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Ausgewählte Briefe

Marie de Sévigné: Ausgewählte Briefe - Kapitel 4
Quellenangabe
typeletter
booktitleAusgewählte Briefe
authorMarquise de Sévigné
translatorFerdinand Lotheißen
year1925
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleAusgewählte Briefe
pages237
created20170608
sendergerd.bouillon@t-online.de
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An Mme. de Grignan

Les Rochers, 10. Juni 1671

. . . Für mein Leben gern wäre ich fromm, täglich quäle ich La Mousse deshalb. Ich gehöre weder Gott an, noch dem Teufel; der Zustand ärgert mich, obgleich ich ihn, unter uns gesagt, sehr natürlich finde. Man gehört dem Teufel nicht an, weil man Gott fürchtet und von Haus aus religiöse Grundsätze hat. Man gehört aber auch Gott nicht an, weil seine Gesetze streng sind und man keine Lust hat, sich selbst zu zerstören. Das sind die Lauen, deren große Zahl mich ganz und gar nicht beunruhigt; ich verstehe ihre Gründe. Indessen, Gott zürnt ihnen, und man muß also da herauszukommen suchen. Da liegt eben die Schwierigkeit. Aber kann man unvernünftiger sein, als ich es bin, die ich Dir diese Litanei ins Unendliche ausspinne . . . . . . 32

 

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An Mme. de Grignan

Les Rochers, 21. Juni 1671

Für meine Beste und Schönste in ihrem Schlosse des ApollidonEine Erinnerung an den alten Roman »Amadis de Gaule«, der im 14. Jahrhundert entstanden, in viele Sprachen übertragen, noch im 16. und 17. Jahrhundert begeisterte Leser fand. Im zweiten Buch wird von dem Zauberer Apollidon erzählt, der ein Schloß mit allen möglichen Wunderwerken erbaute. Mme. de Sévigné liebte diese alten Heldenromane, wenn sie auch manchmal über sie scherzte..

. . . Seit unsrer Ankunft haben wir sehr viel zu tun gehabt; wir wissen noch nicht, ob wir die Stände fliehen oder ihnen die Stirne bieten werden. Eins aber ist gewiß, Geliebte, und ich glaube, Du zweifelst nicht daran, daß wir die arme Verbannte nicht vergessen werden. O Gott! wie sie uns teuer und wert ist! Wir sprechen sehr oft von ihr, aber obgleich ich viel von ihr spreche, denke ich noch öfter an sie, Tag und Nacht, auf dem Spaziergang (denn zu ihm finden sich immer einige Stunden) und selbst wenn ich nicht an sie zu denken scheine – immer und zu jeder Zeit und bei jeder Gelegenheit, auch wenn ich von ganz andern Dingen rede; kurz, ich denke an sie, wie man an Gott denken sollte, wenn man von echter Gottesfurcht erfüllt wäre. Ich denke um so mehr an Dich, als ich oft nicht von Dir sprechen will. Es gibt ein Übermaß, dem man Einhalt tun muß – aus Höflichkeit und aus Politik. Ich habe noch nicht vergessen, wie man sich benehmen muß, um nicht lästig zu sein, und ich benutze meine alten Lehren.

Wir lesen hier viel. La Mousse hat mich gebeten, Tasso mit ihm zu lesen. Ich verstehe ihn gut, da ich italienisch gründlich gelernt habe; das unterhält mich, sein Latein und sein guter Kopf machen ihn zu einem trefflichen Schüler, und meine Übung und die guten Lehrer, die ich gehabt, machen aus mir eine gute Lehrerin. Mein Sohn liest uns leichtere Ware vor, Komödien, die er wie Molière spielt, Gedichte, Romane und Geschichten. Er ist unterhaltend,. hat Geist und Verständnis. So reißt er uns mit sich fort und hat uns an jeder ernsteren Lektüre gehindert, die wir 33 geplant hatten. Nach seiner Abreise werden wir ein schönes Werk von Nicole über die Moral vornehmen. Er wird in vierzehn Tagen zu seinem Dienst zurückkehren. Ich kann versichern, daß ihm die Bretagne durchaus nicht mißfallen hat.

