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Ausgewählte Briefe

Marie de Sévigné: Ausgewählte Briefe - Kapitel 17
Quellenangabe
typeletter
booktitleAusgewählte Briefe
authorMarquise de Sévigné
translatorFerdinand Lotheißen
year1925
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleAusgewählte Briefe
pages237
created20170608
sendergerd.bouillon@t-online.de
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150

An Mme. de Grignan

Paris, 1. April 1689

Wir denken den Tag nach Ostern abzureisen; es tut mir immer leid, mich von Dir noch mehr zu entfernen, ich weiß nicht, wie sich die ganze Reise gestalten wird. Ich glaube nicht, daß ich meinen Sohn sehen werde, der in Verzweiflung über die riesige Ausgabe ist, die er machen muß, weil er an der Spitze des Landsturms der Bretagne steht. Er hat seine Gedanken darüber, was ihm der Prinz von Oranien anrichtet, und durch welche Schickungen oder Mißgeschicke es der Vorsehung gefällt, ihn in seinen Wäldern aufzusuchen, um ihn wieder in die Welt und in den Krieg zu treiben.

Ich sage nichts über die Berechnungen, die Ihr gemacht habt, nichts über Eure fürchterlichen Schulden und maßlosen Ausgaben. Hundertzwanzigtausend Franken! Bei Euch gibt es keine Grenze mehr; wenn zwei Verschwender zusammen sind, von denen der eine alles will, die andre alles billigt, da muß die Welt zugrunde gehn. Und war die Größe und Macht Eures Hauses nicht eine Welt? Ich habe keine Worte dafür, um Euch zu sagen, was ich denke, mein Herz ist zu voll. Aber was werdet Ihr tun? Ich verstehe es nicht. Von was leben? Auf was Gegenwart und Zukunft bauen? Was beginnen, wenn man einmal auf einem gewissen Punkt angelangt ist? Wir berechneten neulich Euer Einkommen; es ist groß, Ihr hättet von dem Amt leben sollen und das Einkommen von Euern Gütern zum Bezahlen der Schulden verwenden müssen. Ich habe gesehen, daß Ihr es so machtet, aber die Zeiten haben sich sehr geändert, obgleich Ihr viele kleine Summen bekommen habt, die Euch hätten erhalten können. Man kann genau sehen, 199 daß die Verschwendung in der Provence Euch zugrunde gerichtet hat. Es ist herzbrechend! Und besonders da es keine Hilfe gibt.

Gott weiß, wie die Ausgaben für Grignan und die unzähligen Besuche, die aus allen Provinzen kamen, und alle Kinder des Hauses, die sich bei Euch mit ihren Leuten und Pferden mästeten, Gott weiß, wie sehr sie zu dem allgemeinen Ruin mitgeholfen haben. Wenn man Euch lieb hat, kann man nicht zufrieden sein. Ich weiß nicht, wie die andre Freundschaft, die man für Euch hat, geartet ist, man bedrückt Euch, man erdrosselt Euch und schreit über die Verschwendung, die man doch selbst verursacht!

Dreht Euch gefälligst um, und Antwort soll Euch seinZitat aus La Fontaines Fabel »Le renard ayant la queue coupée«..

Ich will mir all die Gedanken aus dem Sinn schlagen, denn sie verhindern mich am Schlafen. Ich habe tausend Besuche für Euch gemacht, das tröstet mich für meine Mühe.

Ich hoffe, der Chevalier kann durch M. de Cavoie verhindern, daß ich die Zinseszinsen zahlen muß, wenn ich die siebzehntausendneunhundert Franken bezahle, die ich mit Hilfe meiner Schwiegertochter in meiner Tasche habeDiese Summe scheint der Rest eines Anlehens von 50 000 Franken gewesen zu sein, die sie von M. d'Harouys erhalten hatte. Als sich herausstellte, daß dessen Kassenführung ganz in Unordnung war und ihm der Prozeß gemacht wurde, mußten alle Schuldner ihren Verpflichtungen ihm gegenüber nachkommen.. Setzt er es durch, dann bitte ich Euch, ihm dafür zu danken. Es ist zwar ein Umweg für meine warm gefühlte Dankbarkeit. Ich bitte Dich auch, daß M. de Grignan eigenhändig Deiner Schwägerin antworte; ich bin sehr zufrieden mit ihr. Sie schreibt sehr liebenswürdig und neckisch, sie habe eine Neigung für ihn, die sie umsonst bekämpfe. Man muß ein wenig mit ihr scherzen, es ist das ihre Art.

