur Arbeit in der heißen und kalten Aktion,
Da federt er aus sich, der Flügel der Attack',
Der rechte über den linken, vor zu einem Schlag
Er Treffen aus Treffen, Waffen aus Waffen schnellt,
Aus krachendem Donner seiner Kanonen fällt
Der Pelotonsfeuer knatternder Regen,
Aus heißer Traufe hagelt der kalte Degen,
Saust, ein pfeifender Wind, die säbelnde Schar,
Der Zieten und sein nicht mehr zu haltender Husar. –
Derweil also die Schläge, treffend immer gleich
Aus allen drei Treffen mit jedem Streich,
Der König dem Prinzen in seine Linke gab,
Arbeitet der sich, zu decken, nach seiner Rechten ab –
Da hört er's donnern: »Meine Linke – was ist das?« –
»Die Schlacht, Ew. Hoheit!« spritzt an ihn's kochendnaß.
»Die Schlacht in meiner Linken?« fährt er starr zusammen,
Übergossen eiskalt von den nassen Flammen, –
»Und«, horcht er ihren Donnern, »sie kommen immer näher?« –
»Das ist die Flucht!« schlägt ohne Redensarten her
Ihm trocken ins Gesicht die rücksichtslose Sach',
»Wir sind die Schwaben, die Bayern kommen nach!« –
»Die Donner schweigen wieder« – »Ja, sie haben sie«,
Kommt nach der Bayer, »unsere Batterie!« –
»Schieß nit, Bruder Östreicher! Wir sind dein Bundsgenoß!« –
»Wir auch!« schreit der Grenzer, der ganze Läufertroß
An der Pelotons schon Feuer gebendem Halt,
»Die Preußen kommen erst hinter uns, aber bald!«

So spielt in Szenen bis zum Lachen grauenvoll
Sich vor ihm ab die ihm angeschmeichelte Heldenroll';
Erklärenden Text dazu umschwirrend ihm gaben
Das Volk der Adjutanten, heiser wie die Raben.
Und er, der Siegsbeschriene, liegt über Rossesbug,
Ein Schlachtgerichteter vom brüllenden Spruch,
Überm schuldigen Haupte das vielschneidige Schwert,
Die weg sich stürzende Flucht unter seinem Pferd,
Und sucht mit zitterndem Glase vorm flirrenden Aug'
In den schwarzen Wolken, dem wühlenden Pulverrauch,
Seinen Flügel: »Wo ist er? Ich seh' keinen Reiter mehr!« –
»Hinter der Armee!« heisert's um ihn her,
»Hinter der Armee!« stöhnt nach der arme Prinz,
»Auch der Nadasdy?«– »Mit der Hast des reißenden Winds
Kam's über ihn, Freund und Feind, mit riß ihn der Flug,
Da steht er auf dem Moore am düstern Gohlaubruch.« –
Und stehen sieht er ihn, als das Pulver verweht,
Und gehen in die Brüche, im Totentanz gedreht.
»Ich habe«, seufzt er, von keinem Zweifel weiter gequält,
»Alles geprüft und auch das Schlechteste gewählt!«
Und ohne Prüfen und Wählen, wie's in die Hand ihm fährt,
Wirft er Haufe und Haufe vor das rollende Schwert,
Alle Fehler wieder mit Menschen zu decken.
Aber über die alte Sündendecke mit Schrecken,
Über die Großkreuze vom Stern von Kollin,
Die prächtigen gefürsteten, gegraften Paladin',
Den Stollberg, den Otterwolf von Hohenstraten,
Den alten Fähnrich, jenen besten Soldaten,
Über das schöne Regiment von Modena,
Herqualmend aus den Sümpfen wie Nebelgeister da,
Den Säbel überm Kopf, die Bajonette vor,
Steigt der pulverschwarze preußische Humor:
»Absitzen? Fahne verlieren? Säbel und Borten vom Rock?
Mord Element!« Und Sturm auf Sturm, und Chok auf Chok,
Und wie sie kommen, die Haufen, rollt er sie auf,
Eh' sie zum Stehn sich stellen, Haufe um Hauf',
Wirft den gebrochenen Flügel in seinen Bruch,
Und drüber dampfend das bleierne Leichentuch.
»Da lieg'!« singt er dem Toten sein kurzes Grabeslied;
Und weiter, Schulter an Schulter und Glied auf Glied,
Mit überflügelnder Breite, zermalmendem Tritt,
Geht im Sturm auf die Mitte der Massenschritt.

