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Ausgewählte Briefe

Marie de Sévigné: Ausgewählte Briefe - Kapitel 3
Quellenangabe
typeletter
booktitleAusgewählte Briefe
authorMarquise de Sévigné
translatorFerdinand Lotheißen
year1925
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleAusgewählte Briefe
pages237
created20170608
sendergerd.bouillon@t-online.de
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An Mme. de Grignan

Paris, den 11. März 1671

. . . Das ist ja recht hübsch von Ihnen, Frau Gräfin, meine Briefe zum besten zu geben. Wo bleibt denn da der 19 Grundsatz, alles zu verheimlichen, was Sie lieben? Erinnerst Du Dich, wie schwer es uns hielt, etwas aus Monsieur de Grignans Briefen von Dir zu erfahren? Du willst mich durch Deine Lobsprüche besänftigen und mich immer wie die »Gazette de Hollande« behandeln, aber ich werde mich rächen. Spitzbübin, Du verheimlichst die zärtlichen Stellen meiner Briefe, und ich zeige manchmal gewissen Leuten die, welche Du mir schreibst. Man soll nicht glauben, daß ich vor Kummer fast gestorben wäre, und daß ich alle Tage weine, um wen? Um eine Undankbare. Man soll sehen, daß Du mich liebst und, daß, wenn Du mein ganzes Herz besitzest, ich doch auch einen Platz in dem Deinen habe. Ich werde all Deine Grüße ausrichten. Jedermann fragt mich: »Bin ich nicht genannt?« Und ich sage: »Nein, noch nicht, aber es wird kommen.« Erwähne zum Beispiel einmal Monsieur d'Ormesson und die Familie Mesmes.

 

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An Mme. de Grignan

Freitag, 13. März 1671Der Brief gibt einen ergötzlichen Beitrag zur Kenntnis der medizinischen Wissenschaft im 17. Jahrhundert. War jemand von einem tollen Hund gebissen, hielt man es für das beste, ihn dreimal im Meerwasser untertauchen zu lassen. Mme. de Sévigné machte sich oft lustig über die Ärzte und ihre Kunst, rief aber doch wieder ihre Hilfe an, wenn sie krank war. – Benserade war ein fader Hofpoet, der die Gelegenheitsgedichte, den Text zu den bei Hof getanzten Balletten usw. zu dichten hatte. Die Gräfin de Ludres, deren Aussprache die Briefschreiberin nachahmt, stammte aus altem lothringischen Geschlecht.

. . . Wenn Du die Ehrenfräulein der Königin für toll hältst, wirst Du Dich nicht irren. Vor acht Tagen wurden Madame de LudresMarie Elisabeth de Ludres, Stiftsdame von Poussay, früher Geliebte des Königs., Coëtlogon und die kleine Rouvroy von einem Hündchen gebissen, das dem Fräulein von Théobon gehört. Das Hündchen war toll und starb. So sind nun die Ludres, Coëtlogon und Rouvroy heute früh nach Dieppe abgereist, um sich dreimal ins Meer werfen zu lassen. Die Reise ist traurig, Benserade war verzweifelt 20 darüber. Théobon hat nicht reisen wollen, obwohl sie auch ein wenig geritzt worden war. Die Königin will sich nicht von ihr bedienen lassen, bis man weiß, was aus der Sache geworden ist. Findest Du nicht, daß die Ludres der Andromeda gleicht? Ich sehe sie am Felsen angekettet, und Tréville, der auf einem Flügelpferd herbeieilt und das Untier tötet. »Ah, Zésu! matame te Grignan, l'étranze sose t'être zetée toute nue tans la merSo sprach Mme. de Ludres. (O Jesu! Madame de Grignan, wie sonderbar, wenn man ganz nackt ins Meer geworfen wird!)

