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Ausgewählte Briefe

Marie de Sévigné: Ausgewählte Briefe - Kapitel 2
Quellenangabe
typeletter
booktitleAusgewählte Briefe
authorMarquise de Sévigné
translatorFerdinand Lotheißen
year1925
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleAusgewählte Briefe
pages237
created20170608
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1

An MénageGilles Ménage (1613–1692) hatte Mme. de Sévigné in der italienischen Sprache unterrichtet. Er galt als ein großer Gelehrter, Philolog und Schöngeist. Der Brief bezieht sich auf einen literarischen Scherz, den sich Ménage erlaubte. Einer seiner Bekannten, M. de Rainey, hatte ein Madrigal verfaßt, das in seinem Kreis sehr gefiel. Ihn zu ärgern brachte Ménage ein ähnliches Gedicht des Italieners Guarini vor, ja er übersetzte Raineys Madrigal ins Italienische und behauptete, diese Verse in Tassos Rime diverse gefunden zu haben. Rainey war bestürzt und beschwor seine Unschuld; Ménage aber forderte die Bekannten zum Urteil auf, welches der drei Gedichte am schönsten sei. Alle ließen sich von dem Namen bestechen und erklärten sich für Tasso, d. h. für Ménage, obgleich dessen Übersetzung sehr schwerfällig war. Ménage schickte die drei Gedichte auch an Mme. de Sévigné zur Beurteilung, und der mitgeteilte Brief enthält ihre Antwort. Man sieht, daß sie trotz ihrer vorgeblichen Schwäche im Italienischen allein richtig urteilte und den Mut hatte, ihre Meinung zu sagen.

Les RochersGut der Mme. de Sévigné in der Bretagne., 12. September 1656

Besten Dank für Ihre freundliche und pünktliche Antwort. Für einen so trägen Mann, wie Sie, will das etwas heißen. Doch was soll ich Ihnen auf Ihre Frage über die drei Madrigale antworten? Sie wissen ja, daß ich eine schlechte Schülerin bin und über die Schönheit italienischer Verse nicht urteilen kann. Ich kann also nur über die Gedanken in den beiden Stücken reden, und gestehe, daß mir das Gedicht Guarinis, obwohl es dem von Tasso sehr ähnlich ist, doch besser gefällt, ohne daß ich eigentlich sagen könnte, warum. Das Raineysche Gedicht, das ich eher beurteilen kann, finde ich bewundernswert und glaube nicht, daß man über solchen Gegenstand ein schöneres machen kann. Als ich es zum zweitenmal las, wußte ich es auswendig; ein Beweis, wie sehr es meine Gedanken 8 beschäftigt hatte. Die kleine Canzonetta aber finde ich allerliebst. Ich bemühe mich, sie einer der Melodien anzupassen, die ich kenne, aber da ich damit nicht recht zustandekomme, versuche ich es vielleicht, selbst eine Melodie dazu zu komponieren, so große Lust habe ich, sie zu singen.

Ich habe den 11. Brief der Jansenisten mit großem Vergnügen gelesenDer elfte Brief von Pascals »Lettres à un provincial« war im August 1656 veröffentlicht worden. Er wandte sich mit Entschiedenheit gegen die Jesuiten. Ménage hatte ihr ein Exemplar dieses im geheimen gedruckten und verbreiteten Briefs gesandt.. Er scheint mir sehr gut. Schreiben Sie mir, ob Sie derselben Ansicht sind. Ich danke Ihnen herzlich für die Mühe, die Sie sich gemacht haben, ihn und soviel andres, was hübsch ist, zu schicken. Das gewährt überall Unterhaltung, zumeist aber auf dem Land. Erinnern Sie sich also, daß Sie mir eine Wohltat erweisen, so oft Sie solches tun und daß Sie mich, der ich Sie mehr schätze und verehre als Sie denken, damit sehr verbinden.