In England steht es gut, der Einfluß des Prinzen von Oranien wird täglich kleiner. Ein Witzbold hat über das Tor von Whitehall geschrieben: »Zum Johannistag zu vermieten.« Der Witz ist gut. 200

 

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An Mme. de Grignan

Pont-Audemer, 2. Mai 1689

Ich übernachtete gestern in Rouen, meine liebe Tochter, von wo ich Dir ein paar Zeilen schrieb, nur um Dir zu sagen, daß ich zu meiner Freude zwei Briefe von Dir erhalten habe. Pont-Audemer ist elf Meilen von Rouen entfernt, wir kamen zum Übernachten hierher. Ich habe das schönste Land der Welt gesehen, und alle schönen Windungen der herrlichen Seine vier oder fünf Meilen lang bewundert. Ihr entlang ziehen sich prächtige Wiesen, und ihre Ufer stehen denen der Loire nicht nach. Sie sind anmutig und mit Häusern, kleinen Weiden und andern Bäumen geschmückt und von Kanälen durchzogen, die man aus dem Fluß ableitet. Es ist wahrhaft schön! Ich kannte die Normandie nicht, ich war noch zu jung, als ich sie sah. Ach! Es ist vielleicht von all denen, die ich damals hier sah, niemand mehr am Leben. Das ist traurig. Ich habe sogar den Rahm in Sotteville nicht mehr in denselben kleinen Porzellanschüsseln gefunden, die uns soviel Vergnügen machten; es sind Zinnteller daraus geworden, die ich nicht mag. Ich hoffe in Caen, wo wir Mittwoch sein werden, Deinen Brief vom 21. und einen von M. de Chaulnes zu finden. Ich habe bis zu meiner Abreise immer mit dem Chevalier gespeist; die Fastenzeit trennte uns nicht. Ich war glücklich, mit ihm über Eure Angelegenheiten sprechen zu können. Es ist mir das jetzt eine Entbehrung; ich komme mir vor wie in der Wildnis, daß ich nun nicht mehr all die Kapitel verhandeln kann. Corbinelli wollte abends nichts von uns wissen, seine Philosophie ging schlafen; ich sah ihn morgens, und der Abbé Bigorre kam oft, um uns Neuigkeiten zu erzählen.

Vor meiner Abreise kamen viele Freunde, um mir Lebewohl zu sagen, mein Herz war mir ganz schwer von dem Abschied. Noch am Tag vorher hatte ich Mme. de La Fayette umarmt. Aber, mein liebes Kind, ich habe im vollen Sinn des Worts den Frühling in der ganzen Gegend, durch die wir kamen, hervorbrechen sehen. Er ist von einer Schönheit, einer Frische und Lieblichkeit, wie ich sie Euch wünsche 201 an Stelle der entsetzlichen Bise, die einen umwirft und vor der mir graut, wenn ich nur an sie denke.

Ich umarme Pauline und bedaure sie, daß sie nicht gern Geschichten liest; es ist das eine sehr gute Unterhaltung. Liest sie wenigstens die »Essais de Morale« und AbbadieVerfasser eines Werkes»Die Wahrheit der christlichen Religion«. gern, wie ihre liebe Mama? Mme. de Chaulnes grüßt Dich tausendmal; sie hat eine rührende Sorgfalt für mich. Man kann nicht in schönerem Grün und angenehmer reisen; es ist alles großartig, und doch sind wir ganz ungezwungen. Lebe wohl, meine liebste Schöne; für Pont-Audemer ist es genug, ich schreibe Dir von Caen.