»Vor! Immer vor!« treibt gegen der Prinz, noch zu stau'n.
»Halt! Zurück, was noch zurückkann!« kommt der Daun,
Der Menschensparer, wieder an seine Seit':
»So, stückweis, gehn wir in die Brüche vor der Zeit,
Bringen wir uns nur selber ein odemlos Opfer an,
Sind, eh' wir schlagen können, ein geschlagner Mann.
Sie haben unsre Flanken, sie haben unsre Höh',
Roll'n auf wie einen Bandstreif unsere ganze Armee,
Und was sie nicht können, das kann noch unser Schreck,
Blind stürzt er her vor ihnen, bahnt über uns den Weg.
Wollen ihrem breiten Sturme wir stehen Widerstand,
Müssen wir auch in Breite Wand setzen wider Wand.«

Und wieder hält zu Rosse der kaiserliche Stab
Unterm donnernden Himmel fliegenden Kriegsrat ab,
Und »Front hinter Leuthen!« stürzt sein Votum fort
Über die starren Linien als Kommandowort.

Und wie ein alt Gegitter in Ruh' seit Menschengedenk,
Wird Schwungs es geworfen aus seinem Gehäng',
Aus seinen Angeln schreit mit kreischendem Gestöhn,
Klirrend Stab, Niet und Nagel aus dem Gefüg' sich drehn,
Zusammengehalten bis dahin nur noch von seinem Rost,
Bis nach dem Umschwung um den knarrenden Pfost
Das alte Trümmer wieder in Schloß und Angeln hängt:
So, hinter Leuthen die Achse, herum sich schwenkt
Die alte Heermaschine der kaiserlichen Burg.
Rasselnd durchs Knäuel verkreuzter Linien hindurch
Arbeitet vor sich der Feuerschlünde Erzwall,
Nachschlägt sich, verachtend ums Leben den Tod, der Fluchtschwall,
Abschwenken sieht Lucchesi die Mitte: »Nachgeschwenkt!«
Und, einen Riesenbogen durchfliegend, wieder hängt
Sich rauschend seinem Heerleib sein letzter Flügel an,
Bis vortritt aus dem Chaos vom kreisenden Roß und Mann
Die neue Schöpfung, Östreich in seiner Breit',
Eine Mauer schichtweis hintereinander gereiht
Aus Stein und Erz und Menschen dreimal dicht,
Stellweis hundert Köpfe tief die Menschenschicht.

Doch wie sie sich auch drehen und wenden vorm Schlag,
Unabwendbar, unaufhaltsam folgt der Preuße nach,
Geschwinde wie ihr Schatten und kalt wie ihr Geschick,
Brechen müssen dreifache Mauer drei eiserne Stück',
Kugel, Bajonett und Stirn vom verzweifelten Mann,
Der gewinnen muß, weil er nichts mehr verlieren kann.

Und wie Östreich sich breitet, breitet Preußen sich mit,
Aufrücken seine Stufen mit stürmendem Schritt,
Herlegt sich an die Rechte die Linke der Armee,
Daß, wieder in Linie, ein Stab die Treppe steh'.
Wohl preßt die enge Gasse, als vor die Treppe stuft,
Wohl macht mit tausend Splittern die Kugel wieder Luft;
Doch wenn die eine Stufe zerschmettert niederbrach,
Schiebt drüber sich eine andre, und Stufe auf Stufe nach,
Und Stufe auf Stufe heran sich, bis rechts und links hinab
Dasteht die Treppe wieder, ein ungebrochner Stab.
Mitrauschen die Flügel, hundert Schwadronen breit,
Legen dem Mann der Feuer sich deckend zur Seit',
Liegen weit überschattend die kaiserlichen Flanken,
Wie lauernde Stürme mit kalten Gedanken. –
Und fertig steht Preußen in seinem Flügelstab,
Fertig Östreich, dazwischen Leuthen, das Grab.

