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Gutenberg > Christian Friedrich Scherenberg >

Ausgewählte Dichtungen

Christian Friedrich Scherenberg: Ausgewählte Dichtungen - Kapitel 34
Quellenangabe
typepoem
authorChristian Friedrich Scherenberg<
titleAusgewählte Dichtungen
publisherBibliographisches Institut
editorHeinrich Spiero
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Waterloo

» Jacta est alea Der Würfel ist geworfen«, Worte des Julius Cäsar (nach der Erzählung des Sueton), als er im Januar 49 v. Chr. den Rubikon, die Grenze seiner Provinz, überschritt, um gegen seine Vaterstadt Rom zu kämpfen. – Entweder – oder!«
Spricht der gefangne Cäsar der Franzosen
Auf Elba, Napoleon war nach seiner Besiegung 1814 die italienische Insel Elba als Herzogtum zugewiesen worden. seinem gnadenreichen Kerker,
Steht auf, schlägt um die Schulter seinen Purpur,
Tritt über die geschmeidige Wogenwand
Hinweg an Bord der Inconstantia, Ein Segelschiff.
Vertrauend ihrem Segel seine Sterne,
Durchschifft den salz'gen Rubikon und steuert
In San Juan, Kleiner Golf des Mittelmeers. den Port nach Wüstenfahrt,
Berühret Frankreich, seine alte Erde,
Wächst, ein Antäus, Griechischer Sagenheld, Sohn des
Meergottes Poseidon und der Gaia (Erde); er erhielt durch Berührung
mit dem mütterlichen Erdboden immer neue Kräfte.
Haupt um Haupt von Schritt
Zu Schritt, wirft seinem horstverwiesnen Adler
Den Purpur auf die rost'gen Schwingen; der.
Durchzuckt vom Strahle seines alten Gottes,
Kreist auf, hebt wolkenhoch beseelten Fittich
Und trägt vor seinem Donnerer den Blitz,
Sein flatternd Trikolor, Die während
der ersten Revolution eingeführte »dreifarbige«, blau-weiß-rote Fahne
Frankreichs.
von Turm zu Turme,
Bis auf die Türme fort der Notre-Dame. Die der Jungfrau Maria (»Unsrer Lieben Frau«) geweihte
Pariser Hauptkirche.
Gewaltiges liebt der Mensch und seine Schrecken,
Willkommen heißt er sie mit Glockenklang,
Kanonendonner; alle Brücken fallen
Und alle Tore seiner Städte, Herzen
Tun auf sich, Land und Volk ein offner Arm,
Verjubelnd alt' und neue Tränen tragen
Sie über Gräber ihrer liebsten Leben,
Auf ihren Händen den, der sie begrub,
Von Gau zu Gau bis in die Metropole Paris.
Vom Kerker auf den Thron hin, ein Triumphzug!
Ein Blick verscheucht das große Pflegekind, Ludwig XVIII., König der Franzosen, ein schwächlicher Herrscher, spöttisch das »Pflegekind Europas« genannt, weil ihn die verbündeten Gegner Napoleons ohne sein eigenes Zutun auf den Thron gesetzt hatten; die Lilie ist das Wappenbild seines Hauses, der Bourbonen.
Ein Tritt knickt seine bleiche Lilie,
Ein Schlag zertrümmert den galanten Degen,
Das wurmzerfreßne Zepter der Bourbonen,
Und wieder dasteht er, Napoleon,
Der Imperator – wieder daliegt Frankreich
Vor seinem Kaiser nieder – ein Fußfall!

»Napoleon!« weht's Süd, Nord, West und Ost –
»Napoleon?« – hallt kreisend es zurück
Aus jedem Winkel der Europa wie
Ein doppelzüngig Echo: Schreck und Hoffnung –
Und an die Tore schlägt's der alten Wien, Hier tagte der Wiener Kongreß, um über Verteilung und Verfassung der von Napoleon erobert gewesenen Länder zu beraten
Fährt durch die Burg, die Hallen, wo zu Rat
Noch sitzen Kaiser, Könige und Fürsten
Ob Teilung seiner Welt, ob Mein und Dein
In unauflösbar schwerer Frage, spinnend
In das verhexte diplomatische Knäuel
Stets mehr der end- und anfangslosen Fäden,
Je mehr da Hände sind zur Lösung – schlägt
Dazwischen seinen Schlag: »Napoleon!«
Ein Alexanderhieb! – Gelöst der Knoten, Alexander der Große von Mazedonien (336 – 323 v. Chr.) löste den sog. Gordischen Knoten zu Gordion in Phrygien auf seinem Zuge nach Persien durch einen Schwerthieb.
Erledigt jede Frage, klein, verschwunden,
Verwandelt jedes Grollen sich in Liebe
Vor diesem Haßkoloß! Aufstehen alle
Von ihrer grünen Tafelrunde, schließen
Verkreuzend Hand und Herz den alten Bund:
»Alle für einen, alle wider einen!«
Und in die Acht erklärt Europa ihn,
Den Weltfeind Bonaparte.

Wieder geht
Durch alle deutschen Gauen an sein Volk
Das Fürstenwort, und wieder glaubt aufs Wort
Das Volk und liebt und hofft; und wieder wogt
Empor das Leben sich aus seine Höhen:
Durch alle Adern schlagend, treiben sie,
Die warmen Pulse, ihre Maienblüten;
Und wieder blühen all' die seltnen Blumen
Der unbewußten, selbst sich opfernden
Begeisterung; in seine Himmel hell
Rankt wieder auf und grünt voll Waldesduft
Die heil'ge Herrmanns-Eiche eines Deutschlands,
Und wieder weihen gläubig ihrem Schatten
Sie alle Gut und Blut, ihr Bestes, Letztes:
Das Alter seine Ruh', das Weib den Mann,
Die Braut die Myrte, Mütter ihre Söhne;
Pflug, Buch, Hammer, Webschiff, Handel und Wandel,
Lehr- und Nährstand wird wieder Wehrstand; »Waffen!«
Ruft Bauer, Bürger; alle seine Städte
Rüsten, umgürten sich mit Turm und Wall,
Dem steinernen Schild und donnernden Schwert, ein Mann
Das Volk und eine Burg das Land!

Ausschleudert
In vier der Heeresstrahlen ihren Bann
Europa.

Obenan ist Marschall Vorwärts,
Der Zeit sich läßt zu nichts, als alt und müde
Zu werden: »Kinder, Bonaparte ist
Mal wieder da – es fängt von vorne an –
Vorwärts! In neuen Krieg mit altem Mut!«

Wie Pallas aus des Donnrers Haupt einst sprang
Auf einen Schlag des alten Fahnenschmieds, Die griechische Göttin Pallas Athene soll dem Haupte des Zeus, des Donnergottes und Göttervaters, unter Beihilfe des »alten Fahnenschmieds« Hephästus, des Gottes des Feuers, entsprungen sein.
Springt vor aus ihrem Arsenal gerüstet
Borussia, Lateinisch: »Preußen«.gewappnet von dem Geiste
Scharnhorst.

Nachschifft aus ihrem Nebelland
Die stolze Königin der Wikinger,
Britannia, auf hundert schwimmenden
Palästen: schäumend wogt ihr Grund, die See,
Hoch fliegen die beflaggten Kuppeln, donnernd
Um ihren Mast, die schlanken Säulen, weht
Ein wehnder Marmor, ihre Segelwand,
Als würde von des alten Hasses Sturm
Die ganze Insel flott. Die Anker wirft
Sie, niederlandend auf Europas Wiese,
Beim blutsverwandten Volk Amphibie. Den »beidlebig«, nämlich zu Lande und zur See, herrschenden Holländern.

Der Süden, Land der deutschen Sonne, hebt
Sein alt romantisch Haupt der ew'gen Jugend,
In jeder neuen Falte neuer Reiz,
Umschleiert von dem Duft: Erinnerung;
Aufsteht das Land der Kaiser und der Minne,
Der Hohenstaufen, Welsen, Wittelsbacher,
Das Sänger-, Burgen- und das Rebenland.

In seine Königreiche winkt der Kaiser,
Herniederweht sein Banner Deutschlands Hochwacht:
Zu Tale steigen von beschneiter Alp,
Wie seine Sturzlawine, jach Soviel wie: jäh = eilends. das Volk
Der Sennen und der Gemsenjäger mit
Dem Stutz und not- und rachgeschärftem Sinn.
Nicht Föhn noch Gletscher kühlt die heiße Kugel,
Die dem Passeier Sandwirt Andreas Hofer. korsentückisch
Ins Herz gerollt – der Schuß traf ganz Tirol.

Verhängten Zügels über ihre Donau
Hersprengen keck Europas Szythe, Die Polen, die, wie einst die Szythen, nördlich vom Schwarzen Meer sitzen. Palatine und Woiwoden heißen ihre Edelleute., Volk
Der Palatine und Woiwoden, der
Sarmat, der königsstolze Magyar;
Am Roßschweif bunt, in lockerer Gespannschaft,
Hängt sich das beutelustige, fingerfertige
Gemengsel der Panduren Slawonier. und Kroaten.

Glückauf! fährt aus dem deutschen Siedekessel,
Aus seinem Schacht der Erden tief, hoch nieder
Von seinem Wald, als kämen seine Tannen
Mit sonn'gem Wipfel, drinnen düstrer Schatten,
Der Tscheche und der sangesreiche Böhme.
Und nach gemütlich hinter seinem Kaiser
Folgt Austria Lateinisch: »Österreich«. das alte Kind.

Herüber,
Noch nebelfern, aus schneidend kaltem Osten,
Vom Brande seiner heiligen Moskau über
Die große Welschenbleiche Die Fluren Rußlands, auf denen 1812 nach dem Brande Moskaus so viele Franzosen den Tod fanden. ziehen stumm
In starren Säulen Ruriks Rurik (862–879) begründete die russische Monarchie. starke Söhne.
Schon tausend Werst Russisches Längenmaß, etwa 1 km. zog sehnend heim der Weib
Und Kinder liebende Nomade – da
Bannt, hart vor seinen heimatlichen Hurden,
»Napoleon!« das alte Feldgeschrei,
Sein Vaterherz zurück ins alte Schlagen.
Und fügsam seinem Zar wie seinem Gott,
Umwendet schweigend sich das Volk der Slawen.
Vorschwärmt, ein nadelvoller Föhrenwald,
Mit Pike, Pfeil und Bogen der Kosak
Und seine haar'gen Brüder von der Steppe,
Ihr Sattel Haus und Herd: Polarkentauren, Bei den russischen Kosaken erscheinen, wie bei den Kentauren der griechischen Sage, Mann und Pferd untrennbar verbunden.
Halb Mensch, halb Tier.

Und all' die Völkerschaften,
Der ganze Orient, verbrüdern sich
Mit Leib und Seel' zum Kreuzzug in den Abend;
All' ihre Stämme eine Keule, all'
Die Glauben ein Gebet: »Erlös' uns, Herr,
Von diesem Übel!«

Und Napoleon,
Der eine Mann, sieht kommen über sich
Die Völkerwanderung der Rache, im
Gewaltmarsch eine Million anrücken
Her an den alten Haderstrom, den Rhein,
Zu allen seinen schwimmenden Brücken von
Den Quellen bis zu seiner Mündung, – spricht:
»Beladen ist mein Haupt, und meine Hand,
Die Frieden bot, verschmäht.« Er neigt sein Haupt,
Reckt seine Hand, hebt auf den Fehdehandschuh
Der angstentrüsteten Europa: » Vive
la France
Französisch: »Es lebe Frankreich!« – Und » Vive l'Empereur»Es lebe der Kaiser!« antwortet
Auf ihrem Marsfeld Ein am Westende von Paris gelegener großer Platz, der zu militärischen Zwecken diente. Gallia, Lateinisch: »Frankreich«. in Stahl
Bis an die Zähne, überm Helm den Aar,
Entgegenhaltend dem vierschneid'gen Schwert
Der alten Jungfrau Europa. Deutschland-Preußen, Österreich, Rußland, England kämpfen gemeinsam – deshalb das »vierschneidige Schwert«. ihren Schild mit seinem
Versteinernden Gorgonenhaupt, Im Anschluß an Homers Schilderung des Schildes des Zeus, in dem sich das furchtbar blickende Haupt eines Ungeheuers der Unterwelt, der Gorgo, befand, dessen Anblick schon Schrecken erregte. weitschattend
Vom Alpensaum bis zu den Pyrenäen,
Vom Mittelmeere bis zum Ozean.

»Der günstige Augenblick ist Herr des Glückes!
Greif an, eh' sie beisammen!« spricht der Kaiser
Zu seinem Adler, »wirf den Briten heim
In seine See, den Preußen übern Strom
Der Maas, stoß nieder dann von Flanderns Höh'n,
An jeder Schwinge einen Sieg, den Russen
In Flank' und Rücken! Schreck, Zwietracht, Verrat,
Die alten Rückendegen, schlagen mit –
Und fertig, wie einst der Horatier Im 7. Jahrhundert v. Chr. besiegte bei einem Kampfs von drei römischen Horatiern gegen drei Curiatier von Albalonga der überlebende Horatier alle drei Gegner.
Mit jener lahmen Brüderschaft, wirst du
Mit dieser Wiener Acht. Steig sonnenan
In deines Ruhmes schöne Wiege!« Und
Von ihrem Maifeld sonnenan aufsteigen
Der Kaiser und sein Heer gen Flandern.

Wogend
In ihres Segens götterreicher Fülle,
Ein offner Tisch des Herrn, liegt Flanderns Au.
Davor, gefaltet seine Hände, steht
Ein Dankgebet der fromme Sämann singend,
Schon räumt der heitre Schnitter seine Tenne.

Da streicht's am Abendhimmel rot wie Sturm,
Nachroll'n die Lüfte dumpf wie Wehgeschrei,
Und fiebernd pocht die Erde an das Ohr
Des Horchers; heim von ihren Triften kommen
Die Herden brüllend, witternd heult die Rüde,
Und seinen Wald verläßt das Wild und sucht
Den Menschen – und der Mensch verläßt sein Haus
Und Herd mit Weib und Kind, Schiff und Geschirr
Und was beweglich noch, ihm wert durch manche
Erinnerung, auch wohl, weil er's soll missen.
Und fremd geworden seiner Heimat, weinend
Durch seiner Hoffnung grünste Saaten, ach!
Mit jedem Tritt noch schonend die verlorne,
Zieht wandernd aus das stille Volk des Friedens
Zum fernen Freunde in der Not. – Gleichgültig,
Woher, wohin sein Weg ihn weist, sein Dach
Des nächsten Baumes Schatten, schlägt sich nach
Der Bettler, jener sorgenfreie Mann.
»Wohl dem, der nichts mehr zu verlieren!« seufzt
Der Reichbeladene, und – weiterträgt
Er keuchend seine Last.

Und öde ist's
Und menschenleer. – Und ankommt der Kebir, Arabisch: »Der Große«, d. i. Napoleon.
Vater des Feuers, wie Arabien
Ihn heißt, das bilderreiche. Rasselnd treten
Dreihundert Feuerschlünde seine Bahn
Ihm durch die belgischen Prärien, die Saat
Zu Sand – und seiner Wüste folgt der Leu.

Am Fuß der heiteren Ardennen, der
Auf brauner Waldsandale, übersponnen
Von wehend' Saatengold und flüss'gem Silber,
Sich schwellend streckt mit flandrisch breiter Schönheit
In immer weichrer Wellenlinie
Bis vor die Tore hin der üpp'gen Brüssel,
Liegt hart und schwer gleich einer Eisenschiene
Das Nordschwert von Europas Acht, der Preuß
Und Brite, weit zurück noch Wellington
Und vorwärts Blücher.

»Teile sie und siege!«
Zu seinem Adler spricht's der Kaiser. – Und
Hoch über seinem Haupt, gespreizten Fittichs,
Fest auseinander haltend Preuß und Briten,
Zur Linken den, zur Rechten jenen, schwebt
Sein Aar.

