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Ausgewählte Briefe

Marie de Sévigné: Ausgewählte Briefe - Kapitel 13
Quellenangabe
typeletter
booktitleAusgewählte Briefe
authorMarquise de Sévigné
translatorFerdinand Lotheißen
year1925
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleAusgewählte Briefe
pages237
created20170608
sendergerd.bouillon@t-online.de
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110

An Mme. de Grignan

Blois, 9. Mai 1680Mme. de Sévigné reiste nach Les Rochers, ihr Sohn begleitete sie bis Orléans.

Mein Sohn ist heute nacht von Orleans mit der Post abgereist, die jeden Morgen um drei Uhr abfährt und abends in Paris ankommt. Wir sind morgens um sechs Uhr beim schönsten Wetter aufs Schiff gegangen. Ich ließ meinen großen Wagen so stellen, daß die Sonne nicht hineinschien. Wir hatten die Fenster heruntergelassen. Durch das vordere bot sich uns ein prächtiges Bild, und auch durch die Portièren und die kleinen Seitenfenster genossen wir die herrlichste Aussicht. Der Abbé und ich sind allein in dem hübschen Zimmerchen, auf weichen Kissen, in guter Luft und recht bequem. Alle übrigen auf dem Stroh wie die Schweine. Wir haben Suppe und Rindfleisch gegessen, beides ganz heiß. Es ist ein kleiner Herd da, und man ißt auf einem Brett in dem Wagen, wie der König und die Königin. Du staunst wohl, daß auf unserer Loire alles so verfeinert ist; wie derb waren wir früher, als das Herz auf der linken Seite warEin Zitat aus der Molièreschen Posse: »Le Médecin malgré lui« II. 4.. Das meinige, ob rechts, ob links, schlägt nur für Dich. Wenn Du mich fragst, was ich in dem schönen Wagen mache, wo ich mich nicht zu fürchten brauche, so antworte ich Dir, daß ich an mein liebes Kind denke. Ich betrachte und bewundere die Aussicht, die von den Malern so gern auf die Leinwand gebracht wird. Die Güte des Abbé rührt mich; er ist dreiundsiebzig Jahre alt und fährt noch zu Wasser und zu Land, um meine Angelegenheiten zu besorgen. Dann nehme ich ein Buch zur Hand, das ich auf M. de La Rochefoucaulds Rat gekauft habe, die »Vereinigung Portugals«, in zwei Bänden. Es ist eine Übersetzung aus dem Italienischen, die Geschichte und der Stil sind beide gleich schätzenswert. Es wird darin geschildert, wie der König von Portugal, ein junger tapferer Fürst, von seinem unglücklichen Schicksal ereilt wird. Er stirbt in Afrika, in einem Krieg gegen Abdallas Sohn, Zaïdes 161 OnkelDer Zusatz »Zaïdes Onkel« ist wohl scherzhaft eine Erinnerung an den Roman der Gräfin La Fayette »Zaïde«, der damals außerordentliches Aufsehen machte.. Es ist wirklich die unterhaltendste Geschichte, die man sich denken kann. Dann beschäftige ich mich mit der Vorsehung und ihren Ratschlüssen, und erinnere mich, daß ich Dich sagen hörte, unser Wille sei nur die Ausführung ewiger Gesetze. Ich möchte gerne mit jemand plaudern; dort, wo ich jetzt war, ist die Konversation an der Tagesordnung. Der gute Abbé und ich sprechen zwar auch zusammen, aber nicht in einer Weise, daß es uns zerstreuen könnte. Wir fahren mit größtem Entzücken unter den Brücken durch. Es sind nicht viele ex voto für die Schiffbrüche auf der Loire, nicht mehr als für die auf der Durance. Man hätte mehr Ursache, die letztere, die toll ist, zu fürchten, als unsre Loire, die vernünftig und majestätisch dahinfließt. Hier sind wir beizeiten angekommen. Jedermann läuft herum, jeder rasiert sich, und ich schreibe ganz romantisch am Ufer des Flusses, wo unser Hotel liegt. Es heißt »Die Galeere«, Du hast hier gewohnt.