Gestern hatte ich bei Mademoiselle eine rechte Freude. Mme. de Gêvres kam, schön, reizend und liebenswürdig. Mme. d'Arpajon saß auf einem höheren Platz als ich. Mme. de Gêvres erwartete wohl, daß ich ihr meinen Platz anbieten würde, aber ich war ihr von neulich noch etwas schuldig und bezahlte bar – ich rührte mich nicht. Mademoiselle war zu Bett; sie war also gezwungen, sich unter die Estrade zu setzen; das ist ärgerlich. Man bringt für Mademoiselle etwas zu trinken und die Serviette muß gereicht werden. Ich sehe, wie Madame de Gêvres den Handschuh von ihrer mageren Hand streift; ich stoße Madame d'Arpajon an, sie versteht mich und zieht auch ihren Handschuh aus, tritt mit großer Liebenswürdigkeit einen Schritt vor, schneidet der Gêvres den Weg ab, nimmt die Serviette und reicht sie. Die Gêvres war ganz beschämt und verblüfft. Sie war auf die Estrade gestiegen, hatte ihre Handschuhe ausgezogen und alles das nur, um aus größerer Nähe zuzusehen, wie die Serviette von Madame d'Arpajon gereicht wurde. Ich bin boshaft, meine Liebe; ich freute mich, das war gut gemacht. Hat man je gesehen, daß eine andre herbeilief, um Madame d'Arpajon, wenn sie sich in der »Ruelle« befindet, ein kleines Ehrenamt zu entreißen, das ihr ganz selbstverständlich zukommt?Ruelle hieß der Raum zwischen dem Bett und der Wand, dann überhaupt das Schlafzimmer, gewöhnlich ein Alkoven neben einem großen Salon. Mme. de Puisieux hat tüchtig darüber gelacht. Mademoiselle wagte nicht aufzublicken, und ich machte ein ganz unschuldiges Gesicht. Dann sagte man tausend schöne Dinge von Dir, und 21 Mademoiselle trug mir auf, Dir zu sagen, wie sehr sie sich freue, daß Du nicht ertrunken bist und Dich wohl fühlstDie ganze Stelle enthält nur eine spöttische Klatscherei. Aber auch sie trägt ihr kleines Teil bei zur Charakteristik der Sévigné, wie der ganzen vornehmen Gesellschaft jener Zeit. Zum Verständnis des Briefs muß man wissen, daß die Damen in ihrem Bett, oft in großer Toilette, Besuche empfingen. Das Bett stand frei auf einer Estrade, und die Besucher setzten sich rings umher. Bei Mademoiselle, der schon mehrmals erwähnten Prinzessin von Montpensier, reihten sich die Damen ihrem Rang gemäß. Die Herzogin von Arpajon saß oben an; neben ihr die Marquise de Sévigné. Als dann die Herzogin von Gêvres kam, war es an der Marquise, ihr Platz zu machen. Aber sie bezahlte bar und ärgerte die Herzogin. Mme. de Gêvres war damals etwa 40 Jahr alt, und die Lobsprüche auf ihre Schönheit und Anmut sind satirisch gemeint. Mme. d'Arpajon und Mme. de Sévigné erlaubten sich wie zwei übermütige Mädchen eine Unart, die sie königlich belustigte. Der Brief ist rasch geschrieben und an manchen Stellen nicht ganz klar..

 