M. de Rabutin.

 

2

An die Prinzessin MontpensierAnne Marie Louise de Montpensier war die Tochter des Herzogs Gaston von Orleans, somit die Base Ludwigs XIV. Trotzdem hatte sie zu den eifrigsten Führerinnen der Aufständischen im Kriege der Fronde gehört und war nach Unterdrückung der Unruhen eine Zeitlang vom Hof verbannt. Mme. de Sévigné war ihre Freundin und hatte auch während der Zeit der Ungnade den Mut, ihre Anhänglichkeit zu zeigen. Erst 1660 wurde die Prinzessin, die den Titel »Mademoiselle« führte, von König Ludwig wieder zu Gnaden aufgenommen. Sie residierte im Luxembourgpalast, versammelte dort eine ausgesuchte Gesellschaft um sich, und obwohl selbst ohne große Bildung, schätzte sie doch die geistige Arbeit. Sie schrieb interessante Memoiren.

Les Rochers, 30. Oktober 1656

O reizende Prinzessin,
Wer könnte deine Güte,
Des Geistes reiche Blüte
Je bannen aus dem Sinn?
Wen sollte es nicht zu dir ziehn,
Um huldigend vor dir zu knien? 9

Mademoiselle, Eure königliche Hoheit war mit Recht überzeugt, daß ich gern in Chilly, Saint-Cloud und überall gewesen wäre, wo man Sie auf Ihrer Reise nach ForgesBadeort in der Normandie. erwartete. Mein Eifer wäre gewiß groß gewesen, vollkommen aber meine Freude, wenn ich das Glück gehabt hätte, mich zur rechten Zeit dort einzufinden.

Denn ihr, erhabne Göttinnen,
Ihr steiget zu uns Hirtinnen
Herab auf ferne Heiden,
In Wälder und einsames Tal,
Vertrauter mit uns da zu schreiten,
Befreit von der Städte Qual.

Ohne Zweifel hätten Sie mir Ihre Ansichten über die nordische Königin, die Ihnen so gefällt, mitgeteilt, und mich damit geehrt. Ich habe fünfundzwanzig oder dreißig Briefe erhalten, die mir fünfundzwanzig- oder dreißigmal dasselbe sagten: den schönen Empfang, den man ihr bereitete und den sie andern bereiteteDie Königin Christine von Schweden kam 1656 nach Paris, nachdem sie zwei Jahre zuvor der Krone entsagt hatte..

Ich schreibe Ihnen, Mademoiselle, keine Nachrichten aus unsrem Land, die Sie als eine Wiederholung belästigen könnten, denn ich bin sicher, daß nur ich Ihnen die Erzählung von der Kavalkade geben kann, die einige Damen aus Nantes im Amazonenkleid unternommen haben. Sie waren in diesem Aufzug von den Sables d'Olonne aufgebrochen, um der Frau Marschall de la Meilleraye einen Besuch zu machen, fanden sie aber nicht. Ihre Mühe war jedoch nicht ganz verloren, denn sie wurden mit vielen Karnevalszurufen begrüßt, worauf sie sehr zufrieden nach Hause kamen.

Ebenso bin ich überzeugt, daß Sie niemals von der Ente von Montfort haben reden hören, die alle Jahre am Tag des heiligen Nikolaus mit ihren Entchen aus einem Teich kommt und quakend durch die Menge des Volks bis zur Kirche geht, wo sie ihre Jungen als Opfergabe läßt.

Diese Dame war einst eine Ente,
Die die Prozessionen unnütz wähnte, 10
Selbst Sankt Niklas nie ein Kerzchen weihte.
Und die Kinder, die ihr nachgeschlagen,
Taten nach dem Heil'gen auch nichts fragen,
Also daß man Strafe prophezeite.
Eines Tags sah man in Enten sie verwandelt,
Zum Exempel jedem, der so gottlos handelt.

Ich muß Ihnen sagen, Mademoiselle, daß das keine »Geschichte der Mutter Gans« ist.

Das ist von der Ente von Montfort ein Lied,
Die jener Gans sehr ähnlich siehtDie Geschichten der Mutter Gans, »contes de ma mère l'oie«, waren alte Volksmärchen, die später von Perrault gesammelt und neu erzählt wurden..

Sie sehen, ich habe Wort gehalten; solche Neuigkeiten haben ihresgleichen nicht. Doch um ernsthaft zu reden: nehmen Sie nicht übel, daß ich Ihre Rückkehr nach Paris ersehne, und daß ich mit der Versicherung meiner Ergebung schließe als

Ihre gehorsamste Dienerin

Marie de Rabutin-Chantal.

