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Ausgewählte Dichtungen

Christian Friedrich Scherenberg: Ausgewählte Dichtungen - Kapitel 17
Quellenangabe
typepoem
authorChristian Friedrich Scherenberg<
titleAusgewählte Dichtungen
publisherBibliographisches Institut
editorHeinrich Spiero
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der alte Blücher in England

Als nun im Jahre Vierzehn es hieß: »Wir haben Fried'!«
Der Krieg nach allen Himmeln wie Wetterwolken schied:
Gen Süd schwamm Bonaparte an Elbas Felsenstrand,
Gen Nord schwamm Vater Blücher ins alte Nebelland.

Des Schwimmfahrt will ich singen, wie schlichter Sang vermag,
Viel heitre Tage sammeln in einen Sonnentag.

An einem schönen Morgen im duftigen Rosenmond
Trat, mehr vom guten Werke als guter Beut' belohnt,
Europas Tafelrunde ab vom Boulognestrand
An Bord des Imprégnable, zu Gast nach Engeland,
Das große Steuer führte Prinz Clarence, Admiral;
Ich würd' die Helden zählen, war' nicht zu groß die Zahl.
Hoch schwoll der Marmorbusen dem großen Mars vorm Wind,
Tief fügt so schwerem Kiele sich jede Woge blind.
Schon tanzt die weiße Küste entgegen ihrem Gast –
Da klirrt die Ankerkette, das Segel rollt vom Mast;
»Stopp!« ruft's vom Quarterdecke, »die Ebbe tritt von Land,
Leicht säßen all' die Helden mit ihrem Ruhm auf Sand.«
Kaum legt die Argo Das Schiff der Argonauten aus der griechischen Sage, dem hier
Blüchers Schiff verglichen wird.
donnernd sich ankerfest in Sicht,
Da macht sich 's Land lebendig, in hundert Böten licht.

»Da kommt der alte Blücher!« herweht in Luft und Lee
Das Lied vom Mann im Volke zu Lande und zur See.
Und hat auch Vater Blücher noch keinen Fuß am Strand,
Er läuft auf Herzenswegen schon durch ganz Engeland.

Einhüllen Majestäten sich ins Inkognito;
Probatum est, »Es ist als richtig erwiesen« (lat.). denkt Blücher, und macht es ebenso,
Desgleichen auch die Helden der ganzen Heldenschar,
Und auch wohl noch so mancher, bei dem's nicht nötig war.
Nur einer denkt: »Auf Ehre! Wofür sind Orden da?
Sieh mich in meiner Gala, o Großbritannia!«

»Das ist der alte Blücher!« John Bull brüllt's allzumal,
Als sich der Federhüter herabließ im Kanal.
Stracks schwimmt auf diesen Blücher ein Seebär von Matros'
Und noch viel' Blücherfreunde als gute Prise los,
Und wie der Ordensritter mit Arm und Bein auch ficht:
»Verzeihn Sie, meine Herren, ich bin derjen'ge nicht!« –
»Er ist derjenige!« – Und das Herz voll Ritterzorn,
Die Hosen voller Wasser, mit Stiefel und mit Sporn,
Sitzt er schon auf dem Rücken dem Seebär von Matros –
Und was die Kerl' mal haben, das lassen sie nicht los.
»Ich hab' den alten Blücher!« schwimmt brüllend er durchs Meer;
»Der hat den alten Blücher!« schwimmt alles hinterher.

Derweile setzt der Alte an Land sich voller Ruh'
Und sieht dem Blücherwetten und Blücherboxen zu;
Doch kaum guckt er mitunter sich auch mal blüchersch um,
So hat der alte Volksmann auch schon sein Publikum.
»Yes« sagt ein Gentleman und » very well« Sehr gut! (englisch). dazu,
Langt vor ein Blücherbildnis mit komfortabler Ruh' –
Ein Auge auf den alten, ein Aug' aufs Konterfei:
»Sein Schnurrbart, seine Nase, – das ganze Vorwärts da!
Hier ist der alte Blücher!« Schreit 's Publikum: »Hurra!« –
»Da auch ein alter Blücher!« tritt Wasser der Matros';
»Na, wenn's nur einer!« – Plumps! Und seinen ist er los.

Nun aber ging's dem Alten aus Freude auch betrübt:
Auffrißt John Bull so gerne, was er von Herzen liebt.
»Ihr liebt mich tot!« schreit Blücher und läßt den Rock zurück;
Daß jeder ein Stück Blücher, muß er in tausend Stück',
Und hoch in seinen Sattel hebt ihn der Jubelschwall,
Vorm Liebesheere wieder zieht her der Feldmarschall –
Doch wie er just im Zuge den Schnellritt schon begann,
Da kommt dem alten Reiter die alte Plage an.