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An Mme. de Grignan

Livry, Kardienstag 24. März 1671

Heute erhältst Du eine böse Plauderei, meine liebe Gute. Ich bin seit drei Stunden hier. Ich habe Paris verlassen, um mich bis Donnerstag abend vor der Welt und ihrem Lärmen zu flüchten; der Abbé, Helene, Hébert und Marphise haben mich begleitetDer Abbé war Coulanges, ihr Onkel, »le bien bon«; Helene, ihre Zofe; Hébert, eine Art Sekretär und Marphise, ihr Schoßhündchen.. Ich will hier ganz in der Einsamkeit sein, ein kleines Trappistenkloster gründen, zu Gott beten, meinen Gedanken nachhängen, tüchtig fasten – und zwar aus allen möglichen Gründen –, viel spazieren gehen, weil ich so lange an mein Zimmer gefesselt war, und ganz besonders mich langweilen, um Gott wohlgefällig zu sein. Doch meine arme Gute, mehr als an all das, werde ich an Dich denken; meine Gedanken sind immer bei Dir, seitdem ich hier angekommen bin, und da ich meine Empfindungen für Dich nicht bemeistern kann, beginne ich Dir zu schreiben, hier am Ende der kleinen düstern Allee, die Du liebst, auf dem Moossitz, wo ich dich öfters liegen sah; doch, mein Gott, wo hab' ich Dich hier nicht gesehen? und wie lebhaft 22 kommen mir all diese Erinnerungen in den Sinn! Gibt es doch keinen Ort, keinen Platz, weder im Haus, noch in der Kirche, noch in dieser ganzen Gegend, noch in diesem Garten, wo ich Dich nicht gesehen hätte; der mir nicht irgendeine Erinnerung weckte; und welcher Art diese auch immer sei, sie zerschneidet mir das Herz. Ich sehe Dich, Du stehst vor mir, ich denke an alles und denke immer wieder daran; ich sinne und grüble nach, aber ich mag mich noch so sehr wenden und mag noch so sehr suchen, mein teures, leidenschaftlich geliebtes Kind ist zweihundert Meilen weit, ich besitze es nicht mehr – und darüber kommen mir unwillkürlich die Tränen. Ich bin ganz hin, meine liebe Gute. Das ist eine Schwäche von mir, aber ich kann nun einmal einer so begründeten und natürlichen Zärtlichkeit nicht widerstehen.

Ich weiß nicht, in welcher Stimmung der Brief Dich treffen wird; der Zufall kann ihn zu ungelegener Zeit bringen, und dann wird er nicht so gelesen, wie er geschrieben ist. Dagegen weiß ich keinen Schutz. Immerhin hat es mich sehr erleichtert, und das ist alles, was ich von ihm verlange. Es ist unglaublich, in welchen Zustand mich der Ort hier versetzt hat. Ich bitte Dich, sage mir nichts über meine Schwäche; Du mußt sie lieben, mußt meine Tränen achten, denn sie kommen aus einem Herzen, das nur Dir gehört.

 

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An Mme. de Grignan

Paris, den 1. April 1671

Vor einigen Tagen hörten wir den Abbé de MontmortWurde 1680 Bischof von Perpignan.. Ich habe nie eine so schöne Predigt gehört, und ich wünschte, Ihr hättet einen solchen Geistlichen an Stelle Eures MinderbrudersDer in Grignan predigte.. Er machte das Kreuzzeichen, sagte seinen Text; er schalt uns nicht, sagte uns keine Grobheiten. Er bat uns, den Tod nicht zu fürchten, da es für uns der einzige Durchgang sei, um mit Christus aufzuerstehen. Wir gaben ihm das zu und waren sehr zufrieden. Er hat nichts Verletzendes an sich; er ahmt Herrn d'Agen nach, aber ohne ihn zu kopieren; er ist kühn, er ist bescheiden, er ist gelehrt, 23 er ist fromm, kurz und gut, ich war außerordentlich zufrieden mit ihm.

 