Der Abbé und ich, wir bewundern Deinen praktischen Sinn; wir sehen voraus, daß Du das Haus Grignan wieder in Ordnung bringstLeider erfüllte sich diese Prophezeiung nicht. Graf Grignan geriet immer tiefer in Schulden, hauptsächlich weil er repräsentieren wollte, wie der König dies auch verlangte.. Die einen verderben, was die andern wieder bessern; vor allem aber gilt es, sein Leben ruhig und angenehm zu verbringen – doch wie ist das möglich, wenn Du hunderttausend Meilen entfernt bist? Du sagst sehr richtig, man sieht sich und spricht miteinander durch einen dichten Schleier. Du kennst Les Rochers, und mit ein wenig Phantasie kannst Du mich schon sehen; ich aber weiß nicht, woran ich mich halten soll: ich mache mir von der Provence und von dem Haus in Aix ein Bild, das vielleicht schöner ist als die Wirklichkeit; dort sehe ich Dich. dort finde ich Dich. Grignan sehe ich auch, aber Du hast keine Bäume, das tut mir leid; ich sehe nicht recht, wo Du spazieren gehen kannst, auch hast Du keine Grotten mit Wasserkünsten, und ich fürchte, daß der Sturm Dich eines Tages von Deiner Terrasse fortträgt: ja, wenn ich glauben könnte, der Wirbel brächte Dich einst hierher, ich hielte immer mein Fenster offen – und auffangen wollt' ich Dich, Gott weiß es!Schloß Grignan erhob sich auf einem steilen Felsenplateau, wo für Gartenanlagen kein rechter Raum war und auch das Wasser mangelte.

 

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An Mme. de Grignan

Les Rochers, 28. Juni 1671

Deine Lektüre ist gut. Petrarka wird Dir, mit dem Kommentar, den Du dazu hast, gewiß gefallen. Der, welchen Mlle. de Scudéry zu einigen Sonetten für uns verfaßt hat, machte die Lektüre derselben angenehm. Was 34 Tacitus anbelangt, so weißt Du, wie ich von ihm entzückt war, als wir ihn hier lasen, und wie oft ich Dich unterbrach, um Dich auf Perioden aufmerksam zu machen, die ich besonders wohlklingend fand. Aber wenn Du in der Hälfte stehen bleibst, muß ich Dich schelten. Du tust der Größe des Stoffs unrecht. Ich muß Dir sagen wie jener Prälat zu der Königin Mutter: »Dieses ist Geschichte.« Du kennst die Anekdote. Solchen Mangel an Mut verzeihe ich nur bei den Romanen, die Du nicht magst. Wir lesen mit Vergnügen Tasso; ich verdanke das den guten Lehrern, die ich gehabt habe . . .

 

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An Mme. de Grignan

Les Rochers, 5. Juli 1671

. . . Mein Sohn ist gestern abgereist, er hat uns ungern verlassen. Ich bemühe mich, ihm Gefühl für das Gute, Rechte und Edle einzuflößen, oder in ihm zu bestärken; und er nimmt alles, was man ihm sagt, freundlich und dankbar an – aber Du kennst die menschliche Schwäche. So lege ich denn alles in die Hand der Vorsehung, und tröste mich mit dem Bewußtsein, daß ich mir in bezug auf ihn nichts vorzuwerfen habe. Da er geistvoll und unterhaltend ist, bedauern wir seine Abwesenheit.

Wir wollen nun eine Moralabhandlung von Nicole beginnenPierre Nicole (1625–1695), Theolog und Verfasser von theologischen Werken und Moralschriften. Er gehörte zu den eifrigsten Jansenisten. Mme. de Sévigné spricht hier von den »Essais de morale«, dem bekanntesten seiner Werke, das eine Reihe kleiner Abhandlungen über die verschiedensten Fragen enthält.. Wäre ich in Paris, so schickte ich Dir das Buch, das Dir gewiß gefallen würde. Tasso lesen wir noch immer mit Vergnügen, und außerdem hab ich – ich wage es kaum zu gestehen – auf »KleopatraRoman von La Calprenède.« zurückgegriffen. Glücklicherweise habe ich kein Gedächtnis, und so unterhält mich das Buch; es ist entsetzlich, aber Du weißt, daß ich die Prüderie jeder Art verabscheue. Sie liegt nicht in meinem 35 Charakter. Und da ich noch nicht so prüd bin, diese Art Bücher zu verachten, so lasse ich mich noch immer von ihnen amüsieren. Ich berufe mich dabei auf meinen Sohn, der mich dazu gebracht hat. Er hat uns auch einige Kapitel aus Rabelais vorgelesen, die zum Totlachen sind. Zum Dank dafür hat er auch gern mit mir geplaudert, und wenn ich ihm glauben darf, wird er keine meiner Lehren vergessen . . .