Genüber in ihren Breiten, zu schlagen weiter die Schlacht,
Liegen sich die beiden Pole germanischer Macht,
Wie treibende Lawine und stauender Wald –
»Vorwärts!« donnert Preußen, und Östreich kracht sein »Halt!«
Zieht her vor seinem Saume den heißen Schattenstrich:
»Willst du jenseits, Bruder? Komm, laß begraben dich!« –
»Siegen oder begraben!« kommt er, und Österreich begräbt.
Mit heeresbreitem Fittich der kalte Engel schwebt.

Niederschaut der König ins Grab von seinen Höhen,
Es dunkelt ihm sein Auge; die Schlacht, sie kommt zum Stehen.
Vortreibt er Treffen auf Treffen, zieht alles noch heran
Aus der Rechten, der Linken, was da vom frischen Mann;
Was vom Feuergewehre, wird ins Feuer gebracht,
Und als nichts mehr zu bringen – da steht die Schlacht.

Fiebernd heiß und kalt wechselt der Sturm auf die Schädelstätt',
Geht drauf mit Kugeln, geht drauf mit Bajonett;
Umsonst! Hinüberkommt keiner – kein Gang mehr geht
Als unter die Batt'rien, und die Schlacht – sie steht.

Und Taten im Fahnensturme geschehn,
Um an sie zu glauben, mußte man sie sehn –
Sie nacherzählen wäre eitel Lug und Trug,
Zuviel den Lebend'gen, den Toten nicht genug.
Doch beide tun die Wunder, und die Schlacht – sie steht.
Und eine halbe Stunde Dezemberlicht vergeht.

Schon fordert mit sinkender Wimper der Tag seine Ruh',
Schon Wehn die dämmernden Berge den Schleier ihm zu;
Nachschaut der stürmende König dem sinkenden Tag
Mit eisigen Blicken: »Gehst du, geh' ich dir nach.«
Sein Aug' auf die Sonne, sein Ohr auf die Batt'rien,
Über seinem Haupte die Schatten von Kollin,
Jagt vor die Front er und wieder auf seine Höh',
Als wollt' er kommandieren dem Himmel wie seiner Armee:
»Brummen sie noch?« – »Sie brummen.« Nichts weiter er fragt,
Nichts weiter ihm Antwort die stürmende Fahne sagt.
Einsilbig der König und seine Bataillon',
Wie das alle Sprache verschlingende Kanon.

Da ruft, noch überschreiend den heulenden Schlund,
Der Mann, der ihm geholfen bis zu dieser Stund',
Da ruft der Lucchesi: »Hoch Maria Theresia!
Marsch! marsch, mein Flügel, bloßgegeben da
Die preußische Linke! Wir bieten ein Paroli!
Haben auf sie uns gerollt, jetzt rollen wir sie.«

Und herüberschwadert mit schmetterndem Sturmesgang
Die reitende Armada in die preußische Flank'.

»Auf den hab' ich gewartet!« spricht, hinterm Berg versteckt,
Der alte Träumer Driesen, immer, wenn's Zeit, geweckt.
Und wie der stille Berggeist, Meister Rübezahl,
Herausgreift aus den Schluften dreiarmig übers Tal,
So ihn das Volk der Zwerge hohneckt mit keckem Schwank:
Vorstrecken sich drei Schatten über die Halde lang.
Das sind die zehn Schwadronen Dragoner Bayreuth,
Die Puttkamerschen Husaren und die Seydlitzschen Leut'.

»Dragoner, nehmt in Flanke, Husaren in Rücken sie,
Und ich«, spricht Driesen, »werf' die schwere Kavallerie,
Dreißig Schwadronen, ihnen ins Gesicht!
Da muß der Teufel uns holen, wenn er sie nicht kriegt.«

Und es beginnt ein Reiten, so bei Roßbach erst begann,
Von dem wir nichts mehr kennen, als daß man's nicht mehr kann.
»Zusammengenommen!« spricht seine Schenkelsprach'
Der Mann zum Tiere. Vibrierend zucket nach
Das Tier durch Leib und Leben dem angefühlten Befehl,
Und zusammen sind Roß und Reiter wie Leib und Seel'.