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An Mme. de Grignan

Paris, 22. April 1671

. . . Und nun will ich ein wenig von Deinem Bruder reden, mein Kind: er tut alles, was andern gefällt, er ist von einer Schwäche, die einem übel machen könnte. Gestern beliebte es dreien seiner Freunde, ihn in ein schönes Haus zu führen, um dort zu soupieren, und er ging mit. Diese Herrn sind zu klug, um sich selbst einer Gefahr auszusetzen; sie bitten also Deinen Bruder zu zahlen, mit seiner Person zu zahlen. Trotz des elenden Zustands, in dem er sich befindet, zahlt er, und kommt dann, um mir alles zu erzählen und sagt, daß er vor sich selbst Ekel habe. Ich sage ihm, daß er auch mir Ekel macht, ich erwecke sein Schamgefühl, ich sage ihm, daß das kein Leben für einen anständigen Mann ist, daß er sich arg verrechnet und daß, wenn er so fortfährt sich bloßzustellen, er sein Teil wegbekommen wird. Dann predige ich ein bißchen; er ist mit allem einverstanden; und lebt wie zuvor. Er hat die SchauspielerinDie Champmeslé, Schauspielerin an dem Theater des Hotel de Bourgogne, Hauptdarstellerin der großen Frauenrollen in Racines Tragödien. verlassen, nachdem er sie zu verschiednen Malen geliebt hatte. Wenn er bei ihr war oder ihr schrieb, meinte er's aufrichtig; einen Augenblick später ließ er seinem Spott über sie die Zügel schießen. NinonDie viel erwähnte Ninon de Lenclos. hat ihn verlassen; solang sie ihn liebte, war er unglücklich, nun ist er in Verzweiflung, daß sie ihn nicht mehr liebt, und das um so mehr, als sie mit geringer Achtung von ihm spricht. »Er ist eine Breiseele,« sagt sie, »ein Körper aus nassem Löschpapier, ein Kürbisherz, das in Schnee eingemacht ist.« Das habe ich Dir schon erzählt . . . Ich bin entzückt, daß Du meine Briefe billigst. Deine Zustimmung und Deine aufrichtigen Lobsprüche machen mir mehr Freude, als alles, was mir von andrer Seite widerfahren könnte. Und warum sollten Töchter, wie Du, nicht Mütter meiner Art loben dürfen? Welch ein Respekt! 24

 

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Paris, 24. April 1671
(bei Monsieur de La RochefoucauldDer Herzog de La Rochefoucauld (1613–1680), der Verfasser der »Maximes«, war ein Freund der Familie Sévigné.)

An Mme. de Grignan

Ich mache hier mein Paket für die Post. Ich muß Dir doch erzählen, daß der König gestern abend in Chantilly ankamChantilly war eine prächtige Besitzung der Prinzen Condé, einige Meilen nördlich von Paris. Später gehörte es dem Herzog von Aumale. Condé gab dem König das Fest, als dieser auf der Reise nach Flandern hier anhielt.. Er jagte einen Hirsch bei Mondschein; die Laternen taten Wunder, das Feuerwerk wurde durch den Glanz unsres Freundes etwas verdunkelt, aber das Souper und Spiel am Schluß waren prächtig. Das heutige Wetter ließ uns hoffen, daß ein so guter Anfang auch ein würdiges Ende haben werde. Aber bei meiner Ankunft hier höre ich eine Nachricht, von der ich mich nicht erholen kann und die es mir unmöglich macht, Dir geordnet zu schreiben. Denke Dir, daß Vatel, der große Vatel, der Haushofmeister Fouquets, der gegenwärtig im Dienst des Prinzen steht – ein Mann, der alle seinesgleichen an Fähigkeiten übertraf, und der mit seinem Kopf die Sorge für ein ganzes Staatswesen hätte übernehmen können – dieser Mann – den ich persönlich kannte – heute morgen um acht Uhr sah, daß die Seefische nicht gekommen waren und den Schimpf, dem er sich ausgesetzt glaubte, nicht ertragen konnte. Mit einem Wort, er hat sich erstochen. Stelle Dir die entsetzliche Verwirrung vor, welche solch trauriges Ereignis in das Fest brachte. Die Fische kamen vielleicht gerade, als er seine Seele aushauchte. Ich weiß nichts weiter, aber Du wirst denken, es sei genug. Die Bestürzung war jedenfalls groß und störend bei einem Fest, das fünfzigtausend Taler kostetNach anderen Angaben 180,000 Franken. Der Taler (écu) hatte einen Wert von 3 Livres; die Livre hatte an Silberwert mehr als ein Franken. Der Wert des Geldes aber betrug im 17. Jahrhundert drei- bis viermal mehr als im neunzehnten.. 25

 

