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Ausgewählte Dichtungen

Christian Friedrich Scherenberg: Ausgewählte Dichtungen - Kapitel 11
Quellenangabe
typepoem
authorChristian Friedrich Scherenberg<
titleAusgewählte Dichtungen
publisherBibliographisches Institut
editorHeinrich Spiero
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130821
projectidec2f2503
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Der Freund in der Not

»Ich sitz' gefangen im Turm und See!
Hilf, Frühling, Kind der Maiensonnen,
Du kennst sie, all' die freien Wonnen,
Hilf, Glücklicher, mir aus dem Weh!«

Der schwinget seine singenden Mai'n,
Streut Blüten unter Lachen, Kosen –
Und zieht dahin mit seinen Rosen
Und allen seinen Melodei'n.

»Geh, grüner Knabe, duft'ger Fant!
Was weiß dein Himmel auch von Schmerzen!
Jetzt kommt der Mann mit reifem Herzen,
Der Reiche mit der goldnen Hand.

»Jetzt kommt der Sommer, Mann der Tat,
Der uns den Lohn gibt für die Mühen,
Der uns die Frucht gibt aus dem Blühen,
Dem stillen Sämann seine Saat.

»Und ach, wie hat es mir geblüht!
Wie hab' mein Hoffen und mein Sehnen
Ich satt gepflegt mit meinen Tränen,
Wie hab' ich Sämann mich gemüht!«

Der Sommer kommt, aufwogt das Land,
Ein golden Meer aus seinem Regen –
Abzieht er trocken mit dem Segen
Und läßt zurück den leeren Sand.

»Ade, du armer reicher Mann!
Du nimmst mit allen deinen Gaben,
Gibst denen nur, die da schon haben.«
Nun kommt der gute Herbst heran.

»Gib, Wirt mit fruchtgefüllter Schal',
Gib, Schenk vom süßen Sorgenbrecher,
Mir einen Tropfen aus dem Becher,
Nur einen Brosam mir vom Mahl!«

Der keltert lustig seinen Wein
Und schüttelt ab die letzten Früchte,
Zieht wie sein wanderndes Geflüchte
Mit Sturm in seine Keller ein.

»Geh, wüstes Tier! Dein Mensch ist tot.
Nur noch dem Tischfreund kannst du geben,
Der mit verschwelgt den Rausch, dein Leben,
Nun kommt der Mann der bittern Not!

»Wie ich so freud- und sonnenleer,
Webt über seine große Leiche
In langer Nacht sein Tuch, das bleiche,
Nun kommt der arme Winter her!

»Der steigt, den Kreuzdorn in der Hand,
Im zott'gen Mantel, Reif sein Odem,
Durch seiner Nebel grauen Brodem
Von seinen Bergen in das Land.

»Und sieht den See und drin den Turm,
Reckt seine Hand durchs Flutgetreibe,
Malt seine Blumen an die Scheibe.
Ich höre dich durch Well' und Sturm.«

Aufschlägt er seinen Mantel Nacht
Und stöbert ab den flockigen Regen,
Daß schauernd sich ums Feuer legen
Die Knechte, müd der frostigen Wacht;

Tritt knirschend nieder den hohen See,
Wirft auf den gebändigten Rücken
Nach allen Himmeln kristallne Brücken –
Frei drüber flieht der aus dem Weh.

So half die Not dem Unglück nur!
Nachwehet ihm: »Glück auf die Reise!«
Der Winter scharf in sein Geleise –
Und auch verweht ist alle Spur.

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