Und »Marsch!« und schärfer und heißer mit jeder Minut'
Arbeitet draußen der Huf und drinnen das Blut;
Fortstößt die Nüster den kochenden Schwall,
Wegwirft der Huf die verhämmerten Wege all'.

Und über die schlanken Flanken, Schenkel an Schenkel geklebt,
Helfend mit allen Hilfen der leichte Reiter schwebt,
Schmächtigend sich und spitzend schier bis zum Verschwind,
Sich in sich verkriechend, zu schneiden den Wind,
Gangart aus Gangart, Schritt, Trab, Galopp, Karriere,
Bis weg von der Erde ins Ventre à terre. Französisch: »Leib an der Erde«; schärfster Galopp.

Und alles, was drunter, muß über den Ritt,
Die Straßen steigen, verwolken und fliegen mit,
Bis Reiter, Roß und Straße eine Wolke, nichts mehr,
Ziehend über die Ebne, ein Wetter tief und schwer,
Drinnen ein Brausen, Rauschen, wie strömend Wasser und Wind,
Bis wieder die brausenden Wetter die sausenden Reiter sind.

Da – wie aus Wolken fällt ein hagelndes Wehn,
Wie Geister erscheinen, ohne daß man sie kommen hat sehn,
Zugleich allerorten um das erschrockne Korps,
Gehoben im Bügel, geworfen den Pallasch vor:
»Trara! Die Berliner Wachtparade ist da!
Aufzieht sie mit klingendem Spiele – hussa!«
Und unter donnerndem Hufschlag, herunter vom Sitz,
Geht auf der Ritter Lucchesi mit seinem in ihren Witz.

Und drüber weg, die Segel streichend vor der Parade,
Geht seine Armada, eine blasse Schamade,
Heim wieder, woher sie gekommen mit Sturmeswehn,
Verschwindet ins Tal von Lissa, und ward nicht mehr gesehn.

Doch als der Kaiserliche in seinem harten Stand
Vorüber sieht schlagen, weiß wie die Wand,
Seinen Reiterflügel, der eben aus noch flog
So siegesanfanfarend, so schmetternd lerchenhoch,
Heimflattern jetzt, gebrochen, ein leibhaft Todesbild,
Sich fühlt vom Arm gerissen seinen letzten Schild,
So hart, als würd' gleich mit der ganze Mann geschnellt,
Und über die fliegenden Scherben ins taube Ohr ihm gellt
Der herzzerreißende preußische Siegesruf,
In seine Flanke ihm tritt der zermalmende Huf,
Der, wie's seit Roßbach in allen Heeren hieß,
Gleich ganze Regimenter verschwinden ließ,
In seinen Odem ihm schnauft das knirschende Roßgesicht,
Verungeheuert die Gestalten vom reckenden Zwiegelicht,
Als schöss' aus den Lüften her Reiter und Roß,
Aufs Haupt ihm hämmert, wie Hagel und Schloß'
Das kalte Eisen, vor ihm die heiße, mähende Schlacht,
Und hinter ihm winkend – erlösende Nacht:
Als er alles das sieht, hört, vergeht ihm Hören und Sehn,
Packt das panische Schrecken den Sohn des Eugen:
»Maria und Joseph! Es tut's halt nimmermehr!«
Schleudert er von sich schaudernd sein glühend Gewehr.

Und hat sich geschüttelt der Saum erst, alsobald
Schüttelt auch verwühlend sich nach der ganze Wald.
»Sie strecken die Gewehre! Jetzt kommt's von rechts herüber!«
Läuft über den Heeresrücken das blasse Pulverfieber,
Packt bis ins Herzblut – und, durchschüttelt kalt,
Schwankt das Heer, gelockert in seinem innersten Halt,
Macht kehrt vom Feind, sieht nach der Nacht sich um –
Laut spricht der Soldat, der Feldherr wird stumm.
»Alles verloren! Rette sich, wer kann!«
Gibt aus seine Parole der gemeine Mann.
»Fallt, könnt ihr nit stehen!« geben ihr Feldgeschrei
Wallis und Durlach, die Regimenter zwei,
Vom Mühlberg, zum Laufen zu ehrenschwer,
»Wir wollen noch halten die kaiserliche Ehr'!«
Lassen als Losung ihre Fahnen sie wehen,
Aus dem Türkenkriege alte Siegestrophäen,
Mit klingendem Spiel wie singende Waldeskronen:
Das hören die Bayreuther, die zehn Schwadronen,
Blasen drein in die türkische Kaisermusik
Ihren alten Marsch, das Hohenfriedberger Stück.