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An Mme. de Grignan

Paris, 26. April 1671

Es ist Sonntag den 26. April; dieser Brief wird erst den Mittwoch abgehen, aber es ist gar kein Brief, es ist ein Bericht, den mir Moreuil für dich über Vatel und den Vorgang in Chantilly erstattet hatMoreuil war erster Kammerherr im Dienste Condés.. Ich schrieb Dir am Freitag, daß er sich erstochen habe. Nun höre das Genauere. Der König kam Donnerstag abend an, und sowohl die Jagd, wie die Laternen, der Mondschein, der Spaziergang und die Kollation in einer ganz mit Narzissen tapezierten Laube, alles war nach Wunsch. Beim Abendessen ging an einigen Tischen der Braten aus, weil einige Tafeln mehr aufgestellt werden mußten, als man berechnet hatte. Das ging Vatel zu Herzen und er sagte mehrmals: »Meine Ehre ist verloren, eine solche Schande ertrage ich nicht.« Zu Gourville sagte er: »Mir ist ganz schwindlig, ich habe zwölf Nächte nicht geschlafen, helfen Sie mir bei den Anordnungen.« Gourville unterstützte ihn soviel er konnteJean Herault de Gourville begann seine Laufbahn als Kammerdiener des Herzogs de La Rochefoucauld, trat später in die Dienste Condés, wurde schließlich Staatsrat und erwarb ein großes Vermögen. Er schrieb Memoiren, die für die Zeitgeschichte wichtig sind. Gestorben 1703.. Daß der Braten gefehlt hatte, wollte ihm nicht aus dem Kopf, wenn auch nicht an der Tafel des Königs, sondern an dem fünfundzwanzigsten Tisch und einigen folgenden. Gourville sagte es dem PrinzenIm französischen Text: M. le Prince, wie die offizielle Bezeichnung Condés lautete. Sein Sohn führte den Titel M. le Duc, ohne weiteren Zusatz.. Dieser ging sogar zu ihm ins Zimmer und sagte ihm: »Vatel, es geht alles vortrefflich, das Souper des Königs konnte nicht schöner sein.« Er antwortete: »Monseigneur, Ihre Güte gibt mir den letzten Stoß, ich weiß, daß der Braten an zwei Tischen gefehlt hat.« – »Ganz und gar nicht,« sagte der Prinz, »kränkt Euch nicht, es geht alles gut.« Die Nacht kommt, das Feuerwerk mißlingt wegen des Nebels, es kostete sechzehntausend Franken. Um vier Uhr morgens geht Vatel überall herum und findet alles im Schlaf, er begegnet einem kleinen 26 Lieferanten, der ihm nur zwei Ladungen Seefische bringt, und fragt ihn: »Ist das alles?« Der antwortet: »Ja, Herr.« Er wußte nicht, daß Vatel an alle Seehäfen geschickt hatte. Der wartet einige Zeit, die andern Lieferanten kommen nicht, sein Kopf glüht, er glaubt, daß er weiter keine Fische bekommen wird. Er geht zu Gourville und sagt ihm: »Diese Schande werde ich nicht überleben, meine Ehre und mein Ruf stehen auf dem Spiel.« Gourville lacht über ihn. Vatel geht hinauf in sein Zimmer, hält seinen Degen an die Türe und sticht sich ihn durchs Herz; aber erst beim dritten Stoß (denn die beiden ersten waren nicht tödlich) stürzt er zusammen. Inzwischen kommen die Fische von allen Seiten, man sucht Vatel, damit er sie verteile, man kommt an sein Zimmer, man klopft, man schlägt die Türe ein, man findet ihn in seinem Blute schwimmen, man läuft zum Prinzen, der in Verzweiflung darüber gerät. Der HerzogM. le Duc, Condés Sohn. weinte, er zählte auf Vatel für seine Burgunder ReiseCondé war Gouverneur von Burgund, sein Sohn, M. le Duc, sollte an seiner Statt den Vorsitz im Landtag der Provinz übernehmen.. Tiefbetrübt teilte es der Prinz dem König mit; man sagte, er habe aus übertriebenem Ehrgefühl gehandelt, man lobte ihn sehr, lobte und tadelte seinen Eifer. Der König sagte, er habe schon seit fünf Jahren gezögert nach Chantilly zu kommen, da er wisse, welche Umstände es verursache. Er sagte dem Prinzen, er solle nur zwei Tafeln versorgen und sich nicht um die übrigen kümmern; er könne nicht dulden, daß der Prinz so fortfahre; aber für den armen Vatel war es zu spät. Inzwischen versuchte Gourville den Verlust Vatels zu ersetzen, es gelang ihm, man speiste sehr gut zu Mittag, man vesperte, man aß zu Abend, man ging spazieren, man spielte, man ging auf die Jagd, alles duftete nach Narzissen, alles war entzückt. Gestern, am Samstag, war es gerade so. Abends ging der König nach Liancourt, wo er eine Medianoche bestellt hatte, er muß heut noch dort seinMedianoche, ein spanisches Wort, das in die französische Sprache überging. Es bezeichnete eine Mahlzeit, die nach einem Fasttag gleich nach Mitternacht serviert wurde und bei der die Fleischspeisen nicht fehlen durften.. All das hat mir 27 Moreuil erzählt, damit ich es Dir mitteile. Ich kümmere mich um weiter nichts und weiß nichts weiter. M. d'Hacqueville, der bei all dem gegenwärtig war, wird Dir sicherlich auch Bericht erstatten, aber da seine Schrift nicht so deutlich wie die meine ist, schreibe ich trotzdem. Nun hast Du Einzelheiten genug, mir wären sie in solchem Fall sehr lieb, und so melde ich sie auch Dir.

