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Ausgewählte Briefe

Marie de Sévigné: Ausgewählte Briefe - Kapitel 19
Quellenangabe
typeletter
booktitleAusgewählte Briefe
authorMarquise de Sévigné
translatorFerdinand Lotheißen
year1925
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleAusgewählte Briefe
pages237
created20170608
sendergerd.bouillon@t-online.de
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170

An Mme. de Grignan

Les Rochers, 14. Dezember 1689

Ich bewundere die Heiterkeit Deines Stils inmitten so vieler dornigen, ermüdenden, erdrückenden Angelegenheiten. Man muß Dich wirklich bewundern, mein Kind, nicht aber mich. Ich bin allein wie ein Veilchen, das leicht zu verbergen ist; ich nehme auf Erden keinen Platz und keinen Rang ein, als nur in Deinem Herzen, das ich mehr als alles andere schätze, und im Herzen meiner Freunde. Was ich tue, ist das Leichteste der Welt. Aber Ihr in dem Range, den Ihr einnehmt, in der glänzendsten und lebhaftesten Provinz Frankreichs, sollt die Sparsamkeit mit dem Glanz eines Gouverneurs vereinigen, das ist nicht denkbar, und ich kann mir nicht vorstellen, daß das lange dauern soll, besonders da Euer Sohn täglich mehr kostet. Diese Gedanken stören oft meine Ruhe, und ich fürchte, da Ihr näher bei dem Abgrund seid, werdet Ihr Euch diesen traurigen Betrachtungen noch mehr hingeben. Das kümmert mich, meine teure Gräfin, nicht aber die Einsamkeit, die mich nicht traurig stimmt.

 

171

An Mme. de Grignan

Les Rochers, 18. Dezember 1689

Was sagst Du zu dem Beispiel, das der König gibt? Er läßt seine schönen Silbersachen einschmelzenEine Verordnung des Königs erinnerte an frühere Vorschriften und verbot den Luxus in Gold- und Silberwaren, weil dadurch das Geld selten würde und der Handel Not litte.. Unsre Herzogin du Lude ist in Verzweiflung; sie hat ihre Sachen 229 auch hingeschickt, und Mme. de Chaulnes ihren Tisch und ihre Gueridons, Mme. de Lavardin ihr silbernes Tafelgeschirr, das aus Rom kommt, denn sie ist der Überzeugung, daß ihr Mann nicht wieder dorthin zurückkehrt. Sieh, ob Du in der Angelegenheit etwas tun mußt. Ich schicke Dir du Plessis' Brief. Der arme Mann dauert mich, es ist eine gefährliche Krankheit, dem Heiraten ergeben zu sein, ich möchte lieber eine Trinkerin werden.

Mein Sohn und seine Frau sind zurückgekommen; sie scheinen so zufrieden, mich hier wiederzufinden, daß ich sie jetzt wegen der Trennung bedaure. Meine Schwiegertochter hat Kopfschmerzen; sie ist auf ihrer kleinen Reise umgeworfen worden und hat sich dabei angestoßen. Zwei ihrer schönen Stuten, die man ausgespannt hatte, sind durchgegangen, und man weiß noch nicht, wo sie sind.

 

172

An M. de Coulanges

Grignan, 26. Juli 1691

M. de Louvois ist also tot, der große Minister, der angesehene Mann, der eine hohe Stellung einnahm; dessen Ich, wie Nicole sagt, so ausgebreitet war und der den Mittelpunkt so vieler Dinge bildete! Wie viele Geschäfte, wie viele Absichten, wie viele Pläne und Geheimnisse, wie viele Interessen zu entwirren, wie viel angefangene Kriege, wie viele Intrigen, wie viel schöne Schachzüge zu tun und zu führen! »Ach! mein Gott, laß mir noch ein bißchen Zeit, ich möchte gern dem Herzog von Savoyen Schach bieten und den Prinzen von Oranien matt machen.« – »Nein, nein, Dir wird kein einziger Augenblick mehr gegönnt.« Was soll man von dem erschreckenden Vorfall denken? Man muß seine Betrachtungen darüber im stillen Kämmerlein anstellen. Das ist der zweite Minister, der stirbt, seit Sie in Rom sindDer erste war de Seignelai, der ein Jahr vorher starb.. Wie verschieden war ihr Tod; aber ihr Glück und ihr Eifer 230 waren sich gleich, ebenso die hundert Millionen Ketten, mit denen sie beide an die Erde gefesselt waren.