 

3

An den Marquis de Pomponne

Montag, den 1. Dezember 1664

Ich muß Ihnen ein Geschichtchen erzählen, das ganz wahr ist und das Sie amüsieren wird. Seit kurzem befaßt sich der König mit Versemachen. Die Herren de Saint-Aignan und Dangeau lehren ihn, wie man das anfängt. Kürzlich machte er ein kleines Madrigal, das er selbst nicht sonderlich hübsch fand. Eines Morgens sagte er zum Marschall de Grammont: »Herr Marschall, lesen Sie gefälligst einmal dieses kleine Madrigal, und sagen Sie mir, ob Sie je so was Dummes gelesen haben. Seitdem man weiß, daß ich seit kurzem die Verse liebe, bringt man mir deren von allen Seiten.« Nachdem der Marschall das Gedicht gelesen, sagte er zum König: »Sire! Eure Majestät urteilt ganz göttlich zutreffend über alles: das ist in der Tat das dümmste und lächerlichste Madrigal, das ich je gelesen.« Der König fing an zu lachen und sagte: »Ist es nicht wahr, daß nur ein fader Geck diese Verse gemacht 11 hat?« – »Sire, man kann ihn nicht anders nennen.« – »Nun gut,« versetzte der König, »ich bin entzückt, daß Sie so offen darüber urteilen; ich habe das Gedicht nämlich selbst gemacht.« – »Ach, Sire, welch ein Verrat! Eure Majestät gebe mir es wieder. Ich habe es nur flüchtig gelesen.« – »Nein, Herr Marschall, die ersten Eindrücke sind immer die natürlichsten.« Der König lachte sehr über den Hereinfall, und alle Welt meint, das sei das Grausamste, was einem alten Höfling passieren könnte. Ich wünschte nur, der König möchte Betrachtungen darüber anstellen und daraus ersehen, wie weit entfernt er davon ist, die Wahrheit zu erfahren.

 

4

An M. de CoulangesCoulanges war ein Vetter der Marquise. Der Brief bezieht sich auf einen Vorfall, der bei Hof ungeheures Aufsehen machte. »Mademoiselle« war die reichste Erbin des Landes. Obwohl einige Jahre älter als der König, hatte sie doch eine Zeitlang gehofft, zu seiner Gemahlin erhoben zu werden. Die Hand des Prinzen Karl Stuart (später König Karl II.) schlug sie aus, weil sie nicht an seine Rückkehr nach England glaubte. Im Jahr 1670 erbat sie plötzlich die Erlaubnis des Königs, sich mit dem durch seine galanten Abenteuer bekannten Grafen de Lauzun zu verheiraten. Eine königliche Prinzessin und ein einfacher Graf! Das hielt man damals fast für unmöglich. Ludwig XIV. gab dennoch seine Einwilligung, zog sie aber nach wenig Tagen wieder zurück, wie man sagt, auf die energischsten Vorstellungen Condés, der in Lauzun einen Rivalen um die Krone gefürchtet hätte. in Lyon