 

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An Mme. de Grignan

Livry, 29. April 1671

. . . Gestern habe ich einen schönen Ausflug gemacht. Ich verließ Paris in der Frühe, speiste zu PomponneAn den Ufern der Marne, nahe bei Lagny. und fand dort unsern guten Alten, der mich erwarteteArnauld d'Andilly, das Haupt der Jansenisten, jener strenger gesinnten Richtung der katholischen Kirche. Mme. de Sévigné war mit vielen hervorragenden Jansenisten befreundet. Arnauld war damals 82 Jahre alt.. Ich fand ihn frömmer als je und fühlte mich ganz ergriffen. Je mehr er sich dem Grab nähert, desto reiner wird er. Er machte mir ernstliche Vorwürfe, und hingerissen von Eifer und Freundschaft für mich, sagte er, ich sei eine Törin, daß ich mich nicht bekehren wolle. Ich wäre eine hübsche Heidin und machte in meinem Herzen ein Idol aus Dir. Diese Art Götzendienerei sei so gefährlich wie eine andre, wenn sie mir auch weniger sündhaft erschiene. Kurz, ich sollte in mich gehen. Er sprach mir mit so viel Nachdruck, daß ich kein Wort der Erwiderung fand. Endlich, nach sechs Stunden angenehmer, obgleich ernster Unterhaltung, verließ ich ihn und kam hierher, wo ich den Mai in seinem vollsten Triumph fand. Die Nachtigall, der Kuckuck, die Grasmücke,

In unserem Walde verkünden sie den Lenz.

Ich bin den ganzen Abend hier einsam umhergewandelt und habe alle meine melancholischen Ideen wiedergefunden. Doch ich will Dir nicht mehr davon reden. Heute früh brachte man mir Deinen Brief vom 4. dieses Monats. Welchen Weg müssen sie machen, bevor sie nach Paris 28 kommen! Einen Teil des Nachmittags will ich verwenden, Dir hier im Garten zu schreiben, wo mich drei oder vier Nachtigallen, die gerade über mir sitzen, mit ihrem Gesang betäuben. Heut abend kehre ich nach Paris zurück, und mache dort mein Paket für Dich . . . Du findest also Eure Schauspieler einsichtsvoll, weil sie Corneilles Stücke aufführen. In der Tat, er hat hinreißende Verse. Ich habe mir einen Band mit hierher gebracht, der mich gestern sehr unterhalten hat. Aber gefallen Dir nicht auch die fünf oder sechs Fabeln von La Fontaine, die in einem der Bände stehen, die ich neulich geschickt habe? Wir waren jüngst bei La Rochefoucauld ganz entzückt davon. Die Fabel vom Affen und der Katze lernten wir auswendig. Welche Gemälde! und die Fabel von dem Kürbis und die von der Nachtigall – sie sind des ersten Bandes würdig. Aber ich bin närrisch, Dir von solchen Nichtigkeiten zu schreiben; die freie Zeit, die ich in Livry habe, ist schuld, daß ich Dich quäle.