 

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An Mme. de Grignan

Les Rochers, 12. Juli 1671

. . . Bist Du grausam genug, Tacitus nicht zu Ende zu lesen? Kannst Du wirklich Germanicus inmitten seiner Eroberungen verlassen? Wenn Du ihm diesen Streich spielst, so bezeichne mir die Stelle, wo Du stehen geblieben bist, und ich werde von da weiter lesen. Mehr kann ich für Dich nicht tun.

Wir kommen mit Tasso bald zu Ende, und er gefällt uns immer. Wir entdecken Schönheiten in ihm, die man nicht findet, wenn man nur eine halbe Wissenschaft hatNämlich der italienischen Sprache.. Auch Nicoles Moral haben wir begonnen, es ist dieselbe Gattung wie Pascal. Bei Pascal fällt mir ein, daß ich nicht umhin kann, die Anständigkeit der Herren Postillione zu bewundern, die fortwährend unterwegs sind, um unsere Briefe hin und her zu tragen; kurz, es gibt keinen Tag in der Woche, wo sie nicht entweder Dir oder mir einen bringen, immer und zu jeder Stunde sind sie auf der Reise. Die braven Leute! wie gefällig sind sie doch! welch schöne Erfindung ist doch die Post! und welch schöne Einrichtung der Vorsehung ist doch die Habsucht! Ich habe manchmal Lust ihnen zu schreiben, um ihnen meine Dankbarkeit auszudrücken, und ich glaube, ich hätte es schon getan ohne das bewußte Kapitel PascalsMme. de Sévigné denkt hier wohl an die Stelle der Pensées von Pascal, wo es heißt: »Zwei Mächte bestimmen den Willen des Menschen, die Habsucht und das Mitgefühl.«, und weil sie vielleicht Lust 36 haben, mir dafür zu danken, daß ich Briefe schreibe, so wie ich Lust habe, ihnen zu danken, daß sie meine Briefe tragen. Das ist doch eine schöne Abschweifung!

Ich komme auf meine Lektüre zurück; »Kleopatra« leidet dabei keine Not. Ich habe gewettet, sie bis zu Ende zu lesen, und Du weißt, wie ich die Wetten durchführe. Manchmal frage ich mich, woher ich diese dumme Vorliebe für solches Zeug habe. Ich verstehe es nicht. Du kennst mich gut genug und weißt, wie sehr mir ein schlechter Stil zuwider ist; ich weiß den guten Stil ziemlich zu würdigen, und niemand ist empfänglicher als ich für die Schönheit der Sprache. Der Stil La Calprenèdes ist aber an tausend Stellen abscheulich; große Romanphrasen, entsetzliche Ausdrücke, – ich weiß das alles. Neulich schrieb ich meinem Sohn einen Brief in diesem Stil, und er fand ihn sehr ergötzlich. Ich finde also den Stil La Calprenèdes entsetzlich, und doch lasse ich mich immer wieder von ihm fangen, und gehe ihm wie ein Vogel auf den Leim. Die Schönheit der Gefühle, die Größe der Begebenheiten, die Heftigkeit der Leidenschaften, und der wunderbare Erfolg ihrer furchtbaren Schwerthiebe – alles das bezaubert mich, als wäre ich ein junges Mädchen. Ich interessiere mich für ihre Pläne, und wenn mich nicht M. de La Rochefoucauld und M. d'Hacqueville darüber trösteten, würde ich mich aus Kummer über meinen schlechten Geschmack selbst aufhängen.

 

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An Mme. de Grignan

Les Rochers, 15. Juli 1671

. . . Immer noch erfreuen wir uns an Tasso. Wärst Du bei uns, Du würdest auch Geschmack an ihm finden, ich bin dessen gewiß. Es ist ein Unterschied, ob man ein Buch für sich allein liest oder mit andern, die die schönen Stellen hervorheben und uns darauf aufmerksam machen.