»Er kommt! Wir sind die ersten!«
Vermeldet Zieten, Hans Ernst Karl Graf von Zieten (1770–1848), Brigadekommandeur unter Blücher. Blüchers Schlachtenstirn,
Von Charleroi. – Und Blücher wendet sich
Zu seinem Stab und findet seinen Mann:
»Geh, Pfuel, Oberst Ernst von Pfuel (1779 bis 1866). gen Brüssel, sage das dem Herzog!«
Und Pfuel, der sagt's, und Wellington verspricht:
»In zweiundzwanzig Stunden nach dem ersten
Kanonenschuß steh' da ich, wo es gilt.«

Doch Gneisenau, August Wilhelm Anton Graf Neithardt von Gneisenau (1760–1831), Generalstabschef des Blücherschen Korps. der Schlachtenlenker, denkt:
»Er kennt nicht Bonaparten!« Ausspricht Blücher,
Was Gneis'nau denkt: »Ich baue einen Damm
Ihm vor, daß sich dahinter sammeln mag
Der weitverstreute Brite, und heran
Noch komme unser Bülow!« Friedrich Wilhelm von Bülow (1755–1816), der Sieger von Dennewitz, Korpsführer unter Blücher. – Und vorbaut
Er Wall auf Wall, und stellt sich selber dann,
Als seiner Waffentreppe höchste Stufe,
Auf Lignys Höh' mit seines Heeres Kern,
Noch jede Stellung in der Hand behaltend.

»Höchst luftig unser Stand«, spricht Gneisenau,
»Wir ständen fester, schlügen wir allein.«
Und Blücher denkt bei sich: »Verteidigung
Ein träges Ding, Angreifen wär' mir lieber.«

Und ebenso auch denkt der Schlachtenmeister
Napoleon, der seine Leute kennt:
»Der Brite hat kalt Blut, der Alte kann
Nicht warten. Ney, Michel Ney, Fürst von der Moskwa (1769–1815), Marschall von Frankreich.
geh links auf Quatrebras
Und amüsier' den Lord! Ich schlag' derweil
Den Alten.«

» En avantFranzösisch: »Vorwärts marsch!« Und donnernd rollt
Er in ansteigender Lawine Wall
Auf Wall, türmt einen Berg vor Lignys Höh'.

»Halt!« schreit der Alte, daß die Berge dröhnen,
»Du weißt, ich kann nicht rückwärts!«

Halt drauf macht
Napoleon – und gegenüberstehen
Sich auf der Höh' von Ligny und von Fleurus,
Zu messen wieder sich, die alten Riesen,
Titan der eine und Gigant der andre,
Naturfeind sich in jedem Tropfen Lebens,
Wie die Dämonen Blutschuld und Blutrache,
In jedem Mann ein Heer, in jedes Hand
Ein Schlachtschwert da von achtzigtausend Degen.
Der Preuß, an Jahren jung, noch jünger an
Erfahrung, aber fest auf seine Drei:
»Mit Gott, für König und Vaterland!«
Der Franke, meist ergraut im Kriegshandwerk,
Verwittert unter jedem Himmelsstrich,
Verwachsen schier mit seinem Eisen, hart
Geglüht, verhämmert unter hundert Schlachten,
Steht auf sich selber da und seinem Kaiser.

Der Abend sinkt, es schweigen alle Türme,
Und keine Vesper läutet ein den Frieden,
Nur jezuweilen rollt ein schwer Geläut
Der heißen Glocken durch die stille Runde.
In alter Feier aber deckt der Herr
Der Heeresscharen seine Müden mit
Dem Liebesmantel seiner Abendruh'.
Im feuchten Golde schwimmt das heil'ge Meer
Der Saaten, rings im dust'gen Purpur drüber
Die Hochgestade Fleurus, Ligny und
Das nahe abendliche St.-Amand.

Mit ihren Sonnen senken auch die Adler,
Der goldene und schwarze, ihren Fittich,
Beschwinget von Erinnerung und Hoffnung,
Auf ihren Horst sich gegenüber, wie
Vergangenheit und Zukunft, streng geschieden
Vom Feld der Gegenwart, das drunten wogt.

Der Schatten kommt – die lauten Lager schweigen,
Dumpf wirbelt's zum Gebet, der Ruheschuß
Verhallt, und Frieden hat das wilde Herz.
Nur still noch wacht, versenkt in seine Plane,
Im Hauptquartier zu Charleroi und Sombref,
Der Geist der Franken- und der Preußenschlacht.

Kühl weht's von Osten, flatternd streicht's am Zelt,
Grau streift der Himmel sich und blaßt sich rot,
Die Täler dampfen, heimlich zwitschert aus
Betauten Gräsern noch ein friedlich Leben,
Aufblitzt der Strahl – und

»Guten Morgen, Kinder!«
Aus seinem Hauptquartier ins Lager tritt,
Wie heller Tag aus Nacht und Nebel, Blücher,
Der Feldmarschall, der Schlachtverwalter, stellt
Sein Volk zu dreien Haufen: »Also! – Front
Dahin, woher uns der Franzose kommt!«

Noch manche Stunde, da regt sich der Franzose;
Anplänkelnd nahen beider Heere Spitzen,
Vorhut und Posten, sich, Stoßfechtern gleich,
Die erst mit ihres Degens Spitze spielen,
Eh' sie ins Leben führen ihren Stoß.

Und Mittag wird's. – Heran von Quatrebras
Zu Preußens Marschall sprengt der Briten Herzog.
Kund den Soldaten gibt nur Hut und Degen;
Doch an dem kleinen dreigespitzten Hut
Heißen vier stolze Farben ihn Feldmarschall
Hispaniens, Portugals, der Niederlande
Und Großbritanniens.

Vor ihm lässig steht,
Die Feldmütz' auf dem Kopf, im schlichten Rock,
Zur Seite einen alten Säbel, Blücher;
Und beide Feldherrn halten kurzen Rat:
»Der Preuße schlägt, der Brite kommt zu Hilfe.« –
»Um vier Uhr bin ich da!« spricht Wellington,
Den Fuß im Bügel, und verschwand.

Und näher
Ziehn Fürst und Kaiser auf dem heißen Brett
Die scharfen Steine, gegenseitig Schach
Zu stellen sich und matt.

Gewohnt des Spiels
Um Könige auf jedem Feld vom Grab
Der Zaren bis an jene ew'gen Gräber
Der Pharaone, folgt der Kaiser Zug
Für Zug, festhaltend sein und Gegners Spiel,
Dem Labyrinth der Züge, Aug' jeder Nerv,
Stein das Gesicht, reglos. Zuweilen nur
Zuckt es darüber hin, wie überm Spiegel
Der stillen See, wenn unter ihrem Grund
Die tiefen Feuer der Vulkane stürmen.

Gezogen hat Napoleon; auslegt
Sein Adler seine Flügel um das Tal,
Zu überflügeln seinen Gegner, zu
Zermalmen ihn in erster feuriger
Umarmung.

Blücher zieht. Sich deckend spreizt
Entgegen Preußens Aar die stählern' Schwingen,
Gepanzert ist der Weg, den sie bestrichen.
Vorrollet zwischen St-Amand und Ligny
Aus Bergesschacht das singende Metall,
Festliegt der Wall der großen Feuerschlünde,
Indes geschmeidig glitzernd, wie die Schlange
Ans flüchtige Tier, an seiner Reiter Flanke
Sich rasselnd hängt das fliegende Geschütz.
Vorwälzt auf Ligny sich des Heeres Mitte:
Lebendig wird das ausgestorbne Schloß,
Und hundert Leben schauen von den Zinnen,
Viel hundert aus den öden Fensterbögen,
Viel tausend ziehen klirrend durch die Gassen;
Stahl trinkt der Bach, sein unstet Auge blitzt,
Als führe Mordlust in die kühle Ader;
Schlagfertig steht der Friedhof; »Waffen!« schreit
Das stille Grab, verhaun ist jeder Ausweg;
Aus allen Gräben, hinter jeder Hecke
Lauert der scharfen Schützen sichres Rohr.

Gezogen, fertig beid'! Jetzt gilt's, zu schlagen!
Rings lauscht das Schlachtfeld seiner Höhen Wink.

Noch wogt es um den Kaiser, Boten kommen,
Boten gehn, Sturm beschwörend, Sturm
Entfesselnd, nach der Hauptstadt und ins Feld –
Und auch gen Osten hat er eine Botschaft:
»Bring' meinen Lieben meine heißen Küsse!«
Noch schmeichelnd winkt die Hand, noch sehnend wirft
Viel tausend Grüße nach das Vaterauge –
Da schießet übers Antlitz ihm ein Funken
Unheimlich grimmer Lust: »Ertappt! Die Flanke
Bei St-Amand schwebt in der Luft. Ney fass'
Im Rücken ihn, ich vorn – ins Eisen muß
Der alte Fuchs!«

Hinsaust sein Wort zu Ney,
Sein Arm auf Blücher – eine dunkle Säule,
Weitschattend über das Gefilde, kracht
Und schüttelt aus auf einen Wurf zwei Heere,
Vor Ligny eins und Sturm auf St-Amand.
Kartätschen hagelt Blücher drauf, und Menschen
Der Kaiser drüber, Stoß auf Stoß und Schlag
Auf Schlag; den letzten gibt Napoleon,
Zweitausend Preußen liegen da.

»'s ist nicht
Zu halten, Kinder«, grimmt der alte Fürst,
Und selbst der Marschall Vorwärts ruft: »Zurück!«
Abwendet er sein feuchtes Aug' auf Ligny.

Schon dreimal brandete versiegend hier
Die Flut am heißen Damme seiner Feuer:
»Geschütz vor auf Geschütz!« – Und aus dem Wald
Der Bajonette vor, entgegen aus
Der Höhle Ligny, packen heulend sich
Die ehrnen Löwen mit der heißen Tatze.
»Erstürmt den Friedhof!« Und durch Heck' und Zweig
Herrauscht's, und über Plank' und Mauer knatternd
Am Leib dem Preußen sitzt der Voltigeur.
Abschütteln sich die starren Reihen auf
Gut preußisch, und was fällt, bleibt liegen bis
Zum Jüngsten Tag – gesegnet wird der Kirchhof!
Doch unerschöpflich ist Napoleon
Auf diesem Boden: »Mein die Gräber!« Und
Sie werden sein – sein alles, was da jenseits
Vom Bache liegt, halb Ligny; aber »Bis
Hierher und weiter nicht!« Tief ist der Bach,
Und hoch ist sein Gelände, drüber die
Lebend'ge Hecke – doch Napoleon
Muß über jeden Rubikon, und vorwärts
Muß wieder Blücher! – Und von dies- und jenseits,
Reih' gegen Reihe, endlos rollend streicht
Aus bleicher Wolke her der trockne Regen,
Und feucht wird's, wo er niederfällt, und Reihen
Verschwinden, Reihen kommen wieder. »Vorwärts!«
Und » En avant!« – »Wir müssen Ligny haben!«
Und auf der letzten Brücke stürmen sie
Zusammen, jeder in sein Jenseits. – Donnernd
In ihre Blüte tritt die Schlacht, ein Knäuel
Von Massen gegen Massen, unentwirrbar!
Nicht Mauer weicht, nicht Mensch, Platz macht der Tod.
Durch alle Straßen schreit der enge Kampf;
Erobert wird ein Haus und eins verloren,
Ganz, stückweis; Dächer brennen, Mauern bersten;
Die Erde stöhnt, die heißen Lüfte zittern –
Noch ruhlos schwankt die Wage hin und her.

»Die frischen Volker vor! Zurück die Müden!«
Jagt über Leichen heiser das Kommando.
Und niedersenkt es sich, entgegensteigt's,
Wie ausgebrannte Schlacken aus dem Krater.

Und steigen sieht der alte Blücher zu
Den Höhen seine Schatten all'. – »Schon sechs!
Kein Brite kommt – kein frischer Mann bleibt mir –
Und Ligny muß ich halten! Sonst geht alles
Zum Teufel!«

Sorgentrübe späht und späht
Sein altes Auge, nach dem Waffenbruder
Von Quatrebras, doch keine Hilfe sieht
Er als sich selbst. – Da endlich! zeigt sich was,
Auf Stundesweite – und entwickelt sich –
Ein Heer! Anrückt's auf St-Amand. Schon schwankt,
Erschüttert drob, die kaiserliche Linke –
Ein wünschend Herz, ein gläubig Herz: »Das sind
Die Briten, Kinder! Fort auf St-Amand!
Hier steht die Schlacht!« ruft Blücher, stürzt sich freudig
Voraus auf St-Amand in seinem Sturm,
Wie in sein zugeboren Element,
Und alles stürzt ihm nach, was waffenfrisch,
Nichts bleibt für Ligny!

Und geschlagen war
Hier schon den langen Tag. Matt Leib und Seele,
Ficht schon der Mann, gleichgültig gegen Tod
Und Leben. Ach! wohl mancher sank dahin;
Ihn traf kein Schuß, kein Hieb, er starb wundlos
Den zähen Tod der Durstigen und Müden;
Noch unabwendlich-sehnsuchtsvoll starrt über
Der scherbentrocknen Lippe nieder sein
Gebrochen Aug' auf jenen Tropfen Wassers,
Der unten da so kühl, so nah und doch
So unerreichbar fließt!

»Acht!« ruft herab
Der Kirchturm friedemahnend, doch sein Hammer
Schlägt nur des alten Freundes letzte Stunde:
Zusammenbricht das graue Schloß, und Stein
Und Mensch rollt miteinander in den Graus,
Und Asche deckt Lebendiges und Totes. –
Aufsteigt und wälzt sich fort ein Schwall, so heiß
Erstickend, sinnberaubend schwer, als höbe
Aus seinem Grund sich das Gemäuer. Grimmig
Stieren die hohlen Gassen drein, als müßten
Sie aufeinander los, die alten Mauern –
Und unten tief erschaudernd schleppt der Bach
Hinweg die dunklen, unheilvollen Wellen.

»Wir halten's, General, nicht länger aus
In diesem mordverbrannten Kessel Ligny!
An Pulver fehlt's.« Und Antwort gibt's: »Habt ihr
Kein Pulver mehr, so nehmet, was ihr habt!«

Und stiller wird's da unten, still. Abtut
Die Schlacht die Hoheit, ihre Donnerrechte,
Und losgebunden wird die Bestie:
Nur noch mit Kolben schlägt man still sich tot.

Und der Moment ist da, wo, satt des Spieles,
Der Schlachtengott den letzten Würfel wirft:
Wer jetzt die meisten Augen hat, ist Sieger.

Und er hat sie – der gute Menschenwirt
Napoleon!

Und auf von Fleurus steigt
Ein Staub, und niedersteigt ein Ungewitter,
Und Erd- und Himmelswolken rücken an,
So mauerfest und mauerschwer die Phalanx,
Als rückte Fleurus' Wand vor Lignys Höh'.

»Die alte Garde kommt!« geht's durch die Müden,
Und überm Haupt der Preußen wird es schwül;
Die Sonne flieht vor ihren Wettern, schwarz
Wie eine Todesfahne wird der Himmel,
Und Nacht wird's über Lignys Ebene;
In dunklen Massen steht – und kommt die Schlacht:
Kein Schuß geschieht, vorschlägt die Trommel hell,
Nachhallet dumpf der Schwertritt der Kolonnen,
Und »Halt!« – Feststeht der Linie schwanke Flucht,
Der Boden bebt vom Halt.

Nachhämmert laut
Der bleiche Hammer an die Rippen. Ach!
Jung ist das Herz, und noch ihm süß das Leben.

