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Ausgewählte Briefe

Marie de Sévigné: Ausgewählte Briefe - Kapitel 7
Quellenangabe
typeletter
booktitleAusgewählte Briefe
authorMarquise de Sévigné
translatorFerdinand Lotheißen
year1925
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleAusgewählte Briefe
pages237
created20170608
sendergerd.bouillon@t-online.de
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50

An M de Coulanges

Orleans, Mittwoch, den 11. September

Wir sind ohne Abenteuer hier angekommen, und ich habe mich diese Nacht in meinem Bett in dem Städtchen Thoury ausgeruht, ganz wie ich Ihnen gesagt hatte. Wir sahen heute morgen an den Bäumen auf der Landstraße zwei große Burschen aufgehängt. Wir fragten uns, warum man sie gehängt habe, denn meines Erachtens bilden die Geräderten den Hauptschmuck der Chausseen. Sie sahen scheußlich aus, und ich schwur, es Ihnen zu melden. Kaum sind wir hier ausgestiegen, gleich umstehen uns zwanzig Schiffer, jeder rühmt sich der vornehmen Personen, die er gefahren hat, und lobt die Güte seines Schiffs. Selbst die Messer von NogentIn Nogent waren viele Messerfabriken. oder die Rosenkränze von ChartresChartres, ein bekannter Wallfahrtsort. machen nicht mehr Lärm. Wir konnten uns lange nicht entscheiden; der eine schien uns zu alt, der andere zu jung, der eine hatte zu viel Eifer, uns zu gewinnen, und das ließ auf einen Lump schließen, dessen Schiff verfault wäre. Der andre war stolz darauf, Herrn de Chaulnes gefahren zu haben. Endlich erkannten wir an dem Benehmen eines großen hübschen Jungen mit einem Schnurrbart, daß er vorausbestimmt sei, uns zu fahren. Leben Sie wohl, mein wirklicher Vetter, 85 wir werden auf der schönen Loire schiffen; sie hat manchmal Lust, überzutreten, ist aber darum nur um so sanftmütiger.

 

51

An Mme. de Grignan

Den 17. September 1675

Heute muß ich ein sonderbares Datum setzen:

In dem kleinen Kahn,
Auf des Wassers Bahn
Vom Schloß so weit –

Ich glaube sogar, daß ich mit dem Reim schließen darf:

O Torheit!Herr de Coulanges hatte ein Couplet auf Mme. de Grignan verfaßt, als sie auf der Reise nach der Provence auf der Rhone in Gefahr gewesen; Mme. de Sévigné parodiert die eine Strophe.

denn das Wasser ist so seicht und ich bin so oft aufgefahren, daß ich bedaure, meinen Wagen nicht zu haben, der nicht hängen bleibt, sondern immer weiterrollt. Man langweilt sich auf dem Wasser, wenn man allein darauf ist; man braucht einen jungen Grafen des Chapelles und ein Fräulein de Sévigné. Kurz, es ist eine Torheit, sich einzuschiffen, wenn man in Orleans ist. Aber man meint nun einmal, man müsse in Orleans Schiffer nehmen, so wie man in Chartres Rosenkränze kauft.