Auch Nicoles Moral ist herrlich. Nebenbei rückt auch »Kleopatra« voran, wenn auch langsam, in verlornen Stunden. Gewöhnlich dient mir die Lektüre zum Einschlafen. Der Charakter der Kleopatra gefällt mir besser als der 37 Stil des Romans. Auch die Gefühle, die sich darin finden, gefallen mir, ich gestehe es. Sie sind so vollendet, daß sie meine Ideen von einer schönen Seele verwirklichenDas 17. Jahrhundert hatte einen andern Begriff von einer »schönen Seele«, als wir ihn in Goethes Wilhelm Meister finden. Man verstand damals den ritterlich romantischen Sinn darunter, wie er in Corneilles »Cid« und in den Romanen verherrlicht wurde. Vgl. Lotheißen, Geschichte der französ. Literatur im 17. Jahrhundert, 1. Bd. 2. Teil: Die Ideale der Zeit. . . .

 

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An Mme. de Grignan

Les Rochers, 5. August 1671Zum Verständnis dieses und der folgenden Briefe muß bemerkt werden, daß fünf Provinzen Frankreichs noch eine ständische Verfassung bewahrt hatten. Die Stände hatten freilich nicht viel zu sagen. Der königliche Gouverneur regierte, und die Stände – Adel, Klerus und die meistens vom König ernannten Vertreter der Städte – hatten hauptsächlich die Steuern für die Provinzialbedürfnisse zu beschließen und alljährlich zu den Kosten der Reichsverwaltung das sogenannte »freiwillige Geschenk« (le don gratuit) zu bewilligen. In früheren Zeiten hatte dieses Geschenk etwa 400 000 Franken betragen, unter Ludwig XIV. stieg es auf zwei und bald sogar fünf Millionen.
Die Versammlung der Stände bot immer Veranlassung zu rauschenden Festlichkeiten. Die Herren hatten hohe Diäten, aber sie gaben gewöhnlich noch viel mehr aus.
Die Stände der Bretagne tagten öfters – so auch im Jahr 1671 – im Städtchen Vitré, in dessen Nähe Les Rochers lag. Der Gouverneur der Provinz war damals der Herzog de Chaulnes, ein Freund der Marquise.

. . . Ich muß Dir doch etwas von unsern Ständen sagen, weil Du ja auch aus der Bretagne bist. M. de Chaulnes kam Sonntag abend an, und wurde mit soviel Lärm, als man in Vitré nur machen konnte, empfangen. Montag früh schrieb er mir einen Brief und sandte mir ihn durch einen Edelmann. Ich antwortete ihm damit, daß ich zur Mittagstafel zu ihm ging. Man speiste an zwei Tafeln in einem Saale, an jedem Tisch waren vierzehn Plätze. Der Herzog führte den Vorsitz an dem einen, die Herzogin an dem andern, und die Fresserei war groß. Das Diner war vorzüglich, man trug ganze Schüsseln mit Braten fort, als 38 ob man sie gar nicht berührt hätte. Für die Obstpyramiden hatte man die Türen erhöhen lassen. Unsere Vorfahren sahen solche Geschichten nicht voraus; sie glaubten, eine Türe brauche nicht höher als sie selbst zu sein. Eine Pyramide soll also hereingebracht werden, eine von jenen, die die Gäste nötigen, sich von einem Ende der Tafel zum andern zu schreiben. Doch das ist kein Unglück, im Gegenteil, man ist ganz zufrieden, nicht zu sehen, was sie verbergen. Jene Pyramide also, die aus zwanzig Schalen gebildet war, wurde an der Türe so völlig umgeworfen, daß der Lärm die Tafelmusik zum Schweigen brachte. Nach dem Essen tanzten die Herrn von Locmaria und Coëtlogon mit zwei bretonischen Mädchen wunderbare Passe-pieds und Menuette, wie es unsere guten Tänzer bei weitem nicht fertig bringen . . . Die Stände werden nicht lange tagen, man braucht nur von ihnen zu verlangen, was der König will, man redet kein Wort weiter, es ist abgemacht. Was den Gouverneur betrifft, so findet er, ich weiß nicht wie, mehr als vierzigtausend Taler, die ihm zukommen. Eine Anzahl anderer Geschenke, Pensionen, Reparaturen der Wege und der Stadt, fünfzehn oder zwanzig große Tafeln, fortwährendes Spiel, nichts als Bälle, dreimal die Woche Theater, ein außerordentlicher Aufwand: Das heißt man die Stände. Ich vergaß vierhundert Faß Wein, die getrunken werden. Aber wenn ich auch den kleinen Artikel vergessen sollte, die andern würden es nicht tun, er ist ihnen die Hauptsache . . .