 

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An Mme. de Grignan

Caen, 5. Mai 1689

Ich hatte recht, Deinen Brief vom 21. hier zu erwarten, mein liebes Kind, da ich ihn nicht in Rouen bekommen hatte. Es wäre schade gewesen, wenn er verloren gegangen wäre. Wie schön drückst Du Deine Zärtlichkeit für mich aus! Ja, meine liebe Gräfin, die Angelegenheit in Avignon ist recht tröstlich. Du sagst ganz recht, wenn gewisse Leute dabei einen Zuschuß zu ihren Einnahmen fänden, wäre ein Aufenthalt in Paris sehr erleichtert! Eure Ausgaben waren übertrieben, und so könnt Ihr nur die Schäden ausbessern. Vielleicht gibt Euch die Vorsehung in einer andern Weise die Mittel, nach Paris zu kommen; man muß ihre Fügungen abwarten.

Man kann sich nicht vorstellen, daß der Chevalier, der mit soviel Gebrechen behaftet ist, einen Feldzug mitmachen kann. Aber es scheint mir, daß er die Absicht hat, wenigstens seinen guten Willen zu zeigen, und es aufrichtig wünscht; ich glaube, daran zweifelt niemand. Er hat den größten Wunsch, die Bäder von Balaruc zu gebrauchen, unsre Kapuziner empfahlen sie ihm auch. Man muß ihn die Reise nach seinem Wunsch einrichten lassen. Er ist ein gescheiter Kopf und weiß, was er tut. Aber unser Marquis, mein 202 Gott, welch ein Mann! Wirst Du mir ein andermal glauben? Als Du aus seiner kindischen Furcht immer Schlüsse ziehen wolltest, sagten wir Dir, er würde ein Kriegsheld werden, und nun ist er einer, und es ist Dein Sohn. Es ist wirklich ein prächtiger Junge, ein keimendes Genie, der es weit bringen wird. Gott erhalte ihn! Du zweifelst nicht an der Aufrichtigkeit dieses Wunsches, mein liebes Kind.

Ich denke nicht, daß Du den Mut hast, Deinem Pater Lanterne zu folgen. Möchtest Du Paulinen, die viel Verstand hat, nicht die Freude gönnen, ihn zu gebrauchen, und sie die schönen Corneilleschen Schauspiele, wie Polyeucte und Cinna, und die andern lesen zu lassen? Die Frömmigkeit besteht doch nicht darin, sich dieses Genusses zu enthalten. Ich sehe nicht, daß M. und Mme. de Pomponne so mit Félicité verfahren, die sie Italienisch und alles, was den Geist bildet, lernen lassen. Ich bin überzeugt, sie wird die schönen Stücke, von denen ich oben sprach, studieren und erklären. Mme. de Vins haben sie in derselben Weise erzogen und werden deshalb nicht unterlassen, ihre Tochter zu lehren, eine gute Christin zu sein und sie in der Schönheit unsrer heiligen Religion zu unterweisen. Das wollte ich Dir nur sagen. Ich denke, Dein Beispiel ist schuld, daß Pauline die Geschichten nicht leiden kann, denn sie sind doch sehr unterhaltend. Mich beschäftigt eben das »Leben des Herzogs von Epernon« von einem gewissen Girard; es ist nicht neu, aber meine Freunde und Croisilles haben es mit Vergnügen gelesen und mir empfohlen.

Ein Wort noch über unsre Reise, mein liebes Kind. Wir sind in drei Tagen von Rouen hierhergekommen, ganz ohne Abenteuer, bei wunderschönem Wetter und köstlichem Frühling. Wir aßen nur das Beste, legten uns früh zu Bett und erduldeten gar keine Unbequemlichkeiten. Wir kamen diesen Morgen hier an und werden morgen erst wieder abreisen, um in drei Tagen in Dol und dann in Rennes zu sein. M. de Chaulnes erwartet uns mit liebender Ungeduld. In Dive, wo wir übernachteten, waren wir am Meeresufer; das Land ist sehr schön, und Caen ist die hübscheste, einnehmendste, heiterste, bestgelegene Stadt, sie hat die schönsten Straßen, die schönsten Gebäude, die schönsten Kirchen, Wiesen, Promenaden, und endlich ist sie der Ursprung aller 203 unsrer Schöngeister, ich bin entzückt von ihr. Mein Freund Segrais ist zu M. de Matignon gereist; das betrübt mich. Lebe wohl, meine Beste, ich umarme Dich tausendmal.