Ich habe tausend Nachtigallen gehört, und an die gedacht, die Du auf Deinem Balkon schlagen hörst.

 

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An Mme. de Grignan

Saumur, 11. Mai 1680

Wir sind hier angekommen, meine Schönste; wir sind diesen Morgen von Tours abgereist, ich habe dort einen Brief an Dich auf die Post gegeben. Wenn ich nicht denken könnte, wäre ich übel daran, besonders auf der Reise. Ich bin zwölf Stunden ohne Unterbrechung in meinem Wagen, sehr behaglich und angenehm. Einige Stunden verbringe ich mit Essen, Trinken und Lesen, viele mit Schauen und Bewundern, und die meisten mit Träumen und der Erinnerung an Dich. Ich möchte so gerne über allerlei mit Dir sprechen, aber diese Freude ist nicht erreichbar. Inzwischen denke ich, also bin ichBerühmtes Axiom von Descartes.. Ich denke Dein in Liebe, 162 also liebe ich Dich. Ich denke in dieser Weise ausschließlich an Dich, also liebe ich nur Dich.

Der gute Abbé ist ganz wohl, er ist entzückt von der Fahrt. Es hat wohl noch niemand die Reise so gemacht wie wir.

 

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An Mme. de Grignan

IngrandeFlecken an der Loire, etwa 7 Meilen von Angers., 12. Mai 1680

Da sind wir, mein liebes Kind! Wir haben noch das gleiche schöne Wetter, denselben Fluß und dieselben Nachtigallen. Die Schönheit der Natur ist mir immer neu, und ich glaube, auch Dich würde das Land überraschen, als ob Du es nie gesehen hättest. Es gibt ein Alter, in dem man mehr mit sich selbst beschäftigt ist; Du freilich bist eine Ausnahme, aber ich glaube, wir haben doch damals mehr mit dem jungen Grafen des Chapelles disputiert, als die schöne Gegend bewundert. Jetzt ist es gerade das Gegenteil. Wir sitzen in tiefem Schweigen, sehr bequem, lesen, träumen, hören nichts von der Außenwelt und hängen unsern Betrachtungen nach. Der gute Abbé betet ohne Unterlaß, ich höre seiner frommen Lektüre zu, aber wenn er den Rosenkranz vornimmt, dispensiere ich mich, denn ich finde, daß ich ohne das schon genug träume. So ist es uns möglich, zwölf bis vierzehn Stunden zu verbringen ohne zu verzweifeln; die Freiheit ist eben eine gar schöne Sache. Du kennst die Loire an einem anderen Ende; dort ist sie zwar weniger schön, aber ich ehre sie doch, da sie mir mein teures Kind brachte und auch wiederbringen wirdAuf ihren Reisen nach Paris schiffte sich Mme. de Grignan mehrmals zu Roanne auf der Loire ein..

 

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An Mme. de Grignan

Nantes, 17. Mai 1680

Ich bin hier mit dem Abschluß einer Rechnung beschäftigt, die neunzehn Jahre alt ist, und deren Ordnung mein Sohn nur begonnen hatte. Man will Briefe von mir als 163 Quittungen ausgeben; es ist abscheulich, welche Schleichwege ein schlechter Zahler wegen einer Restschuld von zehntausend Franken einschlägt. Wir wollen alles ordnen, und hoffen, ein Stück Land zu verkaufen. Wir verlangen auf der Stelle zweitausend Franken. Wir haben Leute genug, die uns beraten, aber es schmerzt mich, jemand weh zu tun. Freilich, wenn sich's denn schon einmal ums Ertrinken handelt, und ich mich frage, wer ertrinken soll, Mr. de La Jarie oder ich, so sage ich, ohne zu schwanken, Mr. de La Jarie, und dann habe ich wieder MutM. de La Jarie war der Pächter eines Sévignéschen Guts..

 

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An Mme. de Grignan

Nantes, 27. Mai 1680

Ich schreibe Dir heute abend, denn wir reisen, Gott sei Dank, morgen in der Frühe ab. Ich schreibe heute wie der Hanswurst, der den Brief beantwortet, ehe er ihn erhalten hat.