 

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An Mme. de Grignan

Vitré, Mittwoch, 12. August 1671

So bin ich endlich, meine Gute, inmitten der Stände, denn sonst wären die Stände inmitten von Les Rochers. Kaum hatte ich letzten Sonntag meine Briefe gesiegelt, als ich vier sechsspännige Wagen in meinen Hof einfahren sah, mit fünfzig Garden zu Pferd, mehreren Handpferden und einigen berittenen Pagen. Es waren M. de Chaulnes, M de Rohan, M. de Lavardin, de Coëtlogon und de Locmaria, die Barone de Guais, die Bischöfe von Rennes und 39 Saint-Malo, M. d'Argouges und acht oder zehn andre, die ich nicht kenne; ich vergesse M. d'Harouys, den zu nennen nicht der Mühe lohntDie Genannten waren zum Teil Mitglieder der höchsten Aristokratie, wie außer Chaulnes der Herzog von Rohan, die Marquis Lavardin, Coëtlogon, Locmaria usw. – Guillaume d'Harouys war mit Emanuel de Coulanges verschwägert. Schatzmeister der Stände, war er allgemein beliebt, und Mme. de Sévigné erwähnt ihn oft und spricht mit Freundschaft von ihm. Seine Gutmütigkeit brachte ihn zu Fall. Er lieh zu viel aus, seine Kassen und Rechnungen erwiesen sich schließlich in Unordnung und er starb in der Bastille..

Ich empfange die ganze Sippschaft, man fragt und antwortet alles mögliche. Dann machten wir einen Spaziergang, der ihnen sehr gefiel, und endlich erschien am Ende der MailbahnDas Mailspiel war ein beliebtes Spiel mit Holzkugeln, die man mit Hämmern oder einer Art Löffel auf ebener Bahn trieb. ein gutes und feines Gabelfrühstück mit Burgunderwein, den sie tranken, als wäre es Mineralwasser aus Forges. Man war der Meinung, ich hätte das alles hervorgezaubert. M. de Chaulnes bat mich dringend nach Vitré zu kommen. So kam ich denn Montag abends hierher. Mme. de Chaulnes veranstaltete mir zu Ehren ein Souper, eine Aufführung des »Tartüffe«, die nicht allzuübel war, und einen Ball, bei dem mir die Passe-pieds und das Menuett fast Tränen entlockten. Sie erinnern mich so lebhaft an Dich daß ich mich nicht zu fassen weiß; ich muß mich dann schnell zerstreuen. Man spricht mir sehr oft von Dir, und die Antwort fällt mir nicht schwer, denn ich denke jeden Augenblick an Dich, und meine immer, man müßte meine Gefühle durch mein Kleid hindurch sehen.

Gestern empfing ich die ganze Bretagne in meinem Sévigné-Turm»La tour de Sévigné« war ein Haus in Vitré, das der Familie Sévigné gehörte, und das an die Stadtmauer anstieß. Ein Turm der letzteren gehörte zu dem Haus. Mme. de Sévigné bat die Stände um einen Beitrag zu Reparaturen, fand aber trotz der guten Freunde keine Gewährung.. Dann war ich noch im Schauspiel; man gab »AndromaqueTragödie von Racine.«, die mich mehr als sechs Tränen kostete, wahrlich genug für eine Provinztruppe. Am Abend Souper und dann Ball . . . Ich werde noch bis zum 40 Montag hier bleiben, dann acht Tage in meiner armen Einsamkeit verbringen, und wieder zurückkommen, um mich zu verabschieden, denn mit dem Ende des Monats wird alles vorüber sein. Unser Geschenk ist schon seit länger als acht Tagen bewilligtDas sogenannte»freiwillige Geschenk« an den König.; man hat drei Millionen gefordert, wir haben, ohne zu handeln, zwei und eine halbe Million Livres geboten, und alles ist in Ordnung. Außerdem wird der Gouverneur fünfzigtausend Taler, M. de Lavardin achtzigtausend Franken und die übrigen Beamten im Verhältnis erhalten – alles für zwei JahreDer Landtag trat alle zwei Jahre zusammen. Lavardin war General-Statthalter der Bretagne.. Man sollte glauben, daß die Bretonen soviel Wein trinken, als Wasser unter den Brücken hindurchfließt, weil die Masse Geldes, das auf allen Versammlungen verschenkt wird, von dem Wein erhoben wird.