Das Große, das Sie in Rom sehen, sollte Sie zu Gott führen, und statt dessen finden Sie sich durch die Dinge, die dort und im Konklave vorgehen, in Ihrem Glauben beunruhigt. Armer Vetter, Sie täuschen sich. Ich habe einen sehr geistvollen Mann über das, was er in der großen Stadt sah, ganz andre Schlüsse ziehen hören; er meinte, die christliche Religion müsse durchaus heilig und wunderbar sein, da sie inmitten so großer Unordnung und Entweihung durch sich selbst bestehen könne. Machen Sie es, wie dieser Mann; ziehen Sie dieselben Schlüsse und denken Sie, daß dieselbe Stadt früher im Blut unzähliger Märtyrer gebadet wurde, daß in den ersten Jahrhunderten alle Intrigen des Konklave damit endeten, daß man den unter den Priestern wählte, von dem man glaubte, er habe den meisten Eifer und die meiste Kraft, das Martyrium auszuhalten. Denken Sie, daß es siebenunddreißig Päpste gab, die einer nach dem andern den Märtyrertod erduldeten, und daß sie den Posten weder mieden noch zurückwiesen, wenn auch der Tod damit verbunden war, und welcher Tod! Lesen Sie nur die Geschichte. Und man meint eine Religion, die durch ein fortwährendes Wunder besteht, sei nur eine Einbildung der Menschen! Die Menschen denken nicht so, lesen Sie des hl. Augustinus »Wahrheit der Religion«, lesen Sie Abbadie, der von dem großen Heiligen sehr verschieden, aber durchaus wert ist, mit ihm verglichen zu werden, wenn er von der christlichen Religion spricht. Erwägen Sie alles das, und urteilen Sie nicht so leichtfertig. Glauben Sie, daß es doch stets der heilige Geist ist, der den Papst erwählt, was für Intrigen auch auf dem Konklave gesponnen werden. Gott ist allmächtig, er ist der Herr über alles, und daran sollten wir denken, wie ich an guter Stelle gelesen habe: Welches Übel kann einem Menschen zustoßen, der weiß, daß Gott alles tut, und dem alles, was Gott tut, recht ist? Darüber denken Sie nach, mein lieber Vetter. Leben Sie wohl. 231

 

173

An die Gräfin Gnitaut

Paris, 3. Juni 1693

Ich habe Ihr Schweigen geachtet, verehrte Frau, und wollte Ihren Kopf schonen, zufrieden, wenn ich nur durch andre von Ihnen hörte. Ich empfinde es dankbar, daß Sie bei der traurigen Veranlassung Ihr Schweigen brechenMme. de La Fayette war in den letzten Tagen des Mai gestorben.. Sie kannten Mme. de La Fayettes Vorzüge, sowohl aus eigener Erfahrung als durch mich und Ihre Freunde. Und Sie dürfen glauben, sie war es wert, Ihre Freundin zu sein. Ich schätzte mich glücklich, schon geraume Zeit von ihr geliebt zu werden, und niemals lag ein Schatten auf unsrer Freundschaft. Die lange Gewohnheit hatte mich nicht gegen ihre Vorzüge gleichgültig gemacht, und meine Zuneigung war immer gleich lebhaft und warm. Mein Herz drängte mich stets aufmerksam gegen sie zu sein, die Pflichten der Höflichkeit hatten keinen Teil daran. Ich wußte auch, daß ich ihr größter Trost war. So lebten wir seit vierzig Jahren; das ist ein langer Zeitraum, beweist aber auch unsre wahre Freundschaft. Ihre Kränklichkeit war seit zwei Jahren aufs Äußerste gestiegen. Ich verteidigte sie stets, denn man sagte, sie wäre verrückt, weil sie nicht mehr ausgehen wollte. Sie war tief traurig, – wieder eine Narrheit! Ist sie denn nicht die glücklichste Frau der Welt? Das gab sie auch zu. Aber ich sagte zu den Leuten, die so vorschnell in ihrem Urteil waren: Mme. de La Fayette ist nicht verrückt, und dabei blieb ich. Ach, verehrte Gräfin, die arme Frau ist gegenwärtig nur zu sehr gerechtfertigt. Sie mußte erst sterben, um zu zeigen, wie sehr sie im Recht war, nicht auszugehen und traurig zu sein. Sie hatte die eine Niere vollständig zerstört und einen Stein darin, die andre ganz vereitert; in solchem Zustand geht man wohl nicht aus. Sie hatte zwei Polypen im Herzen und die Herzspitze zerstört; war das nicht genug, um all die verzweifelten Zustände zu haben, über die sie klagte? Ihre Eingeweide waren hart und aufgeblasen, und sie beschwerte sich immer über Kolik. Das war der 232 Zustand der armen Frau, die sagte: »Man wird eines Tages finden . . .« – alles was man gefunden hat. Sie hat also sowohl während ihres Lebens wie nach ihrem Tod recht gehabt, und sie war niemals der göttlichen Vernunft beraubt, die ihre vornehmste Eigenschaft bildete. Ihr Tod war durch einen fremden Körper in ihrem Herzen verursacht, der den Blutumlauf hemmte und zugleich alle Nerven lähmte, so daß sie während der viertägigen Krankheit ganz ohne Besinnung war. Ich konnte nicht umhin, Ihnen das alles zu sagen; Sie verzeihen es wohl der Freundschaft, die ich für Sie hege, und die mich drängte, Ihnen mein Herz über etwas auszuschütten, was mich so tief berührt. Wären Sie hier gewesen, hätten Sie noch viel mehr von mir hören müssen. Und nun muß ich meine Gedanken in andre Bahnen lenken, um Ihren Brief zu beantworten.