Darauf 'n Vers zu machen, geht über die Lizenz –
Ich denk', ich hab's nicht nötig; wer Blücher kennt, der kennt's.
»Wohin damit?« flucht still er. »Vorwärts, rekognoszier'!
Im schlimmsten Kugelregen fandst du noch Platz dafür.«

Sein altes Feldherrnauge hat bald sich orientiert:
»Gottlob, da ist ein Steinbruch!« Dahin er ritiriert;
Altengland nach als Suite, harrt oben am Geländ',
Voll Ehrfurcht und voll Mitleid, ob's unten bald zu End' –

In christlicher Ergebung auch harrt der graue Held,
Und –»hurra!« als der Durchbruch, John Bull dazwischen fällt,
Und Gentleman und Lady – aufhören Rang, Geschlecht,
Durchfällt der ganze Anstand, das Herz will mal sein Recht!

»Was blasen die Trompeten«, tritt Blücher wieder vor,
»Als führe mir ganz England in mein Kanonenohr?«
Das sind die Postillione der alten Britenstadt,
Die durch die ganze' Welt hin wohl ihre Straßen hat.

Und fort mit Roß und Wagen stürmt er die Siegesbahn,
Rings brandet an die Räder der Menschenozean.
Wie auch die Renner schäumen, die Liebe hält mit Schritt:
Der klettert auf am Bocke, der hängt am Wagentritt,
Die schleifen nach sich hinten, die tanzen auf dem Deck
Und schwenken ihre Hüte und werfen hoch sie weg;
Und einer sitzt im Wagen, breit wie Altengeland,
Und drücket Vater Blüchern für alle mal die Hand;
Dem grauen Helden perlet die Träne in den Bart:
»Es schlägt so weich das Herze aus dieser Hand so hart!«

Hinfliegt er vor St. James St. James' Palace, die älteste königliche Residenz in London. am Königsregiment,
Ihm aufgestellt zu Ehren hat es der Prinzregent. Georg, Prinz von Wales.
Sein Haupt entblößt der Marschall, steht auf und sieht es an
Mit unverwandtem Auge bis auf den letzten Mann;
Und Gruß am Gegengruße gibt Feuer wie Stein und Stahl:
Die alten Reiter fühlen den Reitergeneral.

Und ein zu Carlstonhouse hell schmettert's durch das Tor,
Stracks nieder die Trabanten wogt britischer Humor;
Was fassen will der Burghof, steht Kopf an Kopf gedruckt,
Hoch über Mauer und Gitter manch Pferdekopf noch guckt.

Vortritt in hoher Halle ans Volk sein Prinz heraus,
Umarmt den Preußenhelden, bringt Englands Dank ihm aus
Als er zurück sich hebet, da liegt am blauen Band
Sein Bild auf Blüchers Herzen in strahlendem Brillant.
Und »Hurra!« ehrt den Prinzen, der Volkes Liebe ehrt,
Und Blücher will was sagen, und alles schreit: »Hört! hört!«
Bis daß kein Ohr mehr höret. – »Schön!« sagt der Volkesmann,
»Allmal das beste Reden, wenn man's nicht sagen kann.«
Und zu der Kön'gin weiterfort will der Renner Troß –
»Halt, bis hierher, nicht weiter! Wir Volk sind jetzt dein Roß!«

Vor seinen Liebeswagen das stolze Volk sich spannt,
Zu seiner Kön'gin jauchzend zieht ihn Altengeland.
Ein Vollspann vor der Deichsel, ein Spann vor jedem Rad,
Zieht ihn durch all' die Städte vor seiner Wellenstadt,
Durch Schloß und Musentempel mit donnerndem Applaus:
»Tritt ab heut, Apollide! Old Blücher muß heraus!«
Zieht ihn durchs Pferderennen, und Steeplechase Hindernisrennen (engl.). geht auf
Da hinter Vater Blüchern in Menschenvollblutlauf;
Die alte spröde City vergißt die Jungfernehr'
Und läßt in einem einziehn ein ganzes Heer;
Dem Liebestriumphator streut Rosen auf die Bahn
Der Mann vom Pfund und feuchtet sie mit Champagner an,
Und dunkler noch mit Porter wird ihm sein Pfad berost
Als ihm die alte London auf Guildhall Festhalle des Londoner Rathauses. bringt den Toast. –

Goddam! Englischer Fluch. schon hält auf Hydepark, auf seiner Heeresschau,
Er all den roten Scharlach für preußisch Dunkelblau.
Doch vorwärts, alter Blücher, aus deinem Ehrenschub
Durchs Seglerhaus und Withesklub in Pitts Englischer Minister. gloriosen Klub,
Und in die Kreuz und Quere durch alle die Tavern! – Gasthäuser; hier soviel
wie gastliche Stätten.
»Stopp!« schreit der alte Vorwärts, »ich kann nicht mehr, ihr Herrn;
Ich muß mich mal verpusten und ein paar Züge tun.« –
»Sitz' du im Oberhause, da ist der Platz zum Ruhn!«
Und Blücher hält mit Sitzung in ihrer Landesruh' –
»Nein, ehrenwerte Jungens, ich hab' kein Fleisch dazu.« –