Und » En avant!« Die alte Garde stürmt,
Und drüber stürmen mit die schweren Wetter.
Kalt aber, wie der hohe Firn dem Föhn,
Steht dem zwiefachen Sturm von Erd' und Himmel
Die Preußenstirn. Empor zu neuem Leben
Riß ihre matte Seele wieder der
Allmächt'ge Augenblick – – – –

Doch mitten in dem Sturmgewühle schieben
Ein Haufen Grenadiere sich und Jäger,
Eisenreiter, fliegendes Geschütz,
Volk aller Waffen, ab vom Heere, gehen
Noch kundig alten Blutfelds um das Dorf.
Und wie der Jaguar im Meer der Gräser
Beschleicht das sichre Tier der Antilope,
Durchschwimmen ungesehn sie, ungehört
Der Hochsaat trockne Wellen, überschreiten
Auf wüsten Brücken, die zusammenschlug
Die Schlacht aus Kriegsgerät und Menschentrümmern
Die Schlucht, durchbrechen den Verhau, und da –
Wo sie gelichtet stehn, die Preußen, wo
Verborgen alle ihre Wunden bluten:
» Vive l'Empereur»Es lebe der Kaiser!« (französisch). platzt jach herein das Unglück,
Wie Wolkensturz, wie nächtiger Flutdurchbruch,
Mit reißender Gewalt.

Weit klafft der Riß.
Ihn heilen will der Preuße mit Kartätschen.
Umsonst! – Kalt macht das Bajonett die Kugel,
Nachklirrend niedermäht der Eisenreiter,
Und donnernd hinterdrein der Feuerschlund –
Vorbei! Durchbrochen ist der Preußen Mitte –
Erobert Ligny!

Und ihr Feldherr stürmt
Bei St-Amand und hofft auf seine Briten –
»Falsch deine Hoffnung, Franken deine Briten!
Volk war's von Ney, das kam, um zu verschwinden,
Derweil eroberte der Kaiser Ligny!«
Fällt ihm ein Reiter jach wie Todesschreck
In seines Sturmes Zügel, schäumend trieft
Von Mann und Roß die blasse Not.

Und Blücher,
Der unglückselige Mann! Er hört's und sieht's:
»Betrogen hier, und da verloren!« – Und,
Gehetzt von Schuld und Unglück, jagt er heim
In seiner Schrecken Fülle, rafft zusammen
Im Fluge noch drei Reiterregimenter,
Wirft auf das Frankenroß das erste, Lützows Ludwig Adolf Wilhelm von Lützow (1782–1834), 1813 Führer des »schwarzen« Freikorps (»Lützows wilder, verwegener Jagd«), befehligte 1815 als Oberstleutnant das 6. Ulanenregiment.
Ulanen. Zielverfehlend prallt es am
Granite ab der alten Grenadiere,
Und eine mörderische Salve grüßt –
Und Lützow stürzt, heimsprengen seine Reiter.
»Die andern vor! die letzten nach!« Nach alles,
Was noch zu retten kommt, mit Windesflug –
Umsonst! Der Feind wirft alle übern Haufen.

Da faßt der alte Marschall seinen Säbel,
Tritt untern Hufschlag seine Jahre – »Vorwärts!«
Und auf den Küraß wirft er seinen Sturm,
Vorauf sich selbst, mit Roß und Mann der Erste.
Geschlossen, eine Wand von Stahl, gespannt
Den Karabiner, warten ruhig die
Gepanzerten erst seinen Anlauf ab,
Und als er schußrecht: »Feuer!«

Und, wie zischend
Erschrickt vorm heißen Erz der feuchte Schwall,
Verdampfend sein erschrocken Element
In bleiche Säulen, auseinander stieben
Die preußischen Geschwader, rasselnd wirft
Sich über sie der schwere Feind.

Und fort
Durchs Feld der Ähren schnaubt die Sporenschlacht,
Daß Halm und Kiesel stieben.

»Halt!« ruft Blücher
Mit der Beredsamkeit Verzweifelter
In Gott's und Teufels Namen – doch kein Halten!
Das Ohr ist taub, das Auge blind – und knirschend
Reißt ihn mit fort die wilde Flucht.

Lichtbleich
Am dunkeln Flügel flirrt sein schnelles Pferd,
Wie ein verstürmter Stern am Wolkensaum –
Da trifft's ein Schuß; der alte Reiter fühlt's:
»Ich bin verloren, Nostitz!« spricht er düster
Zu seinem Adjutanten, der noch immer
Zur Seiten ihm, treu wie sein Schatten, und –
»Ade!«

Hinjagt der Fürstenrenner über
Die Ligny-Au, so pfeilgeschwind, so weiß,
So todeswild, in schauerlichen Sprüngen,
Als wollt' er bergen seinen edlen Reiter,
Da – stürzt er hin – urplötzlich – still und tot –
Und unter seinen Leib der greise Held.

Die Erde seufzt, als sänk' mit ihm ein Heer,
Und wie des Helden Fall verhehlend, wölbt
Sich flüsternd über ihm die hohe Saat. –

Vorüberstieben seine Regimenter
Bis auf den letzten Mann; nur Nostitz bleibt,
Steigt ab und tritt vor seinen Feldherrn, ein
Lebendiger Schild. Schon schnaubt heran der Feind –
Schon nah auf Rosses Länge. Regungslos,
Ins Auge schauend Unvermeidlichem,
Steht Nostitz, sein Pistol gespannt. Was er
Gewollt – wer sagt es! – Willenlos stand er,
Im dunklen Bann des nächsten Augenblicks.

An seinem Roß vorüberstrich der Tod
So hart, daß fast zusammenbrach das Tier;
Doch wie das stiere Aug' des wilden Jägers
Gefeit ist an die Spur der flücht'gen Seele,
So, an den Huf der Fliehenden gebannt,
Sieht keines Reiters Aug' auf ihn, kein Auge
Auf das Palladium Eigentlich: Bild der Göttin Pallas Athene; hier in Anwendung auf Blücher etwa soviel wie: Schutzgeist, Schirmherr. des Preußenheeres,
Kein Arm streckt sich nach dieser Fürstenbeute,
Vorüberrasselnd zieht die wilde Jagd.

Und weg sind sie – und da! geworfen wieder –
Und wieder jagt es blind vorbei, und blind
Die Preußen nach, und – »Halt!« fällt Nostitz schnell
Dem ersten preußischen Manne in die Zügel:
»Hier! – Hier, Ulan, liegt unser Vater Blücher!« –
Und abgesessen ist der Mann; kein Hieb,
Kein Schuß, wohl keine feindliche Gewalt
Hätt' ihn so schnell von seinem Pferd gebracht!

Und unterm toten Roß vorziehen beide
Den alten Feldherrn, der, betäubt, zerschlagen
Vom jähen Sturz und seiner Jahre Wucht
Und Heldenleides ungeheurer Last,
Unwirsch dem Leben seine Hand noch reicht,
Und heben ihn auf das Soldatenpferd:
»Fort! fort! Geschwind, mein Fürst! Zurückkommt's wieder!«
Und wiederkommt's, in ihre Fersen fast
Schlägt Feindes Huf, doch schnell, wie seinen Heros
Einst der verwandte Gott, deckt sie der Abend,
In seine Schatten hin verschwindet Blücher.

Stumm reitet durch die Nacht der alte Reiter,
Und schweigend neben ihm sein Schild. Warm tropft
Vom Roß das Blut die Spur geschlagner Helden;
Verödet ihre Straße; grollend hallt
Die ferne Schlacht ihm nach sein donnernd Unglück,
Und ihre Feuer leuchten ihm die Wege.

»Mich dürstet, Nostitz, ich bin müde.« – Und
Auf Stroh legt Nostitz seinen müden Feldherrn
Inmitten seiner wunden Krieger, die
Der Tod beiseite sich gelegt auf morgen,
Tränkt seinen Durst und decket seine Ruh'
Mit Waffen. Aber Blücher mag nicht Ruh',
Stumm liegt der graue Held und ohne Klage,
Fühlt keinen Schmerz vor allzu großem Leid;
Vergeltung ist sein einziges Gefühl:
»Geschlagen, Nostitz, aber nicht bezwungen!
Das schreibt dem König und dem Vaterland!« –

»Wo ist der Feldmarschall? Wo Vater Blücher?«
Geht's durch die Preußenschlacht, und niemand sagt's.
Und unerwidert wächst die Frage, wie
Der Ruf an stummer Felsenwand, von Mann
Zu Mann, von Schar zu Schar, durchs weite Heer –

Und jeder Waffe Führer eilt hinauf
Zu Gneisenau, des großen Stabes Haupt:
»Geschlagen ist die Schlacht, und wandelbar
Das Glück. Wohin der Rückzug, General?« –
Und harrend, wie vorm ehernen Geschick,
Auf Antwort stehen sie – und schweigend steht
Der hohe Mann. Da leuchtet's um die Stirn
Ihm, wie dem Gott, zu dem die Völker kamen
Um Rat; da wettert's um die Lippe ihm
Wie ferner Donner – und: »Auf Wavre geht's!«
Gesprochen war's – unsterblich ist's! – Durch Nacht
Hin flammend, folgen seine Völker dem
Orakelspruch.

»Der Preuß ist abgefunden!«
Schätzt ab Napoleon mit Riesenhochmut,
Verruht mit Götterruh' die teure Nacht.
Hinflieht sie mit dem schnellen Sommerflügel,
Zieht ihren Schleier von dem Adlerfeld.
Errötend sieht der Morgen seine Erde
Und weint aus allen seinen Augen – weint
Doch Blut der Stein. – Zertreten ist, gesteinigt
Der Gottessegen, eine Kugelsaat!
Die aufging rot, wie jene erste Plage Der Ägypter. Vgl. 2. Buch Mosis, Kap. 7, Vers 17 ff.

Doch Gott der Herr läßt seine Sonne auch
Darüber scheinen. – Von der Totenwüste,
Ihrem Altare, steigt die Opfersäule,
Gen Himmel schreit ein riesiges Gebet
Des Kain, das »Herr Gott, dich loben wir!«

Und hoch auf weißem Rosse reitet über
Den Friedhof unbegrabner Leiber
Napoleon: »Mein ist das Feld – verschollen
Der Blücher! Grouchy, suche ihn, wirf nach
Ihm seine Waffentrümmer in die Maas!
Ich werf derweil in seine See den Briten.« –

»Wir haben Schläg' gekriegt«, spricht Blücher drüben,
Der wieder sich gefunden hat zusammen
Mit seinen Preußen, wie Magnet und Stahl,
»Und müssen's wiedergeben, eh' es weh tut!«
Und frisch, wie guter Rat auf guten Willen,
Tritt vor sein Feldbett her ein Britenbote:
»Lang lebe Fürst noch! – Mein glorreicher Feldherr,
Der Herzog Wellington, beut dir den Gruß
Von Waterloo. Er schlug bei Quatrebras,
Als du bei Ligny. Her von deinem Feld
Zieht schwer jetzt über ihn der volle Feind
Und fordert mit gezücktem Schwert die Schlacht.
Sie anzunehmen auf der hohen Au,
Dem Rücken des St-Jean, vor Brüssels Wald,
Gedenkt mein Feldherr morgen, kommst zu Hilfe
Du ihm mit zween deiner Heereshaufen.« –

»Vorwärts! Ich komm' mit meinem ganzen Heer,
Brauch' bloß noch Zeit zu Brot und Pulver, und
Greift er nicht an, so tuen wir's! Ade,
Bei Waterloo sehn wir uns wieder!« spricht
Blücher – und mit dem Worte schied der Bote.

Schwül war's am Tage vor der Aktion,
Und tränenschwer der Himmel über Flandern,
Da tat er auf die Schleusen, und die Erde
Ward Sumpf. Der Brite kroch, der Franke nach,
Zwei Sumpfpolypen von je siebenzig
Mal tausend Gliedern, jedes Glied ein Leben,
Geschwollen Gift das Herz, zum Bersten voll,
Und tödlich jegliche Berührung. Dreimal
Um seinen Berg herum wand sich der kalte
Lindwurm des heiligen Georg und wälzte
Den ungeschlachten Rücken an den Wald,
Daß Stamm und Zweige krachten, und brechen mußte,
Was sich nicht biegen wollte.

Gegenüber
Dumpf niederlastet sich auf zween Berge
Der gallische Hydrarchos, Hydra – Polyp, »Vielarm«; Hydrarchos, der polypenartig umklammernde Heerführer Napoleon. reckend aus
Sich übers Tal bis an die Schatten jenes
Vom Volk benamten Hochwalds von Paris,
Nachschleppend seinen Schweif im Sumpf. Ausstreckt
Er tastend noch einmal nach seinem Feinde
Sein Postenfühlhorn. Hohl anfletscht ihn ein
Halbhundert Feuerzähne, speiet auf
Ihn ein paar tausend Pfunde glühend Blut.
Zufrieden zieht er ein die Tasten: »Gut,
Ich habe meinen Briten ganz vor mir« –
Noch einen gegenseitigen Hiatus Lateinisch: »Kluft«. In der Verslehre das Zusammentreffen zweier Selbstlaute; hier der Aneinanderprall der feindlichen Kanonenschüsse.
Und donnernd wünschen sie sich gute Nacht
Auf morgen.

Nacht es ward. Verschwommen liegen
In ungewissen Massen Himmel, Erde
Und ihre Schrecken. Alles schläft, nur er
Schläft nicht; aufweckt der sorgenwache Feldherr
Den müden Kaiser – Bonaparte den
Napoleon: »Steh auf! Der Brite zieht
Durch seinen Wald, verbindet sich im Rücken
Mit seinen Preußen, schaue nach, ob sich's
Im Lager drüben regt! Und wenn – dann drauf
Und drüber her mit deinen schärfsten Waffen!«

Und stille Nachtschau hält zu Fuß der Kaiser
Mit dem Geleitsmann seiner stillen Wege,
Mit seinem Bertrand, Henri Gratien Graf von Bertrand (1773–1844), Napoleons treuer Gefährte, der ihm, wie nach der Insel Elba, auch nach St. Helena in die Verbannung folgte. Marschall des Palastes.

Die Nacht ist rabenschwarz, und was sie spinnt,
Ist feucht; blutmüde flackt am Höhenrand
Das Lagerlicht, die Wachtfeuer und Fanale.
Behaglich um die Flamme spielt, wie sie
Auflodernd und verglimmend, Biwachtswort.
Ins Feuer fallen Scherz und Ernst. Zum besten
Gibt der ein Leid zum Lachen, Schnurren jener
Zum Weinen, Abenteuer, Heldentaten,
Wahr oder gut erzählt. Am tapfersten
Lügt Furcht, am leichtsten glaubt der Tapferste:
So macht die Unterhaltung sich gemütlich
Am heiligen Abend vor dem Todesfest.
Gezählte Stunden haben Wert und Weihe.
»Wer weiß, wie bald!« spricht Groll und reicht die Hand,
Kamradlich wird der schlimmste Offizier,
Manch einer muß erst fürchten, soll er lieben.
Schwer denkt nach Haus manch Mutter Sohn, ließ' all'
Die Sterne von sich grüßen, wenn sie – schienen!
In Hand und Herzen Blei, schreibt noch ein Bursch
Am Kohlenfeuer überm Rücken seines
Verschlafnen Kameraden an sein Lieb
Aufs leere Blatt von dem vertragnen Brief,
Schreibt schwer wie Leid, schreibt groß wie seine Liebe,
Hat keinen Platz mehr auf dem Blatt und so
Viel Liebes noch auf seinem Herzen! – »Knappt's dir,
Kamrad? Nimm meins, ich hab' an niemand mehr
Zu schreiben.« –

»Abgelöst!« – Fort muß die Liebe,
Nun hat sie Platz und keine Zeit!

Gemessen,
Wie Pendelgang, in Schritt und Tritt ziehn auf
Und ab die Posten und die Runden, das
» Qui vive?«–»Wer da?«–» Who's thereFranzösisch und englisch für »Wer da?« eintönig fort,
Und weiter regt sich nichts.

