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Ausgewählte Briefe

Marie de Sévigné: Ausgewählte Briefe - Kapitel 10
Quellenangabe
typeletter
booktitleAusgewählte Briefe
authorMarquise de Sévigné
translatorFerdinand Lotheißen
year1925
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleAusgewählte Briefe
pages237
created20170608
sendergerd.bouillon@t-online.de
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80

An Mme. de Grignan

Paris, 3. Juli 1676

Der Prozeß der Brinvilliers nimmt seinen Verlauf. Sie vergiftete einige Taubenpasteten, nach deren Genuß 126 mehrere Personen, deren Tod sie nicht beabsichtigt hatte, starben. Der Hauptmann der Scharwache nahm teil an den hübschen Mahlzeiten, und schwebt deshalb seit zwei oder drei Jahren zwischen Tod und Leben. Neulich fragte sie, ob er gestorben sei, und als man ihr mit »nein« antwortete, wandte sie sich um und sagte: »Der hat ein zähes Leben.« La Rochefoucauld schwört, daß es wahr ist.

Penautiers Prozeß wird mit dem der Dame zugleich geführtDie Brinvilliers hatte den Schatzmeister des Languedoc, Penautier, als Teilnehmer ihrer Verbrechen angegeben. Er sollte einen andern Beamten, Matharel, vergiftet haben. Doch wurde er als unschuldig freigesprochen. Und warum sollte er den armen Matharel vergiftet haben? Er hatte ein Dutzend Kinder. Es kommt mir vor, als hätte dessen heftige, aber nicht plötzliche Krankheit durchaus nicht nach Gift ausgesehn. Man spricht hier von nichts andrem. Man hat ein Faß voll vergifteten Weins gefunden, an dem sechs Personen gestorben sind.

Man hat Penautier und die Brinvilliers konfrontiert; es war ein trauriges Wiedersehen, sie hatten sich früher in angenehmeren Verhältnissen getroffen. Sie hat gesagt, daß, wenn sie sterben müsse, viele andre ihr Schicksal teilen sollten. Darum zweifelt man nicht daran, daß sie ihn durch ihre Aussagen mit sich reißt, oder ihn wenigstens auf die Folter bringt, was fürchterlich ist. Der Mensch hat eine Unzahl einflußreicher Freunde, die ihm von der Zeit her verpflichtet sind, da er die zwei Ämter hatte. Sie unterlassen nichts, was ihm dienen könnte; man zweifelt nicht, daß überall Geld ausgestreut wird, aber wenn er überwiesen wird, kann ihn nichts retten.

 

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An Mme. de Grignan

Paris, 17. Juli 1676

Endlich ist es vorüber, die Brinvilliers ist in der Luft, ihr armer kleiner Körper ist nach der Hinrichtung in ein großes Feuer geworfen, und die Asche dann in den Wind gestreut worden. Wir atmen sie also ein und werden in 127 eine Vergifterlaune geraten, die uns in Verwunderung setzt. Gestern wurde sie verurteilt, heute früh hat man ihr den Richterspruch vorgelesen, der lautet, daß sie vor Notre-Dame Abbitte tun soll, daß sie dann geköpft, der Körper verbrannt und ihre Asche in den Wind gestreut werde. Man hat sie gefoltert; sie sagte, es sei nicht nötig, sie werde alles sagen. Und in der Tat erzählte sie bis fünf Uhr abends ihre Lebensgeschichte, die noch viel entsetzlicher ist, als man dachte. Sie hat ihrem Vater zehnmal hintereinander Gift gegeben, weil er nicht gleich erlag, ebenso hat sie ihre Brüder und mehrere andre vergiftet. Dazwischen kamen immer wieder Liebesgeschichten und Herzensergießungen. Sie hat nichts gegen Penautier ausgesagt. Nach dem Geständnis hat man die Tortur doch angewendet, und zwar den ersten und zweiten Grad, sie hat aber nichts weiter ausgesagt. Sie verlangte mit dem Generalprokurator zu sprechen, und war eine Stunde lang mit ihm zusammen, aber man kennt den Gegenstand der Unterhaltung noch nicht. Um sechs Uhr brachte man sie im Hemd und mit dem Strick um den Hals, auf Stroh liegend, nach Notre-Dame, um Abbitte zu leisten. Dann fuhr man sie auf demselben Karren weiter. Ich sah sie, rückwärts darin liegend auf dem Stroh, nur mit einem Hemd und einer niedrigen Haube bekleidet; ein Geistlicher neben ihr und der Henker auf der andern Seite; wahrhaftig, mich schauderte. Die, welche der Hinrichtung beigewohnt haben, sagen, daß sie mutig das Schafott bestiegen hat. Ich war auf der Notre-Dame-BrückeWohl in einem der sechzig Häuser, die damals auf der Brücke standen. mit der guten Escars. Noch nie sah ich eine solche Volksmenge, und nie war Paris so bewegt und gespannt. Wenn man aber jemand fragt, was er gesehen hat, so hat er ebenso wie ich nur die Haube erblickt. Der Tag war aber immerhin einer Tragödie gewidmet. Morgen werde ich noch mehr erfahren und Dir es dann mitteilen. 128