Die schmetternden Klänge um die Standarten ziehn,
Sie winden alte Blätter ins junge Grün,
Legen doppelte Schwingen um Reiter und Roß,
Und herum um die Mühlen der Bayreuther schoß,
Und hinauf auf die Höhen wie der Wind so leicht,
Und wie Windsbraut auf Windbruch streicht,
Die alten Fahnen er faßt und zerret und weht,
Bis er sie wirbelnd aus ihrem Boden gedreht;
Der lange Degen, ein sausender Mühlenflügel, schlägt,
Herunter sind die Kronen auf ihren Wald gefegt.
Und krachend aus Leuthens Erde, verloren jeden Halt,
Niederstürzt Östreich, der entwurzelte Wald,
Und drüber die Lawine, ihn rollend über die Auen,
Daß die Erde erbebt und die Himmel ergrauen. –
Wohl entfaltet den Mantel die Nacht, umhegt, deckt zu,
Im Namen aller Müden fordernd ihre Ruh'.

»O Ruhe!« seufzend der stürmende König spricht,
»Ich bin auch müde wie einer, hab' Nacht und Ruhe nicht!
Meine Ruh' ist Schlesien! Das muß ich wieder han.
Holla, Kretscham Gasthof. von Saara! Lichter auf meine Bahn!
Und meine Kanonen auf meinen Weg!
Ich brauche zu meiner Ruhe noch ihren Schreck!«

Und Saarhans, der Kretschmer, bringt Licht in den Graus.
Und die Leuchte zur Seite, seine Donner voraus,
Im weißen Purpur des Todes, vor ihm ein flüchtig Heer,
Hinter ihm seine Fahnen, sein Schatten groß und schwer,
Ihm dunkel nachgerissen, ohn' daß sie kommandiert,
Als ob der Schlachtgeist selber das Kommando führt,
Hetzt der gehetzte Löwe wieder seine Meute,
Nicht sätt'gen ihn Völker, Trophäen, Beute –
Sein Schlesien will er haben, eher hat er nicht Ruh',
Und sie nicht Rast, und mit Kanonenschlägen immerzu
Stöbert er die Odem-bodenlosen über das Feld,
Als wollt' er Östreich sprengen mit Pulver aus der Welt;
Hetzt über die Straßen, Felder, Brücken und Floß
Sie bis nach Lissa Stadt, bis vor Lissa Schloß.

Erleuchtet von den blassen Dienern Angst und Not,
Gelagert liegen die Kaiserlichen, müd auf den Tod,
Vor den Toren, auf den Schwellen, in Hof und Hall',
In allen Gemächern, wo Platz ist, überall,
Wie sie hingewürfelt die rohe Schlachtenhand,
Ohn' Ansehn der Person, als wieder leidsverwandt.

Gehüllt in seinen Mantel, in die Stirn den Hut,
Vorauf die flackernden Lichter, die fliegende Glut
Ins bleiche Gesicht ihm schlagend ein fiebernd Rot,
Schreitet durch die Straßen wie der Leben suchende Tod,
Tritt her durch das Schloßtor mit stürmischer Hast
Unter die kaiserlichen Gäste der königliche Gast,
Fliegt durch Hof und Halle die Treppe hinauf –
»Er ist's!« flüstert es vor und hinter ihm auf,
Drückt schnell sich abseits, duckt unter sich geschwind,
Wie schauernd Röhrig, zieht durch der brechende Wind.
Er aber, mit des Jahrhunderts größtem Sieg umlaubt,
Fliegt, seines Fußes Teppich seiner Feinde Haupt,
Fort über das seufzende Fluchtgeschlepp',
Her von Leuthens Treppe über die Lissa-Treppe
Aufspringen die Flügeltüren, er tritt in den Saal,
Und von allen Gesichtern tritt das Blut zumal.