Da plötzlich weht's
Und rauscht wie schleppendes Gewand, als flög'
Sie auf, die Flatterstadt der Zelte –

Anhält
Der kaiserliche Wandrer Schritt und Odem:
»Bertrand?« –

»Mein Kaiser? – Nichts – der Nachtwind weht,
Der Regen flüstert durch Gezweig und Saat;
Nichts reget sich, was sich nicht regen darf.«
Ruh' wieder hat sein Herz und Freude, gleich
Dem Wüstenleu am Quelle der Oase
Vorm sichern Sprung aufs durst'ge Beutetier.
Doch heimgekehrt, mißtrauend eignen Sinnen,
Aussendet er durch Nacht sein wandelnd Ohr
Und Auge, seine Späher: »Fort! – Und regt
Sich drüben was, als wollt's entrinnen – hier!
Schnell wie der Laut, den ihr vernommen.«

Und
Wegstreicht's, wie Nachtgefieder, leis und scharf,
Umschweift den Britenschlaf wie Traumgedanken
Und bringt mit erstem Grauen seinem Kaiser
Heim seinen Morgengruß: »Nichts reget sich!« –

»Glorreicher Tag von Mont St-Jean! Ich grüße
Dich. Herzog von Vittoria! Wellington war portugiesischer Herzog von Vittoria. Du warfst
Die Würfel, und gefallen sind sie mir
Mit neunzig Chancen gegen zehn!« –

»Abzieht
Der Brite, Sire!« meldet Ney ins Zelt.
»Das läßt er bleiben!« lacht der Kaiser. »Schlecht
Gesehn, mein Fürst der Moskowa, das wäre
Zu spät, verloren wär' er, wie er's ist:
Vorm Aug' den Feind, kein Defilee Französisch: Schwer einzunehmender »Engpaß«. im Rücken!
Sagt's Feldherrn Handwerk schon. Ersehn hat sich
Der ehrenwerte Lord in Waldesschatten
Ein komfortables Grab; er kommt zu Ruh'
Wie Blücher«. –

»Vorwärts marsch, nach Waterloo!«
Vorausmarschierend schon im Bett, schon schlagend
Herum mit den Franzosen sich, fährt Blücher
Aus seinem Morgentraum ins Morgenrot,
Abschüttelt Schlaf er und sein Knochenweh
In das verwühlte Pfühl, wirft hinterdrein
Noch seine Siebziger: Blücher war damals 72 Jahre alt. »Marsch fort! Laßt mich
In Ruh' mit euren alten Possen! Vorwärts!« –

»Vorwärts? – Wohl ein durchlauchtig Heldenfieber?«
Diagnosiert von weitem unmaßgeblich
Das hohe Feldkollegium medicum,
Auskramend ambulante Apotheke. Feldapotheke.
Der alte Degen sieht den Ap- und Prä- parat:
»Was soll das werden? – Salben noch? –
Ob ich gesalbet oder ungesalbt
Gen Himmel fahr', das ist dem lieben Gott
Egal und mir desgleichen. Aufgesessen!«
Und fest im Sattel sitzt das junge Herz
Mit grauem Kopf, wischt sich das alte Aug'
Mit frischem Morgenwind und kühlem Regen:
»Willkommen, alter Bundsgenosse von
Der Katzbach! Am 26. August 1813 hatte Blücher an der Katzbach im strömenden Regen die Franzosen geschlagen. Sparst dem König wieder Pulver!«
Vorüberzieht an seinem Seelenauge
Die Schlacht von Waterloo, ein Siegesmarsch.
Aufstampft sein Klepper, der Ulanengaul,
Der seinen Feldherrn trug durch Todesnacht,
Sich Vollblut fühlend unter seinem Reiter,
Schnauft dampfend seinen warmen Nüsternstrahl
Und wiehert hell ins Lager, eine Feld-
Trompete.
Unterm Alp verlorner Schlacht
Darnieder noch in weiter Runde liegt
Das Heer auf dumpfem Stroh, grau wie sein Himmel.
Unwirsch, marod', im flauen Regenmantel
Träumt fröstelnd der Soldat von Rückzug, schlecht
Quartier und Schlapperment. – Da wirbelt's, schmettert's
In all' die schlechten Träume: »Vorwärts, Kinder!«
Und warm, wie Lerchensang und Sonnenstrahl
Mit dem allmächtigen: »Es werde Tag!«
Aufrichtet nachtgebeugte Saat, aufweckt
Das goldne Wort flugs als die frost'gen Schläfer,
Und morgenfrisch, marschfertig auch mit Sack
Und Pack steht rund um seinen Vater Blücher
Das Heer da seiner Kinder.

»Vorwärts marsch!
Wir siegen! Denn wir müssen!« –

»Hurra!« donnert's.
Elektrisch schlägt die Ahnung ihres Feldherrn
Durch jedes Herz. »Sieg oder Tod!« und vorwärts
Auf vielen Straßen stürmt der Preußenmarsch
Zu einem Ziel, nach Waterloo.

Vorm Wald
Von Brüssel und Paris, um Waterloo
Und Belle-Alliance auf den hohen Auen,
Da wogt's, da schwirrt's vielfarbig und vielzungig,
Ein bunter summ'nder Menschenteppich; Volk
Aus aller Herren Land, und alle Mann
In Rührigkeit; das Kesselregiment
Regiert! Ins Feuer jeder tapfer geht.
Abkocht das Heer, die letzte Mahlzeit gilt's.
Erst essen und dann schlagen, seinetwegen
Auch sterben, aber alles nach der Ordnung:
Tot kann er sein, satt muß er sein. Darin
Sind alle eins, auch Kaiser sich und Herzog,
In dieser Taktik. Eine Riesenküche,
Und hundertfunfzigtausend Köche kochen,
Doch schmeckt der Brei! – der große Küchenmeister,
Der Hunger, würzt. Maßlose Ambition!
Frisch Holz, alt Fleisch und trockenes Kommißbrot,
Drauf saft'ger Witz, grob Pulversalz, mitunter
Ein abgelöstes Bauergut, und was
Noch sonst vom Himmel in die Schüssel fällt,
Ist Summa so der Küchenzettel für
Die offne Tafel Waterloo. Fürs übrige
Sorgt Lagergenius, der Marketender,
Erhalter des esprit de corps Französisch: »Korpsgeist« der Truppe. mit flüßgem
Kommandostab, sein Hauptquartier das Faß;
Rekruten seine besten Kunden: »Her
Noch eins! Erst dir, dann mir!« – Genießen will
Jung Blut vorm Tod noch mal das süße Leben
So recht aus Leibeslust und Seelenangst.
Die Jungen zahlen besser, doch die Alten,
Die trinken besser, sonders Altengeland
Auch Irland, item – überhaupt das ganze
Triumvirat von Großbritannien –
Schwimmvolk! Voll heiligen Respekts steht so
Ein alter Fisch vorm Faß wie vor dem Fatum,
Fortstoßend einen nach dem andern, schaudernd
Vor ihm sich wie vorm Stück vergebner Arbeit;
Denn unvertilgbar ist die ew'ge Schuld!
Und trocken noch in einem Ozean
Bleibt eine echte Britenkehle – 's kommt
Aus See viel Salz und Sturm. Sein Durst sein Schicksal!

Da schnarrt's am Bergkamm; über seine Heide
Hinzieht der träumerische Dudelsack, Das Musikinstrument der schottischen Hochländer.
Süß angeheimelt horcht den alten Klängen
Mit immer neuem Ohr der sagenreiche
Und abenteuerlustige Hochmann von
Der schottischen Alp, das Volk des Ossian, Ossian war ein schottischer Barde des 3.Jahrhunderts.
Des nordischen Homers, das immer noch
Sein eigen Tal die Fremde heißt, noch frisch
Lebendig trägt in seines Kiltes Kilt ist der Schurz der Bergschotten Würfel
Die alten Farben seiner toten Clane. Clan die Bezeichnung alter Patriarchengeschlechter
der Schotten.

Schwarz Rock und Herz, zur Hand die scharfe Büchse,
Auf großem Schlachtanstand auf kaiserlich
Hochwild steht ruh- und teilnahmlos der Jäger
Der wilden Jagd vom alten Welfenvolk,
Dem Volk Heinrich des Löwen, und zählt lauernd
Ab die Minuten bis zur Schlacht; denn rächen
Heut will und muß er jenen Herzogsschuß
Bei Quatrebras. Am Tage von Ligny war bei Quatrebras
Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig, ein welfischer Fürst, gefallen.
Schon zweimal mahnend über
Dem bleichen Haupt ging auf die rote Sonne,
Und ungesühnt noch liegt sein teurer Fürst. –
»Laß fahren! Sterben auf dem Schlachtbett ist
Soldaten leben –trinkt den nassen Trost
Ihm zu der Mann der Deutschen Legion,
Des blanken Handwerks vielgewanderter
Gesell, verschifft von einem Schlachtgefild
Aufs andere, Süd oder Nord, gewohnt
Jed' Temp'ratur des wetterwendischen Glücks,
Längst ausgeräuchert ihm die Träne, Leib
Und Seele kugelhart, Kernstück vom Heer,
Das selbst der Herzog respektiert: »Nimm's mit,
Wie's fällt!« –

»Wie's fällt!« lacht Irlands wilder Sohn,
Und übers Kalbfell rollt der Würfel: »Gut
Stehn sie!« – »Verspielt wie der Franzos! Denn heute
Kriegt er's! Ersehn hat Arthur Wellesley Sir Arthur Wellesley, Herzog von Wellington.
Sich hier den Sieg. Kein Mann der Grünen Insel
Gibt auf, was er einmal für gut befunden.« –
»Yes«, gähnt Altengland, »unsereiner zählt
Für zwei Franzosen – altes Kriegsexempel.« –
»Auch wir sind da!« singt drein der Hanseat
Mit allen seinen deutschen Freiheitsliedern;
Und mancher Deutsche singt noch ein Chanson,
Ihn dünket Deutschlands Feind noch lange nicht
Sein Feind.

Umgeht hier überhaupt im Lager
Ein Leu, wenn auch kein brüllender, doch – Katze,
Spricht jedem nach dem Mund mit allen Zungen.
Gar locker Flanderns Boden! – Flüsternd horcht
Das Gras, es lauscht das Blatt am Baum, und hoch
Da hinterm Wald auf Brüssels schwanken Türmen
Paßt jede Wetterfahne auf den Wind,
Wohin sich's drehen wird. Anschnurrt die Katze
Auch Holland; Holland aber kaut den Tabak
Und – speit ihn aus.

Umgehn auch gute Geister;
Auch 's Korps der Meister von den schönen Worten,
Die Diplomaten aller Kabinette;
Auch fremde Degen da, die lehrend noch
Was lernen wollen; Summa: alle Farben
Auf diesem Teppich.

Prunklos, knappen Worts,
Wie durch den Sinnenrausch ein nüchterner
Gedanke, wandelt durch sein Mengevolk
Der kalte Feldherr Wellington. Zuweilen
Umkreist von seiner Höh' sein Adlerauge
Das Feld.

Gelagert vor ihm liegt der Kaiser
Von seiner hohen Belle-Alliance tief
Bis über den Rossomme, sich lehnend an
Die große Treppe, die Natur gebaut
Nach ihrem Stil in duftigen Terrassen,
Aufsteigend aus dem Tale Planchenoit
Bis an den Hochwald von Paris, und weiter
Vorm Saume seiner Schatten hin bis an
Das Haupt des heiligen Lambertus, der
Noch träumend schwamm in seiner Morgenfeuchte.

Und seinem und des Kaisers Heerweg folgend,
Spricht Wellington: »Er liegt auf meinen Straßen.«
Herüberziehen sie aus Brüssels Wald,
Und wie zwei Wandrer sich nach Waldesgang
Am Kreuzweg grüßen aus der hellen Au,
Einsprechend unter gastlich-sicherm Dache,
Dann, hinterm Berge scheidend wieder, noch
Ein Wegestück mitsammen ziehn auf Grußes-
Und Blickesweite, bis sie sich verlieren
Aus ihrem Auge in die Abendfernen –
So kreuzen sich die großen Straßen Flanderns
Auf ihrer Reise in das stolze Frankreich
Im Dorf St-Jean, des Berges stillem Sohn
Hoch an des Heiligen sonnenheitrer Stirn,
Und hängen dann ihr steinern Hochgelände
Hernieder an der reichen Saaten Brust,
Ein ehern Skapulier Wie das Skapulier, ein Tuchstreifen mit Kopfschlitz, über dem Ordenskleide des Goldenen Vlieses getragen wird, streckt sich das Hochland über die Ebene. auf Goldnem Vlies.
Darüber warf der Himmel leicht mit seiner
Verschwenderischen Hand ein flimmernd Netz
Von Blütenhag und feuchtem Schmelz der Bäche,
Verschürzt durch ein Gewind verlorner Stege,
Die plaudernd Schwell' an Schwelle ketten; denn
Gesegnet mit dem warmen Edelstein,
Dem Menschendach, ist St. Johannis Brust.

»Wie schütz' ich mich vor dieser sanften Erde?«
Denkt Wellington und blickt verlegen in
Den offnen Fruchtkorb; »Hougomont, das Schloß
Vor meiner Rechten hat noch Mauern, Gräben, –
Vorn einen Erlenwald, und La Haye Sainte,
Das Pachthaus vor der Mitte, hat nur Gärten,
Wie jenes Dorfkleeblatt da links nur Hecken,
Und vor ein wenig Schluft – indes die Linke
Deckt Blüchers Wort; doch Schloß und Haus, sie beide
An meinen Straßen dort – die Schlüssel sind's
Zum Herzen meiner Schlacht! Festhalten muß
Sie zähes Volk, das steht, wenn Mauern fallen:
Ein Stück der Garde und der Legion.«
Gedacht hat er die eisernen Gedanken,
Und niederschlägt das Schwert ins stille Leben.
Der Mörtel springt, dumpf rollt der Stein; mit Axt
Und Kolbenschlag gebrochen wird das Gastrecht,
Und Scharten hat das Dach; lebendig kommt
Kein Wandrer über seine Schwelle mehr,
Zieht ungestraft mehr seine alten Straßen!
Schwer fiel der Panzer Sankt Georgs Englands Schutzheiliger; St. Johann der des Dorfes St-Jean. da über
Das Skapulier des heiligen Johann –
Vulkan der Berg und Krater jedes Haus.
Lebendig wird nun auch das Kaiserlager:
Auftauchet aus dem Himmelssee der Nebel
Die Bajonettenschlange, gliedert glitzernd
Sich durch die Ebne; Feuer verlöschen,
Die Zelte fallen, die Kommandos schreien,
Je tiefer, je mehr Zungen; aber jeder
Nur horchend seines Führers Mund, schart alles
In wirrer Ordnung sich zu seiner Fahne.

Vollendet hat der Herzog auf der Höhe
Die fülle Feldherrnrunde, gönnt dem Auge
Den Ruheblick im Schoß des eignen Lagers –
Dann, wieder weiter wandelnd, wägt er ab
Heer gegen Heer.

»Da steht der Feind, beseelt
Von einem Mann, die Feuertaufe hat
Er aller Grade. Eingeschult im Handwerk,
In jeder Waffe und auf jedem Feld,
Mit guter Lehre und noch besserm Beispiel,
Tut er, was seines Amts, mühlos, von selbst,
Fast unbewußt, wie des Gesunden Glieder
Den ihnen zugebornen Dienst. Vergebens
Kein Griff, umsonst kein Schritt, und sparend so
An Zeit und Odem überall, gewinnend
Von jeder Gunst des flüchtigen Schlachtenglücks,
Jagt seine Ruhe tot die blinde Eile,
Die gern den nächsten Weg sucht auf dem weitsten.
Gold ist mein Volk und Spreu! Ich muß es mischen:
Erprobte Tat mit gut und bösem Willen.«

Und wie der Herr der Heeresscharen legt
Um starken Stamm das schwanke Reis, auf daß
Im Wetter eins sich halte an dem andern,
Fügt er zusammen seine Völker sorglich
Nach Blut und Sinn, Kriegsweis und Waffenart.
Zum Kampf, wo Massen gegen Massen wuchten
In enggefugter Wand und breiter Schlacht,
Die ruhig Blut will und ein zähes Herz
Und altes Exerzitium, spart auf
Er seinen schweren Briten, seinen Heerleib.
Den Postendienst, den schwärmenden der Plänkler,
Wo Arbeit, Glück und Unglück nichts entscheiden,
Die leichte Hand läßt er dem leichten Volk
Der Fremden, spaltet seine Schlacht dreischlägig:
Ein Treffen schiebt er vor, zwei hintern Berg,
Gedeckt vor Feindes Aug' und seiner Kugel.
Dazwischen streut er haufweis seine Reiter,
Luft lassend jedem Trupp nach rechts und links,
Daß er, ein willig schiebbar Heergelenk,
Zur Hand bei Ausnahm' oder Überfall;
Vor seine Stirn und an die Flanken rollt
Er seinen Flammenschild, die großen Feuer.