 

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An Mme. de Grignan

Paris, 22. Juli 1676

Noch ein Wörtchen über die Brinvilliers; sie ist gestorben, wie sie gelebt hat, voll Entschlossenheit. Als sie in das Gelaß trat, in dem sie gefoltert werden sollte, sah sie drei Eimer bereitstehen. »Darin soll ich gewiß ertränkt werden,« sagte sie, »denn bei meiner Größe wird man doch nicht verlangen, daß ich das alles trinken soll.« Sie hörte am Morgen ihr Urteil ohne Schwäche, gegen das Ende ließ sie es sich noch einmal lesen, denn der Karren habe sie beim Beginne so betreten gemacht, daß sie die Aufmerksamkeit für alles übrige verloren habe. Auf dem Weg sagte sie zu ihrem Beichtvater, er möge doch den Henker vor sie setzen, »daß ich den Schuft, den Degrais, der mich gefangen hat, nicht sehen muß.« Der ritt nämlich vor dem Karren her. Ihr Beichtvater verwies ihr diese Gesinnung, worauf sie sagte: »Mein Gott! ich bitte um Verzeihung, lassen Sie mir also den schrecklichen Anblick.« Sie stieg allein und barfuß auf die Leiter und aufs Schafott, und wurde eine Viertelstunde lang von dem Henker hergerichtet und geschoren. Diese Grausamkeit erregte großes Murren. Am andern Tag suchte man ihre Knochen, weil das Volk sagte, sie wäre eine Heilige. Sie hatte, wie sie sagte, zwei Beichtväter; der eine sagte, sie solle alles bekennen, der andre riet das Gegenteil. Sie lachte über diesen Widerspruch und meinte: »Ich kann mit gutem Gewissen tun, was mir gefällt.« Und es hat ihr gefallen, gar nichts zu sagen. Penautier wird noch weißer als der Schnee aus dem Prozeß hervorgehn; das Publikum ist nicht zufrieden, man findet, daß alles dunkel ist. Man sagt noch vielerlei, aber für heute sei es genug.

Man glaubt, daß M. de Luxembourg die Absicht hat, eine große Schlacht zu wagen, um Philippsburg zu entsetzen, eine gefährliche Geschichte! Die Belagerung von Mastricht dauert fortWilhelm von Oranien belagerte damals Mastricht. Marschall Schomberg rückte zum Entsatz der Festung heran und nötigte den Prinzen zur Aufhebung der Belagerung., aber der Marschall d'Humières ist 129 nahe daran, Aire zu erobern. Unsre Söhne sind bei M. de Schomberg geblieben; es ist mir lieber so, als wenn sie bei dem Marschall d'Humières wären. Überall geht es heiß zu, indessen unterhält man sich in Versailles. Täglich Vergnügungen, Komödien, Musik, Abendessen auf dem Wasser. Man spielt täglich Reversino bei dem König; die Königin und alle Damen und Herren vom Hof nehmen teil, der König und Mme. de Montespan spielen zusammen, ebenso die Königin und Mme. de Soubise. Die letztere spielt, wenn Seine Majestät zum Gebet geht. Dabei werden täglich zwei- oder dreitausend Louisdor gewonnen oder verlorenWie hoch man in Versailles spielte, beweist u. a. die Erzählung, daß der Herzog von Orléans an einem Abend 100 000 Taler = 300 000 Franken an einige Edelleute verlor. Um zu bezahlen, ließ er sein goldenes Tafelgeschirr, ein silbernes Geländer und einen Teil seiner Edelsteine verkaufen. Sein Kammerdiener lieh aber 50 000 Taler bei seinen Freunden und rettete seinem Herrn die Wertgegenstände..