 

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An Mme. de Grignan

Rennes, 11. Mai 1689

Da bin ich nun für einige Tage, denn meine Schwiegertochter blickt auch verstohlen nach Les Rochers, wie ich, und hat die größte Lust, sich dort auszuruhen. Sie kann die Unruhe, die Mme. de Chaulnes' Ankunft hervorbringt, nicht lange aushalten. Ich habe sie immer noch sehr lebendig und hübsch gefunden; sie hat mich sehr lieb und schwärmt von Dir und M. de Grignan. Sie hat soviel Geschmack an ihm gefunden, daß wir lachen müssen. Mein Sohn ist wie immer liebenswürdig und scheint froh zu sein, mich zu sehen; er ist sehr hübsch und ganz gesund, lebhaft und voller Geist. Er hat mit mir viel von Dir und Deinem Sohn gesprochen, den er sehr lieb hat. Er hat von andern soviel Gutes über ihn gehört, daß er gerührt und überrascht war. Denn er hat noch immer, wie wir, den kleinen Jungen in Erinnerung, und alles, was man von ihm erzählt, ist schon bedeutend und ernsthaft.

 

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An Mme. de Grignan

Rennes, 15. Mai 1689

M. und Mme. de Chaulnes halten uns hier so freundschaftlich zurück, daß es schwer ist, ihnen noch ein paar Tage abzuschlagen. Ich glaube, sie gehen bald nach Saint-Malo. Die gute Herzogin hat mich vorhin beim Schreiben überrascht und mich gebeten, Dir zu sagen, wie stolz sie sei, daß sie mich so gesund hierhergebracht habe. M. de Chaulnes spricht mir oft von Dir. Er ist mit seiner Miliz beschäftigt. Es ist sonderbar zu sehen, wie die Leute, die nie etwas anders als eine blaue Mütze auf dem Kopf hatten, einen Hut aufsetzen. Sie können das Exerzieren gar nicht begreifen und was man ihnen dabei verbietet. Wenn sie ihre Muskete 204 auf der Achsel hatten und M. de Chaulnes kam, wollten sie ihn grüßen; da fiel die Waffe auf die eine Seite, und der Hut auf die andere. Man sagte ihnen, sie dürften nicht so grüßen; wenn sie nun ohne Waffen sind und sehen M. de Chaulnes vorübergehen, so drücken sie den Hut mit zwei Händen fest auf den Kopf, um ihn ja nicht zu grüßen. Man hat ihnen ferner gesagt, daß sie nicht wackeln und nicht aus der Reihe treten dürfen, wenn sie geordnet marschieren. Darum ließen sie sich neulich durch Mme. de Chaulnes' Wagen fast rädern, ohne einen Schritt auszuweichen, was man auch sagen mochte. Kurz, meine Tochter, unsre Bretonen sind sonderbar. Ich weiß nicht, wie Bertrand du Guesclin es anstellte, um sie seinerzeit zu den besten Soldaten Frankreichs zu machen!

 

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An Mme. de Grignan

Les Rochers, 29. Mai 1689

Am Mittwoch also kam ich hierher, Geliebte, mit meinem Sohn und meiner Schwiegertochter; sie hatte ein wahres Bedürfnis, ihre schwache Brust auszuruhen, und ich meine Gesundheit. Wir fuhren durch das Tor, das Du hast machen sehen, es war sechs Uhr. Großer Gott! welche Ruhe, welche Stille, welche Frische und welch heiliger Schauer! Denn all die kleinen Kinder, die ich gepflanzt habe, sind so groß geworden, daß ich gar nicht verstehe, wie wir noch zusammen leben können. Ihre Schönheit schadet indessen der meinen nicht. Dir ist ja meine Schönheit bekannt. Jedermann hierzulande bewundert mich. Man versichert, ich sei gar nicht verändert, und ich glaube es, solang ich kann.