Gestern fuhr ich nach Buron und kam am Abend zurück; ich hätte weinen mögen, als ich die Verwüstung auf dem Gut sah. Es standen dort früher die herrlichsten alten Bäume, mein Sohn hat sie bei seiner letzten Reise alle fällen lassen. Er wollte auch noch ein kleines Gehölz verkaufen, das sich wunderschön ausnahm. All das ist trostlos. Er hat vierhundert Pistolen dafür heimgebracht, von denen er einen Monat später keinen Sou mehr besaß. Es ist ganz unbegreiflich, wie er's treibt, und was ihn die Reise in die Bretagne gekostet hat, wo er doch wie ein Lump auftrat, denn er hatte seine Diener und seinen Kutscher nach Paris zurückgeschickt. In der Stadt, in der er doch zwei Monate blieb, hatte er nur Larmechin bei sichDes Barons Kammerdiener.. Er macht es möglich, Geld auszugeben, ohne daß man weiß wofür; er verliert ohne zu spielen, er bezahlt ohne sich seiner Schulden zu entledigen: immer hat er Durst nach Geld, im Frieden wie im Krieg. Es ist ein Abgrund von ich weiß nicht was, denn er hat gar keine Liebhabereien, aber in seiner Hand 164 zerschmilzt das Geld. Du Ärmste mußt all das über Dich ergehen lassen. All die trauernden Dryaden, all die alten Waldgötter, die nicht mehr wissen wohin, alle ehrwürdigen Raben, die seit zweihundert Jahren im Dunkel der Wälder hausten, die Käuzchen, die in der Finsternis mit ihrem unheimlichen Geschrei das Unglück aller Menschen verkündigten, all das trug gestern seine erschütternde Klage vor. Weiß man denn, ob nicht manche der alten Eichen sprechen konnten, wie die, in der ClorindeSiehe den 13. Gesang von Tassos Befreitem Jerusalem. lebte? Wenn es je einen verzauberten Wald gegeben hat, so war es der. Ich kehrte recht betrübt zurück. Das Souper, das der Präsident und seine Frau mir zu Ehren gaben, konnte mich nicht aufheitern. Ich bin froh, bald in meine Wälder zu kommen, in Les Rochers finde ich doch wenigstens welche, die nicht umgehauen sind.

 

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An Mme. de Grignan

Les Rochers, 31. Mai 1680

Ich will Dir erzählen, daß ich am Tage meiner Abreise von Nantes beim Mittagessen Deinen Brief bekam. Die Wege von Nantes nach Rennes sind auf M. de Chaulnes' Befehl ausgebessert worden, aber der Regen hat sie wieder verdorben, wie wenn zwei Winter aufeinander gefolgt wären. Wir steckten fortwährend in Pfützen und Wasserlöchern, und wagten nicht durch Château-Briant zu fahren, weil man dort nicht wieder herauskommt. Wir kamen am Tag vor Himmelfahrt nach Rennes; die gute Marbeuf wollte mich ganz in Beschlag nehmen, ich sollte bei ihr wohnen und ganz bei ihr sein. Ich aß aber weder bei ihr zu Abend, noch schlief ich bei ihr. Am andern Tag gab sie mir zu Ehren ein großes Déjeuner-Dîner, zu dem der Gouverneur und alles kam, was in der Stadt ist (sie ist aber fast leer), um mich zu begrüßen. Wir fuhren um zehn Uhr ab und jedermann sagte, ich hätte noch Zeit genug, die Wege wären eben wie ein Zimmer, denn so lautet immer der Vergleich. Sie waren aber einem Zimmer so ähnlich, daß wir erst nach Mitternacht hier ankamen und immer im 165 Wasser fuhren. Von Vitré hierher, wo ich doch schon tausendmal gewesen, war der Weg nicht zu erkennen. Das Pflaster ist ganz verdorben, die Pfützen und Löcher noch viel, viel tiefer als früher. Endlich, als wir sahen, daß wir nichts mehr sahen, und den Weg tasten mußten, schickten wir zu PiloisDer Gärtner in Les Rochers. um Hilfe. Er kam mit einem Dutzend Burschen; die einen hielten den Wagen, die andern leuchteten mit Strohfackeln, und alle sprachen ein so reines Bretonisch, daß wir vor Lachen vergehen wollten. Endlich kamen wir mit solcher Illumination hier an; die Pferde waren widerspenstig, unsere Leute ganz durchnäßt, mein Wagen zerbrochen und wir recht müde. Wir aßen wenig und schliefen viel, befanden uns aber heute morgen in Les Rochers noch ganz linkisch und unbehaglich. Ich hatte RencontreJedenfalls der Name eines Dieners. vorausgeschickt, um nicht den Staub von vier Jahren vorzufinden; wir wohnen wenigstens sauber.