 

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An Mme. de Grignan

Paris, 29. Juli 1676

Heute findet ein Szenenwechsel statt, der Dir so angenehm sein wird, wie jedermann. Ich war Samstag mit den Villars in Versailles; höre, wie es dort zugeht. Du kennst die Toilette der Königin, die Messe, das Diner, aber man erstickt nicht mehr, während Ihre Majestäten bei Tisch sind. Denn um drei Uhr begeben sich der König, die Königin, Monsieur, Madame, Mademoiselle, alles, was von Prinzen und Prinzessinnen da ist, Mme. de Montespan, ihr ganzes Gefolge, alle Höflinge und Damen, kurz, was man den französischen Hof nennt, in die schönen Säle des Königs, die Du kennst. Alles ist göttlich möbliert, alles ist prächtig. Von Hitze ist keine Rede, man geht von einem Ort zum andern, ohne irgendwo drängen zu müssen. Ein Reversinospiel bildet den Mittelpunkt. Der König, Mme. de Montespan, Monsieur, die Königin und Mme. de Soubise, Dangeau und Cie., Langlée und Cie. Tausend Louis liegen auf dem Tisch, es gibt keine andern Spielmarken. 130 Ich sah zu, wie Dangeau spielte, und bewunderte, wie dumm wir neben ihm sind. Er denkt nur an sein Spiel, und gewinnt, wo die andern verlieren; er vernachlässigt nichts, benutzt alles, ist nicht zerstreut, kurz, mit seinem guten Spiel trotzt er dem Glück. In seinem Einnahmebuch sind zweihunderttausend Franken in zehn Tagen oder hunderttausend Taler in einem Monat nichts Ungewöhnliches. Er sah, daß ich Anteil an seinem Spiel nahm, und so saß ich sehr angenehm und bequem. Ich grüßte den König, so wie Du es mich gelehrt hast; er erwiderte meinen Gruß, als wenn ich jung und schön wäre. Die Königin sprach lang mit mir über meine Krankheit, als wenn ich ein Wochenbett gehabt hätte. Sie sprach auch einige Worte von Dir. Der HerzogDer junge Condé. sagte mir tausend jener Artigkeiten, bei denen er gar nichts denkt. Der Marschall de Lorges zog mich ins Gespräch, indem er vom Chevalier de Grignan anfing, kurz, tutti quanti, Du weißt ja, wie jeder, den wir auf dem Weg finden, ein Wort an uns richtet. Mme. de Montespan sprach mit mir über Bourbon, und bat mich, ihr von Vichy zu erzählen, und wie ich mich dort befunden hätte. Sie sagte, daß Bourbon ihr krankes Knie nicht geheilt, sondern ihr nur Schmerzen in den zwei Knien hervorgerufen habe. Ihre Schönheit ist wirklich überraschend, und ihre Taille ist nicht halb so stark wie sie früher war. Ihr Teint, ihre Augen und ihre Lippen sind deshalb nicht minder schön. Sie war ganz in französische Spitzen gekleidet, das Haar in tausend Locken, zwei an den Schläfen fielen ziemlich lang an den beiden Wangen herab. Schwarze Bänder im Haar, riesige Perlen, die noch durch Ohrringe und Gehänge von höchster Schönheit gehoben wurden, drei oder vier Haarnadeln, keine Haube; mit einem Wort, eine triumphierende Schönheit, die alle Gesandten bewundern müssen. Sie hat erfahren, daß man sich über sie beschwerte, weil sie ganz Frankreich verhindere, den König zu sehen. Wie du siehst, hat sie ihn wiedergegeben. Und Du kannst Dir die Freude, die jedermann darüber hat, nicht vorstellen, noch wie das den Hof verschönt. Das angenehme und doch nie wirre Durcheinander der gewähltesten Gesellschaft währt von drei 131 bis sechs Uhr. Wenn Kuriere kommen, zieht sich der König zurück, um seine Briefe zu lesen, und dann kommt er wieder. Es wird immer etwas Musik gemacht, die vortrefflich ist und die einen sehr guten Eindruck hervorruft. Er spricht mit einigen Damen, und gewöhnlich sind es dieselben, die er beehrt. Zur angegebenen Stunde hört man auf zu spielen, und die Abrechnung ist leicht. Man hat weder Rechenpfennige noch Marken. Der Einsatz ist mindestens fünf-, sechs- oder siebenhundert Louis, der große tausend oder zwölfhundert. Man spricht in einem fort, und nichts bleibt geheim: »Wieviel Coeur haben Sie? Ich habe zwei, ich habe drei, ich habe eins, ich habe vier.« Von all dem Geplauder ist Dangeau entzückt, er errät das Spiel und zieht daraus seinen Vorteil; er sieht, was er zu tun hat. Um sechs Uhr stieg man in den Wagen, der König, Mme. de Montespan, Monsieur, Mme. de Thianges; dazu die gute d'Heudicourt auf dem Klappsitz. Du kennst den Bau der Kaleschen; man sieht sich nicht ins Gesicht, alle Sitze sind auf derselben Seite. Die Königin war in einem andern Wagen mit den Prinzessinnen, und dann folgten die andern wie sie wollten. Man fuhr in Gondeln auf dem Kanal herum, hörte Musik und kam um zehn Uhr zurück, um die Komödie zu sehen. Es schlug Mitternacht, man machte media noche. So verbrachte man den Samstag. Wir fuhren weg, als die andern in die Wagen stiegen.