Wir machten gleich am ersten Abend unsern Spaziergang, nach der einen Seite hin wenigstens. Wie Du Dir denken kannst, sind die Alleen trauriger und dunkler, als zur Zeit ihrer ersten Jugend. Es hat das seine gute und seine schlechte Seite, denn sie scheinen weniger lang, und das Unendliche ist endlich geworden.

Kurz, sie zeigen eine ernstere Schönheit, von der die Damen aus Rennes, die mich vor zwei Tagen hier besuchten, ganz ergriffen waren. Ich hatte sie an besonders schöne 205 Punkte geführt, wie in Livry, und da sagte meine Schwiegertochter sehr hübsch: »Ja, das ist die echte Mutter« Ich bin also die echte MutterDas Kompliment der Schwiegertochter bezieht sich, wie man leicht sieht, nicht allein auf die Sorge der Marquise für die schönen Pflanzungen, die ja zum Teil von ihr herrührten, sondern auch auf ihre Liebe zu den Kindern. Und für eine solche Anerkennung war Frau de Sévigné immer dankbar..

Mein Sohn will Dir auch noch seine Schrift zeigen. Ich umarme M. de Grignan. Ich war froh, ihn hier wie einen besänftigten Tyrannen auf der Türe Deines Alkovens zu finden.

Von Charles de Sévigné

Es ist wahr, daß M. de Grignan besänftigt ist, aber er bleibt doch immer ein Tyrann. Ich fürchte, er ist es aus Kummer, daß er den Cordon bleu nicht hat; und um ihm jeden Grund zur Beschwerde zu nehmen, habe ich einen Maler bestellt, der ihm einen anlegen soll, und zwar den breitesten, sichtbarsten und besten, den man je gehabt hatGraf Grignan hatte endlich den Orden des hl. Geistes erhalten, nachdem er sich lange darum bemüht hatte. Der Sinn der beiden Briefe wird nun verständlich. Charles de Sévigné verspricht, den Orden auch auf dem Porträt des Grafen, das sich in Les Rochers befindet, nachträglich anbringen zu lassen..

 

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An Mme. de Grignan

Les Rochers, 5. Juni 1689

Ich bin ganz von Dir und Deinen Geschäften erfüllt, und denke auch an die meinigen und gebe die nötigen Aufträge. Aber die Hauptsache ist. daß ich hier bin und etwas Geld eintreibe. Nur mit Mühe kann man welches bekommen, die Truppen ruinieren alles. Man wandte alle möglichen Vorsichtsmaßregeln an, als ob der Prinz von Oranien nur an uns dächte, und doch wird voraussichtlich nichts wahr sein, als das Elend der Provinz. Mein Sohn ist noch bei uns; wir zittern, daß er plötzlich auf M. de Chaulnes' Befehl an der Spitze seiner Edlen wird ausziehen müssen. 206 Das nennt sich Oberst eines Regiments von Edelleuten; es ist der ganze Adel von Rennes und von Vitré, ungefähr sechs- bis siebenhundert Herren. Übrigens fangen unsre Soldaten schon an, gut zu exerzieren und werden bald den andern gleich sein. Nur der Beginn ist lächerlich; ich sage Dir, es sind Leute in Vitré, die sehr gut aussehn.