»Also!« denkt er, ruft seine Lords und Ritter
Der Tafelrunde, spricht: »Sir Thomas Picton,
In deine Faust hier leg' ich meine Linke,
Die Rechte in die Hand des edlen Hill, Rowland Viscount Hill (1772–1842) befehligte das 2. englische Armeekorps.
Und meine Brust an deine Hoheit, Prinz
Oranien, mein königlicher Freund Wilhelm (1792–1842), damals Kronprinz, später König der Niederlande, befehligte das niederländische Heer.
Stütz' seinen Rücken, feste Burg Chassé!
Euch Lords vom Fahnenroß, mein Horst und Hengst,
Uxbridge und Somerset vertrau' getrost
Ich meiner Rosse Zügel; du, Sir Wood Englische Heerführer, ebenso Picton und Ponsonby, die beide bei Waterloo fielen.
Ihr wackern Ritter allzumal vom Heißsporn,
Dem Schild der Bomben und Granaten, rollt
Die großen Feuer, werft mein fliegend Eisen!
Im übrigen vertrau' ich meinem Heer,
Gedenk' noch unsers althispan'schen Bundes: Wellington erinnert an seine Kriegstaten in Spanien 1809–12.
Im Glücke ich mit euch, im Unglück ihr
Mit mir!«

Er sprach's – »For ever!« Englisch: »Für allezeit!« sprachen sie.
» God save the King »Gott erhalte den König!« (engl.). – In Großbritannien herrschte seit 1811 Georg, Prinz von Wales (später Georg IV.), für seinen geisteskranken Vater Georg III. als Prinzregent. – und unsern Prinzregenten!«
Und plastisch werfend sich vor Kaisers Horst
Mit britisch-klassischer Behaglichkeit
In seiner Straßen steinernen Feldstuhl,
Die Arme ruhend auf des Berges Lehne,
Gestemmt den Fuß auf seiner Halde Schemel,
Erwartet stoisch Albions kühler Leu
Den Adler Frankreichs – seinen Stoß.

Der aber
Schläft, müde noch von jenem feuchten Nachtflug,
Und träumet noch von seinen alten Sonnen.
»Sire«, treten vor die Träume schattenschwer
Die Oberlenker seiner Donnerwagen,
Und nach sein Harras, Herzog von Vicenza: Armand Graf von Caulaincourt, Herzog von Vicenza (1772–182?).
»Verweht vom Sturme sind des Himmels Tränen,
Sein Aug' ist trocken, und die Erde hart,
Sie trägt schon wieder deine Schlacht.«

Aus Schlaf
Zu Roß fährt aus Napoleon, aufschlägt
Ihm nach sein schimmernd Rad, der Pfauenschweif
Der Suite, jedes Auge stumm auf ihn,
Den farblos-kleinen Mann. Er aber wirft
Sein Aug' auf Wellington und seine Briten:
»Herzog, ich fasse dich beim linken Flügel,
Und übern Berg bist du vor deiner Sonne!«

Vom hohen Pferd herab verkündet er
Den Plan der Schlacht. Gekauert um seinen Huf,
Stumm schreiben seines Worts gefürstete
Vollstrecker nieder auf die Erde sein
Gebot, wie ein Gesetz der Völker.

Ruhig
Zuschaut der hohe Himmel. –

Hallend tut
Elf Schläge rings die Zeit von ihren Türmen,
Elf Riesenblätter rauschen auseinander –
Und furchtbar schön, mit Göttergrazie,
Entfaltet klingend ihren Eisenfächer
Die fränkische Bellona. Die Kriegsgöttin (lat.). Ausgegossen,
Verkörpert in Metallschrift, lapidar,
Liegt der Gedanke da des Feldherrn auf
Dem großen Blatt der Schlacht.

Und Heerschau hält
Napoleon: »Soldaten, denkt daran:
Wir sind im Mond von Friedland und Marengo. Am 14. Juni 1800 hatte Napoleon bei Marengo die Österreicher, am 14. Juni 1807 bei Preußisch-Friedland die Preußen und Russen besiegt
Zweimal sah der Europas Sterne sinken,
Erblassend zu Trabanten unsrer Sonne,
Nur scheinend noch im Abglanz unsers Strahls.
Die Tage sind's, sind wir nicht mehr die Alten?« –
» Vive l'Empereur!« erschallt's, wohin er kommt.
Aus Bajonett und Degenklinge tanzen
Helm, Tschako, Bärenmütze; Lieder singen
Verhallter Schlachten, längst verwehter Lager,
Vom Sand der Trope und dem Schnee der Pole,
Vom hohen Bernhard Napoleon hatte im Mai 1800 sein Heer glücklich über den Großen Sankt Bernhard geführt. und dem Tal der Saale,
Vom großen Kaiser, kleinen Korporal;
In tausend Stimmen weht's ihn grüßend an,
Wölbt über ihn ein jubelnd Liederdach;
Die alten Herrlichkeiten sind es wieder,
Der alte Kaiser und das alte Heer!
Und schwelgend in der Allmacht seines Ruhmes,
Umstrahlt von seiner Siege Glorie,
Aufsteigt er am Rossomme – eine Sonne,
Zu leuchten einem Tag von Austerlitz.
Der Brite hört die fränkische Jubelpracht,
Sieht seinen Feind bis auf den letzten Mann,
Tritt ins Gewehr.

Und stille – sabbatstill
Wird's unterm Volk der Erden, Freund und Feind –
Eintritt die große Pause vor der Schlacht.
Herniederläutet schweigend von dem Dom
Der Ewigkeit die große blaue Glocke
Auf jedes sterbliche Haupt die letzte Stunde.
Zwei Heere stehen, Hand aufs Herz, ein Zöllner:
»Gott sei mir armen Sünder gnädig!« – Schwer
Umgeht das Schlachtgebet, die stumme Beichte:
Zusammennimmt der Mann noch mal die Seele,
Wird fromm auf seine Art und seinen Glauben,
Gibt Gott, was Gottes, eh' der Herr es fordert;
Greift scharf sich ins Gewissen, bis da wach
Und rege wird, was lange schlief. Gesäubert
Schnell werden alle die verborgnen Taschen
Vom Satansknochen und von seinem Herzblatt,
In Sand und Wind verstohlen rollen, flattern
Verschliffne Würfel, abgegriffne Karten
Und noch manch andres Blatt vom Sündregister.
Und leichter so das Herz gemacht, vorkramen
Sie aus den Trümmern ihrer Jugendzeit
Ein Sprüchlein, ein Gebet, vergessen halb
Und halb verloren, bauen sich zusammen,
Mit frommem Fluch auf schlecht Gedächtnis, mühsam
Noch ein apartes Vaterunser – oder
Empfehlen sich, marschfertig allezeit
Zur Großarmee, ohn' sonderlichen Salvo Vorbehalt.
Dem Himmel und all seinen guten Sternen,
Auch mancher seinen bösen – denn ungleich
Wie alle letzten Stunden ist auch diese. –

Mit gleicher Liebe aber leiht der ewig
Sich selber Gleiche lauschend allen sein
Geduldig Ohr, auf daß er wisse, was
Er weiß, vergebend allen Schuldigern
Die Schuld; denn für die Strafe sorgt erfindrisch
Allein der Mensch – ein Gott in seinem Teufel –
Seit er verloren hat das Paradies,
Die kühlen Lebensquellen, dürstet ihn.
Er stillt mit Blut.

Blitz wird die kalte Sonne
Napoleon. Elektrisch fährt ihr Strahl
Am goldnen Leiter hin der Marschallsstäbe
In des Kolosses Glieder als Kommando,
Und donnernd wieder aus als Feuer und Schwert.

»Geschwind, mein König ohne Land! Hol' dir
Westfalen wieder aus Schloß Hougomont!«
Spricht zu Hieronymus Hieronymus (Jérôme) Bonaparte (1784–1860), Napoleons Bruder, 1807–14 König von Westfalen. sein kaiserlicher
Familienväterlicher Bruder. – Und
Flink durch die Erlen streicht der Thronenjäger;
Hoch aber speit von seines Schlosses Zinnen
Der rote Pardel ihm, dem lüsternen
Exkönig, eine Feuerkrone auf
Das Haupt, daß der Gesalbte heimwärts taumelt
Bis auf sein letztes Hintertreffen. – Also
Auch schlängelt wieder heim sich blitzgeschmeidig,
Gespalten an verschanzter Britenstirn,
Der Kaiserstrahl. Ein kalter Schlag nur war's,
Das Handwerk grüßte sich. – Erst nach dem Gruß
Zusammenlegen wärmer sich die Massen
Der Vordertreffen, zu verzehren sich
Planmäßig nach der neuen Ordnung.

Hoch,
Vorüber an der Briten Hauptschlacht streicht
Von Flügel bis zu Flügel keck ein Feldweg;
Wo er die Straße ihrer Rechten kreuzt,
Da steht ein Baum auf grüner Hügelwelle,
Und unter seinem Schatten Wellington.
Die Uhr in seiner Hand, mißt er sein Glück
Nach seinen Toten: »Manche Stunde geht
Noch hin, eh' Blücher kommt, doch manche braucht
Der Tod auch noch, eh' ich so weit.« –

»Ich komme!«
Ruft Blücher tausendmal im geist- und wortgetreuen
waffenbrüderlichen Herzen,
Wie Jagende im Traum, das Ziel vor Augen,
Schweißtriefend seine Stirn, doch an den Fuß
Gefesselt die gehetzte Seele, kommt –
Und kommt nicht von der Stelle. War es doch,
Als kämpfte für den sturmgebornen Sohn
Der Geist der Elemente noch mit allen
Den zähen Tücken der Naturgewalt.
Die Wolke gießt, aufschwellen sich die Bäche
Zum Strom, die Lachen sich zum See, abweicht
Der Damm, hinschießt der Steg, die Erde schwimmt,
Ein schlammig Meer, zieht unterm Leibe fort
Dem Mann den Fuß mit klebendem Gewicht;
Vorschieben trotzig sich die Berge, klemmen
In ihre sand'gen Arme ein die Glieder
Der preußischen Kolonnen, brechen ab sie.
Die Achse schleift, die Räder wühlen, ächzend
Liegt Tier und Mensch vor Strang und Speichen, zieht,
Schiebt, windet, flucht und peitscht, bis – da sie steht,
Versunken grundlos, eine feste Burg,
Die wandelnde der Wagen und Geschütze,
Verspottend jede Kraft natürlicher
Geschöpfe. Lichterloh aufschlägt das Feuer,
Der Sturm zerspellt's in tausend rote Spieße,
Und Höllengasse wird der Marsch durch Wavre.
»Vorwärts! Wer vor der Hölle, muß auch durch!«
Und durch sind sie und fort, schon nebelt Wavre,
Da kommt es nach –

»Wen hat der Teufel da
Schon wieder?« –

»Grouchy, Emanuel Graf von Grouchy (1766–1847), Marschall von Frankreich. Eure Durchlaucht, sitzt
Hart hinter uns mit dreißigtausend Mann –
Kehr' um! Schon drängt er uns.« – »So drängt ihn wieder!
Vorwärts! Nicht hinter uns liegt Waterloo!«
Spricht unerschütterlich der graue Seher,
Der seines Cäsars Märzen Idus Blücher hatte 1813 erlebt, wie Napoleons Glück versagte gleich dem des Julius Cäsar an den Iden (Monatmitte) des März, seinem Todestag. sah.

Schon tauchet auf am Himmel jener Hochwald
Da von Paris, schon streckt entgegen gähnend
Die hohle Gasse sich des Sankt Lambertus,
Das dunkle Tor zur Schlacht von Waterloo.
»Achtung! Schließt euch! Hier gibt's was, falsch die Pässe,
Und voll der Wald! Durchschlagen müssen wir
Uns in die Schlacht.« –

»Herein! Frei alle Pässe,
Und leer der Wald, so wahr ich noch der Grolmann!« Karl Wilhelm Georg von Grolmann (1777-1843), damals Blüchers Generalquartiermeister.
Ruft's gastlich aus dem Tor. – Wiegt goldschwer auch
Ein Schwur bei solchem Namen, hat auch Zug
Das Wort »Herein!« vom Generalquartiermeister,
Recht glauben will doch keiner. Blücher spricht:
»So offen uns hier Tor und Tür zu lassen,
Als wären abgefunden wir, kein Preuß
Mehr da, und auch kein Blücher nicht! So was
Kann nur ein Bonaparte oder – Gott!
Vorwärts mit Gott!«

Fest, aber unbeweglich,
Wie ihre Straße, stehen die Kolonnen.
»Es geht nicht weiter!« keucht es aus dem Schlamme,
Stöhnt's aus dem Hohlweg nach. »Es geht nicht!« rauscht
Es aus den Wassern wider. Heißer brüllt
Die Britenschlacht, mahnt donnernd an das Wort.
Und Blücher hört den Donner, hört die Klage,
Hört Hülferuf zugleich und Weheschrei;
Zum ersten Male schlägt sein Waffenbruder
Mit diesem Kaiser, und schlägt eine Schlacht,
Wo alles zu gewinnen, zu verlieren;
Eilboten melden schon der Briten Not,
Den übermächtigen Sturmandrang des Kaisers;
Um Rettung schreit der nächste Augenblick –
Und Blücher kann nicht retten vor der Schwelle,
Nicht vorwärts mehr trotz all den offnen Toren,
Kann nicht in seinen Sieg und seine Rache! –
Und auf das alte Heldenherz fällt ihm
Sein Wort so schwer wie ganz Europa – »Kinder!«
Spricht weich die not- und grambewegte Seele
Aus aller Lieb' und Treue tiefstem Grunde:
»Es geht nicht, heißt es wohl, und muß doch gehn,
Muß gehn! Ich, euer Vater Blücher, hab's
Versprochen meinem Bruder Wellington!
Wollt ihr, daß ich wortbrüchig werde?« – Und –
Es ging!

Noch steht auf seiner Sonnenhöhe
Der Kaiser. Angeflogen ist sein Marmor
Schon von dem ersten Rot der Siegsfreude.
»Noch einen Sturm – und er ist übern Berg!«
Spricht ohne Worte der beredte Mund.
Ausstrahlt sein alter Gott, der Siegsgewisse,
Anmut spielt lächelnd um die seine Lippe,
Und wieder heimatlich legt sich der Lorbeer
Um die Cäsarenstirn. – Stumm schwelgen alle
Im Liebreiz seiner kaiserlichen Huld,
»Unüberwindlicher!« ruft jeder Blick,
Und eines Siegs, des über seine Helden,
War er gewiß.

Und wie von Firn zu Firn
Der Erde stolze Höhen ihre Sonnen
Sich über ihre Täler senden vor
Dem Tag mit dem verfrühten Nebellicht,
Hinübersendet seiner stolzen Hauptstadt
Er ihres Kaisers Sieg. –

Da über ihr
Zenit hinaus senkt sich des Himmels Sonne.
Den Boden stampfend, knirschend in den Zügel,
Harrt rings der Sturm auf seines Kaisers Wink.