Ich bedaure Sie aufrichtig, daß Sie Ihre Geschäfte in so schlechtem Zustand gefunden haben; es überrascht mich, ich hätte es nicht gedacht. Nun verstehe ich, daß Ihr Kopf so angegriffen ist, da Sie ihn bei der Entwirrung all der Verwicklungen so sehr anstrengen mußten.

 

174

An die Gräfin Guitaut

Paris, 2. Februar 1694

Ich erhalte eine Zuschrift vom hohen Tribunal des Herrn TriboletTribolet war Pfarrer in Epoisse, wo Graf Guitaut ein Schloß und großen Besitz hatte., in der mir als Steuer auferlegt wird, den Armen meiner Dörfer monatlich zwanzig Scheffel Getreide zu schenken. Er sagt nicht bis zur Ernte, aber ich vermute es, denn es wäre eine schlimme Sache und würde mich sozusagen unter die Zahl derer, die ich beschenke, bringen, wenn es andauerte. Er versichert, daß, wenn ich an Ihr Tribunal appelliere, ich nicht mit weniger loskomme. Das hindert mich aber nicht es zu tun, und mich Ihrem Urteil vollständig zu unterwerfen. Prüfen Sie also, werte Frau, ob jemand, dem seine Güter nicht viel einbringen, der nicht ohne Schulden ist, und Mühe hat auszukommen, blindlings unsrem Herrn Pfarrer gehorchen muß. Ich erwarte mit 233 Bestimmtheit zweitausend Franken, die mir mein Pächter nächstens schicken muß, und denke, daß meine Mildtätigkeit nur bis zur Ernte dauern soll. Unter diesen beiden Bedingungen und nach der oben gegebenen Aufklärung haben Sie nur zu befehlen, was ich im Monat geben soll, und es wird geschehen. Ohne mich rühmen zu wollen, habe ich auch hierzulande kleine Pflichten der Wohltätigkeit. Doch wie dem auch sei, Sie haben nur zu sagen und man wird Ihnen schnellstens gehorchen. Das ist die einzige Antwort, die ich meinem Pfarrer geben werde.

 

175

An die Gräfin Guitaut

Paris, 12. Februar 1694

Wie gern gehorche ich Ihnen, und wie sehr rührt mich Ihre Geschichte von den armen Leuten, die Hungers sterben! Man könnte Ihnen noch mehr und noch kläglichere erzählen, doch soll man sich hauptsächlich an die Menschen halten, denen man beistehen kann und muß. Und da es in der dringenden Not nicht möglich ist, von der Hoffnung zu leben, schicke ich Ihnen ein Billett für LapierreFrau de Sévignés neuer Pächter., der unsrem Herrn Pfarrer, dem ich auch schreibe, zwanzig Scheffel Weizen und Korn, das heißt von jedem die Hälfte geben soll. Ich werde in dieser Welt für das Almosen reich belohnt sein, wenn mich der Abbé Tribolet von den Klagen meines Pächters befreit, indem er mir einen andern verschafft. Das ist mir eine Wohltat, für die ich ihm nicht genug danken kann. Ich habe meine an Weihnachten fällige Zahlung noch nicht erhalten. Ich werde auch noch lange warten müssen, da sie in Wechseln auf einen Kaufmann erfolgt, und da vergehn immer viele Tage, bis sich das Dunkel erhellt, welches das Geld umgibt, und man es endlich erheben kann. Unmerklich gerät man so selbst in die Reihe der Armen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich unter der Verzögerung leide.