 

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An Mme. de Grignan

Les Rochers, 26. Juni 1689

Endlich, mein liebes Kind, habt Ihr Euer angenehmes Avignon verlassen; wenn Euer Aufenthalt Euch nicht mehr langweilte, als Deine Beschreibung davon mich bekümmert, werdet Ihr eine angenehme Erinnerung daran bewahren und große Lust haben, zurückzukehren. Alle Deine Beschreibungen haben uns höchlichst unterhalten, besonders Deinen Bruder, der seinerzeit entzückt war von der Lage und der guten Luft daselbst und von der Frische der beiden schönen Flüsse, die die Hitze mäßigen. Jeden Augenblick rief er aus: »Ja, ja, so ist es gerade!« Aber was Du mit mehr Aufmerksamkeit gesehen hast als er, das sind die edeln alten Kirchen, die, wie Du sagst, durch die Gegenwart und die Residenz so vieler Päpste geehrt sind. Du triumphierst ferner, wenn Du von den Juden sprichst; ich fühle zugleich Mitleid für sie und Abscheu; ich bitte Gott, daß er ihnen den Schleier vor den Augen wegnehme und ihnen zeige, daß Jesus Christus gekommen ist. Da die Königin und Mme. de Béthune sie nicht von der Wahrheit überzeugen konnten, war es Dir auch nicht möglich. Welch elende, lächerliche Darstellung des herrlichen Tempels, der kostbaren Bundeslade und der so hochgeachteten Gesetze! Aber von was kommt der Gestank, der allen Parfüm zuschanden macht? Das kommt gewiß davon, daß der Unglaube und die Undankbarkeit schlecht riechen, so wie die Tugenden gut riechen. Der Haß, den man gegen sie hat, ist doch höchst sonderbar. Esther hat uns einen hübschen Begriff von den jungen Jüdinnen gegeben, unsre Chevaliers hätten kein Grauen vor ihr gehabt. 207

 

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An Mme. de Grignan

Les Rochers, 28. September 1689

Wir haben hier einen Abbé Francheville, der sehr geistvoll, angenehm, natürlich und gelehrt ist, ohne hochmütig zu sein. Montreuil kennt ihn. Er war zeit seines Lebens in Paris und hat Dich zweimal gesehen, Du bist wie eine Gottheit in seinem Gedächtnis geblieben. Er ist ein eifriger Kartesianer, und der Lehrer des Fräuleins Descartes; sie hat ihm Deinen Brief gezeigt, den er so wie Deinen glänzenden Verstand bewundert hat. Der seine gefällt mir und unterhält mich außerordentlich. Ich war schon lange nicht in so guter Gesellschaft. Er nennt meinen Sohn nate dea und findet, auch ich sei eine Art von Gottheit, nicht von der plebe degli Dei. Ich halte mich nur für eine ländliche Gottheit. Aber um M. de Grignan zu beruhigen, der vielleicht fürchtet, ich könnte den Abbé heiraten, benachrichtige ich ihn, daß ihn eine andere Witwe, jung, reich und von vornehmer Familie, vor zwei Jahren geheiratet hat, nachdem sie Gerichtspräsidenten ausgeschlagen hatte. Sein Geist und seine Verdienste hatten es ihr angetan, das will viel sagen. Und nachdem sie um ihn geworben, wie er um sie hätte werben sollen, hat er endlich im Alter von sechzig Jahren nachgegeben, und auf seine Abtei verzichtet, um künftig nur noch ein christlicher Philosoph und Kartesianer und der bravste Mann der ganzen Provinz zu seinEin Abbé hatte nur die sogenannten niederen Weihen, die ihn nicht auf die Dauer verpflichteten. Er trug geistliches Gewand, erfreute sich einer schönen Pfründe, stand aber sonst der Kirche fern. Ein literarischer Salon des 18. Jahrhunderts ist ohne einen schöngeistigen Abbé kaum zu denken.. Er ist immer auf seinem Schloß, und seine junge schöne Frau ist glücklich mit ihm. Er besuchte uns, meinen Sohn und mich; wir unterhalten uns gern mit ihm und glauben, daß er sich ebensosehr freut, mit uns plaudern zu können. Der Mann würde Dir nicht mißfallen, er heißt jetzt M. de Guébriac; er kam vierzehn Meilen weit, um uns zu besuchen. Die Meinung, die er von Dir hat, macht mir Freude; ich könnte mich schwer mit jemand befreunden, wenn er nichts von Dir wüßte. 208

Meine liebe Pauline, ich war sehr erfreut, Deine Schriftzüge wiederzusehen, ich fürchtete, Du hättest mich in Deinem Glück vergessen. Denn es ist ein großes Glück für Dich, so gut mit Deiner lieben Mama zu stehen und ihrer würdig zu sein. Ein Köpfchen, wie das Deine, könnte schon davon verdreht werden. Ich rate Dir, alle Deine kleinen Talente fleißig weiter zu üben, denn sie werden Dir die Freundschaft Deiner Mama und zugleich die Achtung der andern Leute erhalten.