Der heitre Kaiser aber steht – vom Lorbeer
Nur seinen Schatten noch, von seinem Lächeln
Nur noch den Hohn – auf seiner Höhe, wie
Der Seemann steht am schwanken Bord, zeigt plötzlich
Am heitern Horizont sich eine Sturmbank:
Gebannt sein Aug' an einen dunklen Punkt,
Hinschwebend über des Lambertus Wand,
Ausstreckend jetzt sich wider ihn, gleichwie
Ein dräuend Himmelsschwert.

»Ein Punkt – ein Strich –
Gewölk! Was ist's?« –

»Ich glaube – Grouchy«, stottert
Sein Herzog von Dalmatien Nicolas Jean de Dieu Soult, Herzog von Dalmatien (1769–1851), französischer Marschall.

»Oder« – spricht
Der Kaiser –

»Preußen!« spricht ein eben eingebrachter
preußischer Husar –

Und »Bülow!
Sire«, sprechen seine Späher. –

Und entgegen
Zehntausend Bajonette stößt der Kaiser
Dem ungebetnen Gast am Siegesmahl.
»Verloren dreißig Chancen – aber alles
Gewonnen, hält mir Grouchy Wort! – Ein Schlag
Zermalmt sie beide, Preuß und Briten!« lächelt
Er wieder wie die Sonne überm Krater –
Und winkt dem Sturm: »Zugleich, in Front und Flanken!«

Entladungssüchtig hebt um seinen Berg
Sich rings der wetterschwangre Schwall, ausklammernd
Vorwälzen über beide Straßen sich
Vier Heeressäulen, achtzig Feuerschlünde.
Nachrauscht der Kaiser auf die Belle-Alliance,
Tritt nah dem Herzog bis auf Kugelweite,
Sein Aug' einbohrend in sein rotes Herz,
Aus jeder Regung seinen Plan zu lesen.

Der Herzog aber tritt an seine Linke:
»Euch, Regimenter, gilt der erste Stoß,
Steht fest! Geschlagen dürfen wir nicht werden!
Was würde England dazu sagen!« –

»Drauf!«
Antworten seine Regimenter. »Vorwärts!«
Metallschwer schlägt ein Schritt den Stempel auf
Ihr Wort.

Anbrandet Frankreichs blaue Flut –
Verglast, gefrierend vor dem Eis der Briten,
Erhebt sich, wendet sich und wirft sich krachend
Auf belgisch Volk, und Triebsand das – verschwommen!
Doch übern Sand mit donnerndem Geröll,
Als käm' das Hochland nieder Block auf Block,
Rollt Thomas Picton her und seine Schotten –
Vorliegt ein Damm gewürfelter Granit.
Zurückespritzt die Flut, mit aber reißt
Ihr Opfer sie – Sir Thomas Picton fällt,
Und seine Grabschrift drauf: »Ihn hieß der Schotte
›Vater‹, das Heer ›Des Feldherrn rechten Arm‹.«
Mitfällt ein Tropfen Bluts von jedem Mann,
Und in Bewegung endlich kommt der Brite,
In jene schauerliche kalter Seelen.
Auslegt zu einem Schlag sich ganzen Leibes
Ein Heer von Boxern. –

Doch elastisch federt
Das Adlervolk sich aus der Löwentatze,
Schlägt Schwunges auseinander rasselnd seine
Geschmeid'gen Flügel – eine Flammenlinie
Vor ganzer Halde steht die Frankenschlacht.
Hoch drüber liegt der Leu von Albion –
Liegt kühl und ruhevoll.

»Der Herzog spielt
Den Fabius Römischer Feldherr, wegen seiner Zaudertaktik Cunctator, »der Zauderer«, genannt. – hält's hinterm Berge«, spricht
Der Kaiser, »holt heraus den Dachs!«

Und drauf
Sich wieder nach dem Taktschlag der Kanonen
Verwandelnd, schießt der vielgestaltige
Schlachtproteus Proteus, eine Gestalt der griechischen Sage von wunderbarer Verwandlungsfähigkeit. in drei Säulen, pfeilgeschwind
Und pfeilgerade wie das Gliedertier
Vom Nilstrom, feuerfest wie Salamander,
Empor durch das verkreuzte Schanzenfeuer
Bis an das Haupt St-Juan. – Da aber schwillt
Dem Heiligen der Kamm, und jach heraus
Aus seinem Nacken, rollend vor sich her
Die fränkische Dreisäule, daß sie splittert
Weit übers Tal, fährt Ritter Ponsonby
Bis in den Schlund der heißen Achtziger
Mit den drei blanken Fäusten von Royal,
Grey, Innys Kylling, Großbritanniens
Drei hochberühmten Reiterregimentern,
Dem Schwerberitt Altenglands, Schottlands und
Der Grünen Insel.

Aber jovial,
Wie einst der alte Donnrer, wiegend sich
Auf seines Adlers Flaum, abwies mit dem
Behenden Blitz in seiner Klüfte Schlot
Das ungefüge Volk der Sturmzyklopen,
Vorstreuet der geschwinde Kaiser ihm
Sein leicht und frisch Geschwader – und sturmmatt,
Entschart, umwirbelt und beschwindelt von
Dem fremden Tanz und eignen Taumel, fällt
In seines leichten Feindes offne Arme
Der schwere Brite wie ein atemlos
Vom Tanz erschöpftes Kind.

»Ich mache Gasse!«
Stürzt Ponsonby, ein brit'scher Winkelried Der Schweizer Arnold Winkelried entschied die Schlacht bei Sempach am 9. Juli 1396 zugunsten der Eidgenossen, indem er eine Anzahl entgegenstarrender Lanzen umfaßte, sich in die Brust stieß und so eine Lücke in die feindliche österreichische Schlachtreihe riß
Sich heiter in die Lanzen Jacquinots.
Schon öffnet staunend sich der starre Wald,
Da sinkt sein Tier elendiglich in Schlamm;
»Grüß' mir die Heimat, Kamerad, sei mir
Ein Liebesbote!« ehrt, versinkend, noch
Der Ritter seines Todes Nächsten, reicht
Ein heimlich Bild ihm von der Brust – doch Gruß
Und Bote, Bild und Leben, alles wandert
In eine

Heimat – unter Rosses Huf!
Wegtritt sie Feind und Freund, wirft übers Grab
Die feuchten Rosen – fort, verstoben sind
Die hast'gen Totengräber! Heim zur Ruh'
In ihre Berge wieder schlagen sich
Die Stürme – und entschieden wurde nichts.

Erraten kann der Kaiser nicht den Herzog.
Der liegt, ein ehern Schweigen, regungslos,
Wie lauernd überm Rätsel lag die Sphinx,
Mit seinen Massen vor ihm auf der Höh'.
Getrieben von der Ruhe, wühlt er blaß,
Wie grimme See vorm starren Fels, vor diesem
Ruhvollen Herzog immer wilder auf
Sein Element. »Die Voltigeure vor!
Nach der Sappeur! Pionier, Schanzgräber. Verschanzt den Fuß, den die
Gewonnen, Festung rücke gegen Festung!
Die Preußen hält der Lobau Georges Mouton, Graf von Lobau (1770 – 1838), französischer Korpskommandeur. schon im Schach,
Bis Grouchy matt sie macht im Rücken.«

Da –
Herüber, wie's einst kam auf Dunsinan
Zum Than von Cavdor, kommt auf Belle-Alliance
Vom Lobau her der bleiche Bote: »Sire,
Es lebt der Wald vor Planchenoit!« – Und wie
Der Than mit Fäusten niederschlug den Boten, Vgl. Shakespeares »Macbeth«, 5. Aufzug.
Schlägt er den seinen mit dem bösen Blick,
Und höher gegenpointierend dem
Unheimlichen Mitspieler, setzt er an
Die dunkle Karte, den lebendigen Wald,
Sein frisches Gold noch, seiner Garde Jugend.
Hinrauscht ins Tal die junge Adlerbrut.
Abwendet sich der blasse Pharao
Von diesem unheilvollen Spiel, wirft zu
Dem Briten wieder sein verzehrend Aug':
»Haubitzen auf die Schanzen!« Und her, kreischend
Gezweig und Ziegel niederschlagend, auf
Das Dach der grünen Schanzen kommt geflogen
Der rote Hahn der Gallier, läuft längs
Der First rechts, links zugleich – ein roter Streif!
Unhemmbar, fort wie Waldesbrand – und rings
Im Feuer steht die ganze Halde. Was
Da brennen kann, das brennt, was löschen kann,
Das löscht, Feldkessel werden Wassereimer;
Vom Dampf erdrosselt, unterm Dache stirbt
Der wunde Mann den Tod in Liebesflammen
Am Stroh, das ihm gestreut der Kamerad.
Der sieht sich nicht mehr um nach ihm, der steht
Kalt wie die Mauer vor seinen Scharten, spricht:
»Fahr hin!« Und stürzt den Franken von der Wand.
Knapp seine Zeit! Ihm blieb für Freund und Feind,
Für beide nur ein Wort – ein »Fahre hin!« –
»Erst mir, dann dir!« ruft stürzend der Gestürzte,
Baut drunten auf sich eine Gegenschanz'
Aus Zweig- und Trümmerwerk und seinen Toten
Und voltigiert sich wieder in die Höh',
Greift durch die Scharten ein ins heiße Rohr
Mit nackter Hand, und Faustkampf halb in Luft
Wird hier die Schlacht. Zu lange aber schwebt
Die blut'ge Frage dem getriebnen Kaiser:
»Schnell, Marschall, arrangiert mir ein Bukett!«
Und alle Batterien blühn – hinfällt
In Trümmer alles unter diesen Blumen!
»Mein sein Bollwerk!« stemmt der Kaiser drauf
Den Fuß. »Jetzt Sturm in seinen rechten Flügel!
Die Pferde vor – was Sattel hat und Sporn!«

Aufwogt das Tal von schmetternden Schwadronen,
Der ganze Rotroßschweif, ein wehend Blutmeer!
Vorauf der Milhaud, der zu Fall gebracht
Den alten Reiterfürsten Blücher, nach
Der Valmy, der den Welfenherzog warf
Bei Quatrebras, und der Latour-Maubourg, Milhaud, Valmy und Latour-Maubourg, französische Generale.
Die ganze Hochflut seiner Eisenreiter.

Und kommen sieht der Britenherzog all'
Die schmetternden Geschwader, und vorauf
Die letzten Seinen der verlornen Schanzen,
Bei ihm noch Bergung suchend – und ein Leuchtturm
Hoch gegenüber seiner Brandung, setzt
Er nieder sich aufs Schlachtfeld: »Hier, Soldaten!
Hier bleibe ich und weiche keinen Fußbreit!«

Und stumme Antwort gibt ihm der Soldat.
Ablegt er hinter sich in scharfer Grenze
All seine ird'sche Habe, den Tornister –
Und Feldherr und Soldat verstehen sich:
Darüber führt kein andrer Weg als – tot.

»Karree!« läuft durch die Linien das Kommando
Vom Flügel bis zum Flügel. Sein Kanon
Verläßt die britische Bemannung, wirft
Sich hinters Bajonett, und Burg an Burg
Lebend'ger Wall, in jedem Sturmpfahl Feuer,
Steht 's Britenheer, die hohle Stadt von Eisen,
Erwartend kalt die kaiserlichen Gäste.
Und – da sind sie, wie Hagelschlag in Saat!
Und »Pferd auf Pferd! Vor, meine Lords vom Roß!«
Ruft Wellington Uxbridge und Somerset.
Und übern Bergkamm und heran die Halde,
Den Säbel überm Kopf, des Rosses Bauch
Fast auf der Erde, auf – herüber – vor –
Entgegen – durch die eisernen Gassen schnaubend,
Zusammenschlägt die sausende Reiterschlacht.
Ein wirbelnder rasender Föhn! – Antreten zwanzig
Mal Tausend ihren schwirren Schwertertanz,
Verschlingen paarend sich zum furchtbarn Reigen;
Trompeten schmettern, Nüstern schnaufen den Chorus;
Die stählernen Lüfte sprühn, der Boden funkt,
Vom trappelnden Tritt der Tanzplatz schwankt, und wenn
Die wirbelnden Paare sich fassen, lassen nicht los
Sie wieder, halten sie fest, bis rot der eine,
Der andre blaß, herunter von Leib und Leben:
Als tanzte Tod und Teufel auf Mont St-Jean
Den Bergtanz wieder mit hunderttausend Füßen.
Zertreten werden Bataillone, kalt
Zusammengehauen ganze Regimenter;
Vorwärts, zurück – Flut, Ebbe, Flut – schiebt hin
Und her sich die metallne See.

Ein Mond
Darüber still und klar, steht Wellington.
Oranien, die Fürsten, Lords, all' die
Gesandten von Europa tragen schnell
Wie seine Strahlen durch die Nebelwogen
Sein Licht und seine Ruh'.

Doch keine Ruh'
Mehr läßt der Ruhelose! Ihm zu kalt
Die Schlacht. »Die Schlünde vor!« Und rollend weht
Aus jeder Spalte der zerrißnen Schanzen
Der glüh'nde Samum in die kühle Wüste,
Und matt wird, was noch Odem hat von Mensch
Und Tier.

Wohin der Britenfeldherr sieht,
Fällt ihm ein ehrenwerter Mann. Still legt
Sir Coke Coke, englischer Divisionsführer. sich in den Schatten seiner Fahne,
So weiß als ihre königliche Seide. Voll nimmt,
Wie ihn das Leben gab, der Tod
Den wackeren Delancy; Delancy, englischer Unterführer. ein Zwölfpfünder
Bricht sein altenglisch Herz – und doch nicht tot!
Die Liebe hält ihn, die allmächtige.
Sein Weib, so jung noch und schon Witwe! Flor
In ihren Flitterwochen! Seinen Tod
Wohl möcht' der arme Sir – die Wunde brennt!
Nur ihren kann er noch nicht sterben! Scheiden
Aus Maienblüten tut gar weh! – Ade!
Der Himmel über Waterloo ist hart
Und tränenreich, verregnet mancher Braut
In Süd und Nord den Kranz.

»Auch du, mein Halkett? Halkett, englischer Unterführer wie Delancy.
Du muntrer Sir! Du tanztest aus dem Saal
Zu Brüssel dich herüber auf das Feld –
So matt jetzt, blasser Sir mit roter Schärpe,
Als hätt's ein schönes Aug' dir angetan?
Nicht deine Wunde treibt so bitter Salz –
Wo hast du deine Regimenter, Mann?« –
»Auf ihrem Platz, mein Herzog.«

England, sieh:
Sie liegen, wo sie standen! – »Aber du,
Soldat der Legion! Was gräbst du dir
So liebesgrimmig aus dem Sande?« –

»Ich?
Grab' einen Schatz, mein Feldherr, grab' heraus
Mir meinen Oberst Ompteda. Freiherr von Ompteda, Befehlshaber der deutsch-hannoverschen Truppen. Befohlen
Ward sichtlich er in seinen Untergang –
Indes, es ward befohlen und er ging.
Da ist sein Haupt – ein Regiment zu Pferd
Ging drüber hin, doch immer noch das alte
Verwogene Gesicht, als schlüg' er weiter
Jenseits.« –

»Das kann er auch! Er hat den Tod,
Und der nicht ihn besiegt. – Ich beuge mich
Vorm stillen Lorbeer des Gehorsams. Laß
Ihn liegen, wo er fiel den schwersten Tod!
Kein Sand ihm leichter.« –

Was gibt's dort! Viel Volk
Um einen Mann? – Ein schwerer Fall! »Steh, Bursch!
Wen traf's?« –

»Lord Somerset« –
»Den Fitzroi?« –
»Lord Canning, Herzog!« –

»Prinz Oranien!
Mein Feldherr, tragen wir« –

»Die fleiß'ge Kugel!
Auf jede Frage einen andern Mann –
Was will mein Adjutant? Fleht doch sein Herz
Mich an aus seiner Jugend ganzer Fülle –
Was willst du, Gordon?« Lord Fitzroi, Lord Canning, Gordon, englische Führer.