Ich kam auch nach Saumur, wo wir Vineuil sahen. Wir beweinten von neuem Turennes Tod; er war so sehr ergriffen davon. Du wirst ihn beklagen, wenn du hörst, daß er in einer Stadt wohnt, in der niemand den Helden gesehen hat. Vineuil ist sehr gealtert, hustet und speit tüchtig, und ist fromm, aber immer voll Geist. Er grüßt Dich viel tausendmal. Es sind dreißig Meilen von Saumur nach Nantes; wir haben beschlossen, sie in zwei Tagen zurückzulegen und heute nach Nantes zu kommen. In dieser Absicht schifften wir gestern zwei Stunden bei Nacht weiter, fuhren aber im Sand auf, und saßen zweihundert Schritt von unserm Gasthaus fest, ohne landen zu können. Dem Gebell eines Hundes folgend, fuhren wir zurück und 86 gelangten um Mitternacht zu einer Hütte, deren Armut und Elend Du Dir nicht vorstellen kannst. Wir fanden darin am Spinnrad nur zwei oder drei alte Weiber, und frisches Stroh, auf das wir uns, ohne uns auszukleiden, niederlegten. Ich hätte herzlich gelacht, wäre der Abbé nicht bei uns, nun aber sterbe ich vor Scham, ihn einer so ermüdenden Reise auszusetzen. Beim Morgengrauen gingen wir wieder aufs Schiff. Wir waren aber in unsrem Kies so prächtig festgefahren, daß wir fast eine Stunde brauchten, ehe wir unsre Reise fortsetzen konnten. Wir wollen trotz Wind und Ebbe in Nantes ankommen, und rudern alle. Dort werde ich Deine Briefe finden, meine Tochter, aber ich habe eine so gute Meinung von Deiner Freundschaft, daß ich überzeugt bin, Du hörst gern etwas über meine Reise, und da man mir gesagt hat, daß die Post durch Ingrande kommt, will ich unterwegs diesen Brief dort lassen. Ich bin wohl und brauchte nur ein wenig Geplauder. Wie Du Dir vorstellen kannst, schreibe ich Dir von Nantes aus. Ich erwarte mit Ungeduld Nachrichten von Dir und von der Armee des M. de Luxembourg; das liegt mir sehr am Herzen; seit neun Tagen hab' ich den Kopf im Sack.

Die Geschichte der Kreuzzüge ist sehr schön, besonders für die, welche Tasso gelesen haben, und ihre alten Freunde in Prosa und Geschichte wiederfinden; aber ich mag den Stil des Jesuiten nicht. Das Leben des Origenes ist prächtigDie Geschichte des Tertullian und des Origines war das Werk dreier Schriftsteller von Port-Royal.. Lebe wohl, meine Teuerste, Liebenswürdigste und sehr Geliebte, Du bist mein liebes Kind. Ich umarme den KaterDen Grafen Grignan..

 

52

An Mme. de Grignan

Nantes, 20. September 1675

Ich habe richtig den Brief hier erhalten, meine Teure, in dem Du davon sprichst, daß ich an den Ufern des Ozeans herumstreiche; wie richtig war Deine Berechnung! Ich habe Dir auf der Reise geschrieben, sogar vom Schiff aus, 87 so oft ich konnte. Ich kam hier um neun Uhr abends an, am Fuß des Dir bekannten Schlosses, an demselben Ort, von wo sich unser Kardinal geflüchtet hatKardinal Retz.. Man hörte eine kleine Barke, man fragte: »Wer da!« Ich hatte meine Antwort bereit, und in demselben Augenblick sehe ich M. de Lavardin mit fünf oder sechs Fackelträgern aus der kleinen Türe treten. Er war von mehreren Herren begleitet, gab mir die Hand und empfing mich höchst liebenswürdig. Ich bin überzeugt, daß sich diese Szene, von der Mitte des Flusses aus gesehen, wunderbar ausnahm; sie gab meinen Schiffern eine große Meinung von mir. Ich aß sehr gut zu Abend; ich hatte seit vierundzwanzig Stunden weder geschlafen noch gegessen. Ich übernachtete bei d'Harouys. Im Schloß und hier folgt ein Gastmahl auf das andre. M. de Lavardin verläßt mich nicht, er ist entzückt, mit mir plaudern zu können . . .

Denke daran, mein Kind, daß ich Deine Briefe den neunten Tag bekomme, ich sage Dir das fuor di propositoAußer Zusammenhang, d. h. wenn es auch nicht recht hierher paßt., um Dir die Idee zu benehmen, als wäre ich bei den Antipoden.