Herunterfliegen die Hüte, die Männer empor:
»Der König!« Und weiter bringen sie nichts hervor,
Vergangen ist allen der Odem wie das Blut.
Der König aber lüftet gemütlich seinen Hut:
» Bon soir, Messieurs!« Und lächelnd durch die Wolken geht
Die siegende Sonne seiner heitern Majestät.

Und zweimal geschlagen, sehn alle den Heros an,
Den furchtbaren, Leib und Seele hinreißenden Mann –
Beugen tief sich, räumen wie Schatten schwindend den Saal,
Und alle, die da draußen, das Land ihm zumal.

Hin über Schlesien in die böhmische Fern',
Vor König, Licht und Donner, den drei geschwinden Herrn,
Zerfließt der Kaiserlichen stolzes Völkerheer
Also, als ob's auf Erden nie dagewesen wär'.
Und wie Nachtgewölke, kann's Sonnen nächt'gen nicht,
Dienstbar muß prächtigen das unbesiegte Licht,
Werden all' ihre Schrecken Strahlen seiner Gloria,
Kränzen all' ihre Lorbeern seine Viktoria.
Errötend steht Europa vor seinem Genius,
Den es wider Willen, grollend, bewundern muß,
Der unsterblich aus den Gräbern mit einem Götterschritt
All' menschliche Berechnung unter seine Füße tritt:
Dasteht in des großen Dramas letztem Akt
Der Sieger wieder, seinen Fuß auf ihrem Pakt,
Der ihn vernichten sollte in Erd' und Himmels Nam',
Ein König der Könige im Purpur ihrer Scham.
»Wir alle übermächtigen den Einzigen nimmermehr,
Ja, wenn er nicht im Unglück erst recht im Glücke wär'!«

Er aber steht auf Schlesien, nimmt hin auf seinem Feld
Die Kränze wie die Dornen der wandelbaren Welt;
Es sinken ihm die Augen, als fort die Boten ziehn,
Ihm ist's, als wäre kommen auch Ruh' mal über ihn.
Hoch ziehen seine Fahnen über die Leuthenhöh',
Wieder in Schlesien die einzige Armee,
Spannen wehend aus ihrem neuen Siegesfeld
Um ihren schlummernden König das alte Siegeszelt.

Ehrend Heldenschlummer, in seine Klüfte tritt
Zurück der Geist der Schlachten mit verhallendem Schritt;
Wieder in ihre Rechte tritt die stille Nacht,
Schlaf kommt über die Leiber, so müd der Tag gemacht,
Und über die Seele das Schweigen großer Tat –
Da aus der tiefen Stille anstimmt ein Soldat:
»Nun danket alle Gott!« Und wie aus Schlaf erwacht,
Erhebt ein Heer die Seele aus tiefer Erdennacht
Zum Herrn der Heeresscharen; zwanzigtausend und mehr
Singen mit Herzen, Mund und Händen das Lied zu Gottes Ehr'.
Und alle, die da liegen auf Leuthens Ebne wund,
In ihren blut'gen Qualen, auf ihre letzte Stund',
Singen mit in der Runde den nächtigen Choral,
Vergessen ihre Stunde, versingen ihre Qual;
Singen in schauerlichen Tönen aus dankbarem Gemüt
Ihren letzten Odem wohl aus mit ihrem Lied.
Lind ziehn auf Schwanenfittich aus der geschlagnen Welt
Dahin, dahin die Seligen, wo niemand weiter fällt. –
Und das Lied von Leuthen über offne Gräber geht
Wie 's Halleluja, wenn der Tote aufersteht,
Zieht, ein Tedeum, über den schlummernden König hin,
Rollt, ein strafend Wetter, über die Kaiserin.
Und satt wird sie des Schwelgens an der Tafel Kollin,
Und nüchtern von dem Rausche das taumelnde Wien,
Sein Jubel wird Jammer, und spottend der spricht:
»Wir glaubten, wir hätten's, nun haben wir's nicht!«
Die Kaiserin-Königin aber, sie weinte Tag und Nacht:
»Nun hat er Schlesien wieder, wer hätte das gedacht!«

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