»Geh von deinem Baum –
Die Batterie!« –

Und weiter sagt er nichts? –
Ein stiller Mann. – Zu glauben wäre schon
Dem stummen Mund, er gab sein Leben für
Sein Wort. Doch nicht von seinem Baume geht
Der Mann der Grünen Insel.

Wilder rollt
Die Wüstensonne, ihre Erde bebt.
Nicht stand mehr hält sein schußvertrautes Tier,
Es senkt das Ohr, die Augen rollen, fiebernd
Zuckt's übern ganzen Leib. Zuweilen stockt
Die Schlacht, als stickte sie an eigner Wut –
Der Tod holt Atem. Und wie dann geschwind
In solchen Schreckenspausen wohl das Haupt
Die Häupter zählt, was es noch hat, an dem,
Was es verloren, zählt der Feldherr schnell
Nach Massen seine Köpfe.

Tot zehntausend,
Zehntausend wund, zehntausend fortgegangen
Als Bahren ihrer wunden Brüder, und
Sich nachgestohlen als Leidträger noch
Ein ganzes Heer; der Reiter pferdelos,
Ein halber Mann – was übrig, Schlacke meist –
Frisch nur sein aufgespartes letztes Treffen.
Vorüber an ihm jagen Stück auf Stück
Zerschlagenes Geschütz; fern übers Feld
Hinstiebt sein Troß, der Schlachten Wetterfahne,
Als wär' es aus mit ihm, verloren alles –
Ihm nach der Marodeur Plündernder Nachzügler. und der Spion.
Aufpeitschen ihre Schrecken den Verrat,
Der lauernd liegt auf der verwelschten Erde;
Vom Jammer überfluten seine Straßen
Gleichwie zwei tiefgeschlagne Heeresadern:
»Strömt's also reich, so muß ich mich verbluten.«
Und tiefer schlägt's und reicher strömt's, und – matt
Und matter geht der Pulsschlag seiner Schlacht.
Es heult der Wald, es röchelt seine Au,
Als läg' der Leu in seinen letzten Zügen. –
Da wird's ihm warm, dem kalten Mann: »Ich wollt',
Es käm' die Nacht oder – die Preußen« –

Horch!
Da weht's herüber, wachsend, überbrausend
Den wilden Samum wie des Herrn Odem,
Und wetterleuchtend, wie auf Sinai,
Tritt auf Lambertus' Wand aus Hochwalds Schatten
Das Preußenwort. –

Und in geschloßnen Reih'n,
Schar über Schar, inmitten ihre Donner,
Steigt flimmernd eine Fechterlegion
An des Amphitheaters großer Treppe
Die Stufen nieder in die brüllende
Arena.

»Blücher!« ruft sein Waffenbruder,
Und – wie der frostbeladne See, grüßt warm
Die Sonne lang ersehnter Frühlingshimmel,
Aufreißt die starre Brust, und aus dem Riß
Vorquillt der tiefe Tropfen – springet vor
Aus des Bedrängten Aug' die helle Träne.
» For ever, Blücher!« ruft das ganze Heer,
Ein feuchter Augenblick die heiße Schlacht.
Still macht noch einmal seine Liebesrunde
Der alte Feldherr durch Altengland.

»Blücher?«
Hallt wider es auf Belle-Alliance. – Und
Herniedersteigen sieht der Franke endlos
Auf seine Straße seinen Dämon, heften
An seine Fersen sich den Rachegeist
Schnell, unablösbar wie sein Schatten. –

Und
Die stille Runde macht auch Blücher durch
Das Kaiserheer – wie Herbstwind durch die Saat,
Anfröstelnd all' die goldgeschwerten Ähren –
Und Stimmen wehen unvernehmbar, doch
Vernommen bis ins Mark: »Die Saat ist reif,
Der Schnitter kommt.«

Schwül hin und her durchwogt's
Die alten Legionen, ruh- und ratlos
Sehn alle seine Adler nur auf ihn
Der Kaiser aber sieht auf sich – und reg',
Als höb' ihn just, was seine Helden drückt,
Als würde wohl ihm erst im Ungeheuern,
Wird jeder Geist von seinem Gott. – Sein Unglück
Bringt in Bewegung ihn, wie all sein Glück
Es nie vermocht. Gleichwie heraus noch fordernd
Sein Schicksal, fester tritt er in den Bügel,
Rückt höher sich in seinem Sattel, zieht
Den Degen, stößt den Sporn in Rosses Flanken
Blutscharf, als stieß' er ein sein eisern Herz,
Jagt nieder von der Belle-Alliance in
Sein überschattet Heer und wirft noch mal –
Entgegen jenem Blücherschatten seinen
Allmächtigen Kaiser: »Zählt ihr euren Feind?
Ihr, meine Braven der Dreikaiserschlacht! Schlacht bei Austerlitz, am 2. Dezember 1805.
Sonst schlugt ihr euren Feind und zähltet ihn
An seinen Toten. Mann von Jena, warst
Ein Mann auf zwei, bei Montmirail Am 11. Februar 1814 besiegte Napoleon bei Montmirail die Preußen und Russen. auf drei.
Geschichte, sprich! Ihr alten Tage, redet!«
Und hinjagt er auf seinem weißen Renner,
Durchjagt die finstern Legionen all' –
Ein Heldensang zu Roß, raketenprächtig,
Gießt in die matt gewordnen Seelen er
Den ganzen Feuerregen ihres Lebens;
Ein jeder Hufschlag schlägt ein Schlachtfeld aus
Dem Boden, jedes Wort singt einen Sieg;
Und jagt und lüftet seine Brust und drückt
Sein Herz, zieht seinen Hut, senkt seinen Degen
Vor jedem Fetzen ihrer Fahnen, heißt
Jed' Regiment bei seinem liebsten Namen,
Übt alle seine alten Künste wieder,
Hetzt alle ab auf seinem matten Renner –
Der heisre, blasse Kaiser –

» Tout perdu!
La belle Alliance, c'est la mort de la FranceFranzösisch: »Alles verloren! Belle-Alliance ist Frankreichs Tod!«
Singt schwanend durch die Gassen nach Marie,
La Tête de Bois, die fränkische Kassandra, Soviel wie: Unglücksprophetin.
Die vielerfahrne Marketenderin
Noch aus der italien'schen Blütenzeit,
Verschüttend alle ihre flüssigen Schätze.

Heimkehrt auf seine Höhe der Tyrtäus Napoleon, der die Krieger anfeuert, wird hier dem griechischen Schlachtensänger und Feldherrn Tyrtäos (um 670 v. Chr.) verglichen.
Ach, alle seine goldnen Siege hing
Verzweifelnd er ans eherne Gewicht
Der einen Stunde vor dem Mont Saint-Jean.
Sein Lied ist aus – der Schatten blieb. –

Und wie
Da vortritt aufs geätzte weiße Blatt
Urplötzlich lesbar die verborgne Schrift,
Herausgehetzt tritt die verhehlte Seele
Ihm in das Angesicht: »Du bist gewesen! –
Du und dein Heer! – Der feuchten See entstieg
Nichts als ein flüchtig Meteor, getragen
Nur noch von schwanker Säule günst'ger Winde.
Dein Stern, der alte Glaube ist dahin
In Feind und Freund, im Nächsten, in dir selbst.
Du bist entgöttert, fühle deinen Menschen!«

Schwer liegt die Hand des Unglücks auf dem Haupt
Des Träumers, der sich bis zum Gott vermaß!
Entgöttert, doch entlastet nicht der Welt,
Die auf die Schultern er sich lud im Traume,
Mit einer Götterlast steht da nun Gott
Napoleon – ein Mensch!

»Hast du begonnen?
Vollende!« donnert heiß der rote Morgen;
»Vollende!« schattet kalt der bleiche Abend;
»Vollende!« brausen aus der tiefen Nacht
Gefallener Despoten auf all' die
Heraufbeschwornen Elemente, jetzt
Des Meisters Meister, um so wilder Herr,
Je mehr sie Sklav' gewesen, schüttelnd aus
Dem bleichen Purpur all' die dunklen Falten.
Sie wieder niederbannen kann er nicht –
Zu spät! – kann nicht mehr vorwärts noch zurück –
Ach! Schwindelnd steht auf seiner Linie,
Geschnellt von Sturmes Hand in Ost und West,
Der Cäsar zwischen seinen heißen Polen:
Entweder – oder! –
Und von nun an schlägt
Nicht mehr der Feldherr seine Schlacht, nur noch
Der unverantwortliche Kaiser setzt,
Was er noch hat, des Heeres letzten Mann,
Den letzten und den besten, seine Mauer,
Mit der sie alle stehen oder fallen,
Setzt alles, Heer, Volk, Frankreich und sich selbst,
Auf einen einzigen Stoß der Degenspitze:
»Vor, meine alten Garden!«

Und – wie der
Vom Sturm gebrochne Segler noch einmal,
Eh' er hinuntersinkt ins feuchte Grab,
Hoch übern Spiegel seines Ozeans
Emporhebt seine goldne Galione Schmuck des Schiffsschnabels.
Vorrauschen sie, die noch kein Schatten bleichte,
In ihrer schönen Tage vollem Glanz
Die alten goldnen Siegesflügel! legen
Sich eng her an die Rechte und die Linke
Von ihrem Kaiser.

»Schlage dich hinab
Gen Planchenoit und rette deine Jugend!«
Spricht er zum Rechten und zum Linken: »Schlag
Hinauf dich an den Mont St-Jean im Sturm,
Eh' ihn der alte Vorwärtsstürmer stürmt,
Und brich das Britenherz – dein Kaiser folgt!« –
Und schnell an seinem eignen Feuer schmiedet
Zusammen sich das edele Metall
Zu einem Riesensturmkeil, einem Löwen-Herzbrecher.

»Das gilt uns!« spricht Wellington.
Und wie das Leben deckt sein Heiligtum,
Das Herz, mit allem, was ihm Schild mag sein,
Kommt hergeschnellt der Todespfeil, anzieht
Er seine Flügel und zieht vor sein Letztes,
Den aufgesparten Heerstamm, seine Garden;
Legt zwischen Vor- und Hinterwehr, platt auf
Die Erde hin, viel zuverlässig Volk,
Daß, wenn die Vordern fallen, auf es springe
Wie Drachensaat zwiefach aus seinen Toten:
Ein tiefes Grab wird seine Brust für den,
Dem es gelüstet nach dem Herzen drinnen.
Und » En avant!« – Anrückt die große Linke,
Zwölf Bataillon' und mit zwölf Batterien;
Der Braven Bravster Marschall Ney hatte von Napoleon nach der Schlacht bei Friedland diesen Beinamen erhalten. führt, Gewehr im Arm;
Kein Schrecken ihr zu neu, keiner zu groß.

Aufmacht sich wieder, wie am Tag vor Ligny,
Am Himmel Waterloo der Abendsturm,
Setzt sich in Gang mit ihrem Marsch, das Bahrtuch
Der Schlacht zerreißt, die grauen Wolken ziehn,
Zerfetzt und donnerschwer wie ihre Fahne;
Die Halde stäubt vom heißen Tritt, als höb'
Sich eine Wüste; rings lebendig wird
Die feindliche, verwüstende Natur
Ums alte Löwenvolk der Pyramiden. Die Garden, die unter Napoleon in Ägypten gekämpft haben.

Die Stoßkraft vor dem Stoß zu schwächen, wirft
Entgegen Wellington ihm Trupp auf Trupp.
Vorlegt sich's staffelweis, stemmt sich gewaltig;
Sie aber legen Trupp auf Trupp beiseit
Zur ew'gen Ruh', und » En avant!« vorgeht's
Auf warmer Treppe weiter – immer kühl
Ans Herz hinan, und –

»Halt!« ruft's aus der Erd'
Gebieterisch wie Grabesstimmen – niemand
Zu sehn beim ersten Blick – beim zweiten aber
Fliegt auf die Menschenmine, spritzt sie an
Wie frisches Herzblut, heiß und scharlachrot.

Der greise Michel fällt, es fällt Friant Französische Generale.
An seinen Wunden zählte der Soldat
Die Schlachten alle, die sein Kaiser schlug.
Die Säule dröhnt vor Schmerz. Ney stürzt; es bricht
Zusammen unterm Leibe ihm sein Pferd –
Und » En avant!« geht weiter es zu Fuß,
Fort unaufhaltsam, und – durchbrochen ist
Die Scheidewand der Vor- und Zwischenwehr.
Dumpf auseinander rollt der Keil und – schroff
Und wettergrau, wie ihre alten Küsten,
Das Weiß' im Aug' sich sehend, gegenüber
Im stärksten Sohn stehn Frankreich sich und England.

Ein hohler Blick des tausendjährigen Hasses,
Und – zwischen ihnen strömt der Blutkanal.

Zusammenkracht, verkreuzend sein Geäst,
Der Heerurwald. Nacht wird's von seinem Schatten
Und licht von seinem Fall. – Sie sehn sich nicht,
Sie fühlen sich – und wo die Britenwand
Sich lichtet, wo dem Mann zu heiß wird das
Gewehr, füllt wieder nach ihr Herzog schnell,
Reicht zu gekühltes Eisen. Immer dicht
Und kühl steht Engeland.

Wohl sieht auch Ney
Sich um, wohl wird's auch heiß und licht; doch nichts
Für seine Garden hat ihr Kaiser mehr
Als » En avant

Und weiter fechten sie,
Die großen Zwölf, im ungekühlten Feuer
Auf heil'ger Erd', der toten Brüder Leib,
Zwölf Märtyrer des alten Glaubens noch
An sich und ihren Kaiser. – Horch! Da fährt
Es rasselnd auf an ihrem Flügel – und
Der Brite drüben macht geschwinde Platz.
»Der Kaiser kommt!« geht's durch die Gläubigen,
Wie die Verheißung auf Erlöser. Hoch
Weht ihre Oriflamme. Altes französisches Heerzeichen, eine rote fünfzipfelige Seidenfahne. – Da stößt fort
Der Wind mit schadenfroher Geisterhand
Den Schleier, den der Schlachtengott noch seinen
Ehrwürd'gen Söhnen mitleidsvoll vors Aug'
Gewebt aus Pulverdampf, und seitwärts blickt
Der Mann, und seinen Kaiser sieht er nicht,
Und was er sieht, das fühlt er auch – Kartätschen,
Die englische Erlösung! – Niederreißen
Sie ganze Reih'n. Zusammenrücken sie,
Verschließen schnell vor Feindes Aug' die Wunden,
Und fechten weiter.

Immer reicher streut
Der wilde Mohn den blassen Schlaf; nachknattern
Die Schauer strömender Raketen, sengen
Ein ins Mark das Brandmal menschlicher
Erfindungsehre.

Weiter fechten sie –
Die Siegverwöhnten, halten neunundzwanzig
Der Salven aus. Da schwingt die alte Hoffnung
Von neuem ihr Panier, so licht – so grün,
Wie jener Taube Ölzweig: »Grouchy kommt!
Der Kaiser sagt's!« – Und seine Garden glauben:
» Vive l'Empereur

Und »Hurra!« schlagen drein
Die blauen Donnerwetter Sankt Lamberti –
Und nichts als Himmel da und Preußen! –

Oh!
Da regt sie sich, die menschliche Natur –
»Die alte Garde weicht!« – Der bleiche Mann,
Entsetzen, geht durchs ganze Kaiserheer.

»Das ist der Augenblick zum Angriff! Vorwärts,
Kinder, aufs rote Dach der Belle-Alliance!«
Ruft Wellington, ruft Blücher – und so weit
Ein Brite da und Preuß, wird Siegeslosung
Das rote Dach. Absprache nicht der Feldherrn,
Ein Zufall war's, die leise Hand der Götter.
Mitschlugen wieder sie die Schlacht der Menschen;
Galt's doch ein Ilium Troja. und Heroen, wert
Der Götterliebe und des Götterzorns.