Paris, Montag, 15. Dezember 1670

Heute melde ich Ihnen das erstaunlichste, überraschendste, wunderbarste, triumphierendste, betäubendste, unerhörteste, sonderbarste, außerordentlichste, unglaublichste, unvorhergesehenste, größte, kleinste, seltenste, gewöhnlichste, schlagendste, bis heute geheimste, glänzendste, beneidenswerteste Ereignis, kurz ein Ereignis, für das man in den vergangenen Jahrhunderten nur ein Beispiel findet, und zwar ein Beispiel, das nicht einmal paßt; ein Ereignis, das man nicht in Paris, geschweige denn in Lyon glauben kann; ein Ereignis, das jedermann einen Ausruf des Schreckens entlockt; ein Ereignis, das 12 Madame de Rohan und Madame d'Hauterive mit Freude erfüllt; mit einem Wort, ein Ereignis, das sich nächsten Sonntag begeben soll und Montag vielleicht noch nicht vollzogen ist. Ich kann es nicht übers Herz bringen, es Ihnen zu sagen; raten Sie! Ich gestatte Ihnen drei Antworten. Geben Sie auf, es zu finden? Also muß ich es doch sagen? Herr de Lauzun heiratet nächsten Sonntag im Louvre – raten Sie wen? Sie dürfen viermal, zehnmal, hundertmal raten. Ich höre Madame de Coulanges sagen: das ist nicht schwer zu erraten: es ist Madame de la Vallière. – Keineswegs, Madame! – So ist es Mademoiselle de Retz? – Keineswegs; Sie sind doch recht kleinstädtisch. – Wahrhaftig, wir sind doch recht dumm, sagen Sie, es ist Mademoiselle Colbert. – Noch weniger. – So ist es gewiß Mademoiselle de Créqui. – Sie treffen es nicht, und ich muß es doch schließlich sagen: Er heiratet den Sonntag im Louvre, mit der Erlaubnis des Königs, Mademoiselle – Mademoiselle de – Mademoiselle – erraten Sie den Namen! er heiratet Mademoiselle – aufs Wort! auf mein Wort! auf mein Ehrenwort! Mademoiselle, la grande Mademoiselle; Mademoiselle, die Tochter weiland Monsieurs – Mademoiselle, die Enkelin Heinrichs IV, Mademoiselle d'Eu, Mademoiselle de Dombes, Mademoiselle de Montpensier, Mademoiselle d'Orléans, Mademoiselle, die Cousine des Königs, die für den Thron bestimmte Mademoiselle, die einzige Partie in Frankreich, die Monsieurs würdig wäreDer älteste Bruder des französischen Königs führte den Titel »Monsieur«, sowie seine Gemahlin einfach »Madame« war. In der Idee der Briefschreiberin hätte also Mademoiselle, die Tochter des verstorbenen Monsieur, ihren Vetter Philipp von Orleans, den Bruder Ludwigs XIV., heiraten sollen.. Das ist ein schöner Stoff für die Unterhaltung. Wenn Sie aufschreien, außer sich geraten, wenn Sie behaupten, daß wir gelogen haben, daß das alles nicht wahr ist, daß man sich über Sie lustig macht, daß es ein schlechter Scherz, eine fade Erfindung ist – kurz, wenn Sie uns grob werden, so finden wir, daß Sie recht haben, denn wir haben es ebenso gemacht. Die Briefe, die Ihnen mit dieser Post zukommen, werden Ihnen sagen, ob wir die Wahrheit berichten oder nicht. Adieu! 13

 

5

An M. de Coulanges

Paris, 19. Dezember 1670

Was sich gestern in den Tuilerien zutrug, das heißt man aus den Wolken fallen, aber ich muß weiter ausholen. Sie sind noch bei der Freude, dem Jubel und dem Entzücken der Prinzessin und ihres glücklichen Liebhabers. Wie Sie also wissen, wurde Montag die Sache bekannt gemacht. Der Dienstag verging unter Plaudern, Erstaunen und Glückwünschen. Am Mittwoch machte Mademoiselle Monsieur de Lauzun eine Schenkung, mit der Absicht, ihm die nötigen Titel, Namen und Würden zu verleihen, damit sie in dem Heiratsvertrag aufgezählt werden könnten, der am selben Tag geschrieben wurde. Sie gab ihm einstweilen, in der Hoffnung auf besseres, vier Herzogtümer: erstens die Grafschaft d'Eu, welche die erste Pairie von Frankreich bildet und den ersten Rang verleiht; das Herzogtum Montpensier, dessen Namen er gestern den ganzen Tag führte; das Herzogtum Saint-Fargeau, das Herzogtum Châtellerault, alles zusammen auf zweiundzwanzig Millionen geschätzt. Dann wurde der Vertrag aufgesetzt, bei dem er den Namen Montpensier annahm. Mademoiselle hoffte, der König werde Donnerstag früh, also gestern, unterzeichnen, wie er es versprochen hatte. Aber gegen 7 Uhr abends, nachdem Seine Majestät von der Königin, von Monsieur und mehreren Graubärten überzeugt worden war, daß diese Heirat seinem Ansehen schaden werde, entschloß er sich, sie rückgängig zu machen. Er ließ Mademoiselle und Monsieur de Lauzun rufen und erklärte ihnen vor dem Prinzen, daß er ihnen völlig verbiete, an diese Heirat zu denken. Monsieur de Lauzun nahm den Befehl mit aller Ehrerbietung, Unterwerfung. Festigkeit und aller Verzweiflung auf, die ein so tiefer Sturz verdiente. Mademoiselle vergoß ihrem Charakter gemäß Tränen, jammerte, schrie und klagte heftig und überließ sich dem leidenschaftlichsten Kummer. Sie blieb den ganzen Tag zu Bett und nahm nichts zu sich als etwas Fleischbrühe. Es ist ein schöner Traum, aber auch ein schöner Stoff für einen Roman oder eine Tragödie, und ganz besonders ein schöner Stoff, um unaufhörlich darüber 14 zu sprechen und zu diskutieren. Das tun wir denn auch Tag und Nacht, spät und früh, unaufhörlich, ohn Ende. Wir hoffen, Sie machen es ebenso. Ich küsse Ihnen die Hände.