 

18

An Mme. de Grignan

Paris, 13. Mai 1671

. . . Ich reise also nächsten Montag. Du wirst wohl gerne wissen, wie meine Ausrüstung beschaffen ist, damit Du mich im Geiste sehen kannst. Ich reise mit zwei Kaleschen, habe sieben Wagenpferde, ein Lastpferd, das mein Bett trägt, und drei oder vier Männer zu Pferd. Meine Kalesche wird von meinen zwei schönen Pferden gezogen, der Abbé wird manchmal bei mir sitzen. In der anderen Kalesche, die mit vier Pferden bespannt ist und von einem Postillon geführt wird, sitzen mein Sohn, La Mousse und HeleneDer Abbé Pierre de la Mousse, ein Verwandter der Coulanges, ging vielleicht als eine Art Gewissensrat mit der Marquise.. Manchmal wird das Brevier den zweiten Stand versammeln und einem gewissen Brevier von Corneille Platz machen, das Sévigné und ich gerne lesen wollen. Das sind eine Menge Kleinigkeiten, aber man verachtet sie nicht, wenn sie von Menschen kommen, die man liebt. 29

 

19

An Mme. de Grignan

Les Rochers, 31. Mai 1671

Endlich, meine Tochter, sind wir in unsern armen Les Rochers. Wie ist es möglich, die Alleen, die Aufschriften, das kleine Schränkchen und die Bücher wiederzusehen, ohne vor Trauer zu vergehen? Es gibt angenehme Erinnerungen, aber es gibt auch solche, die so lebhaft und so wehmütig sind, daß man sie schwer erträgt; solcher Art sind die Erinnerungen an Dich.

Wenn Du fortwährend wohl bist, mein teures Kind, komme ich erst nächstes Jahr zu Dir, die Bretagne und die Provence sind unvereinbar. Es ist eine merkwürdige Sache um die großen Reisen, wenn man über sie immer so dächte wie bei der Ankunft, würde man niemals seinen Aufenthaltsort verlassen. Aber die Vorsehung sorgt, daß man vergißt, sowie sie auch den Wöchnerinnen vergessen hilft. Gott erlaubt dieses Vergessen, damit die Welt nicht ausstirbt und damit man Reisen in die Provence unternimmt. Die Reise, die ich dorthin mache, wird eine der größten Freuden meines Lebens sein, aber welch trauriger Gedanke, das Ende Eures Aufenthalts dort nicht absehen zu können! Mehr und mehr bewundere und lobe ich Deine Vernunft. Obgleich mir, offen gestanden, diese UnmöglichkeitNämlich die Unmöglichkeit, die Stellung in der Provence aufzugeben. sehr nahe geht, hoffe ich doch, daß wir bis dahin die Dinge in anderem Lichte sehen. Man muß es wohl hoffen, denn ohne diesen Trost bliebe einem nichts übrig, als zu sterben. Ich habe manchmal in dem Wald hier so schwarze Gedanken, daß ich bei der Heimkehr veränderter aussehe als nach einem Fieberanfall. Wie es scheint, hast Du Dich in Marseille nicht gelangweilt. Vergiß nicht mir zu erzählen, wie Ihr in Grignan empfangen wurdet. Hier hatte man meinem Sohn eine Art feierlichen Einzugs bereitet. VaillantDer Verwalter von les Rochers. hatte mehr als fünfzehnhundert Männer unter den Waffen, alle sehr gut gekleidet und mit einem neuen Band an der Krawatte. Sie zogen in schönster Ordnung und erwarteten 30 uns eine Meile von Les Rochers. Nun kommt aber folgender schöne Zwischenfall: der Herr Abbé hatte geschrieben, wir würden Dienstag ankommen, vergaß es dann aber. Die armen Leute warten den Dienstag bis abends zehn Uhr und kehren endlich traurig und bestürzt heim. Den andern Tag, am Mittwoch, kommen wir in aller Stille an, ohne zu ahnen, daß man zu unserm Empfang eine Armee auf die Beine gebracht hatte. Dieser unangenehme Zufall war uns recht ärgerlich, aber was war zu machen? So also war unser Beginn. – Mlle. du Plessis ist noch so, wie Du sie gesehen hast, sie hat eine neue Freundin in Vitré, auf die sie sich nicht wenig einbildet, weil sie ein Schöngeist ist, der alle Romane gelesen und zwei Briefe von der Prinzessin von Tarente bekommen hat. Ich habe ihr boshafterweise durch Vaillant sagen lassen, ich sei eifersüchtig auf diese neue Freundschaft, zeigte es zwar nicht, aber mein Herz sei darüber betrübt. Was sie darauf geantwortet hat, ist Molières würdig. Es ist amüsant zu sehen, mit welcher Sorge sie mich schont und wie geschickt sie die Unterhaltung ablenkt, um nicht vor mir von meiner Rivalin zu sprechen. Ich spiele meine Rolle übrigens auch sehr gut.