Sie sehen, verehrte Frau, nichts geht zu Ende, als die Geduld, denn die reißt gar oft. Aber trotz alles Elends, 234 das aufs höchste gestiegen ist, heiratet man noch immer: der Prinz Rohan und Mme. de Turenne, Mlle. Dangean und der junge Chevreuse; man sagt auch Mr. d'Alincourt und Mlle. de Louvois. Sie denken noch nicht daran, Ihr Schloß zu verlassen; wie sehr ich mich auch freuen würde, Sie zu sehen, so muß ich doch gestehen, daß Sie recht haben.

 

176

An den Präsidenten de Moulceau

Grignan, 5. Juni 1695

Mein Herr! Ich habe die Absicht Ihnen den Prozeß zu machen, und das fange ich folgender Art an. Ich verlange, daß Sie selbst ihn entscheiden sollen. Schon über ein Jahr bin ich hier bei meiner Tochter, für die meine Neigung noch unverändert ist. Seit der Zeit haben Sie gewiß von der Heirat des Marquis de Grignan mit Mlle. de Saint-Amant sprechen hören. Sie haben sie oft genug in Montpellier gesehen, um sie zu kennen; Sie haben sicher auch von dem großen Vermögen ihres Vaters gehört und wissen wohl, daß die Heirat mit großer Pracht in dem Ihnen bekannten Schloß gefeiert wurde. Ich setze voraus, daß Sie die Zeit nicht vergessen haben, in der unsre aufrichtige Freundschaft für Sie begann, und sie besteht noch heute fort. Da ich nun Ihre Gefühle nach den unsern bemesse, schließe ich, daß Sie unser noch gedenken, da wir auch Sie nicht vergessen haben. M. de Grignans Rechte sind noch ältern Datums als die unsern. Wenn ich das alles überlege, fühle ich mich beleidigt. Ich erhebe hiermit Klage; ich beklage mich bei Ihren Freunden, ich beklage mich bei unserm werten Corbinelli, dem eifersüchtigen Vertrauten, dem Zeugen all unsrer Hochachtung und Freundschaft für Sie, und endlich beklage ich mich bei Ihnen selbst, mein Herr. Woher kommt das Schweigen? Haben Sie uns vergessen? Ist es vollständige Gleichgültigkeit? Ich weiß es nicht. Was soll ich denken? Mit was kann man Ihr Betragen vergleichen? Geben Sie ihm einen Namen. Nun ist der Prozeß zum Spruch reif, richten Sie. Ich habe nichts dagegen, daß Sie Richter und Partei zugleich sind. 235

 

177

An M. de CoulangesDieser Brief ist der letzte, der von Mme. de Sévigné erhalten ist.

Grignan, 29. März 1696

Ich weine und klage in einem fort über den Tod Blancheforts, des prächtigen, tüchtigen Jungen, den man all unsern jungen Leuten zum Muster hinstellteDer Marquis de Blanchefort war der Sohn des Marschalls de Créqui.. Sein Ruf war begründet, seine Tapferkeit anerkannt und seines Namens wert. Er war stets guter Laune, was sehr angenehm ist, denn üble Laune ist quälend; er war gut gegen seine Freunde, gut gegen seine Familie. Er war empfänglich für die Liebe seiner Mutter und seiner Großmutter; er liebte, ehrte und schätzte sie, und freute sich, ihnen seine Dankbarkeit beweisen zu können, und belohnte damit reichlich ihre Zuneigung. Er war verständig und hatte ein hübsches Gesicht. Er war nicht so übermütig, wie es alle jungen Leute sind, die leben, als hätten sie den Teufel im Leib. Und der liebenswürdige Junge geht dahin in einem Augenblick, wie eine Blume, die der Wind davonträgt, ohne Krieg, ohne Ursache! Mein lieber Vetter, wo soll man Worte finden, um zu sagen, was man über den Schmerz der beiden Mütter denkt? und um ihnen unsre Gefühle auszudrücken? Wir wollen ihnen nicht schreiben, aber wenn Sie Gelegenheit dazu finden, nennen Sie meine Tochter und mich und die Herren von Grignan; Sie kennen unsre Empfindung über den unersetzlichen Verlust. Mme. de Vins hat alles verloren, ich gebe es zu, aber wenn das Herz zwischen zwei Söhnen gewählt hat, sieht man nur noch den einen. Ich kann von gar nichts andrem sprechen. Das fromme und bescheidene Begräbnis der Mme. de Guise erfüllt mich mit Achtung; ihr Verzicht auf das der Könige, ihrer Vorfahren, verdient eine ewige Krone. Ich halte M. de Saint-Geran für sehr glücklich und auch Sie, daß Sie seine Frau Gemahlin zu trösten haben; sagen Sie ihr von uns alles, was Sie für geeignet halten. Und Mme. de Miramion, die Kirchenmutter – 236 das ist ein Verlust, den alle fühlen. Leben Sie wohl, lieber Vetter, ich kann nicht aus der traurigen Stimmung kommen.