 

6

An M. de Coulanges

Paris, 24. Dezember 1670

Nun kennen Sie die romantische Geschichte von Mademoiselle und Monsieur de Lauzun. Es ist ein Stoff für eine echte Tragödie, nach allen Regeln des Theaters. Wir haben ihn neulich in Akte und Szenen eingeteilt; wir nahmen vier Tage, anstatt vierundzwanzig Stunden, und da gab es ein vollständiges Stück. Niemals hat in so kurzer Zeit ein solcher Wechsel stattgefunden; noch nie war eine solch allgemeine Aufregung, nie haben Sie eine so außerordentliche Nachricht gehört. Monsieur de Lauzun hat seine Rolle vortrefflich gespielt. Er trug das Unglück mit Festigkeit und Mut, und trotz seines Schmerzes zeigte er die tiefste Ehrfurcht, so daß ihn jedermann bewunderte. Was er verlor, ist unschätzbar, aber des Königs Gunst, die er sich bewahrt hat, ist auch unschätzbar, und seine Aussichten scheinen nicht verzweifelt. Mademoiselle hat sich ebenfalls sehr gut benommen; sie hat sehr viel geweint. Heute hat sie wieder angefangen im Louvre ihre Aufwartung zu machen, sie hatte von dort schon alle Gratulationsbesuche empfangen. Das wäre zu Ende. Adieu.

 

7

An M. de Coulanges

Paris, Mittwoch, den 31. Dezember 1670

Ich habe Ihre Antwort auf meine Briefe erhalten. Ich begreife Ihr Erstaunen über alles, was sich vom 15. bis zum 20. dieses Monats zugetragen hat; die Veranlassung war es wohl wert. Ich bewundre auch Ihren Verstand, Ihr richtiges Urteil, als Sie dachten, die große Geschichte könne nicht vom Montag bis zum Sonntag dauern. Die Bescheidenheit verbietet mir, Sie darüber allzusehr zu loben, 15 denn ich habe ganz dasselbe wie Sie gedacht und gesagt. Montag sagte ich zu meiner Tochter: »Es wird nicht bis zum Sonntag währen«, und ich bot eine Wette an, daß die Hochzeit nicht stattfinden würde, obgleich jeder nur an sie dachte. Richtig, Donnerstag bewölkte sich der Himmel, und um zehn Uhr abends entlud sich das Wetter, wie ich Ihnen schon mitgeteilt habe. An demselben Donnerstag ging ich um neun Uhr früh zu Mademoiselle, da ich gehört hatte, sie werde Paris verlassen, sich auf dem Land trauen lassen, und der Koadjutor von Reims werde die Trauung vollziehen. Mittwoch abend war der Beschluß gefaßt worden, denn die Trauung im Louvre vorzunehmen, war gleich am Dienstag aufgegeben worden. Mademoiselle schrieb gerade; sie ließ mich eintreten, vollendete ihren Brief, und dann mußte ich neben ihrem Bett niederknien. Sie erzählte mir, an wen sie schrieb und warum und von den schönen Geschenken, die sie am Tag vorher gemacht, und von dem Namen, den sie verliehen hatte, und daß es keine Partie für sie in Europa gebe und daß sie sich verheiraten wolle. Sie erzählte mir Wort für Wort eine Unterredung, die sie mit dem König gehabt hat; sie schien mir von dem Gedanken, daß sie einen Mann beglücke, selbst ganz hingerissen. Sie sprach voll Zärtlichkeit von den Verdiensten und der Dankbarkeit Monsieur de Lauzuns. Auf all das antwortete ich ihr: »Mein Gott, Mademoiselle, wie glücklich sind Sie! aber warum haben Sie nicht am Montag gleich die Sache zu Ende gebracht? Denken Sie auch daran, daß eine so lange Verzögerung dem ganzen Königreich Zeit läßt zu schwätzen, und daß es Gott und den König versuchen heißt, eine so außerordentliche Sache so lange hinauszuschieben?« Sie sagte mir, ich hätte recht, aber sie war so voll Vertrauen, daß meine Worte nur geringen Eindruck auf sie machten. Sie kam auf die Familie und die guten Eigenschaften Monsieur de Lauzuns zu reden. Ich sagte ihr die Verse Sévères aus »Polyeucte«:

Doch kann man ihre Wahl mit nichten tadeln,
Das Blut der Kön'ge fließt in ihren Adern.

Sie umarmte mich innig. Unsre Unterhaltung dauerte eine Stunde; es ist unmöglich, sie ganz wiederzugeben, aber ich war ihr während der ganzen Zeit sicherlich sehr 16 angenehm gewesen, ich darf es ohne Eitelkeit sagen, denn sie war glücklich, mit jemand sprechen zu können, ihr Herz war zu voll. Um zehn Uhr widmete sie sich dem übrigen Frankreich, das seine Glückwünsche darbringen kam. Sie wartete den ganzen Vormittag auf Nachrichten, und bekam keine. Nachmittags unterhielt sie sich damit, selbst die Wohnung Monsieur de Montpensiers herrichten zu lassen. Was sich dann am Abend zutrug, wissen Sie. Am folgenden Tag, einem Freitag, ging ich zu ihr und fand sie im Bett. Sie weinte nur lauter bei meinem Anblick, rief mich, küßte mich und benetzte mich mit ihren Tränen. Dann sagte sie: »Ach, erinnern Sie sich an das, was Sie mir gestern sagten? Oh, welch grausame Klugheit! Ja, die Klugheit!« Sie weinte so heftig. daß ich auch weinen mußte. Ich bin noch zweimal seitdem bei ihr gewesen; sie ist sehr bekümmert und hat mich immer wie jemand behandelt, der ihren Schmerz mitfühlt und sie hat sich nicht getäuscht. Ich habe bei der Gelegenheit Gefühle entdeckt, die man sonst nicht für Personen solchen Rangs empfindet. Doch das unter uns zweien und Madame de Coulanges, denn sie verstehen, daß diese Plauderei für andre geradezu lächerlich wäre. Adieu.

 

8

An Mme. de GrignanMme. de Grignan hatte in einem vorhergehenden Brief, offenbar in einem Anfall von tigrerie, die sie selbst bei sich feststellte, ein verächtliches Wort über die Huldigungen gesagt, die man ihr von allen Seiten darbrachte, und Mme. de Sévigné, die ihre Tochter als »Regentin der Provence« gern populär gesehen hätte, sucht sie in diesem Brief freundlicher zu stimmen. Im Original redet die Mutter ihre Tochter immer mit vous an. Wir glaubten den Ton richtiger zu treffen, wenn wir das Wort mit Du wiedergeben.

27. Februar 1671

Es ist wahr, die Schönheit, in der Du aufgewachsen bist, ist eine Würde, aber auch eine Bürde. Wenn Du nicht schön wärst, könntest Du Dich ausruhen; da gilt's zu wählen. Aber ich fürchte deine Trägheit, laß Dich von ihr nicht zu sehr beeinflussen: es gibt nichts Liebenswerteres als Schönheit; sie ist ein Geschenk Gottes, das man 17 bewahren muß. Du weißt, wie lieb mir Deine Schönheit ist; meine Eigenliebe kommt dabei ins Spiel, und es ist Egoismus, wenn ich sie Dir empfehle. Ich hoffe, man wird mich in der Provence für sehr geschickt halten, daß ich ein so hübsches, sanftes und regelmäßiges Gesicht zustandegebracht habe. Du bist ärgerlich, daß Deine Nase nicht schief ist, und ich, die ich Ordnung liebe, bin darüber entzückt.