 

53

An Mme. de Grignan

Silleraye, 24. September 1675

Unsre armen Bretonen scharen sich, wie man uns sagt, auf den Feldern zusammen, vierzig oder fünfzig. Sobald sie der Soldaten ansichtig werden, werfen sie sich auf die Knie und sagen »mea culpa«, das ist das einzige französische Wort, das sie wissen; ähnlich unsren Franzosen, die behaupten, in Deutschland sage man in der Messe nur ein einziges lateinisches Wort: Kyrie eleison. Man hängt die armen Bretonen unermüdlich auf, sie fordern Tabak und etwas zu trinken, »und von Charon kein WortDer Schluß dieser Stelle ist ein Zitat aus Lucian. In dessen Dialog »Charon« wundert sich der Höllenfährmann über das Treiben der eiteln Menschen. »An alles denken sie, aber von Charon kein Wort.« Die Bauern verlangten keinen christlichen Beistand, sondern starben in stumpfer Ergebung.«. 88

 

54

An Mme. de Grignan

Les Rochers, 9. Oktober 1675

Ich ermüde mich nicht mit Schreiben; ich lese, ich arbeite, ich gehe spazieren, ich tue gar nichts: bella cosa far niente, sagt einer meiner Bäume, der andre antwortet ihm: amor odit inertes»Die Liebe haßt die Trägen.« – S. Brief Nr. 19.; man weiß nicht, auf welchen man hören soll, aber das weiß ich gewiß, daß ich mir nicht gern den Kopf durch vieles Schreiben schwindlig mache. Dir schreibe ich gern, mit Dir spreche, mit Dir plaudere ich, das könnte ich unmöglich missen; aber ich dehne diesen Geschmack nicht weiter aus; das übrige geschieht, weil es sein muß.

M. de Chaulnes kommt mit viertausend Mann nach Rennes, um die Stadt zu strafen; die Aufregung ist groß dort, und der Haß gegen die Regierung in der ganzen Provinz unglaublich. Wir wissen nicht mehr, wann unsre Stände zusammenberufen werden. Ich habe M. de Luxembourg und M. de la Trousse gebeten, mir meinen Sohn zurückzuschicken, wenn sie die Absicht haben, dieses Jahr nichts mehr zu unternehmen. Ich wäre froh, wenn er hierher käme, damit er sich selbst überzeugte, daß es eine Illusion ist, wenn man glaubt, Vermögen zu haben, und doch nichts als Landbesitz hat.

Ich lese immer noch in den »Kreuzzügen«. Du bewunderst doch Judas Makkabäus – er war ein großer Held. Es wäre eine Schande, wenn Du das Buch nicht zu Ende brächtest! Was verlangst Du denn? Die Geschichte an sich, und der Stil der Erzählung – alles ist vortrefflich darinMme. de Grignan las damals Arnaulds »Geschichte des Kriegs der Juden gegen die Römer«, deren erste Kapitel den Makkabäern gewidmet sind..

Man spielt um ungeheure Summen in Versailles. Das Hocaspiel ist in Paris bei Todesstrafe verboten; und man spielt es bei dem König, fünftausend Pistolen an einem Morgen ist gar nichts. Es ist eine Mördergrube, vertreibt es ja aus Eurem HausDas Hocaspiel war ein Hasardspiel. Man hatte 30 kleine Kugeln, in jeder derselben war ein Pergamentblättchen mit einer Zahl eingeschlossen. Diese Kugeln wurden in einem Sack geschüttelt, man zog seine Kugel, und das Blättchen darin besagte, was man verloren oder gewonnen hatte.. 89

 

55

An Mme. de Grignan

Les Rochers, 13. Oktober 1675

La Trousse wird in Paris und am Hof mit Liebenswürdigkeiten und Lobsprüchen überschüttet; er nimmt sie in einer Weise hin, die beide nur noch steigern wirdDer Marquis de la Trousse war ein Vetter der Frau von Sévigné, Befehlshaber der Gensdarmes-Dauphin und hatte sich im Krieg ausgezeichnet.. Man sagt, er werde Froulais Stelle bekommen; wenn dem so wäre, gäbe es eine Änderung in der Kompagnie, und ich bitte unsern d'Hacqueville dabei ein wenig an unsern armen Fähndrich zu denken, der in seiner Stelle vor Langeweile stirbtGraf Froulai, oberster Quartiermeister des königlichen Hauses, war im Krieg gefallen.. Ich bat ihn hierherzukommen, ich möchte ihn mit einem jungen Mädchen verheiraten, das etwas von jüdischem Stamme ist, aber die Millionen scheinen uns aus gutem Haus. Doch die Sache schwebt noch in der Luft, ich glaube an gar nichts mehr, seit ich die kleine Eaubonne nicht bekommen habe.