Wenn ich Dir sagen wollte, wievielmal man von Dir sprach, wie oft man sich nach Dir erkundigte, wie oft man mich etwas fragte, ohne die Antwort abzuwarten, wieviel Antworten ich mir ersparte, wie wenig einem daran lag und wie viel weniger mir noch daran lag, so hättest Du die iniqua corte»Den ruchlosen Hof.« in ihrer wahren Gestalt.

 

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An Mme. de Grignan

Paris, 5. August 1676

Wenn Du »Die Geschichte der Wesire« liest, höre nicht bei den abgehauenen Köpfen, die auf dem Tisch liegen, auf, 132 ich bitte Dich darum; lege das Buch nicht bei der Stelle weg, sondern lies bis zum Sohn, und wenn Du unter den Getauften einen achtbareren Mann findest, halte Dich an michDas erwähnte Buch ist von Chassepol, und war 1676 in erster und 1679 in zweiter Auflage erschienen. (Histoire des grands vizirs Mahomet Coprogli pacha et Achmet Coprogli pacha. 3 Bände.) Beide Männer, Vater und Sohn, waren Wesire des Sultans Mahomet IV. Die Schreckensszene, von der Mme. de Sévigné spricht, findet sich gleich im ersten Buch. Mahomet Coprogli (Köprili) ließ eine Anzahl Paschas, die sich besondere Erpressungen hatten zuschulden kommen lassen, ergreifen, köpfen und ihr Vermögen einziehen. In einem Saal des Sultanspalastes ließ er zwei Tafeln aufstellen, auf deren einer die Köpfe unter einer Trauerdecke lagen, während er die andre mit goldgefüllten Börsen und kostbarem Schmuck bedeckte. Als der Sultan mit der Sultanin und dem Prinzen kam, erklärte Coprogli, die Köpfe gäben das Blut zurück, das sie den Untertanen ausgesaugt hätten, und dieses Blut finde sich nun in den Beuteln auf der andern Tafel..

Nun höre ein Geschichtchen, das Du glauben darfst, als hättest Du es selbst mit angehört. Der König sagte einen dieser Vormittage: »Ich glaube wirklich, wir können Philippsburg nicht helfen, aber darum bleibe ich doch nicht weniger König von Frankreich.« M. de Montausier,

Der selbst dem Papst zulieb
Nicht eine Lüge spricht,

sagte ihm: »Es ist wahr, Sire, Sie wären auch König von Frankreich, wenn man Ihnen Metz, Toul und Verdun, die Franche Comté und mehrere andre Provinzen wieder genommen hätte, die Ihre Vorgänger recht gut entbehren konnten.« Jedermann machte eine verlegene Miene, aber der König sagte sehr liebenswürdig: »Ich verstehe Sie wohl, M. de Montausier, Sie wollen sagen, daß meine Sachen schlecht stehen, aber Ihre Bemerkung gefällt mir, da ich weiß, wie Sie für mich fühlen.« Das ist wahr, und meines Erachtens hat jeder seine Rolle vortrefflich gespielt. Der gute Abbé hat Dich sehr lieb, er trinkt oft auf Deine Gesundheit, und wenn der Wein gut ist, lobt er Dich bis in den Himmel und findet, daß ich Dich nicht genug liebe. Lebe wohl, meine Liebste, diesen Vorwurf erwarte ich einst nicht vor Gott. 133