 

178

Von Charles de Sévigné an Mme. de GrignanOhne Datum.

Unter den Papieren meiner Mutter habe ich ein Blatt gefunden, das an Dich und M. de Grignan gerichtet, aber nicht unterzeichnet ist. Meine Mutter bittet Euch beide, Paulinen eine Summe von neuntausend Franken auszufolgen, die ihr unser verstorbener Onkel hinterlassen hat; sie sagt, die Zahlung würde Euch oder selbst dem Marquis de Grignan nicht schwer fallen.

Meine Mutter hat mir immer ein Geheimnis daraus gemacht, was zwischen Euch ausgemacht wurde, als sie so gütig war, zugunsten meiner Heirat ein Abkommen zu treffen. Sie hat mich in diesen Sachen nie recht gekannt. Sie glaubte mich manchmal interessiert und eifersüchtig auf Dich wegen der vielen Beweise der Liebe, die sie Dir gab. Ich habe jetzt die Freude, authentische Beweise meiner wahren Herzensmeinung geben zu können. Der Zivil-LeutnantDer lieutenant civil war der Stellvertreter des ersten Richters des Châtelet. war Zeuge meiner ersten Aufwallungen, die stets die natürlichsten sind. Ich bin zufrieden mit dem, was meine Mutter für mich tat, solange ich in der Armee und bei Hof war; ich habe noch vor Augen, was sie alles für meine Heirat tat, der ich das Glück meines Lebens verdanke. »Ich weiß, wie viel Dank wir ihr schulden, für alles, was sie in den langen Jahren für uns getan hat«, so lauten die Worte Deines Briefes. Alles andre hat mich nie aufgeregt. Wenn es auch wahr wäre, daß in ihrem Herzen eine größere Zärtlichkeit für Dich als für mich gewohnt hätte, glaubst Du, geliebte Schwester, ich könnte es übelnehmen, wenn man Dich liebenswerter findet als mich? Und war mein Schicksal, sei es nun Mangel an Glück oder Mangel an Verdienst, derart, daß es dazu ermutigte, mir über das 237 Pflichtteil hinaus etwas zuzuwenden? Genieße ruhig, was Dir durch die Güte und Freundschaft meiner Mutter zuteil geworden. Schon der Gedanke, ich könnte ihren letzten Willen angreifen, erregt mir Schauder, und hätte ich auch soviel triftige Gründe dazu, als ich sie in der Tat nicht habe, würde ich mich doch für ein Ungeheuer halten, wenn sich nur der leiseste Wunsch in mir regte. Dreiviertel meines Lebenslaufes zum mindesten liegen hinter mir, ich habe keine Kinder, und die Deinen liebe ich von Herzen. Ich hinterlasse ihnen lieber, was mir Gott auf dieser Welt gegeben hat, als wenn ich es eigenen Kindern hinterließe, von denen man nicht wüßte, was eines Tages aus ihnen wird. Ich wünsche mir nicht mehr, als ich habe. Durch Euch und den Minister geht mir's gut in meiner StellungCharles de Sévigné hatte die Erlaubnis erhalten, die Stelle des Königsleutnants zu Nantes zu kaufen. Er hatte sie mit 60 000 Taler bezahlt und hatte ein Gehalt dafür von 12 000 Franken. Dazu kamen noch 2000 Franken Entschädigung für die Miete, die ihm der Minister Pomponne aus besonderer Gunst bewilligt hatte.. Wenn ich wünschen könnte reicher zu sein, so wäre es für Euch und Eure Kinder. Wenn wir uns zanken, so geschieht es nur aus Freundschaft und Rechtschaffenheit. Ich will, daß mich die Grignans ihrer und Deiner wert erachten. Ich opfere ihnen nichts, aber ich würde vieles opfern, um ihre Freundschaft und ihre Achtung zu besitzen. M. de La Garde mag, wenn es ihm gefällig ist, aus meinen Worten für sich herausnehmen, was er will.

Lebe wohl, geliebte und liebenswerte Schwester! Ist es nicht ein Trost für uns, daß wir der besten und liebsten aller Mütter gehorchen, wenn wir uns zärtlich lieben, so wie wir es tun? Wir wollen uns deshalb noch inniger aneinander schließen als je, und Du darfst darauf zählen, daß alles, was Dir Freude machen kann, heiliges Gesetz für mich sein wird.

 


 

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