 

9

An Mme. de Grignan

Mittwoch, den 4. März 1671Die Hochzeit des Grafen Grignan mit Mlle. de Sévigné war am 29. Januar gefeiert worden. Im November desselben Jahres wurde der Graf zum General-Statthalter der Provence ernannt, und verließ Paris im Frühjahr des folgenden Jahres. Seine Gemahlin, die ihrer Entbindung entgegensah, blieb bei ihrer Mutter in Livry bis zum Februar 1671. Der Abschied war herzzerreißend. Wir geben den einen ihrer Briefe, der sich auf die Reise der Gräfin bezieht, weil man in ihm ein lebendiges Bild der Beschwerden und Gefahren einer Reise im 17. Jahrhundert findet. Spätere Briefe werden den vorliegenden gewissermaßen ergänzen.

O, meine Tochter! welch eine Schilderung der Lage, in der Du Dich befunden! Wie schlecht hätte ich mein Wort gehalten, wenn ich Dir versprochen hätte, mich von einer so großen Gefahr nicht erschrecken zu lassen! Ich weiß ja, daß sie jetzt vorüber ist; aber wenn ich mir vorstelle, wie nahe Du dem Tod gewesen bist, so zittere ich vor Entsetzen. Und Monsieur de Grignan gestattet, daß Du Dich während eines Gewitters einschiffst! und wenn Du tollkühn bist, findet er einen Gefallen daran, es noch mehr zu sein! Anstatt zu warten bis das Gewitter vorüber ist, setzt er Dich ihm aus! Bei Gott! wieviel besser wäre da Vorsicht am Platz gewesen! Er hätte Dir sagen sollen, daß, wenn Du auch keine Angst hast, er doch Angst habe; und er hätte bei solchem Wetter keine Fahrt über die Rhone gestatten sollen. Ich habe Mühe, seine Liebe bei dieser Gelegenheit zu verstehen. Diese Rhone, die jedermann mit Furcht erfüllt, diese Brücke bei Avignon! selbst wenn man alle Vorsichtsmaßregeln getroffen hat, tut man unrecht, darunter herzufahren! Ein 18 Wirbelwind treibt Dich heftig an einen Pfeiler, durch welches Wunder seid Ihr nicht in einem Augenblick zerschmettert worden und ertrunken? Ich kann den Gedanken nicht ertragen, er macht mich schaudern; ich bin darüber vor Schrecken aus dem Schlaf aufgefahren. Findest du immer noch, daß die Rhone nichts ist als Wasser? Sprich aufrichtig, erschreckte Dich der nahe, unvermeidliche Tod nicht? Ich könnte mich eher etwas trösten, wenn der Vorfall Dich für die Zukunft etwas weniger waghalsig stimmte, und wenn ein solches Abenteuer Dir die Gefahren in ihrer Wirklichkeit zeigte. Ich bitte Dich, sage mir aufrichtig, was Dir davon geblieben ist: ich denke, Du hast doch zum wenigsten Gott für Deine Rettung gedankt. Ich meinesteils bin überzeugt, daß die Messen, die ich jeden Tag für Dich habe lesen lassen, dieses Wunder bewirkt haben, und ich bin Gott dankbarer dafür, daß er Dich diesmal gerettet hat, als dafür, daß er mich hat auf die Welt kommen lassenDie Gräfin war skeptisch gesinnt. Mme. de Sévigné war zwar keineswegs bigott, beobachtete aber gewissenhaft die Vorschriften und Gebräuche der Kirche. Von Zeit zu Zeit machte sie einen kleinen Versuch, ihre Tochter umzustimmen. . . . Hast Du mich nicht lieb dafür, daß ich Dich habe Italienisch lernen lassen? Wie gute Dienste tat es Dir bei dem VizelegatenAvignon stand damals unter päpstlicher Herrschaft und wurde von einem Vizelegaten verwaltet.. Was Du von der Begegnung mit ihm erzählst, ist vortrefflich; aber der Rest des Briefes war gar nicht nach meinem Geschmack! Ich will Dir eine Wiederholung meiner Klagen über die Avignoner Brücke ersparen, aber ich werde sie mein Lebtag nicht vergessenIn einem Brief vom 13. März berichtet Mme. de Sévigné einen pikanten Ausspruch La Rochefoucaulds, des geistvollen Verfassers der »Maximes«: »M. de La Rochefoucauld sagte, Du hättest Dich nur mutig gezeigt in der Hoffnung, daß Dich eine mitleidige Person doch zurückhalten würde.«.

 

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