»Yes« sagt lateinisch Oxford, Oxford und Cambridge, die beiden Universitäten. Altenglands großes Buch,
Und die gelehrte Cambridge Oxford und Cambridge, die beiden Universitäten. spricht Griechisch auch so klug;
Die reicht ihm die Perücke und die den Doktorhut.
»Bon!« sagt Herr Dr. Blücher, »Herr Gneisnau, sei so gut
Und sei mein Apotheker, du hast's mit eingerührt,
Wonach Madame Francia so mördrisch abgeführt;
Doch nicht um einen Doktor gab auf ich 's Parlament,
Nein, um 'ne Pfeife Tobak, mein deutsches Element.«
Kaum hat in seinem Tobak er einen Zug getan,
Da setzt man Feuerleitern an seine Pfeife an,
Und allerhand Gestalten auf ihren Sprossen stehn:
»Der alte Blücher rauchet? Das wollen wir auch mal sehn!« –

»Was ist daran zu sehen? Die Kerl'n haben den Spleen«,
Wollt' Blücher eben denken – da hört treppauf er ziehn
Noch hinter seinen Wolken ein englisch Damenkorps.
»Was Teufel?« guckt der Alte durch sein Gewölke vor;
»Mylord, mir meine Locke! ein grau Vergißmeinnicht!« –
»Mir auch, mir auch!« und weiter, wer weiß, wie weit's noch spricht!
Zur Tür 'raus, Trepp' hinunter bis auf die Straße schon –
Lord Blücher überschauet die Monstrepetition:
»Und jeder eine Locke?« – Er stellt die Pfeife hin:
»Das ist ein starker Tobak, so wahr ich Blücher bin!
Betrachten, meine Gnäd'gen, Sie diesen armen Schopf,
Ein einzig Haar nur jeder, blieb keines auf dem Kopf.«

Sie zucken all' die Achseln – und da's nicht Locken gab,
So rupfen sie die Federn vom Federhut ihm ab.
»Hm«, denkt er, »schlimme Gäste«, und streicht sich seinen Bart:
»Wie bringst du diese Schönen hinaus auf gute Art? –
Umarm' die erste beste, leg' einen Kuß mit ein,
Das wird das allerbeste Vertreibungsmittel sein« –
Und er umarmt die eine – »nun reißen aus sie all'« –
Ja Yes! Nun wollen alle in seine Arme mal.

Und es ergab sich Blücher mit rührender Geduld:
»Die jungen Offiziere sind an dem Ganzen schuld;
Erst geben sie den Kindern, wo's geht, ein Ärgernis,
Und dann soll alter Mann ich einstehen vor den Riß!
Nein, lieber noch 'n Feldzug!« – » Yes!« brüllt's am Fensterbord,
Einsteigen zwei Gestalten, zwei Feuerleitrer, dort
Und legen ganz verbindlich sich aus zu einem Box,
Und schlagen ganz gemütlich vorn Kopf sich wie ein Ochs,
Trommeln auf fremdem Bauchfell den Wirbelschlag heraus
Und wischen rot die Nasen und blau die Augen aus.

»Stopp!« spricht der Alte höflich, »seid ihr verrückt, ihr Herrn?« –
» Yes!« sprachen beide Boxer, »das tun wir dir zu Ehr'n.« –
»Zu meiner Ehre Prügeln und Rippenbrechen drauf«,
Denkt Blücher, »auch nicht übel, da hört doch alles auf!
Die Liebe wird gefährlich«, sprach er und ging ade. –
Da lag im weißen Purpur die stolze Meeresfee,
Die Königin der Flotten, im Abendrote da,
Das Erste und das Letzte der Großbritannia.

Wie's ihm erging am Abend von seiner Tage Tag –
Weil ich's nicht kann besingen, ich's auch nicht reimen mag.
»Für alle Liebesworte«, ruft er, »nehmt selbst mich hin!
Gedenke eurer, Jungens, solang ich Blücher bin!«

Einstimmt sein Schiff, der Jason, mit lichtem Donnerwort,
Fortsetzt die Heldenrede der alte Doverport:
»Ade!« – Es tanzt die Küste, die Donner schweigen all',
Nachruft nur noch die Liebe, bis auch verweht ihr Hall.

Stumm steht der alte Feldherr, als Laut und Land verschwand:
»Es gibt auf dieser Erde doch nur ein Engeland!«

Und als vor Niederlanden die Ehrenkumpanei,
Die Britendegen sprachen: »Nun, Feldmarschall, god boi!« good bye = lebe wohl!
Da spricht er: »Kameraden, grüßt Wellington mir schön!
Wer weiß, in Jahr und Tage wir uns mal wiedersehn

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