 

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An Mme. de Grignan

Les Rochers, 5. Juni 1680

Ich habe viele gute Bücher mit hierhergebracht und sie gerade jetzt geordnet. Man nimmt keins zur Hand, ohne daß man in Versuchung wäre, es zu lesen. Ein ganzes Fach mit Andachtsbüchern und was für Andacht! Guter Gott! welcher Standpunkt, um unsere Religion zu ehren! Das andere Fach ist voll prächtiger Geschichtswerke, ein anderes enthält die Moral, ein anderes die Poesie, die Novellen und Memoiren. Die Romane sind verachtet, und in die kleinen Schränke gesteckt wordenDie alten, 30 Jahre früher beliebten Romane von La Calprenède, auch die etwas jüngeren der Mlle. de Scudéry. Unter zehn Bänden tat es ein solcher Roman nicht.. Wenn ich in das kleine Zimmer trete, verstehe ich gar nicht, warum ich es überhaupt wieder verlasse. Es ist Deiner würdig, die Promenade wäre Deiner auch würdig, dagegen wäre unsere Gesellschaft Deiner sehr unwürdig. Sonntags habe ich ein merkwürdiges Sammelsurium bei mir; das Gute ist 166 nur, daß jeder um sechs Uhr zu Tisch nach Hause geht; das ist die schöne Stunde des Spaziergangs, und ich benutze sie, um mich zu trösten.

 

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An Mme. de Grignan

Les Rochers, 9. Juni 1680

»Böse, gute Mama!« So sagte Dir Pauline, und so sagst Du mir, meine Liebste. Ich habe unrecht, Dir aus so weiter Ferne Vorwürfe zu machen. Du hältst mich also wirklich nicht für diskret genug. Ich bin weit davon entfernt, mich über Dich zu beklagen, aber Du hast auch keine Ursache, Dich über mich zu beklagen, und weder die Freundschaft noch der arme Anteil können mich veranlassen, andern als der Familie etwas mitzuteilen, was Geheimnis bleiben soll.

Ich sehe nur Leute, die mir Geld schuldig sind und kein Brot haben, die auf Stroh schlafen und weinen; was kann ich da tun? Es geht mir wie Tantalus. Fiat voluntas tua, sicut in coelo et in terra; soll man Gott etwas anderes sagen, mein teures Kind? Wenn mich die Damen besuchen, nehme ich schnell meine Handarbeit; ich halte sie nicht für würdig, in meinen Wald geführt zu werden, ich gebe ihnen das Geleite, und

Er hoch zu Roß, sie hinter ihm,

so gehen sie zu Tisch nach Hause, und ich gehe spazieren. Ich möchte an Gott denken, und denke an Dich, ich möchte meinen Rosenkranz beten, und statt dessen träume ich. Ich finde Pilois, ich rede mit ihm wegen drei oder vier neuen Alleen, die ich anlegen will, und wenn der Abendtau fällt, kehre ich zurück, aus Angst, Dir zu mißfallen.