Meine kleinen Bäume sind von überraschender Schönheit. PiloisDer Gärtner. ist aber auch furchtbar stolz darauf. Es gibt wirklich nichts Schöneres als diese Alleen, die Du ja hast werden sehen. Du weißt, daß ich Dir eine Art von Wahlspruch gab, der für Dich paßte. Folgendes Wort habe ich auf einen Baum für meinen Sohn geschrieben, der aus Kandia zurück ist: vago di fama»Nach Ruhm strebend.«. Ist das nicht trotz seiner Kürze hübsch? Gestern ließ ich noch zu Ehren der faulen Leute folgende Inschrift anbringen: bella cosa far niente»Nichts tun ist eine schöne Sache.« Wir haben es hier mit einer damals sehr beliebten Mode zu tun. Man liebte es, überall sinnreiche Aussprüche anzubringen und suchte etwas darin, recht schöne »Devisen« zu haben. Man fand auch in den Gärten und Parkanlagen, die selbst gewöhnlich so gekünstelt waren, daß solcher Schmuck nicht störte..

Ach, liebe Tochter, meine Briefe sind verwildert! Wo ist die Zeit, da ich wie andre Menschen von Paris sprach? 31 Ich kann Dir nur von mir Nachrichten geben, und sieh meine Zuversicht! Ich bin überzeugt, daß Du diese mehr als die andern liebst. Die Gesellschaft, die ich hier habe, gefällt mir, unsern Abbé bewundere ich immer mehr, mein Sohn und La Mousse schicken sich sehr gut in mich und ich in sie. Wir suchen uns immer auf, und wenn die Geschäfte mich von ihnen trennen, sind sie in Verzweiflung. Sie finden es lächerlich, daß mir eine Rechnung des Pächters lieber ist als eine Erzählung von La Fontaine. Alle lieben Dich leidenschaftlich, ich glaube, sie werden Dir schreiben; ich aber komme ihnen zuvor, denn ich unterhalte mich gern mit Dir, wenn ich gesammelt bin. Meine Tochter, bewahre mir Deine Liebe, Deine Freundschaft ist mein Leben, meine Seele. Ich sagte Dir schon neulich, daß sie all meine Freude und meinen Schmerz in sich schließt. Ich gestehe Dir, daß der Rest meines Lebens mit Schatten und Traurigkeit bedeckt ist, wenn ich denke, daß ich so oft von Dir getrennt sein muß.

 

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