Du versicherst mich, daß es Dir gut geht, Gott gebe es, meine Gute! es liegt mir sehr am Herzen. Was mich betrifft, so bin ich ganz gesund. Du würdest meine Mäßigkeit und die Bewegung, die ich mir mache, loben, und daß ich nur sieben Stunden im Bett bleibe, wie eine Karmeliterin. Diese rauhe Lebensweise gefällt mir, sie entspricht dem Land. Ich nehme nicht zu, und die Luft ist so menschlich und so dick, daß mein Teint, den man schon so lange lobt, nicht darunter leidet. Ich wünsche Dir manchmal einen unserer Abende, anstatt der Pomade aus Hammelsmark.

Ich habe zehn Arbeiter, die mich sehr unterhalten. Rahuel und PiloisDer Portier und der Gärtner., jeder ist an seinem Platz. An den Armseligkeiten, mit denen ich meine Briefe fülle, kannst Du Dich überzeugen, daß ich ganz vertrauensvoll bin. Seit ich mich in Versen über den Regen beschwert habe, ist 90 wunderschönes Wetter geworden, so daß ich es nun in Prosa lobe.

Unsre ganze Provinz ist so bewegt von den Strafen, die man über sie verhängt hat, daß man gar keine Besuche macht, und darüber bin ich, ohne die Hochmütige spielen zu wollen, sehr froh. Erinnerst Du Dich noch, wie wir meinten, es gebe nichts Herrlicheres in der Provinz, als eine schlechte Gesellschaft, weil sie einem durch ihren Abschied Freude macht? Dieses Vergnügen werde ich heuer nicht haben.

Meine Liebe, wenn ich Dir noch vier Stunden lang schriebe, könnte ich Dir nicht sagen, wie sehr ich Dich liebe und in welcher Weise Du mir teuer bist. Ich bin überzeugt, daß die Vorsehung über Euch wacht, da Ihr all Eure rückständigen Schulden bezahlt und seht, daß Ihr dieses Jahr auskommt. Gott wird für die andern Jahre sorgen. Achtet auch weiterhin auf Eure Ausgaben; das füllt zwar die großen Lücken nicht aus, aber das verhilft zur Annehmlichkeit des Lebens, und das ist viel. Ist M. de Grignan verständig? Ich umarme ihn in dieser Hoffnung, meine Beste, und ich bin ganz die Eurige.

 

56

An Mme. de Grignan

Les Rochers, 16. Oktober 1675

M. de Chaulnes ist in Rennes mit Fourbin und Vins und viertausend Mann; man glaubt, daß es eine große Hängerei geben wird. M. de Chaulnes wurde wie der König empfangen, aber da nur die Furcht sie eine andre Sprache gelehrt hat, wird M. de Chaulnes nicht alle Beleidigungen vergessen, die man ihm gesagt hat, und unter denen der Ruf »Dickes Schwein« eine der zartesten und gewöhnlichsten war. Die Steine, die man ihm in sein Haus und seinen Garten warf, und die Drohungen, deren Ausführung, wie es scheint, Gott allein verhinderte, erwähne ich gar nicht. Das alles wird man strafen. 91

 