Meine Philosophielehrer haben mich im Stich gelassen. La Mousse ist mit Mme. de Sanzei nach Poitou gereist. Der Pater Prior möchte sich auch gern unterrichten, es ist schade, wenn man seinen Eifer nicht unterstützt. Wir lesen ganz schwermütig das kleine Büchlein »Von den Leidenschaften«, und wir sehen, wie die Rückennerven M. de Luxembourgs für den Rückzug wohl vorbereitet warenIn einer Abhandlung von Descartes über die Leidenschaften, heißt es, die Furcht wirke auf das Gehirn und dieses wieder auf die Nerven des Rückens und der Beine, so daß der Mensch umkehren und fliehen müsse.. Weißt Du auch, daß man in Versailles plötzlich aufgehört hat, von Deutschland zu sprechen? und daß man den Leuten, die ganz einfach Nachricht verlangten, um ihre Unruhe los zu werden, eines schönen Morgens antwortete: »Ja, warum denn Nachrichten aus Deutschland? Es ist kein Kurier gekommen, es wird auch keiner kommen; wir erwarten keinen; aus welchem Grund verlangt man Nachrichten aus Deutschland?« Und damit war's gut.

 

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An Mme. de Grignan

Livry, 28. August 1676

Ich lese »Die Gestalten der heiligen Schrift«, die mit Adam beginnenRoyaumont, »L'histoire du Vieux et du Nouveau Testament, représentée avec des figures etc.« 1670.. Ich habe bei der Schöpfung der Welt begonnen, die Dir so gefällt; das Buch führt bis zum Tod unsres Heilands. Es ist eine schöne Folge, man hat alles im Auszug. Der Stil ist schön, und kommt aus guter Feder. Betrachtungen aus den Kirchenvätern sind in guter Weise eingestreut. Die Lektüre ist sehr fesselnd. Ich gehe noch viel weiter als die Jesuiten. Wenn ich die Vorwürfe der Undankbarkeit sehe und die gräßlichen Strafen, mit denen Gott sein Volk heimsucht, so bin ich überzeugt, daß wir unsre volle Willensfreiheit haben; folglich sind wir sehr schuldig und verdienen ganz wohl das Feuer und das Wasser, deren sich Gott bedient, wenn es ihm gefällt. Die Jesuiten sagen noch nicht genug, und die andern geben 134 Grund, gegen die Gerechtigkeit Gottes zu murren, wenn sie uns unsre Willensfreiheit rauben oder so schwächen, daß es gar keine mehr ist. Das, meine Teure, ist der Gewinn, den ich aus meiner Lektüre ziehe. Ich glaube, mein Beichtvater wird mir die Philosophie von Descartes vorschreibenMme. de Sévigné scherzt, der Beichtvater werde über diese Ansichten so entsetzt sein, daß er ihr lieber noch die Philosophie des Descartes lasse, obwohl diese von Rom verurteilt war..

Ist es wahr, daß man Pauline Mme. de MazarguesPauline war drei Jahre alt. Mazargues, ein Gut des Hauses Grignan bei Marseille. nennt? Es wäre mir leid, wenn ich gegen den Respekt, den ich ihr schulde, verstoßen sollte.

 

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An Mme. de Grignan

Livry, 2. September 1676

Ich habe die Pulver genommen; das große Heilmittel, vor dem sich jedermann fürchtet, ist für mich eine Bagatelle, es tut Wunder bei mir. Ich hatte meinen hübschen Arzt bei mir, der mich sehr beruhigte. Er sprach nur italienisch mit mir, und erzählte mir während der ganzen Prozedur tausend unterhaltende Geschichten. Er rät mir, meine Hände in jungem Most zu baden, dann sie in ein Ochsenmaul zu stecken, dann, wenn es noch nötig ist, sie mit Hirschmark und ungarischem Königswasser zu bestreichen. Kurz, ich bin entschlossen, den Winter nicht abzuwarten, und mich während der guten Jahreszeit zu kurieren. Du siehst, ich betrachte meine Gesundheit als etwas Dir Gehöriges, da ich so viel Sorgfalt auf sie verwende.