Und dunkel endlos, wie sich schichtweis lagert
Der Nachtstreif übern Höhenrücken, auf
Zu einer Wand entrollen sich beide Heere.

Die Garde sieht: schwarz wird's um ihre Häupter –
Geschlossen aber noch in heiliger
Soldatenordnung tritt sie ins Karree,
Vier Stirnen bietend dem zwiefachen Feind.
Da kommt ihr Kaiser! Seine Dienstschwadronen
Gibt ab er noch zu Hilf nach Planchenoit,
Bringt hier, den Degen in der Faust, sich selbst
Mit seinem letzten Bataillon – und noch
Am Grabe ihm ein: » Vive l'Empereur
Empfängt die Phalanx ihren Kaiser, schließt
Ihm auf ihr ehern Tor, legt, eine Mauer,
Sich eng und fest um ihn, schiebt Schritt vor Schritt
Sich unter die Kanonen der Belle-Alliance.
Gedeckt von ihrem Flammendache, will
Sie durch sich schlagen mit der kalten Waffe,
Heran noch an ihr scheues Heer, will noch
Aus Trümmern bauen einen Rückzugswall,
Aus Schmach erobern noch ein würdig Unglück. –
Umsonst! Schon buhlend mit dem Feinde winkt
Die rote Siegesbraut dem Preuß und Briten
Mit beiden Armen lockend von den Zinnen,
Wie hohlen, eifersüchtigen Grimmes auch
Ihr alter kaiserlicher Bräutigam
Herniederschleudert ihren blühenden
Granatenkranz in donnernden Buketts –
Matt ist der Tod mit allen seinen Schrecken,
Wird Sterben Lust – und Siegestod ist Wollust.
»Vorwärts! Geschütz vorauf! Das Fußvolk nach!
Und hinterdrein die reitenden Geschwader!«
Und vor, als schöb' der Berg sich, schwankt die Heerwand
Nach ihrem Schwertakt der Kanonenschläge,
Und ungefüge, berstend unterm Schritt,
Platzt auseinander sie in hundert Säulen –
Und flüssig sind die Massen all' zum Sturm.
Ein klingend Spiel! Ein fliegendes Panier!
Anhebt ein Völkerwettlauf in den Tod,
Die Siegesbraut sich zu erobern. Jauchzend
Vorbrechen durch die Britenlinien
Die preußischen Geschwader, durch die Preußen
Die Briten, und durch beide wieder sich
Der Bundesvölker Mosaik – und so,
Flut über Flut, Sturz über Sturz, bald blau,
Bald rot, verschwimmend bald in alle Farben,
Stürzt klingend sich der Waffenkatarakt
Vom Mont St-Jean herunter in das Tal,
Rollt donnernd eine See von Feuer und Schwert
Weg über das zerrißne Kaiserheer
Und steigt voll Schwungkraft, aus der Sturzgewalt
Sich jenseits hebend, höher, als er fiel,
Mit all den farbigen Kaskaden –

»Hurra!
Erobert ist die Braut La Belle-Alliance!«
Vom Jauchzen zittert rings die Luft – und hoch
Vorm Sturmwind der Soldatenlieb' und -lust,
Auf schäumenden Wogen erster Siegesfreude
Getragen, tausendhändig segeln sich
Entgegen ihre alten Heerpaniere:
»Halt, Kinder, halt! Zurück! Ihr drückt uns tot
Aus Lieb' und Treu'!«

Da ist kein Halten mehr,
Und ein »Zurück!« gar kein Begriff. – Und »Vorwärts!«
Und unterm roten Dach zusammenschwimmen
Mit Sturm die großen Waffenbrüder Blücher
Und Wellington zum ersten Wiedersehn
Bei Waterloo.

In ihrem Handschlag grüßen
Zwei Heere sich – zwei Siege – ganz Europa.
Hoch über Mein und Dein und alle Rechnung,
Zu groß ein jeder in sich selbst und zu
Verbrüdert in dem andern, legt auch jeder
Des Tages Palme in des Bruders Hand.
»Groß, Kinder, unser Tag!« ruft Blücher, selig
So schöner Waffenbrüderschaft. »Die Schlacht
Heißt Waterloo, der Sieg heißt Belle-Alliance!
Der Tag kann mehr als einen Namen tragen.« –

Doch vorwärts! Arbeit will er noch! Getan
Ist nichts, so noch zu tun' – sagt Bonaparte –,
Und mußten lernen wir's, so wollen wir's
Ihn lehren jetzt, daß abgefunden uns
Kein Ligny hat, bloß erst mobil gemacht,
Ihn abzufinden. Lieber General-
Postmeister Müffling, Karl Freiherr von Müffling (1775–1851), später Feldmarschall., sag' geschwind, wie steht's
Mit Planchenoit?« –

»Noch steht's« antwortet auch
Mit Telegraphenschnelle die geschäft'ge
Heerpost da zwischen Preuß und Briten an
Europas großen Wechseltagen, »fest
Noch hält's die alte Garde wie Verzweiflung
Dies letzte Rettungsmittel. Fallen auch
Die alten Häupter, eines nach dem andern,
Nur schärfer zielt das feuchte Auge – dreimal
Schon niederschmetterten sie unsern Sturm,
Und überm Kirchhof liegen mehr als drunter.
Zu ihren Vätern ging der Seidlitz, der
Schwerin.« –

»Da müssen Prag wir haben! Vorwärts!
Umsonst fällt kein Schwerin und auch kein Seidlitz.
Mit Sonnenuntergang muß untergehn
Auch Frankreichs ganze Kaisergloria,
Das Kreuz der Ehrenlegion vorm Kreuz
›Mit Gott!‹ Groß ist das Grab von Flandern!« spricht
Der Blücher von der Katzbach.

Weiter spricht
Bülow der Dennewitzer: »Landwehrmann!
Kennst du die Waffe noch, die Pulver spart
Und Pyramiden baut?«

Gedächtnis hat
Der Landwehrmann –

»Drauf!« kommandieret Bülow,
Und – jener: » Umgekehrt

Und rasselnd weht
Ein harter Sturm durch all' die Preußenfäuste,
Reißt auf gut Pommersch ab das Bajonett,
Und überm Haupt der Pyramidenbauer
Aufsteiget schwarz das feuerlose Wetter.
O senk' auf Planchenoit dich, stiller Gott
Der Schwingen, mit dem kalten Schweiß! O Flandern,
Du schöne Wiege – nun entsetzlich Grab,
Deck' zu!

Die Kugel schweigt – die Kolbe knackt –
Und dumpf zusammenprasselt das Gebein
Mit allen seinen goldnen Siegen! –
»Unser –
Sein Planchenoit! Gefallen ist sein Bollwerk!
Verloren seine letzte Straße! Tot,
Aufs Haupt geschlagen seine Garden!« spricht
Der Mann von Stein zum Mann von Erz.

Und Blücher,
Der alte Fürst, des Fürstentum die Wahlstatt, Blücher war nach dem Feldzuge von 1814 von Friedrich Wilhelm III. zum Fürsten von Wahlstatt ernannt worden.
Des Fürstenmantel ein rot Feld, antwortet:
»Und hat er keine Straße mehr, so muß
Er laufen, tot sich laufen. Bleibt ihm Atem,
So bleiben ihm Soldaten. Ist er tot,
Muß er begraben werden – abgefunden,
Sonst steht er wieder auf, und guten Morgen!
Wir fangen noch einmal von vorn an. Vorwärts!
Ganz tun spart Arbeit uns und Blut, schafft Ruh'
Und Frieden.« –

»Unterging die Sonne, Fürst«,
Umlagern ihn die müden Regimenter.
»Ging unter sie, gehn Mond und Sterne auf!«
Spricht der, dem Arbeit war die Ruhe. » Weiß
Und Schwarz sind Preußens Farben! Vorwärts weht
Sein Banner Tag und Nacht!« –

»Mein Brite ruh'«,
Spricht Wellington.

»So tu's, mein Preuß! – Frisch, Kinder!
Sie haben vorgemäht, wir mähen nach.
Ins Tal hinab! Mäht aus dem Grund heraus,
Und vorwärts marsch dann über alle Berge!
Nicht Ruh', nicht Rast! Ganz unermüdlich wie
Blutrache und unendlich wie die Blutschuld!
Paris sei Ruhetag und Erntefest! –
Tritt vor, mein Geist!«

Und vortritt Gneisenau,
Sein Cherub mit dem Flammenschwert, faßt Schwunges
Das Banner mit des Todes Doppelfarben,
Entfaltet rollend Tag aus Nacht – und hell
An ihren Himmel treten Mond und Sterne,
Und bleich vor ihnen wird die Erde –:

»Vorwärts!
Bis auf den letzten Hauch von Mensch und Tier!«
Und niederfährt das Volk der Schnitter in
Die Nachmahd spät.

»Hin ist la Belle-Alliance,
Noch steht mein Planchenoit!« kreuzt, Fahrt sich suchend,
Unkundig noch des Schicksals der Gefährten,
Auf seiner düstern See voll Unglücks der
Verstürmte kaiserliche Argonaut
In seinem Orlogschiff, der hohlen Phalanx,
Der letzten seiner alten Garden, noch
Geführt von dem Cambronne, Pierre Graf Cambronne (1770–1842), französischer General. im Heer genannt
Der gute Kamerad von Elba, – schwimmt
Zurücke immer mehr, bis er verschlagen
Mit seinem leckgeschoßnen Segler wieder
An jene Höhe strandet, wo am Morgen
Er strahlend aufgestiegen – eine Sonne.
»Bald ist die Sonne hin!« spricht Pfad er hoffend
Noch von der Nacht, der pfadelosen. – »Bald!«
Antworten seine Adler abendgoldig
Und trauerüberflort, wie Trümmerecho
Nachleuchtend untergehnden Sonnen, prächtig
Noch ihres Lebens Pracht im Untergang.

Die Nacht brach an, im Tal begann das Grau'n:
»Auf unsre letzte Straße, meine Braven!«
Winkt er, und enger schließt sich die Ruine,
Ein goldner Sarg um seines Kaisers Leiche.
Gelebt mit ihm so ganz, will Treue nun
Ihr Götterrecht: Unsterblichkeit mit ihm
Zu sterben.

Und die Götter sind gerecht.
Napoleon spricht » En avant!« und »Vorwärts!«
Spricht Blücher.

Und herüber mit den Schatten
Auf ihre letzte Straße steigt das Grauen
Zu Roß und Wagen – über Heck' und Schlucht:
Kein Heer mehr, keine Herde – wilde Hatz,
Geht Todesangst in Todessprüngen durch.
Gemeiner, Offizier und Marschallspracht,
Verschleudert durcheinander Rang und Waffen.
Nichts hat mehr Wert, Bedeutung. Selbst sich nur
Erhalten will das nackte Tier Instinkt,
Stößt fort, tritt weg, was hemmt und hindert, wühlt
Sich bergan mit dämonischer Gewalt
In einer Sturm- und Fluchtlawine –

Sprachlos
Und ohne Regung stiert Napoleon
Hinunter in die blasse Raserei,
Wegwendet von der wüsten, hohlen See
Sein Aug' sich voll unendlicher Verachtung
Und schweift hinauf verödet an den Himmel.
Zuschaut der hoch und ruhig wie am Morgen
Mit seiner furchtbar-ewigen Geduld: –
»So soll zusammenbrechen heut denn alles?«
Mit »Hurra!« schreit die Erde, und anbrandend
Zerwettern Kiel und Mast vor seinen Füßen,
Die letzten Segel seiner sturmzerschlagnen
Armada – » Sauve qui peutRette sich, wer kann!« (franz.).

»Im Tod ist Rettung!«
Dämmt donnernd ab den blassen Strom die Mauer
Cambronne. »Vorwärts!« wettert Blücher nach.
Gekeilt fest zwischen Fels und Sturm staut hoch
Der Waffensumpf sich auf, wird kolossal –
Wird fürchterlich aus Furcht.

»So haltet euch
Doch selber nicht noch lange auf! 's ist ja
Nicht einzuhauen mehr. Jetzt seid ihr mal
Im Laufen – eine Arbeit bis Paris!«
Rekommandiert der alte Sturmmarschall
Voll grimmigen Humors. »Ergebt euch, Garde!«
Den Helden ehrend noch im Feind, durch gleich
Viel Neigung ihn zu schonen und zu schlagen,
Spricht mit Kanonen er: »Pardon der Garde!«

Die aber stampft errötend ihre Fahnen
In Frankreichs erst' und letztes Feld und steht
Wie aus dem Berg gehauen, ein Granit,
Sich Denkmal selbst, hoch über Tod und Leben:
»Die Garde, sie ergibt sich nicht, sie stirbt.« Das Wort wird Cambronne zugeschrieben.
Und »Vorwärts!« und – die Garde stirbt.

Hoch rauscht
Von ihrer Adler schwarz umflortem Fittich
Hernieder ein Akkord von hundert Schlachten,
Die Melodei zu ihrem ew'gen Lied.
Zudeckt der Schwingen Fall den Heldenschlaf,
Und still ist's auf der Höh'. – Lebendig aber
Wird's in der Tiefe jetzt. – Hui! über den
Gebrochenen Granit, die toten Garden,
Stiebt fort und streichet immer wachsend mit
Gespenstischer Geschwindigkeit bergan
Der tausendfüß'ge Furchtkoloß auf ihn,
Den öden, gott- und menschverlaßnen Kaiser,
Ausklammernd nach ihm all' die bleichen Arme,
Ein Wehgeschrei die ganze Glorie. –

»Flieh, Sire!« fleht der Marschall seiner Heere,
Fleht der der Garden. »Flieh vor Feind und –Freund!«
Flehn auf den Knieen alle seine Helden,
»Gefährlich ist Verzweiflung! Rette dich
Für Frankreich!« –

»Rette uns!« umstürzen rings
Ihn die zermalmten Legionen.

»Tod!«
Ruft der Erretter, »ich bin müde!« –

»Vorwärts!«
Ruft's drüben, nimmer müde.

»Vorwärts!« brüllen
Die grimmigen Berge, schreit voll Angst das Tal.
»Kein Grab für dich hat Flandern, müder Kaiser!«

Und her vor seinen Schrecken ruhelos,
Vor seinen blassen Legionen mit
Dreifarbigem, zerfetztem Purpur zieht
Der vogelfreie Cäsar vom Entweder –
Oder –

»Nichts!« donnert hinter ihm der Marschall
Europas. »Abgefunden!« reißt er von
Der Schulter ihm sein flatternd Trikolor,
Schleudert von Flanderns siegverschriebner Erde
Gen Frankreich heim ihm die geschmolzne Welt
Wie Lava aus dem Krater, bis sie, all'
Die glühnden Schlacken, tot, verkohlt sind – Asche,
Verwehend in den Wind spurlos wie Sand
Der Wüste – » Sauve qui peut!« und – » Tout perdu!« –
Begraben! –

Über seine Gräber weg,
Die rollenden Trümmer auf den Fersen, stürzt
Ihr Gott weg aus Europa in das Weltmeer,
Quitt aller Fürstenrechte, selbst des Rechts
Der ärmsten Menschen, seines Vaterrechts,
Ach! losgerissen auch von allem, was
Ihm lebt und ihn geliebt diesseits der Sonne,
Ins Jenseit ihrer Bahn – an öden Fels
Der Ilium verwüstenden Helena Wie infolge des Raubes der Helena Troja (Ilium) unterging, geht auf St. Helena Napoleons Reich zu Ende.
Begrabend einsam unter fremden Sternen
Der Seele unlöschbaren Götterbrand
Tief in die Kühle eines Ozeans,
Allein mit seiner eigenen Geschichte,
Ein letzter Mensch noch überm Chaos seiner
Gewesnen Welt.–

Und heilig ist das Unglück.
Wenn Götter strafen, weine der Mensch und lerne!
Nicht Fabel ist es, nur – Vergangenheit,
Und was geschah, kann wiederum geschehn.

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