57

An Mme. de Grignan

Les Rochers, 20. Oktober 1675

M. de Chaulnes ist in Rennes mit viertausend Mann; er hat das Parlament nach Vannes verlegt, und der Jammer ist fürchterlich. Der Ruin von Rennes zieht den der ganzen Provinz nach sich. Mme. de Marbeuf ist in Vitré; sie hat mir tausend Grüße von Mme. de Chaulnes gebracht, ebenso von Vins, der mich besuchen will. Ich fürchte die Truppen nicht im mindesten, aber ich nehme teil an der Trauer und der Verzweiflung der ganzen Provinz. Man glaubt nicht, daß die Stände zusammenberufen werden, und wenn es doch sein sollte, geschieht es nur, um die Edikte noch einmal abzukaufen, die wir vor zwei Jahren für zwei Millionen fünfmalhunderttausend Livres gekauft haben und die man seitdem wieder veröffentlicht hat. Außerdem wird man vielleicht versuchen, sich die Rückkehr des Parlaments nach Rennes mit Geld abkaufen zu lassen. M. de Montmoron hat sich hierher zu einem seiner Freunde, drei Meilen von hier, geflüchtet, um in Rennes nicht das Klagen und Jammern der Bürger hören zu müssen, wenn sie ihr geliebtes Parlament die Stadt verlassen sehenGraf Sévigné de Montmoron war Mitglied des Parlaments von Rennes.. Du siehst, ich bin eine ganze Bretonin, aber Du verstehst wohl, daß das von der Luft kommt, die man atmet, und auch noch von etwas anderm, denn die ganze Provinz ist in Betrübnis.

In meiner Tasche habe ich von Deinem ausgezeichneten »Wohlgeruch der Königin von Ungarn«, ich bin ganz närrisch damit, es bringt Erleichterung von jedem Kummer, ich möchte etwas davon nach Rennes schicken. Die Wälder sind immer schön, das Grün ist hundertmal schöner, als das in Livry. Ich weiß nicht, ob es die Art der Bäume ist, oder die erfrischenden Regen, aber es ist nicht zu vergleichen, alles ist noch heute so grün wie im Mai. Die fallenden Blätter sind welk, aber die Blätter an den Bäumen sind grün, Du hast noch nie so etwas Schönes gesehen. Ich hätte Lust, bei dem glücklichen Baum, der Dir das Leben rettete, eine Kapelle zu errichten; er kommt mir größer, stolzer und 92 erhabener vor als die andern; er hat recht, da er Dich gerettet hat. Ich werde ihm wenigstens die Stanze aus Ariost hersagen, in der Medor der Höhle, die ihm so viel Freude bereitet hat, alles Glück und allen Frieden wünscht. Unsre Sentenzen sind nicht verdorben, ich besuche sie oft, ihre Zahl ist sogar gewachsen, und manchmal findet man zwei Bäume, die nachbarlich zusammenstehen und einander widersprechen:

La lontananza ogni gran piaga saldaDie Abwesenheit heilt jede große Wunde.

und

Piaga d'amor non si sana maiWunde der Liebe heilt niemals..

Es sind fünf oder sechs, die sich so entgegnen.

 

58

An Mme. de Grignan

Les Rochers, 23. Oktober 1675

Du hast Angst, mein Kind, daß mich die Wölfe fressen, besonders seitdem wir wissen, daß sie die mageren Leute nicht mögen. Sie würden wahrhaftig eine ganz gute Mahlzeit an meiner Person haben, aber ich habe meine Infanterie so um mich geschart, daß ich sie nicht fürchte.

 