 

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An Mme. de Grignan

Livry, 11. September 1676

Neulich drängte sich eine alte Frau zu der königlichen Tafel; man entsetzte sich über sie, Monsieur schob sie auf die Seite und fragte, was sie wolle. »Ach, Monsieur!« sagte sie ihm, »ich möchte den König bitten, mir zu einer 135 Unterredung mit M. de Louvois zu verhelfen.« Der König sagte ihr: »Da sitzt der Erzbischof von Reims, der hat mehr Einfluß als ichErzbischof Le Tellier von Reims war der jüngere Bruder von Louvois.

Jedermann glaubt, daß der Stern der Mme. de Montespan im Erbleichen ist. Es gibt Tränen, natürlichen Verdruß, erkünstelte Heiterkeit, Schmollszenen, kurz, meine Gute, alles nimmt ein Ende. Man sieht, man beobachtet, man bildet sich ein, man entdeckt Lichtstrahlen auf Gesichtern, die man noch vor einem Monat unwürdig gehalten hätte, mit andern zu vergleichen. Man spielt sehr heiter, obgleich man das Zimmer hütetMme. de Sévigné schreibt absichtlich dunkel. Sie will wohl sagen: »Der König spielt heiter, obgleich Mme. de Montespan das Zimmer hütet.«. Die einen zittern, die andern freuen sich, die einen wünschen die Unveränderlichkeit, die Mehrzahl einen Szenenwechsel. Man ist in einer interessanten Krise, wie die Scharfsichtigen sagen.

Die kleine Rochefort wird morgen mit ihrem Vetter de Nangis getraut. Sie ist zwölf Jahre alt. Wenn sie bald ein Kind bekommt, kann die Kanzlerin sagen: »Meine Tochter, sag doch deiner Tochter, daß die Tochter ihrer Tochter schreit.«

 

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An Mme. de Grignan

Livry, 16. September 1676

Wie zürne ich den Ärzten! Welcher Schwindel ist ihre Kunst! Man erzählte gestern die Komödie vom eingebildeten KrankenLe malade imaginaire von Molière., die ich nicht gesehen habe. Er gehorchte den Herrn aufs genaueste, er zählte alles, sechzehn Tropfen Wein in dreizehn Löffel Wasser; wären es vierzehn gewesen, war alles verloren. Er nimmt eine Pille, man hat ihn geheißen, in seinem Zimmer spazieren gehn; aber er ist voll Schrecken und weiß nicht, was tun, weil er vergessen hat, ob er der Länge oder der Breite nach auf und ab gehn soll. Ich lachte herzlich, und man wendet den Spaß jeden Augenblick an. 136

 

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An Mme. de Grignan

Paris, 25. September 1676, bei Mme. de Coulanges

Ich bin bei einem armen, sehr kranken Frauchen; es ist heute der elfte Tag ihrer Krankheit, die sie in Chaville befiel, als sie von Versailles zurückkamChaville, ein Dorf bei Paris.. Mme. Le Tellier erkrankte an demselben Tag wie sie, und fuhr schnell nach Paris, wo sie gestern die hl. Wegzehrung bekam. Beaujeu, Mme. de Coulanges' Jungfer, wurde von derselben Krankheit ergriffen und folgt immer getreulich ihrer Herrin. Nicht ein Mittel wurde im Zimmer verordnet, das nicht auch in der Garderobe angewendet worden wäre. Ein Klistier – ein Klistier; ein Aderlaß – ein Aderlaß; das Abendmahl – das Abendmahl; jede Verschlimmerung, jedes Delirium, alles war gleich. Aber Gott gebe, daß die Gleichheit aufhört, denn man hat der Beaujeu soeben die letzte Ölung gegeben, und sie wird die Nacht nicht überleben. Wir fürchten für morgen eine Verschlimmerung für Mme. de Coulanges. Es ist eine fürchterliche Krankheit. Aber da ich gesehen habe, auf welche Weise die Ärzte einer armen Person zur Ader lassen, und da ich weiß, daß ich kein Blut habe, bat ich gestern den Präsidenten der Rechnungskammer, der mich besuchte, mir sogleich M. SanguinEin Arzt, der den Aderlaß verurteilte. zu schicken, wenn ich jemals in Lebensgefahr wäre. Man braucht nur die Herren zu sehen, um zu wünschen, daß man nie in ihre Hände falle. Ich habe zwanzigmal an Molière gedacht, seit ich all das gesehn habe. Ich hoffe indessen, daß die arme Frau trotz der schlechten Behandlung durchkommt. Sie ist ziemlich still und ruht, das gibt ihr vielleicht die Kraft, den Anfall heute nacht zu überstehen.

 

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