 

159

An Mme. de Grignan

Les Rochers, 2. Oktober 1689

Morgen ist es ein Jahr, daß ich Dich nicht gesehen habe, daß ich Dich nicht küßte, daß ich Dich nicht sprechen hörte, und daß ich Dich in Charenton verließ. Mein Gott! Wie ist mir der Tag lebhaft im Gedächtnis! Und wie sehr wünsche ich einen andern herbei, der durch ein Wiedersehen gekennzeichnet wäre, daß ich Dich umarmen und mich für immer zu Dir gesellen könnte! Warum kann ich mein Leben nicht mit dem Wesen vereint beschließen, das es ganz ausgefüllt hat! Diese meine Empfindung, liebes Kind, schrieb ich, ganz ohne es zu wollen, zur Feier unsrer einjährigen Trennung.

Nun muß ich Dir noch sagen, daß Dein letzter Brief von einer Munterkeit und einer Lebhaftigkeit, einem currente calamo ist, die mich entzückt, weil man unmöglich so munter denken und schreiben kann, ohne heiter und gesund zu sein.

Reden wir nun zuerst vom Chevalier; ich finde seinen Zustand sehr verschieden von dem, in welchem ich ihn gesehen habe. Wär's möglich, daß ich ihn wieder mit dem rechten Fuß auftreten hören sollte! Denn wir fanden, daß er mit dem linken Fuß oft den Klugen und den Prahler spielte, obgleich er durch die Haltung des andern sehr gedemütigt wurde. Es ist ein wahres Wunder, daß man ihn wieder gerade sieht, denn er ging wie M. de La Rochefoucauld, daß man hätte weinen mögen. Und die ganze Besserung ist durch dreiviertelstündiges Baden während 209 dreier Tage in der Heilquelle erzielt worden. Weder der Mont Dore, noch Barèges vermögen das. In drei Tagen hat man die ganze Kur abgetan. Drücke dem Chevalier einstweilen meine aufrichtige Freude aus über die Besserung, die er in dem wunderbaren Wasser gefunden hat; ich sage einstweilen Besserung, bis man Heilung wird sagen können. Nun ist die Reihe an Deiner Mme. de Montbrun! Mein Gott! wie kurz schilderst Du die Frau! Dein Bruder ist hingerissen davon, aber er wird es Dir nicht schreiben; er grüßt Dich. Er ist mit seinem wackern Freund zusammen, und ich danke Dir für die Mühe, daß Du alle verlassen hast, um mir die Person vorzuführen. Welch komischer Charakter! Sie ist ganz erfüllt von ihrem edlen Haus, das sie von der Sintflut her datiert. Und ihr Erstaunen über Deinen natürlichen Teint! Sie findet Dich sehr nachlässig, daß Du die Farbe der kleinen Adern und der Haut sehen läßt. Sie findet ihr angestrichenes Gesicht viel angenehmer, und wie Du sagst, hält sie Dich für unangekleidet, im Négligé, weil Du das Gesicht zeigst, das Dir Gott gegeben hat. Bei soviel Vorsicht wundert's mich nicht, daß man die Narben der Blattern bei ihr nicht sieht. Was für schöne Reden! Ihre Worte sind jedenfalls ungeschminkt! Die Herren von Grignan sind sehr geschickt, daß sie den Teint für natürlich gehalten haben. Da sieht man, wie die Männer sind. Sie wissen nicht, was sie sehen, noch was sie sagen. Ich habe schon gefunden, daß sie Schönheiten bewunderten, die wenig bewundernswert waren.

 

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