 

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An Mme. de Grignan

Les Rochers, 15. Juni 1680

Neulich schrieb ich an Mme. de Vins, sie solle raten, welche Tugend ich hier am meisten ausübe – es sei die Freigebigkeit. Es ist wahr, seit ich hier bin, habe ich schon 167 große Summen verschenkt. An einem Morgen achthundert Franken, an einem andern tausend Franken, dann fünfhundert, an einem andern Tag tausend Taler. Es sieht aus wie ein Scherz, ist aber nur zu wahr. Ich habe Pächter und Müller, die mir diese Summen schulden und die keinen Sou haben, um sie zu zahlen. Was tut man? Man muß sie ihnen wohl oder übel erlassen. Ich mache mir kein großes Verdienst daraus, wie Du siehst, da es notgedrungen geschieht. Aber als ich ihr schrieb, war ich in den Gedanken ganz verliebt, und so sagte ich ihr den Scherz. Die sechstausend Franken aus Nantes habe ich noch nicht erhalten, sobald etwas erledigt werden soll, gibt's Verzögerungen. Neulich kam eine schöne junge Pächterin aus Bodigat, mit schönen glänzenden Augen, schönem Wuchs, einem Kleid aus holländischem Tuch mit Atlas aufgeputzt und geschlitzten Ärmeln. Herr des Himmels! als ich sie sah, dachte ich schon, ich wäre ruiniert, sie ist mir achttausend Franken schuldig. Es wird aber alles in Ordnung kommen. Du möchtest hören, wie meine Geschäfte stehen? M. de Grignan hätte sich in die Frau verliebt; sie gleicht der, die er in Paris gesehen hat. Diesen Morgen kam ein Bauer zu mir, rundum mit Säcken behängt, er hatte welche unter den Armen, in seinen Taschen, in seinen Hosen. Der gute Abbé, der gern schnell zur Sache kommt, hielt uns schon für immer geborgen: »He! mein Freund! Ihr seid ja sehr beladen, wieviel bringt Ihr?« – »Gnädiger Herr!« sagte der Bauer keuchend, »ich glaube, es sind wohl an die dreißig Franken.« Es waren alle DoublesDer Double war eine Kupfermünze mit dem Bilde des Königs, zwei Heller wert, der sechste Teil eines Sou. aus ganz Frankreich, die sich mit ihren spitzen Hüten in unsere Provinz gerettet haben, und die unsere Geduld auf die Probe stellen.

 

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An Mme. de Grignan

Les Rochers, 30. Juni 1680

Gestern kam ein Bursche aus Vitré, das heißt, er kam von dort. Ich erkannte ihn gleich, er war früher Diener bei M. de Coulanges. M de Grignan hat ihn in Aix 168 gesehen. Er zeigte mir auf einem gedruckten Zettel das Verzeichnis aller Kunststücke, die er mit Feuer machen kann. Er hat das Geheimnis des Menschen, von dem Du in Paris hast sprechen hören. Unter tausend Dingen, die alle höchst wunderbar sind, und von denen ich nicht verstehe, wie man sie wegen der Folgen aushalten kann, will ich nur eins hervorheben. Er läßt zehn bis zwölf Tropfen meines spanischen Siegellacks brennend in seinen Mund oder auf seine Hand fließen, und fühlt nicht mehr davon, als wenn es Wasser wäre. Keine Miene zuckt, seine Zunge ist nach der kleinen Operation so schön wie vorher. Ich hatte viel davon sprechen hören, aber es so nah in meinem Zimmer vor mir zu sehen, setzte mich in Erstaunen. Das spricht für die Behauptung Deiner Philosophie, daß das Feuer sicherlich nicht heiß ist und nur je nach der Beschaffenheit der Teile das Gefühl der Wärme hervorruftMme. de Sévigné las damals gerade die Entretiens von Malebranche, in denen die Lehre des Descartes besprochen wird, nach der die Materie nur Ausdehnung besitzt, alle andern Eigenschaften, Farbe, Geruch, Geschmack, aber nur in unserer Empfindungsweise liegen. Wir meinen nur, das Ding sei hart oder weich, kalt oder warm, süß oder sauer. Alle diese Empfindungen sind in uns, nicht in den Dingen.. Aber verstehst Du, daß es eine gewisse Flüssigkeit gibt, mit der man sich einreibt und dann vertrauensvoll spanischen Siegellack oder Blei auf seine Zunge tropfen lassen, kochendes Öl schlucken und auf glühenden Eisenstangen gehen kann? Was wird dann aus unsern Wundern und den Beweisen der Unschuld in den vergangenen Jahrhunderten? Wenn Du des Burschen Gesicht siehst, erkennst du ihn wieder, er wird die Provinzen durchziehen.

 

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