 

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An Mme. de Grignan

Les Rochers, 19. August 1671

. . . Die ganze Bretagne war an jenem Tag betrunken. Wir hatten in einem besonderen Zimmer gespeist. Vierzig Edelleute hatten unten getafelt und jeder hatte vierzig Gesundheiten getrunken. Die Gesundheit des Königs kam zuerst, und nachdem sie getrunken war, zerbrach man alle Gläser. Als Vorwand diente die außerordentliche Freude und Dankbarkeit über hunderttausend Taler, die der König der Provinz von dem ihm gemachten Geschenk nachgelassen hat. Er wollte mit dieser Freigebigkeit die Bereitwilligkeit, mit der man ihm gehorcht hatte, belohnen. Es sind also nur noch zwei Millionen zweimalhunderttausend Franken, anstatt fünfmalhunderttausend. Der König hat mit eigner Hand viel Huldvolles für seine gute Bretagne geschrieben. Der Gouverneur hat den Ständen den Brief vorgelesen, sie baten um eine Abschrift desselben, um ihn zu Protokoll zu nehmen, und dann erhob sich bis zum Himmel der Ruf: »Es lebe der König!« Darauf hat man getrunken, aber getrunken, Gott weiß es . . . 41

 

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An Mme. de Grignan

Les Rochers, 23. August 1671

. . . Der arme La Mousse hat Zahnschmerzen, so daß ich schon lange Zeit allein spazieren gehe, bis zur Dunkelheit und an Gott weiß was alles denke. Fürchte nicht, daß diese Einsamkeit mir schwer fallen könnte; abgesehen von dem Herzweh, gegen das ich nicht kämpfen kann, bin ich nicht zu beklagen. Ich bin guter Laune, finde mich in alles und unterhalte mich über alles. Ich fühle mich hier, obwohl ganz allein, wohler als in dem Gewühl und dem Lärm von Vitré. Seit acht Tagen bin ich hier in einem Frieden, der mich von einer scheußlichen Erkältung geheilt hat. Ich habe Wasser getrunken, nicht geredet, nicht zu Abend gegessen und so bin ich gesund geworden, ohne meine Spaziergänge abzukürzen. Mme. de Chaulnes, Mlle. de MurinaisMlle. de Murinais stammte aus einer bretonischen Adelsfamilie, Mme. Fouché war die Frau eines Abgeordneten., Mme. Fouché und ein hübsches Fräulein aus Nantes kamen Donnerstag hierher. Mme. de Chaulnes sagte beim Eintritt, sie halte es nicht länger aus, ohne mich zu sehen, die ganze Bretagne liege ihr im Magen und sie sei dem Tode nah. Mit diesen Worten wirft sie sich auf mein Bett, man reiht sich um sie her – und sieh da, in einem Augenblick schläft sie vor lauter Müdigkeit ein. Wir plaudern weiter, sie wacht endlich wieder auf und erklärt sich entzückt von der lieblichen Freiheit auf Les Rochers.

Wir gingen dann spazieren und setzten uns im Dickicht nieder; während die andern Mail spielten, ließ ich sie von Rom erzählen, und wie es sich gemacht, daß sie Herrn de Chaulnes geheiratet habe, denn ich suche mir immer die Langeweile fernzuhalten. Während wir gerade davon sprechen, kommt plötzlich ein heimtückischer Regen, wie einst jener in Livry, der uns ohne vorherige Ankündigung mit einemmal überfällt. Der Regen drang im Nu durch die Blätter und im Nu durch unsre Kleider. Da beginnen wir zu laufen, man schreit, man fällt, gleitet aus; endlich gelangt man heim, zündet ein großes Feuer an, wechselt die Kleider; ich helfe überall aus; man läßt sich die Schuhe trocknen und 42 lacht sich halb tot. So wurde die Regentin der Bretagne in ihrem eignen Reich behandelt. Später gab es ein schönes Mahl, und dann kehrte die arme Frau heim, ohne Zweifel ärgerlicher über die langweilige Rolle, die sie wieder spielen muß, als über das Attentat, das man hier gegen sie verübt hat. Ich mußte ihr versprechen, daß ich Dir das Abenteuer melden würde und daß ich morgen käme, ihr in der letzten Zeit der Stände, die in acht Tagen auseinandergehen, beizustehen. Ich habe beides versprochen; heute erfülle ich das erste Versprechen und morgen das andre, denn ich finde, daß ich diese Bitte nicht gut abschlagen kann.

 

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