59

An Mme. de Grignan

Les Rochers, 27. Oktober 1675

Ich habe keinen Brief von Dir erhalten, meine Teuerste und Schönste; es ist das ein großer Kummer für mich. Es fällt mir niemals ein, zu glauben, daß Du schuld daran bist; ich kenne Deine Sorgfalt, aber ich denke, daß Eure Abreise von Grignan die Unordnung hervorgerufen hat. Mme. de Chaulnes und die kleine Person haben die Prinzessin von Tarente in Vitré besuchtAmalie von Hessen-Kassel, Tochter des Landgrafen Wilhelm V., vermählt mit Henri Charles de la Tremouille, Prinz von Tarente.. Zuerst schickte mir die Herzogin sehr höfliche Grüße und ließ sagen, daß sie mich besuchen werde. Ich war den folgenden Tag zum 93 Mittagessen dort. Sie empfing mich voll Freude und unterhielt mich während zweier Stunden sehr eifrig. Sie erzählte mir ihr ganzes Leben seit sechs Monaten und alles was sie ausgestanden, die schrecklichen Gefahren, in denen sie geschwebt hat. Sie weiß, daß ich nach verschiedenen Seiten hin Verbindungen habe, und ich hätte von Leuten darüber unterrichtet werden können, die mir das Gegenteil gesagt hätten. Ich dankte ihr für ihr Vertrauen und für die Ehre, die sie mir mit ihren Aufklärungen erwies. Mit einem Wort, die Provinz hat unrecht, aber sie ist so hart bestraft, daß sie sich nie erholen wird. Es sind fünftausend Mann in Rennes, von denen mehr als die Hälfte den Winter über dort bleibt. Fourbin und Vins finden ihr Amt sehr schwer; letzterer überhäuft mich mit Artigkeiten, ich glaube, er wird hierherkommen. Sie reisen in vierzehn Tagen ab, aber die ganze Infanterie bleibt. Man hat aufs Geratewohl fünfundzwanzig oder dreißig Menschen herausgegriffen, die man hängen will. Man hat das Parlament verlegt; das ist der Gnadenstoß, denn ohne Parlament ist Rennes nicht so viel wert wie Vitré. Mme. de Tarente hat uns von den Kontributionen errettet. Ich will Dir nicht schreiben, was mir M. de Chaulnes sagen ließ für den Fall, daß ich allein hier wäre, und wie er Sévigné beschützt, das vor den Toren von Rennes liegtDie Besitzung Sévigné.. Das große Unglück lähmt alle Geschäfte und richtet alles vollends zugrunde. Ich schlief die Nacht in meinem Turm, und schon um acht Uhr früh kamen die beiden guten Damen, die Prinzessin und die Herzogin zu meiner Morgenaufwartung. Die arme kleine Person ist ganz verwirrt, sie denkt immer nur an Gefahr und Tod; solchem Fest hatte sie noch nie beigewohnt. Ich war froh, wieder hierherzukommen. Ich bin jetzt mit der Anlage einer neuen Allee beschäftigt; ich bezahle meine Arbeiter mit Getreide, und finde, das einzig Wahre ist sich zu unterhalten und seine Gedanken von unserm Elend abzulenken.

Man sagt mir, es sei stark vom Frieden die Rede. Ich wünsche ihn sehnlichst. Mir scheint, er wäre für jedermann gut. So wünschte man einst den Krieg herbei. Wir sind eben immer wankelmütig. 94

Die Abende, die Dir Sorge machen, meine Tochter, ach! ich verbringe sie ohne Langeweile. Ich habe fast immer zu schreiben, oder ich lese, und unmerklich kommt Mitternacht heran. Der Abbé verläßt mich um zehn Uhr, und in den Stunden, in denen ich allein bin, langweile ich mich ebensowenig als in den andern. Tagsüber habe ich mit dem Herzensguten zu arbeiten, oder ich bin mit meinen lieben Arbeitern oder mit einer angenehmen Handarbeit beschäftigt. Kurz, mein Kind, die Zeit vergeht so schnell, daß ich nicht verstehe, wie man über die Dinge dieser Welt in so große Verzweiflung geraten kann. Man hat hier Zeit, seine Betrachtungen anzustellen; es ist mein Fehler, wenn meine Wälder mir keine Lust dazu machen. Ich bin immer sehr wohl, all meine Leute sind bewundernswert folgsam, ihre Sorgsamkeit für mich ist lächerlich. Sie kommen abends mit allen erdenklichen Waffen zu mir, und wenn nur ein Eichhörnchen vorüber raschelt, wollen sie schon den Degen ziehen.

 

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